BILD, ZDF, Homer Simpson

1. „Wie die Bild-Zeitung den Nahost-Konflikt nutzt, um Hass zu schüren“
(facebook.com, Hakan Tanriverdi)
„Für jede muslimische Person in Deutschland sind Kommentare wie dieser hier ein weiterer Grund, daran zu zweifeln, ob es je möglich sein wird, ein Leben in diesem Land zu führen ohne permanent gebrandmarkt, in Frage gestellt und hinterfragt zu werden.“ Die Islamophobie von Nicolaus Fest (bild.de) hat auch bei Bastian Brinkmann und Jonas Jansen (twitter.com), dem Löschbeirat, Enrico Ippolito (taz.de) sowie zahlreichen Politikern (zeit.de) Empörung ausgelöst. Stefan Niggemeier beleuchtet frühere Aufreger-Texte von Fest und legt Kai Diekmann eine Kündigung nahe – was dieser zwar als „Quatsch!“ (twitter.com) abtut, sich aber dennoch zu einer Reaktion (bild.de) genötigt sieht und Özcan Mutlu einen Gastkommentar einräumt.

2. „Keine Angst vor dem Mindestlohn für Hospitanten“
(netzkolumnistin.de, Angela Gruber)
In der „Zeit“ warnen Jana Goia Bauermann und Alina Fichtner vor den schädlichen Auswirkungen des Mindestlohns für die Medienbranche. Angela Gruber hat kein Verständnis für diese Argumentation. Auch Christian Jakubetz fragt: „Wer will eigentlich künftig noch mit uns arbeiten?“

3. „Krieg der Bilder – und der Blick dahinter“
(tagesanzeiger.ch, Simon Widmer)
Ukrainische und westliche Medien zeigen Fotos prorussischer Rebellen, die angeblich Leichenfledderei an den Opfern des MH17-Unglücks betreiben. Gut möglich, dass sie es sich damit zu einfach machen.

4. „Angebliche ZDF-Zensur: Die anlasslose Unwahrheit“
(netzexil.de, Horst Schulte)
Nach einer Klage der „Zeit“-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner hat ein Gericht das ZDF gezwungen, eine Folge der Satiresendung „Die Anstalt“ aus der Mediathek zu entfernen. Obwohl das ZDF die einstweilige Verfügung nicht unterschrieben hat gegen die einstweilige Verfügung vorgehen und den Weg in die nächste Instanz suchen wird, macht das Blog „Die Propagandaschau“ daraus eine „Zensur des ZDF“ und bekommt viel Zuspruch für den (inhaltlich falschen) Vorwurf.

5. „Bitte recht israelfreundlich!“
(taz.de, Dorothea Hahn)
Drei US-amerikanische Journalisten von NBC, MSNBC und CNN haben kritisch über die Rolle Israels im Nahostkonflikt berichtet. Die Folge: „Einer wurde ausgetauscht, die zweite musste nach Moskau gehen, die dritte verlor Einladungen im Fernsehen.“

6. „Wie Homer Simpson unsere politische Meinung formt“
(dradiowissen.de, Katrin Ohlendorf)
Carsten Wünsch ist Medienwirkungsforscher. Als solcher untersucht er, ob sich fiktionale Medieninhalte auf unser Denken auswirken und „konnte nachweisen, dass Filme oder Serien unsere politischen Einstellungen beeinflussen und sich auch auf die journalistische Wahrnehmung gesellschaftspolitischer Fragen auswirken.“

Kein Platz für Judenhass!
Für Moslemhass aber schon

In dieser Woche hat die „Bild“-Zeitung eine große Kampagne gestartet.

WIR WERDEN NICHT LÄNGER SCHWEIGEN!

Nach den antijüdischen Attacken der vergangenen Tage erhebt Deutschland jetzt seine Stimme – GEGEN Antisemitismus und Judenhass. Und FÜR Toleranz.

