Brigitte, Günter Stampf, Wetten, dass..?

1. „Today’s key fact: you are probably wrong about almost everything“
(theguardian.com, Alberto Nardelli und George Arnett, englisch)
Die Studie „Perceptions are not reality: Things the world gets wrong“ (ipsos-mori.com).

2. „‘Der Untergang der deutschen Zeitschriftenkultur’ – Thomas Koch über die Entlassungen bei G+J“
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Der Verlag Gruner + Jahr trennt sich von allen festen Textredakteuren der Zeitschrift „Brigitte“. Thomas Koch schreibt dazu: „Die Kultur einer Zeitschrift – das was sie von allen anderen unterscheidet – macht die Redaktion. Das können nur engagierte, langjährig angestellte Journalisten, die tagein nachtaus für ‘ihre’ Brigitte leben. Das können externe, freie Schreiber, die am nächsten Tag für die Für Sie schreiben, definitiv nicht. Traurig genug, dass man den Verlagen das heutzutage wie einem Kleinkind erklären muss.“

3. „Die Entschleunigung des Hauptstadtjournalismus“
(de.ejo-online.eu, Nicolas Miehlke)
Nicolas Miehlke befragt Korrespondenten und Büroleiter in Berlin: „Trotz mancher Exzesse (wie die Berichte, dass Wulff sich für ein Bobbycar erkenntlich gezeigt haben soll) will auch in der Wulff-Affäre kaum einer der Befragten der Medienmacht ein zu großes Gewicht beimessen, wobei natürlich zu bedenken ist, dass es sich um Selbstauskünfte von Journalisten und damit tendenziell auch um sozial erwünschte Antworten bezüglich ihres Rollenbildes handelt.“

4. „Warum sich der Boulevardreporter Günter Stampf das Leben nahm“
(deutschlandfunk.de, Audio, 49:39 Minuten)
Hintergründe über den Suizid von Günter Stampf 2012.

5. „Eine neue Ära von Journalismus auf Facebook?“
(socialmediawatchblog.org, Martin)
Martin Giesler glaubt eine „neue Ära von Journalismus auf Facebook“ zu erkennen: „Journalismus könnte bald vollumfänglich auf Facebook selbst stattfinden.“

6. „Will Arnett’s Crazy German Talk Show Experience“
(youtube.com, Video, 5:03 Minuten, englisch)
Schauspieler Will Arnett erzählt, wie es war als Gast in der ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“.

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Gratis-„Titanic“ gegen Gratis-„Bild“

Sollte am 8. November eine Gratis-“Bild“ in Ihrem Briefkasten landen — die PARTEI hätte da ein interessantes Angebot für Sie:

Die PARTEI Zwangsumtausch: Bild vs. TITANIC + Glühwein

Zum grossen Mauerevent am Abend des 08.11.2014 tauschen wir jede (in Worten: jede) „Gratisbild“ gegen ein Faktenmagazin der Marke „TITANIC“ um. Ohne wenn und aber! Machen Sie das Beste aus Ihrem Papiermüll und geniessen Sie einen spätsommerlichen Abend mit Glühwein (umsonst), Mauerpropaganda (gratis) und bunten Witzheftchen (TITANIC).

Wir haben sicherheitshalber nochmal nachgefragt: Das ist wirklich ernst gemeint! Also wenn Sie am 8. November in Berlin sind (weitere Orte siehe unten) und Lust haben, den Gratis-Schrott gegen was Vernünftiges einzutauschen: Die Aktion findet ab 19 Uhr an der Adalbertstraße, Ecke Bethaniendamm/Engeldamm statt.

Und wenn Sie jetzt schon Widerspruch eingelegt oder einen Sticker an Ihren Briefkasten geklebt haben, können Sie ja vielleicht noch dem einen oder anderen Nachbarn einen sinnvollen Dienst erweisen.

1. Nachtrag, 31. Oktober: Auch in Bergisch Gladbach können Sie die Gratis-„Bild“ gegen eine „Titanic“ eintauschen: auf dem Wochenmarkt (8. November, 9 bis 13 Uhr) am Stand der PARTEI in der Fußgängerzone.

