Die Unfuglotsen von Bild.de lassen es wieder beinahe krachen

Puh, da hätte es beinahe mal wieder geknallt, also in der Fantasie der Bild.de-Redakteure.

Ein Amateurfilmer hatte ein, nun ja, Manöver von zwei Passagiermaschinen auf dem Flughafen in Birmingham aufgenommen und das Video bei Youtube hochgeladen. Bild.de hat die Aufnahmen zweimal hintereinandergeschnitten (weil die 21 Sekunden sonst nicht für den Sprechertext gereicht hätten) und ein kleines Drama daraus gestrickt:

Aber wie so oft im Beinahe-Journalismus hat Bild.de eine ganz eigene Interpretation des Beinahe-Geschehens.

Der erste Komplettquatsch steckt in der Behauptung „Zwei auf einer Landebahn“. Bild.de glaubt, dass beide Flugzeuge landen. Aber das stimmt nicht: Das hintere Flugzeug landet, das vorder startet. Der Flughafen in Birmingham hat nur einen „Runway“ in Betrieb, der sowohl für Starts als auch für Landungen genutzt wird.

Der Sprecher im Bild.de-Video sagt über den Piloten der vorderen Maschine:

Weil hinter ihm ein Airbus A320 landen will, startet er kurzerhand durch. Mit seinem bedachten Handeln verhindert er vielleicht ein Unglück.

Um herauszufinden, dass er nicht durchstartet, sondern lediglich startet, hätte ein Blick in die Beschreibung des Originalvideos gereicht:

Landing Airbus A320 and Embraer 195 taking off at BHX showing that pilots and controllers sometimes don’t have very long to make decisions.

Und auch die angeblich gerade noch so verhinderte Kollision auf der Start- und Landebahn ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gedankenspiel von Bild.de. Zunächst dürfte die Perspektive der Videoaufnahme — wahrscheinlich von einem relativ weit entfernten Punkt mit einem Teleobjektiv gefilmt — die Situation verzerren und den Abstand der Flugzeuge deutlich geringer erscheinen lassen.

Ein Fluglotse, der an einem deutschen Verkehrsflughafen arbeitet, erklärte uns, dass das Bildmaterial einen Vorgang zeige, „der völlig legal und sicher ist und in dieser Form mehrere hundert Mal täglich allein in Deutschland vorkommt“:

Vorne startet ein Flugzeug, kurz danach setzt dahinter ein landendes Flugzeug auf. Hat das vorausfliegende Flugzeug dabei das Pistenende noch nicht überflogen, spricht man von „Reduced Runway Separation“, also reduzierter Pistenstaffelung.

Um ihre Beinahe-Crash-These zu untermauern, hat sich die Bild.de-Videoredaktion noch einen Beleg ausgedacht. Der Sprecher sagt:

Der Tower hatte den Piloten zuvor mit einem Close Call vor der anderen Maschine gewarnt.

Einen „Close Call“ gibt es in der Fluglosten-Sprache nicht. Der Ausdruck bedeutet „Beinaheunfall“ oder „knappe Sache“ — und steht einzig als Titel über dem Youtube-Video des Amateurfilmers.

Mit Dank an Christian G.!

Autorisierung, Radio Lotte, Wurzeln des Internets

1. So a hacker brought down your news site. Now what? New York magazine found out today
(niemanlab.org, Madeline Welsh, englisch)
Am Montag wurde die Website des „New York Magazines“ mit einer DDoS-Attacke für etliche Stunden lahmgelegt (ob der Angriff im Zusammenhang zur Cover-Story über Bill Cosby steht, ist noch unklar). Die Reaktion: Die Redaktion kommunizierte während der Downtime permanent über Twitter mit ihren Lesern, postete Auszüge der Bill-Cosby-Geschichte auf Instagram und veröffentlichte den kompletten Text später auch auf Tumblr. Gegen solche DDoS-Attacken könnten sich Medien kaum wehren, sagt eine Expertin: „This is like someone buying out the entire print run of New York magazine, for the same reason — that they didn’t want anyone to see the cover.“

