Drei heiße Tipps fürs Sommerloch

Es beginnt immer damit, dass irgendjemand aus der Redaktion an einem Montagmorgen feststellt: Gar nicht so viel los heute. Vier Kollegen im Urlaub. Um 10 Uhr keine Pressekonferenz. Und anscheinend auch sonst keine Termine. Dann schauen sich die Redakteure den Kalender noch einmal ganz genau an und sehen, dass sich daran auch in den darauf folgenden Tagen nichts ändern wird. Zwei Stunden später versiegt überraschend der E-Mail-Fluss. Aber daran, dass die Penis-Verlängerungsangebote auch weiterhin im Minutentakt eintrudeln, ist zu erkennen, dass es an der Technik wohl nicht liegen wird. Und so wird langsam allen klar: Das muss das Sommerloch sein.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das Sommerloch öffnet sich in jedem Jahr ungefähr zur gleichen Zeit, kommt aber trotzdem immer unerwartet. Kein Redakteur hat je damit gerechnet. Daher ist auch noch nie etwas vorbereitet worden. Es müssen schnelle Lösungen her.

Vor allem Lokalredaktionen haben das Glück, sich in diesem frühen Stadium noch ein paar Tage mit Umfragen über Wasser halten zu können. Freie Mitarbeiter schwärmen in die Fußgängerzonen aus, um dort Menschen, die für einen kurzen Moment unachtsam sind, um ihren Content zu erleichtern:

„Was ist Ihre Lieblings-Eissorte?“

„An welchem Ort genießen Sie die Sonne?“

„Wohin geht’s dieses Jahr in den Urlaub?“

Viele Leser warten schon seit Monaten darauf, dass diese Fragen endlich beantwortet werden. Die Redakteure wissen das natürlich und räumen den Umfragen entsprechend viel Platz ein. Aber nach ein paar Tagen geht auch dieser Vorrat zur Neige. Und dann bleibt nur noch eine allerletzte thematische Reserve: getürmte Tiere im Tümpel.

Sobald die Nachricht die Runde macht, dass wieder irgendein Viech ausgebüxt ist, sprechen sie in den Redaktionen die ersten Gebete, es möge bitte so lange wie möglich verschollen bleiben, damit sein Verschwinden auch in den nächsten Tagen noch Anlass für Berichte über die Suchaktionen, das weitere Vorgehen und Spekulationen liefert. Meistens wird es dann aber doch schnell wiedergefunden.

Das stellt die Redaktion vor größere Probleme, denn wie soll es weitergehen — ganz ohne Inhalte? Das rettende Ufer des Ferienendes ist noch nicht mal in Sichtweite. Es herrscht Ratlosigkeit. Die Redaktion stürzt in eine tiefe Krise. Und da kommen wir ins Spiel.

Hier wären drei praktische Tricks, die in Not geratenen Redaktionen garantiert helfen, das Sommerloch zu überwinden …

1. Die Ausschluss-Frage
Schauen Sie doch mal nach, ob im Postfach noch zwei Polizei-Meldungen liegen. Irgendwas aus den vergangenen Tagen. Der Handtaschen-Raub in der Innenstadt, der angefahrene Hund an der Gartenstraße. So was in der Art. Sie wissen schon. Haben Sie was gefunden? Gut. Dann rufen Sie doch mal die Polizei-Pressestelle an und fragen:

„Können Sie ausschließen, dass es zwischen den Taten einen Zusammenhang gibt?“

Können sie nicht? Aha. Das ist ja interessant. Vielleicht können die Polizisten sogar nicht einmal ausschließen, dass dieser Täter auch für den umgeworfenen Grabstein auf dem Friedhof neulich verantwortlich war und für den Sparkassen-Überfall am vergangenen Dienstag? Finden Sie nicht, dass Ihre Leser das wissen sollten? Schreiben Sie es auf — am besten so, wie der Polizei-Pressesprecher es Ihnen gesagt hat.








Und wo Sie den Mann schon mal dran haben: Fragen sie doch mal, ob die Polizei ausschließen kann, dass der Taschendieb neulich im Stadtpark ein Triebtäter war. Kann die Polizeistelle auch nicht ausschließen? Oha. Das ist dann ja vielleicht sogar was für die Seite eins.

2. Die Metamorphosen-Meldung
Sie finden gar keine Polizei-Meldungen in Ihrem Postfach? Kein Problem. Auch für den Fall hätten wir was. Haben wir hier im vergangenen Jahr schon erwähnt. Ist aber immer noch aktuell. Die Ausschnitte hier sind erst ein paar Tage alt.








Und warum soll das Format nicht auch in anderen Ressorts funktionieren?

Vielleicht haben Sie noch Fotos, die den Stadtpark im Winter zeigen. Vielleicht finden Sie sogar noch welche aus dem Herbst. Machen Sie eine Serie draus. So sieht der Stadtpark doch jetzt nicht mehr aus, oder?

Oder machen Sie einen Screenshot von Ihrer Nachrichten-Website. Mit jeder neuen Meldung in ihrem Angebot wird der historische Screenshot zu wertvollem Content.

