Wein-Journalismus, US-Flugzeugträger, NRW-Einbrüche

1. Exklusiv: Journalismus zum Heulen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Hat der Mann, der im Verdacht steht, ein Attentat auf den BVB-Mannschaftsbus begangen zu haben, wirklich unter Tränen ein Geständnis abgelegt? Wer „Focus Online“ liest, muss genau das annehmen. Das Problem: Das Bundeskriminalamt widerspricht dieser Behauptung mit deutlichen Worten. Das hält „Focus Online“ jedoch nicht ab, erneut … Ach, lesen Sie selbst, was Boris Rosenkranz auf „Übermedien“ dazu aufgeschrieben hat.

2. Mediennotizen #1: Petry/”Spiegel” und DJV
(daniel-bouhs.de)
Daniel Bouhs sieht in den Aussagen von Frauke Petry über die „Spiegel“-Reporterin Melanie Amann ein Symbol für das verstörte Verhältnis der AfD zu vielen Journalisten. Er hat dazu die Langfassung des Interviews von Doku-Filmer Stephan Lamby mit Frauke Petry herangezogen und eine Antwort von „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer eingeholt. Im zweiten Teil seines Blogbeitrags geht es um die Causa der Mafia-Rechercheurin Petra Reski, der vom „Freitag“ die juristische Unterstützung in einer Rechtssache verweigert wurde, und die Frage, inwieweit diese von Verdi oder DJV geleistet worden wäre. Weiterführender Link: Die „FAZ“ berichtet über Petra Reskis Fundraising zur Abdeckung der Kosten für den gegen sie angestrengten Rechtsstreit: Nicht allein gegen die Mafia.

3. Das Ende der Zukunft des Journalismus’
(medium.com/@lorz, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat konstatiert: „Ohne Vorstellung von einer digitalen Gesellschaft braucht es auch keinen entsprechenden digitalen Journalismus.“ Seit rund zwei Jahren sei hierzulande ein Stillstand zu beobachten. Je mehr das Wort „Innovation“ überstrapaziert werde, desto weniger trete diese im Journalismus ein. „Die traurige Ironie ist, dass wir in Deutschland mit den Öffentlich-Rechtlichen Einrichtungen besitzen, die mit rund 8.000 Millionen Euro im Jahr von der Gesellschaft ausgestattet werden, um Information und Unterhaltung zu organisieren. Das sind etwa 100 Euro pro Jahr pro Einwohner dieses Landes. Wo wären wir, wenn davon ein Euro pro Jahr pro Einwohner in Experimente, in Format- und Technologie-Entwicklung, in Open-Source-Software gesteckt würde?“

4. Falschmeldungen über US-Drohkulisse
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann & Jenny Stern)
Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ beschäftigt sich mit den widersprüchlichen Meldungen über die Flugzeugträger der US-Marine bzw. deren derzeitigen Aufenthaltsort. Die Meldung der südkoreanischen Agentur „Yonhap“, dass sich drei Flugzeugträger auf dem Weg nach Nordkorea befänden, sei falsch.

5. Journalisten zensieren sich selbst
(deutschlandfunk.de, Thomas Otto)
Eine aktuelle Studie des Europarates fördert Erschreckendes zu Tage: Weit mehr als jeder zweite befragte Journalist habe angegeben, in den letzten drei Jahren mindestens einmal das Opfer von Demütigung, Herabsetzung, Einschüchterungsversuchen, Verleumdung oder Schmutzkampagnen gewesen zu sein. Das Ergebnis dieser unschönen Entwicklung sei oftmals Selbstzensur.

6. Faktencheck: Christian Lindner behauptet, dass Einbrüche in NRW massiv zugenommen haben. Richtig oder falsch?
(correctiv.org, Jacques Pezet)
FDP-Chef Christian Lindner hat der „Bild“-Zeitung ein Interview gegeben. Dort wurde ihm unter anderem die Frage gestellt: „Leben die Menschen in NRW weniger sicher als in anderen Bundesländern?“ Darauf entgegnete Lindner, dass die Einbruchskriminalität massiv gestiegen sei, während die Aufklärungsquote stagniere.
Jacques Pezet von „Correctiv“ hat sich in den amtlichen Statistiken schlau gemacht und schreibt: „Zwischen 2012 und 2016 ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in NRW um 2,9 Prozent gesunken. Wir wissen nicht, wie FDP-Chef Christian Lindner zu der Auffassung gelangt ist, dass die Zahl der Einbrüche ‚massiv gestiegen‘ sei. Jedenfalls — ist seine Behauptung komplett falsch.“

Das BILDblog finanziell unterstützen
Sie finden gut, was wir hier machen? Dann unterstützen Sie uns doch! Mit Ihrer Hilfe kann und wird es weiter Medienkritik beim BILDblog geben. Unser Dank ist Ihnen gewiss, wir freuen uns über jede Unterstützung — und am meisten über Daueraufträge.
 
