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Bild.de sieht Luzifer-Trump und 27 Jahre Dritten Weltkrieg

Bei „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ scheint momentan ein Versuch zu laufen, für Geschichten auch mal auf unkonventionellere Quellen zurückzugreifen. Und damit meinen wir jetzt nicht, dass die „Bild“-Medien gerade erst wieder auf eine Satireseite reingefallen sind. Wir denken dabei eher an so eine Geschichte:

Aber nicht nur bei so lapidaren Dingen wie dem Wetter recherchieren die „Bild“-Redakteure auf ungewöhnliche Art und Weise, sondern auch bei harten Themen wie Politik. Zum Beispiel zur Amtseinführung von Donald Trump: Da hat „Bild am Sonntag“ zwar nicht den „Zwiebel-Schamanen“ um Rat gefragt, dafür aber einen Numerologen:


Erstmal müssen grundlegende Dinge zur Zahlenwelt rund um Trump geklärt werden:

Numerologe Arndt Aschenbeck sieht in der Zahl ein Omen für die Präsidentschaft: „Trump ist am 14.6.1946 geboren. Die Quersumme seines Geburtstages ist 5 (14=1+4). Die Quersumme seines gesamten Geburtsdatums ist 4 (1+4+6+1+9+4+6 = 31= 3+1 =4). Das bedeutet, die 45 findet sich auch unter seinen beiden wichtigsten persönlichen Zahlen wieder.“

Jo. Und was heißt das jetzt? Eindeutige Antwort: Positives und Negatives.

Was das bedeutet, erklärt der Experte so: „Die 45 ist eine starke und schöpferische Zahl. Unter ihr kommt man zu herausragenden gesellschaftlichen Positionen — vorausgesetzt, man lässt sich nicht von außen beeinflussen.“

Doch die Zahl habe auch negative Züge: „Die 45 ist leicht beeinflussbar, ungeduldig, stolz und lässt sich aus der Ruhe bringen. Auch starke Reizbarkeit und gelegentliche Zornausbrüche sollten vermieden werden, indem man sich in Selbstbeherrschung, Geduld und Ausdauer übt.“

Män könne auch noch aus den „Einzelzahlen“ etwas über „den Charakter eines Menschen“ lesen, so der Numerologe. Den Part überspringen wir gerade mal und kommen besser direkt zum Fazit:

Fazit des Experten: „Wie man sieht, widersprechen sich die 4 und die 5 komplett. Die 4 will, dass alles so bleibt, wie es ist. Die 5 will verändern. Diesen Konflikt hat Trump schon in seiner Persönlichkeit angelegt. Und es kann gut sein, dass dieser Widerspruch auch seine Präsidentschaft prägt. Auf der einen Seite will er vieles reformieren und anders machen, auf der anderen Seite ist er stur und nicht gewillt, seine persönlichen Ansichten zu ändern.“

Dieser Artikel zur kommenden Präsidentschaft Trumps ist am vergangenen Sonntag auch in der gedruckten „Bild am Sonntag“ erschienen. Mit einer Ausnahme: Statt, wie bei Bild.de, „elf wichtige Fragen zur Machtübernahme im Weißen Haus“ zu beantworten, liefert die Printversion nur Antworten auf zehn Fragen — der gesamte Teil mit der Numerologie wurde gestrichen. War dann vielleicht doch etwas zu speziell.

Mit den Zahlenspielen sind die besonderen Recherchen zu Donald Trump bei Bild.de aber noch nicht ausgeschöpft. Es gibt schließlich noch Nostradamus:

Der französische Apotheker, Arzt und Astrologe (1503 – 1566), der die Große Depression, den Zweiten Weltkrieg oder den Anschlag vom 11. September vorhergesagt haben soll, warnte angeblich im Jahre 1555 in seinen vierzeiligen Versen (Quatrains) vor dem Aufstieg des dritten Anti-Christen.

Ist Donald Trump nach Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler die dritte Inkarnation des Teufels? Wird der New Yorker Immobilienmogul einen 27 Jahre langen Weltkrieg auslösen?