2. Blattkritik: Lann Hornscheidt
(blogs.taz.de, Manuel Schubert und Patricia Hecht)
Bei allen Tageszeitungen sind Blattkritiken fester Bestandteil der Morgenkonferenz. Manchmal kommen dafür externe Blattkritiker, so auch bei der „taz“. Kürzlich war dort Lann Hornscheidt, Profx für Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität, zu Gast. Hornscheidt hatte viel zu kritisieren, und die Reaktion der Redaktion fiel „erstaunlich aggressiv“ aus. Deshalb hat die „taz“ Lann Hornscheidt erneut zum Gespräch gebeten und zur Blattkritik interviewt.

3. Keine Häme mehr für Radio Lotte
(deutschlandfunk.de, Henry Bernhard, Audio, 5:05 Min.)
Das mediale Interesse am NSU-Prozess in München war einst so groß, dass die Presseplätze verlost werden mussten. Reichlich Häme gab es damals für das eher unbekannte Bürgerradio „Lotte Weimar“, das — anders als manch großes Medienhaus — einen Platz im Gerichtssaal bekam. Seitdem berichtet Lotte-Korrespondent Friedrich Burschel von der Verhandlung, mitunter in sechsstündigen Sondersendungen. „Lotte“-Kritiker gibt es heute kaum noch. Siehe dazu auch „Zeit Online“: „Was senden sie denn?“

4. Erfahrungen beim Verfassen eines Interviews
(verlag.baz.ch, Benedict Neff und Erik Ebneter)
Benedict Neff und Erik Ebneter trafen Martin Walser für ein Interview. Über zwei Stunden sprachen sie mit dem Schriftsteller, am Ende kam von Walsers Verlag das Veto samt „juristischer Drohkulisse“: unpublizierbar! Über die Gründe können die beiden Journalisten nur spekulieren, ein Grund dürfte in unterschiedlichen Interpretationen des Wortes „autorisieren“ liegen.

5. The hidden dangers of ethnic minority data in big surveys
(onlinejournalismblog.com, Paul Bradshaw, englisch)
Journalisten und Statistik, das ist seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Wenn Medien über Umfragen oder Studien berichten, geht das häufig schief. Paul Bradshaw erklärt im Online Journalism Blog, warum man vorsichtig sein sollte, wenn man sich aus einer scheinbar großen Grundgesamheit einzelne Altersgruppen und/oder ethnische Minderheiten herauspickt: Dann wird das Sample schnell so klein, dass es jegliche Aussagekraft verliert.

6. Die wilden Wurzeln des World Wide Web
(arte.tv, Video, 88 Min.)
Die Dokumentation (Erstausstrahlung: 2013) bietet einen interessanten Überblick über die Anfänge des Internets, beleuchtet aber auch entscheidende Wendepunkte und aktuelle Entwicklungen. Zu Wort kommen beispielsweise Julian Assange, Rick Falkvinge, Jeff Jarvis, Richard Stallman und andere Aktivisten, Hacker und Wissenschaftler. Noch bis einschließlich 5.8. kostenlos bei arte+7 abrufbar.

Symbolfoto LVII

In Köln sind am vergangenen Wochenende zwei mutmaßliche Drogendealer festgenommen worden. Polizisten hatten die 19 und 37 Jahre alten Männer zuvor bei der Übergabe von Gegenständen beobachtet und bei der anschließenden Kontrolle Marihuana in deren Hosentaschen gefunden.

Das steht auch alles so in der Pressemitteilung, die die Polizei dazu herausgegeben hat. Was dort nicht steht, ist, wer die Männer genau sind oder woher sie kommen. Oder welche Hautfarbe sie haben.

Dennoch bebilderte der „Express“ den Artikel gestern mit folgendem Symbolbild:

Mit Dank an Nicole C.!