Ach, und fragen Sie die Kollegen aus dem Sport. Suchen Sie sich die Tabelle der Fußball-Landesliga raus, am besten die von vor drei Wochen. Da hat sich doch kurz vor Saison-Ende noch einiges getan, oder? Sehen Sie. Die Leute lesen so was.

Und wenn die Kollegen aus dem Sport gerade im Urlaub sind, auch nicht schlimm. Fotografieren Sie einen Politiker, geben Sie ihm einen Kamm in die Hand, und danach fotografieren Sie ihn noch mal. Das geht ganz schnell. Und das funktioniert auch im überregionalen Politik-Teil.

Sagen Sie das am besten auch den Kollegen aus den anderen Ressorts. Die freuen sich. Bei denen ist über die Sommermonate ja auch nicht viel los.

3. Spekulative Hard Facts
Die Metamorphosen-Meldung gefällt Ihnen auch nicht so gut? Dann hätten wir noch einen dritten Vorschlag. Der ist garantiert was für Sie. Gibt es nicht noch irgendeine Meldung, die Sie wirklich gerne bringen würden? Denken Sie mal nach. Diese Brücke, die schon so lange gesperrt ist, die müsste doch langsam mal wieder freigegeben werden. Oder diese Straße. Irgendwie hat man auch den Eindruck, dass das Freibad demnächst für länger schließen könnte. Oder? Und in Richtung der Straßenbahn-Haltestelle hat’s doch gestern Abend so einen lauten Knall gegeben. Klang das nicht ein bisschen wie ein Pistolenschuss? Finden Sie auch? Will aber keiner bestätigen? Egal. Schreiben Sie’s einfach. Die anderen machen’s ja auch. 




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„Das habe ich aber nicht gesagt“

Die Fußballer des SC Freiburg haben am letzten Bundesligaspieltag zwar 1:4 gegen den FC Bayern München verloren, insgesamt haben sie aber eine ziemlich gute Saison gespielt. In der Abschlusstabelle stehen die Freiburger auf Rang 7 und können noch, vorausgesetzt Borussia Dortmund gewinnt am Samstag den DFB-Pokal, auf die Qualifikation für die Europa League hoffen.

Bild.de schrieb am späten Dienstagabend, dass Freiburgs Trainer Christian Streich eine noch viel bessere Platzierung voraussah:

Im Artikel bezieht sich die Redaktion auf eine Aussage des Freiburger Stürmers Nils Petersen, die er ihr im Interview gegeben haben soll:

Freiburg Siebter — zum Saisonstart undenkbar. Aber nicht für Christian Streich (51)! Der Trainer sah Europa voraus!

Nils Petersen (28): „Am ersten Spieltag haben wir in Berlin in der Nachspielzeit verloren. Eine Woche später hat der Trainer eine Ansprache gehalten.“

Petersen: „Der Trainer hat gesagt, dass wir unter den ersten Drei landen. Wenn wir gut spielen. Jeder hat gedacht: Oh, mutige Ansage.“

Gestern hat sich Petersen auf seiner Facebook-Seite zum Bild.de-Artikel geäußert:

Facebook-Post von Nils Petersen - Guten Morgen. Ich möchte kurz was richtigstellen. In der Bild-Zeitung von heute werde ich wie folgt zitiert: Der Trainer hat gesagt, dass wir unter den ersten Drei landen. Wenn wir gut spielen. Jeder hat gedacht: Oh, mutige Ansage. Das habe ich aber nicht gesagt. Richtig ist: Der Trainer hat gesagt, dass wir im oberen Drittel landen. Das Missverständnis wollte ich kurz ausräumen. Euch allen einen entspannten Tag.

Auch Frank Schneider, stellvertretender Sportchef bei „Bild Süd“, hat Petersens Post entdeckt. Er kommentierte:

Guten Morgen von BILD. Nils Petersen hat Recht. Wir haben eben das Band nochmal abgehört. Unser Fehler, wird online sofort korrigiert. Sorry dafür! Ein Orakel bleibt der Trainer mit seiner Aussage aber natürlich trotzdem…Gruß, Frank Schneider

Und tatsächlich: Der Bild.de-Artikel wurde — still und heimlich und ohne jeglichen Hinweis — korrigiert.

Mit Dank an @fuszball für den Hinweis!

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Ehrenmänner unter sich

Alfred Draxler. Sie wissen schon: Der Chefredakteur der „Sport Bild“, der einst seine „REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL“ setzte und dieses Spiel verlor, hat ein großes Interview mit Dietmar Hopp, dem Mäzen des Bundesligaklubs TSG Hoffenheim, geführt. In der aktuellen Ausgabe der „Sport Bild“ präsentiert er es auf vier Seiten und obendrauf gibt es auch noch einen Kommentar von Alfred Draxler zu Hopp:

Draxler schreibt:

Den Unterschied zwischen RB Leipzig und der TSG Hoffenheim nennt Dietmar Hopp im Interview mit SPORT BILD selbst: „Bei Leipzig steckt ein wirtschaftliches Interesse dahinter.“

Das kann der „Sport Bild“-Chef nur bestätigen:

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich habe nichts gegen Leipzig und freue mich über die Erfolge des Klubs. Aber in der Tat hat Hopp über den Fußball niemals Werbung für sich selbst oder für das DAX-Unternehmen SAP, dessen Mitbegründer er ist, betreiben wollen.

