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Peter Doherty singt Medien in Nazirausch

— Ein Gastbeitrag von Daniel Erk

Seit der britische Sänger und Gitarrist Peter Doherty mit Modell Kate Moss liiert war, ist er für die Boulevardpresse faktisch Freiwild. Wo immer der durchaus von Drogen- und Alkoholsucht geplagte Sänger der Babyshambles auftritt (oder eben nicht auftritt), reibt sich eine Boulevardjournalistin die Hände — denn so einfach kommt man selten an eine Geschichte, in deren Überschrift man ungestraft und ungeprüft von einem „Skandalrocker“ wechselweise auch „Rüpelrocker“ schwadronieren darf. Und wenn auf diesen ohnehin schon absurden Nährboden der Erregung noch ein wenig Nazismus fällt, dann macht die deutschsprachige Boulevardpresse offenbar gleich den Schampus auf und die Lexika zu. Anders lässt sich kaum erklären, welch einem skandalgetünchten Taumel der hiesige Gossenjournalismus in den letzten Tagen versank.

„Nazi-Hymne im BR-Funkhaus“ fantasierte die Münchner Boulevardzeitung „tz“, um sich in ihrem Bericht in einen wahren Skandalrausch zu schreiben:

Noch mal grölt [Peter Doherty] „Deutschland, Deutschland über alles“. Diese erste Strophe des Deutschlandliedes war unter Hitler zur Nationalhymne gemacht worden. Diese Nazi-Hymne erklingt im Bayerischen Rundfunk!

Der schweizerische „Blick“ will gar eine „Hymne an Hitler“ vernommen haben.

Überall sonst tut man sich Doherty und Nationalsozialismusverdacht zum Trotz deutlich schwerer, das Wesen dieses Skandals zu erläutern: Die „Bild“-Zeitung konnte gerade noch einen „Eklat“ ausmachen, ohne allerdings erklären zu können, worin dieser denn nun bestanden haben soll. Die Nachrichtenagentur dpa konnte sich gerade noch zur wenig skandalträchtig klingenden Schlagzeile „Doherty singt live im Radio Deutschlandlied“ durchringen. Ähnlich vage vermeldete die Nachrichtenagentur AFP am Montag „Rocker Doherty stimmt bei Konzert erste Deutschlandlied-Strophe an“, liefert aber freundlicherweise in der Dachzeile einen Baukasten mit den Stichworten „D/Musik/Leute/Nationalsozialismus“ — auf dass ich jede Redaktion ihren Skandal selber bastle.

Noch ahnungsloser als die deutschen Boulevardmedien erwiesen sich nur die Schreiber des britischen Popmagazins „NME“, die fantasierten:

Doherty’s performance at they [sic!] city’s On3 Festival was reportedly cut short when he began singing a right-wing version of the German national anthem „Das Deutschlandlied“ that has been prohibited since the end of the Second World War.

(Dohertys Auftritt beim Münchner On3-Festival wurde laut Berichten verkürzt, als er anfing, eine rechte Version der deutschen Nationalhymne ‚Das Deutschlandlied‘ zu singen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verboten ist.)

Was war passiert? Peter Doherty, der derzeit als Solokünstler durch Deutschland tourt, war als Überraschungsgast beim Münchener „On3“-Festival des gleichnamigen Jugendsenders des Bayerischen Rundfunks eingeladen worden. Wie nüchtern Doherty zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mag, darüber kann nur spekuliert werden. Allerdings war er offenbar klar genug, um zu verstehen, dass ein Teil des Publikums — vor allem wohl die Fans der Deutschrockband Kettcar — seinen Auftritt nicht sonderlich goutierte, worauf sich eine Art Dialog entwickelte zwischen dem zeitweilig in Krefeld aufgewachsenen und also des Deutschen mächtigen Sänger („Ich spreche Deutsch. Ich verstehe — ich bin kein Dummkopf“) und dem desinteressierten bis krakeelenden Publikum. In diese schon recht aufgebrachte Atmosphäre hinein, schrammelte Doherty die Akkorde der österreichischen Kaiserhymne und sang „Deutschland, Deutschland über alles. Das Publikum, zurecht empört und entnervt, begann zu buhen, so dass der Bayerische Rundfunk Dohertys Auftritt bald beendete.

Soweit, so banal. Ob der Fauxpas nun dem möglichen Delirium Dohertys, fehlender Sensibilität oder mangelndem Wissen zuzuordnen ist, darüber mag ja diskutiert werden. Dass es aber recht unwahrscheinlich ist, dass jemand wie Doherty, der die britische Anti-Rassismus-Initiative „Love Music, Hate Racism“ unterstützt, mit nationalsozialistischem Gedanken- oder Kulturgut sympathisiert, das hätte man recherchieren können. Wenn man gewollt hätte.

Denn der Skandal liegt im Falle der ersten Strophe des Deutschlandliedes nicht im Gegenstand, sondern weitgehend im Auge der Betrachter. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland den Text des „Liedes der Deutschen“ auf die Melodie der österreichischen Kaiserhymne schrieb, zu unterstellen, sein Lied sei „eine Hymne an Hitler“ oder eine „Nazi-Hymne“, das trifft den Kern nicht. Mit gleichem Recht könnte man auch die Autobahnen als „Nazi-Straßen“ oder „Wege für Hitler“ bezeichnen. Zudem Hoffmanns „Lied der Deutschen“ nicht von Hitler, sondern vom ersten demokratisch gewählten deutschen Kanzler Reichspräsidenten — dem SPD-Politiker Friedrich Ebert — zur Hymne gemacht worden war. Hätte Pete Doherty das Horst-Wessel-Lied angestimmt, ja, dann wären die Nazi-Hitler-Überschriften vielleicht gerechtfertigt gewesen. Hat er aber nicht.

So aber funktioniert die Dialektik der Aufregung: Weil sich das Große im Kleinen spiegelt und Mahner ein ständiges „Wehret den Anfängen“ raunen, wird aus einer Mücke ein Tyrannosaurus Rex gemacht. Unter dem Banner von Wehrhaftigkeit und Aufklärung geistert dann der so schön gruselige Geist des Dritten Reiches durch die billigen Gazetten, selbst wenn er da so gar nichts zu suchen hat. Und ganz im Sinne der Aufmerksamkeit darf sich die Boulevardjournalistin zweimal freuen — einmal, wenn sie sich den Skandal herbeischwadroniert. Und einmal, wenn sich der Protagonist dann für den vermeintlichen Skandal entschuldigt. Und so geschah es, und sueddeutsche.de, „Focus Online“, „RP Online“, die „Welt“, die „tz“ und all die anderen, sie hatten wieder eine Seite mit irgendeinem Unsinn gefüllt und zugleich das gute, aber unberechtigte Gefühl, etwas im Kampf gegen den Faschismus getan zu haben.