2. Nachtrag: Und in Dortmund: Fußgängerzone, 12 bis 15 Uhr.

3. Nachtrag: Und in Frankfurt: an der Hauptwache.

4. Nachtrag: Und in Hamburg: 18 Uhr, Ort wird noch bekanntgegeben.

5. Nachtrag: Und in Hannover: ab 12 Uhr, Fußgängerzone Kröpcke.

Lorenz Haag, Apple, Blogwalk

1. „Pro Putin: Deutscher in russischen Medien“
(ndr.de, Video, 5:26 Minuten)
Zapp sucht Lorenz Haag in Chemnitz auf, der regelmässig von russischen Medien als Experte zitiert wird: „Mit uns reden will er nicht, sagt er mit starkem russischen Akzent. Ein Lieblingsexperte der russischen Medien, vor deutschen Journalisten versteckt er sich.“ Siehe dazu auch „Lorenz Haag, Doppelprofessor für Putins Propaganda“ (welt.de) und „Propaganda für den Kreml: Putins deutsche Gehilfen“ (spiegel.de).

2. „Der Apfel fällt nicht weit vom Bann“
(krautreporter.de, Richard Gutjahr)
Journalist Richard Gutjahr, der „nicht unbedingt zu den Apple-Kritikern in Deutschland“ zählt und auch Apple-Aktien besitzt, berichtet, „wie Apple professionelle Berichterstatter am Nasenring durch die Manege führt“. Er fragt: „Wie lange wollen wir uns noch von den Apfel-Strategen verbiegen lassen? Gängelungen, Bevormundungen, Drohungen – ein hoher Preis für die Aussicht auf ein Testgerät und hoffentlich die nächste Einladung aus Cupertino.“

3. „Bloggen unterm Konzerndach“
(get.torial.com, Stefan Mey)
30 Modebloggerinnen schreiben nun auf Blogwalk.de: „Die Bloggerinnen hatten teilweise vorher schon ein respektables Publikum für sich gewonnen und ihr persönliches Modejournal professionell oder eher als Freizeitprojekt betrieben. Ihren Webauftritt lassen alle komplett zurück. Sämtliche Inhalte wurden übertragen, und die alte Webadresse leitet automatisch auf Blogwalk weiter.“

4. „Sexualkunde für Hassprediger II“
(erbloggtes.wordpress.com)
Erbloggtes beschäftigt sich mit dem Text „Moderne Sexualkunde: Oralsex für den Siebtklässler“ (spiegel.de, Jan Fleischhauer).

5. „Mein Datenschatten als Grafik: So durchschaubar sind wir“
(spiegel.de)
Malte Spitz fragt bei Unternehmen und Behörden nach, was über ihn gespeichert ist. „Manchmal hat er Auskunft bekommen, so wie es das Gesetz auch vorsieht.“

6. „17 atemberaubende Fotos, die alle völlig identisch sind [Bildergalerie]„
(der-postillon.com)

In der Gaga-Bäckerei der EU

Mensch, diese EU schon wieder.

Schon wieder eine Gaga-Verordnung aus der EU!

(„Bild“)

Ist das Gaga? Nein: EU!

(rtl.de)

Neuer EU-Wahnsinn: Bald kommt das Kuchen-Gesetz

(„Focus Online“)

Das „Kuchen-Gesetz“, über das sich die Journalisten so aufregen, ist die neue Lebensmittelverordnung, die ab dem 13. Dezember greifen soll. Und warum die so gaga ist, erklärt „Bild“ auf der heutigen Titelseite so:

Schon wieder eine Gaga-Verordnung aus der EU, die vor allem Eltern richtig nerven wird!

Ab 13. Dezember gilt die neue Lebensmittelverordnung, wonach künftig auch bei lose angebotenen Lebensmitteln (Kuchen, Schnittchen, Salate) alle Inhaltsstoffe aufgeführt werden müssen. Heißt im Klartext: Wer z. B. Einen Kuchen für einen Basar oder ein Fest im Kindergarten oder in der Schule backt, muss künftig eine exakte Zutatenliste mitliefern.

Das wäre tatsächlich ziemlich bescheuert — wenn es denn stimmte. Tut es aber nicht.

