Hedi Wyler, Krippenspiel, Pegida

1. „‘Das Volk hat gesagt nein zu Einwanderung und Pasta'“
(woz.ch, Carlos Hanimann)
Eine Leserin bittet darum, herauszufinden, wer hinter dem Pseudonym „Hedi Wyler“ steckt, denn unter diesem Namen werden auf Schweizer Online-Portalen viele Leserkommentare veröffentlicht – „Kommentare voller Wut, manchmal (unfreiwillig?) zum Schreien komisch“. Es stellt sich heraus: „Hedi Wyler ist ein Mann Mitte vierzig. Historiker und Lehrer in leitender Funktion. Familienvater.“

2. „Krone macht traumatisierte Mutter zur ‘tobenden Türkin'“
(kobuk.at, Sara Hassan)
Ein Krippenspiel an einer Schule in Wien sei, so stellt es die „Kronen Zeitung“ dar, „von einer tobsüchtigen Türkin“ überschattet worden. Saran Hassan schreibt: „Die Frau ‘platzte’ nicht in die Vorbereitungen des besinnlichen Krippenspiel: Sie war schlichtweg eingeladen – wie alle anderen Eltern und Großeltern auch. Warum die Frau einen Nervenzusammenbruch hatte, erwähnt die ‘Krone’ mit keinem Wort.“

3. „‘Wort im Mund umdrehen'“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber befragt Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach zum Bündnis Pegida: „Wir haben inzwischen neben der Politikverdrossenheit auch eine Medienverdrossenheit. Deren Ursachen sind vielfältig, aber eine besteht sicherlich darin, dass es den Medien oft nicht gelingt und es auch nicht beabsichtigt ist, über die Themen zu berichten, die den Normalbürger interessieren. Der Normalbürger ist oft nicht so, wie ihn sich eine intellektuelle Elite wünscht. Ihn, seine Sorgen und Einstellungen dann aber aus der Berichterstattung auszugrenzen, ist auch kein Weg.“

4. „Kontaktversuch: ‘Lügenpresse’ trifft Pegida“
(daserste.ndr.de, Video, 6:59 Minuten)
„Panorama“ besucht eine Pegida-Demonstration in Dresden: „Viele Teilnehmer eint die Ablehnung der etablierten Medien – mehrfach gab es auch von Seiten der Veranstalter die Aufforderung, nicht mit diesen zu sprechen, der Schlachtruf ‘Lügenpresse’ ist in Dresden immer wieder zu hören. Die Medien würden die Aussagen der Teilnehmer ohnehin nur manipulieren, verdrehen oder gar nicht erst senden.“ Um dem Vorwurf entgegenzuwirken, „die Aussagen würden sinnentstellend geschnitten oder bösartig verkürzt“, werden die Interviews zusätzlich in voller Länge online gestellt (Teil 1 / Teil 2).

5. „‘Was Journalisten machen, können Bürger auch'“
(zeit.de, Annika von Taube)
Annika von Taube spricht mit Daniel Drepper über ein „Crowdfunding-Projekt zur Förderung von Recherchen, das auch Nichtjournalisten offen steht“: „Ich finde es erschreckend zu sehen, wie viel Skepsis, sogar Hass den Journalisten in den letzten Monaten gerade im Zusammenhang mit der Berichterstattung zur Ukraine oder Syrien entgegengeschlagen ist, und was für einen Anklang ein Buch bekommen kann, das zum Teil abstruse Theorien verbreitet und alles über einen Kamm schert. Ich glaube, es wird eine große Aufgabe für die Medien in den nächsten Jahren, dieser öffentlichen Kritik zu begegnen und sie auszuräumen.“

6. „Der Kriegsfreiwillige“
(campus.nzz.ch, Robin Schwarzenbach)
Ein Interview mit Kriegsreporter Kurt Pelda, dem kürzlich mitgeteilt wurde, „dass man von Freischaffenden aus Krisenregionen nichts mehr nehmen könne, auch aus Gründen der Sorgfaltspflicht“. Die NZZ habe er nicht zuletzt wegen fehlender Freiheiten verlassen: „Als man mir ganz am Ende meiner Zeit wegen Sicherheitsbedenken verboten hatte, nach Papua zu fahren, bin ich trotzdem gegangen. Der Artikel ist dann im ‘Economist’ erschienen. Das war eine schöne Genugtuung für mich.“

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Die nicht unumständlichen „Pegida“-Umfragen

Apropos „Pegida“. Anfang der Woche veröffentlichte „Zeit Online“ die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage …

… die von anderen Medien auch gleich aufgegriffen wurden:

Fast jeder zweite Deutsche hat Verständnis für Pegida-Demos

(Bild.de)

Eine Umfrage von Zeit online ergab, dass mit 49 Prozent knapp die Hälfte der Bundesbürger Verständnis für die Demonstrationen haben.

(noz.de)

Knapp die Hälfte (49 Prozent) der Deutschen hat nach einer Umfrage von „Zeit Online“ Verständnis für islamkritische Demonstrationen wie „Pegida“.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für islamfeindliche Demonstrationen wie die von „Pegida“

(handelsblatt.com)

Laut einer Umfrage von „Zeit Online“ sympathisiert fast jeder zweite Bundesbürger mit Pegida und ihren Ablegern.

(funkhauseuropa.de)

Laut einer Umfrage der „Zeit“ zeigt dennoch jeder Zweite Verständnis für Anti-Islam-Demos.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für „Pegida“

(wiwo.de)

Das ist allerdings nicht ganz richtig. In der Umfrage von „Zeit Online“ ging es nämlich gar nicht um „Pegida“. Oder zumindest nicht nur. Die Fragestellung lautete:

Das ist — ob mit Absicht oder nicht — zumindest sehr irreführend formuliert. Denn wer zwar Verständnis für Demos gegen den „Islamischen Staat“ hat, aber nicht für „Pegida“, hatte keine echte Antwortmöglichkeit (außer vielleicht dem schwurbeligen „Teils, teils“). Dabei hat es in der Vergangenheit durchaus Demos gegen den „IS“ gegeben (auch von Muslimen), die nichts mit „Pegida“ oder der angeblichen „Islamisierung des Abendlandes“ zu tun hatten.