Nur zur Erinnerung: Diese Zeitung, die da FÜR Toleranz kämpft, ist genau dieselbe, die jahrelang eine beispiellose Hetzkampagne gegen ein ganzes Volk geführt hat. Und die bei jeder Gelegenheit Misstrauen und Hass gegenüber Sinti und Roma schürt. Und die erst neulich noch versucht hat, einen „Islamrabatt“ an deutschen Gerichten zu unterstellen.

Aber jetzt geht es ja nicht um Roma, sondern um Juden, und gegen die darf nicht gehetzt werden, das findet sogar „Bild“.

schrieb auch Bild.de-Chef Julian Reichelt, als er sich vor zwei Tagen über den „menschenverachtende[n] Hass“ empörte, der sich in den Sozialen Netzwerken breitmache.

Die Postings auf unseren Social-Media-Seiten reichen von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Adolf-Hitler-Fotos. (…)

Um es einmal ganz klar zu sagen:
► Wir bei BILD und BILD.de wollen solche Menschen nicht.
► Wir wollen sie nicht als Leser, nicht als User, nicht als Facebook-Freunde, nicht als Twitter-Follower.
► Wir wollen mit ihnen nichts zu tun haben.
► Wir wollen ihr Geld nicht, ihre Klicks nicht, ihre Zeit nicht, ihre Aufmerksamkeit nicht.

Jetzt auf einmal. Vergangene Woche brauchte „Bild“ erst sechs Tage und einen Blogeintrag von uns, um den menschenverachtenden Hass von ihren Social-Media-Seiten zu entfernen.

Aber selbst wenn man den Populismus und die Scheinheiligkeit mal ausblendet, selbst wenn man verdrängt, was die „Bild“-Zeitung in der Vergangenheit getan hat und wie verlogen ihr plötzliches Toleranzgetue deshalb wirkt, selbst dann hat diese Kampagne noch einen widerlichen Beigeschmack. Denn während das Blatt den Hass auf die eine Religion kritisiert, befeuert es zugleich den Hass auf eine andere.

Zu Beginn der Kampagne fragte „Bild“:

Gast-Pöbler Henryk M. Broder erklärte:

Der Judenhass, der sich derzeit entlädt, ist ein importierter, ein Judenhass mit Migrationshintergrund. Seine Protagonisten sind zum allergrößten Teil Araber und Türken, unterstützt von Bio-Deutschen, deren Großeltern noch selber „Juda verrecke!“ gebrüllt haben. (…)

Das Gewissen mancher arabischen und türkischen Mitbürger schlägt erst aus und dann zu, wenn sich ihre Wut gegen die Juden bzw. Israel richten kann. Erstens weil sie meinen, damit Zustimmung bei den Mitbürgern ohne Migrationshintergrund zu finden, zweitens weil sie sonst keine Gelegenheit haben, Dampf abzulassen und sich bemerkbar zu machen. Wann und wo sonst dürfen verschleierte Frauen bei politischen Demonstrationen mitlaufen?

Der Antisemitismus ist der „Sozialismus der dummen Kerle“, hat August Bebel gesagt, einer der Urväter der SPD. Die dummen Kerle von heute schreien nicht „Heil Hitler“, sondern „Allahu Akbar“. Sie wollen sich nicht von den Fesseln ihrer Traditionen, sondern Palästina von den Juden bzw. Zionisten befreien.

Auch Nicolaus Fest, der Vize-Chef der „Bild am Sonntag“, schreibt heute vom „importierten Rassismus“. Aber während Broder seine Ausführungen noch auf „manche arabische und türkische Mitbürger“ beschränkt, geht Fest noch einen Schritt weiter. Einen gewaltigen Schritt. Er schreibt:

Ich bin ein religionsfreundlicher Atheist. Ich glaube an keinen Gott, aber Christentum, Judentum oder Buddhismus stören mich auch nicht.

Nur der Islam stört mich immer mehr. Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle.

Mich stören Zwangsheiraten, „Friedensrichter“, „Ehrenmorde“.

Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.

Am Ende seiner Hasspredigt seines Kommentars fragt er:

Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Uff.

Es ist nicht das erste Mal, dass Nicolaus Fest in dieser Weise auffällt. Nicht umsonst werden seine „erstklassigen“ Kommentare regelmäßig in rechten Hetzblogs angepriesen; nicht umsonst bescheinigen selbst hartgesottene Moslemhasser, dass sie dieses oder jenes „in dieser Schärfe zu schreiben gar nicht gewagt hätten“ oder dass ihnen Fest „langsam unheimlich“ werde.

So explizit fremdenfeindlich wie heute war er aber wohl noch nie. Auf Twitter hagelte es auch gleich heftige Kritik, selbst „Bild“-Chef Kai Diekmann distanzierte sich, und mehrere Politiker forderten, „Bild“ solle sich für diesen „Schwachsinn“ entschuldigen. Fests Reaktion zeugte dann allerdings nur einmal mehr davon, wie hoffnungslos sein Fall ist:

Irgendwann muss aber dann noch mal jemand bei der „BamS“ den Verstand eingeschaltet haben, jedenfalls entschuldigte sich die Chefredakteurin Marion Horn heute Abend per Twitter:

Morgen wird außerdem in der Print-“Bild“ ein Kommentar von Kai Diekmann erscheinen, der wohl ebenfalls so etwas wie eine Entschuldigung sein soll, auch wenn viele Leser sie nicht als solche erkennen werden. Er schreibt:

Über den Islam sind in den letzten Jahren viele gesellschaftlich wichtige Debatten geführt worden.

Wie tolerant, wie friedfertig ist diese Religion? Wieviel Einfluss sollte der Islam – Glaube von Millionen Menschen in Deutschland – in unserem christlich geprägten Land haben?

Für BILD und Axel Springer gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus.

Und weiter:

Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.

Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben.

Auf den Kommentar von Nicolaus Fest, der genau das gemacht hatte, geht Diekmann mit keinem Wort ein.*

Aber er schreibt:

Zu welchem Gott die Gläubigen (…) beten, macht keinen Unterschied, darf keinen Unterschied machen. Bei BILD und Axel Springer ist deshalb kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben.

Wenn er das wirklich ernst meint, muss sich Nicolaus Fest wohl ein neues Hetzblatt suchen.

Siehe auch:

Ihr EUmel! (6)

Vielleicht müssen wir das anders angehen.

Also, liebe Journalisten: Nein!

Nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
nein,
und nochmals nein!

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist kein „EU-Gericht“!

Und jetzt alle zusammen:

Er ist kein „EU-Gericht“!
Er ist kein „EU-Gericht“!
Er ist kein

Okay, wir geben’s auf. Sie werden es nie lernen.

Verbockt hat es in diesem Fall anscheinend übrigens nicht die AFP (die Überschrift lautet im Original: „Menschenrechtsgericht verurteilt Polen wegen Haft in CIA-Gefängnis“), sondern die Redaktion von Stern.de. Auch die „Süddeutsche“ hatte online aus dem „Menschenrechtsgericht“ zunächst ein „EU-Gericht“ gemacht, bemerkte den Fehler aber selbst.

Der mit Abstand, sagen wir: kreativste Beitrag kommt diesmal aber von der Online-Redaktion von Heute.de.


Im Text ist konsequent vom „EuGH“ die Rede. Das ist aber die Abkürzung des Europäischen Gerichtshofs. Der wäre dann auch, wie es – natürlich – in der Überschrift heißt: ein „EU-Gericht“. Er sitzt allerdings nicht, wie unter dem Bild behauptet, in Straßburg, sondern in Luxemburg. In Straßburg sitzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (um den es ja auch tatsächlich geht), der wird aber eigentlich mit „EGMR“ abgekürzt. Und den

gibt es überhaupt nicht. Das ist in etwa so, als würde man vom „Bundesverfassungsgerichtshof“ sprechen.

