Die „leicht zu entlarvende Propaganda-Lüge“ der Hamas

Als Anfang der Woche die Hamas bekannt gab, einen israelischen Soldaten gefangen genommen zu haben, und Israel das dementierte, war für „Spiegel Online“ unmittelbar klar, wer hier die Wahrheit sagt (Israel) und wer nicht (Hamas). „Leicht zu entlarven“ sei sie gewesen, die „Mär“, die „Propagandalüge der schlechteren Art“:

Nur stellte sich dann später heraus, dass es offensichtlich die israelische Seite war, die die Unwahrheit gesagt hatte. Jedenfalls meldete „Spiegel Online“ dann plötzlich am Dienstag: „Israel meldet vermissten Soldaten im Gazastreifen“, und die Korrespondentin Ulrike Putz beschrieb nun ausführlich das, was sie tags zuvor noch als leicht zu durchschauende Lüge abgetan hatte: „Vermisster israelischer Soldat: In den Händen der Hamas.“

Von einer „Propagandalüge“ auf israelischer Seite war nun allerdings nicht die Rede. Stattdessen hieß es nur:

Es hat gedauert, doch am Dienstag gab die israelische Armee (IDF) bekannt, dass sie seit Sonntag einen ihrer Soldaten im Gazastreifen vermisst.

Wäre es bei einem so heiklen und unübersichtlichen Thema wie dem Gazakrieg nicht entscheidend wichtig, sich nicht die Behauptungen der einen Seite unmittelbar zu eigen zu machen, bzw. offenbar anzunehmen, dass die eine Seite (Hamas) „Propagandalügen“ verbreitet, die andere (Israel) aber die Wahrheit sagt? Und wäre es nicht gut, in der Berichterstattung auch auf die eigenen Fehler hinzuweisen bzw. die vorherigen Artikel entsprechend zu ergänzen?

Der stellvertretende Chefredakteur Florian Harms antwortet darauf, dass „Spiegel Online“, „wie es unseren Standards entspricht“, ebenso prominent über das Hamas-Statement berichtet habe wie über das israelische Dementi. Als sich der Fall weiterentwickelte, habe man wieder ausführlich berichtet. „Unsere Leser konnten sich also fortlaufend über den Fortgang des Falles informieren.“

Harms räumt ein:

Das kritisierte Autorenstück hätte am Artikelbeginn sicherlich vorsichtiger und zurückhaltender formuliert werden müssen, und es entspricht ebenfalls unseren Standards, dass wir unsere Leser darauf hinweisen, wenn sich herausstellt, dass die Faktenlage anders ist als beschrieben. Das holen wir nun nach.

Bei den einzelnen Artikeln finden sich seit heute tatsächlich Anmerkungen wie:

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hatte nach einer Meldung über die Mitteilung der Hamas und einer weiteren Meldung über das Dementi Israels in diesem Artikel berichtet, es werde kein israelischer Soldat vermisst, und von einer „Lüge“ der Hamas gesprochen. Das entspricht nach aktuellem Kenntnisstand nicht der Faktenlage. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an Peter M.!

„Putin, schau in die Gesichter
dieser 100 Opfer!“

Zur postkatastrophalen Berichterstattung in den „Bild“-Medien gehört immer auch eine „Galerie der Trauer“, in der die privaten, oft aus dem Internet geklauten Fotos der Opfer präsentiert werden. Meist auf der Titelseite, meist riesengroß und meist ohne jede Unkenntlichmachung. Dazu allemöglichen Details über ihr Privatleben, woher sie kamen, welche Musik sie gerne hörten, ob sie frisch verliebt waren.

Man konnte das schon nach dem Attentat von Utøya erleben, nach dem Amoklauf in Winnenden, nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg, nach dem Busunfall in der Schweiz, nach dem Verschwinden von Flug MH370. Und auch jetzt, nach dem Absturz von MH17:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Seit gestern zeigt Bild.de in dieser Galerie Fotos von 100 (!) Opfern des Unglücks, darunter auch viele Kinder, nennt ihre vollen Namen und viele persönliche Details (die überwiegend mutmaßlich aus sozialen Netzwerken und ausländischen Medien stammen). Nur 20 der 69 Fotos tragen einen Quellennachweis, die meisten davon „Privat“.

