Rhein-Zeitung, BuzzFeed, Kim Jong-Un

1. „Zeitung hält Begräbnis des Kopiloten geheim“
(faz.net)
Die „Rhein-Zeitung“ erfährt von der Beisetzung des Co-Piloten von Germanwings-Flug 9525, verbreitet diese Information aber nicht weiter, „‘damit die Weltpresse bei diesem Begräbnis nicht erneut über Montabaur herfällt’ und um den Angehörigen die Chance zu geben, in Ruhe Abschied zu nehmen. Die Zeitung habe bewusst auch darauf verzichtet, aus der Ferne Fotos von der Beerdigung zu machen und diese international zu verkaufen.“ Siehe dazu auch „In eigener Sache: Christian Lindner zur weißen Fläche auf der Titelseite“ und „Co-Pilot ist in seiner Heimat beerdigt worden“ (rhein-zeitung.de, kostenpflichtig).

2. „Eine Nicht-Meldung und ihre Geschichte: die Doppelmoral der Rhein-Zeitung“
(meedia.de, Nora Burgard-Arp)
Nora Burgard-Arp wirft der „Rhein-Zeitung“ vor, eben doch Geld verdienen zu wollen mit dieser Story, schliesslich sei der Beitrag hinter die kostenpflichtige Bezahlschranke der Zeitung gestellt worden: „Und der Chefredakteur ignoriert zugleich, dass es unter den Medien einen breiten Konsens gab und gibt, die Angehörigen des Co-Piloten mit Respekt und Diskretion zu behandeln. Es scheint fraglich, ob überhaupt ein deutsches Medium bei einem entsprechenden Angebot der Rhein-Zeitung zugegriffen hätte.“

3. „Wie arbeiten eigentlich Anzeigenblatt-Redaktionen?“
(wp.ujf.biz, 24. Juni)
Ulf J. Froitzheim schreibt über Fotos und Bildbeschreibungen im regionalen Anzeigenblatt.

4. „Why I Assume That Every BuzzFeed Article Is Trying To Sell Me Something“
(buzzfeed.com/lalonsander, englisch)
Buzzfeed-Nutzer Lalon Sander fragt sich, was ihm Buzzfeed-Artikel verkaufen wollen, die nicht als Werbung gekennzeichnet sind.

5. „Guten Tag, die Welt ist schlecht“
(aargauerzeitung.ch, Peter Rothenbühler)
Peter Rothenbühler über seine Erfahrungen mit dem Schreiben von guten Nachrichten: „Ein konstruktiver, empathischer, versöhnlicher oder gar belobigender Journalist ist verdächtig – vor allem bei den andern Journalisten. Das erlebt man als Journalist jedes Mal, wenn man eine positive Geschichte über eine gelungene Sache oder eine erfolgreiche Persönlichkeit publiziert. Da heisst es sofort: warum so unkritisch? So blauäugig? Hat er dich gekauft?“

6. „Die Gier der Medien nach Kim Jong-Un“
(kobuk.at, Stefanie Schneckenreither)

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Putins Panzerpropaganda oder: Brrrrum! Wrrrrom! Wahnsinn!

Dieser Putin schon wieder. Russlands Präsident soll in der Nähe von Moskau einen Freizeitpark voller Militärgerät planen, einen „Kriegs-Vergnügungspark“, schreibt Bild.de und findet das gar nicht gut:


(Unkenntlichmachung von uns)

Im sogenannten „Patriot Park“ sollen die Besucher ab 2017 „Panzer fahren, Helikopter fliegen und Waffen ausprobieren“ können. Bild.de kramt schon mal ein paar Archivfotos raus, um zu zeigen, wie es da dann aussehen könnte:



Dem russischen Priester Sergej Privalov zufolge ist das neue Putin-Projekt eine spitzenmäßige Idee:

Der Priester: „Kinder sollten herkommen, mit den Waffen spielen und auf die Panzer klettern und all diese moderne Technologie kennenlernen, von der sie noch nie ihn ihrem Leben etwas gehört haben.“

Wladimir Putin selbst sehe das Projekt „als einen wichtigen Bestandteil seiner ‘militärisch-patriotischen Arbeit mit jungen Leuten'“.

Kinder an die Knarren? Gar nicht in Ordnung, findet Bild.de:

Dass Krieg kein Spiel ist und nicht vor Kindern verherrlicht werden sollte, spielt in Russland anscheinend keine große Rolle.

Und:

Statt Micky Maus und Donald Duck propagiert Russland das Spiel mit Waffen

Man kann von der Eröffnung eines solchen Militär-Kinderparks halten, was man will. Wie großartig die „Bild“-Medien Panzerklettern und Helikopterfliegen allerdings dann finden, wenn nicht Putin und Russland dahinterstecken, sondern Ursula von der Leyen und ihre Bundeswehr, konnte man vor zwei Wochen sehen:

Hier, wo sonst die Feldjäger ihr strenges Regiment führen, tobten Kinder über einen 62,5 Tonnen schweren Leopard-2-Kampfpanzer. Der Transporthubschrauber „CH-53″ kreiste über der Stadt, Fallschirmjäger stürzten sich zur Erde, legten zwischen staunenden Besuchern eine punktgenaue Landung hin. In mehr als 20 gepanzerten Fahrzeugen konnte man Probe sitzen.


Das Fazit für die Veranstaltung in Hannover:

6000 Besucher, Volksfeststimmung in der Kaserne.

Mindestens genauso begeistert war Bild.de von einem anderen „Highlight“ am gleichen Tag, diesmal im hessischen Fritzlar beim „Kampfhubschrauber-Regiment 36 Kurhessen“:

Da gab es „Hammer-Loopings und Luft-Stunts“, „Klatschkonzerte für die kühnen Piloten“ und „spektakuläre Nahkampf-Vorführungen“.