Auch die Umfrage, die „Bild“ heute veröffentlicht hat („So denken die Deutschen über Pegida“), ist problematisch. Eine Frage lautete:

„Bild“ stellt es also schon in der Fragestellung als Tatsache dar, dass der Einfluss des Islam in Deutschland wachse*. Für „Spiegel Online“, wo die Umfrage heute kritisiert wird, ist das ein Zeichen dafür, dass die Befrager wohl „ein ganz bestimmtes Ergebnis erreichen“ wollten. Auch eine andere — nur online veröffentlichte — Frage wurde ungewöhnlich umständlich formuliert:

Positiv gestellt hätte sie womöglich ein ganz anderes Ergebnis gehabt.

Siehe auch: „Fragwürdige Erhebung: Angeblich fürchten 58 Prozent der Deutschen den Islam“ (Spiegel Online)

Mit Dank an Stefan G.

*Nachtrag, 19. Dezember: Im abgebildeten Screenshot spricht Bild.de von einem zunehmenden Einfluss des Islam, sowohl in der Print-Ausgabe als auch online heißt es aber auch mehrfach: … Angst vor dem zunehmenden Einfluss. Wie die Fragestellung im Original tatsächlich gelautet hat, können wir also nicht mit Sicherheit sagen.

Whistleblower, Informer, Dieter Nuhr

1. „Medienkritik: Reaktionen aus den Redaktionen“
(ndr.de, Video, 3:09 Minuten)
„Zapp“ konfrontiert Bernd Ulrich („Die Zeit“), Ines Pohl („taz“), Heribert Prantl („Süddeutsche Zeitung“) und Kai Gniffke („ARD aktuell“) damit, dass das Vertrauen in ihre Medien gesunken ist. Siehe dazu auch „ZAPP Studie: Vertrauen in Medien ist gesunken“ (ndr.de, Video, 13:40 Minuten).

2. „‘Na, du linksintellektuelle Prostituierte!'“
(stern.de)
Was eine ungenannte Reporterin des „Stern“ an einer Demonstration des Bündnisses Pegida in Dresden erlebte.

3. „Das montenegrinische Blatt fürs Grobe“
(derstandard.at, Adelheid Wölfl)
Eine Kampagne des montenegrinischen Ablegers der serbischen Boulevardzeitung „Informer“: „Während Ćalović also in aller Öffentlichkeit durch die Berichterstattung des Informer verdächtigt wird, Sex mit Hunden gehabt zu haben, tut das Blatt, das die Schmierenkampagne anführt, so, als wäre es um Aufklärung bemüht.“

4. „Die Schlächter müssen lächerlich gemacht werden.“
(planet-interview.de, Jakob Buhre und Laura Bähr)
Ein langes Interview mit Dieter Nuhr: „Ich bin in der alternativen Szene aufgewachsen, da glaubte man als junger Mensch, man hätte die Wahrheit in den Händen und alle, die es anders machen wollen, sind Drecksäcke und moralisch verkommen. Diese Eindeutigkeit, in der man als junger Mensch die Welt interpretiert, die schwindet irgendwann. Und man wird auch dadurch toleranter, dass man weiß, wie viel Scheißdreck man selber schon im Leben geredet hat. Da denkt man sich: Gestehe es den anderen Menschen doch auch zu!“

5. „Ein Weihnachtsmärchen“
(taz.de, Sebastian Heiser)
Auch die „taz“ berichtet über den Mythos eines Weihnachtsmarktverbots in Berlin Kreuzberg (BILDblog berichtete) „Nach Weihnachten 2013 ebbte die Berichterstattung zunächst ab, lange blieb es ruhig. Doch jetzt in der Weihnachtszeit kommt das Thema wieder hoch. Es dreht eine zweite Runde in den Medien – die dabei durchweg die Verdrehung der Islamhasser übernehmen, wonach der Beschluss des Bezirks sich gegen die Weihnachtsfeiern von Christen richtet.“

6. „Schweig, Verräter!“
(arte.tv, Video, 97 Minuten)
Eine Arte-Doku über Whistleblower.

Herzinfarkt, ZDF-Fernsehrat, Christian Nitsche

1. „Zwischen Mittelmeer und Jordan“
(tagesschau.de, Video, 10:47 Minuten)
Richard C. Schneider lädt die Zuschauer ein, aufgrund von Videomaterial zu entscheiden, was in einer Szene, in der ein Mann (gemäß Autopsie) einen Herzinfarkt erleidet, geschehen ist. „Diese Bilder beweisen gar nichts. Sie zeigen unterbrochen bestimmte Ereignisse, die aber noch nicht unbedingt einen kausalen Zusammenhang herstellen müssen.“

2. „Wer Angst sät, will Macht ausüben“
(blog.tagesschau.de, Christian Nitsche)
Christian Nitsche, zweiter Chefredakteur von ARD Aktuell, verteidigt „Angriffe auf Qualitätsmedien“ – eine „geschürte Stimmung des Misstrauens“ zersetze den Diskurs: „Der Nachweis, dass Sachverhalte von oftmals anonymen, gut organisierten Kritikern verdreht und verkürzt werden, entfaltet kaum Wirkung. Eine offenbar angstgesteuerte Wahrnehmung blendet aus, dass eine Kampagne gegen ‘die Medien’ läuft. Das Ziel der Kampagne ist nicht die Stärkung der Demokratie, sie soll vielmehr zu einer Abkehr von Sendern und Zeitungen führen. Im Ergebnis schwächt dies die Demokratie.“

3. „Die Welt des Christian Nitsche“
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig antwortet Nitsche, bei ihm sei offenbar nicht angekommen, dass Kritik „ein wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft“ sei. Mit seiner „unfassbaren Arroganz“ erreiche er „exakt das Gegenteil“ dessen, was er als notwendig erachte. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der dringender benötigt wird denn je, nimmt mit solchen Personen einen lange Zeit irreversiblen Schaden. Statt mit journalistischer Arbeit verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen, gefällt man sich in der Rolle des selbstgefälligen Alleswissers.“