Unsere Kontodaten: B-blog, IBAN: DE94 1001 0010 0555 4161 07, BIC: PBNKDEFF, Postbank Berlin, Konto 555 416 107, BLZ 100 100 10
 
Geht auch per Paypal:

So schnell wird man in „Bild“ zum Putin-Propagandisten

Hatten Sie schon mal einen Gedanken, den vor Ihnen theoretisch auch Wladimir Putin gehabt haben könnte? Also zum Beispiel sowas wie „Hundewelpen, denen es nicht gutgeht, sollten zum Tierarzt gebracht werden“? Dann: Achtung! Sie könnten auf „Putins Fake-News-Kampagne“ reingefallen sein.

Auf diesem argumentativen Niveau — zusammengefasst in etwa: wer etwas fordert, das auch die Russen fordern, hilft den Russen bei ihrer Propaganda — bewegt sich dieser Bild.de-Aufmacher („Bild-plus“-Inhalt) von Donnerstag in weiten Teilen:

Am Freitag berichtete die Print-„Bild“ ebenfalls, mit einer leicht abgewandelten Version des Artikels:

Mit „Deutschland“ meinen die zwei Autoren Filipp Piatov und Julian Röpcke vornehmlich die Bundesregierung und die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. „Das Erste“ und das ZDF kritisieren sie, weil diese den Publizisten Michael Lüders in mehrere Talkshows eingeladen haben und somit „den von Russland verbreiteten Fake News eine Bühne“ geboten hätten. Lüders sei ein „überführter Fake News-Verbreiter“, schreiben Piatov und Röpcke und stützen sich bei diesem Urteil auch auf Aussagen des türkischen Journalisten Can Dündar. Inzwischen hat sich Dündar noch einmal zu Michael Lüders geäußert und plötzlich wirkt dessen kritisierte Aussage eher wie eine Ungenauigkeit und nicht mehr wie eine glatte Lüge.

Vor allem aber teilt das „Bild“-Autorenduo gegen die Bundesregierung aus. Deutsche Regierungspolitiker würden „den russischen Fake News Vorschub leisten bzw. die deutsche Position ihnen anpassen.“ Zum Beispiel Sigmar Gabriel: Der Außenminister forderte zum jüngsten Giftgasangriff in Syrien eine „Untersuchung ohne Behinderungen“. Dass Russland zuvor ebenfalls „eine ‚unabhängige Untersuchung‘ des Vorfalls“ gefordert hat, reicht Piatov und Röpcke als Beweis, dass „Deutschland auf Putins Fake-News-Kampagne reinfällt“. Weil man auf dieselbe, nicht ganz abwegige Idee wie die Russen kommt, macht man sich in den Augen der beiden „Bild“-Schreiber der Russen-Propaganda verdächtig.

Und das sei nicht nur bei Sigmar Gabriel so. Auch beim früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier seien „russische Fake News auf fruchtbaren Boden“ gefallen. Dieses Mal geht es zwar um einen anderen Fall, den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 über der Ukraine, aber um dieselbe „Bild“-Logik: Russland hat damals eine unabhängige Untersuchung gefordert; auch Steinmeier war für eine unabhängige Untersuchung. Und schon sei laut Bild.de einmal mehr bewiesen, dass es eine „Anfälligkeit bestimmter Teile der Bundesregierung für russische Propaganda“ gebe.

Piatov und Röpcke kommen nicht auf die Idee, dass es durchaus möglich ist, mit der gleichen Forderung völlig unterschiedliche Dinge bezwecken zu wollen. Dass es dem einen zum Beispiel um wirkliche Aufklärung geht, während der andere nur taktiert, Scheinversprechungen macht und damit hinhalten möchte. Und dass diese Forderungen unabhängig voneinander gestellt werden können. Denkt man die Argumentation der beiden Autoren weiter, könnte man nie mehr Dinge fordern, die Russland bereits gefordert hat, ohne damit zum Russland-Fake-News-Verbreiter zu werden — egal wie sinnvoll die jeweilige Forderung erscheint.

Stattdessen plädieren die zwei „Bild“-Mitarbeiter dafür, sich nach einem derartigen Angriff direkt auf eine Seite zu schlagen, ohne Zweifel und ohne unabhängige Untersuchungen.

