Roaming, Edathy, Wieselspecht

1. „Die Zeitung, die eben kein Kleinkind ist“
(ad-sinistram.blogspot.de, Roberto De Lapuente)
Roberto De Lapuente erklärt, warum er „Bild“ nicht ignoriert: „Wir dürfen uns die Bildzeitung nicht als nach Aufmerksamkeit gierendes Kleinkind vorstellen. Sie ist eine Erwachsene, die ganz genau weiß, was sie bezwecken will und wie sie instrumentalisieren muss, um ihre Vorstellungen zu verwirklichen.“

2. „‘Die letzten Hemmungen scheinen gefallen zu sein'“
(topfvollgold.de, Dennis Klammer)
Boris Kartheuser hat herausgefunden, dass die Funke Women Group „in ihren Zeitschriften redaktionelle Texte beispielsweise zu Gesundheitsthemen veröffentlicht und auf Produkte hinweist, die helfen sollen. Praktischerweise werden eben jene empfohlenen Produkte dann einige Seiten weiter großflächig vom Hersteller per Anzeige beworben. Im Text steht dann etwa: ‘Die können sie auch rezeptfrei in der Apotheke kaufen, zum Beispiel von …’ — und dann kommt immer der Werbepartner. Das tritt so häufig auf, dass es kein Zufall mehr zu sein scheint.“

3. „100 am Tag“
(sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Die Abhörtätigkeiten von Blättern des britischen Verlags Trinity Mirror („Daily Mirror“, „Sunday Mirror“, „The People“): „Anwalt David Sherborne sagte in dieser Woche vor dem High Court in London, verglichen damit seien die Vergehen von Rupert Murdochs News of the World (NotW) fast harmlos gewesen.“

4. „So this is how the world ends: with us distracted by cute cats“
(theguardian.com, Hadley Freeman, englisch)
Hadley Freeman zählt Nachrichten der vergangenen Woche auf, die bei einigen Mediennutzern keine Aufnahme fanden, weil sie mit dem Anschauen von Katzenfotos beschäftigt waren: „I have a vision – a vision of the apocalypse, and it will consist of Earth being consumed by fire and brimstone, but no one will notice because they’ll be too busy inside looking at a photo on the web of a frog using a leaf like an umbrella. And as their faces melt, they’ll be crying, ‘Wait! But I must tweet a link to this baby panda sneezing!'“ Siehe dazu auch „ZDF und Putin reiten den Wieselspecht“ (olereissmann.de).

5. „Ein Jahr ohne Roaming-Schikane: So fühlt sich echte Freiheit an“
(t3n.de, Martin Weigert)
Martin Weigert nutzt seit einem Jahr ein Mobilfunkabo, bei dem Daten-Roaming in 120 Ländern inklusive ist: „Ein Zurück wird mir schwerfallen. Ich hoffe, dass auch mindestens ein deutscher Netzanbieter erkennt, wie gut der Abbau der Roaming-Schikanen sich auf Kundenwachstum und Imagewerte auswirken kann.“

6. „Bitte entschuldigen Sie, Herr Edathy“
(zeit.de, Thomas Fischer)
Bundesrichter Thomas Fischer schreibt zur Edathy-Affäre: „Das Strafrecht lebt – wie jede andere formelle oder informelle Sanktionierung abweichenden Verhaltens – davon, dass es klare gesetzliche Grenzen zieht zwischen erlaubtem und unerlaubtem Verhalten. Diese Grenzen sind nicht zu dem Zweck erfunden worden, Staatsanwälten Anhaltspunkte für den Start von Vorermittlungen oder für die Anberaumung von Pressekonferenzen zu geben, sondern allein um der Bürger willen. Die wollen nämlich, seit sie sich als Bürger und nicht als Untertanen verstehen, eine Staatsgewalt, die die Guten und die Bösen voneinander scheidet, ohne zu diesem Zweck zunächst alle des Bösen zu verdächtigen und auch so zu behandeln.“

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Sibel Kekilli will nicht mit „Bild“ sprechen

Sibel Kekilli hat kein besonders gutes Verhältnis zur „Bild“-Zeitung, und das verwundert wenig, wenn man weiß, was das Blatt der Schauspielerin vor zehn Jahren angetan hat.