Aber hey: Am Foto gibt’s nichts auszusetzen! Ist ja schon mal ein Anfang.

Mit Dank an levu.

Blockende Behörden, schlechte Schlagzeilen, Tweets aus dem Krieg

1. „Informationsfreiheits-Behinderung des Tages“
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Eine europäische Studie hat Internet-Providern massenhafte Verletzungen der Netzneutralität vorgeworfen. Daraufhin stellte „Netzpolitik.org“ vor über einem Jahr eine Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz, um die Antworten der deutschen Anbieter einsehen zu können. Nach langer Verzögerung gibt es nun eine Rückmeldung – doch die Freude hält sich in Grenzen: „Wir dürfen Akten einsehen: geschwärzt – und nur in Bonn.“ Und bei einer anderen IFG-Anfrage blockt das Justizministerium: „Informationsfreiheits-Ablehnung des Tages“

2. „Die besten Fragen zu ‘Deutschlands Beste!’“
(ndr.de, Boris Rosenkranz)
Das Zapp-Blog „Zappenduster“ versucht weiter, Licht ins Dunkel der Ranking-Manipulation bei der ZDF-Show „Deutschlands Beste!“ zu bringen. Nachdem er erst seine Recherche protokolliert und sich dann der Ignoranz der „Hörzu“ gewidmet hat, nimmt Boris Rosenkranz jetzt die Rolle der Produktionsfirma ins Visier. Und das ZDF? „Zu den Darstellungen [...] gibt das ZDF keine Auskunft.“

3. „Die Schweizer lassen sich bislang wie Schäfchen ausnehmen“
(persoenlich.com, Lukas Meyer)
Der Journalist Hannes Grassegger hält Daten für den wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Dennoch würden Medien die Digitalisierung noch stiefmütterlich behandeln, Netzthemen „in irgendwelche Nischenregionen abschieben“ und das kommerzielle Potential ignorieren: „Die Verleger kapieren nicht, dass sie in dieser neuen Ökonomie auf dem wahren Kapital sitzen, nämlich den Kundenlisten und dem Wissen über die Präferenzen der Kunden.“

4. „Schlechte Schlagzeilen (2): ‘Voyager 1 noch in der Milchstraße?’“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Der Astronom Florian Freistetter wundert sich über einen Artikel im Wissenschaftsressort der FAZ: „Das wäre so, als würde ein Politik-Redakteur Deutschland mit Europa verwechseln oder die Sportredaktion den FC Schalke mit dem Nationalteam.“

5. „Tweeting From A Conflict Zone: Does It Help Or Hurt News Reporting?“
(npr.org, englisch)
Auf Facebook machen Bilder von MH17 die Runde, der Konflikt zwischen Israel und Palästina wird auch in den sozialen Medien ausgefochten, Kriegsreporter twittern live aus der Kampfzone. Die Nahost-Korrespondentin der „New York Times“ und der Emergency Director von „Human Rights Watch“ sprechen darüber, welchen Einfluss Social Media auf die Krisen-Berichterstattung haben.

6. „Unbescholten überwacht – im Visier des Verfassungsschutzes“
(verfassung-schuetzen.de, Video, 3:53 Minuten)
Ronny Blaschke ist Sportjournalist.  Außerdem heißt er so ähnlich wie Ronald Blaschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Katja Kipping. Letzteres hat den Verfassungsschutz veranlasst, ihn ins Visier zu nehmen. Bis sich kurz darauf herausstellte, dass es doch nur eine Verwechslung war. In der Videoreihe „unbescholten überwacht“ erzählt (Ronny) Blaschke jetzt von seinen Erfahrungen.