Die EU-Kommission erklärte heute bei Facebook:

Das ist – mal wieder – Quatsch. Neue Regeln zur Kennzeichnung von Lebensmitteln gibt es zwar ab Dezember – aber die gelten explizit nur für Unternehmen, und eben NICHT für Privatpersonen oder z.B. den Kuchenverkauf bei Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Auch die SPD-Europaabgeordnete Susanne Melior stellt klar:

„Eltern können natürlich weiterhin in Kindergärten und Schulen selbstgemachtes Essen zu den Geburtstagsfeiern, Frühlingsfesten und Weihnachtsbasaren mitbringen. Keine Kaffeerunde in Seniorenheimen ist gefährdet. Wer gelegentlich privat oder ehrenamtlich Essen spendet, fällt nicht unter die Kennzeichnungspflicht der neuen Lebensmittelverordnung.“

Und wer es jetzt immer noch nicht glaubt: Hier (S. 2, Punkt 15) steht es schwarz auf weiß:

Das Unionsrecht sollte nur für Unternehmen gelten, wobei der Unternehmensbegriff eine gewisse Kontinuität der Aktivitäten und einen gewissen Organisationsgrad voraussetzt. Tätigkeiten wie der gelegentliche Umgang mit Lebensmitteln und deren Lieferung, das Servieren von Mahlzeiten und der Verkauf von Lebensmitteln durch Privatpersonen z. B. bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder auf Märkten und Zusammenkünften auf lokaler Ebene sollten nicht in den Anwendungsbereich dieser Verordnung fallen.

Das hätte auch der (anonyme) Verfasser des „Bild“-Artikels wissen können, und dafür hätte er nicht mal in das Dokument schauen müssen. Denn schon vor einer Woche gab das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Anfrage des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Haase Entwarnung. Im „Westfalenblatt“ sagte Haase:

„Ich habe mir dazu vom Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigen lassen, dass ‘private’ Veranstaltungen, darunter auch Feuerwehrfeste oder das Seniorencafé, von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind“

Und sogar „Bild“ selbst hat gestern online berichtet, dass die Verordnung „nicht für Speisenzubereitungen durch Privatleute“ gilt, die Kitas also weiter „krümeln dürfen“.

Im Streit um die „Kuchen-Verordnung“ der EU hat sich jetzt die Vernunft durchgesetzt…

In der Redaktion von „Bild“ natürlich nicht.

Mit Dank an Moritz D.

Politikmagazine, Kurt Imhof, Blogwalk

1. „Im Wendekreis des Krebses“
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.ch)
Spekulationen über den Gesundheitszustand von Wladimir Putin: „Also, Focus Online sagt, daß pagesix.com sagt, daß Putin Bauchspeicheldrüsenkrebs habe, und keinen Rückenmarkkrebs, weil polnische Klatschseiten sagen, Putin habe einen Hirntumor, weil ein britischer Journalist vor sieben Monaten gesagt habe, ein russischer Oligarch hätte ihm gesagt, daß Putin einen Hirntumor hätte.“

2. „Bernd Gäbler: ‘Es gibt einen gebührenfinanzierten Überschuss an Einlullendem'“
(newsroom.de, Bernd Gäbler)
Bernd Gäbler refereriert über die politischen Magazine der Öffentlich-Rechtlichen: „Immer wieder gibt es Appelle, Betroffene nicht zu ignorieren, sondern zu schützen, zu handeln, meist gesetzgeberisch. Nach dem Staat wird gerufen. Es kann der Eindruck entstehen, ein ‘beschützender Etatismus’ sei die politische Konsensorientierung der Polit-Magazinmacher. Ob Rentner ihre Anlagen verspekulieren oder Lehrer Unterrichtsmängel beklagen, nie gibt es auch nur einen Hinweis auf Eigenverantwortung.“

3. „Flüchtlinge als Sündenböcke“
(taz.de, Sebastian Heiser)
Sind Ausgaben für Flüchtlinge daran schuld, dass im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stark gespart werden muss? Sebastian Heiser zählt vier Gründe auf, weshalb er eine solche Berichterstattung als „einseitig und grob irreführend“ einstuft.

4. „‘Das Reflexionsniveau gegenüber der eigenen Branche ist tief!'“
(persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Ein Interview mit Kurt Imhof, der das „Jahrbuch Qualität der Medien“ (Hauptbefunde 2014) mitherausgegeben hat: „Themen, die man früher eindeutig dem Boulevardjournalismus zuordnen konnte, werden mittlerweile auch von den Qualitätstiteln behandelt und tragen zum Medienhype bei.“

5. „Journalismus zum Kuscheln“
(sueddeutsche.de, Ruth Schneeberger)
Ruth Schneeberger stellt zwei neue Magazine vor. „Mindart“, das angetreten sei, die „neue Eso-Szene mit der alten aus den 80er-Jahren zu verbinden“. Und „My Harmony“: „Es wird dem Herbstspaziergang gehuldigt und dem Briefeschreiben von Hand; Buchempfehlungen werden ausgesprochen, dazu Kochrezepte, etwa für Schweinebacken mit Pastinaken.“

