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Von Außerirdischen und Unterirdischem

Man kennt das von Kindern, wenn sie sich hinstellen und mit „Komm doch! Komm doch!“-Rufen provozieren — entweder weil sie sich in Sicherheit fühlen oder auch aus reiner Lust, es einmal drauf ankommen zu lassen, was in die Fresse zu bekommen.

Ungefähr in einer solchen Stimmung müssen sie in der vergangenen Woche bei „Bild“ gewesen sein, als sie sich entschieden, als Teil einer rekordverdächtig dummen Serie des „Bild“-Außerirdischen-Beauftragten Attila Albert über Ufos und anderen Mystery-Quatsch den Anwalt Johannes Eisenberg zu zeigen und als „Alien“ zu bezeichnen:

(Genau dieselbe Witz-Idee hatte „Bild“ schon einmal im Frühling 2005; damals präsentierte das Blatt ebenfalls unter der Überschrift „Sind die Aliens schon unter uns?“ Daniel Küblböck, Djamila Rowe, Michael Jackson, Reiner Calmund, Prinz Charles, Tatjana Gsell und Susan Stahnke als Indizien für außerirdisches Leben auf der Erde. Aber das nur am Rande.)

Jedenfalls kann es niemanden bei „Bild“ überrascht haben, dass Eisenberg juristisch gegen die Veröffentlichung seines Fotos und Beschreibung als „Alien“ vorgeht. Den Anwalt und die Zeitung verbindet eine lange Geschichte. Eisenberg hat viele Politiker, Prominente und Nicht-Prominente, die sich gegen falsche oder unzulässige „Bild“-Berichte wehrten, vertreten. Er verteidigte auch die „taz“, als „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann Schmerzensgeld für eine Satire über eine (erfundene) missglückte Penis-Verlängerungs-Operation forderte. Vor allem aber ließ er „Bild“ schon einmal gerichtlich untersagen, sein Foto zu zeigen, und erstritt ein „empfindliches Schmerzensgeld“.

Eisenberg hatte 1998 einen libanesischen Straftäter, dessen Fall in Berlin Aufsehen erregte, presserechtlich vertreten und u.a. mehrere Gegendarstellungen von „Bild“ gefordert. Die Zeitung reagierte darauf demonstrativ mit der Veröffentlichung von Eisenbergs Foto und suggerierte, dass er mit seinem Mandanten sympathisiere. Das Landgericht Berlin sah darin eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung: „Bild“ habe Eisenbergs Recht am eigenen Bild „mit besonderer Hartnäckigkeit verletzt“, und zwar „in der Absicht, den Kläger davon abzuhalten, für seinen Mandanten A. Gegendarstellungs- und Unterlassungsansprüche geltend zu machen, obwohl ihre Angriffe auf Herrn A. äußerst scharf und teilweise unter Behauptung falscher Tatsachen geführt wurden.“ Eisenberg habe nach der Veröffentlichung Morddrohungen erhalten, die „nur mit der Berichterstattung der Beklagten über den Kläger erklärt werden“ könnten, so das Gericht.

Das ist über zehn Jahre her, aber vielleicht nicht ganz unwesentlich, um zu beurteilen, was es bedeutet, wenn „Bild“ ein Foto von Johannes Eisenberg zeigt und behauptet, er sei ein „Alien“, das sich als „Anwalt tarnt“ und „gegen investigative Medien kämpft“.

Die „Welt am Sonntag“ hingegen, die gestern über das Vorgehen Eisenbergs gegen die Schwesterzeitung berichtete, nennt die Alien-Geschichte von „Bild“ eine „Satire“ und schließt daraus, dass Eisenberg Humor fehlt (was natürlich nicht falsch sein muss).

PS: Die Provokation des von ihr verhassten Berliner Anwaltes findet sich exklusiv in der Berlin-Brandenburger Ausgabe von „Bild“. Überregional nimmt Dirk Bach seinen Platz in der, äh, satirischen Aufzählung ein (siehe Ausriss links).