Zwei Tage nachdem der Film „Gegen die Wand“, in dem Kekilli die Hauptrolle spielt, den Goldenen Bären gewonnen hatte, breitete „Bild“ wochenlang genüsslich ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin aus. Kekilli sagte danach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Die ‘Bild’-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich laß mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.“

Die „Bild“-Berichterstattung wurde später vom Presserat mit einer Rüge belegt (die „Bild“ erst zwei Jahre später unauffällig abdruckte) und vom Berliner Kammergericht als unzulässiger „Eingriff in die Würde eines Menschen“ bezeichnet (Genaueres s. Kasten).

Seitdem hat Sibel Kekilli der „Bild“-Zeitung (mit zwei Ausnahmen) keine Interviews mehr gegeben und würde es nach eigener Aussage auch nicht mehr tun. Darum waren wir auch etwas überrascht, als wir vor gut drei Wochen lasen:

Jetzt erzählt Sibel Kekilli BILD bei der Berlinale, wie ihr neues Leben in Hollywood läuft und wie es weitergeht.

Unser Verdacht war zuerst, dass „Bild“ sich das Interview (das wortgleich auch in der „B.Z.“ erschienen ist) in guter alter Sportteil-Tradition aus den Antworten von einer allgemeinen Pressekonferenz zusammengestückelt hat, doch inzwischen wissen wir, dass es doch ein wenig anders war:

Die Reporterin selbst erinnert sich offenbar anders. In einer Anmerkung schiebt die Redaktion hinterher:

Mit Dank auch an Christian M. und Bernhard W.

Nato, Alkohol, Daily Mail

1. „Durchgestochen: Justiz und Journalisten“
(ndr.de, Video, 4:50 Minuten)
Die Weitergabe von teilweise kompletten Ermittlungsakten aus Kreisen der Staatsanwaltschaft an Journalisten „als politisches Kalkül“: „Nur wenn sie Amtsträger zum Geheimnisverrat anstiften oder Hilfestellung dazu leisten, begehen sie eine Straftat. Ansonsten endet der Geheimnisverrat in dem Moment, wo der Journalist die Unterlagen bekommt, ergänzt Martin Huff. Dadurch bleiben die Journalisten straffrei.“

2. „My Year Ripping Off the Web with the Daily Mail Online“
(tktk.gawker.com, James King, englisch)
James King berichtet aus seiner Zeit im New Yorker Newsroom der „Daily Mail“: „In a little more than a year of working in the Mail’s New York newsroom, I saw basic journalism standards and ethics casually and routinely ignored. I saw other publications’ work lifted wholesale. I watched editors at the most highly trafficked English-language online newspaper in the world publish information they knew to be inaccurate.“

3. „Zum Totlachen“
(peterbreuer.me)
Peter Breuer wertet Voting Buttons auf Bild.de aus: „Ich habe willkürlich sieben Stichproben gezogen und in fünf von sieben Fällen dominierte bei diesen Texten die Emotion ‘Lachen’.“

4. „Die Nato bleibt undurchschaubar“
(n-tv.de, Christoph Herwartz)
Nato-Informationen zum Krieg in der Ukraine lassen sich kaum überprüfen, schreibt Christoph Herwartz: „Journalisten und Abgeordnete kommen schnell an die Grenzen dessen, was sie selbst beobachten können. Das liegt auch daran, dass die Nato ihre Mitteilungen sehr allgemein hält. Wenn sie von russischen Truppen und russischen Waffen in der Ukraine spricht, gibt sie nicht an, wann wo wie viele Einheiten gesichtet wurden. Wenn sie es täte, könnten Journalisten an diese Orte fahren oder mit Anwohnern telefonieren.“

5. „Aus der Rausch: Leben mit der Alkoholsucht“
(spiegel.de, Video, 23:01 Minuten)
Eine Reportage über Alkoholiker in Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland mit den „meisten Alkoholtoten der Republik“.

6. „So kann man’s natürlich auch machen“
(twitter.com/dennishorn)
Wie eine Beilage der „Zeit“ die Trennung von Inhalten und Werbung transparent macht.

AFP, Julius Tröger, Knowledge Vault

1. „It’s not Wahrheit, stupid. Anmerkungen zu Google Knowledge Vault.“
(christophkappes.de)
Christoph Kappes liest zwei Artikel zur Wissensdatenbank Knowledge Vault: „Beide Texte enthalten nicht nur fachliche Fehler, sondern sie führen auf die falsche Fährte mit Begriffen wie ‘Wahrheit’ oder ‘Unseriös’ und ‘Plausibilität’.“

2. „AFP fabriziert Falschmeldung“
(faz.net, Jürg Altwegg)
Die Nachrichtenagentur AFP vermeldet fälschlicherweise den Tod von Martin Bouygues. Siehe dazu auch „Martin Bouygues annoncé mort: l’invraisemblable couac de l’AFP“ (letemps.ch, Olivier Perrin, französisch) und „Fausse mort de Bouygues : la version de l’AFP contestée“ (rue89.nouvelobs.com, David Perrotin, französisch).