Zehntausende krabbeln durch den Transporthubschrauber CH-53, Eurocopter & Co. Kinder ballern mit Papp-Panzern auf Ziele.

Um mit Waffen spielen, auf Panzer klettern und all die moderne Technologie kennenlernen zu können, von der sie noch nie ihn ihrem Leben etwas gehört haben, müssen Kinder also gar nicht in Putins Propagandapark. Gibt’s alles schon in Deutschland.

Gruselig? Nein: „Gut so“, findet „Bild am Sonntag“-Chefin Marion Horn. Der „Tag der Bundeswehr“ war „längst überfällig“, wenn man bedenke, „was es bei uns für idiotische Ehrentage gibt“:

Kritiker haben gestern moniert, mit den Feierlichkeiten dringe die Bundeswehr „dreist in den öffentlichen Raum“ ein. Gut so! Da gehört sie hin!

Und wenn die Bundeswehr mal nicht selbst in den öffentlichen Raum drängt, holt Bild.de sie dort hin:

Blaumann an, dann endlich darf ich Panzer fahren!

Die distanziert-kritische Berichterstattung zum Kriegsgerät liest sich dann so:

Brrrrrrum!

Und:

Wrrrrrrrrrom!

Und:

Wahnsinn!

Und:

Mein Brecher und ich donnern durchs Gelände, fliegen über Sand-Piste, Brettern durchs Wasser. Auch anfahren bei 60 Grad Steigung — kein Problem.

Wie würde Bild.de sagen? Dass Krieg kein Spiel ist und nicht verherrlicht werden sollte, spielt in den „Bild“-Medien anscheinend keine große Rolle.

Mit Dank an Michael W.!

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Vertrauen, Aufmerksamkeit, Terror

1. „Wer vertraut uns noch?“
(zeit.de, Götz Hamann)
Die „Zeit“-Titelgeschichte über das eingebüßte Vertrauen der etablierten Medien: „Angesichts der Wucht, mit der öffentliche Debatten inzwischen eskalieren, müssen sich die Kräfte der Aufklärung in der vierten und fünften Gewalt endlich verbünden – gegen die Skandalisierer in den Medien und im Netz.“

2. „Zeit für Vertrauen“
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.de, Thomas)
Thomas hat den „Zeit“-Essay gelesen. Sein Fazit: „Journalisten der Zeit loben sich erst mal ein bisschen, streuen dann etwas Pseudo-Selbstkritik ein, ärgern sich erst über den dummen Leser, der seinen qualitativ hochwertigen Journalismus wegen Fehlern in der Vergangenheit nicht erkennt und dann über den dummen Leser, der sich über den minderwertigen Journalismus beschwert, den man ihm gibt, weil man’s muß, dann über den dummen Leser bzw. Zuschauer, der seine Aufmerksamkeit lieber Satiresendungen als Topjournalismus schenkt.“

3. „Keine Frage der Glaubwürdigkeit“
(theeuropean.de, Thore Barfuß)
Nicht die Glaubwürdigkeit sei das Problem des Journalismus, sondern der Verlust der Aufmerksamkeit durch die „normalen Menschen“: „Wenn Bauarbeiter auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr die ‘Bild’ lesen, sondern die Facebook-Posts von Ken Jebsen. Wenn Gymnasiasten morgens nicht mehr in die Zeitung der Eltern blicken, sondern sich lieber von Unge die Welt erklären lassen. Wenn das Zweite Deutsche Fernsehen nur noch von Zuschauern mit dritten Zähnen verfolgt wird.“

4. „Berichtigung aus Berlin“
(demystifikation.wordpress.com)
Diagramme im „Bericht aus Berlin“ auf ARD (mediathek.daserste.de, Video, 19:12 Minuten, ab Minute 5).

5. „Warum Medien über den Terror berichten“
(sueddeutsche.de, Ruth Schneeberger)
Ruth Schneeberger denkt nach über die Berichterstattung über Terrorismus: „Im Gegensatz zu einigen konservativen Sendern in den USA zeigen deutsche Medien etwa keine Videos von Enthauptungen. Ob jeder Attentäter mit Namen genannt und mit Foto gezeigt werden muss, ist eine weitere Überlegung wert. Dass allerdings über Terrorismus gar nicht mehr berichtet werden sollte, ist eine naive Forderung. Sie steht der Freiheit der Presse, dem Informationsbedarf und -recht der Bürger, dem Wettbewerb unter den Medien und dem Zeitgeschehen entgegen.“

6. „Liebe Bild“
(facebook.com/jenniferrostock)

Neues aus Hastenichgesehn

Mitten in der Pampa.

Danke an Sabine B.

***

Und was sind die anderen Fahrzeughalterinnen?

Danke an Felix P.

***

Bei Metaphern steht einem schnell das Wasser bis zum Hals.

Danke an Helmut P.

Julian Reichelt reist mit Snowden auf dem Holzweg Richtung Russland

Tut uns ja leid, aber wir müssen uns noch einmal mit Julian Reichelt befassen.

Diesmal geht’s wieder um die Flucht von Edward Snowden, die Julian Reichelt (wie wir neulich geschrieben haben) völlig anders darstellt als die meisten anderen. Nun denn: Gerade einmal 18 Minuten, nachdem wir unseren Blogeintrag über Edward Snowden, die „Sunday Times“ und Julian Reichelts Twitter-Aussagen dazu veröffentlicht hatten, machte sich der Bild.de-Chef ans Werk:

Es folgten über 30 Tweets, in denen Reichelt so viel Unsinn behauptet, dass wir das nicht stehenlassen wollen. Also, der Reihe nach.