Stattdessen habe Dietmar Hopp „seinen enormen Reichtum stets für die Region und für soziale Aufgaben eingesetzt.“

Denn Dietmar Hopp ist ein absoluter Ehrenmann!

Hopp hat also „in der Tat“ nie „über den Fußball“ „für das DAX-Unternehmen SAP“ Werbung betreiben wollen? Schauen wir doch mal in den offiziellen Online-Fanshop der TSG Hoffenheim:

Dieses „SAP“ dort auf dem Trikot muss da aus Versehen hingeraten sein. Um stinknormale Trikotwerbung kann es sich laut Draxler ja nicht handeln.

Und auch auf der Homepage der TSG Hoffenheim findet man nichts zu SAP. Also bis auf das Logo des Unternehmens:

Und wenn man draufklickt, landet man auf der Homepage von SAP. Wenn man dort schon ist, kann man auch mal im SAP-Fanshop (gibt es wirklich — für wen auch immer SAP-Fanartikel interessant sein sollen) vorbeischauen. Dort gibt es eine SAP-Mütze mit dem Vereinswappen der TSG Hoffeneheim zu kaufen.

Vielleicht stimmt es ja, was Alfred Draxler schreibt: Der „absolute Ehrenmann“ Dietmar Hopp hat „über den Fußball niemals Werbung für sich selbst oder für das DAX-Unternehmen SAP, dessen Mitbegründer er ist, betreiben wollen“. Gemacht hat er es aber durchaus.

Mit Dank an @J_Ehemann für den Hinweis!

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Claudius Seidl möchte nicht über die Homophobie in der „FAS“ diskutieren

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren, weil es Homophobie in Deutschland ja quasi gar nicht gibt. Äußert sich jemand homophob, dann hat er es nicht so gemeint. Und hat er es so gemeint, dann war es eben nicht homophob.

Homophobie-Debatten enden in Deutschland meist da, wo sie eigentlich anfangen müssten: Statt sich mit möglicherweise problematischen, weil möglicherweise homophoben Aussagen eines Menschen zu beschäftigen, wird der Mensch von seinen Aussagen getrennt. Der Mensch kann es ja gar nicht so gemeint haben, weil dies und weil das.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ (heute: „Eurovision Song Contest“) gekommen. Den „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

So bleibt eine möglicherweise homophobe Aussage im Raum, die nicht als Problem diskutiert wird, weil der dahinterstehende Mensch als unproblematisch verteidigt werden konnte. Diese irrige Gleichung gilt auch umgekehrt: Gilt ein Mensch einmal als homophob, ist es auch alles, was er über Homosexuelle äußert. Der Homophobe wird so zum Outlaw.

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren: Nicht, weil man sich nicht damit beschäftigen müsste, sondern weil die, die es betrifft, ja nicht Teil eines vernünftigen Diskurses sind. Man muss, so scheint es, dumm sein, um homophob zu sein.

Doch das muss man nicht. So geben beispielsweise kluge Köpfe in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ immer wieder sehr monumentalen homophoben Mist von sich.

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren, auch weil homophobe Aussagen meist verdruckst daherkommen. Selten sind sie von so unbestechlicher Klarheit wie die, die 2014 auf der Facebook-Seite der georgischen Sopranistin Tamar Iveri anlässlich eines Gay Prides in ihrer Heimat gepostet wurde:

Ich war stolz darauf, wie die georgische Gesellschaft auf die Parade gespuckt hat … Bitte stoppt die Versuche, mit Propagandamitteln westliche „Fäkalmassen“ in die Mentalität der Menschen zu bringen.

Wenn das nicht homophob ist, dann gibt es wirklich keine Homophobie; das müsste — so möchte man meinen — doch selbst die „FAZ“ erkennen und benennen können.

Doch in der Sonntagsausgabe der Zeitung erklärte die Opernkritikerin Eleonore Büning im vergangenen September nicht dieses Zitat zum Problem, sondern diejenigen, die damit ein Problem haben. Zum Beispiel die Leitung der Oper in Sydney, die die Sopranistin aufgrund des Posts nicht mehr im Hause haben wollte:

Und ganz übel ist es, dass die Sopranistin Tamar Iveri die Desdemona am Opernhaus in Sydney nicht singen durfte, wegen einer angeblich homophoben Bemerkung, die auf ihrer Facebookseite gepostet wurde, und das nicht mal von ihr selbst.

„Angeblich homophobe Bemerkung“? Geht’s noch?

Es ist schwierig, über Homophobie zu diskutieren, auch weil sich dafür kein passendes Wort durchgesetzt hat. „Homophobie“ beschreibt eine Angst, also bestenfalls einen Aspekt des Phänomens.