Das BILDblog finanziell unterstützen
Sie finden gut, was wir hier machen? Dann unterstützen Sie uns doch! Mit Ihrer Hilfe kann und wird es weiter Medienkritik beim BILDblog geben. Unser Dank ist Ihnen gewiss, wir freuen uns über jede Unterstützung — und am meisten über Daueraufträge.
 
Unsere Kontodaten: B-blog, IBAN: DE94 1001 0010 0555 4161 07, BIC: PBNKDEFF, Postbank Berlin, Konto 555 416 107, BLZ 100 100 10
 
Geht auch per Paypal:

„Bild am Sonntag“ und die falsche Sekunde beim Anschlag in Dortmund

In der Pressemitteilung, die die Bundesanwaltschaft gestern zur Festnahme des möglichen Attentäters von Dortmund rausgegeben hat, findet man auch einige Informationen zu den Sprengsätzen, die vor elf Tagen neben dem BVB-Mannschaftsbus explodiert waren:

Die drei Sprengsätze waren über eine Länge von 12 Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet. Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet. Der vordere und der hintere Sprengsatz waren in Bodennähe platziert. Der Mittlere befand sich in einer Höhe von etwa einem Meter. Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können.

Auch Bild.de berichtete gestern über diese neuen Erkenntnisse. Die „SEKUNDEN-THEORIE“ sei „WIDERLEGT“, schreibt die Redaktion:

Im Text steht unter anderem:

Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet, heißt es in der Mitteilung. Denn zunächst hatte es geheißen, dass die Bomben eine Sekunde zu spät detonierten.

„Zunächst hatte es geheißen“? Wer hat sowas denn verbreitet? Das hier ist die Titelseite der „Bild am Sonntag“ vom vergangenen Sonntag:

Der Artikel im Blatt beginnt so:

Es war wohl nur eine Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund über Leben und Tod entschieden hat. (…)

Jetzt kommt raus: Es hätte noch viel, viel Schlimmeres passieren können!

Ein Ermittler zu BamS: „Wären die Splitterbomben nur eine Sekunde früher gezündet worden, hätte der Bus eine regelrechte Breitseite bekommen. Es hätte dann bestimmt viele Schwerverletzte und möglicherweise auch Tote gegeben.“

Wer auch immer dieser „Ermittler“ ist, den „Bild am Sonntag“ da aufgetan hat — er verfügte offenbar über ganz andere Ermittlungsergebnisse als die Bundesanwaltschaft.

Andere Medien und Agenturen griffen die exklusive „BamS“-Titelgeschichte auf und berichteten ebenfalls über die „Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund“ wohl „über Leben und Tod entschieden hat“. Die „Bild am Sonntag“ (Leitspruch: „Immer einen Schritt voraus“) ist ziemlich stolz darauf, die „meist zitierte Sonntagszeitung“ (PDF) Deutschlands zu sein.

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an roy für den Hinweis!

Ging es beim Anschlag auf den BVB wirklich um Millionen Euro?

Kein islamistischer Terror, keine Rechtsextremen, keine Linksextremen. Habgier soll das Motiv des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus vor zehn Tagen gewesen sein. Heute früh wurde ein Mann festgenommen, der die drei Sprengsätze am 11. April in Dortmund gezündet haben soll. Dabei soll es ihm um die Aussicht auf viel Geld gegangen sein — die Bundesanwaltschaft schreibt in einer Pressemitteilung, dass der Tatverdächtige vor dem Anschlag Optionsscheine gekauft habe, mit denen er auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie spekuliert habe. Viele Medien schreiben, dass der Mann dadurch Millionen hätte machen können.

Bei ihrer Jagd nach großen Schlagzeilen mit großen Summen bringen die Redaktionen allerdings Zahlen ins Spiel, an denen es erhebliche Zweifel gibt. Der Ursprung des Übels ist dabei einmal mehr Bild.de:

Die zuständigen sieben Autoren schreiben:

Nach BILD-Recherchen fanden die Ermittler heraus, dass Sergej W. vom Hotel aus online ein Aktienpaket von 15 000 Optionsscheinen für 78 000 Euro kaufte. (…)

Im Falle eines deutlichen Kursverlustes der BVB-Aktie hätte Sergej W. einen Millionengewinn machen können. Nach den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes hätte er einen Gewinn von bis zu 3,9 Millionen Euro erzielt.