Doch, doch, diese Fragen stellt Bild.de tatsächlich. Und legt „zwei Beweise“ der „Amerikanischen Nostradamus Gesellschaft“ dafür vor, dass Nostradamus Trump gemeint hat:

► Eine Illustration des Astrologen, in der ein brennender Turm (Englisch: Tower) zu sehen ist. In dem Bericht der Gesellschaft hieß es damals: „Mit dem Bild eines Turmes schreit Nostradamus geradezu den Namen Trump. Und das Feuer ist eindeutig ein Weg, uns vor seinen entzündbaren Reden zu warnen.“



► Ein Vers von Nostradamus, der etwa so lautet: „Biester werden wild vor Hunger die Flüsse überqueren. Der größte Teil des Schlachtfeldes wird gegen Hister sein. In einen eisernen Käfig wird der Große gezogen, wenn das deutsche Kind keine Regeln befolgt.“

Die Nostradamus Gesellschaft deutete den Vers so: „Hister ist der lateinische Name für den Fluss Donau, der durch Deutschland fliesst. Trump hat deutsche Wurzeln. Und das Schlachtfeld ist offensichtlich das große Feld der republikanischen Kandidaten. Der Eiserne Käfig sind die TV-Debatten und die Biester, die den Fluss überqueren, sind die Einwanderer, die über den Rio Grande kommen, gegen die Trump so gewütet hat.“


Gut, wäre das auch geklärt.

Dass Donald Trump der von Nostradamus prophezeite „Anti-Christ“ ist, belegt der Bild.de-Autor mit einer weiteren Beobachtung:

Und dann war da noch etwas: Trump hatte sich in seinem Wahlkampf sogar mit Papst Franziskus angelegt.

Der Pontifex hatte auf einer Reise von Mexiko nach Rom gesagt: „Eine Person, die nur an das Bauen von Mauern denkt … und nicht an das Bauen von Brücken, ist kein Christ.“

Als Reaktion darauf hatte Donald Trump in seiner typischen Art gegen Papst Franziskus gewettert. Und die Tageszeitung „Daily News“ habe laut Bild.de getitelt: „‚Der Anti-Christ!'“

Sehen Sie? Klare Sache.

So ganz einig scheinen sich die Experten dann aber doch nicht zu sein:

Der Nostradamus-Experte John Hogue (61) aus Hollywood glaubt nicht, dass Trump „Mabus“ (Nostradamus’ Codename für Luzifer) ist, sondern vielmehr das Opfer eines Attentats sein wird. Die Ereignisse würden anschließend im Dritten Weltkrieg eskalieren.

Das führt natürlich direkt zu einer wichtigen Frage:

Wenn Trump nicht der Teufel ist, aber Nostradamus seine dritte Inkarnation für 2017 prophezeit hat, wer könnte es dann sein?

Jaha. Aber auch da kann Bild.de helfen:

Zur Wahl stehen unter anderem Putin und Kim Jong-un. Oder ist es gar Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (36)? Das Büro seines milliardenschweren Immobilien-Imperiums in Manhattan hat die Adresse 666 Fifth Avenue. 666 ist die Zahl des Teufels.

Vielleicht kann der Numerologe ja mal daraus die Quersumme bilden und uns sagen, was das dann alles zu bedeuten hätte.

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„Kleine Zeitung“ findet zweieinhalb Monate alte Wasserleiche

Wir müssen noch einmal auf die Suche nach einer Wasserleiche im Hamburger Hafen am vergangenen Wochenende zurückkommen. Die Polizei hatte nach einer Meldung von drei Barkassenführern, die sagten, sie hätten etwas in der Elbe treiben sehen, am Samstag knapp drei Stunden gesucht. Vergeblich — die Beamten haben nichts gefunden, die Suchaktion wurde ohne Ergebnis abgebrochen.

Bild.de und andere Medien spekulierten dennoch, ob da nicht vielleicht doch eine Wasserleiche war und ob es sich dabei nicht vielleicht um einen seit einigen Tagen vermissten Mitarbeiter des Fußballklubs HSV handeln könnte.

Die „Kleine Zeitung“ aus Österreich hatte auf ihrem Onlineableger (in der Kategorie „Sport > Fußball > International > Deutsche Bundesliga“) ebenfalls über den Polizeieinsatz berichtet. Und das ganz anders als alle andere Medien:

Im Text steht:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai haben heute gegen 13.20 Uhr eine Person leblos im Hamburger Hafen treibend gefunden und umgehend die Polizei informiert. Wasserschutzpolizei und auch Feuerwehr bargen die Leiche. „Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist“, erklärte ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin nach Eppendorf gebracht.