1) Im Bild.de-Artikel von vor anderthalb Wochen, auf den sich unsere ursprüngliche Kritik bezog, hatte gestanden:

Snowden war sich der Brisanz seiner Tat von Anfang an bewusst. Als er mit der Veröffentlichung der Geheim-Dokumente von Hongkong aus begann, bat er Russland um Asyl.

Wir erwiderten, dass ausgiebige Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ etwas anderes sagen: Snowden hat nicht von Hongkong aus um Asyl in Russland gebeten, sondern erst, als er im Transitbereich des Moskauer Flughafens feststeckte.

Für Julian Reichelt eine zu dünne Quellenlage:

Richtig. Die Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ stützen sich zu großen Teilen auf Edward Snowdens Aussagen, aber auch auf die seiner Begleiterin und WikiLeaks-Aktivistin Sarah Harrison. Und wir stützen uns auf diese Recherchen, an denen unserer Meinung nach nichts auszusetzen ist. (Dass wir es als FAKT dargestellt hätten, ist also bloß eine BEHAUPTUNG von Reichelt, um es mal in seinen Worten und seiner Schreibweise zu sagen.)

Man kann Snowden und Harrison glauben oder nicht. Jedenfalls zählen sie zu den Quellen, die am ehesten etwas zu Snowdens Asylgesuch sagen können. Für Julian Reichelt ist Snowden keine „vertrauensvolle Quelle“. Es steht also Aussage (Snowden/Harrison) gegen Aussage (Reichelt).

Reichelt hatte aber noch eine Anmerkung:

Im verlinkten Artikel des „Wall Street Journal“ geht es um ein Interview des russischen Präsidenten Wladimir Putin, in dem er sagt, dass Snowden schon vor dem Russland-Flug Kontakt mit russischen Diplomaten aufgenommen habe:

Russian President Vladimir Putin has admitted that Edward Snowden contacted Russian diplomats in Hong Kong a few days before boarding a plane to Moscow but that no agreement was reached to shelter him and he decided to come to Russia on his own without warning.

Es soll in dem Text wohl auch, so verstehen wir Reichelts Tweet, um Snowdens Asylanfrage in Russland gehen. Explizit sagt Putin aber nirgends, dass Snowden so früh Asyl beantragte, wie Bild.de es behauptet hatte. Immerhin spricht er laut „Wall Street Journal“ von „contacted“ und „shelter“ — nun gut, das mag man, wenn man will, als eine Art Asylabsage an Snowden interpretieren.

2) In Bezug auf die Entscheidung Putins zu Edward Snowdens Asylgesuch hatte Bild.de geschrieben:

Kreml-Chef Wladimir Putin zögerte nicht und stellte Snowden zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr aus, die dann noch einmal um 3 Jahre verlängert wurde — gültig also noch bis Sommer 2017.

Wir schrieben, dass Erkenntnisse von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ zeigen, dass Putin anfangs durchaus gezögert hat. Erst nach zwei Monaten habe Russland Snowden Asyl erteilt.

Und erneut war für Julian Reichelt die Quelle das Problem:

Putins Aussage, dass Russland Snowden nicht direkt Asyl erteilte, kommt unter anderem auch in dem Artikel des „Wall Street Journal“ vor, den Reichelt selbst verlinkt hat:

“If he wants to stay with us, please, he can stay with us, but only if he stops any activity that could destroy Russian-American relations. We are not an NGO, we have the interests of the state and we do not want to damage our relations with the U.S.,” he said. “He was told about it and he replied ‘I am a fighter for human rights and I urge you to fight with me. I said ‘No, we won’t fight, you are on your own.’ And he left.”

Reichelt kritisiert an dieser Stelle also Putin als Quelle, während er sich in Punkt 1) auf ihn stützt, um Snowden zu diskreditieren.

Doch auch davon abgesehen, stimmt seine Aussage nicht. Es gibt neben Putin und dem Kreml noch andere Quellen für diesen Aspekt. Da wären zum einen erneut Edward Snowden und Sarah Harrison, zum anderen die gesamte Weltöffentlichkeit, die beobachten konnte, dass die beiden mehrere Wochen im Transitbereich des Moskauer Flughafens feststeckten.

Natürlich kann man der Meinung sein, dass Snowden und Harrison in dieser Zeit freiwillig in einem fensterlosen Raum hausten, sich mit der Gemeinschaftsdusche auf dem Flur begnügten und gerne täglich bei Burger King aßen, obwohl Snowden schon längst Asyl in Russland erteilt bekommen hatte.

Also, ja, eine Frage hätten wir noch, Julian Reichelt: Klingt das logisch?

3) Beim zeitlichen Ablauf der Flucht von Edward Snowden hatte Bild.de einiges durcheinandergebracht. Zum Beispiel bei den Fragen, wann der Reisepass annulliert und wann der internationale Haftbefehl ausgestellt wurde:

Kreml-Chef Wladimir Putin zögerte nicht und stellte Snowden zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr aus, die dann noch einmal um 3 Jahre verlängert wurde — gültig also noch bis Sommer 2017. Die USA erklärten daraufhin Snowdens US-Pass für ungültig und stellten einen internationalen Haftbefehl aus.

In Hinblick auf Snowdens Pass schrieben wir, dass der Verbund aus NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ etwas anderes recherchierte: Die USA erklärten Snowdens Reisepass nicht erst nach der Erteilung des Asyls für ungültig, sondern schon früher. Deswegen konnte er von Moskau aus nicht weiterfliegen.

Julian Reichelts Reaktion auf unsere Aussage:

Reichelt meint offenbar den 9. Juni 2013, als „Ed“ sich der Welt vorstellte.