4. „ZAPP Studie: Vertrauen in Medien ist gesunken“
(ndr.de, Annette Leiterer)
Eine telefonische Umfrage unter 1002 Personen ergibt, dass „63 Prozent der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung deutscher Medien“ haben. „Von diesem Teil der Nutzer empfindet fast jeder Dritte die Berichterstattung als einseitig und 18 Prozent gehen gar von einer bewussten Fehlinformation durch die Medien aus. Das Misstrauen zieht sich dabei quer durch alle Alters- und Einkommensgruppen, unabhängig von Geschlecht und Wohnort.“

5. „Das Publikum weiss mehr als wir“
(tageswoche.ch, Thom Nagy)
Die „Tageswoche“ fragt beim Publikum nach bezüglich des Vertrauensverlusts in die Medien – und erhält „eine unerwartet grosse Menge von erhellenden Beiträgen“. „Die zahlreichen, ausgesprochen differenziert dargebrachten Voten haben unsere eigene Sicht auf das Thema deutlich erweitert und bilden damit eine hervorragende Ergänzung zu unserer Analyse.“

6. „Die Revolution, die gar keine ist“
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Die Reform des ZDF-Fernsehrats: „In dem künftig von 77 auf 60 Sitze verkleinerten Fernsehrat wird es 20 staatliche Vertreter geben – 16 von den Bundesländern, je zwei vom Bund und den Kommunen. (…) Ob die fürsorgliche Betreuung des Senders durch Rot und Schwarz weitergeht, hängt von der Unabhängigkeit und dem Selbstbewusstsein ab, mit der die künftig 40 Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen antreten, die nun mehr Gewicht haben.“

Von Brandstiftern zu Brandstiftern

Es kommt nur selten vor, dass wir verstehen, was uns Franz Josef Wagner mit seinem Geblubber mitteilen will, und noch viel seltener, dass wir mit ihm einer Meinung sind. Heute aber ist so ein Tag, zumindest ein bisschen, denn er richtet seine — ausnahmsweise mal recht nachvollziehbaren — Gedanken an die „Idioten“ von „Pegida“.

Liebe Pegida-Idioten,

es ist Weihnachten. Vor 2000 Jahren suchten zwei Flüchtlinge, Josef und seine hochschwangere Frau Maria, eine Unterkunft.

Es ist Weihnachten 2014. Und Ihr Pegida-Idioten demonstriert in Dresden gegen die Überfremdung.

Wagner malt sich aus:

Was, wenn die Eltern von Jesus in Dresden an einer Haustür geklopft hätten. Die Eltern sahen nicht aus wie Deutsche. Ihre Hautfarbe ist dunkel. Sie sprachen auch kein Deutsch. Sie sprachen Armenisch und vielleicht Griechisch.

Naja, „Armenisch“ mit Sicherheit auch nicht, sondern Aramäisch, aber gut. (In der Online-Version wurde es heimlich korrigiert.)

2014 hätte man Josef und Maria nicht in einen Stall einquartiert. Sie wären in ein Asylantenheim gekommen. Auf manche Asylantenheime sprayen Idioten Nazi-Parolen.

Maria, Josef und Jesus würden also in diesem Asylantenheim leben. Und jeden Montag würden 10 000 Pegida-Idioten schreien: „Wir sind das Volk“.

Jesus, verzeih uns. Das Volk ist leider oft dumm.

Herzlichst
Franz Josef Wagner

Nun ist es, bei allem Verständnis, schon sehr bemerkenswert, dass ausgerechnet der „Chefkolumnist“ von „Bild“ solche Töne anschlägt und dass sich auch der Rest der „Bild“-Zeitung jüngst so Pegida-kritisch gibt. Als würde sich ein Fachgeschäft für Feuerwerkskörper plötzlich darüber beschweren, dass es überall knallt.

Denn es ist doch gerade die „Bild“-Zeitung, die solche Idioten seit Jahren immer wieder aufscheucht, anstachelt und mit neuer Munition versorgt. Die mit verdrehten Fakten und erfunden Geschichten immer wieder Stimmung gegen Ausländer macht und es dabei vor allem auf Muslime abgesehen hat. Die gegen „Asylantenheime“ (allein dieses Wort!) hetzt und Angst vor Überfremdung schürt und damit genau jenen Leuten unter die Arme greift, die jetzt gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gehen.

Nur mal als Beispiel: der „Islam-Rabatt“. Anfang des Jahres unterstellten die „Bild“-Medien in einer großangelegten Kampagne der deutschen Justiz, sie bestrafe Moslems milder als christliche Angeklagte (BILDblog berichtete). Dafür gab es zwar keinerlei Belege, aber „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ bastelten sich kurzerhand ihre eigene Wahrheit, indem sie entscheidende Fakten unter den Tisch fallen ließen, eine Studie verzerrt wiedergaben und dann einfach behaupteten, an deutschen Gerichten gebe es einen „Islam-Rabatt“:

Bild.de-Chef Julian Reichelt forderte hysterisch: „Keine Scharia in Deutschland!“, diverse ahnungslose Politiker sprangen ihm blindlings bei — und die Moslemhasser rieben sich die Hände, weil sie nur noch die „Bild“-Artikel teilen mussten, um auf „die Gefahren des Islam in Deutschland“ hinzuweisen.

Eine Korrektur der Berichterstattung hat es übrigens bis heute nicht gegeben.

Oder die Hasspredigt von Nicolaus Fest (BILDblog berichtete), der im Sommer in der „BamS“ unter anderem geschrieben hatte, der Islam störe ihn immer mehr — ihn störe die „weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund“, die „totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“ und so weiter –, darum sei der Islam auch ein „Integrationshindernis“, was man „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“ solle. Fest schloss mit den Worten:

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Zwar versuchten „Bams“-Chefin Marion Horn und „Bild“-Chef Kai Diekmann daraufhin noch, den (Image-)Schaden zu begrenzen, doch da hatten die Hetztiraden schon längst die Runde gemacht und tosende Beifallstürme in den Rassistenblogs ausgelöst. Und dass es dieser Kommentar überhaupt erst ins Blatt geschafft hat, zeigt einmal mehr, wie fahrlässig die „Bild“-Menschen mit ihrer publizistischen Verantwortung und Macht umgehen. Oder, je nachdem, wie mutwillig sie sie missbrauchen.

