Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel

Per Eilmeldung ging die Nachricht heute an viele Smartphones in Deutschland: Bastian Schweinsteiger, bei der Europameisterschaft in Frankreich noch Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, beendet seine Karriere in der DFB-Elf. Fast zeitgleich kamen Gerüchte auf, dass bei seinem aktuellen Verein Manchester United bald ebenfalls Schluss sei, weil der neue Trainer José Mourinho nicht weiter mit Schweinsteiger plane.

Genau das richtige Material für Bild.de-Spekulationen:

Die Sportredaktion hat auch schon ein paar Ideen:

Englische Medien berichten, dass Fenerbahce Istanbul Interesse haben soll.

Oder geht Schweini in die Stadt der Liebe? Vor Wochen, also noch vor dem angeblichen United-Rauswurf, gab es bereits Gerüchte um Paris Saint-Germain.

Klassisch ein Wechsel in die USA. In der MLS könnte Schweini trotz schwindender Geschwindigkeit noch sportlich dominieren.

Oder vielleicht nach Botswana? Oder in die oberste kirgisische Liga? Wenn man nur lange genug rät, wird schon ein Treffer dabei sein.

Besonders angetan sind die Leute von Bild.de aber von dem Gedanken an einen möglichen Schweinsteiger-Wechsel zu einem Bundesliga-Verein:

Seit Wochen hält sich das Comeback-Gerücht um Schweini vor allem im Ruhrpott: Ist Schalke am Helden von Rio dran?

Tatsächlich soll es diese Schalke-Gerüchte geben. Nun ist ein Wechsel von Bastian Schweinsteiger nach Gelsenkirchen erstmal recht unwahrscheinlich, Bild.de hat aber zwei Hinweise gefunden, die das Ganze untermauern sollen:

Schon Anfang Juni tauchte ein Tweet auf, in dem die Verpflichtung als fix gemeldet wurde. Angeblicher Absender: der offizielle Schalke-Account. Aktuell wird Schweini schon im Schalke-Kader geführt.

Das Portal stützt sich bei dieser Aussage auf zwei Tweets des Twitter-Nutzers @Pilzeintopf, der zu seinem Lieblingsklub FC Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen auch bloggt. Anfang Juni twitterte er ein Foto eines vermeintlich offiziellen Schalke-Tweets:

Und heute dann:

Mit ordentlich funktionierenden Augen und zweieinhalb Sekunden Hinschauen kann man sehen, dass mit der Kaderliste was nicht stimmt. Da wäre zum Beispiel die völlig andere Schriftgröße und Schriftfarbe bei Bastian Schweinsteiger. Oder der merkwürdige weiße Balken hinter Schweinsteigers Namen und seinem Geburtsdatum. Oder dass Schalke 04 Mittelfeldspieler Schweinsteiger in der Abwehr eingeordnet haben soll.

Um herauszufinden, dass es sich um eine billige Fälschung handelt, hätte man auch auf die Schalke-Website gehen, dort die richtige Kaderliste aufrufen und herausfinden können, dass die Nummer 28 bereits an den Nachwuchsspieler Joshua Bitter vergeben ist:

All das war Bild.de aber offensichtlich zu umständlich.

Bei dem Foto des angeblich offiziellen Schalke-Tweets aus dem Juni ist die Sache schon etwas kniffliger, die Fälschung deutlich besser. @Pilzeintopf bestätigte uns allerdings auf Nachfrage, dass es sich ebenfalls um einen Fake handelt und der FC Schalke 04 nie über seinen offiziellen Twitter-Account einen Wechsel von Bastian Schweinsteiger vermeldet hat.

Die mit Fake-Tweets gefüllte „Schweini“-Gerüchteküche von Bild.de ist übrigens ein „Bild-plus“-Artikel. Da zahlt man doch gerne.

Mit Dank an @Pilzeintopf und @TypischerTyp für die Hinweise!

Bild.de macht den Deutschen Angst

Der „GfK Verein“, eine „Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marktforschung“, hat am Dienstag eine neue Studie veröffentlicht. In der „Challenges of Nations 2016“ geht es um „die dringendsten Aufgaben“, die die Befragten in ihrem jeweiligen Land sehen. 27.675 Interviews hat der „GfK Verein“ dafür in 24 Nationen geführt, 2104 davon auch in Deutschland. Das zentrale Ergebnis laut Pressemitteilung:

Das Thema Zuwanderung bewegt die Deutschen wie kein anderes: Etwa vier von fünf Bundesbürgern (83 Prozent) halten Zuwanderung und Integration für eine der am dringendsten zu lösenden Aufgaben im Land.

Bild.de macht daraus:

Wumms! Das passt für das Portal bestens zu den Attentaten der vergangenen Tage:

Zwei Terroranschläge (Würzburg, Ansbach), ein Amoklauf (München) und eine Beziehungstat (Reutlingen) — Deutschland hat in der vergangenen Woche Gewalttaten erlebt, die vor allem eine Folge haben: Sie verunsichern die Bevölkerung.

Dass alle Taten von Männern mit Migrationshintergrund begangen wurden, sorgt zusätzlich für Spannung. Die Studie „Challenges of Nations 2016“ vom GfK-Verein fragt daher: Was bereitet den Deutschen am meisten Kummer?

Wir haben uns die Pressemitteilung des „GfK Vereins“ mal genauer angeschaut und per Telefon bei einer Sprecherin nachgefragt, ob die Umfrageergebnisse die Lesart von Bild.de zulassen.

Antwort: Nein.

Zwar schreibe auch der „GfK Verein“ von „Sorge“ und „Besorgnis“. Die Frage, die den Teilnehmern in der Studie gestellt wurde, sei aber ohne Wertung versehen gewesen — „Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in [jeweiliges Land] zu lösen sind?“ Man habe nicht nach Angst oder Kummer oder Sorgen oder Besorgnis gefragt.