Natürlich wird in Hamburg nun spekuliert, ob es sich bei der Leiche um den verschwundenen HSV-Manager Timo Kraus (44) handelt, von dem seit einer Woche jede Spur fehlt.

Wir haben bei der Polizei Hamburg, die für die Suchaktion in der Elbe verantwortlich war, nachgefragt, ob das Zitat des Polizeisprechers von dort stammt. Die Antwort: „Nein.“ Dann haben wir bei der Polizeiinspektion Harburg, die für den Fall des vermissten HSV-Mitarbeiters generell verantwortlich ist, nachgefragt, ob das Zitat von dort stammt. Die Antwort: „Nein.“

Es bleibt dabei: Es wurde am vergangenen Wochenende in Hamburg keine Wasserleiche gefunden, auch wenn die „Kleine Zeitung“ das behauptet. Die Redaktion hat sich bei ihrer, öhm, „Recherche“ schlicht vergooglet und beim falschen Abschreiben zwei Fälle durcheinandergeworfen.

Vor zweieinhalb Monaten erschien dieser Artikel auf der Internetseite der „Hamburger Morgenpost“:

Der Text kommt uns verdächtig bekannt vor:

Arbeiter des Containerterminal Burchardkai entdeckten gegen 13.20 Uhr eine Person leblos in der trüben Elbe treibend und informierten die Polizei. […]

„Die Person muss schon längere Zeit im Wasser gelegen haben. Es war nicht zu erkennen, welchen Geschlecht die Person ist“, so ein Polizeisprecher. Zur Identifizierung wurde die Leiche ins Institut für Rechtsmedizin am UKE in Eppendorf gebracht.

Mit Dank an Carsten P. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:38 Uhr: Der Artikel der „Kleine Zeitung“ ist inzwischen ohne jeden Hinweis verschwunden.

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Kalter Kaffee „Fake News“, Björn Höcke, Siegeszug der Infografik

1. „Fake News“ und der blinde Fleck der Medien
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Alle wollen jetzt alles gegen „Fake News“ unternehmen. Sie sei „ein bisschen niedlich, die in Deutschland gerade grassierende Angst, dass Wahlen in Zukunft durch ‚Fake News‘ beeinflusst werden könnten“, schreibt Stefan Niggemeier. Denn eigentlich gebe es das doch schon lange: Texte, die zwar einen wahren Kern haben, aber durch einen besonderen Dreh die Vorurteile der Leser bedienen sollen. Bei „Bild“ zum Beispiel, Stichwort „Veggie Day“, ohne dass sich wirklich jemand darüber aufregte. Niggemeier: „Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die“, dann hätten sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen. Ebenfalls zum Thema: Caroline Lees bei „EJO“ mit Tipps, „wie man Fake News erkennen kann“. Und James Warren bei „Poynter“ über eine neue Studie, die sagt, „Fake News“ hätten nicht signifikant zu Donald Trumps Wahlsieg beigetragen (englisch).

2. Schauen Sie diese Rede
(spiegel.de, Sascha Lobo)
„AfD“-Rechtsaußen Björn Höcke hat in Dresden eine Rede gehalten, die nicht nur, aber vor allem wegen seiner Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin scharf kritisiert wird. „Schauen Sie diese Rede“, fordert Sascha Lobo die Leser seiner Kolumne auf, damit sie später nicht sagen können, man hätte es nicht wissen können: „Wollen Sie das wirklich? Wollen Sie, weil Sie zum Beispiel mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind, einen Mann mit an die Macht bringen, der glaubt, nicht etwa der umgesetzte Holocaust, sondern das deshalb errichtete Holocaust-Mahnmal mache die deutsche Geschichte mies?“

3. Nationale Angelegenheit
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Eine Untersuchung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zeige, dass Zeitungen nach der Silvesternacht 2015/2016 „sehr viel häufiger als zuvor die Nationalität von Tatverdächtigen genannt“ hätten, schreibt Karoline Meta Beisel. Ob sich diese Zunahme auch mit einer Zunahme von Kriminalität unter Ausländern deckt? Das könne man noch nicht endgültig sagen, schließlich sei die dafür nötige Kriminalitätsstatistik noch nicht erschienen. Aber: „eher unwahrscheinlich“.