Fehler bei der „New York Times“, kostenlos fliegen, Alpha-Kevins

1. A Clinton Story Fraught With Inaccuracies: How It Happened and What Next?
(publiceditor.blogs.nytimes.com, Margaret Sullivan, englisch)
Vergangene Woche veröffentlichte die „New York Times“ eine Geschichte, in der es hieß, das Justizministerium wolle eine Ermittlung gegen Hillary Clinton starten. Grund: Ihr E-Mail-Verhalten während ihrer Zeit als Außenministerin. Doch die Story bekam schnell Risse und schließlich zeigte sich, dass die „NYT“ die Sache ziemlich falsch dargestellt hatte. Public Editor Margaret Sullivan hat nun versucht zu analysieren, wie es dazu kommen konnte, ob die Redaktion angemessen damit umgegangen ist und wie solche Fehler in Zukunft verhindert werden können.

2. Hi, I’m Ben … And I Don’t Travel The World For Free
(onemileatatime.boardingarea.com, Ben Schlappig, englisch)
Ben Schlappig reist gerne, sucht akribisch nach Möglichkeiten, Bonusprogramme von Fluggesellschaften zu seinem Vorteil zu nutzen, und schreibt darüber in seinem Blog. Das brachte ihm ein Portrait im „Rolling Stone“ ein — und die Artikelüberschrift, er fliege „Around the World for Free“. Das sei absurd, schreibt er jetzt, er gebe „a lot of money“ für seine Reisen aus. Dennoch griffen weltweit Medien die angebliche Kostenlos-Reise-Geschichte auf und machten alles noch schlimmer:

But I think the ridiculous life-of-its-own that the story took on when it was picked up by the „media“ can be summarized by this article, in German: Not only is it suggesting I travel the world completely for free, but the person in the picture is apparently me … except it’s clearly not!

3. Ködern mit den Alpha-Kevins
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Karoline Meta Beisel sieht in „ze.tt“, dem neuen jungen Angebot des „Zeit“-Verlags, das seit gestern online ist, eine wenig originelle Mischung aus „Buzzfeed“, „Vice“ und „Leo“, dem verlagseigenen Kindermagazin.

4. Warum das Wort Shitstorm scheiße ist
(wired.de, Hakan Tanriverdi)
Immer wenn in einem Artikel von einem „Shitstorm“ die Rede ist, höre er mit dem Lesen auf, schreibt Hakan Tanriverdi. Das Wort werde von Autoren taktisch eingesetzt: „Kaum ist es geschrieben, kann man plötzlich alle Diskussionspunkte ignorieren. Wer das Wort Shitstorm nutzt, hindert seine Gegner nicht nur daran, Kritik zu äußern, sondern bestraft sie auch für den Versuch einer Debatte.“

5. fiene & mein whatsapp-service
(danielfiene.com, Daniel Fiene)
Markenbildung oder bloß die Ablösung des guten, alten RSS-Feeds? Daniel Fiene startet seinen eigenen Whatsapp-Kanal — bislang nutzen vor allem Medienmarken Whatsapp als weiteren Verbreitungsweg. Fiene ist überzeugt, dass Facebook und Twitter alleine nicht in die „Kommunikationsrealität der Leser“ passen. Der Journalist will auch Inhalte extra für Whatsapp produzieren.

6. Häkelmütze im Pegida-Land
(stefan-niggemeier.de, Ulrich Wolf)
Ulrich Wolf von der „Sächsischen Zeitung“ über seine Erfahrungen mit der „Pegida“-Berichterstattung, die medialen Waffen der Neuen Rechten und darüber, wie der öffentliche Diskurs bedroht werde. „Nahezu ohnmächtig müssen wir mit ansehen, wie viele Menschen für Fakten und Argumente nicht mehr zugänglich sind.“

Trauerspiel

Die Bundesligafußballer von Bayer Leverkusen stecken momentan mitten in der Saisonvorbereitung. Vergangene Woche musste Abwehrspieler Ömer Toprak im Trainingslager eine Einheit aus persönlichen Gründen abbrechen: Er soll vor dem Training erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.