Und auch die Verknüpfung mit den jüngsten Attentaten, die Bild.de herstellt, ist völliger Quatsch. Denn die Befragung fand im Frühjahr dieses Jahres statt, für Deutschland im März. Ohne seherische Fähigkeiten konnten die Teilnehmer nichts von den Vorfällen in Würzburg, Ansbach, München oder Reutlingen wissen. Die Sprecherin sagte uns, dass der „GfK Verein“ die Studie jedes Jahr unabhängig von irgendwelchen Ereignissen durchführe.

Das alles haben die meisten Medien auch verstanden. Der „Tagesspiegel“ schreibt von der „größten Herausforderung“, der „Bayerische Rundfunk“ von einem „wichtigen Thema“, und bei „Spiegel Online“ ist die Zuwanderung die „dringendste Aufgabe“.

Stern.de und die „Südwest Presse“ haben das Wort „Besorgnis“ vom „GfK Verein“ übernommen.

Aber nur Bild.de findet in den Ergebnissen der Studie eine Angst der Deutschen.

Mit Dank an @Pertsch für den Hinweis!

Körperbeschimpfung, Salafistenrazzia, Olympia-Maulkorb

1. Körperbeschimpfung als Kampfmittel
(zeit.de, Catherine Newmark)
Frauen, die sich öffentlich äußern, schlägt viel Hass entgegen. Doch warum werde gerade jetzt das Klischee der hässlichen Emanze wiederbelebt, fragt Kulturjournalistin Catherine Newmark in der „Zeit“. Newmark greift Vorgänge aus der unmittelbaren Vergangenheit auf wie den Disput zwischen den Autoren Stefanie Sargnagel und Thomas Glavinic und schließt zum Ende hin mit „…es wäre von Vorteil, sich wieder mal klar zu machen, dass Feminismus und Genderforschung keine überflüssigen Hobbys gebildeter Frauen sind oder gar ein ideologischen Verblendungszusammenhang, der weltverschwörerisch an der Natur vorbeizuregieren sucht.“

2. Brexit: So haben die Zeitungen in Europa berichtet
(de.ejo-online.eu)
Das Team des „European Journalism Observatory“ hat in einer aufwändigen Untersuchung die Brexit-Berichterstattung von jeweils drei Zeitungen aus elf europäischen Ländern, Russland und den USA unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die Zeitungen hätten mit einer überwältigenden Mehrheit negativ über die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, berichtet.

3. Salafisten gewarnt? NP weist Vorwurf zurück
(ndr.de)
Hat die Zeitung „Neue Presse“ aus Hannover beim „Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim“ (DIK) angerufen und diesen vor einer geplanten Razzia gewarnt, wie Niedersachsen Innenministers Boris Pistorius zunächst behauptete? Die „Neue Presse“ weist den Vorwurf als „falsche Anschuldigung“ zurück. Der „NDR“ hat über die zu Grunde liegende Thematik berichtet und mit den zuständigen Stellen gesprochen.

4. Hochkonjunktur fürs E-Paper
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon wundert sich, warum bestimmte Zeitungen ihre E-Paper nur über relativ kurze Zeiträume für ihre Abonnenten bereithalten. Bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ würden sich die digitalen Ausgaben bis maximal drei Wochen nach Erscheinen abrufen lassen, bei der „SZ“, „FAZ“, „Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ sogar nur sieben Tage. Simon hat sich mit den Verantwortlichen unterhalten, die zunächst gute Gründe dafür anführen. Doch die Lage sieht wohl etwas anders aus, wie sich später herausstellt.

5. Nachrichten in Zeiten der Aufregung
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten Marco Bertolaso überlegt, wie eine Nachrichtenredaktion heutzutage mit Situationen wie dem Münchner Amoklauf umgehen kann. Es ist ein Spagat aus Eilmeldungen, Echtzeitberichterstattung und journalistischer Gründlichkeit, den Bertolaso beschreibt: „Wir müssen dem Druck der Eilmeldung widerstehen. Wir melden, was wir für bestätigt halten. Diese alte passive Tugend reicht aber alleine nicht mehr. Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben.“

6. Social-Media-Maulkorb: Unerlaubte Worte, Hashtags und Re-Tweets bei den Olympischen Spielen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Bald finden die Olympischen Spiele in Rio statt. Das Internationale Olympische Komitees (IOC) hat ein Regelwerk zur Berichterstattung veröffentlicht, das „Netzpolitik“-Autor Markus Reuter zu Recht als „Social-Media-Maulkorb“ bezeichnet. Der hyperaktive Markenschutz des IOCs könne das Spektakel in Rio zu einer Abmahnfalle machen. Wer mit einem Unternehmensaccount etwas über die Olympischen Spiele in sozialen Medien postet, begebe sich auf ein juristisches Minenfeld. Markus Reuter hat am Ende seines Beitrags eine kleine „olympische Übung“ zusammengestellt und fragt im Rahmen eines Tests bei einigen denkbaren Konstellationen, ob erlaubt oder verboten. Ein Stück Realsatire, über das man herzhaft lachen könnte, wenn es nicht so bitter wäre.

Der Sparkassenazubi und sein Newsletter


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

“’Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk”, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

Die Renaissance war eine Zeit der Entdeckungen, auch auf dem Gebiet der Kunst. Zentralperspektive, Fluchtpunkte, echtes 3-D ohne Brille — all diese Techniken revolutionierten das uralte Handwerk der Bildermalerei. In Florenz entdeckten Forscher den Humanismus, in Mailand die Homosexualität.

All diese Traditionen aufgreifend, jedoch durch die postmoderne Technik der bricolage ins Postmoderne transzendierend, steht die Foto-Collage „Abonnier‘ mir“ (unbekannter Photoshop-Meister, ca. 2015), veröffentlicht von dem Auktionshaus Bild.de. Das Gemälde ist derzeit noch ohne „Bild-plus“-Zugang erreichbar.