Dass dessen Reisepass nicht direkt im Anschluss durch die US-Behörden annulliert wurde, schrieben Hans Leyendecker und John Goetz im Januar dieses Jahres in einem Artikel der „Süddeutsche Zeitung“:

Es geht um Stunden. Die Informanten an den Computern sagen, die Grenze sei für Snowden jetzt noch offen. Die amerikanischen Behörden haben den unglaublichen Fehler gemacht, seinen Pass nicht für ungültig zu erklären.

Und es bestätigte sich: Snowden konnte noch von Hongkong nach Moskau fliegen. Das dürfte mit einem annullierten Reisepass schwierig sein.

Den internationalen Haftbefehl betreffend, schrieben wir, dass zum Zeitpunkt von Snowdens Abflug in Hongkong bereits einer vorlag, dieser aber Fehler beinhaltete, wie Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ zeigten: Als zweiter Vorname des Gesuchten war dort fälschlicherweise James statt Joseph angegeben.

Das wollte Reichelt überhaupt nicht gelten lassen:

Für China mag das so sein. Snowden saß aber in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Dort besteht seit Jahren (1996 unterschrieben, 1998 in Kraft getreten) ein Auslieferungsabkommen mit den USA. Und so hätte Hongkong auch den US-Haftbefehl gegen Snowden vollstrecken können, wie unter anderem die BBC schreibt:

The Hong Kong government has promised to handle any extradition request from the US according to established law and policy.

Dass es dazu nicht kam, lag laut Hongkongs Behörden an Ungenauigkeiten im Haftbefehl der USA.

4) In einer Abrechnung mit all den Snowden-Anhängern hatte Reichelt getwittert:

Um einmal mit dem beliebtesten Mythos der Snowdenista aufzuräumen: #Snowden ist NICHT in Moskau „gestrandet“. Er hat SELBST den Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung bestimmt. Er hat SELBST bestimmt, wann er seine Identität preisgibt. Er hätte VORHER ungehindert in JEDES Land der Welt reisen können. In der Geschichte der Luftfahrt ist er der Erste, der von Hawaii über Hongkong und Moskau nach Südamerika reisen wollte. #Snowden ist FREIWILLIG in Moskau.

Wir schrieben darauf, dass Snowden bereits vor zwei Jahren erzählt hatte, dass er als NSA-Zulieferer nicht, wie Reichelt behauptet, „VORHER ungehindert in JEDES Land der Welt reisen“ konnte: Auslandsaufenthalte habe er 30 Tage im Voraus anmelden müssen, es habe die Möglichkeit gegeben, dass ihm eine Reise verboten wird. Snowden kündigte eigenen Aussagen zufolge seinen Hongkong-Plan entgegen der NSA-Richtlinie nicht an, um keinen Staub aufzuwirbeln. (Und klar: Wenn ihn die Richtlinie nicht davon abgehalten hat, nach Hongkong zu fliegen, hätte sie ihn vermutlich auch nicht davon abgehalten, in jedes andere Land zu reisen; laut Snowden ging der Reiseplan zu diesem Zeitpunkt aber nicht über Hongkong hinaus.)

Reichelt blieb bei seinem Standpunkt:

Noch einmal: Hongkong ist nicht gleichzusetzen mit China. Zum Beispiel, wenn es ums Visum geht. Für eine höchstens 90-tägige Hongkong-Reise müssen US-Bürger kein Visum beantragen. Für eine China-Reise hingegen schon.

5) Bei der Frage, ob Edward Snowden ein Überläufer ist, hatte Julian Reichelt seine eindeutige Meinung getwittert:

Sich als Geheimdienstler in die Obhut einer fremden Regierung zu begeben, ist die Definition von Überläufer. Man kann der Meinung sein, dass Snowden ein ehrenwerter Überläufer ist. Aber ein Überläufer ist er ohne Zweifel.

Wir hielten dagegen, dass die allgemeine Definition von Überläufer voraussetzt, dass jemand vom einen zum anderen Geheimdienst wechselt. Snowden müsste als ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes also nachweislich mit dem russischen Geheimdienst kooperieren.

Um das zu belegen, suchte Reichelt einen Guardian-Artikel raus:

Der Text aus dem Guardian, auf den sich Reichelt bezieht, ist ein Auszug eines Buches über Edward Snowden. Dort heißt es zwar, dass Snowden vom Schutz und Wohlwollen des Kreml und des russischen Geheimdienstes abhängig sei und dass „all of Moscow“ vermute, dass einige Leute, die sich nun um Snowden kümmern, dem Geheimdienst angehören; dass er kooperiert, steht dort allerdings nicht:

But, for better or worse, the 30-year-old American was now dependent on the Kremlin and its shadowy spy agencies for protection and patronage. According to the activists who met him at Sheremetyevo, Snowden had several new minders. Who were they? All of Moscow assumed they were undercover agents from the FSB.

Zugegeben, die Stelle lässt Raum für Spekulationen. Die Aussage des Autors, die unmittelbar vor diesem Absatz steht und die Julian Reichelt nicht markiert hat, passt aber überhaupt nicht in die Argumentation des Bild.de-Chefs:

It was now easier for critics to paint him not as a whistleblower and political refugee but as a 21st-century Kim Philby, the British defector who sold his country and its secrets to the Soviets. Other critics likened him to Bernon F Mitchell and William H Martin, two NSA analysts who defected in 1960 to the Soviet Union, and had a miserable time there for the rest of their lives. The analogies were unfair. Snowden was no traitor.

Der Guardian-Artikels beginnt übrigens mit diesen zwei Sätzen:

Edward Snowden’s prolonged stay in Russia was involuntary. He got stuck in Moscow’s Sheremetyevo International Airport when his efforts to transit to a South American country such as Ecuador, Bolivia or Venezuela failed.