Die „leicht zu entlarvende Propaganda-Lüge“ der Hamas

Als Anfang der Woche die Hamas bekannt gab, einen israelischen Soldaten gefangen genommen zu haben, und Israel das dementierte, war für „Spiegel Online“ unmittelbar klar, wer hier die Wahrheit sagt (Israel) und wer nicht (Hamas). „Leicht zu entlarven“ sei sie gewesen, die „Mär“, die „Propagandalüge der schlechteren Art“:

Nur stellte sich dann später heraus, dass es offensichtlich die israelische Seite war, die die Unwahrheit gesagt hatte. Jedenfalls meldete „Spiegel Online“ dann plötzlich am Dienstag: „Israel meldet vermissten Soldaten im Gazastreifen“, und die Korrespondentin Ulrike Putz beschrieb nun ausführlich das, was sie tags zuvor noch als leicht zu durchschauende Lüge abgetan hatte: „Vermisster israelischer Soldat: In den Händen der Hamas.“

Von einer „Propagandalüge“ auf israelischer Seite war nun allerdings nicht die Rede. Stattdessen hieß es nur:

Es hat gedauert, doch am Dienstag gab die israelische Armee (IDF) bekannt, dass sie seit Sonntag einen ihrer Soldaten im Gazastreifen vermisst.

Wäre es bei einem so heiklen und unübersichtlichen Thema wie dem Gazakrieg nicht entscheidend wichtig, sich nicht die Behauptungen der einen Seite unmittelbar zu eigen zu machen, bzw. offenbar anzunehmen, dass die eine Seite (Hamas) „Propagandalügen“ verbreitet, die andere (Israel) aber die Wahrheit sagt? Und wäre es nicht gut, in der Berichterstattung auch auf die eigenen Fehler hinzuweisen bzw. die vorherigen Artikel entsprechend zu ergänzen?

Der stellvertretende Chefredakteur Florian Harms antwortet darauf, dass „Spiegel Online“, „wie es unseren Standards entspricht“, ebenso prominent über das Hamas-Statement berichtet habe wie über das israelische Dementi. Als sich der Fall weiterentwickelte, habe man wieder ausführlich berichtet. „Unsere Leser konnten sich also fortlaufend über den Fortgang des Falles informieren.“

Harms räumt ein:

Das kritisierte Autorenstück hätte am Artikelbeginn sicherlich vorsichtiger und zurückhaltender formuliert werden müssen, und es entspricht ebenfalls unseren Standards, dass wir unsere Leser darauf hinweisen, wenn sich herausstellt, dass die Faktenlage anders ist als beschrieben. Das holen wir nun nach.

Bei den einzelnen Artikeln finden sich seit heute tatsächlich Anmerkungen wie:

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hatte nach einer Meldung über die Mitteilung der Hamas und einer weiteren Meldung über das Dementi Israels in diesem Artikel berichtet, es werde kein israelischer Soldat vermisst, und von einer „Lüge“ der Hamas gesprochen. Das entspricht nach aktuellem Kenntnisstand nicht der Faktenlage. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an Peter M.!

„Putin, schau in die Gesichter
dieser 100 Opfer!“

Zur postkatastrophalen Berichterstattung in den „Bild“-Medien gehört immer auch eine „Galerie der Trauer“, in der die privaten, oft aus dem Internet geklauten Fotos der Opfer präsentiert werden. Meist auf der Titelseite, meist riesengroß und meist ohne jede Unkenntlichmachung. Dazu allemöglichen Details über ihr Privatleben, woher sie kamen, welche Musik sie gerne hörten, ob sie frisch verliebt waren.

Man konnte das schon nach dem Attentat von Utøya erleben, nach dem Amoklauf in Winnenden, nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg, nach dem Busunfall in der Schweiz, nach dem Verschwinden von Flug MH370. Und auch jetzt, nach dem Absturz von MH17:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Seit gestern zeigt Bild.de in dieser Galerie Fotos von 100 (!) Opfern des Unglücks, darunter auch viele Kinder, nennt ihre vollen Namen und viele persönliche Details (die überwiegend mutmaßlich aus sozialen Netzwerken und ausländischen Medien stammen). Nur 20 der 69 Fotos tragen einen Quellennachweis, die meisten davon „Privat“.

