So macht man einen Zeugen zum Komplizen

Das muss ein ziemlicher Schock gewesen sein für den preisgekrönten Regisseur Torsten C. Fischer, als er gestern in die „Welt“ gesehen hat. Denn die Zeitung hat ihn kurzerhand zum Komplizen in einem krimireifen Fall gemacht, der den NDR und die deutsche Fernsehspiel-Branche gerade erschüttert.

Die langjährige NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze hat ihrem Mann offenbar heimlich Drehbuchaufträge verschafft. Er soll in den vergangenen acht Jahren fünf Fernsehfilme unter dem Pseudonym „Niklas Becker“ geschrieben haben und bekam für die Pressehefte sogar eine erfundene Biographie. Die „Süddeutsche Zeitung“, die den Fall aufgedeckt hat, sieht viele weitere Ungereimtheiten und spricht davon, Heinze habe „jahrelang ein System der Vetternwirtschaft betrieben“.

Die „Welt“-Chefreporterin Martina Goy aber schreibt in der Samstagsausgabe des Blattes leichthin:

Dass es (…) Mitwisser gegeben haben muss, zeigt die Co-Autorenschaft beispielsweise des Regisseurs und Drehbuchautors Thorsten [sic] C. Fischer am TV-Film „Katzenzungen“ aus dem Jahr 2003, den er gemeinsam mit „Niklas Becker“ schrieb.

Ja, das könnte man vermuten. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich aber, im Gegensatz zur „Welt“, nicht auf den bloßen Anschein verlassen. Sie schrieb am selben Tag über den Regisseur:

Als er den Film „Katzenzungen“ drehte, fand er das Drehbuch des ihm unbekannten Autoren Niklas Becker miserabel, schrieb es völlig um. Kein Satz blieb. Das sei in Ordnung, versicherte Doris Heinze. Auch Fischer wollte mit dem Autoren reden, doch der war nie zu sprechen oder in Übersee verschollen. Wer sich nach Becker erkundigte, hörte oft, Becker lebe sehr einsam und habe kein Telefon.

Das wäre — insbesondere da andere Regisseure ähnliche Erfahrungen gemacht haben sollen — zumindest eine plausible Erklärung, die die „Welt“ nicht zu kennen scheint. Doch nachdem sie Fischer schon für mitschuldig hält, fügt sie noch hinzu:

Pikant dabei: Fischer war zuvor von Doris J. Heinze in einem Brancheninterview als Talent gelobt worden. „Wir haben insbesondere norddeutsche Talente immer gefördert und sehr früh darauf hingearbeitet, ihre Filme primetimefähig zu machen“, sagte sie dort. „Das ist häufiger als gedacht auch gelungen. Angelina Maccarone, Hans-Erich Vieth und Thorsten [sic] C. Fischer sind nur einige Beispiele.“

Was ist daran „pikant“? Dass der Mann Talent hat, findet nicht nur Heinze. Torsten C. Fischer ist ein angesehener Regisseur, war Assistent bei Dominik Graf, wurde schon in den Jahren 2000 und 2003 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

So leichtfertig macht die „Welt“ offenbar ohne Recherche einen Mann zum Komplizen und erledigt ihn als Regisseur gleich mit.

Mit Dank an Bernd Kling!