Damit widerspricht die Quelle, auf die sich Julian Reichelt stützt, zudem seiner Grundthese, dass Snowden „FREIWILLIG nach Moskau gereist“ und dort „NICHT“ gestrandet sei (genauso wie der Artikel des „Wall Street Journal“ — den Reichelt selbst verlinkt hat –, in dem Putin über Snowden als „transit passenger“ spricht). Und auch eine Szene aus der Snowden-Doku „Citizenfour“, in der WikiLeaks-Gründer Julian Assange am Telefon sagt, dass Snowden am Moskauer Flughafen „trapped“ sei, passt nicht zu Reichelts Argumentation:

Assange: „We managed to get him out of Hong Kong, but when he landed in the Moscow airport, the American government had canceled his passport. So formally he hasn’t entered into Russian territory, he is in the transit area of the airport and one of our people is accompanying him.

We are trying to arrange a private jet to take him from Moscow to Ecuador or perhaps maybe Venezuela or maybe Iceland, countries where he would be safe.“

In der ganzen Snowden-Sache gibt es zahlreiche Quellen, die sich widersprechen und die sicher auch interessengeleitet sind. Da passiert es schnell, dass man einer Fehlinformation aufsitzt. Eine Quelle ist aber mit größter Vorsicht zu behandeln: Julian Reichelt.

Wie Glenn Greenwald mal versuchte, mit Julian Reichelt zu diskutieren

Gestern haben Bild.de-Chef Julian Reichelt, der Journalist Glenn Greenwald (der in Zusammenarbeit mit Edward Snowden die NSA-Spähaffäre publik machte) und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer per Twitter so eine Art Diskussion geführt, bei der man viel lernen konnte, vor allem über Julian Reichelts Unfähigkeit zu lesen — beziehungsweise über seinen unbändigen Willen, sämtliche Fakten zugunsten der eigenen Realitätsverzerrung misszuverstehen.

Wir haben das Hin-und-Her mal (so gut es ging) nachgezeichnet und uns ein paar Aussagen etwas genauer angeschaut.

Vorab: Im Kern dreht sich die Unterhaltung um zwei Dinge. Erstens um die jüngsten Wikileaks-Enthüllungen zur Überwachung französischer Politiker und zweitens um die „Spiegel“Geschichte vom Oktober 2013, in der erstmals bekannt wurde, dass Angela Merkels Handy (offenbar) abgehört wurde.

In beiden Fällen geht es um die Frage, ob die Enthüllungen auf den Dokumenten von Whistleblower Edward Snowden beruhten. In beiden Fällen behauptet Julian Reichelt: ja, Snowden sei die Quelle. Und in beiden Fällen scheitert er immer wieder daran, seine Version zu belegen, und ist immer wieder der einzige, der das einfach nicht verstehen will. Aber der Reihe nach.

***

Zunächst zu den Wikileaks-Enthüllungen aus Frankreich. Am Mittwoch fragt Reichelt in Richtung Greenwald:

Eine Antwort bekommt er nicht. Aber es war ohnehin eher eine rhetorische Frage, denn die Antwort kennt Reichelt ja längst. Nämlich: Wikileaks hat die Dokumente von Snowden.

Daraufhin Greenwald:

Auch eher eine rhetorische Frage, denn:

Tatsächlich gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass Wikileaks die Dokumente von Snowden bekommen hat. Im Gegenteil. „Zeit Online“ schreibt zum Beispiel:

Die Quelle für das WikiLeaks-Projekt „Espionnage Élysée“ ist offenbar nicht Edward Snowden. Seit zwei Jahren können mehrere Reporter auf die von ihm kopierten Dokumente zugreifen. Es ist nicht anzunehmen, dass sie alle derart brisante Unterlagen übersehen haben. Zudem hat WikiLeaks, anders als der Guardian, die Washington Post oder Der Spiegel, keine NSA-Originaldokumente veröffentlicht. Lediglich im begleitenden Artikel von mediapart.fr ist ein vollständiger Screenshot zu sehen. Die Liste der abgehörten Telefonnummern hat WikiLeaks in Form eines aufbereiteten Datenbankauszugs auf seine Website gestellt.

Damit verlassen wir den Punkt Wikileaks/Frankreich zunächst (später mehr dazu) und kommen zu der anderen Geschichte.

***

Am Mittwoch wird Glenn Greenwald gefragt, ob die Merkel-Handy-Abhör-Story im „Spiegel“ vom Oktober 2013 auf Snowden-Dokumenten beruhte oder nicht. Greenwald antwortet:

Diesen Tweet greift Julian Reichelt gestern plötzlich auf und behauptet:

Denn er ist der festen Überzeugung, dass der „Spiegel“ sich damals auf Snowden-Dokumente berufen hat.

Was Glenn Greenwald kaum glauben kann:

Reichelts Reaktion:

Einwurf von außen:

Reaktion von Greenwald:

Und dann geht sie los, die „Beweisführung“ von Julian Reichelt.

„Beweisstück“ Nr. 1:

„The Intercept“ wird unter anderem von Greenwald betrieben. Im Text, den Reichelt verlinkt, steht auch tatsächlich:

A series of classified files from the archive provided to reporters by NSA whistleblower Edward Snowden, also seen by The Intercept, reveal that the NSA appears to have included Merkel in a surveillance database alongside more than 100 others foreign leaders.

Allerdings ist der Text im März 2014 erschienen und — was am wichtigsten ist — die Passage hat nichts mit der „Spiegel“-Geschichte zu tun. Die war schon fünf Monate zuvor, im Oktober 2013, veröffentlicht worden, wie auch im (von Reichelt verlinkten!) Text zu lesen ist:

Der Spiegel, which has already sketched out over several stories the vast extent of American and British targeting of German people and institutions, broke the news last October that Merkel’s cellphone calls were being tapped by the NSA – sparking a diplomatic backlash that strained US-Germany relations.