Schon am Wochenende hatten „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de einige der Fotos gezeigt und private Informationen veröffentlicht, auch dort größtenteils ohne Quellenangaben.

(Übrigens konnten sie es auch gestern nicht lassen, die Opferporträts für ihre Putin-Kritik zu missbrauchen; bei Facebook und in der URL hieß es zunächst: „Putin, schau in die Gesichter dieser 100 Opfer!“ — inzwischen aber nicht mehr.)

Da die „Bild“-Zeitung nicht verrät, wie sie in solchen Fällen an die Fotos kommt (andere Medien im Übrigen auch nicht), können wir über über die Frage, wie sie es diesmal gemacht hat, nur spekulieren. Bei den Angehörigen um Erlaubnis gefragt hat sie aber vermutlich nicht.

Im März 2009, kurz nach dem Amoklauf von Winnenden, wollte das ARD-Magazin „Panorama“ vom Axel-Springer-Verlag wissen, wie „Bild“ an die Opferfotos gekommen war und ob die Genehmigung der Angehörigen vorlag. Springer-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete:

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Der Sprecher gab in einem Fall sogar indirekt den Eltern die Schuld dafür, dass „Bild“ das Schicksal ihres Kindes ausgeweidet hatte: Indem sie einem Nachruf im „Tagesspiegel“ zugestimmt hatten, hätten sie das Kind zu einer „relativen Person der Zeitgeschichte“ gemacht — und in „solch einem Fall“, so der Sprecher, bedürfe es „keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.“

Medienanwalt Christian Schertz entgegnete jedoch:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt [Von dort hatten die Medien einige der Fotos offensichtich geklaut, Anm.], willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Damals hatte sich auch ein Vater zu Wort gemeldet, dessen Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden getötet wurde und über deren Leben und Sterben „Bild“ und andere Medien ebenfalls groß berichtet hatten. Er sagte:

„Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von [meiner Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. (…)

Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.“

Gegendarstellung, Zeitungssterben, BILDblog-Kritik

1. „Gegendarstellung zu ‘Großteil der Medien berichtet voreingenommen’“
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Die Welt zitiert den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch mit der These, dass propagandistisch gegen Israel ausgerichtete Überschriften ein Auslöser für antijüdische Aggression auf deutschen Straßen seien. Dessen Reaktion: „Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von diesen mir fälschlicherweise zugeschriebenen Aussagen. [Diese Behauptung] entspricht weder meiner Meinung, noch lässt [sie] sich in irgendeiner Form aus meinen Analysen schließen.“
Update: Die Welt hat in der heutigen Printausgabe eine „Klarstellung“ veröffentlicht, die Anatol Stefanowitsch als seine „persönliche ‘Nichtschuldigung’ des Jahres“ bezeichnet.

2. „Müssen die Zeitungen wirklich sterben?“
(wdr5.de, Gisa Funck)
Die Tageszeitungen werden sterben, und das Internet ist schuld daran. Wirklich? Eine Studie des Medienforschers Andreas Vogel sagt etwas anderes: Die Zeitungskrise gebe es schon länger als das Internet, der Rückgang der Auflage sei weitestgehend selbstverschuldet. Anschauliche Grafiken aus der Studie finden sich im Blog von Katharina Brunner, bei kress spricht Vogel über Rückschlüsse aus seiner Forschung.

3. „Was, du bist Zigeunerin?“
(taz.de, Dunja Ramadan)
In ungarischen Medien tauchen Roma fast nur als „Kriminelle“ auf. Krisztina Balogh, halb Romni, halb Ungarin, möchte Journalistin werden, um genau das zu ändern. Vorurteile gegenüber Sinti und Roma gibt es aber nicht nur in Ungarn: Der Mediendienst Integration und die taz berichten über eine Studie zum „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“.

