Sind immer die andern III

Joschka Fischer: Mein Hauptwohnsitz ist und bleibt Berlin!

So schreibt’s heute die „Bild“-Zeitung und veröffentlicht ausführlich das Dementi ihrer Seite-1-Schlagzeile von gestern, in der sie das Gegenteil behauptet hatte. Mit großem Einsatz versucht sie aber auch den Eindruck zu erwecken, dass die von Fischer so heftig bestrittene Meldung ursprünglich gar nicht von ihr sei, sondern vom „Stern“. Und dass, genau wie „Bild“, auch quasi alle anderen Zeitungen berichtet hätten:

Joschka Fischer als Professor nach Amerika – das war gestern Top-Nachricht in vielen deutschen Zeitungen.

Alle Berichte beriefen sich dabei auf eine Exklusiv-Meldung des Magazins „Stern“.

„Bild“ verschweigt, dass es zwei exklusive Meldungen gab. Eine am Dienstag vom „Stern“, wonach Fischer mittelfristig und für zwei bis drei Jahre in die USA gehen wolle — ihm lägen Angebote aus Princeton und Harvard vor. Und eine am Mittwoch von „Bild“, wonach feststehe, dass Fischer „auswandert“ und das Angebot aus Harvard angenommen habe — beides hatte der „Stern“ nie behauptet.

Während andere Zeitungen am Mittwoch nur die „Stern“-Meldung brachten, machte „Bild“ also mit eigenen (von Fischer heftig dementierten) Informationen auf.

Auch mit einer Fotostrecke von Überschriften aus anderen Zeitungen versucht „Bild“ heute wieder einmal den Eindruck zu erwecken, gar nicht selbst schuld zu sein an dem „Wirbel“. „Bild“ suggeriert, nur ein Medium von vielen zu sein, das über die umstrittenen Behauptungen berichtet habe.

So habe auch der Kölner „Express“ gemeldet: „Joschka wird Professor“. Das stimmt. Anders als „Bild“ gab der „Express“ im Artikel selbst immerhin aber die Behauptungen über weite Strecken im Konjunktiv wieder.

Auch die „Berliner Zeitung“ habe getitelt: „Professor Fischer trägt vor“, schreibt „Bild“. Das stimmt. Anders als „Bild“ berichtete die „Berliner Zeitung“ über die „Stern“-Meldung aber mit Distanz: „Der frühere Außenminister Joschka Fischer, so will es das Magazin Stern erfahren haben, will als Gastprofessor nach Amerika gehen.“

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ habe eine Meldung gebracht, schreibt „Bild“. Das stimmt. Anders als „Bild“ hat die „SZ“ aber die Distanz schon in die Überschrift gepackt: „Fischer geht angeblich als Professor in die USA“.

Und auch die „Financial Times Deutschland“ habe unter der Überschrift berichtet: „Fischer will Professor in den USA werden“, schreibt „Bild“. Das stimmt. Aber anders als „Bild“ wechselte die „FTD“ immer wieder in den Konjunktiv: „… demnächst könnte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer eine neue Aufgabe übernehmen …“.

Der Eindruck, den die „Bild“-Zeitung zu erwecken versucht, sie habe im Grunde nicht anders über Joschka Fischers Zukunft spekuliert als alle anderen Zeitungen auch, dieser Eindruck ist falsch.

Mehr dazu hier.

Nachtrag, 16. Januar. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ nannte „Stern“-Sprecher Frank Plümer das Vorgehen von „Bild“ ein „unverschämtes, fadenscheiniges Manöver“:

„Offenbar sind die Kollegen nicht mal imstande, korrekt abzuschreiben, nun versuchen sie, uns die Schuld für die dadurch entstandenen Probleme in die Schuhe zu schieben.“