Schon am Wochenende hatten „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de einige der Fotos gezeigt und private Informationen veröffentlicht, auch dort größtenteils ohne Quellenangaben.

(Übrigens konnten sie es auch gestern nicht lassen, die Opferporträts für ihre Putin-Kritik zu missbrauchen; bei Facebook und in der URL hieß es zunächst: „Putin, schau in die Gesichter dieser 100 Opfer!“ — inzwischen aber nicht mehr.)

Da die „Bild“-Zeitung nicht verrät, wie sie in solchen Fällen an die Fotos kommt (andere Medien im Übrigen auch nicht), können wir über über die Frage, wie sie es diesmal gemacht hat, nur spekulieren. Bei den Angehörigen um Erlaubnis gefragt hat sie aber vermutlich nicht.

Im März 2009, kurz nach dem Amoklauf von Winnenden, wollte das ARD-Magazin „Panorama“ vom Axel-Springer-Verlag wissen, wie „Bild“ an die Opferfotos gekommen war und ob die Genehmigung der Angehörigen vorlag. Springer-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete:

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Der Sprecher gab in einem Fall sogar indirekt den Eltern die Schuld dafür, dass „Bild“ das Schicksal ihres Kindes ausgeweidet hatte: Indem sie einem Nachruf im „Tagesspiegel“ zugestimmt hatten, hätten sie das Kind zu einer „relativen Person der Zeitgeschichte“ gemacht — und in „solch einem Fall“, so der Sprecher, bedürfe es „keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.“

Medienanwalt Christian Schertz entgegnete jedoch:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt [Von dort hatten die Medien einige der Fotos offensichtich geklaut, Anm.], willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Damals hatte sich auch ein Vater zu Wort gemeldet, dessen Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden getötet wurde und über deren Leben und Sterben „Bild“ und andere Medien ebenfalls groß berichtet hatten. Er sagte:

„Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von [meiner Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. (…)

Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.“

Gegendarstellung, Zeitungssterben, BILDblog-Kritik

1. „Gegendarstellung zu ‘Großteil der Medien berichtet voreingenommen’“
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Die Welt zitiert den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch mit der These, dass propagandistisch gegen Israel ausgerichtete Überschriften ein Auslöser für antijüdische Aggression auf deutschen Straßen seien. Dessen Reaktion: „Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von diesen mir fälschlicherweise zugeschriebenen Aussagen. [Diese Behauptung] entspricht weder meiner Meinung, noch lässt [sie] sich in irgendeiner Form aus meinen Analysen schließen.“

2. „Müssen die Zeitungen wirklich sterben?“
(wdr5.de, Gisa Funck)
Die Tageszeitungen werden sterben, und das Internet ist schuld daran. Wirklich? Eine Studie des Medienforschers Andreas Vogel sagt etwas anderes: Die Zeitungskrise gebe es schon länger als das Internet, der Rückgang der Auflage sei weitestgehend selbstverschuldet. Anschauliche Grafiken aus der Studie finden sich im Blog von Katharina Brunner, bei kress spricht Vogel über Rückschlüsse aus seiner Forschung.

3. „Was, du bist Zigeunerin?“
(taz.de, Dunja Ramadan)
In ungarischen Medien tauchen Roma fast nur als „Kriminelle“ auf. Krisztina Balogh, halb Romni, halb Ungarin, möchte Journalistin werden, um genau das zu ändern. Vorurteile gegenüber Sinti und Roma gibt es aber nicht nur in Ungarn: Der Mediendienst Integration und die taz berichten über eine Studie zum „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“.

4. „Offtopic: Was BILDblog nicht zeigt (Update)“
(stigma-videospiele.de)
Ein Leser teilt dem BILDblog regelmäßig „sachdienliche Hinweise“ mit - doch seine Mails bleiben unbeantwortet und finden keine Erwähnung im Blog. Warum aus den Links keine BILDblog-Artikel geworden sind, hat Mats Schönauer zu erklären versucht; Auszüge des Mailwechsels finden sich im Update unter dem Text.