Leo Fischer hat mit seinen 34 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Im Vordergrund steht ein Porträt, Fachleute sprechen hier von einem „Freisteller“, der sogenannten „Fresse“. Dezent vor ein impressionistisches Wischiwaschi gesetzt, blickt uns der Bild.de-Chef interessiert und leicht erschöpft, ja gewissermaßen schon erledigt aus dem rechten Auge an, während das linke, odinsgleich geblendet oder schon von grünem Star gezeichnet, seltsam leblos nach innen sieht. Um den harten Mund des Jünglings steht eine zarte orangene Linie, evtl. von einer übereilt verzehrten Tomatensuppe herrührend. Das Dekolleté zeigt ins Ungewisse und bildet mit der rechten Geheimratsecke ein Parallelogramm; die linke Schulter ist leicht verschmiert.

Gibt schon dieses Porträtwerk Rätsel auf, irritiert seine Wiederverwendung im Bild umso mehr. Wie in einer Matroschka-Puppe steckt in dem Julian immer schon ein kleinerer Julian, der mit Piepsstimme die Abonnier-Bettelei seines großen Bruders wiederholt, und in diesem Piepmatz wiederum ein noch kleinerer Nano-Juli, und immer so weiter. Diese mise-en-abîme, „Sturz in den Abgrund“, genannte Technik war in früheren Epochen geeignet, die Omnipräsenz Gottes im Großen wie im Kleinen zu visualisieren — in einem gottlosen Universum finden wir jedoch überall nur Herrn Reichelt und seine Brustbehaarung. Wie in der Pop-Art werden auch hier Textfragmente durch Wiederholung ihrer Bedeutung beraubt; die Begriffe „Reichelt“, „Newsletter“ und „Top 7“ werden dem Betrachter so renitent ins Hirn gerammt, daß sich jeder Sinn, ja das Vertrauen in Sprache selbst verflüchtigt.

Was aber will der Künstler uns damit sagen? Man könnte meinen, hier habe ein Grafiker das überbordende Ego seines evtl. sogar jüngeren Chefs subtil in Frage zu stellen gesucht. Aber jenseits einer solch platt politischen Deutung erzeugt die schneckenhausartige Konstruktion des Bildes ein Gefühl tiefer seelischer Verkommen- und Verlorenheit, die über seinen tagesaktuellen Gehalt hinausreicht, und verweist auf ein allgemein-menschliches, in der Tradition antiker Herrschaftskritik stehendes memento mori, welches das leicht verzweifelte Antlitz des Burschen in die Tradition der großen Existenzialisten stellt.

Und wirklich: Konnte man dem lebensfrohen Kai Diekmann wenigstens noch abnehmen, an seinen Leichen- und Tittenfotos höchstpersönliche Befriedigung zu finden, also wenigstens ästhetisch hinter seinem Treiben zu stehen bzw. stehen zu haben, konfrontiert uns dieses „Bild“-Bild mit einem blutleeren Vertreter einer “lost generation” — ein postmoderner Anti-Held mit dem Charme eines Sparkassenazubis nach der zweiten Überstunde; ein Gott der kleinen Dinge, überfordert schon von der Frage, ob er Bild.de nun eher pro oder kontra Ausländerklatschen ausrichten soll. Wir alle finden uns in diesem Bild wieder, wir alle haben an Reichelts leicht gelüpftem Busen Platz. Vielleicht finden wir an ihm sogar Trost.

Verhaftungswelle, VG-Wort-Tauziehen, Mario Barth

1. „Le Monde“ zeigt keine Bilder von Terroristen mehr
(sueddeutsche.de)
Die „SZ“ informiert über die neue Berichterstattungspraxis der französischen Tageszeitung „Le Monde“. Diese wolle zukünftig keine Bilder mehr von Terroristen veröffentlichen und auf die Wiedergabe von IS-Propagandamaterial verzichten. So wolle man „eventuelle Effekte der posthumen Glorifizierung“ vermeiden.

2. Massenhafte Haftbefehle gegen Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ berichtet über die neue Verhaftungswelle gegen Journalisten in der Türkei. In den vergangenen Tagen habe die türkische Justiz gegen rund 90 Medienschaffende Haftbefehle erlassen, einige davon seien bereits vollzogen. „RoG“-Geschäftsführer Mihr dazu: „Die massenhaften Haftbefehle der vergangenen Tage zielen unmissverständlich darauf, unbequeme Journalisten mundtot zu machen. Das Versprechen der Regierung in Ankara, trotz des Ausnahmezustands Grundrechte wie die Pressefreiheit zu achten, ist offensichtlich keinen Pfifferling wert. Die Hexenjagd auf kritische Journalisten in der Türkei muss sofort aufhören.“

3. „Die postredaktionelle Gesellschaft“
(taz.de, Amna Franzke)
Der Medienethiker und Theologe Alexander Filipović ist Inhaber des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Medienethik. Seine Schwerpunkte: Die Ethik digitaler Öffentlichkeiten und die Zukunft des Journalismus. Amna Franzke hat sich mit dem Medienethiker über Öffentlichkeit, Tempo, Verantwortung und die „redaktionelle Gesellschaft“ unterhalten, von der wir weit entfernt seien: „Die redaktionelle Gesellschaft ist als Utopie zu verstehen: Alle Leute können kompetent über die Folgen ihrer öffentlichen Kommunikation nachdenken und danach handeln. Faktisch erleben wir das Gegenteil: die postredaktionelle Gesellschaft. Wir haben keine Redaktionen für unsere öffentliche Kommunikation. Wozu das führt, haben wir nach dem Attentat in Nizza gesehen und jetzt in München. Die Menschen halten ihre Kamera drauf und verbreiten Fotos, Videos und Falschmeldungen rasend schnell.“

4. Richtungsstreit in der VG Wort
(irights.info, Henry Steinhau)
Laut „irights.info“ entwickelt sich in der VG Wort ein Tauziehen darum, wie es mit der Verwertungsgesellschaft weitergehen soll. Autoren würden sich gegen die Verlegerbeteiligung wenden und einen Umbau der Mitbestimmung fordern. Auf der anderen Seite würden Vorstand und Verlage den Gesetzgeber drängen, die Verlegerbeteiligung zu legalisieren. Auslöser des Streits ist das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH), das die Rechtswidrigkeit der Verlegerbeteiligung an den Autorenvergütungen feststellte.