6. „RTL vereint Modebloggerinnen“
(berliner-zeitung.de, Carmen Böker)
Die RTL-Modeplattform Blogwalk.de: „Im Modemagazin-Look auf schlicht weißem Grund, der die Beiträge endlos hintereinander wegrollen lässt, berichten 26 Bloggerinnen. Von den Fährnissen des täglichen Sich-Anziehens, des Sich-Einrichtens und des Sich-Ernährens, wobei immer aus einer persönlichen, man könnte auch sagen: ausgesprochen ichbezogenen Perspektive heraus kommuniziert wird. Es wird nicht analysiert, sondern affirmiert; der Leser fühlt sich wie in eine transkribierte Version von ‘Germany’s Next Top Model’ hineingeraten, wo jedes Schuh-Schnäppchen kollektive Ekstase auslöst. Was gut zum Umfeld passt.“

Die „Huffpo“ und die Popcorn-Panik

Viele von uns lesen vermutlich häufiger blödsinnige Texte, als uns bewusst ist. In dem Dschungel aus Pseudo-Journalismus, Clickbaiting und zusammengeklaubten Informationsfetzen ist es ja auch schwer, den Überblick zu behalten.

Es kann aber schon helfen, zumindest die hohlsten Medien aus den Bookmarks zu streichen. Zum Beispiel die Huffington Post.

Viele von uns essen vermutlich häufiger ungesunde Lebensmittel, als uns bewusst ist. In dem Dschungel aus Fertig-Produkten, Fastfood und Diät-Produkten ist es ja auch schwer, den Überblick zu behalten. [...]

Es kann aber schon helfen, zumindest die ungesündesten Produkte vom Speiseplan zu streichen.

Gut, statt der angekündigten acht folgen dann zwar neun „ungesunde Lebensmittel“, aber die Zahlen sind dann doch eher das kleinste Problem.

Fangen wir mal ganz oben in der Liste an, beim Mikrowellen-Popcorn. Die „Huffpo“ behauptet:

In Mikrowellen-Popcorn sind Chemikalien zu finden, die mit Leber-, Hoden- und Bauchspeicheldrüsenkrebs in Verbindung gebracht werden. Die Perfluoroctansäure und der Stoff Diacetyl lösen Tumore und Lungenschäden aus.

Im Original ist der letzte Satz mit einem Link unterlegt, der allen Ernstes zum „Kopp“-Verlag führt.

„Kopp“-Verlag, das ist der mit den „Informationen, die Ihnen die Augen öffnen“ — zum Beispiel über UFOs, Geheimdienste, den 11. September, Chemtrails, den Dritten Weltkrieg, Flug MH17, die Politik, die Medien, die Heilkraft der Kokosnuss und so weiter.

Und weil natürlich auch die Lebensmittelindustrie mit den CIA-UFO-Manipulations-Leuten unter einer Decke steckt, finden sich zwischen den Büchern über „Die Pyramiden und das Pentagon“ (Untertitel: „Die streng geheimen Forschungen von Regierungen und Geheimdiensten zu mystischen Relikten, untergegangenen Zivilisationen und außerirdischen Besuchern“) und „Das Geheimnis der deutschen Atombombe“ („Gewannen Hitlers Wissenschaftler den nuklearen Wettlauf doch?“) immer wieder auch Texte zu den „Wahrheiten“ über unser Essen.

Das ist der „Kopp“-Artikel, den die „Huffpo“ als Quelle herangezogen hat. Es ist ein aus dem Englischen übersetzter Text von naturalnews.com, einer amerikanischen Seite, die sich auf Verschwörungstheorien aus der Medizin spezialisiert hat.

Solche Krebs-Lebensmittel-Listen kursieren schon seit Jahren. Das Mikrowellen-Popcorn ist meistens mit dabei. Im „Kopp“-Text heißt es dazu:

Die amerikanische Umweltbehörde EPA bezeichnet die Perfluoroctansäure (PFOA) im Mikrowellen-Popcorn als „wahrscheinlich“ karzinogen, mehrere unabhängige Studien haben die Substanz mit der Entstehung von Tumoren in Zusammenhang gebracht. Auch das Diacetyl, das im Popcorn selbst verwendet wird, wird mit Lungenschäden und Krebs in Verbindung gebracht.