5. „Nachrichtenagentur AP schockiert mit missverständlichem Tweet“
(tagesspiegel.de, Markus Hesselmann)
„BREAKING: Dutch military plane carrying bodies from Malaysia Airlines Flight 17 crash lands in Eindhoven.“ Ein schlampig formulierter Tweet der Nachrichtenagentur AP macht aus einem Nebensatz eine Bruchlandung und sorgt für Entsetzen auf Twitter.

6. „The challenge of Covering Gaza at War“
(martin-lejeune.tumblr.com, englisch)
„On the other side of the revolving steel door I met a correspondent returning from Gaza to Israel, looking at me and saying: ‘Welcome to Hell.’“ Martin Lejeune versucht, nach Gaza einzureisen und dokumentiert, wie schwer es für Journalisten ist, vor Ort über den Nahost-Konflikt zu berichten.

Die Krux mit der Sprache

Bild.de schrieb heute über „die letzte Reise“ der „Costa Concordia“:

Ja, wer kennt sie nicht, die „linguistische Hafenstadt Genua“? Immerhin fast so berühmt wie die toxische Stadt Florenz. Und fast so schön wie Barcelona, die Hauptstadt der Kastanien, drüben, auf der imperialistischen Halbinsel.

Aber im Ernst: Es war dann doch eher die „ligurische“ Hafenstadt gemeint, wie Bild.de inzwischen auch selbst gemerkt hat.

Mit Dank an U. P.

Shitstorms, Spiegel, Stellenkürzungen

1. „Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung“
(leitmedium.de, Caspar Mierau)
Gestern ging es an gleicher Stelle um eine Karikatur in der FAZ, die viele Leser als rassistisch kritisiert haben. Heute schreibt Caspar Mierau über die seiner Meinung nach falsche Reaktion: „[Mit den Rechtfertigungsversuchen] macht das Shitstorm-Management einen fatalen und häufig gesehen Fehler: Es produziert einen Skandal zweiter Ordnung.“ Auch Anne Fromm bezeichnet die FAZ in der taz als „kritikresistent wie eine Teflon-Pfanne“.

2. „Wulff-Interview stammte aus der Konserve“
(berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Medienschelte von Christian Wulff im „Spiegel“ ist bereits sechs Wochen alt. Außerdem wurde das Interview nicht von den Redakteuren geführt, die in der Vergangenheit über Wulff geschrieben hatten, da Chefredakteur Wolfgang Büchner eine vergiftete Gesprächsatmosphäre befürchtete. Große Teile der Redaktion kritisieren Büchner nun dafür, „vor Wulff den Kotau zu machen“.

3. „Why show dead people in the news?“
(fabianmohr.de, englisch)
Manche Fotos, die vor 50 Jahren noch einen Pulitzer-Preis bekommen haben, würden heute nicht mehr gedruckt werden; zu schonungslos stellen sie Tod und Gewalt dar. Fabian Mohr macht einen Vorschlag, woran sich Redakteure bei dieser schwierigen Abwägung orientieren sollten. Zum selben Thema: Margaret Sullivan rechtfertigt das umstrittene Titelbild der „New York Times“. Und Reto Camenisch wirft einem Magnum-Fotografen „pornografische Distanzlosigkeit“, einen „moralischen Totalabsturz“ vor.

4. „Zur Schau gestellte Absturzopfer“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Über pietätlose Fotos ärgert sich auch Rainer Stadler. Der „Blick am Abend“ hat auf seiner Titelseite die Portraits von zwölf Kindern abgedruckt, die in der MH17 ums Leben kamen. Diese Bilder stammten von Facebook, wo sie laut Chefredakteur öffentlich zugänglich waren. „Der Presserat würde ihm wohl deswegen die Ohren lang ziehen“, meint Stadler.