Wie bei der Sache mit dem „Asyl-Hotel“ in Bautzen (BILDblog berichtete), erschienen vor gut drei Monaten:

Auch das ist eine völlig verzerrte Darstellung der Tatsachen, die offensichtlich nur dazu dient, die Asylbewerber in ein schlechtes Licht zu rücken. Es stimmt zwar, dass sich die Sanitäter Schutzwesten besorgt haben, aber nicht aus Angst vor Einsätzen in dem Heim, sondern als generellen Schutz bei allen Einsätzen, egal, wo sie stattfinden.

Auch vieles andere an dem Artikel ist unwahr oder wird verzerrt dargestellt, das haben sowohl die Polizei als auch das DRK als auch der Betreiber des Heims mehrfach mitgeteilt, und obwohl die „Bild“-Redaktion das weiß, und obwohl sie weiß, dass die Berichterstattung viele Menschen gegen die Flüchtlinge aufhetzt, ist der Artikel immer noch unverändert online.

Oder erst neulich: das Märchen vom Verbot der Weihnachtsmärkte (BILDblog berichtete). Vor zwei Wochen behauptete die „Bild am Sonntag“ (in Anlehnung an eine „B.Z.“-Geschichte von vor einem Jahr), in Berlin-Kreuzberg seien statt „Weihnachts-“ nur noch „Wintermärkte“ erlaubt, um Andersgläubige nicht zu stören. Völliger Unfug zwar, aber die „BamS“ verbreitete die Geschichte trotzdem, wie gewohnt mit verzerrten Darstellungen und verschwiegenen Fakten, fragte: „Wird auf dem Altar der politischen Korrektheit die christliche Tradition geopfert?“ und lieferte den Pegida-Hetzern damit eines ihrer plakativsten „Argumente“.

Eine Korrektur der „BamS“ ist bis heute nicht erschienen. Der Artikel ist immer noch online.

So könnten wir ewig weitermachen: Schnitzelkrieg, Moslem-Feiertag, Sarrazin, Sonne-Mond-und-Sterne-Fest, Ehrenmorde, überhaupt: kriminelle Ausländer und und und und und und und

Die oben ausführlicher beschriebenen Beispiele stammen alle nur aus diesem Jahr, und es sind nur die knalligsten dafür, wie die „Bild“-Zeitung seit Jahren unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Angst vor der Islamisierung schürt und damit den Idioten, die Franz Josef Wagner heute so kritisiert, wissentlich in die Hände spielt.

Und um abschließend nochmal auf Wagners Gedankenspiel zurückzukommen:

Was, wenn die Eltern von Jesus in Dresden an einer Haustür geklopft hätten[?]

Dann hätten sie wahrscheinlich schlechte Karten gehabt. Zumindest an der Haustür eines „Bild“-Lesers.

Mit Dank auch an Sejfuddin.

Nachtrag, 17. Dezember: Die Eltern von Jesus waren bei der Geburt übrigens keine „Flüchtlinge“, wie Wagner schreibt, sondern (wenn überhaupt) auf dem Weg, sich von der Finanzbehörde registrieren zu lassen. Fliehen mussten sie erst später, als König Herodes Wind davon bekommen hatte und Jesus umbringen lassen wollte. Mehr dazu: hier.

Mit Dank an D., Georg, Lukas und Matthäus.

Sprecherkabine, Meinungsforschung, Task Force Victor

1. „Online-Kommentare: Medien-Sites haben die Diskussions-Funktion nicht verstanden“
(thomasmauch.ch)
Ohne Moderation könne gar keine vernünftige Diskussionskultur entstehen in den Kommentarbereichen der großen Online-Publikationen, findet Thomas Mauch: „Derart sich selbst überlassen wird es für eine Gruppe sehr schwierig, eine für alle gewinnbringende Debattierkultur zu entwickeln.“ Siehe dazu auch „Comments Aren’t Dead. They’re Just Broken.“ (medium.com/@myurow, englisch) und „Instead of killing comments, we should be trying to fix them“ (gigaom.com, Mathew Ingram, englisch).

2. „Task Force Victor: die virale Sondereinheit von Bild.de“
(meedia.de, Alexander Becker)
Alexander Becker stellt die „Viral-Truppe“ von Bild.de vor, die „Task Force Victor“: „Nach eigenen Angaben gelang es der Sondereinheit, den Traffic von Bild.de signifikant zu steigern.“

3. „Für wen lohnt sich eine eigene Sprecherkabine?“
(journalisten-tools.de, Sebastian Brinkmann)
Der freie Journalist Daniel Bouhs hat sich für „rund 5000 Euro plus Umsatzsteuer“ eine Sprecherkabine gekauft. Lohnt sich das? „Ich habe in 2014 rund 60 Beiträge für Radiosender produziert und die Investition zur Hälfte wieder reingeholt.“

4. „Medien lieben Zahlen. Ein Report zum Verhältnis von Journalismus und Demoskopie“
(bpb.de, Gemma Pörzgen)
Gemma Pörzgen schreibt über das Zusammenspiel zwischen dem Journalismus und den Meinungsforschungsunternehmen.

5. „Deutsche Reporter an der Front“
(zdf.de, Video, 43:27 Minuten)
„ZDF History“ beleuchtet deutsche Reporter im Ausland.

6. „BILD und die Blutsverwandtschaft: Der Wortvogel rät Al Pacino zum Vaterschaftstest“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi beschäftigt sich mit dem Bild.de-Artikel „So gefährlich ist die Tochter des Paten!“.