Dafür musste die Aktie dramatisch fallen. Und genau das wäre nach einem Anschlag, bei dem ein Teil der Mannschaft schwer verletzt oder sogar getötet worden wäre, vermutlich passiert.

Andere Nachrichtenseiten übernahmen die Kennziffern 15.000 Optionsscheine, 78.000 Euro Einsatz, 3,9 Millionen Euro möglicher Gewinn. „Focus Online“ zum Beispiel:

„Der Westen“:

„20 Minuten“ aus der Schweiz:

Und viele weitere.

Erstmal zu den 78.000 Euro — wir vermuten, dass die Bild.de-Mitarbeiter durch eine simple Rechnung auf diese Zahl gekommen sind: Sie dürften die 15.000 Optionsscheine, von der die Bundesanwaltschaft berichtet, mit dem Basispreis von 5,20 Euro je Optionsschein multipliziert haben. Macht insgesamt 78.000 Euro.

Das Problem dabei: So funktioniert der Kauf von Optionsscheinen nicht. Man erwirbt die sogenannten Put-Optionsscheine, mit denen man auf fallende Kurse spekulieren kann, nicht zum Basispreis, sondern zu einem Kaufpreis des jeweiligen Optionsscheins. Und der lag bei den Put-Optionen zur BVB-Aktie am Tag des Anschlags bei nur wenigen Cents je Schein.

Die Put-Option zur BVB-Aktie mit dem Basiswert von 5,20 Euro, auf die sich Bild.de bei der 78.000-Euro-Rechnung vermutlich bezieht, hatte am Tag den Anschlags einen Kaufpreis von 0,18 Euro. Die 15.000 Optionsscheine, die der Tatverdächtige gekauft haben soll, haben also nur 2700 Euro gekostet.

Weiter zu den 15.000 Optionsscheinen — vermutlich hat der Verdächtige noch einige mehr gekauft. Sowohl boerse.ard.de (wo Detlev Landmesser übrigens bereits am 12. (!) April im Zusammenhang mit dem Anschlag in Dortmund auf „eine kleine Auffälligkeit aus Börsensicht“ hingewiesen hatte) als auch die „Wirtschaftwoche“ gehen davon aus, dass mehr Transaktionen getätigt wurden.

Es gibt 23 verschiedene Put-Optionen auf die BVB-Aktie, die man an deutschen Börsen kaufen kann. Sie haben unterschiedliche Basiswerte und unterschiedliche Kaufpreise. Bei insgesamt fünf von ihnen gab es am Tag des Anschlags Aktivitäten an der Frankfurter Börse (was laut Finanzexperten auffällig ist, da Optionsscheine von Privatanlegern in der Regel an der Stuttgarter Börse gehandelt werden):

1) Wertpapierkennnummer DG9CHE
Basiswert: 3,60 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,09 Euro

2) DG7MN5
Basiswert: 4,00 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,019 Euro

3) DGQ1VU
Basiswert: 4,40 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,043 Euro

4) DGM51Y
Basiswert: 4,80 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,12 Euro

5) DGQ1VV
Basiswert: 5,20 Euro
gehandeltes Volumen: 15.000 Optionsscheine
Kaufpreis: 0,18 Euro

Der Gesamtkaufpreis für diese 75.000 Optionsscheine liegt bei 6780 Euro.

Einen Tag später gab es ebenfalls an der Frankfurter Börse noch einmal Aktivitäten bei Put-Optionsscheinen zur BVB-Aktie. Wir konnten nicht endgültig klären, ob es sich auch bei ihnen ausschließlich um Käufe — und nicht um Verkäufe — handelt. Sollten es alles Käufe gewesen sein, und sollte für all diese Käufe der nun festgenommene Mann verantwortlich sein, hätte er insgesamt 123.000 Optionsscheine im Wert von 10.218 Euro erworben. Also immer noch weit entfernt von den 78.000 Euro, die Bild.de ins Spiel gebracht hat. Und auch nur ein Bruchteil des 79.000-Euro-Kredits, den der Tatverdächtige laut NRW-Innenminister Ralf Jäger aufgenommen haben soll. Bei süddeutsche.de und „Spiegel Online“ ist die Rede von einem 40.000-Euro-Kredit.