3. „Julius Tröger: Heiß auf Daten“
(vocer.org, Sarah Klößer)
Sarah Klößer porträtiert Datenjournalist Julius Tröger: „Während viele Verlage sparen, hat Tröger geschafft, Fuß zu fassen. Seit über einem Jahr leitet er das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost.“

4. „Print-Experience“
(benjaminnickel.com)
Benjamin Nickel abonniert ein Probeabo einer überregionalen Zeitung: „Die Bilanz bislang: 1x lag die Zeitung im Eingangsbereich, 2x kam sie gar nicht.“

5. „Justin Bieber, der ‘BILD’-Geburtstagsbesuch und die gute alte Homestory“
(tobiasgillen.de)
Tobias Gillen beleuchtet die Bild.de-Geschichte „Wie ich Justin Bieber ein
Geschenk machen wollte …“, in der Ricarda Biskoping versucht, Justin Bieber Kuchen und Kerzen zu überreichen.

6. „Bild-Griechen-Bashing-Bullshit-Bingo“
(facebook.com/fernoestliche.leere)

Die Ente mit der pinken Katze

Katzencontent geht natürlich immer, und wenn es sich dann noch um ein armes, pinkes, grausam verendetes Kätzchen handelt, ist das deutschsprachigen „News“-Portalen auch schnell mal einen prominenten Platz auf der Startseite wert.

Bild.de:

Auf einer russischen „Pretty-in-pink-Party“ musste jeder geladene Gast in Pink erscheinen, auch das Kätzchen von Lena Lenia! Jetzt starb die Katze an ihrer Fellfarbe. Durch das Lecken am pinken Fell hat das Kätzchen toxische Gifte aufgenommen. Laut Tierarzt soll dies zu einer Vergiftung geführt haben.

Rtl.de berichtet gleich mehrfach:

News.de:

Oe24.at:

N-tv.de:

N24.de:

Die Geschichte kommt ursprünglich vom britischen Knallportal „Mail Online“ und sorgt seither europaweit für Empörung, angeblich haben sogar 30.000 Menschen eine Petition unterzeichnet, die eine Gefängnisstrafe für die Katzenbesitzerin fordert. Für viele deutsche Kommentarschreiber ist das noch zu wenig, sie fordern:

Diese Frau gehört erschossen!

diese Scheißbande sofort in Säure schmeißen…… aber vorher die Haut mit stumpfen Klingen ritzen

Deppate drecksnutte gehört verbrennt die sau!

Und was sagt die Beschuldigte? Laut N24.de ist sie sich …

keiner Schuld bewusst: Auf ihrem Blog rechtfertigt sie die Aktion.

Folgt man dem Link und liest, was dort steht (was leider weder N24 noch sonst irgendeiner der abschreibenden Journalisten getan hat), erfährt man ein nicht ganz unwesentliches Detail dieser Geschichte: Die Katze ist gar nicht tot. Sie lebt putzmunter (und schon deutlich weniger pink) bei einer neuen Besitzerin:

Im Text erzählt die neue Besitzerin, dass kein einziger Journalist sie kontaktiert habe, um zu überprüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.

„Es ist sehr traurig, dass die Menschen alles glauben, was in den Boulevardmedien steht, die nicht mal die Fakten checken.“

Elena Lenina, die die Katze gefärbt hatte und der nun Hunderte Menschen öffentlich den Tod wünschen, will juristisch gegen die Falschmeldungen vorgehen.

Mit Dank an Katharina K.

Nachtrag, 20.25 Uhr: N24 hat sich für den Fehler entschuldigt und den Artikel gelöscht.

Johannes Kram, Tages-Anzeiger, Stefanie

1. „Hauptsache, die Story knallt“
(tagesspiegel.de, Patrick Wildermann)
Patrick Wildermann stellt Johannes Kram vor, Autor des Theaterstücks „Seite Eins“: „‘Seite Eins’ legt vielmehr ein System der multiplen Verflechtungen offen, an dem auch die Leser oder Zuschauer mit ihrer Lust am Untergang anderer beteiligt sind. ‘Wenn man sich die Fernsehboulevard-Magazine anschaut, Wahnsinn, was für ein Verkehrsunfall-Porno da stattfindet’, findet Kram, ‘und das sind öffentlich-rechtliche Sender’.“