In Verbindung gebracht. „Wahrscheinlich“ karzinogen. Was genau das bedeutet, verrät der Text nicht, weder bei „naturalnews“ noch bei „Kopp“ noch bei der „Huffpo“. Und wenn man sich mal die seriösen Quellen zu dem Thema anschaut, wird auch schnell klar, warum.

Im Jahr 2000 wurde bei mehreren Menschen in den USA eine Lungenerkrankung namens Bronchiolitis obliterans festgestellt, die möglicherweise von dem Butteraroma des Mikrowellen-Popcorns (Diacetyl) ausgelöst wurde.

Allerdings: Die Erkrankten hatten allesamt in einer Popcorn-Fabrik gearbeitet, sie waren den Diacetyl-Dämpfen also über lange Zeit und in großen Mengen ausgesetzt. Darum wird die Krankheit auch „popcorn worker’s lung“ genannt.

Für den normalen Verbraucher ist das Risiko dagegen viel geringer. 2007 wurde zwar ein Fall bekannt, in dem ein Mann erkrankte, der nicht mit dem Popcorn gearbeitet, sondern es bloß gegessen hatte — allerdings hatte er sich auch zehn Jahre lang jeden Tag mehrere Packungen in der Mikrowelle zubereitet und das Diacetyl darum ebenfalls über einen langen Zeitraum inhaliert.

Die andere Substanz, Perfluoroctansäure, gilt zwar ebenfalls als gefährlich, aber erstens kommt sie nicht im Popcorn selbst vor, sondern in der Verpackung, und zweitens ist ihr Einfluss auf die menschliche Gesundheit erst wenig erforscht. Wenn, dann sind aber, wie beim Diacetyl, am ehesten Industriearbeiter betroffen, die lange und intensiv mit der Subtanz zu tun haben. Das Bundesamt für Riskobewertung ist außerdem, obwohl es die Substanz durchaus kritisch sieht, 2008 zu dem Schluss gekommen, dass „Gesundheitliche Risiken durch PFOS und PFOA in Lebensmitteln [...] nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand unwahrscheinlich“ seien.

Wenn es also bei „naturalnews“ oder im „Kopp Verlag“ heißt, dass „mehrere unabhängige Studien [...] die Substanz mit der Entstehung von Tumoren in Zusammenhang gebracht“ haben, dann ist gemeint: in Tierversuchen.

Davon ab: In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen die Mengen von Diacetyl und Perfluoroctansäure reduziert oder verzichten inzwischen ganz darauf. Wenn man also nicht gerade in einer Mikrowellen-Popcorn-Fabrik arbeitet oder sich täglich mehrere Packungen davon reinpfeift, hält sich die Krebs-Gefahr doch stark in Grenzen.

Aber solche Fakten stören dann nur bei den Panikschürern aus der Verschwörungsecke. Und die „Huffpo“ streut die Viertelwahrheiten weiter, weil sie sich, statt in vernünftigen Quellen zu recherchieren, blind auf die selbsternannten Augenöffner verlässt.

Auch beim Rest der Krebs-Lebensmittel-Liste hat sich die „Huffpo“-Autorin ganz offensichtlich von den hysterischen Geschichten der „Kopp“ & Co.-Jünger einlullen lassen. Wir wollen jetzt nicht zu jedem Punkt aufschreiben, was davon stimmt und welche Details verschwiegen wurden (das wäre schließlich die Aufgabe der „Huffpo“ gewesen), aber ein Blick auf die Quellen erklärt schon einiges.

Der Artikel enthält 14 Links. Zwei davon gehen zu eigenen „Huffpo“-Artikeln, einer zu „Focus Online“. Alle anderen führen den Leser schnurstracks in die zwielichtige Welt der AIDS-Leugner und Chemtrail-Gläubigen.

Verlinkt ist neben dem „Kopp“-Verlag etwa das „Zentrum der Gesundheit“. Das Portal bietet laut Eigenbeschreibung „unzensierte Informationen aus den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Naturheilkunde“ — also Videos wie „Der HIV-AIDS-Schwindel“ oder „Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe“ oder auch „CIA Kontrolliert Deutsche Medien“.

Eine weitere Quelle sind die „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“, eine nicht weniger dubiose Seite, die eigentlich eher für panische Untergangsszenarien aus der Wirtschaft zuständig ist und ungefähr den gleichen Schlag von Menschen anzieht wie „Kopp“ & Co.