Jamba, Propaganda, Israel

1. „‘Propaganda': Schlagwort des Jahres 2014″
(zdf.de, Video, 6:11 Minuten)
Ein Bericht über Propaganda im Fernsehen: „25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges müssen wir uns wieder klar machen, was Propaganda eigentlich ist.“

2. „Ken-Jebsen-Stammtisch im ZDF“
(fr-online.de, Katja Thorwarth)
Katja Thorwarth schaut sich die Satiresendung „Die Anstalt“ mit Claus von Wagner und Max Uthoff an: „Schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken ohne intellektuelle Differenzierung hätte es unter Priol nicht gegeben.“

3. „Die Israel-Story“
(welt.de, Matti Friedman)
Der Journalist Matti Friedman stellt seine Sicht von Journalisten in Israel dar. Es stört ihn insbesondere, dass internationale Organisationen in den Storys der Reporter kaum je auftauchen – obwohl sie aus seiner Sicht „zu den mächtigsten Akteuren“ vor Ort gehören: „Sind sie aufgebläht, ineffektiv, korrupt? Sind sie Teil der Lösung oder des Problems? Wir wissen es nicht, denn Journalisten zitieren sie, statt über sie zu berichten.“

4. „Sprachlust: Auf Deutsch lässt sich viel behaupten“
(infosperber.ch, Daniel Goldstein)
Daniel Goldstein vermisst die klare Erkennbarkeit von Fakten im deutschsprachigen Journalismus: „Angelsächsischen Journalisten wird eingetrichtert, fein säuberlich zwischen Fakten und Äusserungen zu unterscheiden, und so wimmelt es in ihren Berichten von ‘he said’ und ‘she said’. Man könnte das auch auf Deutsch so halten, tut es aber selten. Das liegt nicht an der Sprache, sondern an der journalistischen Kultur: Wertende Kommentare werden zwar auch bei uns im Prinzip abgetrennt, Einordnungen aber baut man gern in die Berichte ein und nimmt dafür in Kauf, dass die reine Nachricht nicht mehr klar erkennbar ist.“

5. „Studie für extrem faule ‘Medienkritiker'“
(plus.google.com, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz hält die Studie „Synchronisation von Nachricht und Werbung“ (siehe „6 vor 9″ vom Freitag) für fragwürdig: „Ich bin absolut nicht in der Lage, Spiegel oder Focus freizusprechen. Aber ich kann die Autoren des Papiers davon freisprechen, irgendeinen Beitrag zu der von ihnen geforderten fundierten Forschung zum Thema geleistet zu haben.“

6. „Zum Zehnjährigen: Jamba Laya“
(spreeblick.com, Johnny Häusler)
Johnny Häusler macht sich Gedanken über seinen Artikel „Jamba Kurs“ vom 12. Dezember 2004: „Speziell den letzten Satz hatte ich in den Monaten nach der Veröffentlichung immer wieder mal bereut, denn ich hatte den Eindruck, dass er als Einladung für die oben beschriebenen Aggressionen gelesen wurde. Für die Dramaturgie des Textes, dem schließlich auch eine Wut innewohnte, war der Satz jedoch wichtig, und so habe ich ihn bis heute nicht gelöscht.“

Migration, Topfhandschuhe, Anzeigen

1. “ Warum ‘Asylant’ ein Killwort ist“
(sueddeutsche.de, Sebastian Gierke)
Sebastian Gierke versucht, der Sprache zum Thema Migration auf den Grund zu gehen. „Wann welcher Begriff semantisch Konjunktur hatte, daran lassen sich Vorurteile ablesen. Dem Türkenproblem in den 1980ern folgte das Asylantenproblem Anfang der 1990er und seit Mitte der 1990er Jahre ist vom Flüchtlingsproblem die Rede. Der Wandel des Vokabulars spiegelt dabei auch Einstellungen wider, die innerhalb der Gesellschaft existieren.“

2. „Irre Brüssel-Bürokraten wollen Topfhandschuhe regulieren!“
(blogs.deutschlandfunk.de/berlinbruessel, Thomas Otto)
Thomas Otto kritisiert die Berichterstattung über eine Richtlinie, die in eine Verordnung umgewandelt werden und in allen EU-Mitgliedsstaaten gelten soll: „Weder bei der öffentlichen Konsultation, noch von Seiten der Hersteller habe es laut Kommission substanzielle Kritik an dem Vorschlag gegeben. Natürlich werden einige Hersteller die Preise anheben müssen, wenn sie ihre Produkte sicherer machen müssen. Aber ist das nicht Sinn von Schutzausrüstung, dass sie schützt?“

3. „Gegen das Leistungsschutzrecht: Europäische Verleger schreiben Brandbrief an Oettinger“
(heise.de, Stefan Krempl)
Presseverleger aus Spanien, Italien, Frankreich und Polen wenden sich in einem Offenen Brief an den EU-Digitalkommissar Günther Oettinger: „Generell stelle das Leistungsschutzrecht einen Rückschritt für eine wettbewerbsstarke und vielfältige Presse dar, heißt es in dem Schreiben. Es sei nicht nur schlecht fürs Internet, sondern auch für den Journalismus.“

4. „Käuflicher Journalismus“
(neues-deutschland.de, Eckart Roloff)
Eckart Roloff stellt die Studie „Synchronisation von Nachricht und Werbung. Wie das Anzeigenaufkommen von Unternehmen mit ihrer Darstellung in Spiegel und Focus korreliert“ (tu-dresden.de, PDF-Datei) von Lutz M. Hagen, Anne Flämig und Anne- Marie In der Au vor: „Als zentrales Ergebnis zeigt sich, dass über Unternehmen sowohl im Spiegel als auch im Focus erstens häufiger, zweitens freundlicher, drittens mit mehr Produktnennungen berichtet wird, je mehr Anzeigen diese Unternehmen schalten.“

5. „Fighting the language fragmentation“
(meshedsociety.com, Martin Weigert, englisch)
Die Reichweite von nicht englischsprachigen Beiträgen ist ziemlich limitiert, stellt Martin Weigert fest: „Everything that is not being expressed in English does not matter on a global scale, is not being seen by others, is not being shared, questioned and re-thought by enough people with different views and experiences. Or, if it matters, it happens with a delay (until the translation and distribution in foreign circles).“

6. „TV-Shows, die die Deutschen nur kopiert haben“
(buzzfeed.com, Philipp Jahner)