2. „‘Es ist einfacher, irgendeine Indiskretion über Parteifreunde in den Medien zu platzieren als ein politisches Konzept'“
(zeit.de, Christopher Lauer)
Christopher Lauer schreibt über die Skandalisierungsprozesse zwischen Politikern und Journalisten: „Große öffentliche Debatten werden vielleicht über das Internet beschleunigt, aber noch immer von den klassischen Medien bestimmt. Es ist also an Journalisten, so banal und naiv das jetzt klingt, sich zu entscheiden, worüber sie wie berichten wollen.“ Siehe dazu auch „‘Diese Spirale wird nicht nur von den Bürgern gedreht'“ (tagesanzeiger.ch, Philipp Loser).

3. „Keine Motivation mehr für den Tagi“
(edito.ch, Philipp Cueni und Bettina Büsser)
Bruno Schletti, Ex-Wirtschaftsredakteur beim „Tages-Anzeiger“, redet über die Auswirkungen von Sparmaßnahmen bei Tamedia: „Kaum eine Morgensitzung beginnt mit der Frage: Was sind die relevanten Geschichten? Man schlägt die naheliegenden Themen vor, die sich innerhalb nützlicher Frist realisieren lassen – letztlich eine Überlebensfrage, da das Unternehmen Überstunden nicht zu zahlen gewillt ist. Honoriert wird nicht Qualität oder Engagement. Entscheidend ist am Ende des Tages, dass das Blatt voll ist. Es gibt also kein inhaltliches Teamdenken, kaum inhaltliche Diskussionen, auch werden Beiträge nicht wie früher von der Redaktion begleitet und nicht mehr gegengelesen. Die journalistische Qualität geht an allen Ecken und Enden vor die Hunde.“

4. „‘Es mangelt in erster Linie an der Erfahrung'“
(persoenlich.com, Edith Hollenstein)
Res Strehle, Chefredakteur des „Tages-Anzeigers“, gibt Auskunft, warum Führungspositionen trotz ausdrücklich formulierten Absichten nicht mit Frauen besetzt wurden.

5. „Das Glaubwürdigkeitsproblem der YouTube-Prominenz“
(buggisch.wordpress.com)
Wenn es um Werbung geht, „verwendet der YouTube-Kumpel von nebenan aber exakt dieselben Methoden wie der börsennotierte Medienkonzern“, bemängelt Christian Buggisch: „Dabei wäre die Sache ganz einfach: ‘Für dieses Video habe ich Geld von der Techniker Krankenkasse bekommen.’ Ein solcher Satz vom YouTuber im Video gesprochen (und nicht nur klein ein- und ausgeblendet) sowie in der Videobeschreibung vermerkt, und ich wäre zufrieden.“

6. „Ich bin Stefanie“
(ichbinstefanie.ch)

Spiegel, Grusel-Foto, Kurt Imhof

1. „Warum ich die Bild-Zeitung komplett ignoriere (und Du das auch tun solltest)“
(lampiongarten.wordpress.com, Sebastian Baumer)
Sebastian Baumer rät dazu, „Bild“ vollständig zu ignorieren: „Es ist ja auch leicht und irgendwie befriedigend, sich über Kais Zeitung aufzuregen. Man steht damit automatisch auf der richtigen moralischen Seite, man kann sich fast immer des sehr klaren Zuspruchs seiner Kontakte und einiger Likes und Favs sicher sein und wer will schon keinen Zuspruch, Likes und Favs? Viel schwerer ist es, die Zeitung links liegen zu lassen, vor allem dann, wenn wieder mal der halbe Netzbekanntenkreis darüber spricht. Besser wäre es aber in jedem Fall, sie vollständig zu ignorieren, ihre Botschaften nicht weiterzutragen, sie nicht zu verlinken und sie einfach rumplärren zu lassen wie ein trotziges Kind.“

2. „Zu Schnibbens (‘Spiegel’) Medien-Tsunami: Lokalzeitungen können überleben – nur wie?“
(journalismus-handbuch.de, Paul-Josef Raue)
Paul-Josef Raue antwortet auf den Blogbeitrag „Warum wir in Lesern mehr sehen sollten als zahlende Kunden“ (spiegel.de, Cordt Schnibben): „Bravo! sollten wir Cordt Schnibben zurufen. Endlich! sollten wir hinzufügen. Endlich eröffnet einer, dessen Stimme Gewicht hat, eine tiefe Debatte über die Zukunft der seriösen Medien.“

