„Bild“ verzählt sich bei Rechtsextremen

Die „Bild“-Zeitung ist stolz darauf, die meistzitierte deutsche Tageszeitung zu sein. Am vergangenen Wochenende konnte sie die entsprechende Statistik wieder in die Höhe treiben.

Unter Berufung auf die „Bild“-Zeitung meldeten die Nachrichtenagentur dpa, AP, AFP und Reuters, die Zahl der Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund sei 2005 zurückgegangen, die Zahl der Gewaltverbrechen sogar deutlich. Beides hatte der „Bild“-Chefkorrespondent Einar Koch am Samstag in einem großen Artikel unter der Überschrift „Wie gefährlich sind die Rechten in Deutschland?“ behauptet.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschuss, Sebastian Edathy (SPD), widersprach der „Bild“-Zeitung: Die Zahl rechter Delikte habe im vergangenen Jahr „nach vorliegenden, zuverlässigen Informationen“ nicht abgenommen, sondern sogar deutlich zugenommen: um 27,5 Prozent die Straftaten insgesamt, um 23,6 Prozent die darin enthaltenen Gewalttaten.

Und wer hat Recht? Die offiziellen Zahlen will das Innenministerium erst mit dem Verfassungsschutzbericht Ende Mai bekanntgeben. Und doch ist schon heute klar, dass „Bild“ eine Falschmeldung verbreitet hat. Es ist nämlich offenkundig, woher „Bild“-Redakteur Koch seine Zahlen von 10.271 rechten Straftaten insgesamt und 588 Gewaltverbrechen hat: Aus den Anfragen, die Petra Pau, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, monatlich an die Bundesregierung stellt. Die „Bild“-Zahlen entsprechen exakt Paus Übersicht „Rechtsextreme Straftaten 2005“ [pdf].

Nur steht in dieser Übersicht auch folgender Satz: „Die Zahlen (…) gelten als vorläufig und liegen unter den endgültigen.“ In ihren eigenen monatlichen Erklärungen schreibt Pau zum Beispiel, die „realen Zahlen sind — erfahrungsgemäß — doppelt so hoch“. Und auch in den Antworten der Bundesregierung [pdf] stehen Warnungen wie: „Die im Folgenden aufgeführten Zahlen stellen keine abschließende Statistik dar, sondern können sich aufgrund von Nachmeldungen noch (teilweise erheblich) verändern.“

Wir wissen nicht, ob der Chefkorrespondent von „Bild“ das nicht verstanden oder in der Eile überlesen hat, ob er selbst schlecht recherchierte oder schlecht informiert wurde. Die „Bild“-Zeitung hat am heutigen Montag ihren Fehler weder korrigiert, noch über das Dementi ihrer Zahlen durch den Chef des Innenausschusses berichtet.

(Fortsetzung hier.)