Und schließlich beruft sich die Autorin noch auf eine Seite namens „fatkiller.guru“, auf der es um die magischen Heilkräfte der Natur geht. Da heißt es:

Warum haben wir diese natürlich heilende Magie vergessen?

Dank korrupter Politiker und die Macht der Pharmaindustrie.

Es ist nicht so, dass wir diese Wundermittel vergessen haben. „Die“ wollen uns nur glauben lassen, dass sie einige schwerwiegende Risiken einschließen.

Tja. Und auf solchen Quellen basiert der ganze Artikel. Aber die „Huffpo“-Macher scheint das nicht zu stören. Der Text ist seit fünf Tagen online, die Nähe zur „Kopp“-Ecke wurde in den Kommentaren schon mehrfach kritisiert, aber passiert ist bislang: nichts.

Mit Dank an Moritz N.

Nachtrag, 29. Oktober: Inzwischen hat die „Huffington Post“ den Artikel doch noch überarbeitet und am Ende einen Hinweis eingefügt:

Nachtrag: Drei der genannten Punkte basierten auf fragwürdigen Quellen. Wir haben sie daher entfernt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Alle anderen Punkte haben wir ebenfalls noch einmal überprüft und weitere Quellen hinzugefügt.

Cannabinoide, Judd Nelson, Facebook

1. „Bild-Zeitung: ‘Kiffen gegen Ebola?'“
(stimmthaltnicht.de)
Ein „Bild“-Artikel stellt „Mediziner Dr. David B. Allen“ vor, der in einem Blogeintrag Cannabinoide gegen Ebola ins Feld führt: „Die drei Kernaussagen von David Allen sind spekulativ, ungenau und teilweise nicht ganz logisch. Die Bild-Journalisten ordnen das aber nicht ein und befragen auch keinen anderen Experten zum Thema, der das hätte gerade rücken können.“

2. „Blinde Fleischesser haben bessere Augen als blinde Vegetarier! Esst mehr Würste!“
(graslutscher.de)
Ein Telefongespräch zum Artikel „Vegetarier haben schlechteres Sperma“ (bild.de).

3. „Professionelles Schreiben für lau?“
(deutschlandradiokultur.de, Sieglinde Geisel)
NZZ-Kulturkorrespondentin Sieglinde Geisel wirft der Presse vor, die prekären Arbeitsbedingungen von Journalisten zu verschweigen: „In jeder anderen Branche wären solche Arbeitsbedingungen von investigativen Journalisten längst als Skandal angeprangert worden. Doch wo es um die Ausbeutung der eigenen Arbeitskräfte geht, schweigt die Presse.“

4. „Judd Nelson lebt, während andere von seinem angeblichen Tod profitieren“
(stefan-niggemeier.de, Boris Rosenkranz)
Schauspieler Judd Nelson lebt, obwohl er im Internet für tot erklärt wird, und beweist das mit dem Foto, das ihn mit einer aktuellen Ausgabe der „Los Angeles Times“ zeigt.

5. „How Facebook Is Changing the Way Its Users Consume Journalism“
(nytimes.com, Ravi Somaiya, englisch)
Ravi Somaiya sieht eine Wandlung des Journalismus durch Facebook. „Mr. Kim of SimpleReach says he advises established media companies that ‘it’s dangerous to start chasing social. You’ll end up like everyone else, and you’ll lose your differentiation.’ The question that older publications that are not ‘digital natives’ like BuzzFeed have to ask themselves, Mr. Kim said, is ‘Are you creating content for the way that content is consumed in this environment?'“

6. „Bruchreif“
(kleinerdrei.org, Hakan)

Gratiseinwilligung, Goldenes Blatt, Gekaufte Journalisten

1. „Einfach mal bei der VG Media anfragen“
(schmalenstroer.net)
Michael Schmalenstroer will von den in der VG Media organiserten Presseverlegern wissen, ob er von ihnen auch, wie Google, eine „widerrufliche Gratiseinwilligung” und somit ein kostenloses Nutzungsrecht für ihre Inhalte erhalte. Siehe dazu auch „Peinliches Ende des Leistungsschutz-Dramas“ (sueddeutsche.de, Johannes Boie) und „Das Leistungsschutzrecht scheitert vorerst und verzerrt dennoch den Wettbewerb“ (internet-law.de, Thomas Stadler).