Ein gefundenes Fressen für „Bild“ und Bild.de:

Eine bewegende Szene im Bundesliga-Alltag. Gestern um 10.03 Uhr beim Leverkusen-Training in Zell am See in Österreich.

Abwehr-Boss Ömer Toprak (26) bricht die Kraft-Übungen ab, weint plötzlich hemmungslos. Trainer Roger Schmidt (48) reagiert, nimmt seinen Spieler in den Arm und führt ihn in die Kabine.

Und „Bild“-Reporter Phillip Arens hält voll drauf:


(Veröffentlicht wurde das Foto — natürlich vollständig — in riesiger Größe bei Bild.de und etwas kleiner in „Bild“.)

Doch beim Fernfotografieren beließ es Arens nicht und quetschte anschließend noch Trainer Roger Schmidt aus:

Schmidt sichtlich bewegt zu BILD: „Es ist eine private Angelegenheit, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Das sahen der „Bild“-Mann und seine Redaktion etwas anders:

Mit Dank an Sabine K.

Der ausgeladene Hulk, Reporterhölle, Spaghettimonster

1. F wie …
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm beobachtet mit kritischem Blick den engen Tanz zwischen Verlagen und Facebook bei den sogenannten „Instant Articles“. Dabei veröffentlichen Medien ihre Texte nicht auf ihrer Internetseite, sondern direkt bei Facebook. Ein Deal, bei dem die Journalisten „viel aus der Hand“ geben, den aber auch deutsche Medien eingegangen sind, um ihre „Marke zu festigen“.

Nur: Wie stark kann die Marke sein, wenn Leserinnen und Leser ihre Inhalte künftig größtenteils bei Facebook finden? Heißt es dann bald wirklich noch: „Ich hab dazu einen guten Artikel bei Zeit Online gelesen“, oder wird man nicht eher „Das hab ich bei Facebook gelesen“ sagen?

2. Russland, Die Welt und Hulk — eine unglaubliche Geschichte
(demokratie-reloaded.de, Dominique Schmidt)
Dass der brasilianische Fußballer Hulk am Samstag nicht, wie eigentlich geplant, bei der Auslosung der Gruppen für die WM 2018 in Russland dabei war, ist für „Die Welt“ ein „Skandal“: Hulk sei ausgeladen worden, mutmaßt der Autor und liefert gleich die Begründung: Weil er es „gewagt“ habe, „unangenehme Wahrheiten im Putin-Reich“ anzusprechen. Blödsinn, meint Dominique Schmidt, und erklärt, warum die „Welt“-Spekulation schon aus zeitlichen Gründen unlogisch ist.

3. A Crucial Realization About Journalism is Learned by Being its Subject
(firstlook.org/theintercept, Glenn Greenwald)
Glenn Greenwald über seine Erkenntnisse, wie (falsch) viele Medien berichten, wenn man mal selbst zum Objekt der Berichterstattung wird:

Over the past two years, there’s been extensive media coverage and public discussion of both the Snowden story and the building of First Look Media/The Intercept, in which I’ve been very personally involved. So much of what has been said and still gets said about those things — not just by random online commenters and conspiracy-mongers but by the largest and most influential media outlets — is just plainly wrong: not “wrong” in the sense of resting on unpersuasive opinions or even casting a misleading picture, but “wrong” in the sense of being factually, demonstrably false.

4. This is where I leave you. (For a while.)
(nerdcore.de, René Walter)
René Walter macht erstmal Pause („eine Weile Ruhe im Puff“) mit seinem Blog „Nerdcore“. Weil er reisen will und weil ihm so ziemlich alles nicht passt an aktuellen Entwicklungen im Netz: die Übermacht von Clickbait-Artikeln, das damit einhergehende Verdrängen von interessanten, unbekannten Inhalten, technologischer und kultureller Stillstand. Auf seiner Reise will Walter sich überlegen, wie es nach seiner Rückkehr mit „Nerdcore“ weitergehen könnte.

5. Reporterhölle
(zeit.de, Abdalle Ahmed Mumin)
Der Journalist Abdalle Ahmed Mumin über seine Heimat Somalia — für Journalisten „einer der schlimmsten Orte der Welt“.

