„Bild“ geht gegen „Bild“-Kritik vor

„Nur Moralisten können gute Journalisten sein.“
(Kai Diekmann)

„Man muss ein Zeichen setzen gegen die Angst vor ‚Bild‘.“
(Charlotte Roche)

Am 5. September 2004 berichtete der Berliner „Tagesspiegel“ ausführlich über die „Methoden der mächtigsten deutschen Zeitung“. Geschildert wurde neben vielen anderen haarsträubenden Fällen unter anderem die Erfahrung, die die Moderatorin Charlotte Roche im Juni 2001 mit „Bild“ gemacht haben soll. Einige Wochen, nachdem bei einem Autounfall auf dem Weg zu ihrer Hochzeit drei ihrer Brüder getötet und ihre Mutter schwer verletzt wurden, sei sie von einem Paparazzo lachend mit ihrem Freund fotografiert worden. Ein „Bild“-Redakteur habe ihr gedroht, dieses Foto mit dem ironischen Kommentar „So tief ist ihre Trauer“ zu veröffentlichen, wenn sie der Zeitung kein Interview gebe.

Diese Schilderung stimmte offensichtlich nicht. Die Axel Springer AG setzte eine Gegendarstellung durch, in der sie bestritt, dass sich ein „Bild“-Journalist je so gegenüber Roche geäußert habe. Die Redaktion hätte das Foto weder besessen, noch von ihm gewusst, noch es als Druckmittel eingesetzt.

Unter dieser Gegendarstellung korrigierte sich der „Tagesspiegel“, widersprach aber der Darstellung von Springer:

Richtig ist, dass sich kein „Bild“-Journalist gegenüber Charlotte Roche geäußert hat. Dem Tagesspiegel liegt allerdings ein Schreiben eines Mitarbeiters der Presseabteilung von Viva vor, dem Sender, bei dem Charlotte Roche damals moderierte. Darin heißt es: „Kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall von Charlottes Brüdern hat sich damals ein ‚Bild‘-Redakteur bei mir telefonisch gemeldet. Soweit ich mich erinnere, sagte er, er habe zwar Bauchschmerzen bei diesem Anruf, aber er habe mit der Chefredaktion in Hamburg gesprochen und müsste mir Folgendes sagen: Wenn die ‚Bild‘-Zeitung kein Interview mit Charlotte bekäme, würde die ‚Bild‘ am nächsten Tag ein Bild von Charlotte bringen und dazu eine Geschichte, die uns nicht gefallen würde. Mir wurde nicht mitgeteilt, um welche Art von Foto oder Geschichte es sich handelt.“

„Bild“ bestreitet bis heute, dass es dieses Gespräch mit diesem Inhalt gegeben hat.

Gegen diese Darstellung des „Tagesspiegel“ ist die Axel Springer AG in keiner Weise mehr vorgegangen.

Jetzt ist über ein Jahr vergangen, und diesmal hat es nicht der „Tagesspiegel“, sondern der „Stern“ gewagt, kritisch über „Bild“ zu schreiben. Vor zwei Wochen stand in der Zeitschrift:

Der erste Anrufer nach dem Unglück auf ihrem [Charlotte Roches] Handy war ihr Vater, der zweite ein „Bild“-Reporter. Was folgte, sagt Charlotte Roche, „war Telefonterror — den Rest des Tages hatte ich damit zu tun, die Anrufe von ‚Bild‘ wegzudrücken“.

Die Moderatorin sprach mit niemandem. Vier Wochen lang tauchte sie ab, verließ kaum das Haus. Dann gelang einem Fotografen der „Abschuss“ — so nennt der Boulevard Paparazzo-Aufnahmen: Charlotte Roche hatte neben ihrem Freund gestanden und gelacht.

Die „Bild“-Leute riefen bei Viva an. Ein Mitarbeiter des Senders hat seine Erinnerungen an das Gespräch notiert: „Kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall hat sich ein ‚Bild‘-Redakteur bei mir gemeldet. … Er habe zwar Bauchschmerzen bei diesem Anruf, aber er habe mit der Chefredaktion in Hamburg gesprochen und müsste mir mitteilen: Wenn die ‚Bild‘-Zeitung kein Interview mit Charlotte bekäme, würde die ‚Bild‘ am kommenden Tag ein Foto von Charlotte bringen und dazu eine Geschichte, die uns nicht gefallen würde.“ Ein ‚Bild‘-Sprecher weist die Vorwürfe zurück: „Diese Äußerungen treffen nicht zu.“

All das darf der „Stern“ zur Zeit nicht mehr behaupten. Die Axel Springer AG bestreitet Umstand und Inhalt der Gespräche und hat beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung erwirkt, die dem „Stern“ die Veröffentlichung vorläufig untersagt. Deshalb ist der gesamte „Stern“-Artikel auch aus dem Online-Angebot der Zeitschrift verschwunden. Beim „Stern“ ist man über die Entscheidung des Gerichtes überrascht und will dagegen vorgehen.

Anders als der Branchendienst „New Business“ meldet und auch Springer gegenüber dem Gericht behauptet haben soll, hat der „Stern“ nicht die ursprünglichen (falschen) „Tagesspiegel“-Angaben wiederholt. Wiederholt hat der „Stern“ die Erinnerungen des Viva-Mitarbeiters, die der „Tagesspiegel“ in seinem Zusatz der Gegendarstellung Springers wiedergegeben hat. Und dagegen ist Springer, wie gesagt, nie vorgegangen. Beim „Stern“ geht man deshalb davon aus, dass die einstweilige Verfügung keinen Bestand haben wird.

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann fordert darüber hinaus vom „Stern“ den Abdruck einer Gegendarstellung und die Abgabe von Unterlassungserklärungen. Beim „Stern“ hat man das Gefühl, „Bild“ verfolge eine ähnliche Taktik wie die, mit der die Zeitung vor einem Jahr gegen den „Tagesspiegel“ vorgegangen sei: viele nebensächliche Punkte anzugreifen, um die Kritik an den haarsträubenden Methoden von „Bild“ unberechtigt erscheinen zu lassen.