5. Forderung nach Nachrichtenkanal − ARD: Können schnell reagieren
(newsroom.de)
In den letzten Tagen tauchten immer wieder Forderungen nach einem neu einzurichtenden Nachrichtenkanal der Öffentlich-Rechtlichen auf, der rund um die Uhr berichtet. Nun hat sich der Gründungsintendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, in die Diskussion eingeschaltet und schließt sich dieser Forderung an.

6. „Schmähkritik“: Krah fordert Unterlassung von „DNN“
(flurfunk-dresden.de, Dirk Birgel)
Laut dem Dresdner Medienblog „Flurfunk“ hat der Dresdner Anwalt und CDU-Kreisvorstandsbeisitzer Maximilian Krah den „Dresdner Neueste Nachrichten“ ein Anwaltsschreiben zukommen lassen, in dem er Gegendarstellung, Widerruf, Unterlassung und Schadensersatz fordert. Krah hatte während des Münchner Amoklaufs einen (mittlerweile gelöschten) Tweet abgesetzt, der für bundesweite Kritik sorgte.

7. Antwort auf Mario Barths jüngste „Medienkritik“
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Mario Barth hat sich mit einer Kritik an den „Medien“ (Anführungszeichen von ihm) zu Wort gemeldet. Anlass sind die Reaktionen auf seinen vorherigen Facebook-Post („Es wird immer schwieriger zu schreiben, wie man etwas empfindet, da man entweder dann ein „Hetzer“, ein „Angstverbreiter“, ein „Natzi“, ein „Publizist“ oder ein „Idiot“ ist.“) Nach einer ersten Reaktion, hat 6vor9-Kurator Lorenz Meyer nun einen Antwortbrief an den Comedian verfasst. Um besser verstanden zu werden, in der Sprache des Bühnenkünstlers, also auf „MarioBarthinisch“.

Foto-Tumult im Freibad

Vergangene Woche ist im Freibad von Neu Wulmstorf, in der Nähe von Hamburg, ein Mann ertrunken.

Am Rande der letztlich erfolglosen Rettungsaktion der Sanitäter kam es zu Tumulten, wie die „Hamburger Morgenpost“ berichtet:

Zwei Journalisten wollen die Hilfskräfte bei dem Wiederbelebungsversuch fotografieren und werden zur Zielscheibe von etwa 30 aufgebrachten Badegästen. Ein Augenzeuge berichtet, dass ein Mann versuchte, die beiden Fotografen zu schlagen und zu würgen.

Anschließend ergriff der Mann die Flucht. Die Journalisten erstatteten nach der Attacke Anzeige gegen Unbekannt, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Nun ist Schlagen und Würgen sicherlich kein angemessenes, erwachsenes Verhalten, aber das Fotografieren von Schwerverletzten, Sterbenden oder Toten ist ja auch nicht unbedingt besonders ethisch oder feinfühlig.

… womit wir wieder bei der „MoPo“ wären, denn neben dem Artikel „Mann ertrinkt – Badegäste gehen auf Journalisten los“ hat die noch einen zweiten über den Unglücksfall im Freibad veröffentlicht („Vorwürfe gegen Bademeister: Ertrunkener Flüchtling konnte nicht schwimmen“), in dem auch diese zutreffende Bildunterschrift vorkommt:

Hier kämpfen Rettungskräfte um das Leben des Mannes. Er wird reanimiert, stirbt jedoch später im Krankenhaus.

Ob das Foto von einem der angegriffenen Journalisten stammt, konnte uns die lokale Polizei nicht sagen, bei mopo.de ist kein Urheber genannt.

Mit Dank an Sebastian S.

Kopfschmerzen, Broderismus, Sangria

1. Welches Privatleben steht Politikern zu?
(heute.de, Christoph Schneider)
Christoph Schneider berichtet über die bevorstehende Entscheidung des BGH im Fall Wowereit gegen „Bild“. Ein Promi-Jäger habe 2013 Wowereit bei einem privaten Restaurantbesuch von draußen durch die Scheibe fotografiert. „Bild“ habe das Foto drei Tage später, zusammen mit einer herabsetzenden Überschrift veröffentlicht. Persönlichkeitsrecht eines Politikers versus ein unterstelltes Informationsinteresse der Öffentlichkeit, das werde am 27. September vom BGH entschieden. Womöglich mit Auswirkungen auch über die Causa Wowereit hinaus.

2. Finde die Fehler: Nach 25 Jahren Migräne geheilt
(scilogs.spektrum.de, Markus A. Dahlem)
Der „Focus“ sorgt mit seiner Headline „Migräne: Frau hat dank Ernährungsumstellung nach 25 Jahren keine Kopfschmerzen mehr“ für Kopfschmerzen bei SciLogs-Blogger Markus Dahlem. Der wohl von einer englischen Boulevardpostille abgeschriebene Text strotze vor Fehlern. Dahlem arbeitet gegen den Schmerz an und macht das, was sich die „Focus“-Redaktion laut Einblendung wünscht. Er markiert Fehler. Und er findet eine Menge davon…