2. „Zwanzig Jahre Spiegel Online: Die letzte News-Website der alten Art“
(blogs.stern.de, Lutz Meier)
Lutz Meier gratuliert „Spiegel Online“ zum 20. Geburtstag. Es spreche jedoch vieles dafür, „dass diese Art des Online-Journalismus ihre Grenzen erreicht hat. Im Wettrennen um das Ziel, mit wenig Aufwand schnell viele Klicks zu erzeugen, gibt es inzwischen jede Menge Konkurrenz – die mit weniger journalistischen Scheuklappen kämpft. (…) Was fehlt, und nicht nur dem Spiegel-Verlag, ist aber ein Geschäftsmodell für Premium-Journalismus in einer weitgehend digitalisierten Welt.“

3. „Bitte keinen Journalismus“
(dominikimseng.com)
Dominik Imseng stellt eine Verschmelzung von Werbung und Journalismus fest: „Ist es auszuschliessen, dass man schon bald nicht mehr nur Werbung als geistige Umweltverschmutzung betrachtet, sondern auch Journalismus? Dass es nicht nur Werbeblocker gibt, sondern auch News-Blocker? Installiert, um uns vor einer geistlosen Ablenkung zu bewahren, die umso verführerischer ist, als sie sich den Anschein von Relevanz gibt?“

4. „Lokführerstreik: Die Mär von der geschönten Urabstimmung“
(wibkeschmidt.com, 22. Oktober)
Wibke Schmidt beschäftigt sich mit dem Artikel „Geheimer Brief an GDL-Chef wegen Schummel-Verdacht“ (bild.de), dessen Inhalt von anderen Medien aufgenommen wird: „Die meisten Medien sind zwar nicht selbst auf den Skandalisierungszug aufgesprungen, haben die dpa-Meldung aber in ihr Onlineangebot aufgenommen, so dass sich die Mär von der ‘Schummelei’, einem Rechenfehler oder gar einer denkbaren Wahlfälschung fröhlich weiterverbreitet hat.“

5. „Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten“
(krautreporter.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier prüft Fakten im Buch „Gekaufte Journalisten“ von Udo Ulfkotte.

6. „Bis dass ‘Das goldene Blatt’ Euch scheidet“
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)
Die Ehe zwischen Prinz Charles und Camilla Parker Bowles im „Goldenen Blatt“: „Allein in den vergangenen zwei Jahren verkündete ‘Das goldene Batt’ also ein Ehe-Drama, drei Ehe-Ausse und vier Scheidungen. Mal war es ‘endgültig’, mal ‘die ganze Wahrheit’. Und immer völliger Blödsinn.

Gratiseinwilligung, Strompreis, Terrorbilder

1. „Leistungsschutzrecht: Presseverlage erteilen Google überraschend Recht zur Gratisnutzung“
(heise.de)
In der Verwertungsgesellschaft VG Media organisierte Presseverlage wollen nun doch weiterhin in den Google-Suchergebnissen mit Vorschaubildern und kurzen Textanrissen zu finden sein. Doch „die widerrufliche ‘Gratiseinwilligung’ in die unentgeltliche Nutzung ihrer Presseerzeugnisse betrifft nicht alle ‘digitalen verlegerischen Angebote’, die von der VG Media vertreten werden. So erteilt der Verlag Axel Springer für seine Angebote welt.de, computerbild.de, sportbild.de sowie autobild.de weiterhin keine ‘Gratiseinwilligung’. Sie werden deshalb künftig bei Google nur noch mit Überschriften zu sehen sein. Von bild.de kann Google jedoch auch Textauszüge (Snippets) und Vorschaubilder vorläufig kostenfrei anzeigen.“ Siehe dazu auch „Oh, those Germans“ (buzzmachine.com, Jeff Jarvis, englisch).