Homophobie im Kulturjournalismus
Eine lesbische „Zeit“-Autorin verursacht einen Skandal, als sie über eine schwule Oper schreibt und der (vermutlich heterosexuelle) Chef des „Deutschen Bühnenverbandes“ ihr mit homophoben Argumentationsmustern Homophobie vorwirft. Dies ist nur eines der Ereignisse, aufgrund derer gerade in Berlin über Homophobie im Kulturbetrieb diskutiert wird. Ein anderes ist ein Artikel der Opernkritikern Eleonore Büning, die im vergangenen September in der „FAS“ eine Art schwule Opernverschwörung konstruiert hatte. Mittendrin in dieser Diskussion ist unser Kolumnist Johannes Kram. Hier schreibt er, warum über all das so schwer zu schreiben ist.

Dass sich der Begriff „Homophobie“ so wacker hält, um etwas zu beschreiben, was eigentlich „Homosexuellenfeindlichkeit“ heißen müsste, liegt auch daran, dass renommierte Zeitungen wie (nicht nur, aber auch) die „FAZ“ das Wort „Homosexuellenfeindlichkeit“ so gut wie nie verwenden. Eine Suche auf faz.net führt im Direktvergleich von „Homophobie“ und „Homosexuellenfeindlichkeit“ zu einem Ergebnis von 171 zu 6 Treffern. Man kann, ich finde sogar: man muss darüber streiten, ob „Homophobie“ das passende Wort ist.

Aber kann man wirklich darüber streiten, für was das Wort „Homophobie“ steht, auch wenn es gut wäre, wenn es dafür ein anderes gäbe?

Nach dem Erscheinen des Artikels von Eleonore Büning hatte ich Claudius Seidl, den Chef des „FAS“-Feuilletons, gefragt, ob er die Einschätzung von Frau Brüning teilt, dass die „Fäkalmassen“-Bemerkung nur „angeblich homophob“ sei?

Seidl beantwortete meine Mail-Anfrage nur wenige Minuten später, zur Frage selbst wollte er sich allerdings nicht äußern, denn:

Mit dem Wörtchen homophob kann ich nichts anfangen — eine Phobie ist ja, wenn ich mich nicht irre, eine krankhafte übersteigerte Angst, für die der Mensch, der sie hat, nichts kann. Wer hingegen homosexuellenfeindlich redet oder handelt, kann in den meisten Fällen etwas dafür.

Ich schrieb ihm zurück, dass auch ich lieber einen anderen Begriff benutzen würde, versuchte aber weiter, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen:

Da aber in den allermeisten Medien (auch in Ihrem) und in den allermeisten Zusammenhängen (auch in dem, auf das Frau Büning Bezug nimmt) homophob sagt, was homosexuellenfeindlich meint, erlaube ich mir, noch einmal so zu fragen: Halten Sie diese Bemerkungen für homophob bzw. homosexuellenfeindlich?

An dieser Stelle beendete Claudius Seidl die Kommunikation.

Ein Wort, das in der eigenen Zeitung permanent verwendet wird, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben, wird ausgerechnet dann für ungeeignet erklärt, wenn dieser Sachverhalt das eigene Medium betrifft.

Es ist echt schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren.

***

Der „FAS“-Artikel von Eleonore Büning ist einer der Anlässe für die Podiumsdiskussion „Die Verschwörung der Opernschwulen“ im Schwulen Museum* am 25. Mai in Berlin, bei der BILDblog-Kolumnist und Nollendorfblogger Johannes Kram, „Welt“-Opernkritiker Manuel Brug und „Zeit“-Opernkritikerin Christine Lemke-Matwey über Homophobie im Kulturbetrieb debattieren.

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Zitatrecht, Verfallsdatum, Digital News Initiative

1. Bleibt sachlich!
(taz.de, Sabine am Orde)
Der journalistische Umgang mit der AfD ist nicht einfach. Die Partei sieht die Medien als „Lügenpresse“ und operiert gezielt mit Tabubrüchen, die Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Sabine am Orde plädiert dennoch für einen sachlichen Umgang und hat fünf Gedanken dazu notiert. Darunter auch die Empfehlung, genauer hinzuschauen: „Die AfD benennt auch gesellschaftliche Probleme, die es wirklich gibt und die einen Teil der Bevölkerung umtreiben. Die Profillosigkeit mancher Parteien. Der Sexismus mancher Migrant*innen. Die schlechten Aussichten mancher Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Probleme bei der Inklusion. Haben wir diese und andere Probleme deutlich genug benannt? Oder manchmal aus Sorge, es könnte die Situation weiter verschlimmern, einen Teil der Realität ausgeblendet? Und damit Platz gelassen für die einfachen Antworten der Rechtspopulist*innen? Es hilft alles nichts: Wir müssen dahin schauen, wo es wehtut. Und zwar ganz genau.“

2. Journalist durfte Zitat des AfD-Politikers Frohnmaier verwenden
(wbs-law.de, Christian Solmecke)
Ein Journalist hat ein vermeintliches Zitat eines AfD-Politikers verwendet und diesem zugeordnet, wogegen sich der Politiker mit einer Einstweiligen Klage wehrte und das Ganze beim Landgericht Köln landete. Dort wurde nun entschieden, dass der Journalist das Zitat verwenden durfte, da es zwar aus keiner „privilegierten“, aber glaubwürdigen Quelle stamme. Das Urteil, kommentiert Rechtsanwalt Christian Solmecke, stärke die Position kleinerer, lokaler Nachrichtenportale und Nachrichtenunternehmen. Selbständigen Journalisten, die nicht auf die Recherchekraft größerer Zeitungsredaktionen zurückgreifen können, werde damit die Pressearbeit erleichtert.