4. Die Nebenjobs von ARD & ZDF-Sportmoderatoren
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video, 6:27 Minuten)
Sportjournalisten berichten über Sport, klar. Aber was, wenn Sportmoderatoren der öffentlich-rechtlichen Sender mal bei einer „FIFA“-Gala moderieren oder beim „Camp Beckenbauer“ eine Veranstaltung präsentieren und gleichzeitig im TV kritisch über Franz Beckenbauers Rolle bei der WM-Vergabe berichten? Ist eine kritische Distanz bei der journalistischen Arbeit dann noch möglich? Daniel Bouhs zeigt verschiedene Beispiele, die sich laut Medienwissenschaftler in einer „sehr dunklen Grauzone“ bewegen.

5. Die neuen Welterklärer
(tagesanzeiger.ch, Bernd Graff)
„Wenn ein Bild mehr wert ist als tausend Worte, dann ist eine Grafik mehr wert als tausend Zahlen“, schreibt Bernd Graff über den Siegeszug von Infografiken: „Sie vermitteln ein Verständnis von Welt. Die oft schockierenden Bilder der Kriegsfotografie mögen die unmittelbare Wirklichkeit belegen. Doch gegen die Deutungshoheit der Infografik bleiben sie schlichte Dokumente.“

6. Der Trend geht zum Untertitel
(deutschlandradiokultur.de, Mike Herbstreuth, Audio, 5:00 Minuten)
Die wachsende Beliebtheit von Serien aus anderen Ländern, oder Videos, die man sich auf dem stummgeschalteten Smartphone in der U-Bahn anschaut — es gebe verschiedene Gründe für die „Renaissance von Untertiteln“, zeigt Mike Herbstreuth. Aber es gebe ihn, den Trend zur Untertitelung. Herbstreuth hat unter anderem mit einem Hobby-Untertitler gesprochen, der pro Serienfolge schon mal 15 bis 20 Stunden Arbeit investiert.

Medien fallen auf satirischen Kreuzbandriss rein

Übermorgen, am Freitag, ist es soweit: Die Bundesliga startet wieder, und passend dazu bringt der „Axel-Springer-Verlag“ ein neues Produkt an die Kioske: die „Fußball Bild“. In Stuttgart und München wurde die tägliche Fußballzeitung in den vergangenen Monaten bereits getestet. Bald gibt es sie also auch bundesweit.

Das kann ja nur grandios werden, bei all der Expertise, die die „Bild“-Medien auf dem Feld so zu bieten haben. Die Fußballkenner von Bild.de schafften es gestern zum Beispiel, im alten Wappen von Juventus Turin einen Löwen zu entdecken, wo sonst alle nur einen Stier sehen:

Oder sie wissen durch ihre hervorragenden Kontakte in die Szene schon vorher von Trainerverpflichtungen, die dann gar nicht stattfinden.

Ein weiteres Beispiel, wie gut die Fußballberichterstattung bei „Bild“ und Bild.de ist, zeigt eine Meldung über den französischen Nationalspieler Dimitri Payet, die Bild.de gestern am späten Abend veröffentlicht hat, und „Bild“ in der heutigen Ausgabe bringt:


Payet spielt derzeit beim Londoner Premier-League-Klub West Ham United. Dort ist er aber nicht besonders glücklich und will gern weg, am liebsten wohl zum französischen Erstligisten Olympique Marseille. Damit sein aktueller Verein zustimmt, setzt Dimitri Payet ihn ziemlich unter Druck: Er teilte erst kürzlich mit, dass er sich weigere, für West Ham United zu spielen, bis der Klub ihn ziehen lässt.

