Castingshowskandale: Sex, Drugs & Interviews

Der Titel ist vielversprechend: „Sex, Drugs und Castingshows“ haben Martin Kesici und Markus Grimm ihr Enthüllungsbuch genannt, in dem sie erzählen, was es bedeute, vom Fernsehen zum „Star“ gemacht zu werden, und den Verantwortlichen Manipulationen und Verantwortungslosigkeit vorwerfen. Kesici hatte 2003 die Sat.1-Sendung „Star Search“ gewonnen, Grimm wurde ein Jahr später bei „Popstars“ auf Pro Sieben zum Mitglied der Gruppe Nu Pagadi gemacht.

Das Online-Jugendmagazin der „Süddeutschen Zeitung“, jetzt.de, hat ein Interview mit den beiden geführt, das aufgrund einer Kooperation auch auf „Spiegel Online“ zu lesen ist. Die „Spiegel Online“-Version ist allerdings, wie es unter dem Text heißt, „(leicht gekürzt)“. Das stimmt tatsächlich: Es fehlen nur ein paar Sätze, und ein paar Wörter sind anders. Zum Vergleich:

jetzt.de „Spiegel Online“
Markus: Ich glaube nicht, dass den Zuschauern klar ist, wie sie manipuliert werden. Wie bei einem Kartenspielertrick lassen sie sich da hinlenken, wo die Produktionsfirma es will. Die Leute, die dem Sender gefallen, werden in’s rechte Licht gerückt, bekommen Homestorys. Statt die Musik sprechen zu lassen, zählt vor allem das Private. Bei uns hieß es eines Tages, wir dürften alle mit einem Psychologen sprechen. Als wir dann gegangen sind, hab’ ich das Türschild gesehen. Da stand „Heilpraktiker“. Markus: Ich glaube nicht, dass den Zuschauern klar ist, wie sie manipuliert werden. Wie bei einem Kartenspielertrick lassen sie sich da hinlenken, wo die Produktionsfirma es will. Die Leute, die dem Sender gefallen, werden ins rechte Licht gerückt, bekommen Homestorys. Statt die Musik sprechen zu lassen, zählt vor allem das Private.
jetzt.de: Glaubst du, er hat das, was ihr ihm im Vertrauen erzählt habt, weitergegeben?
Markus: Ich hab‘ natürlich keine Beweise, aber wir sind danach auf Dinge angesprochen worden, die wir niemand anderem erzählt hatten.
Martin: Bei mir hat die Produktionsfirma offenbar gezielt Informationen an die BILD weitergegeben. Es war mir eh schon unangenehm genug, denen gegenüber zuzugeben, dass ich vorbestraft war. Kurz darauf hat mich dann ein Reporter angerufen und gesagt, wenn ich das Viertelfinale gewinne, würden sie alles bringen. Ich solle mich besser dazu äußern. Martin: Bei mir wurden offenbar gezielt Informationen an Medien weitergegeben. Es war mir eh schon unangenehm genug, denen gegenüber zuzugeben, dass ich vorbestraft war. Kurz darauf hat mich dann ein Reporter angerufen und gesagt, wenn ich das Viertelfinale gewinne, würden sie alles bringen. Ich solle mich besser dazu äußern.

„Spiegel Online“ hat das Interview entschärft und die konkreten Vorwürfe gegen die Produktionsfirma (Grundy Light Entertainment) und die „Bild“-Zeitung entfernt. Grund dafür sind, wie Jochen Leffers, Ressortleiter des „UniSpiegel“ auf Anfrage erklärt, juristische Bedenken der Rechtsabteilung des „Spiegels“. Kesici sagt zwar im Interview, ihm sei es inzwischen egal, wenn die Autoren „eine rechtliche Backpfeife“ für ihre Darstellungen im Buch kriegen. Dem „Spiegel“ war das allerdings nicht ganz so egal.

Und die deutsche Rechtsprechung kennt das Prinzip der Verbreiterhaftung: Das heißt, dass Grundy oder Springer im Zweifel nicht nur gegen Kesici und Grimm vorgehen könnten, sondern gegen jeden, der ihre Vorwürfe publiziert, ohne sich eindeutig davon zu distanzieren. Das gilt auch bei Interviews, wie ausgerechnet Helmut Markwort, der „Erste Journalist“ der Verlagsgruppe Burda und „Focus“-Herausgeber, mit einer erfolgreichen Klage gegen die „Saarbrücker Zeitung“ bewies.

Nach den Worten von Leffers lehrt die Erfahrung, dass das Risiko, dass Kläger gegen „Spiegel Online“ vorgehen, „wegen der großen Reichweite deutlich größer“ sei „als bei den meisten anderen Online-Medien“. Deshalb habe man sich in Absprache mit der eigenen Rechtsabteilung und der jetzt.de-Redaktion für die Änderungen entschieden — das hätte man auch getan, wenn es nicht konkret um die „Bild“-Zeitung gegangen wäre.

Und wir halten pflichtschuldig fest, dass wir nicht wissen, ob die Vorwürfe von Martin Kesici gegenüber der Produktionsfirma und der „Bild“-Zeitung stimmen, fügen aber hinzu, dass sich unsere Überraschung in Grenzen hielte, wenn es so wäre.

Übrigens erschien am 21. Juli 2003 folgender Artikel in der „Bild“-Zeitung:

Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden? Verurteilt wegen Drogen!

Von Dittmar Jurko

Berlin — Muss ein Superstar nicht auch ein Super-Vorbild sein?
Anlagen-Mechaniker Martin Kesici (30) rührte am Samstag alle in der SAT1-Talentshow „Star Search“, voller Hingabe sang er den Schmusesong „She’s like the wind“. Zuschauer und Jury gaben ihm Höchstnoten.

Wie BILD erfuhr, ging auch ein deutscher Richter bei ihm bis an die Obergrenze! 1998 wurde der Nachwuchssänger aus Berlin wegen Drogenbesitzes verurteilt! Ein Jahr Gefängnis, ausgesetzt auf zwei Jahre Haft auf Bewährung!

Martin Kesici zu BILD: „Ja, es stimmt. Ich bestellte damals oft per Telefon Haschisch bei einem Bekannten.“ (…)

Mit Dank an Claus H.!