Sehr geehrter Herr Haf aus Pfronten (Bayern),

Sie haben einen Leserbrief an „Bild“ geschrieben, den die Zeitung heute veröffentlicht:

Zu: Warum ist unser Theater so versaut?

Je mehr Zuschüsse fließen, desto mehr kommen solche Entgleisungen vor. Da hilft nur eines: Sämtliche Mittel streichen! Man wird sich wundern, wie schnell die Theater wieder zu einem normalen Niveau zurückkehren.

Herr Haf, wir können verstehen, wie Sie zu diesem Urteil gekommen sind. Es liegt an der Zeitung, die Sie lesen und der Sie vertrauen. „Bild“ schrieb gestern:

„Pinkelnde“ Schauspielerinnen, abgehackte Kaninchen-Köpfe, rausgerissene Zungen: In Deutschlands Theatern geht es so eklig und brutal wie noch nie zu!

BILD zeigte gestern Fotos einer Berliner Bühnenshow, in der zwei Kaninchen mit einem Fleischerbeil der Kopf abgehackt wurde.

Was „Bild“ Ihnen in diesem Artikel nicht verrät, Herr Haf, ist, dass es sich bei der Kaninchen-„Bühnenshow“ nicht um ein Theaterstück handelt, sondern um eine einmalige Aktion zur Eröffnung einer Ausstellung. Sie fand auch nicht in einem Theater statt, sondern in den Räumen des Hauses Schwarzenberg, das ausdrücklich betont, keine Subventionen oder Förderungen der öffentlichen Hand zu bekommen.

„Bild“ macht die Kunstaktion zum „Theater“, um sie irgendwie mit dem Theaterskandal verquirlen zu können, in den am vergangenen Donnerstag der FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier verwickelt wurde, der „Bild“ nun scheinbar als Kronzeuge dient.

„Bild“ ist der Meinung, dass Bilder von geköpften Kaninchen und scheinbar urinierenden Schauspielerinnen nicht auf die Bühne gehören, sondern in die Zeitung und ins Internet, wo sie alle sehen können. Zur Illustration der angeblichen aktuellen Versautheit „unseres Theaters“ griffen „Bild“ und Bild.de dabei allerdings vor allem auf interessantes Archivmaterial zurück:

  • „Bild“ und Bild.de zeigen ein Foto von einem Gastspiel des brasilianischen „Teatro oficina“ in Berlin — das war im September 2005 und bereits Gegenstand ausführlicher Aufregung.
  • „Bild“ und Bild.de zeigen ein Foto aus der Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ von der Komischen Oper Berlin, dessen Premiere am 20. Juni 2004 war — und über die sich „Bild“ ebenfalls bereits erregt hat („alles von unseren Steuergeldern“). Gespielt wird das Stück laut Spielplan nicht mehr.*
  • „Bild“ und Bild.de zeigen ein Foto von „Die Philosophie des Boudoir“ — im August 2004 als Gastspiel einer katalanischen Gruppe auf „Kampnagel“ in Hamburg aufgeführt.
  • Bild.de zeigt ein Foto vom Gastspiel der slowenischen Gruppe „Via Negativa“ ebenfalls auf Kampnagel — dieses Gastspiel fand im Mai 2004 statt.
  • Und Bild.de zeigt — immer noch unter der Überschrift „So versaut ist unser Theater“ — ein Foto der umstrittenen Kunstaktion vom vergangenen Wochenende, die, wie gesagt, gar kein Theaterstück ist.

Wir fanden, Herr Haf, das sollten Sie wissen.

Mit freundlichen Grüßen
etc.

Danke an Andy W., Thorsten W. und die anderen Hinweisgeber!

*) Nachtrag, 11 Uhr. Das Foto aus Calixto Bieitos Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ stammt nach Angaben der Komischen Oper aus der Orchesterhauptprobe, bei der die Presse fotografieren durfte. Die Szene sei dann aber noch vor der Generalprobe geändert und so nie öffentlich aufgeführt worden.

Anders als wir geschrieben haben, sei die beim Publikum sehr erfolgreiche Inszenierung aber weiter im Spielplan.