Und jetzt also, so das geballte „Bild“-Fußballfachwissen, sogar die Drohung, dass sich Dimitri Payet selbst verletzen werde, wenn er nicht wechseln darf:

Der Franzose (kam 2015 für 15 Mio Euro) droht laut „L’Equipe“: „Ich schwöre, dass ich nie wieder das Trikot von West Ham anziehe. Wenn ihr mich nicht verkauft, werde ich mir selbst einen Kreuzbandriss zuziehen.“

Woher „L’Equipe“ diese Info hat, haben sie bei „Bild“ und Bild.de allerdings nicht nachgeschaut. Sie stammt nämlich vom französischen Portal footballfrance.fr (nicht zu verwechseln mit „France Football“), das sich auf der eigenen Seite so beschreibt:

FootballFrance.fr est un site d’informations parodiques consacré au football. Même si la rédaction de FootballFrance.fr s’appuie sur l’actualité pour écrire ses papiers, rien de ce qui est présent sur ce site n’est vrai, les personnes interrogées pour les besoins des articles n’existent pas, tout est faux. Voilà, c’est dit, salut !

„Tout est faux“ — um das zu verstehen, muss man in der Schule nicht zwingend einen Französisch-LK besucht haben. Footballfrance.fr ist eine Satireseite. Sie berichtet zum Beispiel über solche Geschichten: Ein Fan, der beim Afrika-Cup seinem Vordermann auf der Tribüne den Kopf abgeschlagen habe, weil er nichts vom Spiel sehen konnte.

„Bild“ und Bild.de sind nicht die einzigen Medien, die nicht mal kurz nachgedacht haben, wie realistisch es ist, dass ein Fußballer sich freiwillig selber eine Verletzung zufügen will, die ihn mehrere Monate ausfallen ließe, bevor sie ihre Texte veröffentlicht haben. In ganz Europa sind Zeitungen und Onlineportale auf das gefälschte Payer-Zitat reingefallen, und auch hier in Deutschland:


Die meisten Medien, die über Dimitri Payets vermeintliche Drohung geschrieben haben, haben ihre Artikel inzwischen gelöscht oder korrigiert, so auch „Spiegel Online“:

Bei den Fußballexperten von Bild.de steht der ganze Quatsch hingegen unverändert.

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Nachtrag, 19. Januar: Inzwischen hat auch Bild.de den Fehler bemerkt. Unter dem Artikel steht nun:

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat von Payet hat es so nie gegeben. Es ist eine Erfindung von „Football France“, dem Satire-Ableger der französischen Fußball-Seite „France Football“. Wir bitte unsere Leser um Entschuldigung, dass wir das Zitat verbreitet haben.

Mit Dank an Frederik S. und Alexander M. für die Hinweise!

Bild.de kratzt ein zwei Jahre altes Foto aus der falschen Eispiste

Das Hahnenkammrennen auf der Streif gehört schon unter normalen Bedingungen zu den schwersten Ski-Abfahrten der Welt. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, dass die Piste oberhalb von Kitzbühel nicht normal präpariert wäre, sondern glatt wie eine Schlittschuhbahn, eine spiegelnde Eisfläche.

Jaha, klingt halsbrecherisch! Kein Wunder also, dass Bild.de am Montagnachmittag im Sport-Newsticker diese Meldung veröffentlicht hat:

Streif komplett vereist
Am kommenden Samstag startet auf der Streif die legendäre Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel. Letztes Wochenende sind nun Bilder aufgetaucht, die eine komplett vereiste Steif (sic) zeigen. Kann hier ein Rennen überhaupt stattfinden? Sehr wahrscheinlich, es schneit immer wieder.

Dazu hat die Redaktion dann noch eines der „Bilder“ gepackt, die „letztes Wochenende“ „aufgetaucht“ seien:

Als Quelle für das Foto gibt Bild.de eine private Facebookseite an. Und tatsächlich — ein gewisser Gerhard Mairhofer hat in dem Sozialen Netzwerk am vergangenen Freitag das von Bild.de verwendete Foto gepostet:

Über 1000 Mal geliket, tausendfach geteilt, mehrere Hundert Kommentare und von Bild.de aufgegriffen. Volltreffer.

Bloß: Das Foto ist gar nicht am vergangenen Freitag aufgenommen worden und auch nicht sonst irgendwann in den letzten Tagen oder Wochen, sondern bereits vor zwei Jahren. Es stammt aus dem Januar 2015, damals vom Ski-Verband „FIS“ bei Twitter veröffentlicht und vom Organisationsteam des Hahnenkammrennens kommentiert:

Wie es momentan tatsächlich auf der Streif aussieht? Ganz sicher nicht so spiegelglatt wie auf dem Foto, das am Montag bei Bild.de im Sport-Newsticker erschienen ist, sagen uns die Renn-Organisatoren. Alles sei wunderbar präpariert, die Veranstaltung am Wochenende könne kommen. Zum Beweis haben sie uns noch ein Foto von der Piste geschickt:

Mit Dank an Felix H. für Hinweis und Foto!