3. „Oh, My!“
(medium.com, Jeff Jarvis, englisch)
Jeff Jarvis liest die die aktuelle „Spiegel“-Titelgeschichte „Das Morgen-Land“: „It is nothing less than prewar propaganda, trying to stir up a populace against a boogeyman enemy in hopes of goading politicians to action to stop these people.“

4. „GreWi erklärt das ‘Grusel-Foto’ von Hampton Court“
(grenzwissenschaft-aktuell.blogspot.de, AM)
Zum Bild.de-Artikel „Der Grusel-Foto-Beweis: Es spukt im
englischen Königsschloss“ schreibt „Grenzwissenschaft aktuell“, es handle sich dabei „um einen bekannten Effekt der fälschlichen bzw. zufällig-unbeabsichtigten Anwendung der Panorama-Funktion von Mobilfunkkameras: Bleibt der Hintergrund konstant so kann ein sich davor bewegender Gegenstand oder eine Person auf bizarrste Weise deformiert, gestaucht, gestreckt und gerade neu zusammengefügt werden.“

5. „Der beste Freund und treuste Fan, den man sich wünschen kann“
(watson.ch, Maurice Thiriet)
Maurice Thiriet erinnert an den gestern verstorbenen Kurt Imhof, der den Schweizer Journalismus mit einer jährlichen Qualitätsanalyse überprüft hatte: „Wir von Kurt Imhof so scharf kritisierten Journalisten haben bis heute nicht begriffen, dass unser schärfster Kritiker eigentlich unser bester Freund und treuster Fan war.“

6. „Der Vertrauensbruch“
(taz.de, Jan Feddersen)
Jan Feddersen schreibt über das Sicherheitsgefühl in der „taz“-Redaktion, in der es mancherorts „wie in einer WG der siebziger Jahre“ aussieht.

Die Radikalos-Kampagnen der Brandstifter-Journalisten

„Pleite-Griechen“ hat „Bild“ schon lange nicht mehr geschrieben. Gut, vor einer Woche noch, aber schon lange nicht mehr so häufig wie vor ein paar Jahren. Inzwischen passt der Name auch nicht mehr ganz so gut, denn jetzt haben sie ja bekanntlich Geld (unser Geld), mit dem sie ihr Hängematten-Luxus-Leben finanzieren, und weil sie immer noch mehr Geld haben wollen (unser Geld), nennt die „Bild“-Zeitung sie jetzt die „gierigen Griechen“ — und rief Deutschland am Donnerstag dazu auf, per Selfie zu protestieren:

Die Kampagne wurde von vielen Seiten stark kritisiert, auch vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV), der Bild.de noch am gleichen Tag aufforderte, „sofort die laufende Anti-Griechen-Kampagne zu stoppen“ – allerdings mit einer merkwürdigen Begründung. In der Pressemitteilung heißt es:

„Die Griechenland-Politik der Bundesregierung kann man mögen oder ablehnen“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Eine Kampagne, die direkten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen wolle, verbiete sich aber mit der beschreibenden Aufgabe des Journalismus. „Dass Boulevard-Medien eine andere Sprache und einen anderen journalistischen Stil pflegen, ist selbstredend. Die Selfie-Aktion von Bild.de überschreitet aber die Grenze zur politischen Kampagne“, kritisierte Konken.

Politische Kampagne? Wenn es danach geht, müsste der DJV eigentlich jeden zweiten Tag einschreiten, immerhin gehören Aktionen, die „Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen“ wollen, zum redaktionellen Alltag der „Bild“-Zeitung.

Nein, das Schlimme ist nicht die Tatsache einer Kampagne, sondern dass die „Bild“-Zeitung wieder ein ganzes Volk stigmatisiert und diffamiert (was der DJV immerhin für „medienethisch bedenklich“ hält), so wie sie es jahrelang mit der „Pleite-Griechen“-Berichterstattung getan hat. Und dass sie ihre Artikel mit diesem hetzerischen Wir-gegen-die-Gefühl auflädt, das durch die Selfie-Aktion nochmal auf besonders eklige Weise gestärkt und verbreitet wurde. Wir machen Fotos von uns, wir schließen uns zusammen, damit die kein Geld mehr kriegen.

Immerhin: Allzu erfolgreich war die Mob-Mobilisierung offenbar nicht. Laut Axel-Springer-Verlag kamen bis Donnerstagvormittag Fotos im “hohen dreistelligen Bereich” zusammen – das entspricht, gemessen an der Reichweite von „Bild“ und Bild.de, einer Mithetz-Quote von 0,004 Prozent.