NZZ, Folterbericht, Klatsch

1. „Was lange währt, wird endlich sterben“
(lto.de, Thomas Hoeren)
Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger: „Warum kann Politik nicht sagen: ‘Okay, da haben wir einen Fehler gemacht. Den beheben wir und machen alles wieder rückgängig’? Gerade eine solche ehrliche Politik würde bei den Bürgern deutlich besser ankommen. Der Verweis auf Spanien hingegen hilft gar nichts. Dort hat man sich in typisch spanischer Manier für ein weiteres Stück symbolischer Gesetzgebung entschieden, das nicht durchgesetzt werden wird.“

2. „‘Nähe gehört einfach zum Beruf'“
(sueddeutsche.de, Matthias Kohlmaier)
Ein Interview mit Bettina Hennig, die im Klatschjournalimus gearbeitet und ihn auch untersucht hat: „Journalistisch guter Klatsch muss wahr sein, wie jeder andere Journalismus auch.“

3. „Neue Wege: Stiftungsjournalismus“
(ndr.de, Video, 6:11 Minuten)
Stiftungsfinanzierter Journalismus von Pro Publica bis Correctiv sowie die Frage, inwiefern Journalismus als „gemeinnützig“ gelten kann. Siehe dazu auch „Geschafft: Die INA ist jetzt ein e.V.“ (derblindefleck.de).

4. „Editorial: NZZ“
(weltwoche.ch, Roger Köppel)
Roger Köppel schreibt anlässlich des Abgangs von Chefredakteur Markus Spillmann über seine Zeit bei der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Die NZZ war wie die Schweiz damals, hochgradig unterreguliert, bis zum Exzess freiheitlich, ohne autoritäre Führung, aber subtil gelenkt durch unausgesprochene Traditionen und Gewohnheiten, die man verinnerlichen musste. Wer es nicht durchschaute, wurde vom Immunsystem der Zeitung elegant, aber mitleidlos beseitigt.“

5. „Die Revolution des Publikums“
(tageswoche.ch, Tara Hill)
Tara Hill befasst sich mit der Vertrauenskrise der etablierten Medien 2014 und rät den „Alpha-Journalisten“, „schnellstmöglich jenen ‘Autopilot’-Modus zu beenden, der sie in einer gefährlichen ‘Filter Bubble’ dazu verleitet, ihre Peer Group ernster zu nehmen als ihre Nutzer. (…) Der beste Weg, den klassischen Journalismus vor der möglicherweise grössten Vertrauenskrise seiner Geschichte zu bewahren, wäre, die Lehren aus diesem folgenschweren Medienjahr zu ziehen. Will heissen: Kritik konstruktiv anzunehmen, ein grösseres Themen- und Meinungsspektrum zuzulassen, den Dialog mit allen Segmenten der Gesellschaft wieder aufzunehmen und vor allem: eine grössere Distanz zur derzeitigen gesellschaftlichen Elite zu wahren.“

6. „Wie illustrieren Schweizer Medien Beiträge über den CIA-Folterbericht?“
(beatmatter.ch)
Wie Deutschschweizer Medien Beiträge zur Veröffentlichung des CIA-Folterberichts durch den US-Senat illustrieren: „Meine Meinung: Die Lektüre des CIA-Folterberichts und der Berichterstattung darüber lösen im Kopf des Lesers/des Betrachters dermassen explizite und starke Bilder aus, dass es nicht nötig ist, die Beiträge mit zusätzlichen schockierenden Fotografien zu illustrieren.“ Siehe dazu auch: „Nach internationaler Kritik: CIA streicht brutale Szenen aus Folterbericht“ (der-postillon.com, Satire).

Das „BamS“-Märchen vom Weihnachtsmarktverbot

Heinrich (Name geändert) ist stinkesauer.

Ekelhaft diese Unterwürfigkeit und Arschkriecherei gegenüber dem Islam!
Das wird sich noch mal bitter rächen..

Auch Udo (Name geändert) kann es kaum fassen.

Diese grün-lings verseuchten Spinner bringen immer wieder etwas absurdes zustande !

Und bei der „Bild am Sonntag“ packen sie sich sowieso nur noch an den Kopf:

Den Anlass für die Empörung erklärte das Blatt in der vergangenen Ausgabe so:

Heute ist der erste Advent. Und viele werden den Sonntag für einen Spaziergang nutzen zu jener vorweihnachtlichen Festivität, die als Weihnachtsmarkt volkstümlich geworden ist, in Süddeutschland als Christkindlmarkt. Genau das passt aber nicht allen.

So muss etwa in Berlin, nicht nur in Kreuzberg, aber dort ausdrücklich, der Weihnachtsmarkt neuerdings „Winterfest“ heißen.

Die Botschaft ist eindeutig: Jetzt klauen uns die politisch Korrekten sogar schon unsere Weihnachtsmärkte!

Und um gleich zum Punkt zu kommen: Das ist alles Quatsch. Kein Kreuzberger Weihnachts- oder Wintermarkt musste sich umbenennen, und es hat sich auch keiner umbenannt. Es gibt auch keine Vorschriften oder Regeln dafür. Ob „Winter“ oder „Weihnacht“, ist den Behörden völlig wurscht. Jeder Markt heißt so, wie er will, und neu ist das alles auch nicht.

Das „Winterfest am Mehringplatz“ gibt es schon seit 2012 und heißt seitdem so — ganz freiwillig, wie uns das Quartiersmanagement auf Nachfrage mitteilte.

Auch die Sprecherin des „Kreuzberger Wintermarkts“, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet, erklärte uns, dass der Name uns das Konzept aus freien Stücken gewählt wurden. So steht es auch extra auf der Website:

Entgegen anderslautender Berichte geschah dies nicht auf Druck des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg

Wie kommt die „BamS“ also auf die Idee, die Kreuzberger Politiker wollten uns die Weihnachtsmärkte verbieten? Nun:

In einem Sitzungsprotokoll des Kreuzberger Bezirksparlaments heißt es dazu: „Das Bezirksamt verständigt sich darauf, dass grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum erteilt werden.“

Auf diesem einen Satz basiert die ganze Geschichte.