Nachtrag, 20:29 Uhr: Um zu zeigen, wie vereist die Streif derzeit ist, verwendet auch krone.at das Foto:

Mit Dank an @lan_at und Didi W. für die Hinweise!

Bild.de vs. „Focus Online“, falsche NPD-Eile, schwuleres Deutschland

1. Abkupfern mit System
(taz.de, Malte Göbel)
Manchmal dauert es nur wenige Minuten, da taucht eine Nachricht, die bei Bild.de hinter der Bezahlschranke liegt, bei „Focus Online“ auf, frei zugänglich für alle. Das passiere immer wieder, habe System und greife das Geschäftsmodell einer ganzen Branche an, sagen sie bei Bild.de und wollen sich den Geschichten-Klau nicht mehr gefallen lassen. Deswegen klagt das Portal nun auf Unterlassung, Auskunft und Schadensersatzfeststellung. „Das Verfahren könnte ein Jahr oder länger in Anspruch nehmen“, schreibt Malte Göbel.

2. Etliche Medien meldeten fälschlicherweise NPD-Verbot
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die rechtsextreme NPD wird nicht verboten. Und dennoch eilmeldeten viele Medien gestern, dass die Partei verboten werde: „Spiegel Online“, „Zeit Online“, „NZZ“, „Das Erste“, „Phoenix“ … hach, ja. „Im besten Fall führt das nun zu intensiven Diskussionen in den Redaktionen, damit ähnliches nicht noch einmal passiert“, schreibt Timo Niemeier. Inzwischen haben sich sowohl „Spiegel Online“ („SPIEGEL ONLINE passiert ärgerlicher Fehler“) als auch „Zeit Online“ („Wie unsere falsche Eilmeldung zum NPD-Urteil zustande kam“) für ihre Fehler entschuldigt und erklärt, wie die falschen Eilmeldungen passieren konnten.

3. Deutschland soll doch nicht „schwuler“ werden
(queer.de, mize)
„Schwule sind Abfallprodukte der Natur“ oder „schwule Lügenpresse“ — die Reaktionen auf eine Aussage von „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt waren ziemlich übel. Der hatte, als Reaktion auf die Aussagen von Bald-US-Präsident Donald Trump im Interview mit „Bild“, geschrieben, Deutschland müsse sich „wehren und besser, mutiger, fleißiger, innovativer, freier, offener, schwuler, multikultureller werden.“ Das erzeugte die eingangs erwähnte Wut im rechten Lager. Poschardt ließ sich beeindrucken, ersetzte in seinem Text bei Welt.de das „schwuler“ durch „kreativer“. Dafür gibt es jetzt Kritik von queer.de. Zum gleichen Thema schreibt die „taz“: „Nicht nur, dass Poschardt und die Welt-Redaktion vor dem Shitstorm der Homo-Hasser einknicken. Sie tun es auch nur hier, nicht bei ihren anderen (von verschiedenen Seiten) beshitstormten Aussagen.“

4. Journalismus-ist-wenn-wir-es-sagen-Fabrik
(medium.com, Lorenz Matzat)
Vor drei Tagen wurden die Pläne für eine „Reporterfabrik“ bekannt (siehe Punkt 5 der „6 vor 9“ vom Montag), gestern folgte die Kritik daran. Lorenz Matzat nennt verschiedene Punkte, die ihn wundern oder nicht passen: vom Titel des Projekts bis zu ganz grundsätzlichen Aussagen im Konzept: „Geradezu aberwitzig wird es, wenn im ersten Halbsatz auf den Pressekodex (Sorgfaltspflicht usw.) verwiesen wird, um im folgenden Nebensatz ein Bild von ‚hundertausenden Hobby-Journalisten‘ zu zeichnen, die desinformieren und verunglimpfen würden — ohne Quellenangabe für diese vage Zahlenangabe.“ Wolfgang Michal hat auch noch ein paar Fragen zum Vorhaben („Geht es der geplanten Reporter-Fabrik also um Bildung oder um Erziehung? Geht es um die Verteidigung der Demokratie oder um die Verteidigung des alten Mediensystems?“), aber auch Lob für die Idee.