3. Eine Revolution mit eingebautem Verfallsdatum
(wolfgangmichal.de)
Der Mitgliederbeschluss der VG Wort „zugunsten der Urheber“ sei von Verlegerverbänden fast stärker bejubelt worden als von Autorenverbänden, so Wolfgang Michal. Die Frage nach dem „Warum“ könne beantwortet werden: Es handele sich um eine „Revolution mit eingebautem Verfallsdatum“. Die von der EU-Kommission im September 2016 vorgelegte Urheberrechts-Richtlinie, die sich derzeit in der heißen Phase des parlamentarischen Verfahrens befindet, werde den „revolutionären“ neuen Verteilungsplan der VG Wort nämlich wieder kippen.

4. Deniz Yücel seit 100 Tagen im Gefängnis
(reporter-ohne-grenzen.de)
Der von den türkischen Behörden inhaftierte Deniz Yücel verbringt am heutigen Mittwoch seinen 100. Tag im Gefängnis. Anlass für „Reporter ohne Grenzen“ nochmal die umgehende Freilassung zu fordern und an die anderen inhaftierten Journalisten zu erinnern. Weitere Leseempfehlung: Die „taz“ hat einen Offenen Brief der #FreeDeniz-Unterstützerin Doris Akrap an Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlicht.

5. „Unsere Denkweise war ganz simpel“
(verguetungsregeln.wordpress.com, Martin Schreier)
Um die Vergütungsregeln für hauptberuflich freie Journalisten gab es ein jahrelanges Tauziehen zwischen dem „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ (BDZV) und den zwei großen Journalistengewerkschaften: der „Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union“ (dju in ver.di) und dem „Deutschen Journalisten-Verband“ (DJV). Nun haben die Verleger die mühsam verhandelten, gemeinsamen Vergütungsregeln gekündigt. Der freie Journalist Martin Schreier hat dazu einen Verantwortlichen des Verlegerverbands interviewt.

6. Mit freundlicher Unterstützung von Google
(deutschlandfunk.de, Axel Schröder)
Google schüttet im Rahmen der „Digital News Initiative“ 150 Millionen Euro für die Entwicklung innovativer Journalismus-Projekte aus. Die Kooperation ist aus journalistischer Sicht nicht unproblematisch. „Offen bleibt, wie abhängig kleinere Verlage und Zeitungen in Zukunft von Google und Facebooks Geldern und Geschäftsmodellen sein werden. Die beiden Konzerne geben ihre Millionen wohl kaum aus rein idealistischen Gründen. Die Entwicklung passgenauer Online-Techniken für die Verbreitung von Inhalten kann in jedem Fall zu einer höheren Verweildauer auf Facebook, zur vermehrten Google-Nutzung führen. Und die beschert beiden Konzernen neue Einnahmen, die am Ende höher sein könnten als die Kosten für die so großzügig gefüllten Fonds.“

Julian Reichelt vergisst den Anschlag von Anders Breivik

Wenn „Bild“-Oberchef Julian Reichelt twittert, wird es häufig unsachlich oder aufbrausend oder beides. Manchmal ist es aber auch einfach faktisch falsch, was er schreibt. Zum Beispiel dieser Tweet von ihm von heute zum gestrigen Anschlag in Manchester:

Tweet von Julian Reichelt - Die (wieder mal) neue Qualität des Terrors von Manchester: Es ist der erste Anschlag in Europa, der sich gezielt gegen Kinder richtet.

Abgesehen von dem Versuch, diesem Attentat etwas Neues, Exklusives zu verleihen: Es stimmt schlicht nicht. Am 22. Juli 2011 fuhr der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik gezielt auf die Insel Utøya, um dort, wo ein Sommercamp mit vielen Jugendlichen stattfand, Menschen zu töten. Auf Utøya starben 32 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren.

Vielleicht sieht Julian Reichelt Anders Breivik nicht als Terrorist, sondern als Verwirrten oder rechten Spinner. Oder er bezog sich in seiner Aussage nur auf islamistischen Terror, ohne es zu schreiben. Aber selbst dann ist seine Behauptung nicht richtig: Am 19. März 2012 fuhr Mohamed Merah, der sich selbst als „Gotteskrieger“ bezeichnete, zu einer jüdischen Schule in Toulouse und tötete dort unter anderem drei Kinder.