3. Schnell, fair und unparteiisch?
(zeit.de, Hilal Sezgin)
Die Journalistin Hilal Sezgin erinnert sich an ihre Ausbildung beim Hessischen Rundfunk vor 20 Jahren. Die ersten Dinge, die man ihr dort vermittelt hätte: Pünktlichkeit, Sorgfalt bei der Recherche, Fairness und Unparteilichkeit. Schon damals war sie skeptisch, was die geforderte Unparteilichkeit anbelangt. Heute sieht sie sich darin bestätigt und argumentiert gegen die Meinungslosigkeit: „Wer hingegen die eigene Weltsicht wie ein Chamäleon dem hegemonialen Hintergrund anpasst, ohne darüber zu reflektieren, berichtet oft genug unfair über Lebensweisen und Ansichten anderer. Die kommen dem Chamäleon dann nämlich sonderbar schrill vor, selbst wenn es selbst momentan auf einem orange-gepunkteten Blatt sitzt und entsprechend aussieht.“

4. ZDF: Die schwierige Suche nach jungem Publikum
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Uwe Mantel hat sich auf „dwdl“ die ZDF-Zahlen der Saison 2015/16 angeschaut und analysiert. Das ZDF sei auch in der zurückliegenden Fernsehsaison wieder unangefochtener Marktführer beim Gesamtpublikum gewesen. Zu verdanken sei das den älteren Zuschauern, die das ZDF vor allem mit seinem Krimi-Überangebot fest für sich gebucht habe. Mantel nennt es ein „süßes Gift“, denn herausragenden Quoten beim älteren Publikum stehe hier nämlich meist Desinteresse bei den Jüngeren gegenüber. Der Artikel birgt einige Überraschungen, z.B. über „heute-show“ und Horst Lichters „Bares für Rares“.

5. Broder rückt Journalisten in die Nähe der SS
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Henryk M. Broder wütet in einer Kolumne gegen namentlich bezeichnete Chefredaktuere und Journalisten an, denen er „Gefühlskälte, Mitleidslosigkeit und Brutalität im Gewande der Sachlichkeit“ unterstellt. Und er beendet seine Zeilen mit einem Satz, bei dem einigen vielleicht nicht aufgefallen ist, dass es sich um ein Zitat des SS-Reichsführer Heinrich Himmlers über den Holocaust handelt. Stefan Niggemeier von „Übermedien“ ist es aufgefallen: „Auch wenn Broder es nicht explizit ausformuliert: Seine angedeutete Parallele lässt sich als einer der brutalsten Nazi-Vergleiche lesen, die man sich vorstellen kann.“

6. Nachrichtenlage: +++ Keine Eilmeldung +++
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
„Ich habe begonnen, Eilmeldungen zu hassen. Ich könnte sie abbestellen, aber so schlau und entspannt bin ich nicht. Alle paar Tage lösche ich eine News-App auf dem iPhone, inzwischen kommen nur noch Eilmeldungen von SPIEGEL ONLINE, vom „Guardian“, von „Zeit Online“ und der „FAZ“. Ich zähle sie auf und denke: Ich bin doch bescheuert, es sind immer noch zu viele. Um mich herum sind lauter genauso Bescheuerte. Wie Leute am Ballermann, die um Sangria-Eimer rumsitzen, sitzen wir um unsere Smartphones rum und saufen Eilmeldungen.“

„The European“ wärmt den „Sex-Mob-Alarm“ auf

Peter Harzheim, der Präsident des „Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister“ (BDS) hat in der „Rheinischen Post“ neulich folgenden Vorschlag gemacht: Man könnte doch eine gewisse Zahl Geflüchteter zu Bademeistern ausbilden.

„Uns fehlen Fachkräfte. Darum wäre es fahrlässig, diese Ressourcen nicht zu nutzen“, betonte der BDS-Chef. Außerdem könnten zum Schwimmmeister ausgebildete Flüchtlinge dazu beitragen, dass es in den Bädern seltener zu interkulturellen Konflikten kommt.

Klingt nach einer Idee, die zumindest nichts schlimmer machen würde und vielleicht ein paar Probleme im Schwimm- und Freibadalltag lösen könnte. Sprachschwierigkeiten von ausländischen Badegästen zum Beispiel.

Joachim Nikolaus Steinhöfel, unter anderem Anwalt von Akif Pirinçci und Matthias Matussek, scheint kein Unterstützer von Harzheims Einfall zu sein. Er schreibt bei „The European“:

Full disclosure: Ich bin jetzt nicht mehr dazu gekommen, abschließend zu recherchieren, ab welcher Überdosis Chlorwasser mit nachhaltigen Schädigungen des Denkvermögen zu rechnen ist. Oder beim Springen vom Beckenrand, wenn das Wasser vorher abgelassen wurde.

Aber eigentlich geht es Steinhöfel auch gar nicht um die Sache mit den möglichen neuen Bademeistern. Er will viel lieber über ein anderes Thema sprechen. Das macht er schon im Teaser des Artikels klar, direkt unter der „Mohammad“-Überschrift:

Im Text führt er weiter aus:

Was gibt es bei diesen Temperaturen schöneres, als eine sachkundig ausgeführte Arschbombe in einem öffentlichen Schwimmbad. Sie muss ja nicht unbedingt vom sympathischen Peter Altmaier demonstriert werden, dem 16-Tonner unter den Bundespolitikern. Nur muss ich da gleich etwas Wasser in den Wein kippen. Denn die Meldungen über einem enormen Anstieg sexueller Übergriffe in Schwimmbädern häufen sich. Laut Auskunft der Kriminalpolizei insbesondere Vergewaltigung und sexueller Mißbrauch von Kindern. Die Täter seien in erster Linie „Zuwanderer“, zitiert die „Bild“ aus einem internen Polizeidokument.

Folgendes Problem: Es ist längst bekannt, dass der „Bild“-Artikel, auf den Steinhöfel sich bezieht, und die damit verbundene „Sex-Mob-Alarm“ völliger Unsinn sind.