4. „Offtopic: Was BILDblog nicht zeigt (Update)“
(stigma-videospiele.de)
Ein Leser teilt dem BILDblog regelmäßig „sachdienliche Hinweise“ mit - doch seine Mails bleiben unbeantwortet und finden keine Erwähnung im Blog. Warum aus den Links keine BILDblog-Artikel geworden sind, hat Mats Schönauer zu erklären versucht; Auszüge des Mailwechsels finden sich im Update unter dem Text.

5. „Nachrichtenagentur AP schockiert mit missverständlichem Tweet“
(tagesspiegel.de, Markus Hesselmann)
„BREAKING: Dutch military plane carrying bodies from Malaysia Airlines Flight 17 crash lands in Eindhoven.“ Ein schlampig formulierter Tweet der Nachrichtenagentur AP macht aus einem Nebensatz eine Bruchlandung und sorgt für Entsetzen auf Twitter.

6. „The challenge of Covering Gaza at War“
(martin-lejeune.tumblr.com, englisch)
„On the other side of the revolving steel door I met a correspondent returning from Gaza to Israel, looking at me and saying: ‘Welcome to Hell.’“ Martin Lejeune versucht, nach Gaza einzureisen und dokumentiert, wie schwer es für Journalisten ist, vor Ort über den Nahost-Konflikt zu berichten.

Die Krux mit der Sprache

Bild.de schrieb heute über „die letzte Reise“ der „Costa Concordia“:

Ja, wer kennt sie nicht, die „linguistische Hafenstadt Genua“? Immerhin fast so berühmt wie die toxische Stadt Florenz. Und fast so schön wie Barcelona, die Hauptstadt der Kastanien, drüben, auf der imperialistischen Halbinsel.

Aber im Ernst: Es war dann doch eher die „ligurische“ Hafenstadt gemeint, wie Bild.de inzwischen auch selbst gemerkt hat.

Mit Dank an U. P.

Shitstorms, Spiegel, Stellenkürzungen

1. „Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung“
(leitmedium.de, Caspar Mierau)
Gestern ging es an gleicher Stelle um eine Karikatur in der FAZ, die viele Leser als rassistisch kritisiert haben. Heute schreibt Caspar Mierau über die seiner Meinung nach falsche Reaktion: „[Mit den Rechtfertigungsversuchen] macht das Shitstorm-Management einen fatalen und häufig gesehen Fehler: Es produziert einen Skandal zweiter Ordnung.“ Auch Anne Fromm bezeichnet die FAZ in der taz als „kritikresistent wie eine Teflon-Pfanne“.

2. „Wulff-Interview stammte aus der Konserve“
(berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Medienschelte von Christian Wulff im „Spiegel“ ist bereits sechs Wochen alt. Außerdem wurde das Interview nicht von den Redakteuren geführt, die in der Vergangenheit über Wulff geschrieben hatten, da Chefredakteur Wolfgang Büchner eine vergiftete Gesprächsatmosphäre befürchtete. Große Teile der Redaktion kritisieren Büchner nun dafür, „vor Wulff den Kotau zu machen“.

3. „Why show dead people in the news?“
(fabianmohr.de, englisch)
Manche Fotos, die vor 50 Jahren noch einen Pulitzer-Preis bekommen haben, würden heute nicht mehr gedruckt werden; zu schonungslos stellen sie Tod und Gewalt dar. Fabian Mohr macht einen Vorschlag, woran sich Redakteure bei dieser schwierigen Abwägung orientieren sollten. Zum selben Thema: Margaret Sullivan rechtfertigt das umstrittene Titelbild der „New York Times“. Und Reto Camenisch wirft einem Magnum-Fotografen „pornografische Distanzlosigkeit“, einen „moralischen Totalabsturz“ vor.

4. „Zur Schau gestellte Absturzopfer“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Über pietätlose Fotos ärgert sich auch Rainer Stadler. Der „Blick am Abend“ hat auf seiner Titelseite die Portraits von zwölf Kindern abgedruckt, die in der MH17 ums Leben kamen. Diese Bilder stammten von Facebook, wo sie laut Chefredakteur öffentlich zugänglich waren. „Der Presserat würde ihm wohl deswegen die Ohren lang ziehen“, meint Stadler.

