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„Bild“ von Außerirdischen entführt

Am 25. Mai wird ein Komet große Teile der Erde zerstören.

„Schon?“, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Oder auch: „Schon wieder?“ Aber diese Weltuntergangsgeschichte von „Bild“ ist noch besser als die bisherigen.

Fakt ist: Der in mehrere Stücke zerbrochene Komet „73 P Schwassmann-Wachmann“ zieht im Mai relativ nah an der Erde vorbei. „Relativ nah“ bedeutet konkret: in rund zehn Millionen Kilometern Entfernung, das ist nur 25 mal so weit wie bis zum Mond.

Und „Bild“ titelt:

Komet rast auf Erde zu - Forscher in großer Sorge: 200 Meter hohe Flutwelle im Atlantik?

Der „Forscher“, der eine „gewaltige Flutwelle“, das Ausbrechen von Unterwasser-Vulkanen und eine „Katastrophe“ apokalyptischen Ausmaßes vorhersagt, heißt Eric Julien, und „Bild“ gibt sich einige Mühe, ihn als ernstzunehmenden Wissenschaftler zu präsentieren. Die Zeitung nennt ihn „französischen Kometenforscher und Autor“ und schreibt, er sei „früher für das französische Militär tätig und danach Manager des Flughafens Paris-Orly“ gewesen.

Klingt respektabel.

Was „Bild“ nicht schreibt: Julien ist Ufo-Forscher und Verfasser des Buches „Die Wissenschaft der Außerirdischen“. Er nennt sich auch Jean Edermann, erhielt von Außerirdischen eine Botschaft „über die dreidimensionale Natur der Zeit“, während ein lärmendes Ufo über seinem Haus schwebte, traf ätherische Geschöpfe in seinem Haus, lernte, sich „mental an einen Ort in der Gegenwart wohlwollender Außerirdischer“ zu projizieren und vermutet, dass die Sichtungen von Ufos damit zusammenhängen könnten, dass Atomwaffentests auf der Erde die Sicherheit von Außerirdischen gefährden, die kreuz und quer durch Raum und Zeit reisen.

Klingt — anders.

„Bild“ verrät auch mit keinem Wort, wie der Kometen-Ufo-Forscher zu seiner Prognose gekommen ist — dabei ist das bekannt und durchaus bemerkenswert: Julien sagt, er habe vor drei Jahren eine Vision von einer großen Katastrophe gehabt und vor drei Wochen von Außerirdischen das dazugehörige Datum genannt bekommen: eben der 25. Mai. Gestützt werde seine These unter anderem durch einen Kornkreis, der am 25. Juni 1995 in England auftauchte. Die Katastrophe sei eine Art „öffentliche Warnung“ der Weltreisenden vor einem Atomschlag der USA gegen den Iran.

Und lustig ist nicht nur, dass „Bild“ all diese interessanten Details weglässt, obwohl die doch helfen würden bei der wichtigen Entscheidung, ob man vor der Apokalypse schnell noch seinen Jahresurlaub nehmen soll. Lustig ist auch, dass Julien wenigstens weiß, wovon er spricht: mit ungefähr 40 Kilometer pro Sekunde werde der Kometentrümmer auf die Erde zurasen, warnt er. Bei „Bild“ werden daraus 40 Meter pro Sekunde — mit der Geschwindigkeit könnte sich der Komet bequem in den fließenden Verkehr auf deutschen Autobahnen einreihen.

Danke auch an Benjamin W.!