5. Unglaubliche Dichte von Politikerlügen
(planet-interview.de, Julie Kirschner-Krohm)
Klaus Fiedler kennt sich mit Lügen aus. Nicht weil er andauernd flunkert, sondern weil er drüber forscht. Julie Kirschner-Krohm hat mit ihm über rücksichtsvolle Lügen, die Lügen des Donald Trump und lügende Politiker in TV-Talkshows gesprochen.

6. Heimvorteil
(sueddeutsche.de, Anna Dreher)
Übermorgen, wenn die Bundesliga wieder loslegt, kommt die „Fußball Bild“ bundesweit auf den Markt, eine tägliche Fußballzeitung von „Bild“. Anna Dreher hat diesen Anlass für einen Besuch beim „Kicker“ in Nürnberg genutzt und geschaut, wie die älteste Fußballzeitschrift des Landes auf die neue Konkurrenz reagiert.

„Es könne auch etwas anderes gewesen sein“

Seit knapp zwei Wochen ist in Hamburg ein Mann verschwunden. Die Polizei sucht nach dem 44-Jährigen, nachdem dieser im Anschluss an eine Feier im Hafen zwar in ein Taxi gestiegen ist, aber nie zu Hause ankam. Der Mann arbeitet für den Fußballbundesligaverein HSV.

Am Sonntag titelte Bild.de:

Jetzt könnte man — und das gilt auch für Angehörige, Freunde, Kollegen des Vermissten — denken, dass in der Elbe eine Wasserleiche gefunden wurde, und die Ermittler sich nur noch nicht sicher sind, ob es sich dabei um den „verschwundenen HSV-Manager“ handelt.

Aber so ist es gar nicht gewesen. Es wurde nämlich gar keine Wasserleiche gefunden — es hatten lediglich drei Barkassenführer am Samstagmittag gemeldet, dass sie auf der Elbe etwas entdeckt haben, das eine Wasserleiche sein könnte. Ganz am Ende des Bild.de-Artikels steht:

Ob es sich wirklich um eine Wasserleiche handele, sei unklar. Es könne auch etwas anderes gewesen sein, was im Wasser getrieben sei.

Nach rund drei Stunden wurde die Suche ergebnislos abgebrochen.

Das erfährt natürlich nur, wer auf den Artikel klickt.

Mit Dank an Nils K. für den Hinweis!

Tabubruch-AfD, Fake News, Ausgeloggt

1. Wie der Tabubruch für Aufmerksamkeit sorgt
(heute.de, Dominik Rzepka)
Gerade in den sozialen Medien kann man mit provozierenden Tabubrüchen viel Aufmerksamkeit erzeugen. Besonders die AfD macht in dieser Hinsicht immer wieder von sich reden, zuletzt ein bayerischer Kreisverband mit einer Bildtafel mit einem Foto der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Darauf der Werbeslogan: „Sophie Scholl würde AfD wählen“. Wie mit derartigen Dingen umgehen: Widerspruch und damit der Sache eventuell unnötig Gewicht geben oder mehr Gelassenheit und die Provokation ins Leere laufen lassen?

2. Wie real ist Fake News? Es ist mal wieder Zeit für eine kleine Datenanalyse im Zeichen der Statistical Correctness.
(herrfischer.net, Martin Fischer)
Die Macher von „Hoaxmap.org“ sammeln falsche Gerüchte und Meldungen zum Thema Flüchtlinge zusammen und tragen diese in eine Landkarte ein. Martin Fischer hat den etwa 450 Falschmeldungen der letzten beiden Jahre eine Stichprobe von 50 entnommen und statistisch ausgewertet. In seiner Stichprobe seien nur vier Fake News-Beiträge, so Fischer. Man mache mit dem Begriff Fake News für ein relativ kleines Problem ein sehr großes Fass mit vielen Nebenwirkungen auf.

3. Jeder Fünfte hält „Lügenpresse“-Vorwurf für berechtigt
(horizont.net, Marco Saal)
„infratest dimap“ hat im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) eine repräsentative Befragung zur Glaubwürdigkeit der Medien durchgeführt: Jeder fünfte Deutsche halte den Begriff „Lügenpresse“ im Zusammenhang mit Medien für richtig. Dreiviertel der Deutschen würden das dagegen nicht so sehen.