5. „Ab und zu kommt mal ein Praktikant“
(kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv“, so möchte Madsack die „Leipziger Volkszeitung“ positionieren – indem bei der einzigen Tageszeitung der Stadt 36 Mitarbeiter entlassen werden.

6. „Our 25 Favorite Unlocked New Yorker Articles“
(longform.org, englisch)
Der „New Yorker“ hat alle Artikel seit 2007 und viele ausgewählte Fundstücke aus den Archiven kostenlos veröffentlicht – für drei Monate, dann verschwindet die gesamte Webseite hinter einer „metered Paywall“. Neben den 25 Lesetipps von Longform empfehlen auch Slate und der Business Insider Recherchen und Reportagen, die man bis dahin gelesen oder zumindest abgespeichert haben sollte.

Israel, Rassismus-Diskussionen, Tracking-Cookies

1. „Ruhe – wir schießen“
(deutschlandfunk.de, Bettina Marx)
Längst findet der Nahostkonflikt seine Fortsetzung in den Medien (nytimes.com). Doch die Frontlinien verlaufen auch innerhalb Israels: Seitdem der israelische Journalist Gideon Levy die Piloten der Luftwaffe für ihre Einsätze über dem Gazastreifen kritisiert hat, gilt er vielen Kollegen als Nestbeschmutzer und fragt: „Es gibt einen solchen starken und einheitlichen Chor in den Medien, warum stört euch eine einzige Stimme, ein bloßes Echo, das davon abweicht?“

2. „Leistungsschutzrecht: Google soll zahlen, Facebook nicht“
(netzpiloten.de, Jakob Steinschaden)
Suchmaschinen wie Google benutzen Snippets, um die Inhalte von Verlagen darzustellen. Für die Nutzung dieser Textauszüge fordert die VG Media bis zu elf Prozent Umsatzbeteiligung. Doch gleichzeitig publizieren dieselben Medien vergleichbare Teaser freiwillig und kostenlos bei Facebook und Twitter.

3. „FAZ: Mit Voodoo gegen Ärztemangel“
(trollbar.de, Ali Himpenmacher)
Viele Leserinnen und Leser empfinden eine Karikatur der FAZ als rassistisch. Die Social-Media-Redakteurin (140z.de) stellt sich auf Twitter der Diskussion.

4. „Meet the Online Tracking Device That is Virtually Impossible to Block“
(propublica.org, Julia Angwin, englisch)
Mit „canvas fingerprinting“ erreichen Tracking-Cookies eine neue Dimension: Jedem Browser wird ein einzigartiger digitaler Fingerabdruck zugeordnet, der die Nutzer „von WhiteHouse.gov bis YouPorn“ verfolgt und sich mit nicht mit herkömmlichen Adblockern oder Anti-Tracking-Tools blockieren lässt.

5. „Schneller und schlauer als alle Experten“
(tagesanzeiger.ch, Julian Schmidli)
Der Brite Eliot Higgins „hat die Energie eines Besessenen und die Spitzfindigkeit eines Finanzprüfers.“ Täglich analysiert er 300 Videos aus Syrien und wurde so zu einem „unverzichtbaren Analysten des Krieges“ (New Yorker). Jetzt hat er eine Rechercheplattform für investigative Bürgerjournalisten gegründet und sammelt dafür Geld auf Kickstarter.

6. „Die Wahrheit über Flug MH17″
(taz.de, Deniz Yücel)
Angeblich wurde MH17 von prorussischen Separatisten abgeschossen. Doch Deniz Yücel kennt die wahren Schuldigen – von Israel über die NSA bis zur Homolobby. Weniger satirisch zum selben Thema: Tobias Riegel (neues-deutschland.de).

