In eigener Sache: „6 vor 9″-Wechsel

Vielleicht hat es der ein oder andere schon mitbekommen: Neben der heutigen Ausgabe von „6 vor 9“ stand nicht der gewohnte Autorenname. Ronnie Grob will nämlich endlich mal ausschlafen und hört nach neun Jahren mit der täglichen Linksammlung (die wir seit 2009 hier im BILDblog veröffentlichen) auf.

Warum genau, was er in den Jahren gelernt hat und welche Links er nicht mehr sehen kann, hat er bei Medienwoche.ch und in seinem Blog aufgeschrieben, bei meedia.de gibt’s außerdem ein Interview mit ihm.

„6 vor 9“ wird es bei uns natürlich auch weiterhin geben. Das Linksammeln übernimmt von nun an Natalie Mayroth. Tipps wie immer gerne (bis 8 Uhr) an 6vor9@bildblog.de.

Ronnie, wir danken Dir sehr für Deine großartige Arbeit. Und jetzt schmeiß den Wecker weg, Du hast es Dir verdient.

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Hate Speech, Kolumnisten, Anti-Griechen-Kampagne

1. „Denkt euch selbst nen Titel aus“
(fraudingens.de, Mina)
„Kommt das Thema Hate Speech so langsam auch in Blogs eurer Nähe an. Das ist erst mal erfreulich, würde man meinen“, schreibt Mina, doch sie hat ihre Bedenken bei Texten wie dem Longread über Hate Speech von René Walter (Nerdcorde). Es fehle Unterstützung, Empathie oder überhaupt Interesse von weiten Teilen der männlichen Netzgemeinde.

2. „Die Bundesregierung kuscht vor den USA“
(spiegel.de, Annett Meiritz)
Der Grüne Hans-Christian Ströbele im Interview zu den Bespitzelungen beim „Spiegel“.

3. Viele denken, es liest sich so leicht. Deshalb schreibt es sich leicht“
(zeit.de/zeit-magazin, Sabine Rückert)
Handwerk bleibt Handwerk: Die Kolumnisten Harald Martenstein und Axel Hacke plaudern im „Zeit Magazin“-Interview aus dem Nähkästchen. Martenstein: „Ich schreibe über Sachen, die mir wichtig sind. Man spürt, ob ein Kolumnist es ehrlich meint oder ob er Bullshit schreibt.“

4. „I am worried about the utter contempt BILD is expressing“
(facebook.com/wolfgang.blau, englisch)
Wolfgang Blau vom „Guardian“ über die Anti-Griechen-Kampagne von „Bild“: „I never thought I would witness a German news organisation being that dishonourable and reckless in face of another nation’s suffering.“

5. Hyperlokal in die Zukunft“
(tagesspiegel.de, Margreth Lünenborg)
Lokale und hyperlokale Informationen sind gefragt. „Auch wenn rund 660 deutsche Tageszeitungen im Netz verfügbar sind, innovative und tatsächlich interaktive Konzepte im Lokalen sind noch Mangelware“ – im Gegensatz zum angeführten Beispiel Neukoellner.net.

6. Opposition? Erstmal melden“
(taz.de, Sally McGrane) 
„Stoppt politisches Blockieren auf Facebook“. Regierungskritische Posts werden auf Facebook immer öfter gelöscht: Grund dafür seien kremltreue Trolle, die Bilder und Texte als anstößig melden.

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Da hat leider niemand mehr rübergeguckt


Danke an Robert O.

***

Schädlingsbekämpfung mit Samtpfoten.

Danke an Silvia P.

***

That escalated quickly. (Schlagzeilen von Augsburger-Allgemeine.de, „Focus Online“ und Bild.de.)


Danke an David J.

Griechen-Hetze im Glashaus der Vampire

Bild.de, gestern:

Bei ihrer Werbung für ein Nein zu den Sparplänen beim Referendum schrecken die Linken auch vor mieser Hetze nicht zurück.

Seit dem Morgen lässt „Honi“ Athen mit Anti-Schäuble-Plakaten zupflastern. „Er hat dich fünf Jahre lang ausgesaugt. Deswegen stimme mit ‚Nein‘“, steht darauf.

„Bild“, 1.11.2002:

Mit Dank an André.

Hundebiss, Asylzentrum, Chip

1. „Über Bissstatistiken“
(antihond.wordpress.com)
Der Bild.de-Artikel „So gefährlich sind Hunde wirklich“ über Statistiken von Bissen durch Hunde: „Es gibt irre viele Situationen, in denen Hunde ihre Zähne einsetzen… weil die Zähne eben einfach das sind, was der Hund statt einer Hand zum Greifen einsetzt. Erst ganz, ganz am Ende der Palette kommt ein Hund, der tatsächlich mit einer Schädigungsabsicht seine Zähne gegen einen Menschen einsetzt und wirklich echt richtig gefährlich ist.“