Der Anschlag gestern nach dem Konzert von Ariana Grande in Manchester bleibt eine abscheuliche, grausame Tat, natürlich auch, wenn es nicht „der erste Anschlag in Europa“ ist, „der sich gezielt gegen Kinder richtet.“ Und sicher gibt es nach einem derartigen Attentat wichtigere Themen als einen falschen Tweet von Julian Reichelt. Es handelt sich bei ihm aber nun mal um diejenige Person, die beim größten deutschen Online-Nachrichtenportal die Richtung vorgibt und auch bei Deutschlands größter Tageszeitung einiges zu sagen hat. Und das macht das Vergessen von Anders Breivik und Mohamed Merah dann doch erwähnenswert.

Mit Dank an @fiiinix und Ralf H. für die Hinweise!

Bild.de verbreitet falsche Vermisstenfotos aus Manchester

Im Onlinejournalismus muss es schnell gehen, und bei dem Tempo fehlt häufig die Zeit für eine saubere Recherche. In Breaking-News-Situationen, wie aktuell wegen des Anschlags in Manchester nach einem Popkonzert, muss es meistens noch schneller gehen. Und dann passieren Fehler wie dieser hier:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auf der Startseite präsentierte Bild.de heute morgen eine Collage mit 25 jungen Menschen, die nach der Explosion im Foyer der Konzerthalle angeblich vermisst werden sollen. Die Quelle dafür: ein Tweet einer Privatperson.

Aus der Ferne können wir nicht sicher sagen, ob alle Jungen und Mädchen, die dort abgebildet sind, tatsächlich vermisst werden; ob sie gestern Abend bei dem Konzert von Ariana Grande waren; ob sie überhaupt in Manchester waren.

Und die Bild.de-Redaktion kann das anscheinend auch nicht. Denn bei zwei der Personen ist klar, dass sie nicht vermisst werden: das Mädchen in der obersten sowie der Junge in der mittleren Reihe.

Bei dem Mädchen handelt es sich um eine 12-jährige Australierin. Sie befand sich in ihrer Schule in Melbourne, als ihr Foto in der Vermissten-Collage auftauchte. Ihre Mutter stellte in einem Facebook-Post klar, dass bei ihrer Tochter alles in Ordnung sei:

Der Junge, der ebenfalls in der Collage auftaucht, ist ein recht bekannter Youtuber aus den USA. Unter dem Namen „TheReportOfTheWeek“ veröffentlicht er regelmäßig Fast-Food-Tests. Er wird immer wieder heftig gemobbt — zum Beispiel indem Internetnutzer so tun, als gehöre er zu den vermissten Jugendlichen in Manchester. Bild.de greift sich einfach die Collage bei Twitter, in der der Junge zu sehen ist, recherchiert nicht und macht, ohne es zu wissen, beim Mobbing mit.

Der Junge hat sich inzwischen selber zu Wort gemeldet, in einem 51-sekündigen Youtube-Video. Der deutliche Titel: „I am alive“.

Auch das ist eine Folge des immer höheren Tempos im Onlinejournalismus: Menschen müssen ihren Verwandten, Freunden, Fans erklären, dass sie noch leben.

Mit Dank an Jannik S. und Peter L. für die Hinweise!

10 Sekunden, Spiegel-Werk-Daily, Etikettenschwindel

1. Zehn Sekunden für eine Entscheidung
(zeit.de, Eike Kühl)
Nach welchen Kriterien Facebook Inhalte löscht, ist oft unklar. Doch nun wurden dem britischen „Guardian“ mehr als 100 interne Dokumente zugespielt, die Auskunft über die Kriterien geben, nach denen Facebookmitarbeiter gemeldete Inhalte löschen sollen. Die Regeln sind komplex und auch die personelle Ausstattung klingt dünn: 7.500 Mitarbeiter sollen sich um die Inhalte von mittlerweile fast zwei Milliarden Nutzern kümmern. Der Job sei psychisch belastend. Außerdem würden die häufig über externe Dienstleister angestellten Menschen oft unter prekären Bedingungen arbeiten.

2. Bilder, Bilder, Bilder – wie Medien mit den Identitären umgehen sollten
(blog.zeit.de, David Begrich)
David Begrich macht darauf aufmerksam, dass es den „Identitären“ bei ihren politischen Aktionen in erster Linie um die Bilder ihrer Aktionen und erst in zweiter um die Aktion selbst geht. Er rät den Medien, das Spiel nicht mitzuspielen: „Die Berichterstattung sollte die geplante, wiewohl indirekte, unbeabsichtigte Mitwirkung an der strategischen Bildkommunikation der Identitären verweigern. Sie muss entweder auf Bilder verzichten oder solche Bilder suchen, die die heroische Inszenierung der Identitären dekonstruiert. Es geht also um beides: die Identitären als rechtsextreme Kadergruppe zu entlarven und ihren Bildern die ikonische Wiedergabe zu verweigern.“

3. Spiegel Werk-Daily: Das digitale Missverständnis
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hat sich nochmal mit „Spiegel Daily“ beschäftigt. Er fragt sich, warum man sieben Euro für eine Webseitenversion eines Newsletters zahlen soll, der nur werktags zu einer bestimmten Uhrzeit erscheine. Was zu dem fatalen Ergebnis führe, dass bei „Spiegel Daily“ am Montag bis zu 72 Stunden alte Nachrichten zu sehen seien. Wenn das Angebot so bleiben sollte, wie es derzeit ist, sieht Jakubetz schwarz für die Zukunft: „Dann wird „Spiegel Daily“ grandios scheitern und das nicht mal unverdient. Ich habe selten ein weniger durchdachtes und lustloser gemachtes Projekt gesehen wie dieses.“

4. Lange Freiheitsstrafen für Chefs von Nachrichtenmagazin
(spiegel.de)
Ein türkisches Gericht hat zwei Chefs des Nachrichtenmagazins „Nokta“ zu 22 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die Veröffentlichung eines Erdogan-kritischen Titelblatts im Jahr 2015 wird ihnen als Aufruf zu einem bewaffneten Aufstand gegen die Regierung ausgelegt.