Afghanistan, Jogi Löw, Christian Wulff

1. „Angeschwärzt“
(vonwurmbseibel.com)
Ronja von Wurmb-Seibel lebt als freie Journalistin in Kabul. In deutschen Zeitungen entdeckt sie regelmäßig Artikel über Afghanistan, die mit der Realität vor Ort nur wenig zu tun haben. Deshalb greift sie zum Edding, schwärzt Falschinformationen in den Texten und kündigt an: „Der nächste Autor, der von weit weg Scheiße über Kabul schreibt, wird von mir eine Nachricht bekommen. Sie wird schwarz sein, und bedrohlich, und nur zwei Worte werden zu erkennen sein: LOOK! LISTEN!“

2. „Das verbotene Zitat von Jogi Löw“
(schweizamsonntag.ch, Patrik Müller)
Am 29. März ruft der Pressesprecher der deutschen Fußballnationalmannschaft beim Chefredakteur der Schweiz am Sonntag an: „Wenn Sie diesen Satz im Interview drin lassen, dann brauchen wir gar nicht erst nach Brasilien fahren!“ Es geht um ein Zitat, in dem Joachim Löw seinen Rücktritt nach der WM andeutet; das Interview erscheint letztendlich ohne die pikante Aussage. Doch nach dem Weltmeistertitel findet Patrik Müller: „Jetzt darf das verbotene Zitat raus.“

3. „Damals, als FAZ-Autoren noch jung waren…“
(schmalenstroer.net)
Die FAZ hat einen Weckruf für die aktuelle Studentengeneration verfasst, wünscht sich mehr Selbständigkeit und weniger Konformität und „verbreitet so viel Blödsinn, dass man einfach mal genauer hinschauen muss.“ Meint jedenfalls Michael Schmalenstroer und kommt zum Schluss: „Heute ist vieles anders, als damals, als die FAZ-Autoren und ihre Leser jung waren.“ Widerspruch kommt auch von Katharina Nocun (lang und kämpferisch) und Christian Simon (kurz und polemisch). 

4. „Die Verrohung des Diskurses, diese ganze Häme, mit Diffamierung und Denunziationen“
(danisch.de)
Christian Wulff teilt in einem Interview im Spiegel (Vorabmeldung) gegen Journalisten aus und wirft den Medien vor, ihn aus dem Amt geschrieben zu haben. Das nimmt Hadmut Danisch zum Anlass für eine Generalabrechnung: „Unsere Presse ist unglaublich schlecht geworden. Längst erfüllt sie ihre Aufgaben nicht mehr, und richtet mittlerweile in vielen Bereichen mehr Schaden als Nutzen an.“

5. „Blogs und ihre Macher: Supermarktblog“
(br.de, Daniel Bouhs)
„Wenn ich Reisen mache, bezahl ich die selber, wenn ich Unterkünfte bezahlen muss, bezahl ich die selber und [...] ich schreib natürlich auch mal positiv über Unternehmen, [...] aber nicht, weil ich dafür bezahlt wurde.“ Das sagt Peer Schader, Erfinder und Betreiber des Supermarktblogs. Das Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks stellt ihn und seine Arbeit in 3:21 Minuten vor.

6. „Blognetz Visualisierungen Juli 2014″
(2-blog.net, Luca Hammer)
Das #blognetz (FAQ) visualisiert die Facebook-Verbindungen zwischen rund 3000 angemeldeten Bloggerinnen und Bloggern. So werden die Netzwerke und Filterblasen sichtbar, die sich im deutschsprachigen Raum gebildet haben.

Werben mit der Kraft des Vulkans

Haben Sie sich vor zwei Wochen zufällig die „Superillu“ gekauft? Nein? Tja, Pech. Da haben Sie nämlich einiges verpasst:

Nein, wir meinen nicht den „Kult“-Film aus den 80ern oder die Geschichte über prominente Scheidungskinder („Es kommt in den besten Familien vor“) oder die putzigen Fotos von Stefanie Hertels „Liebes-Reise“ (die vermutlich eher so mittelromantisch war, weil nicht nur „Papa und Ehemann“ mitgereist sind, sondern auch eine Horde von Fans, aber wurscht). Nein, wir meinen das große, herausnehmbare Ratgeber-Extra:

Auf den vier Zusatz-Seiten dreht sich alles um den Fersensporn, eine fiese Reizung im Fuß, die, wie gleich am Anfang erklärt wird, bei fast jedem zehnten Menschen auftrete. Aber keine Panik! Denn:

Wie man dem Fersensporn davonmarschieren kann, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Und auf diesen Seiten wird dann zunächst erklärt, wie ein Fersensporn entsteht und welche „herkömmlichen“ Methoden es gibt, ihn zu behandeln. Die sind aber meist ziemlich schmerzhaft und/oder sauteuer, wie der Leser schnell feststellen muss, doch zum Glück kennt die „Superillu“ eine Lösung:

Wenn viele Methoden und Medikamente nicht den gewünschten Erfolg bringen, kann häufig die Homöopathie Linderung bringen. Das gilt auch für den Fersensporn. Ein spezielles Mittel aus Lava hat sich seit Jahrzehnten bewährt

Und um dieses „spezielle Mittel“ geht es dann auch. Und mehr noch: In Wirklichkeit sind die vier Extra-Seiten gar kein Ratgeber, sondern ein Werbeprospekt für das homöopathische Mittel.

Mit Sätzen wie:

Bei der Behandlung eines Fersensporns wird das homöopathsiche Einzelmittel [XY] von Medizinern schon seit über 100 Jahren erfolgreich angewandt.

Oder:

Es kann dem Körper dabei helfen, den Entzündungsprozess in und um die Sehnenplatte unter dem Fuß in Eigenregie einzudämmen. Die Schmerzen lassen nach, oft bildet sich der Sporn zurück. Zudem vermuten Experten, dass homöopathische Mittel generell die Kommunikation der Körperzellen wiederherstellen können, was ebenfalls zur Heilung beiträgt.

Und so weiter. Die großen Vorteile des Mittels werden dann nochmal von einem „Homöopathie-Experten“ gepriesen, der auch gleich schon mal erklärt, wie oft und in welchen Dosen es genommen werden sollte.

Und von außen sieht das Ganze aus wie … nun ja:

Die Fotos kommen zum Teil direkt vom Hersteller, der Deutschen Homöopathie-Union. Doch statt „Anzeige“ steht über den Extra-Seiten das hier:

Wir wollten von der „Superillu“ wissen: Handelt es sich tatsächlich um redaktionellen Inhalt? Oder um eine Anzeigenform? Oder gar um eine Mischung aus beidem?

Das vollständige Statement der „Superillu“-Sprecherin liest sich so:

Die Beilage in Super Illu 28/14 entspricht nicht unseren publizistischen Grundsätzen. Wir haben interne Richtlinien, die unlängst noch deutlicher formuliert worden sind, um Grauzonen künftig zu vermeiden.

Naja. Immerhin.

Udo van Kampen, Edward Snowden, Wikipedia

1. „Zwischen Nähe und Distanz“
(sueddeutsche.de, Thorsten Denkler)
Thorsten Denkler schreibt zum „Happy Birthday“, das der Leiter des ZDF-Studios Brüssel, Udo van Kampen, während einer Pressekonferenz für Angela Merkel gesungen hatte: „Journalisten machen so etwas nicht. Sie sind Beobachter, keine Teilnehmer. Sie klatschen nicht, wenn ein Politiker eine besonders gute Rede hält. Sie jubeln nicht, wenn die Partei, die sie am Nachmittag gewählt haben, ein besonders gutes Ergebnis einfährt.“

2. „Hätte er doch besser nur berichtet“
(taz.de, Erik Peter)
Über „Journalisten-Darsteller wie van Kampen“ könne sich Angela Merkel nur freuen, glaubt Erik Peter: „Wo Medienvertreter sich den Mächtigen derart an den Hals werfen, droht keine Gefahr. Van Kampen kann als Teil eines Systems gelten, in dem Klüngelrunden, persönliche Seilschaften und Tauschgeschäfte von Informationen gegen wohlgesinnte Berichterstattung das Verhältnis von Politik und Medien durchziehen. Dabei gilt: Je mächtiger und größer das jeweilige Medium, desto enger die Bindungen.“

