Sind immer die andern III (b)

Wir wissen es ja schon: Nachdem „Bild“ zunächst die Tatsachenbehauptung aufgestellt hatte, Joschka Fischer wandere nach Amerika aus usw., druckte „Bild“ am nächsten Tag die Schlagzeile „Fischer: Ich wandere nicht aus“, was daran lag, dass Fischer die Auswanderungsnachricht von „Bild“ heftig dementiert hatte. Außerdem hatte „Bild“ versucht, die eigene, offenbar falsche Berichterstattung so darzustellen, als sei sie den Berichten in anderen Zeitungen vergleichbar gewesen, obwohl sie das (wir berichteten) nicht war.

Wie es scheint, hat „Bild“ jetzt aber den eigentlich Schuldigen für die eigene, offenbar falsche Berichterstattung über Joschka Fischer ausgemacht: Joschka Fischer selbst.

Laut Handelsblatt.com gibt’s einen Brief des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann, worin er sich bei Fischer beschwere, dass dieser bezüglich seiner USA-Pläne eine Stellungnahme gegenüber der „Bild“-Zeitung abgelehnt habe. Tatsächlich berichtet auch die „Süddeutsche Zeitung“, Fischer habe (mit Blick auf die Anfrage eines „Bild“-Redakteurs) gesagt: „…wenn ein gewisser Herr Einar Koch bei mir anruft, dann kann die Welt zusammenstürzen, da würd‘ mir eher die Hand abfallen, als dass ich das Telefon abnehmen würde“ — was wiederum anscheinend „Bild“-Chef Diekmann „nicht nachvollziehbar“ finde.

Und in der heutigen „Bild“ mündet eine „Bild“-Kolumne von Hugo Müller-Vogg in die Frage:

„Nur über die Nebentätigkeit des Abgeordneten Fischer soll nicht berichtet werden dürfen?“

Jedoch belässt es Müller-Vogg nicht bei solch irreführender Rhetorik. (Soweit bekannt, hat schließlich niemand irgendwen daran gehindert, „über die Nebentätigkeit des Abgeordneten Fischer“ zu berichten — auch Joschka Fischer nicht.) Nein, wie sein Chef Diekmann tut sich auch Müller-Vogg offenbar schwer damit, dass Fischer „bei der Überprüfung von Meldungen über ihn jede Mitarbeit“ verweigert habe. Dabei hätte, so Müller-Vogg, eine wahrheitsgetreuere Berichterstattung doch „gleich so in den Zeitungen stehen können — wenn Fischer nur gewollt hätte“.

Das mag stimmen. Doch zeugt die Argumentation, gelinde gesagt, von einem seltsamen journalistischen Selbstverständnis: Wenn wir das richtig verstehen, bedeutet sie doch im Umkehrschluss nichts anderes, als dass eine Zeitung wie „Bild“ 1.) nur dann wahrheitsgetreu berichten könne, wenn die betroffenen Personen mit „Bild“ kooperieren und 2.) eine Zeitung wie „Bild“ immer dann die Unwahrheit behaupten dürfe, wenn ihr die „Beihilfe zur Wahrheitsfindung“ (Müller-Vogg) verweigert wird. In Müller-Voggscher Rhetorik also als Frage formuliert: Klingt das wie ein Armutszeugnis für den investigativen Journalismus, dessen sich „Bild“ so gerne rühmt?

Mit Dank auch an Nikolai S. und Frank B.