2. „Was passiert, wenn endlich die guten deutschen Serien kommen?“
(blogs.stern.de, Peer Schader)
Peer Schader versucht sich vorzustellen, wie aufwändig produzierte deutsche Serien mit hohem Qualitätsanspruch in das bisherige Programm reinpassen: „Dabei besteht die eigentliche Herausforderung darin, sich auf einen Anpassungsprozess einzulassen, der erstmal viel Geld, Geduld und Quote kosten und lange dauern wird, weil er mit alten Gewohnheiten des Publikums brechen muss und neue etablieren.“

3. „Bild erklärt die Kurve der Wut“
(sfv.de, Rüdiger Haude, 16. Oktober)
Ein Kommentar eines Solarenergie-Fördervereins zum „Bild“-Artikel „Warum zahlen wir so viel für Strom?“: „Eine Boulevardzeitung bzw. ihr Online-Portal könnte theoretisch die ‘Kurve der Wut’ auf jene preistreibenden und überdies mit Reaktorkatastrophen respektive mit der Klimakatastrophe verknüpften Technologien und deren Subventionierung lenken. Aber ein Boulevard-Medium, das auf der Seite der Vernunft und der Moral stünde, das müsste wohl erst noch erfunden werden.“

4. „The Laborers Who Keep Dick Pics and Beheadings Out of Your Facebook Feed“
(wired.com, Adrian Chen, englisch)
Philippinische Dienstleistungsfirmen säubern Soziale Medien von unerwünschten Inhalten: „Hemanshu Nigam, the former chief security officer of MySpace who now runs online safety consultancy SSP Blue, estimates that the number of content moderators scrubbing the world’s social media sites, mobile apps, and cloud storage services runs to ‘well over 100,000’—that is, about twice the total head count of Google and nearly 14 times that of Facebook.“

5. „Die Bilderfalle“
(jungle-world.com, Georg Seeßlen)
Georg Seeßlen macht sich Gedanken zu Terrorbildern: „Der Terror ist ein Geschehen, das auf das eine und konzentrierende Bild des Schreckens hinaus will. Im Terror nämlich, was ja nichts anderes als Schrecken bedeutet, sind Tat und Bild vollkommen miteinander verschmolzen, so wie in der Drohnen- und Bildschirmstrategie des neuen Soldaten Tat und Bild vollkommen unabhängig voneinander werden sollen.“

6. „There are more experts on CNN right now talking about Ebola in America than people with ebola in America“
(twitter.com/nickbilton)

Dittlbacher, Hitzlsperger, Totalüberwachung

1. „Warum Journalismus der beste Job der Welt ist“
(derstandard.at, Fritz Dittlbacher)
ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher hält Journalismus für unverzichtbar: „Eine große, komplexe, demokratisch verfasste soziale Einheit kann ohne professionellen Journalismus nicht bestehen. Die von fachlich gut ausgebildeten und moralisch und ethisch gefestigten Menschen kuratierte Information ist ein ebensolches Grundbedürfnis einer Gesellschaft wie sauberes Wasser, Gesundheitsvorsorge, Sicherheit oder Bildung.“

2. „Wie die 1. Ukrainische Teilung ihren Weg in die Medien fand“
(wiesaussieht.de, Frank Lübberding)
Die Bewertung und Einordnung von Informationen werde von Medien kaum noch ausgeübt, schreibt Frank Lübberding anlässlich von Beispielen, wo Informationen lediglich weitergetragen wurden. Wenn man wisse, wie das heutige Mediensystem funktioniere, sei das leicht auszunützen.

3. „‘Wir leben in einer Welt der Totalüberwachung'“
(tagesanzeiger.ch, Mathias Morgenthaler)
Sascha Lobo erinnert an die Überwachung: „Ob wir unser Smartphone nutzen, Mails verschicken, Bahn fahren oder mit dem Auto unterwegs sind – all das wird registriert, und wir haben keine Ahnung, wer diese Daten wozu verwendet.“

4. „Praktikant Hitzlsperger ist nun der Chef“
(wz-newsline.de, Tim Jürgens)
Ein Interview mit Thomas Hitzlsperger, der an der „11Freunde“-Ausgabe „Spieler machen 11Freunde“ mitgearbeitet hat. Siehe dazu auch „Thomas Hitzlsperger über seine Arbeit als 11FREUNDE-Chefredakteur“ (youtube.com, Video, 3:26 Minuten).

5. „Was machen wir hier?“
(wasmachendieda.de)
Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm erklären ihr Interviewprojekt „Was machen die da?“: „Einer unserer Interviewpartner hat mal gefragt, ob wir ihn dafür bezahlen, dass er bei uns mitmacht. Ein anderer fragte vorsichtig, ob er uns dafür bezahlen müsse. Beides ist nicht der Fall, hiermit verdient niemand Geld.“

6. „Schock für ZHAW-Studenten: Blick-am-Abend-Redaktor gibt sich in Vorlesung als Journalist aus“
(der-enthueller.ch, Buzz Orgler)

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