Dass Joachim Nikolaus Steinhöfel die „Bild“-Geschichte dennoch vor wenigen Tagen aufgreift, obwohl sie schon längst entkräftet ist, verdeutlicht das Folgeproblem an unsauberer Berichterstattung über Geflüchtete und Zuwanderer: Einmal veröffentlicht, werden die Artikel von Leuten herangezogen, die populistische Thesen in die Welt jagen wollen und die sich nicht sonderlich dafür interessieren, ob eine Meldung stimmt oder nicht, solange sie eine Quelle haben, die zur eigenen Position passt. Da kann man noch so viel richtigstellen.

Mit Dank an @Sancho_P für den Hinweis!

Nachtrag, 27. Juli: Joachim Nikolaus Steinhöfel hat sich zu diesem Beitrag geäußert und führt fünf Punkte an, warum doch alles in Ordnung ist mit seinem Text:

1. Fehler in der Berichterstattung unterlaufen jedem Medium. Sogar der „Süddeutschen“, „Neues Deutschland“ und der „Frankfurter Rundschau“. Ob man das „bildblog“ hier ausnehmen muss, kann ich nicht sagen, da ich ihn in der Regel nicht lese. Es genügt in jedem Falle journalistischen Standards auch der MSM, wenn man sich zum Beleg für eine Behauptung auf andere seriöse journalistische Quellen bezieht. Diese Arbeitsweise genügt auch den rechtlichen Anforderungen an Berichterstattung im Bereich des Persönlichkeits- und Presserechts. Wenn dieselbe Tatsache in der „Bild“ und im übrigen auch in der „Welt“ veröffentlicht wird, besteht kein Anlaß, sie ohne begründete Zweifel nochmals zu überprüfen. „bildblog“ gehört nicht zur notwendigen Lektüre eines Journalisten. Ob dort tatsächlich etwas entkräftet wurde, kann man durch Zufall erfahren. Eine Recherchepflicht auf gerade diesem Medium existiert nicht. Die erkennbare ideologische Schlagseite des Blogs macht es auch in der Regel verzichtbar.

2. Die Quellen hatten den Zweck, die Zunahme an Delikten, insb. Sexualdelikten durch „Flüchtlinge“, insb. in Schwimmbädern zu belegen. Hierbei ist der Tatort Schwimmbad nachrangig, da massenhafte Sexualdelikte durch „Flüchtlinge“, egal wo verübt, grundsätzlich kein Qualifikationskriterium für die Bademeisterschaft zu sein scheinen.

3. Wenn diese Masse an Sexualdelikten von „Flüchtlingen“ aber gegeben ist, ist es für die Zielrichtung des Artikel nachrangig, ob die Quelle stimmt. Stimmt die Behauptung trotzdem, wäre eine falsche Quelle unerfreulich, aber sekundär. Denn die aufgestellte Behauptung ist wahr.

4. Öffentlich zugänglichen Quellen wie Presseberichten und Angaben der Polizei sind mindestens 747 sexuelle Übergriffe, 107 (auch versuchte) Vergewaltigungen und 600, auch sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch „Flüchtlinge“ zu entnehmen.

5. Vor dem geschilderten Tatsachenhintergrund den von mir verfassten Artikel zu kritisieren, ist tatsächlich „unsaubere Berichterstattung“. Oder, um in der Terminologie des Autoren des „bildblog“ zu bleiben: Linke Hetze.

Joar.

Das Pokémon von Loch Ness

In der Stadt Burg in der Nähe von Magdeburg ist es seit zwei Wochen nicht mehr erlaubt, Bettwäsche am offenen Fenster auszuschütteln, wenn das Fenster weniger als drei Meter von der Straße entfernt liegt. Das Gleiche gilt für Teppiche, Tücher, Kleider und Polster. Auch streunende Katzen zu füttern, ist in Burg nun verboten. Nicht mal mehr auf Laternen klettern darf man.

Das alles regelt die neue Gefahrenabwehrverordnung, die in Burg seit dem 11. Juli gilt. Wer sich nicht an sie hält, riskiert ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst — Perlen des Lokaljournalismus“. Im August erscheint von Daniel Wichmann und ihm „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Damit auch klar ist, dass die Stadt es mit der neuen Regelung ernst meint, will sie nun vier „Ermittler“ einstellen, die laut Stellenausschreibung sogar bereit sein müssen, Dienstkleidung zu tragen. Sie sollen die Einhaltung der neuen Verordnung überwachen.

Im Grunde ist das ja eine gute Nachricht, denn immer wenn man so etwas liest, kann man sich getrost noch mal auf die andere Seite drehen und zwei weitere Stündchen schlafen, weil offenbar alles in Ordnung ist. Nur ist im Moment genau das ja nicht der Fall.

Wir alle sind alarmiert. Es muss nur irgendwas passieren, und wir vermuten gleich das Schlimmste. Bei Twitter schrieb der Kollege Henning Sußebach, er hätte das Wort „Autokauf“ gesehen und „Amoklauf“ gelesen.

In Eschweiler in der Nähe von Aachen hat jemand den Notruf gewählt, weil er beobachtet hatte, wie ein Mann seine Frau vom Balkon stieß und die Frau dreieinhalb Meter kopfüber in die Tiefe stürzte. Polizei und Feuerwehr kamen mit Blaulicht, und normalerweise vergeht dann ja auch nicht mehr viel Zeit, bis die Reporter eintrudeln, und zum ersten Mal das unvermeidliche Wort „Familiendrama“ fällt. Die Nachbarn sind natürlich bestürzt, und garantiert wird sich irgendwer finden, der bestätigen kann, dass es ja eigentlich ganz normale Leute waren.

