Unglaublich, aber unwahr

Nachdem die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ am Dienstag vergangener Woche vorab hatte verbreiten lassen, was anderntags Titelschlagzeile werden sollte (siehe Ausriss), stand die Sache, wie berichtet, natürlich auch in „Bild“. Unter Verweis auf die „B.Z.“-Meldung hieß es dort am Mittwoch auf der Titelseite:

"Grüner will Nationalhymne auf Türkisch"

„Der Grüne Hans-Christian Ströbele schockte Deutschland gestern mit einem unglaublichen Vorstoß: Er will, daß es von der dritten Strophe unserer Nationalhymne eine türkische Version gibt.“

Und „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb (an Ströbele):

„Sie fordern eine offizielle türkische Version der deutschen Nationalhymne.“

Außerdem hatte „Bild“ bei verschiedenen Politikern nachgefragt, was sie von dem „Vorstoß“ hielten, woraufhin sie ihn als „völlig absurde Idee“ (Frank Henkel) oder „absolut durchgeknallt“ (Markus Söder) bezeichneten. Nur auf die Idee, vielleicht doch noch mal bei Ströbele selbst nachzufragen, ob’s überhaupt stimmt, was die Schwesterzeitung über ihn zu berichten wusste, kam bei „Europas größter Tageszeitung“ offenbar niemand.

Ein Fehler. Denn laut Ströbele stammt die „völlig absurde Idee“ gar nicht von ihm. Vielmehr habe die „B.Z.“ bei ihm nachgefragt, „ob angesichts der vielen Menschen aus der Türkei, die in Deutschland leben, die deutsche Nationalhymne ins Türkische übersetzt und auch in türkischer Sprache gesungen werden könne“: „Meine Antwort war, dagegen hätte ich nichts, auch das sei OK“, so Ströbele in einer Stellungnahme.

Wie wenig Ströbeles lapidares „OK“ mit einem „unglaublichen Vorstoß“ gemein hat (und wenig offenbar „Bild“ — wie vielen anderen Medien — an einer sachdienlichen Berichterstattung gelegen war), zeigt jedoch eine weiterer Absatz in Ströbeles Stellungnahme. Dort heißt es nämlich:

„Nachträglich habe ich erfahren, dass es bereits seit dem Jahr 2000 ein Taschenbuch des Referats Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages mit dem Grundgesetz in deutscher und türkischer Sprache gibt. Und auf der Umschlagseite findet sich die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit Noten in deutscher Sprache — und mit einer Übersetzung in die türkische Sprache.“

Eigentlich lustig. Lustiger jedenfalls als die „590 Hassbriefe von beleidigten Deutschen“, die Ströbele seither offenbar zugeschickt bekam.