Zuletzt noch zu den 3,9 Millionen Euro — konnte der Verdächtige auf so viel Geld hoffen? Höchstwahrscheinlich nicht. Detlev Landmesser schreibt bei boerse.ard.de, dass „der theoretisch maximale Gewinn“ bei „gerade mal 276.000 Euro“ läge. Dafür hätte der Wert der BVB-Aktie allerdings auf 0 Euro sinken müssen. Wäre er lediglich auf 3 Euro gesunken, hätte der Gewinn nur 96.000 Euro betragen. Die „Wirtschaftswoche“ nennt zwar keine konkreten Zahlen, glaubt aber auch nicht, dass der nun festgenommene Mann Millionen hätte verdienen können: Die Annahme, dass sich mit dem Einsatz von einigen Tausend Euro „mithilfe von Put-Optionsscheinen Millionen verdienen lassen“, sei „vollkommen unrealistisch.“

Dazu auch:

Mit Dank an Tobi W. für den Hinweis!

Das BILDblog finanziell unterstützen
Sie finden gut, was wir hier machen? Dann unterstützen Sie uns doch! Mit Ihrer Hilfe kann und wird es weiter Medienkritik beim BILDblog geben. Unser Dank ist Ihnen gewiss, wir freuen uns über jede Unterstützung — und am meisten über Daueraufträge.
 
Unsere Kontodaten: B-blog, IBAN: DE94 1001 0010 0555 4161 07, BIC: PBNKDEFF, Postbank Berlin, Konto 555 416 107, BLZ 100 100 10
 
Geht auch per Paypal:

Facebooks Gedankenlese, Unfallopfer, schleimiges Geldverdienen

1. Facebook will Gedanken lesen
(zeit.de)
Auf Facebooks hauseigener Entwicklerkonferenz „F8“ wird über spektakuläre Dinge gesprochen: Das Unternehmen arbeite daran, Hirnsignale direkt in Schrift umzuwandeln. Man wolle jedoch nicht wahllos Gedanken ausforschen. Dazu habe niemand das Recht, sagte die zuständige Facebook-Managerin. Ähnlich wie man viele Fotos mache und nur einige davon anderen zeige, „haben Menschen viele Gedanken und beschließen, nur einige davon zu teilen“. Nur solche Gedanken, die an das Sprachzentrum weitergeleitet würden, seien gemeint.

2. Fake News spielen im Alltag von Redaktionen eine große Rolle. Daniel Fiene berichtet
(blmplus.de, Elena Lorscheid)
Daniel Feine ist Journalist bei der „Rheinischen Post“ und dort auch für die „Digitalstrategie“ zuständig. In einem kurzen Interviewschnipsel berichtet er, wie Fakenews in den Alltag von Redaktionen eindringen und wie teilweise gezielt Falschinformationen über Journalisten verbreitet werden.

3. Beifahrer auf der Überholspur
(faz.net, Michael Hanfeld)
Jüngst wurde gemeldet, dass der frühere „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann die Taxi-Konkurrenz „Uber“ berät. Nun stellt sich heraus, dass Diekmanns früherer Arbeitgeber Axel Springer Anteile an dem Fahrdienst erworben hat. Michael Hanfeld fragt sich in der „FAZ“, wo das hinführt und ob die Kombination Sinn macht.

4. Augen auf bei der Bildauswahl: LVZ, DNN und Tag24 zeigen Unfallopfer unverpixelt
(flurfunk-dresden.de, Benjamin Kutz)
Bei der Berichterstattung über einen tödlichen Verkehrsunfall in Sachsen zeigten verschiedene Medien Bilder vom Unfallort, auf denen auch das Opfer unverpixelt zu sehen war. Die „LVZ“ hat ein entsprechendes Bild auf Facebook gepostet, es später gelöscht, sich dafür entschuldigend, um es dann am nächsten Tag unverpixelt und im Großformat in der Zeitung abzudrucken.

5. Gut verdienen? Dis kannste nich bezahlen!
(schnipselfriedhof.de, Volker Strübing)
Immer wieder machen Statistiken die Runde, nach denen die Top-Verdiener als steuerlich schwerst belastete Menschen dargestellt werden. So auch in einer Studie des “Instituts der deutschen Wirtschaft”, das wie folgt mitteilt: “Diese knapp zehn Prozent der Top-Verdiener in Deutschland sind mit 48,2 Prozent fast für die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens verantwortlich, die 30 Prozent Spitzenverdiener demnach sogar für 79 Prozent.” Volker Strübig erklärt, warum er das Ganze für ein schönes Beispiel für „Tatsachenverdrehung durch Auslassung“ hält.

6. Wie Teenager Tausende von US-Dollar verdienen, indem sie Schleim über Instagram verkaufen
(onlinemarketingrockstars.de, Roland Eisenbrand)
Ein neuer Trend durchzieht Instagram: Schleim! Mittlerweile lassen sich dort mehr als 2,6 Millionen Posts zum Hashtag #slime finden und es haben sich „Slime-Influencer“ herausgebildet: 47.000 Posts stammen von Accounts mit mehr als 15.000 Followern. Roland Eisenbrand erklärt, was es mit dem rätselhaften Phänomen auf sich hat.