Aber so weit kam es diesmal gar nicht, denn als die Frau unter ihrem Balkon gefunden wurde, konnte sie selbst sagen, was passiert war. Niemand hatte sie gestoßen. Sie war bei dem Versuch, einen Teppich aufzuhängen, über das Geländer gefallen. Und damit sieht alles ganz anders aus. Auch in Eschweiler ist die Welt doch noch in Ordnung. Nur im Rathaus müssten sie sich nun die unangenehme Frage gefallen lassen, warum es in der Stadt noch immer keine Gefahrenabwehrverordnung gibt. Mit der wäre das ja wahrscheinlich nicht passiert.

Nur wird diese Frage momentan vermutlich niemand stellen, denn eigentlich befinden wir uns ja mitten im Sommerloch, und da stellt niemand solche Fragen. Da bleibt normalerweise endlich Zeit, sich auf die unwichtigen Dinge zu konzentrieren, um hier und da auch mal einzuwerfen: Ach, und dafür ham’se Zeit.

Aber das ist noch nicht passiert. In diesem Jahr ist alles anders. Allein in den vergangenen Tagen sind so viele schreckliche Dinge passiert, dass man denken könnte, irgendwo da oben sitze Hiob ganz alleine am Newsdesk. Ein Montag reiht sich an den nächsten, und wir sind so sehr mit unserer Angst beschäftigt, dass wir nicht mal mitbekommen haben, wie das Huhn Gerda an der A4 in der Nähe von Dresdesn wochenlang mit der Autobahnpolizei Katz und Maus spielte. Es war nicht zu fassen — bis irgendwann ein Autofahrer anhielt und es einfach einfing:

Vielleicht hat diese Ignoranz aber auch gar nichts mit unserer Angst zu tun, sondern einfach damit, dass so ein Huhn, egal, wie es nun heißt, bei „Pokémon Go“ keine Punkte bringt. Und darum scheint es in diesem Sommer ja eigentlich zu gehen. Vielleicht hat der Mann, der wegen des Huhns ausstieg, da einfach irgendwas verwechselt.

Immerhin ist sein Auto heil geblieben, und das ist ja auch schon mal was, denn wenn man sich die Warnungen der Polizei ansieht, dauert es vermutlich nicht mehr allzu lange, bis „Pokémon Go“ auch in Unfallursachen-Charts an der Spitze steht. In den USA ist man da schon etwas weiter. Dort lassen sich bereits ganze Nachrichten-Spalten mit den mutmaßlichen Pokémon-Schäden füllen.

In Baltimore zum Beispiel ist ein Mann mit seinem Wagen in ein parkendes Polizeiauto gekracht, während ein Polizist danebenstand und das alles filmte. Man kann sich das Video ansehen.

Der Mann versucht nicht mal zu vertuschen, was er da gemacht hat. Als er aus seinem demolierten Wagen aussteigt, hält er sein Smartphone noch immer in der Hand und flucht: „Das hat man jetzt davon, wenn man dieses Spiel spielt.“ Also in dem Fall: gar nichts. In Deutschland hätte man auch für dieses Manöver ja noch ein paar Punkte bekommen — wenn auch leider die falschen.

Die richtigen bekommt man anscheinend vor allem da, wo man bei klarem Verstand niemals hingehen würde. In Kalifornien sollen zwei Pokémon-Sammler 30 Meter in die Tiefe gestürzt sein, weil sie an einer Klippe hinter der Absperrung ein seltenes Pokémon vermuteten:

Bis in Bosnien etwas passiert, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dort suchen die fidelen Pokémon-Sammler offenbar sogar auf Landminen-Feldern. Dass ihr Jäger-Gruß lautet „Wir hören voneinander“, ist wiederum nur ein Gerücht.

„Pokémon Go“ verbreitet sich wie eine Pandemie. Überall auf der Welt suchen Horden von Menschen in den Städten der Verzweiflung nahe nach imaginären Dingen, die dann doch nur auf Displays existieren. Das alles kommt einem so seltsam bekannt vor. Und natürlich, das gab es auch früher schon, aber da ging es nicht um Pokémons, sondern um freie Parkplätze.

Die Monsterjagd hat ja auch sonst etwas Vertrautes. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass das Sommerloch damals extra für sie erfunden wurde. Früher verlief ja jedes Jahr sehr ähnlich (auch das eine vage Erinnerung). Kaum war im Sommer nichts mehr los, hatte relativ erwartbar wieder irgendwer das Ungeheuer von Loch Ness gesichtet, es aber durch einen unglücklichen Zufall nicht fotografieren können — oder wenn doch, dann nur so unscharf, dass das auf dem Bild abgebildete Ding auch ein Elefant, ein Auto oder ein Stück Holz in der Badewanne hätte sein können.

Über viele Jahre ging das so. Und während der erste „Pokémon Go“-Jäger schon nach gut drei Wochen behauptet, seine 142 Monster zusammen zu haben und mit dem Spiel damit durch zu sein, wartet Steve Feltham in den schottischen Highlands weiter auf sein zweites Erfolgserlebnis. Das erste war der Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ als ausdauerndster, aber eben auch erfolglosester Monsterjäger, von dem man jemals gehört hat.

Steve Feltham hat vor 25 Jahren seinen Job aufgegeben, um sich ganz seinem Hobby widmen zu können, der Suche nach Nessi. Um dieses Vorhaben zu finanzieren, verkauft er seit einigen Jahren kleine Figuren, die das im See vermutete Ungeheuer so zeigen, wie man sich so ein See-Ungeheuer vorstellt.

Das Geschäft scheint irgendwie zu laufen. Jedenfalls ist Feltham noch immer da. Seit einigen Wochen läuft es sogar etwas besser, und Feltham wundert sich nicht nur darüber, denn seitdem sieht er rund um den See immer wieder Menschen, die anscheinend etwas Ähnliches suchen wie er, das aber ganz anders anstellen. Sie schauen nicht auf den See, sondern auf dieses Gerät, das sie vor sich hertragen, und seltsamerweise sprechen sie auch nicht von Nessi. Sie nennen das Ding, das sie suchen, Lapras.

