„Springer enteignet“

Der „Kai Diekmann“, der unter kai-diekmann.de bloggt, scheint eine coole, entspannte Sau zu sein. Der echte Kai Diekmann, der als Chefredakteur der „Bild“-Zeitung amtiert, hat offenbar gerade das Angebot einer gütlichen Einigung mit der Zeitschrift „Lettre International“ zurückziehen lassen.

Es geht immer noch um das Interview von „Lettre International“ mit Bundesbankvorstand Thilo Sarazzin, das „Bild“ allem Anschein nach ohne Genehmigung auf Bild.de und in Auszügen in der Zeitung veröffentlicht hatte, sowie um die Behauptungen, die Diekmann dazu in seinem Blog verbreitete (BILDblog berichtete).

Vergangene Woche hatte die „taz“ (und BILDblog unter Bezug darauf) noch berichtet, dass die Axel Springer AG einen Vergleich über 30.000 Euro angeboten habe. Heute meldet das Blogwart-Tagebuch auf taz.de, dass Springer das Angebot zurückgezogen habe — anscheinend weil die „taz“ darüber berichtet hatte.

„Lettre International“ habe Springer nun aufgefordert, bis zum morgigen Dienstag Schadensersatz und Nutzungsentschädigung zu zahlen — und zwar mehr als 30.000 Euro. Andernfalls will „Lettre International“ klagen.

„Lettre International“-Chefredakteur Frank Berberich wollte sich uns gegenüber zu den neuesten juristischen Entwicklungen nicht äußern, sprach aber von einer fälligen Grundsatzentscheidung. Es dürfe nicht angehen, dass ein großes Medium sich einfach an den Inhalten eines kleinen Mediums bediene und diesem so die Existenzgrundlage zu entziehen versuche. „Lettre International“ habe das inzwischen legendäre Interview bewusst nicht auf der eigenen Website veröffentlicht und „Bild“ und anderen Medien, die den Text abdrucken wollten, die Erlaubnis verweigert.

Durch die Veröffentlichung sei „Lettre“ (Preis des betreffenden Heftes: 17 Euro) ein hoher wirtschaftlicher Schaden entstanden. „Heute heißt es nicht mehr ‚Enteignet Springer!‘, sondern ‚Springer enteignet'“, sagte Berberich.