„Bild“-Chef zieht Gegendarstellungsbegehr zurück

Das wird jetzt etwas länger, denn…

… in einem Dossier über die „Großmacht Springer“ hatte sich die „Zeit“ am 11. August unter anderem folgende Frage gestellt:

„Ist es Vorsatz, wenn ein Foto so beschnitten wird, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann (…)?“

Hintergrund dieses Satzes war die Veröffentlichung eines Fotos in der „Bild“-Zeitung vom 29.1.2001. Zu sehen war darauf Jürgen Trittin im Jahr 1994 am Rande einer Demo. Die Aufnahme stammte ursprünglich von Sat.1 und erschien 29.1.2001 auch im „Focus“. „Bild“ hatte behauptet, in der Hand eines (unmittelbar neben Trittin abgebildeten) Demonstranten befinde sich ein Schlagstock, obwohl es sich dabei nur um ein Seil handelte, wie sowohl bei Sat.1 als auch im „Focus“ deutlich zu erkennen war — nicht jedoch in dem von „Bild“ abgedruckten Ausschnitt des Fotos. Nachdem der grobe Fehler öffentlich geworden war, druckte „Bild“ eine Richtigstellung und Kai Diekmann, damals seit vier Wochen „Bild“-Chefredakteur, sagte dem „Spiegel“(hier für 50 Cent, Gratisauszüge hier): „Wir sind am Sonntag im Vorabexemplar von ‚Focus‘ auf das Foto gestoßen und haben es abgescannt, weil wir das Original nicht besorgen konnten. Die Ausdrucke, mit denen wir dann gearbeitet haben, waren Kopien von Kopien und entsprechend schlecht, so dass die Fortsetzung des Seils nicht erkennbar war.“ Zuvor referierte bereits die „Berliner Zeitung“ Diekmanns Erklärung mit dem Worten: „Deshalb habe man das Foto für den Druck beschnitten.“ Das war vor dreieinhalb Jahren und nicht schön.

„Bild“-Chef Diekmann ist seither mehrfach gerichtlich gegen Berichte anderer Medien vorgegangen, die fälschlicherweise behauptet hatten, „Bild“ habe Trittin „einen Schlagstock in die Hand montiert“ bzw. „in die Hand gedrückt“. Sowohl die „Berliner Zeitung“ als auch die „taz“ entschieden sich allerdings, den unabwendbaren Abdruck einer entsprechenden Gegendarstellung Diekmanns ausführlich zu kommentieren.

Was indes die „Zeit“ anbelangt, könnte man einwenden, auch die Behauptung, „dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann“ sei sachlich falsch, weil Trittin selbst das Seil auf dem Foto gar nicht anfasst. „Bild“-Chef Diekmann allerdings nahm Anstoß an einem anderen Aspekt des „Seil“-Satzes. Nach unseren Informationen hieß es in einer Gegendarstellung, deren Abdruck er von der „Zeit“ forderte, „Bild“ “ habe „niemals ein Foto so beschnitten“, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin hätte als Schlagstock angesehen werden können: Der Fehler von „Bild“ habe darauf beruht, „dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde“.

Allerdings weigerte sich die „Zeit“, die Gegendarstellung zu drucken. Und das mit gutem Grund. Schließlich handelt es sich ja bei dem Trittin-Foto in „Bild“ zweifelsfrei um einen Ausschnitt des „Focus“-Fotos, auf dessen Original der „Schlagstock“ eindeutig als Seil zu erkennen ist. Und so zitiert auch der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe einen „Bild“-Sprecher mit der Aussage: „Der Chefredaktion lag lediglich ein Schwarzweiß-Scan vor, auf dem die Ränder des Fotos schwarz waren. Diese Ränder wurden beim Einstellen des Scans ins Layout … selbstverständlich nicht berücksichtigt.“

Und das ist umso erstaunlicher, als Kai Diekmann doch gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 eine „eidesstattliche Versicherung“ abgegeben hat, in der es ausdrücklich heißt, man habe die Abbildung zwar „unzutreffend betextet“, aber:

„Das Foto (…) ist in keiner Weise ‚beschnitten‘ worden.“

Das Gericht verlangte daraufhin Ende August zwar zunächst in einer Einstweiligen Verfügung von der „Zeit“, den strittigen „Seil“-Satz aus der Online-Version des Dossiers zu tilgen. Dort fehlt er noch immer, dürfte nach unseren Recherchen aber alsbald wieder in den Text eingefügt sein, denn…

… nachdem die „Zeit“ Mitte September Widerspruch angekündigt hatte, nahm Diekmann kurzerhand seinen Antrag zurück, verzichtete freiwillig auf die Ansprüche aus der Einstweiligen Verfügung und muss sämtliche Verfahrenskosten tragen.

Wie es zu Diekmanns überraschenden Sinneswandel kam, entzieht sich unserer Kenntnis. Im „Stern“ heißt es, an der Richtigkeit der Eidesstattlichen Versicherung* Diekmanns seien „Zweifel angebracht“.

*) „Wer vor einer zur Abnahme einer Versicherung an Eides Statt zuständigen Behörde eine solche Versicherung falsch abgibt oder unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
(§ 156 StGB)