6. Auch Spaghettimonster zahlen Rundfunkbeitrag
(faz.net, Patrick Bahners)
Das Verwaltungsgericht München musste klären, ob für ein Grafikbüro, das als Kultstätte der „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ dient, der Rundfunkbeitrag genauso entfällt, wie für gottesdienstlich genutzte Stätten beispielsweise der katholischen Kirche. Patrick Bahners hat die Verhandlung verfolgt, mit einigen Erkenntnissen „über Gott und die Welt. Vor allem über Bayern.“

Balken vorm Kopf

Hoffentlich wird’s eine Erfolgsgeschichte wie beim „Schmusekater“.

Danke an Dominik L.

***

Verdammte Zensur.

Danke an Thilo P.

***

Also eigentlich sind wir ja immer für Unkenntlichmachung, aber …

Danke an Sara S.

Das „Kollaps“-Drama von Bayreuth: Merkel fällt vom Stuhl

Sie müssen sich sehr beeilt haben bei der „Bild am Sonntag“. So schafften sie es noch, die dramatische Meldung vom späten Samstagabend in einem Teil ihrer Auflage unterzubringen:

Das Drama in Bayreuth spielte sich in diesem Jahr nicht nur auf der Bühne ab. Nach Informationen von bild.de erlitt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Bayreuther Festspielen einen Kollaps!

(…) Um 16 Uhr beginnt „Tristan und Isolde“. Gegen 17.20 Uhr ist der erste Akt zu Ende. Während der Kaffeepause fällt die Kanzlerin in Ohnmacht, rutscht von ihrem Stuhl. Zwei Minuten soll es gedauert haben, bis Merkel wieder auf die Beine kommt. Die Menschen an ihrem Tisch kümmern sich um sie. Unter anderen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Offenbar war es ein ähnlicher Kollaps wie beim CDU-Parteitag in Köln, damals ging man von Stress und Dehydrierung aus. Auch diesmal zeigte Merkel Nehmer-Qualitäten, ließ sich den Empfang nach der Aufführung nicht nehmen!

Um 22:59 Uhr hatte Bild.de das unter der Überschrift „Schock in Bayreuth: Angela Merkel – Kollaps!“ gemeldet.

Keine halbe Stunde später alarmiert eine Reihe von Online-Medien seine Leser mit Eilmeldungen. „Festspiele in Bayreuth: Merkel offenbar kurzzeitig kollabiert“, berichtet „Spiegel Online“. „Kollaps während der Pause – Schock in Bayreuth: Angela Merkel bricht zusammen“, tickert „Focus Online“. „Zusammenbruch! Sorge um die Kanzlerin“, schreibt Bunte.de.

Um 0:23 Uhr verbreitet die Nachrichtenagentur AFP die „Bild“-Meldung:

„Bild“: Merkel bei Wagner-Festspielen kurzzeitig in Ohnmacht gefallen
– Kanzlerin offenbar schnell wieder auf den Beinen

Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth laut einem Medienbericht einen Kollaps erlitten. Die 61-Jährige sei am Samstag während der ersten Pause der Oper „Tristan und Isolde“ in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht, berichtete das Nachrichtenportal „Bild Online“. (…)

Eineinhalb Stunden später rudert AFP zurück:

Regierungssprecher: Merkel bei Wagner-Festspielen nicht kollabiert – Kein Schwächefall – Stuhl der Kanzlerin brach zusammen

Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth am Samstag trotz eines Zwischenfalls in der Pause unbeschadet überstanden. Merkel habe keinen Schwächeanfall erlitten, lediglich der Stuhl der Kanzlerin sei zusammengebrochen, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter der Nachrichtenagentur AFP.

Er dementierte damit einen Bericht des Nachrichtenportals „Bild Online“, wonach die 61-Jährige während der ersten Pause der Oper „Tristan und Isolde“ kurzzeitig in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht sei.