Um überhaupt auf diese Zahl zu kommen und den Protest trotzdem als „gewaltig“ (Bild.de-Chef Julian Reichelt) zu verkaufen, musste „Bild“ ein bisschen tricksen: Knapp die Hälfte der auf Bild.de gezeigten „NEIN!“-„Selfies“ kam nicht von den Lesern selbst, sondern von „Bild“-Fotografen, die auf der Straße Passanten angesprochen hatten.

(Im Original ist der Kopf natürlich dran.)

In den sozialen Medien wurden währenddessen zahlreiche Gegenaktionen gestartet, viele sagten „NEIN!“ zur Hetze und zeigten sich solidarisch mit Griechenland. Selbst auf der Startseite von Bild.de wurde zeitweise versteckte Kritik laut, wenn auch eher unfreiwillig:

Da baute Bild.de dann lieber schnell wieder Brüste ein:

Und sogar im Bundestag wurde die Kampagne kritisiert. Axel Schäfer, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, hielt die (von ihm durchgestrichene) „Bild“-Seite gestern während einer Rede hoch und sagte unter Applaus:

Wir sind hier sicherlich in einer Reihe von Punkten unterschiedlicher Auffassung. Das ist auch gut so, dass wir das diskutieren. Aber in einem Punkt sollten wir uns hier alle (…) einig sein: Wir unterstützen keine Kampagnen gegen andere Länder. Wir unterstützen das nicht!

Wenige Stunden später erschien ein Kommentar von „Bild“-Chef Kai Diekmann, was nicht oft vorkommt und in diesem Fall wie der Versuch wirkt, das Feuer ein wenig zu löschen. Diekmann bemüht sich sogar, so zu tun, als habe er Mitgefühl mit den Griechen. Griechenland sei „ein geschundenes Land“, schreibt er.

Die Menschen leiden unter der schwersten Schulden- und Wirtschaftskrise in der Geschichte des geeinten Europas. Die Arbeitslosigkeit nimmt einer ganzen Generation Hoffnung und Zukunft.

„Bild“ sei …

nicht nur in Deutschland, sondern auch in Griechenland nah bei den Menschen.

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere

Huch, Verzeihung. Das muss da irgendwie zwischengerutscht sein. Wie war das, Herr Diekmann?

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere

Ach, verdammt. Sorry. Jetzt aber, Herr Diekmann.

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere Reporter haben immer wieder über die Verelendung eines ganzen Landes berichtet. Über volle Suppenküchen. Über mittellose Menschen, die in Mülltonnen wühlen müssen.

Stimmt. Wenn die Reporter nicht gerade Besseres zu tun hatten.

Diekmann erweckt den Anschein, als sei das Besondere an der „Bild“-Berichterstattung, dass sie unermüdlich „die verfehlte Griechenland-Politik in Deutschland und Europa“ kritisiere und „unseren und den griechischen Politikern ihre gebrochenen Versprechen“ vorhalte. Aber das machen auch viele andere Medien. Das Besondere an der „Bild“-Berichterstattung ist, dass sie das Ansehen Griechenlands gezielt in den Dreck zieht. Nicht nur mit den großen Haudrauf-Aktionen, sondern mit permanenten Sticheleien. Wer an Griechenland denkt, soll sofort ein negatives Bild vor Augen haben, soll an Gier, Faulheit und Betrug denken.

Und wer an die griechische Regierung denkt, soll Angst um sein Geld haben. Immer und immer wieder nennt „Bild“ sie die „Griechen-Raffkes“ oder „Raffke-Griechen“ oder „Radikalo-Griechen“ oder „Griechos Radikalos“ oder „Radikalos-Regierung“, Premier Tsipras ist der „Krawall-Grieche“ oder „Raffke-Minister“, aus Finanzminister Varoufakis wird Finanzminister „Varoutricksis“ oder „Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider“.

Das mit dem Naked Bike kommt von Béla Anda, dem Politik-Chef von „Bild“. Der wettert besonders eifrig gegen die „Radikalos-Regierung“ und schreibt Dinge wie:

Wie lederbejackte Rüpel-Rocker röhren Griechenlands Neo-Premier und sein Posterboy-Finanzminister seit ihrem mit platten Parolen erzielten Wahlsieg durch Brüssel. Ihr Gesetz ist die Straße. Hier sind sie (politisch) groß geworden. Hier ist ihre Hood. Deren Unterstützung wollen die Kawa-Naked-Biker (zumindest Varoufakis hat eine) nicht verlieren.