5. Von Pressefreiheit und „Pressefreiheit“
(www.message-online.com, Ariane Butzke)
Auf der Jahreskonferenz des International Press Institutes (IPI) in Hamburg kamen etwa 300 Redakteure, Reporter und Verleger aus aller Welt zusammen. Es ging vor allem um die massiven Einschränkungen der Pressefreiheit in allen Teilen der Welt. Besonders betroffen seien Redaktionen in Afrika und Asien, aber auch in Europa und den USA würden Journalisten zunehmend eingeschüchtert, schikaniert und zensiert.

6. Wenn Werbung uns und sich selbst belügt und einer ganzen Branche Absolution erteilt.
(kaffeeundkapital.de, Martin Oetting)
Martin Oetting war Gast bei einer Konferenz von Kreativen, auf der u.a. ein Kurzfilm gezeigt wurde, der in anrührender Weise zeigt, wie eine Handvoll Griechen auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsandrangs ihr Möglichstes taten, um Menschenleben zu retten. Es war ein Werbefilm einer Whiskymarke… Oetting hat in einem Artikel seine Störgefühle in Worte gefasst und appelliert an die Werber: „Hört auf, Euch in Kundenmeetings und bei der Entwicklung quasipolitischer Image-Kampagnen Dinge vorzumachen. Geht stattdessen hin und helft den Organisationen und Menschen, die wirklich Dinge bewegen auf der Welt. Wenn man für sie starke durchschlagende Kampagnen macht, dann verschwindet auch die Doppelbödigkeit. Alles andere ist dagegen Etikettenschwindel. Ein Etikettenschwindel, der leicht dazu führen kann, die Dinge schlechter zu machen, als sie eh schon sind. Wie wir bei der „Ode to Lesvos“ gesehen haben — anstatt Menschen zum Helfen anzuregen, wiegt er uns in dem warmen Irrtum, dass die Dinge ja schon von guten Menschen fern von hier geregelt werden.“

„Bild“-Medien spekulieren über tödlichen Unfall von Julia Viellehner

Die deutsche Triathletin Julia Viellehner hatte am vergangenen Montag einen schweren Unfall: Im Trainingslager in Italien fuhr ein LKW sie an, als sie auf dem Fahrrad saß. Viellehner musste ins Krankenhaus und wurde ins künstliche Koma versetzt.

„Bild am Sonntag“ berichtete gestern über den Unfall:

Bereits am Samstagabend brachte auch Bild.de einen Artikel:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

In ihren Texten zitieren die „Bild“-Medien unter anderem einen Post auf Julia Viellehners Facebook-Seite, den ihr Freund Tom Stecher am Samstagmorgen verfasst hatte:

Ihr Lebensgefährte schrieb gestern bei Facebook: „Leider gibt es derzeit keine Änderung in ihrem Zustand. Sie hat bei dem Unfall viele und schwere Verletzungen erlitten. Eine Prognose über den weiteren Verlauf kann zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht abgegeben werden. Geht alles gut, steht sie auch irgendwann wieder an der Startlinie!“

Stecher, der bei dem Unfall anwesend war, schreibt in dem Facebook-Post außerdem:

Auch in Italien gibt es einen Schutz der Privatsphäre. Dies trifft auch besonders auf Krankendaten zu. Informationen über Julias Verletzungen oder durchgeführte Behandlungen sind rein spekulativ!

Diesen Absatz zitieren die Autoren von Bild.de und „Bild am Sonntag“ nicht. Sie müssen ihn aber gesehen haben — schließlich beziehen sie sich auf den Text, in dem er steht. Eindruck hat die Aussage Stechers bei ihnen aber offenbar nicht gemacht. Die „Bild“-Medien verbreiten Spekulationen „über Julias Verletzungen oder durchgeführten Behandlungen“: Sie zitieren die italienische Zeitung „Corriere Romagna“, die behauptete, dass schwere Eingriffe an den Beinen von Julia Viellehner nötig gewesen sein sollen (auf weitere Details verzichten wir bewusst, weil wir uns nicht auch noch an den Spekulationen beteiligen wollen).

Vor wenigen Stunden verkündete Tom Stecher in einem weiteren Facebook-Beitrag, dass Julia Viellehner an ihren Verletzungen gestorben ist. Er schreibt dort auch:

Entgegen Berichten der Boulevardpressen wurde sie von dem LKW angefahren und ich sah sie neben dem LKW zu Fall kommen. Woher die Berichte vom Wochenende über verletzte Beine und die medizinischen Eingriffe stammen ist unklar.