„Islam“ und „Grüne“ im Titel, Wut in den Kommentaren

Die Grünen in Bayern wollen etwas gegen Extremismus tun, vor allem gegen Rechtsextremismus. Die Fraktionsvorsitzende der Partei im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, sagt laut „Nürnberger Nachrichten“ und nordbayern.de, dass die CSU-Landesregierung für die Prävention von rechter Gewalt „viel mehr Geld“ in die Hand nehmen müsse. Die Zahlen rechter Straftaten seien dramatisch hoch, die Aufklärungsquoten erschreckend niedrig.

Der Teaser des Artikels bei nordbayern.de gibt das Thema klar vor:

Angriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer, rechte Hetze und Einschüchterungsversuche: Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten nimmt zu. Die Grünen im Landtag fordern die CSU-Staatsregierung deshalb auf, mehr gegen Rassismus und rechte Gewalt zu tun und mehr Geld für Prävention lockerzumachen.

Bei der Wahl der dazugehörigen Überschrift hat die Redaktion hingegen einen etwas anderen Schwerpunkt gewählt:

Doch, doch, auch das Thema „Islam-Unterricht“ kommt in dem Artikel vor: Ganz am Ende des Textes, nach sieben Absätzen zum Rechtsextremismus, zitiert nordbayern.de Elke Leo, Grünen-Vertreterin im Nürnberger Stadtrat:

Die Demokratie-Erziehung an den Schulen ist Leos Ansicht nach stark ausbaufähig. Um religiös geprägten Extremismus, in diesem Fall Islamismus, zu verhindern, fordert sie aber auch Islam-Unterricht an den Schulen „von Lehrern, die in Deutschland ausgebildet werden“.

Natürlich könnte man sich nun erst die Überschrift anschauen, dann den Text lesen und sich selbst sagen: „Na ja, das eigentliche Thema ist ja die Prävention rechtsextremer Verbrechen. Dazu gebe ich jetzt mal einen Kommentar ab.“ Nur: Das machen die meisten Leute nicht. Sie lesen stattdessen die Überschrift, werden wütend und lassen in der Kommentarspalte Dampf über den Islam, die Grünen und deren Forderungen zum Islam-Unterricht ab.

Durch die Wahl ihrer Titelzeile haben es die Mitarbeiter von nordbayern.de geschafft, dass das Hauptthema des Artikels in der Diskussion gar keine Rolle mehr spielt. Ein Großteil der Kommentare geht in diese Richtung:

Die Grünen sind unwählbar und Deutschlandfeindlich.

Solche Aussagen lassen mich am gesunden Menschenverstand der Grünen zweifeln. Es wird wohl Zeit das der Verfassungsschutz die Grünen unter Beobachtung stellt.

Man drücke allen Grünen einen Einweg-Flugticket für ein islamisch beherrschtes Land in die Hand, auf dass sie nimmer wiederkehren.

So langsam könnte der Verfassungsschutz mal ein Auge auf diese Grünen werfen.

Müsst Ihr jetzt auf Stimmenfang bei der moslemischen Bevölkerungsgruppe gehen?

Bei solchen Forderungen wundert es mich nicht das die Grünidioten immer weniger Stimmen bekommen!

Was noch, Ihr Agenda-Grünen, gleich übertreten?

Islamunterricht als Regelangebot an unseren Schulen — so wirr können nur Grüne sein.

Bei Facebook, wo die Zeitspanne zwischen Überschriftlesen und Kommentieren meist noch kürzer ist, sind die Reaktionen noch deutlicher:


Der ham’se doch in’s Hirn geschissen?

Sorry, die Frau hat nicht alle Tassen im Schrank.

dann sollen sie in die Türkei gehen.

Die hat doch einen Kopfschuss

Die hat nicht mehr alle in der Schüssel!!!!

Klar, anstatt den Islam zu „töten“ soll er noch mehr verbreitet werden. Die spinnt doch!

Dummgekifft !!!

„Pegida“, AfD und „pro Deutschland“ haben den Artikel bei nordbayern.de ebenfalls entdeckt und ihn auf ihren Facebookseiten geteilt. Dass es in dem Text hauptsächlich um den Kampf gegen Rechts geht und nicht, wie die Überschrift suggeriert, nur um eine Forderung der Grünen zum Islam-Unterricht, scheint sie nicht zu jucken:



Mit Dank an Günter für den Hinweis!