Der Link steht dort im Original. Folgt man ihm, kommt man zur ursprünglichen „Spiegel“-Enthüllung („Kanzler-Handy im US-Visier? Merkel beschwert sich bei Obama“) aus dem Oktober, in der aber keinerlei Quelle genannt wird. Auch Snowden wird mit keinem Wort erwähnt, auch nicht andeutungsweise oder indirekt oder was auch immer. Nichts.

Erst die neuen Dokumente („from the archive provided to reporters by NSA whistleblower Edward Snowden“) im März 2014 brachten Snowden ins Spiel.

Oder zusammengefasst von Glenn Greenwald:

Einwurf Konstantin von Notz:

Antwort Reichelt:

Nochmal: Widerlegt hat er den Punkt mitnichten. Es gibt einfach keinen Beleg dafür, dass der „Spiegel“ die Story aus den Snowden-Dokumenten hatte. Im Gegenteil. Auf Golem.de war schon im Dezember 2014 zu lesen:

Aus dem Buch „Der NSA-Komplex“ der Spiegel-Autoren Holger Stark und Marcel Rosenbach geht hervor, dass die Hinweise zum Abhören des Merkel-Handys nicht aus den Snowden-Dokumenten stammen. Demnach erhielt die Zeitschrift schon im Sommer 2013 „eine mündliche Warnung eines Geheimdienstmannes, ohne Details, ohne Beweis“ zum Abhören des Handys (S. 252). Anfang Oktober 2013 „erreichte uns der Auszug aus der NSA-Datenbank zu Merkels Handy“. In welcher Form, steht allerdings nicht in dem Buch. Eine Abschrift des Eintrags auf einem einzelnen DIN-A4-Blatt sei am 17. Oktober 2013 an Regierungssprecher Steffen Seibert übergeben worden.

Aber Reichelt will es einfach nicht wahrhaben. Es folgt „Beweisstück“ Nr. 2:

Vollständig liest sich der Textabschnitt (den Reichelt hier noch einmal als vermeintlichen Beleg anführt) so:

Recherchen des SPIEGEL in Berlin und Washington, Gespräche mit Geheimdienstlern, die Auswertung interner NSA-Dokumente und weiterer Informationen, die größtenteils aus dem Fundus des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden stammen, lassen den Schluss zu: Die Vertretung im Herzen der Hauptstadt diente nicht nur der Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Im Gegenteil: Sie ist so etwas wie ein Spionagenest. Vom Dach der Botschaft aus kann eine geheime Spezialeinheit von CIA und NSA offenbar einen Gutteil der Handykommunikation im Regierungsviertel überwachen. Und es spricht einiges dafür, dass auch das Handy, das die Kanzlerin mit Abstand am meisten nutzt, zuletzt von der Vertretung am Pariser Platz aus ins Visier genommen wurde.

Die „Spiegel“-Quellen sind also Recherchen in Berlin und Washington, Geheimdienstler, NSA-Dokumente und der Snowden-Fundus. Und für den „Spiegel“ „spricht einiges dafür“, dass auch Merkels Handy abgehört wurde. Aus diesen beiden Informationen (und dem unsinnigen Verweis auf „The Intercept“) strickt sich Reichelt nun seine These, die Quelle für die Merkel-Story sei auf jeden Fall Snowden.

Und das Traurigste ist: Er hält das offenbar tatsächlich für eine gelungene und „umfangreiche Beweisführung“:

… woraufhin Greenwald sich nur noch entschuldigen kann:

Dann: Reichelts „Beweisstück“ Nr. 3.

Der Artikel (November 2013) ist vom heutigen „Spiegel“-Chefredakteur (damals Stellvertreter) Klaus Brinkbäumer. Die — laut Reichelt — entscheidende Stelle ist folgende:

Die Deutschen bauen gute Autos. BMW und VW sind der Konkurrenz aus Detroit technologisch enteilt und haben offenbar gute Verkaufsstrategien. Warum sollte die NSA nicht auch BMW und VW abschöpfen und die Ergebnisse dezent weiterleiten, wenn sie es doch könnte? Weil die USA versprechen, dass sie so etwas nicht tun? Haha! Wenn die Amerikaner Angela Merkels Telefon nicht respektieren, was respektieren sie dann? Falls Edward Snowdens Dokumente eines bewiesen haben, dann dies: Alles, was gedacht wird, wird auch getan, das war schon bei Dürrenmatts Physikern so, und so ist es heute in Obamas Amerika.

Das ist quasi Reichelts Kronzeugenpassage, also lesen Sie diese Sätze zur Sicherheit noch einmal ganz in Ruhe. Und dann beantworten Sie doch bitte folgende Frage: Steht da, dass Snowden die Quelle für die Merkel-Geschichte ist? Eben: Nein.

Aber Reichelt will es immer noch nicht einsehen.

Hat er dann gemacht, nur gebracht hat’s wieder nichts:

Oh Mann.

Nein, Julian Reichelt. Kann man nicht. Weil es da nicht steht. Der „Spiegel“ verrät die Quelle nicht. Wie oft denn noch?