5. „Ab und zu kommt mal ein Praktikant“
(kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv“, so möchte Madsack die „Leipziger Volkszeitung“ positionieren – indem bei der einzigen Tageszeitung der Stadt 36 Mitarbeiter entlassen werden.

6. „Our 25 Favorite Unlocked New Yorker Articles“
(longform.org, englisch)
Der „New Yorker“ hat alle Artikel seit 2007 und viele ausgewählte Fundstücke aus den Archiven kostenlos veröffentlicht – für drei Monate, dann verschwindet die gesamte Webseite hinter einer „metered Paywall“. Neben den 25 Lesetipps von Longform empfehlen auch Slate und der Business Insider Recherchen und Reportagen, die man bis dahin gelesen oder zumindest abgespeichert haben sollte.

Israel, Rassismus-Diskussionen, Tracking-Cookies

1. „Ruhe – wir schießen“
(deutschlandfunk.de, Bettina Marx)
Längst findet der Nahostkonflikt seine Fortsetzung in den Medien (nytimes.com). Doch die Frontlinien verlaufen auch innerhalb Israels: Seitdem der israelische Journalist Gideon Levy die Piloten der Luftwaffe für ihre Einsätze über dem Gazastreifen kritisiert hat, gilt er vielen Kollegen als Nestbeschmutzer und fragt: „Es gibt einen solchen starken und einheitlichen Chor in den Medien, warum stört euch eine einzige Stimme, ein bloßes Echo, das davon abweicht?“

2. „Leistungsschutzrecht: Google soll zahlen, Facebook nicht“
(netzpiloten.de, Jakob Steinschaden)
Suchmaschinen wie Google benutzen Snippets, um die Inhalte von Verlagen darzustellen. Für die Nutzung dieser Textauszüge fordert die VG Media bis zu elf Prozent Umsatzbeteiligung. Doch gleichzeitig publizieren dieselben Medien vergleichbare Teaser freiwillig und kostenlos bei Facebook und Twitter.

3. „FAZ: Mit Voodoo gegen Ärztemangel“
(trollbar.de, Ali Himpenmacher)
Viele Leserinnen und Leser empfinden eine Karikatur der FAZ als rassistisch. Die Social-Media-Redakteurin (140z.de) stellt sich auf Twitter der Diskussion.

4. „Meet the Online Tracking Device That is Virtually Impossible to Block“
(propublica.org, Julia Angwin, englisch)
Mit „canvas fingerprinting“ erreichen Tracking-Cookies eine neue Dimension: Jedem Browser wird ein einzigartiger digitaler Fingerabdruck zugeordnet, der die Nutzer „von WhiteHouse.gov bis YouPorn“ verfolgt und sich mit nicht mit herkömmlichen Adblockern oder Anti-Tracking-Tools blockieren lässt.

5. „Schneller und schlauer als alle Experten“
(tagesanzeiger.ch, Julian Schmidli)
Der Brite Eliot Higgins „hat die Energie eines Besessenen und die Spitzfindigkeit eines Finanzprüfers.“ Täglich analysiert er 300 Videos aus Syrien und wurde so zu einem „unverzichtbaren Analysten des Krieges“ (New Yorker). Jetzt hat er eine Rechercheplattform für investigative Bürgerjournalisten gegründet und sammelt dafür Geld auf Kickstarter.

6. „Die Wahrheit über Flug MH17″
(taz.de, Deniz Yücel)
Angeblich wurde MH17 von prorussischen Separatisten abgeschossen. Doch Deniz Yücel kennt die wahren Schuldigen – von Israel über die NSA bis zur Homolobby. Weniger satirisch zum selben Thema: Tobias Riegel (neues-deutschland.de).

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