„Bild“ entdeckt die alte Zahl des Satans neu

Guten Tag, hier spricht der Teufel. Vielen Dank für Ihren Anruf. Meine Nummer hat sich geändert. Wählen Sie bitte in Zukunft statt der 666 die Durchwahl 616. Vielen Dank und auf Wiederhören. Piep.

616 - Die neue Zahl des Satans

Jawohl, in großer Aufmachung auf Seite 1 und mit der Ortsmarke „Vatikan“ informiert die „Bild“-Zeitung heute ihre Leser über eine „Neuigkeit“. Andreas Englisch, der „Vatikan-Experte“ von „Bild“ hat herausgefunden:

Nicht 666, sondern 616 ist die Zahl des Satans!

Im 2. Jahrhundert schrieben Theologen die 666 dem Teufel zu. (…) Die Theologen beriefen sich auf das „Buch der Apokalypse“ des Evangelisten Johannes. Wie sich jetzt herausstellte, ein Übersetzungs- und Abschreibfehler!

Forscher fanden nun im griechischen Originaltext die richtige Satanszahl: Es ist die 616 und nicht die in jeder Bibel genannte 666!

Wir haben keine Ahnung, wie „Bild“ jetzt auf diese Geschichte kommt. In der britischen Tageszeitung „The Independent“ erschien bereits am 1. Mai 2005 ein Artikel mit der Überschrift: „Revelation! 666 is not the number of the beast (it’s a devilish 616)“ Ein entsprechendes Papyrus-Fragment aus dem 3. Jahrhundert ist bereits 1999 veröffentlicht worden. Am 4. Mai 2005 berichtete „Die Zeit“ über technische Fortschritte bei der Entschlüsselung der Papyrus-Fragmente aus Oxyrhynchus und erzählte auch die 616/666-Geschichte.

Schon vor über 120 Jahren diskutierte ein gewisser Friedrich Engels, wie man die „sehr alte Lesart“ der Offenbarung/Apokalypse des Johannes erklären könne, wonach 616 die „Zahl des Tiers“ sei. Und schon vor über 1800 Jahren wusste Irenäus von Lyon, dass in vielen Schriften statt der 666 die 616 zu lesen war — nur entschied er sich damals, die 616 für einen Schreibfehler zu halten und nicht die 666.

Genau umgekeht entschied sich übrigens der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli. Deshalb steht auch nicht „in jeder Bibel“ die 666 als Satanszahl, wie „Bild“ behauptet, sondern in der auf Zwingli zurückgehenden „Zürcher Bibel“ die Zahl 616.

Tja. Und nun? Fragen wir Andreas Englisch, und der hat anonymen „Vatikan-Experten“ die bahnbrechende Zusage entlockt:

„Wenn die Zahl 666 falsch ist, wird das in den kommenden Bibelausgaben geändert.“

Unsere Prognose aber lautet: Wenn diese ganze Geschichte Humbug ist, wird „Bild“ das nie zugeben.