Da wundert es auch nicht, dass inzwischen kaum noch jemand versucht, Reichelt klarzumachen, wie blödsinnig seine Argumentation ist. Und wenn doch mal Kritik kommt, reagiert der Bild.de-Chef so:

Glenn Greenwald, den man schon dafür bewundern muss, dass er den Quatsch überhaupt so lange mitgemacht hat, versucht es noch einmal sachlich (diesmal auch wieder bezogen auf die Wikileaks/Frankreich-Geschichte):

Aber vergebens:

Darauf geht Greenwald aber nicht mehr ein — und ärgert sich, dass er es überhaupt versucht hat:

Besonders ärgert ihn, dass Reichelt einfach kein Einsehen haben will (zur Erklärung: die Verfasserin des oberen Tweets hatte ebenfalls angenommen, dass die „Spiegel“-Story auf Snowden-Dokumenten basierte):

Und der „sleazy tablod editor“ von Bild.de? Macht unbeeindruckt weiter mit seiner „Beweisführung“. Genauer: Er zeigt auf andere, die es vermeintlich genauso falsch gemacht haben wie er:

Als ob das in irgendeiner Weise ein Beleg dafür wäre, dass die Handy-Geschichte im „Spiegel“ auf den Snowden-Dokumenten beruhte.

Oder das hier:

Auch das letzte „Beweisstück“ von Reichelt …

… ist wertlos. Der Artikel ist (wie man sieht) vom Juni 2014. Da war die „Spiegel“-Enthüllung schon acht Monate alt. In der Zwischenzeit sind andere Dokumente aufgetaucht (auch aus dem Fundus von Snowden, siehe „Intercept“), die die Handy-Geschichte bestätigten. Heißt also wieder, um es mit Greenwald zu sagen: different story & different docs. Und noch einmal: The original „Spiegel“ story said nothing about sourcing. Keine Quellen und erst recht kein Snowden.

Aber wem erklären wir das eigentlich? Alle haben es verstanden. Nur einer nicht, und bei dem sind eh alle Mühen umsonst.

Nachtrag, 12.50 Uhr: Tja.

Panoramafreiheit, Hoax, Bixit

1. „Die Panoramafreiheit ist bedroht“
(zeit.de, Torsten Kleinz)
Eine Urheberrechtsreform auf europäischer Ebene bedroht die Panoramafreiheit: „Wer Bilder im öffentlichen Raum macht, soll vor Veröffentlichung abklären, ob im Foto geschützte Werke wie Skulpturen, Fassaden oder Kunstwerke zu sehen sind und deren Urheber um Genehmigung bitten. Für Deutschland, Großbritannien und viele andere europäische Länder wäre dies ein erheblicher Rückschritt: Wer sich auf öffentlichem Grund befindet, hat hierzulande relativ freie Wahl, was er fotografiert und kann diese Bilder – auch gewerblich – publizieren.“

2. „‘Panoramafreiheit': zum Abschuss freigegeben“
(zeitgeisterjagd.de, Matthias Heitmann)
Auch Matthias Heitmann kommentiert die geplante Neuregelung: „Bei ‘Harmonisierungen’, die Fragen individueller Freiheiten oder Rechte berühren, kann daher fast mit Gewissheit davon ausgegangen werden, dass der Kompromiss, dem die angestrebte ‘Vereinheitlichung’ zugrunde liegt, sich am restriktivsten existierenden nationalen Regulierungsniveau orientiert, um die Nationenvertreter nicht vor den Kopf zu stoßen und um wütende nationale Debatten zu vermeiden. Lieber passt man sich in Brüssel und Straßburg an diese niedrigen Standards an und versucht, dies möglichst unbemerkt zu tun.“

3. „Teenager veräppelt ‘New York Times'“
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Eine Falschauskunft eines Teenagers an die „New York Times“: „Bei der Zeitung reagierte man prompt, entfernte die Passage und fügte einen Hinweis über den Fehler hinzu.“

4. „Alles falsch – Kleine textile Hoaxsammlung“
(textilegeschichten.net, Suschna)
Suschna stellt den Kontext einiger historischer Fotos klar: „Seiten, denen man gar nicht folgen sollte, so viel Falschinfos werden verbreitet (ganz abgesehen von Copyrightmissachtungen): Alle die irgendwie HistPic, SciencePorn, GlobalPic, BestofSpace, WOWAnimals oder so heißen. In der Regel haben diese Konten Hundertausende Follower und werden immer wieder umbenannt. Sie sind kommerziell sehr erfolgreich. Daher ist es ihnen völlig egal, ob die Bilder, die sie herumschicken, echt sind oder ob die Bildüberschriften stimmen.“

5. „Vor 30 Jahren: Grosser Auftritt im Fernsehen“
(blog.jacomet.ch)
Andi Jacomet blickt zurück auf einen Film, der 1985 im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde: „TV DRS hatte keine Freude an der Qualität unseres Videobandes (jeder Schnitt- und somit Kopiervorgang verschlechterte die Qualität, werte verwöhnte Digitalkids von heute!). Die Fernsehleute verlangten also die Originalaufnahmen und versprachen, sie gemäss unseres Schnittes aneinander zu reihen. Leider missriet da einiges – und die Story wurde noch unverständlicher als sie eh schon war. Das war für mich die erste Lebenserfahrung des Typs ‘gib nie ein Projekt aus der Hand, das dir extrem wichtig ist’.“

6. „‘Bixit': Ökonomen fordern Ausschluss von Bild-Zeitung aus Eurozone, damit Krise in Ruhe gelöst werden kann“
(der-postillon.com)

Ich mach’s mit heißer Luft

Manche Medien sind wie Jungs in der Pubertät. Machen ständig auf dicke Hose, obwohl nichts dahintersteckt, verlieren beim Anblick von Brüsten sofort die Besinnung und beschäftigen sich auch sonst am liebsten mit allem, was in irgendeiner Weise mit Sex zu tun hat. Hier:


(Bild.de)

(20min.ch)


(virtualnights.com)


(vol.at)

(augsburger-allgemeine.de)


(buzz.oe24.at, Ressort: „Tiere“)

In vielen Überschriften und Teasern wird der Eindruck erweckt (Bild.de, 20Minuten.ch, augsburger-allgemeine.de und andere stellen es auch im Text so dar), als sei das Kondom von den Schülern bereits „erfunden“ und „entwickelt“ worden.