Und es gibt ihn zwar tatsächlich, allerdings steht er nicht im Protokoll des Bezirksparlaments, sondern in dem des Bezirksamts — okay, kann passieren, aber was viel wichtiger ist: Er hat überhaupt nichts mit den Weihnachtsmärkten zu tun.

Sascha Langenbach, Sprecher des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, sagte uns auf Nachfrage, die zitierte Entscheidung der „BamS“ (die übrigens von 2007 ist) beziehe sich auf Veranstaltungen, bei denen es um religiöse Selbstdarstellung im öffentlichen Raum gehe (das mit der Selbstdarstellung steht auch im Original-Zitat, die „BamS“ hat es aber einfach rausgekürzt). Weihnachtsmärkte seien davon allerdings gar nicht betroffen. Kurzum:

Ich kann alle beruhigen: Das Abendland bleibt weiter bestehen, genauso wie die Weihnachtsmärkte in Friedrichshain-Kreuzberg — in diesem Jahr und auch in den nächsten Jahren. Wie die Märkte sich nennen, ist uns total egal.

Genau das hätten auch die drei (!) „BamS“-Autoren herausgefunden, wenn Sie beim Bezirksamt nachgefragt hätten, aber das haben sie nicht, so wie sie auch sonst alles vermieden oder verschwiegen haben, was das Märchen vom Weihnachtsmarktverbot als solches entlarvt hätte. Zum Beispiel erwähnen sie mit keinem Wort, dass es in Friedrichshain und Kreuzberg in diesem Jahr sehr wohl Weihnachtsmärkte gibt, etwa den „Weihnachtsmarkt in der Neuen Heimat“, den „Kiezweihnachtsmarkt am Café Eule“, den „Finnischen Weihnachtsmarkt“, den „Stralauer Weihnachtsmarkt“…

Aber statt erhellender Fakten liefert die „BamS“ lieber: düstere Fragen.

Wird auf dem Altar der politischen Korrektheit die christliche Tradition geopfert?

Und überhaupt:

HABEN DIE NOCH ALLE LICHTER AM CHRISTBAUM?

Natürlich ist die Institution Weihnachtsmarkt an sich nicht wichtig. Aber wo führt es hin, wenn es schon verpönt ist, das Wort Weihnachten nur im Munde zu führen? Sind das christliche Erbe, unsere Kultur, unser Selbstverständnis, unser Wertekanon, auf das Treiben einer „Religionsgemeinschaft“ geschrumpft?

Zur Illustration der bedrohlichen Lage listet das Blatt noch andere Beispiele auf, etwa das aus Brüssel,

wo man den altehrwürdigen Weihnachtsbaum auf dem Grand Place aus Rücksichtsnahme auf religiöse Minderheiten durch eine abstrakte Konstruktion ersetzt hat.

Dabei ist die Motivation für den Austausch des Baums gar nicht eindeutig geklärt. Der Sprecher des damaligen Brüsseler Bürgermeisters etwa teilte schon vor zwei Jahren mit, dass die Rücksichtnahme auf andere Religionen keine Rolle gespielt habe. Die Stadt habe einfach etwas Neues ausprobieren wollen.

Ähnlich irrefürend auch das „BamS“-Beispiel aus Madrid,

wo Real jetzt das Kreuz aus seinem Vereinswappen getilgt hat, um die Fans im arabischen Raum und Kunden der sponsernden National Bank of Abu Dhabi nicht zu irritieren.

Was die Autoren nicht erwähnen: Real hat das Kreuz nur in arabischen Ländern gestrichen; in Europa wird weiterhin das ursprüngliche Wappen verwendet.

Und so konstruiert sich die „BamS“ weiter ihre Geschichte zusammen, um am Ende frustriert festzustellen:

Uns ist wirklich nichts mehr heilig.

Natürlich hat das Blatt auch gleich eine Umfrage in Auftrag gegeben, und natürlich finden es demnach die meisten Deutschen voll blöd, „dass Weihnachtsmärkte in manchen Regionen in Wintermärkte umbenannt wurden, um Andersgläubige nicht zu stören“, und natürlich durfte auch „Bams“-Kolumnistin Margot Käßmann noch ihren Senf dazugeben („Wenn wir alle Traditionen über Bord werfen, verlieren wir auch den Halt“), und natürlich verlief die „Diskussion auf Facebook“, die die „Bams“ noch abgedruckt hat, ebenfalls sehr eindeutig:

Und klar darf man über die Frage „Winter“ vs. „Weihnacht“ oder über den vermeintlichen Verfall christlicher Werte diskutieren, aber dann sollte man doch bitte bei den Fakten bleiben. Die „BamS“ aber verschweigt einfach die Hälfte, setzt falsche Behauptungen in die Welt, schreibt den Untergang des Abendlandes herbei — und die Leute kaufen es ihr reihenweise ab.

Der „Münchner Merkur“ zum Beispiel, der lieber alles nachplapperte, statt selbst zu recherchieren. Oder Josef Zellmeier, seines Zeichens Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, der zur „Zwangsumbenennung des Weihnachtsmarktes“ sogar eigens eine Pressemitteilung herausgab, in der er darüber schimpft, dass die deutschen Traditionen einer „extrem linken Sprachdiktatur geopfert“ würden:

Das ist ein Rückfall in kommunistische Zeiten, in denen man versucht hat, Nikolaus und Christkind durch Väterchen Frost zu ersetzen. Die Missachtung der eigenen kulturellen Prägung hat nichts mit Toleranz zu tun, ist vielmehr ein Auswuchs falsch verstandener Multikulti-Ideologie.