Kika-Post, Milchmärchen, Wasserkonflikt

1. „Ich bin fassungslos, dass dieser verblödete Schrott gesendet wird!“
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Bei der Zuschauerredaktion von „Kika“, dem öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen, trudeln jedes Jahr ca. 67.000 Briefe und 25.000 E-Mails ein. Während die Zuschriften der jüngeren Kinder den Mitarbeitern oft große Freude machen würden, sähe das bei der Post der Älteren oft anders aus: Die Kritik habe in letzter Zeit zugenommen und der Ton sich verschärft.

2. Der unrühmliche Sturz des Kabelkönigs
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der amerikanische Fernsehsender „Fox News“ musste sich von Bill O’Reilly trennen, einem der bekanntesten Fernseh-Moderatoren Amerikas und bekennendem Trump-Fan. Die „New York Times“ hatte berichtet, dass fünf Frauen O’Reilly vorgeworfen hatten, sie sexuell belästigt zu haben und von ihm mit insgesamt 13 Millionen Dollar abgefunden worden zu seien.

3. Das Milchmärchen vom Milchmädchen
(udostiehl.wordpress.com)
In Deutschland lebende türkische Staatsbürger haben jüngst über Verfassungsänderungen in der Türkei abgestimmt. „63 Prozent der Türken in Deutschland für Präsidialsystem“, so die Schlagzeile der „Frankfurter Rundschau“ am Tag danach und an anderer Stelle „Das bedeutet unterm Strich: 412 000 von 2,8 Millionen Deutsch-Türken stärkten Erdogan den Rücken“ Udo Stiehl hat sich die Mühe gemacht und den Rechenweg auf deutsche Gegebenheiten angewandt.

4. Die multimediale Preisträgerin – Fünf Fragen an Katharina Thoms
(watch-salon.blogspot.de, Christine Olderdissen)
Der Journalistinnenbund feiert dieses Jahr sein 30jähriges Jubiläum. Bis zum Stichtag werden innerhalb der Interviewserie „Fünf Fragen“ in lockerer Folge ganz unterschiedliche Journalistinnen vorgestellt. Im aktuellen Interview steht Katharina Thoms Rede und Antwort, die u.a. wegen ihrer preisgekrönten Webdoku über die „Erstaufnahmestelle Meßstetten“ vom „medium magazin“ zu den Top 3 Journalistinnen 2016 regional gewählt wurde.

5. Journalisten der Nowaja Gaseta schützen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zwei Journalistinnen der „Nowaja Gaseta“ haben über schwere Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen in Tschetschenien berichtet und werden nun von der tschetschenischen Führung bedroht. Drohungen, die man ernst nehmen müsse, weil im Nordkaukasus schon öfter kritische Berichterstatter ermordet worden seien. „Die russische Regierung muss endlich den Teufelskreis von Gewalt gegen Journalisten und Straflosigkeit für die Täter in Tschetschenien stoppen“, so der Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“.

6. Skurriler Wasserstreit um Til Schweiger
(haz.de)
Um schnödes Wasser geht es beim Streit zwischen Til Schweiger und der „Hamburger Morgenpost“. Nachdem diese Anfang des Jahres berichtet hatte, dass der Schauspieler in seinem Restaurant „Hamburgs teuerstes Leitungswasser“ verkaufe, wehrte der sich gegen den Vorwurf. Nun musste die Zeitung eine Gegendarstellung veröffentlichen, nutzte dies jedoch für einen erneuten Konter.

Bild  

„Bild“ kennt falsche Todesursache schon vor der Obduktion

„Bild“ gestern:

„Bild“ heute:

Junge (14) getötet
Beil war nicht die Tatwaffe
Am Ostersonntag starb in Duisburg (NRW) ein Junge (14) nach einer Auseinandersetzung im Problemviertel Marxloh (BILD berichtete). Die Obduktion ergab jetzt: Ein einzelner Messerstich in den Rücken tötete den Schüler — und nicht, wie zunächst angenommen, ein Schlag mit einem Beil. Der Stich hatte die Lunge des Opfers getroffen. Die mutmaßlichen Täter waren unerkannt geflüchtet, nach ihnen wird weiter gefahndet. Auch der Vater (40) des Jungen war verletzt worden.

Dass der Junge mit einem Messer umgebracht wurde und nicht mit einem Beil, ändert nichts daran, dass es sich um eine schreckliche Tat handelt. Das Beispiel zeigt aber einmal mehr, wie die „Bild“-Mitarbeiter Sensationsschlagzeilen produzieren, bevor überhaupt irgendetwas klar ist.