Bloß: Erfunden oder entwickelt wurde da noch überhaupt nichts. Die ganze Sache befindet sich, wie zum Beispiel die BBC betont, „still at concept stage“ — wenn man es überhaupt so nennen kann. Aus wissenschaftlicher Sicht ist bisher nämlich Folgendes passiert: Die Jungs haben sich von ihrem „science teacher“ ein bisschen was erklären lassen („he told us about antibodies and antigens and how that would work“). Und das war’s.

The boys said they still have to test the science and feasibility of their idea.

Tatsächlich geht es also bloß um eine Idee von ein paar Schülern, um einen Entwurf, keine Erfindung. Auch auf der Internetseite der Veranstalter ist lediglich von einer „concept idea“ die Rede („which has captured the imagination of the world’s press“). Ob daraus je etwas wird, ist noch völlig offen.

Immerhin einer hat das verstanden: Der „Standard“ aus Österreich erzählt die Geschichte korrekt und ohne Irreführung in Überschrift und Teaser.

Inspiriert wurden die Jungs laut eigener Aussage übrigens von „Reddit“:

We were searching the internet and we came across a Reddit post called 20 Things That Should Be Invented, and it said a colour-changing condom. We decided to add the twist of reacting with an STI [Sexually Transmitted Infection].

Und so schließt sich der Kreis: Bei „Reddit“ ist die Geschichte jetzt auch wieder gelandet. Gestern verlinkte jemand einen Artikel des „Independent“ mit dem Titel „A condom that changes colour when it comes into contact with STIs has been invented by a group of school pupils“. Beliebtester Kommentar dazu:

The title should be:

„14 year old students say: ‘It would be cool if condoms changed color in response to STIs'“

They didn’t actually invent anything, from what I can tell they thought of the basic concept. They did not specify any actual design. There’s no problem with that when it comes to elementary school science fairs, but that is not „inventing“.

Also, this has already been invented, here’s a patent filed more than 10 years ago detailing exactly what they’re describing.

Mit Dank an Michael W.!

Ministerium für Informationspolitik, Kirill Petrenko, Schlüssel

1. „Deutsche haben wenig Vertrauen in die Medien“
(zeit.de)
Die „Zeit“ hat infratest dimap den Auftrag gegeben, eine Studie zum Medienvertrauen in Deutschland zu erstellen. „Die Mehrheit der Befragten, insgesamt 60 Prozent, hat wenig (53 Prozent) oder gar kein (7 Prozent) Vertrauen in die Medien. Nur vier von zehn Deutschen haben ‘sehr großes’ oder ‘großes’ Vertrauen in die politische Berichterstattung der Medien. Etwa ein Viertel der Befragten sagte, ihr Zutrauen in die Berichterstattung der Medien sei in den vergangenen Jahren gesunken.“

2. „JVA muss 600 Schlüs­sel aus­tau­schen“
(lto.de)
Weil ein TV-Bericht von NDR über ein Konzert von Jan Delay einen Schlüssel aus dem Sicherheitsbereich eines Hamburger Gefängnisses gezeigt hatte, mussten am Tag darauf alle 600 Schlüssel der Anstalt ausgetauscht werden.

3. „Nicht lustig.“
(hanningvoigts.de)
Hanning Voigts (@hanvoi) hat mit Fälschungen eigener Tweets zu tun: „Von daher, liebe Photoshop-Künstler_innen, wenn ihr das hier lest: Denkt bei solchen Fake-Aktionen bitte in Zukunft daran, was für Folgen sie für andere haben. Ich habe wirklich viel Humor, vor allem wenn es darum geht, rechte Knallköpfe zu verulken. Aber euer Fake mit meinem Namen war für mich nur eins: Nicht lustig.“

4. „Kiews Informationskrieger“
(zeit.de, Simone Brunner)
Simone Brunner besucht das Ministerium für Informationspolitik in der Ukraine: „Nach den turbulenten Anfangstagen sind die großen Skandale bisher tatsächlich ausgeblieben. Die Nachricht über die ‘Informationskrieger’ poppte nur kurz in den Medien auf. Experten sehen bis dato keine Eingriffe in die Pressearbeit – abgesehen freilich vom Imageschaden, den die Regierung allein schon durch die Gründung hinnehmen musste.“

5. „Fernsehserientexte von dpa oder: Wir sind die Roboter“
(medienkorrespondenz.de, Harald Keller)
Hat es eine deutsche Serie „noch nie ins gelobte Land des Fernsehens geschafft“, wie das die dpa behauptet? Harald Keller kontert: „Edgar Reitz’ Fernsehepos ‘Heimat – Eine deutsche Chronik’ war auf US-Bildschirmen zu sehen; aktuell erfreuen sich die Zuschauer des frei empfangbaren, weit verbreiteten spanischsprachigen US-Anbieters Vme TV an ‘Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei’. Ebenfalls RTL.“

6. „Verlogene Differenzierung“
(blogs.nmz.de)
Was die „Welt“ über die Wahl von Kirill Petrenko zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker zu berichten hat.

Oh Gott! „Blick“ fällt auf Satire rein

Das Schweizer Rumms- und Bumsblatt „Blick“ hat heute einen schönen Aufreger aus den USA entdeckt:

Nun ist dem TV-Prediger John Hagee durchaus so mancher Schwachsinn zuzutrauen (er findet auch, der Holocaust sei gottgewollt) — die Orgasmus-Aussagen aber kommen in Wirklichkeit nicht von ihm, sondern von Newslo.com, einer, wie sich in drei Sekunden herausfinden lässt: Satireseite.

Immerhin sind sie beim „Blick“ nicht die einzigen, die auf den Fake reingefallen sind.

Mit Dank an @140_a_day.

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