4. Wir gegen sie
(sueddeutsche.de, Pia Rauschenberger)
Noch ist nicht bekannt, wann und ob die populistische US-Website „Breitbart“ einen Deutschland-Ableger startet. Trotzdem haben sich unter dem Projektnamen „Schmalbart“ Gegner in Berlin zu einer Tagung getroffen.

5. ARD erwägt Klage gegen AfD – und lädt Parteichefin Petry ein
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Am Samstag wollen sich führende Vertreter rechtspopulistischer Parteien in Koblenz treffen, darunter Marine Le Pen, Geert Wilders sowie AfD-Chefin Frauke Petry. Medienvertreter sind ausgeschlossen. Die ARD behält sich rechtliche Schritte gegen den Ausschluss vor – und lädt unverdrossen Parteichefin Petry in Talkshows ein.

6. Geldstrafe für früheren taz-Redakteur
(taz.de, Martin Kaul & Sebastian Erb)
Das Amtsgericht Berlin hat den früheren „taz“-Redakteur Sebastian Heiser wegen seines Keylogger-Einsatzes zur Zahlung von 160 Tagessätzen à 40 Euro verurteilt. Nach seinem Auffliegen im Februar 2015 hatte sich Heiser in ein Land in Südostasien abgesetzt, das mit Deutschland kein Auslieferungsabkommen abgeschlossen hat. Sollte Heiser, der dem Gerichtstermin ferngeblieben war, nicht innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung Einspruch gegen den Strafbefehl einlegen, würde ein Urteil ergehen und er wäre dann vorbestraft. Sollte er den Strafbefehl nicht akzeptieren und einer weiteren Verhandlung erneut fernbleiben, könne ein Haftbefehl erlassen werden. Nach spätestens zehn Jahren wäre der Fall jedoch verjährt.

Franz Josef Wagner im Dschungel der Meinungen

Gut, wir geben zu: Das ist jetzt nicht gerade die Frage, die man sich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen und ganz dringend stellt. Dennoch: Was hält „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner eigentlich vom „RTL“-Quotenbringer „Dschungelcamp“?

Total super findet er die Sendung. Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei „das ansteckend Gesellige“, wie man es beim „Dschungelcamp“ findet, wichtig. Doch Wagner sagt auch: Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei so etwas wie das „Dschungelcamp“, mit „nackten Mädchen nach dem Terror“, nicht das Richtige.

Doch der Reihe nach.

Franz Josef Wagners Brief von heute ans liebe „Dschungelcamp“:

Liebes Dschungelcamp,

angesichts der Weltlage, Terror, Unsicherheit ist das ansteckend Gesellige wichtig. Ein paar Bierchen mit Freunden und schon sieht die Welt anders aus. Heiterer.

Nichts anderes ist das Dschungelcamp. Wir sehen die Kandidaten, wie sie ekliges Zeug essen.

Wir lachen über diese Idioten im Dschungelcamp. Sie amüsieren uns, weil sie so nackt, so blöd, so peinlich sind. Gott, gib uns nichts Schlimmeres als das Dschungelcamp.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wagner schreibt jedes Jahr im Januar einen Brief an die „RTL“-Sendung. So auch 2015. Auf den Tag genau vor zwei Jahren lautete sein Brief so:

Liebes Dschungel-Camp,

ich denke, dass ich Dich heute Abend nicht gucke. Du passt nicht in meine Gefühlswelt. Je suis Charlie ist meine Welt. Meine Welt ist Trauer und nicht Dschungel-Camp.

Im Dschungel-Camp treten abgehalfterte Promis auf, deren Verstand grenzwertig ist.

Ich kenne die Dschungel-Bewohner nicht, zwei Mädchen sollen „Playboy“-Models sein.

Nackte Mädchen nach dem Terror.

Ich bin kein Moralist, aber Dschungel-Camp gucke ich nicht. Nach dem Terror Titten — nein.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wenigstens bei einem Punkt ist er sich treu geblieben: Der Verachtung für die Menschen, die da im TV zu sehen sind.

Mit Dank an A. T. für den Hinweis!

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