Das Schlimmste aber ist, dass die „Bild am Sonntag“ mit ihrer Panikmache gerade jenen Leuten Munition liefert, die die Schuld nicht mehr nur bei den Politikern suchen, sondern vor allem bei den Moslems:

Die Umbenennung von Weihnachtsmarkt in Wintermarkt is der totale Schwachsinn, ich akzeptiere den Islam als Religion, warum akzeptieren vereinzelne Mosleme nicht die deutsche Kultur, in arabischen Laendern wie z.B. UAE oder Oman werden christliche Weihnachtsgebraeuche akzeptiert, in Geschaeften Weihnachtssachen verkauft Merry Xmas gewuenscht. In Berlin ist es nicht erlaubt (…)

(…) dass die Weisse Rasse so behandelt wird, ist unglaublich.
Unsere Braeuche und Kultur ist unser Leben.
Und die Neger und Muslime koennen bleiben wo der Pfeffer waechst!
Was waere denn wenn wir Weissen die Neger und Muslimenlaender in so einem Ausmass fluten wuerden wie die unser geliebtes Deutschland!
Nein, das duerfen Weisse nicht. Aber Neger und Muslime duerfen das!
Antirassismus ist gegen die Weissen!
So ists und nicht anderst. Wir sollen ausgerottet werden.
Wir brauchen keine Neger und Muslime. Wir haben bis jetzt auch ohne euch gut gelebt!
Denn wir tun was. Wir arbeiten. Und nicht betteln und 5mal am Tag den Kopf auf den Boden hauen und dann meinen man sei was besseres!

Von solchen Kommentaren finden sich im Internet Tausende. Gerade bei Facebook und auf rechten Blogs wurde der „BamS“-Artikel fleißig rumgereicht; für die Rassisten und Islamfeinde dient er seither als erschreckendes Beispiel dafür, dass die bösen Moslems und die Spinner von Grün-Dings die Islamisierung unseres schönen Landes vorantreiben. Auch die Rechtspopulisten von „Pegida“ nutzen die Geschichte gerne als Beleg für die Abschaffung der christlichen Kultur.

Ähnlich verhielt es sich schon im vergangenen Jahr bei einem Artikel der „B.Z.“ (gleiches Thema: „Kreuzberg verbietet Weihnachten“), der sich zwar später als irreführend herausstellte, die islamfeindliche Stimmung aber dennoch (oder: gerade deshalb) weiter anheizte. Oder bei der Idee mit dem „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“, die von den Medien ebenfalls verzerrt dargestellt und massiv attackiert wurde, womit sie vor allem den rassistischen Hetzern in die Karten spielten (BILDblog berichtete).

Die „B.Z.“ hat in diesem Jahr übrigens auch schon gegen die „Wintermärkte“ gewettert: Vor drei Monaten ereiferte sich Kolumnist Gunnar Schupelius ziemlich unentspannt darüber, warum „diese kirchenferne Gesellschaft“ denn nicht mal „entspannt bleiben“ könne, und bekam dafür vor allem aus der rechten Ecke viel Beifall.

Aber es sind leider nicht nur die Boulevardmedien, die solche ausländerfeindlichen Auswüchse durch ihre irreführende Berichterstattung befeuern. In der „FAZ“ etwa erschien vor drei Tagen dieser Artikel:

Abgesehen davon, dass die Aussage ohnehin Blödsinn ist, macht die „FAZ“ sogar den gleichen Flüchtigkeitsfehler wie die „BamS“ (Bezirksparlament statt -amt), offenbar hat sich der Autor also nicht mal die Mühe gemacht, irgendwoanders zu recherchieren. So kann er zwar ebenfalls nur falsche Fakten bieten, aber hey, auch voll die lustigen Wortspielchen:

Und wo wir schon dabei sind, hätten wir, zur Adventszei-, Entschuldigung: zu dieser winterlichen, geruhsamen Zeit noch Vorschläge einzureichen: Wie wäre es, den Weihnachtsmann künftig anders anzusprechen, sagen wir, als „Mann mit der roten Mütze“? Wobei ja auch die Farbe rot eine christliche und jüdische Tradition hat. Wie wäre es also einfach mit „Mann“? So wird wirklich niemand mehr diskriminiert. (Aber was sagen dann die Frauen?) Denn darum geht es bei diesem besinnlichen – zum Teuf-, äh, Henker mit der Sprache: Darum geht es bei diesem „Fest“ ja auch. Alles andere wäre unchristli-, alles andere wäre nicht feierlich.

Jahahaha. Witzig. Und genauso wertlos wie der Lügenartikel der „BamS“, jedenfalls wenn man an einer ernsthaften Debatte interessiert ist. Aber das sind die Journalisten ja offenkundig leider nicht. Schön zu erkennen auch am Beitrag von „stern TV“. Das Magazin hatte zwar extra ein Kamerateam zum Bezirksamt geschickt, um die Lage vor Ort zu recherchieren („Frohe Weihnachten, falls man das hier noch sagen darf“), trotzdem behauptet der Beitrag permanent, in Kreuzberg seien nur noch „Wintermärkte“ erlaubt, weil das politisch korrekter sei. Moderator Steffen Hallaschka spricht von einer „unglaublichen Geschichte“ und von „galoppierendem Wahnsinn“, das Bezirksamt bekommt schließlich sogar den Negativpreis „Stern der Woche“ überreicht — obwohl die Leute von „stern TV“ wussten, dass es die „Vorschrift“, von der sie berichten, gar nicht gibt und dass es auch weiterhin Weihnachtsmärkte geben wird. Der Bezirksamtssprecher hat es ihnen nämlich mehrmals erklärt. Auch vor laufender Kamera, aber das wollte „stern TV“ dann lieber nicht senden.

Aber zurück zur „Bild am Sonntag“. Bei der hat sich das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg kurz nach der Berichterstattung über die falsche Darstellung beschwert. Und tatsächlich wird die Sache in der aktuellen Ausgabe endlich richtiggestellt. Allerdings auf „BamS“-Art: Statt einer Korrektur hat das Blatt nur ein winziges Statement der Bezirksbürgermeisterin abgedruckt — schön versteckt am unteren Rand der Leserbriefseite:

Der Artikel ist übrigens — obwohl die Leute von der „Bams“ spätestens jetzt ganz genau wissen, dass er nicht der Wahrheit entspricht und sie damit Hass gegen Ausländer schüren — immer noch unverändert online.

Nachtrag, 15.15 Uhr: Wenigstens die „FAZ“ hat ihren Online-Artikel inzwischen transparent korrigiert.

Siehe auch: Ein Weihnachtsmärchen (taz.de)

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