3. „Essay: Hey, Publishers: Stop fooling us, and yourselves“
(poynter.org, David Boardman, englisch)
David Boardman denkt nach über das Zeitungsgeschäft: „Let’s get real. The seven-day-a-week printed newspaper – particularly in metropolitan areas – is terminally ill. Working to sustain it is not only futile, but ultimately destructive to the very values its champions espouse. (…) So, I say to publishers: Invest in a superb, in-depth, last-all-week Sunday (or better yet, Saturday) paper, a publication so big and rich and engaging that readers will devour it piece by piece over many days, and pay a good price for that pleasure.“

4. „Sollen Journalisten Autos testen?“
(mojomag.de, Clemens Gleich)
Die Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten: „Für die Autobild ist ‘Journalist’ ein im kollektiven Redaktionskopf bis zur Unkenntlichkeit überladener Kampfbegriff geworden, weil die Autobild auf lange Sicht gesehen im Medienwandel um ihre Existenz kämpft. In der Realität ist ‘Journalist’ ein völlig ungeschützter, von jedem auf sich anwendbarer Begriff für eine Person, die Informationen kompiliert und in Sprachform aufbereitet publiziert.“

5. „Edward Snowden: ‘If I end up in chains in Guantánamo I can live with that’ – video interview“
(theguardian.com, Video, 13:59 Minuten, englisch)
Alan Rusbridger und Ewen MacAskill sprechen mit Edward Snowden.

6. „For This Author, 10,000 Wikipedia Articles Is a Good Day’s Work“
(online.wsj.com, Ellen Emmerentze Jervell, englisch)

Penis, Gauchos, Happy Birthday

1. „Wie man richtig über Studien berichtet“
(journalist.de, Larry Magid)
Larry Magid gibt Tipps, wie man als Journalist mit Studien umgeht: „Bevor ich über die Studie schreibe, bitte ich deshalb darum, das ganze Dokument einsehen zu können. Es sollte eine Zusammenfassung der Methodik enthalten, die erklärt, wie die Stichprobe gezogen wurde, welche Fragen gestellt und wie sie beantwortet wurden. Dann stelle ich manchmal fest, dass die Methodik fehlerhaft war oder die Zusammenfassung in der Pressemitteilung nicht zu den tatsächlichen Ergebnissen passt.“

2. „Der Kreuzzug der Journalisten der Gilde der Reinheit“
(unternet.ch, Stefan Millius)
Stefan Millius versteht nicht, weshalb er als Journalist nicht auch PR machen sollte: „Arbeite ich für ein Unternehmen, gibt mir dieses klare Auflagen bezüglich Ergebnis. Bin ich journalistisch für ein Magazin aktiv, arbeite ich unabhängig und unbeeinflusst. Das ist für mich selbstverständlich, darüber debattiere ich gar nicht erst. Weshalb ich bei der journalistischen Arbeit in irgendeiner Weise weniger objektiv sein soll aufgrund meiner PR-Arbeit als ein Journalist, der ja auch ein Leben neben der Arbeit hat (Vereine, Netzwerke, alte Freund- und Seilschaften), erschliesst sich mir nicht.“

3. „False is the new true: Fake news clickbait, ‘Blood Feud’ and why the truth stopped mattering“
(technologytell.com, Stephen Silver, englisch)
Stephen Silver berichtet von satirischen Nachrichten, die weder wahr noch lustig sind: „This isn’t true, and isn’t funny. It’s not even a ‘prank’ either- there’s no reveal. And it’s not even trolling- it’s way worse than that. It’s just grossly insidious and dishonest, both a crime against truth and against comedy.“

4. „Symbolbild (XII)“
(noemix.twoday.net)
Symbolbilder, die Medien verwenden, um einen Penis darzustellen.

5. „Reporter sings Happy Birthday to Angela Merkel in Brussels“
(bbc.com, Video, 1:06 Minuten)
Ein deutscher Reporter singt an einer Pressekonferenz „Happy Birthday“ für Angela Merkel.

6. „Anthropologische Studie: Gauchos gehen ganz normal“
(der-postillon.com)

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