„Naked Bike“ ist übrigens einfach nur die Bezeichnung für ein Motorrad ohne Verkleidung. Das erwähnt Herr Anda nicht, aber es wäre ja auch zu schade um die schönen Assoziationen in den Köpfen der „Bild“-Leser. (Mehr zu Andas „Radikalos“-Geschreibsel können Sie nebenan bei Stefan Niggemeier lesen.)

Yanis Varoufakis, der Finanzminister und lederbejackte Radikalo-Rüpel-Raffke-Rocker-Naked-Bike-Rider-Posterboy ist ohnehin das beliebteste Ziel der „Bild“-Attacken. Dem Blatt scheint jedes Mittel recht und keine Masche zu blöd, um Varoufakis wie einen irren, gierigen, deutschenfeindlichen Unhold aussehen zu lassen. So zum Beispiel:

Der Teaser lautet:

Keine Krawatte, der Kragen seines Sakkos hochgestellt, Hände in den Hosentaschen: So zeigen die meisten Fotos Yianis Varoufakis. Der griechische Finanzminister war jahrelang als Wirtschaftsprofessor tätig und ist für seine provokanten Aussagen bekannt.

Mit einer drastischen Geste – dem gestreckten Mittelfinger – zeigte er in der Vergangenheit auf Deutschland! BILD erklärt, zu welchem Anlass.

Erst im Artikel liest man, dass die „drastische Geste“ gar nicht so gemeint war, wie Bild.de suggeriert. Dort steht nämlich, dass Varoufakis den Finger schon vor zwei Jahren gezeigt hat und dabei sagte:

„Griechenland hätte im Januar 2010 einfach ankündigen sollen, dass es seinen Verpflichtungen im Euro nicht nachkommen kann – wie Argentinien es getan hat – und Deutschland den Mittelfinger zeigen und sagen sollen ‘Jetzt könnt ihr das Problem allein lösen!’“

Das alles erfahren aber nur zahlende „Bild-Plus“-Leser. Für alle anderen bleiben nur Schlagzeile und Teaser und damit der Eindruck, Varoufakis habe „uns“ den Mittelfinger gezeigt.

So verwenden die „Bild“-Leute alles, was sie von oder über Varoufakis finden, gegen ihn. Selbst sein Schriftbild.

BILD befragte dazu die Graphologin Christiane Sarreiter.

„Die Unterschrift ist extravagant“, analysiert die Expertin. „Neben Dynamik und Euphorie stecken Pathos und Geltungsbedürfnis dahinter.“

Klar.

Auffallend seien die vielen Schnörkel. „Das wirkt sehr selbstgefällig“, erklärt Christiane Sarreiter. „Er gefällt sich anscheinend in seiner neuen Rolle als Finanzminister.“ (…)

Merkwürdig sei vor allem, dass der Schlusszug wieder scharf nach links zurückgehe. „Das wirkt, als würde er sich selbst wieder durchstreichen, als würde er unbewusst das zuerst Gesagte wieder zurücknehmen.“

Oha! Was könnte das nur bedeuten, „Bild“?

Vielleicht will Varoufakis damit ausdrücken, man müsse ihn nicht immer wörtlich nehmen, es sei nicht alles so ernst gemeint?

Oder vielleicht will er damit ausdrücken, dass er gerne nackt Motorrad fährt?

Die Handschrift der „Bild“-Zeitung verrät jedenfalls, dass sie es auf die Griechen abgesehen hat, und dass es ihr ernst damit ist. Und wenn sie fragt:

… hätten wir eine Antwort. Aber es ist keiner von den beiden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Spionage, WAZ, Rundfunkgebühr

1. „Der Mann, der bei der taz Sebastian Heiser war“
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal fühlt sich von der „Spionageaffäre“ bei der „taz“ an den „Mann, der bei ‘Bild“ Hans Esser war“ erinnert – Günter Wallraff: „Viele Journalisten-Kollegen fanden diese dreiste ‘Eulenspiegelei’ damals großartig. Was für ein Scoop! Wallraff in der Höhle des Löwen!! Niemand – außer vielleicht Springer – nannte Wallraffs Undercover-Aktion damals ‘Spionage’. Im Gegenteil. (…) Heute, nach den Enthüllungen Edward Snowdens über die weltweite Spionagetätigkeit der Geheimdienste und nach zahllosen Fällen von ‘Geheimnisverrat’ scheint sich die Meinung – zumindest in eigener Sache – zu drehen.“