Auch die Agentur dpa, die die „Bild“-Behauptung, anders als AFP und viele Online-Medien, nicht ungeprüft verbreitet hatte, vermeldet gegen zwei Uhr früh das Dementi.

Nutzer von „Focus Online“ bekommen bald darauf erneut eine „Eilmeldung“: „Nicht Merkel brach zusammen, sondern ihr Stuhl“. Online-Medien löschen ihre alten Meldungen, korrigieren sie eilig oder fügen nur am Ende noch einen kleinen Absatz an.

Und bei Bild.de steht an der Stelle, an der gerade noch über den dramatischen „Kollaps“ der Kanzlerin berichtet wurde, nun ein Stück über eine „Panne bei Bild.de“, nee: „bei Festspielen in Bayreuth: „Weshalb Angela Merkel mit ihrem Stuhl zusammenbrach“:

Zunächst hatte es geheißen, die Bundeskanzlerin habe einen Schwächeanfall gehabt und sei kollabiert. Lokale Medien und auch BILD hatten darüber berichtet.

Na sowas: Als „Bild“ noch an die Richtigkeit der eigenen Geschichte glaubte, war von anderen, „lokalen Medien“ als Quelle noch nicht die Rede gewesen.

PS: In einem großen Artikel über die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Presse hatte die „Bild am Sonntag“ zum Tag der Pressefreiheit vor zwei Monaten übrigens erklärt:

Viele Medien, wie auch BILD am SONNTAG, haben zudem einige praktische Regeln für ihre Arbeit. Dazu gehört zum Beispiel das Zwei-Quellen-Prinzip. Das bedeutet: Es genügt nicht, eine Information zu bekommen, sie kann erst verwendet werden, wenn sie durch mindestens eine zweite Quelle bestätigt wurde.

Nachtrag, 12:25 Uhr. „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn schreibt auf Twitter, es habe zwei Quellen für den Merkel-Kollaps gegeben, „nicht unbekannte Menschen, die dort waren“.

Ich trink‘ Ouzo, und welche Steuererhöhung erfindest du so?

Bei komplexen Themen greifen Redaktionen gern auf knackige Beispiele zurück, das soll einem Bericht wohl was Griffiges geben. Aus den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP entstand so etwa die breite Chlorhühnchen-Debatte, die einige viel diskussionswürdigere Aspekte aus den Schlagzeilen und Artikeln verdrängt haben dürfte.

Als am Montag in Griechenland die vom Parlament beschlossenen Mehrwertsteuererhöhungen in Kraft traten, gab es wieder ein mediales Massenherunterbrechen. Und was picken sich die Journalisten da am liebsten raus? Klar, Sirtaki, Tzatziki oder:

Im welt.de-Text kommt auch ein griechischer Kellner zu Wort:

„Unser Ouzo und Moussaka werden ab Montag leider teurer“, sagte Kostas Sarafis, ein Kellner in der Taverne „Zorbas“ unterhalb der Akropolis von Athen.

Das Zitat stammt aus einer dpa-Meldung. Bloß: Entweder hat der Kellner nicht die Wahrheit gesagt, oder der Reporter hat was durcheinandergebracht. Denn für Moussaka mag die Aussage stimmen, weil die Mehrwertsteuer für Restaurantrechnungen am Montag von 13 auf 23 Prozent gestiegen ist. Für den Ouzo stimmt sie aber nicht. Alkohol unterliegt in Griechenland laut einer Liste der Europäischen Kommission (PDF, Griechenland = „EL“) schon seit Jahren der höchsten Mehrwertsteuer. Und dabei ist es egal, ob der Kunde ihn im Supermarkt, am Kiosk oder in der Taverne kauft:


Niedrigere Mehrwertsteuersätze für Alkohol (wie für alles andere auch) gab es bis Sonntagnacht lediglich auf den griechischen Inseln, nicht aber in der Athener Taverne „Zorbas“.