AfD-Twitter-Analyse, Sterbebett, Buntstift-Lutscher

1. Treue Gefolgschaft – so twittert die AfD
(netzpolitik.org, Hendrik Lehmann & Lisa Charlotte Rost & Maria Fiedler & Markus Reuter & Michael Kreil)
In einer gemeinsamen Aktion haben Journalisten und Datenanalysten von „Tagesspiegel“ und „netzpolitik.org“ das Twitterverhalten der AfD und parteinaher Nutzer analysiert. Und sind dabei auf ein paar Merkwürdigkeiten gestoßen wie den zum Scheinriesen aufgeblähten Unterstützeraccount „Balleryna“.

2. „Die Aktuelle“ legt Caroline aufs Sterbebett
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer über eine besonders verachtenswerte journalistische Unpraxis: „Ob die Mitarbeiter der „Aktuellen“ abends nach Hause kommen und stolz auf ihre Arbeit sind? Ob sie mit ihrer Familie beim Abendessen sitzen und sagen: „Heute war ein toller Tag, heute habe ich nämlich so getan, als würde Prinzessin Caroline bald sterben“?“

3. Wie ein Buntstift-Lutscher das Publikum von „Wetten, dass…?“ foppte
(spiegel.de)
Am Ostersonntag ist der ehemalige „Titanic“-Chef Bernd Fritz im Alter von 71 Jahren gestorben. Fritz wurde vor allem als der „Buntstift-Lutscher“ bekannt, der die Wetten-dass-Redaktion und Thomas Gottschalk mit einer aberwitzigen Wette narrte. „Spiegel Online“ veröffentlicht nochmal das Interview mit Fritz, in dem dieser erklärt wie es zu der Wette kam und wie er damit durchkam.

4. Wie Rotlichtbars mit Samtvorhängen
(taz.de, Dirk Ludigs)
Das Aus der gedruckten „Männer“ beende die Ära der Schwulenmagazine, so Dirk Ludigs in der „taz“. Der Niedergang der Printmedien sei vielleicht nicht so schlimm, denn es stünden online zahlreiche Alternativen zur Verfügung. Dennoch: „Mehr denn je wird nach dem Ende der gedruckten Männer in Deutschland offenbar, wie sehr ein weithin sichtbares Leitmedium für die gesamte LGBTQ-Zielgruppe fehlt, ein Ort für gut gemachten Journalismus, für Reportagen und Porträts, aber auch für gesellschaftliche Debatten zu Genderfragen, Fragen des Umgangs mit Sexualität.“

5. Lettland: Mehr Vertrauen in Zeitschriften als in Zeitungen
(de.ejo-online.eu, Ainars Dimants)
Wie werden in Lettland Medien genutzt, welche Medien werden bevorzugt? Laut Ainars Dimants, Professor für Kommunikationstheorie an der Universität von Riga, haben vor allem die lettischen Zeitungen mit einem erheblichen Vertrauensverlust und schrumpfenden Werbeeinnahmen zu tun. Doch nicht alle Printmedien seien gefährdet: Special-Interest-Zeitschriften würden in Lettland höhere Umsätze als Tageszeitungen erzielen.

6. Fairytale Prisoner by Choice: The Photographic Eye of Melania Trump
(medium.com, Kate Imbach)
Melania Trump ist leidenschaftliche Instagrammerin. Kate Imbach hat sich mit den Bildern der Präsidentengattin befasst und einige höchst interessante Schlüsse gezogen.

Ein Zwischenruf zur sogenannten „Mutter aller Bomben“

Liebe Medien,

die Amerikaner haben ihre größte konventionelle Bombe mit 8.000 Kilogramm Sprengstoff über Afghanistan abgeworfen. Der erste Einsatz dieser Bombe überhaupt. (In einem Land, in das Bundesinnenminister Thomas de Maizière immer noch abschieben will, weil er es für sicher hält. Aber das nur nebenbei.)

Tut uns bitte in der Berichterstattung den Gefallen und übernehmt nicht gedankenlos die Kriegsrhetorik der US-Streitkräfte: Der Begriff „Mutter aller Bomben“ ist testosterondampfende Militär-Poesie und eine unangemessene Trivialisierung und Bagatellisierung eines Kriegsaktes.

Abgesehen davon bringen Mütter nicht den Tod, sondern schenken Leben.

Euer Lorenz Meyer

Blättern: 1 2 3 4 ... 844