2. „WAZ entschuldigt sich für eigene Fehler beim Verkauf der Herbert Grönemeyer-Tickets ’30 Jahre Bochum': WAZ-Leser sehr unzufrieden“
(pottblog.de, Jens Matheuszik)
Ein von der WAZ Bochum organisierter „exklusiver Vorverkauf“ für ein Sonderkonzert von Herbert Grönemeyer: „Die WAZ Bochum ließ hunderte Leute für den Exklusivverkauf anstehen – obwohl es die Tickets auch online zu ordern gab.“

3. „‘Der geheimnislose Beschiss’ – Störwellen aus der Hölle“
(zukunftia.de, Sparkiller)
Sparkiller hört im Lokalradio dem Gewinnspiel „Das geheimnisvolle Geräusch“ zu: „Fazit: Call-In-TV goes Radio, was dessen absteigendem Ast nicht wirklich weiterhilft.“

4. „Frühere GEZ schreibt an Flüchtlinge“
(ruhrnachrichten.de, Gaby Kolle)
800 Asylbewerber in Dortmund erhalten Post vom ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice: „Das Sozialamt hat ein Schreiben an den Rundfunk-Beitragsservice geschickt mit der Bitte, für Flüchtlinge ohne eigene Wohnung eine Pauschalbefreiung von den Rundfunkgebühren auszusprechen. Ohnehin könnten die Asylbewerber in der Regel kein Deutsch.“

5. „In der Realität ankommen: Auf der SEITE EINS“
(krautreporter.de, Hans Hütt)
Hans Hütt widmet sich dem Theaterstück „Seite Eins“: „Die Journalistenschulen zwischen Hamburg und München sollten den Besuch des Stücks zum Pflichtprogramm in der Bewerbungsphase machen, so wie die die Mediziner ein Praktikum absolvieren, um eine Idee von der künftigen Arbeit zu bekommen.“

6. „‘Bild’-Zeitung zieht Truppen für Invasion Griechenlands zusammen“
(der-postillon.com)

Seite Eins, Martin Suter, Tatort

1. „SEITE EINS“
(krautreporter.de, Johannes Kram)
Das Drehbuch von „SEITE EINS – Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“: „Wir vom Boulevard, wir übertreiben es manchmal, wir sind vielleicht oft etwas zu deutlich, aber … Handy klingelt wieder, er schaut auf das Display … aber ich sage Ihnen was: Wir nehmen den Leser ernst.“

2. „Suter, ein verhätschelter Staatskünstler?“
(tagesanzeiger.ch, Andreas Tobler)
„Staatshilfe für Star-Autor“, titelt „Blick“ gestern und greift Martin Suter an – Geld ist jedoch hauptsächlich an Übersetzer seines Werks geflossen: „Martin Suter hat bisher nur einmal einen substanziellen Beitrag vom Staat erhalten: 1997 bekam er die Ehrengabe des Kantons Zürich für seinen Erstlingsroman ‘Small World’. Dotiert war diese Ehrengabe mit gerade einmal 5’000 Franken.“ Zur Beziehung zwischen Suter und „Blick“ siehe auch diese Stellungnahme des Schweizer Presserats von 2010.

3. „Nimm mich!: Mehrere Städte buhlen um den neuen SWR-‘Tatort’ – nicht immer in Würde“
(dnn-online.de, Imre Grimm)
Städte bewerben sich als Schauplatz für den „Tatort“: „Beim SWR sieht man derlei Bemühen eher zurückhaltend. Bewerbungen hätten gar keinen Zweck, sagt Zöllner. ‘Die Entscheidung fällt nach dramaturgischen Gesichtspunkten.'“

4. „Alles Stasi außer Mami“
(heise.de/tp, Malte Daniljuk)
Malte Daniljuk beleuchtet das Journalisten-Ehepaar Jörg Eigendorf („Die Welt“) und Katrin Eigendorf (ZDF): „Spätestens wenn er Kritikern seiner parteiischen Berichterstattung nicht nur pauschal Verbindungen zu gegnerischen Geheimdiensten unterstellt, sondern sogar sein ‘Investigativteam’ auf sie ansetzt, ist der Punkt erreicht, an dem sich der deutsche Journalismus und der Springer-Verlag im Besonderen jenseits des demokratischen Selbstverständnisses bewegen, das man so gerne lauthals für sich reklamiert.“

5. „Macht ohne Kontrolle – Die Troika“
(arte.tv, Video, 90 Minuten)
Harald Schumann stellt die Frage: „Was passiert mit Europa im Namen der Troika?“

6. „BILD? Unterstütz ich nicht!“
(preiselbauer.de)

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