Nun passte den Redaktionen die dpa-Passage vom teureren Ouzo aber so gut ins Griechenland-Klischee, dass sie sie massig verbreiteten. Manche dachten sich noch flotte Überschriften und Dachzeilen aus …


(fr-online.de)


(n-tv.de)


(nordkurier.de)

… andere übernahmen einfach den dpa-Text und mit ihm das Zitat des griechischen Kellners.

Daneben gab es aber auch einige Medien, die nicht einmal die Agentur-Vorlage brauchten, um den OuzoUnsinn aufzuschreiben.

Mit Dank an Jörg B. und Michalis P.

Florida-Rolf, Selbstinszenierung, Smoothies gegen Wagner

1. „Die ‘zweite Erde‘ die schon wieder mal keine zweite Erde ist!“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Die Nasa gab gestern die Entdeckung des „first near-Earth-size“ Planeten Kepler-452b bekannt. Es handele sich dabei „um eine sogenannte Supererde und keinen erdähnlichen Planeten“, schreibt Florian Freistetter, auch wenn Webseiten wie „Focus Online“ anderes berichten. Freistetter, der seit Jahren auf scienceblog.de Fälle von angeblichen Erd-Entdeckungen dokumentiert, sagt, dass die heutigen Teleskope noch nicht so weit seien:

Wir werden die zweite Erde schon noch finden. Wenn die Erde kein Einzelfall ist und dort draußen noch andere Himmelskörper mit entsprechenden Umweltbedingungen vorhanden sind, dann werden wir sie in den nächsten 20 Jahren entdecken. Aber jetzt geht das eben noch nicht.

2. „Ich will nicht immer alles als Risiko sehen“
(horizont.net, Roland Pimpl)
Soziale Netzwerke wie Facebook, aber auch Google, Apple oder Online-Kioske wie „Blendle“ besetzten weiter klassische Verlagsaufgaben. Stefan Plöchinger, Digital-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, sieht in der Zusammenarbeit mit den neuen Vertrieblern journalistischer Inhalte „größere Chancen“. Doch die relevanteste Frage bleibt für ihn, „wie der Journalismus (…) – unabhängig, investigativ, tief und kenntnisreich – den digitalen Medienbruch überleben kann“.

3. „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“
(sebastian-doerfler.de, Sebastian, Audio, 58:29 Minuten)
„Florida-Rolf“, „Fetti“ oder „Assi“ – in einem „BR“-Radiofeature gehen Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche der Frage nach, woher die Bilder vom „faulen Arbeitslosen“ und „faulen Griechen“ kommen. „Es ist eine kleine Ideologiekritik zum laufenden Sozialstaatsabbau geworden, mit allerhand Beispielen aus Funk, Fernsehen und Politik“, schreibt Dörfler in seinem Blog.

4. „Datenschutz? Ist mir doch egal!“
(eaid-berlin.de, Peter Schaar)
Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, mahnt: „Die meisten datengetriebenen Geschäftsmodelle gleichen einem venezianischen Spiegel, der nur einseitig durchsichtig ist.“ Mit Blick auf die Nachlässigkeit beim Datenschutz sei zu befürchten, „dass wir unsere Ignoranz teuer bezahlen müssen.“

5. „Es ist in Ordnung, dass wir uns online selbst inszenieren“
(blog.neon.de, Angela Gruber)
„Auch mit einem Beme-Video wollen Nutzer Aufmerksamkeit und Zuspruch von anderen“, schreibt Angela Gruber. Die neue Video-App sei im Kern eine weitere Möglichkeit der Selbstdarstellung. Und das Internet brauche egozentrische User, die den Anspruch hätten, ihre online geteilten Inhalte zu inszenieren.

6. „Mit Smoothies gegen Franz Josef Wagner“
(meedia.de)
„Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner meint zu wissen, warum „wir“ jedes Jahr „um 200 000 Menschen ärmer“ werden. Schuld seien Smoothie-trinkende Frauen. „Meedia“ sammelt Reaktionen dazu aus dem Netz. Siehe auch: „11 Beweise, dass berufstätige Frauen Deutschland ruinieren“ (buzzfeed.com, Juliane Leopold).

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