Das Pokémon Lapras sieht so aus wie die kleinen Figuren, die Feltham verkauft. Es wurde hier und da schon gefangen, gilt aber als sehr selten, und deshalb ziehen viele Monster-Jäger irgendwann entnervt wieder ab, ohne es gefunden zu haben. Einige von ihnen kaufen vorher als kleines Souvenir eine von Felthams Figuren. Und irgendwie schließt sich hier sehr schön der Kreis zwischen dem beschaulichen alten Sommerloch und dem globalisierten von heute.

Vielleicht kann man Felthams kleine Teilhabe am weltweiten Pokémon-Boom sogar als sein zweites Erfolgserlebnis bezeichnen. Das dritte wäre wahrscheinlich immer noch keine Nessi-Sichtung, aber es könnte ein neuer Geschäftszweig sein: Viel mehr Geld als mit seinen Figuren könnte Feltham wahrscheinlich mit dem Verkauf von Zweit-Akkus und Ladestationen machen, denn die Handy-Batterien von Pokémon-Jägern sind schneller leer als eine kleine Flasche Bier.

In Witten im nördlichen Ruhrgebiet haben sich vier junge Männer deshalb mit einer Kabeltrommel auf die Jagd begeben, die sie, als der Akku-Balken immer schmaler wurde, im Vorraum einer Sparkassen-Filiale an eine Steckdose schlossen. Im Übermut betrieben sie über die gleiche Steckdose auch eine Musik-Anlage, und nur das verriet sie.

Die Polizei kam leider zu spät. Die Akkus waren längst geladen. Die Beamten schrieben noch schnell eine Strafanzeige wegen illegalen Stromabzapfens. Doch danach mussten sie die vier Männer ziehen lassen und mitansehen, wie sie vor der Sparkassen-Filiale ihre Monster-Jagd fortsetzten. Dagegen kann bislang leider niemand etwas tun. Die Staatsgewalt ist vollkommen machtlos. Vielleicht braucht auch Witten eine neue Gefahrenabwehrverordnung.

Paradoxien, Experten, Hummeln

1. Die fünf Paradoxien der Livemedien und der Mythos des Oknos
(zeit.de, Jochen Wegner)
Der Chefredakteur des Online-Auftritts der „Zeit“ Jochen Wegner über ein Kernproblem des Onlinejournalismus: Weltgeschehen zu erklären während es geschieht. Wegner überlegt in einem Werkstattbericht, ob und wie Journalisten diesem Anspruch gerecht werden können und weist auf fünf Paradoxien hin, die das Ganze erschweren würden.

2. Wie man Terrorexperte wird
(bilanz.de, Bernd Ziesemer)
Bernd Ziesemer über die Unart der Fernsehsender, uns immer wieder die gleichen Personen als Experten für alles und jedes zu präsentieren. Während der Schießerei in München hätte „CNN“ gar den früheren Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark als „Experten“ aufgeboten. Die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland würden ähnlich verfahren: „Das Erste präsentierte zur gleichen Stunde den früheren Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo als „ARD-Terrorexperten“. Dieser Titel war mir neu. Bisher kannte man Mascolo nur als „Leiter des Rechercheverbunds“, den NDR und WDR gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung betreiben. Der Mann verfügt offenbar über eine multiple Persönlichkeit: Mascolo tauchte in anderen Sendungen auch schon als „Finanzexperte“ (Panama Papers), „DDR-Experte“ (Jahrestag des Mauerfalls) oder „Geheimdienstexperte“ (BND-Skandal) auf.“

3. Facebook-„Sheriff“ und Online-Kolumnist: moderne Richter
(lto.de, Andreas Mosbacher)
Andreas Mosbacher ist Richter am Bundesgerichtshof und stört sich an den „Zeit“-Kolumnen seines Kollegen Thomas Fischer, der als Vorsitzender Richter am 2. Strafsenat des BGH tätig ist. Mosbacher moniert insbesondere Fischers Wortwahl („sexualisierte Sprache“) und wirft ihm die Herabwürdigung von Kritikern und Vertretern abweichender Auffassungen vor. Wie es sich für einen Juristen gehört, hat er für seine Behauptungen (zahlreiche) Belege. Nun bleibt abzuwarten, ob der streitlustige Fischer mit einer Replik kontert.

4. Lob des Handwerks
(swr.de, Rainer Volk, Audio, 4:45 Min.)
Die Berichterstattung rund um den Münchner Amoklauf war durch viele Spekulationen geprägt. Nach Ansicht von Rainer Volk vom „SWR“ hat sich eine journalistische Disziplin am besten geschlagen, die vom Publikum wie von den Kollegen eher belächelt werde: der Polizeireporter. Für BR-Polizeireporter Oliver Bendixen findet er besonders lobende Worte: „Da fühlte man sich ins Bild gesetzt, informiert. Kein Wunder: Der Mann betreibt sein Gewerbe seit fast 40 Jahren, hat Informanten bei allen Sicherheitsbehörden. Quellen, denen er vertraut und die ihm vertrauen. Wie wichtig das ist, lernt man in Journalistenschulen. Es ist Handwerk, das kleine Einmaleins des Berufs und das war an diesem langen, beunruhigenden Abend ganz groß.“

5. „Das ist der Preis für Journalismus in diesem Land“
(welt.de, Deniz Yücel)
Deniz Yücel schreibt in der „Welt“ über die weiter voranschreitende Verfolgung von Journalisten in der Türkei. Türkische Medien hätten berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Istanbul die Festnahme von 42 Journalistinnen und Journalisten verfügt haben soll. Der Vorwurf laute: Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung, die die Regierung für den gescheiterten Putsch verantwortlich macht.

6. Wie Trump die Schwerkraft der Rationalität überlistet
(carta.info, Tobias Endler)
Tobias Endler erklärt, was der amerikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump mit einer Hummel gemein hat.

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