Bild.de hat zu Julia Viellehners Tod gerade einen weiteren Beitrag veröffentlicht. Dort wird nun auch Tom Stechers Kritik an den Spekulationen der Boulevardmedien thematisiert. Allerdings bezieht Bild.de sie nur auf das italienische Blatt. Dass sowohl „Bild am Sonntag“ als auch Bild.de diese Spekulationen übernommen haben — davon steht in dem Artikel kein Wort.

Mit Dank an für Rüdiger M. den Hinweis!

Verlagsversagen, Köppels SVP-Organ, Crowdfunding-Republik

1. Fake News mit Fake Journals: Gender-Studies-Hoax als Verlagsversagen
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Leonhard Dobusch berichtet auf „Netzpolitik.org“ über Fake News im Wissenschaftsbetrieb. Schon seit längerem gäbe es eine wachsende Zahl an unseriösen Open-Access-Zeitschriften, die sich zwar als begutachtet („peer-reviewed“) bezeichnen, tatsächlich aber gegen Bezahlung einer Publikationsgebühr quasi jeden eingereichten Beitrag publizieren würden. Zuletzt hatte ein Artikel für Furore gesorgt, der beweisen sollte, dass Gender Studies unseriös seien. Dazu hatten Peter Boghossian und James Lindsay unter dem Titel „The conceptual penis as a social construct“ allerhand Unsinn zusammengeschrieben und erfolgreich im Journal „Cogent Social Sciences“ zur Veröffentlichung eingereicht. Leonhard Dobusch dazu: „Mit ihrem Versuch, Gender Studies als Disziplin bloßzustellen, haben Boghossian und Lindsay tatsächlich skandalöses Verhalten offengelegt. Der Skandal liegt jedoch nicht im Bereich der Gender Studies, sondern im Bereich eines der größten wissenschaftlichen Verlagshäuser. Aus reinem Profitstreben heraus werden hier offensichtlich Kooperationen mit dubiosen Pseudo-Open-Access-Verlagen eingegangen, die sich wiederum mit einem vermeintlich seriösen Verlagsnamen schmücken können.“

2. Probleme der «Weltwoche» häufen sich
(nzzas.nzz.ch, Francesco Benini)
Die Schweizer „Weltwoche“ hat nicht nur ein Auflagenproblem (in nur einem Jahr ist die Zahl der Leser um 22 Prozent geschrumpft). Für zusätzliche Unruhe sorgt auch die Doppelrolle ihres Chefredakteurs Roger Köppel, der eine politische Karriere gestartet hat und für die „SVP“ im Schweizer Nationalrat sitzt. Dies schade dem Blatt; es werde seit seiner Wahl als „reines SVP-Organ“ wahrgenommen.

3. DW-Korrespondent Niragira sofort freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Der Deutsche-Welle-Korrespondent Antediteste Niragira ist in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Burundi verhaftet worden, wo er über die katastrophalen Lebensbedingungen der Menschen berichten wollte. „Reporter ohne Grenzen“ fordert seine sofortige Freilassung: „Antediteste Niragira muss sofort freigelassen werden und sicher nach Burundi zurückkehren können. Journalisten, die über Missstände berichten, dürfen nicht wie Verbrecher oder Spione behandelt werden.“

4. «Wir wollen mehr Wertschätzung für den Journalismus»
(medienwoche.ch)
Es war ein sensationeller Crowdfunding-Erfolg für unabhängigen Journalismus: Binnen kürzester Zeit hat das zehnköpfige Zürcher Start-up-Projekt R („Republik“) über 11 000 Mitglieder gewonnen und mehr als 2,8 Millionen Franken eingesammelt. Im Interview sprechen die Macher darüber, wie sie das Projekt ohne Werbung finanzieren, wie viel Mitspracherecht Geldgeber haben und welche Rolle die Community spielt.

5. Tageszeitung „Sözcü“ erscheint mit leeren Seiten
(spiegel.de)
Aus Protest gegen die Verfolgung durch den türkischen Staat, hat die regierungskritische Zeitung „Sözcü“ mit einer „Spezialausgabe zur Pressefreiheit“ mit unbedruckten Seiten reagiert.

6. Revolution bei VG Wort: Urheber bekommen, was ihnen zusteht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Nachdem einige Versammlungen der VG-Wort letztes Jahr sehr chaotisch und konfrontativ verlaufen waren, hat man nun eine Einigung erzielt, nach der in Zukunft die Einnahmen aus gesetzlichen Vergütungsansprüchen rechtskonform an die Urheber ausgeschüttet werden, ohne die Verleger vollständig auszuschließen. Der jetzt beschlossene Verteilungsplan soll jedoch nach dem Willen vieler Beteiligter nicht lange gelten, so Stefan Niggemeier. Im Hintergrund werde bereits daran gearbeitet, die Gesetzeslage so zu ändern, dass die alte Situation wieder hergestellt wird, die eine pauschale Beteiligung der Verlage ermöglicht.

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