2. „Rot, rot, rot!“
(medienwalze.ch, Philippe Diener)
Das Blick.ch-Video „Asylzentrum Schachen: Bevölkerung läuft Sturm!“ von einer Informationsveranstaltung zu einem geplanten Asylzentrum: „Die Welle ausgelöst haben nicht zum ersten mal die gefuchsten Blick-Redakteure, die sich öffentlich von den Aussagen der Befragten zwar distanzieren (‘…mit Sprüchen jenseits des guten Geschmacks machen sie [die Deitinger] ihrem Ärger Luft’), sich in diesem Moment aber genüsslich die Hände reiben und gegenseitig gratulieren, weil sie vor Ort genau die richtigen Deitinger gecastet haben, die jederzeit in der Lage sind, ein bedeutungsloses Filmchen in einen klickfreundlichen Blockbuster zu verwandeln.“

3. „Die Lüge von Griechenlands Rettung per Crowdfunding“
(opinion-club.com, Falk Heunemann)
Falk Heunemann beschäftigt sich mit dem 1,6-Milliarden-Euro-Crowdfunding „Greek Bailout Fund“ und seinem Initiator, Thom Feeney: „Selbst wenn diese Rate von der Crowd, der Nutzermasse im Netz, zusammengetragen wurde, ist damit Griechenland noch lange nicht gerettet. Das Land schuldet seinen Geldgebern insgesamt knapp 340 Milliarden. Pro EU-Bürger sind das nicht mehr nur 3 Euro – mit diesem Kleckerbetrag wirbt Feeney für den Erfolg seines Projekts -, sondern 680 Euro.“ Siehe dazu auch „Thom Feeney über Geld für Griechenland“ (taz.de, Daniel Zylbersztajn).

4. „Die rote Betty“
(woz.ch, Florian Keller)
Florian Keller schreibt zum Ursprung diverser Artikel, die sich um den Einfluss der Partnerin von Alexis Tsipras drehen, siehe dazu auch „Gefunden: Die Frau, die schuld ist, dass die Euro-Krise nicht gelöst wird“ (stefan-niggemeier.de): „Zwar berufen sich alle Abschreiber auf ‘Le Canard enchaîné’, aber keiner schafft es, den Titel der Zeitschrift richtig zu schreiben. Und gelesen haben sie den betreffenden Artikel aus dem ‘Canard’ wohl auch nicht. Sonst hätten sie gemerkt: Es ist nur eine Anekdote, erschienen in einer Rubrik mit satirisch aufbereiteten Kurzmeldungen. Sie ist genau fünfzehn Zeilen kurz. Schon komisch, dass die Geschichte in Frankreich nirgends aufgegriffen wurde, oder?“

5. „Sleeping with the enemy“
(medienspiegel.ch, Christof Moser)
Christof Moser beleuchtet die Beziehung zwischen Google und den Zeitungsverlagen: „Google ist wie andere Tech-Firmen in diesem Kampf nicht auf der Seite der Freiheitsrechte. Sind es Medienkonzerne noch, die sich mit Google-Geldern ihre digitale Zukunft finanzieren lassen?“

6. „Eigentlich wollte er zum CLICKBAITING nichts mehr sagen. Doch dann schrieb er DAS“
(lousypennies.de, Stephan Goldmann)
Mitte Juni hatte die Facebook-Seite der Computerzeitschrift „Chip“ noch 329 089 Fans, inzwischen sind es nur noch 324 285: „Die Marke CHIP stand einst für ein seriöses Technik-Magazin. Die gedruckte CHIP ist die älteste IT-Zeitschrift Deutschlands. Nun fischt man klar in anderen Gewässern.“

Die widerliche „IS“-Propaganda bei Bild.de

Bild.de berichtete gestern über „eine neue, zynische Propaganda-Aktion“ der Terrormiliz „Islamischer Staat“ („IS“ oder „ISIS“):

Vermummte Kämpfer führen vier gefesselte Männer auf das Dach eines vierstöckigen Hauses in der Stadt Falludscha (Zentral-Irak). Mit ihren wehrlosen Gefangenen treten sie an die Brüstung des meterhohen Hauses – stoßen dann ihre Opfer nacheinander in den Tod: Der Vorwurf der Terroristen: Die Männer seien homosexuell gewesen.

Bilder der Hinrichtung sind bei Twitter zu sehen. Und bei Bild.de.

Die Redaktion hat in dem Artikel drei Fotos veröffentlicht, die zeigen, wie die Terroristen einen (zumindest halbwegs verpixelten) Mann zum Dach bringen …

… wie sie ihn über die Brüstung schubsen und sogar, wie er vom Dach fällt:

Wieder einmal verbreitet die Terrormiliz im Internet die grausame Propaganda ihres „Gottesstaates“.

Und wieder einmal verbreitet Bild.de fleißig mit.

„Die Medien sollten zurückhaltend mit der Veröffentlichung von Fotos umgehen und sich nicht als Propagandainstrument der Terroristen missbrauchen lassen.“

… sagte der Presserats-Vorsitzende Lutz Tillmanns vor gut einem Jahr, als die Bilder von der Hinrichtung des Journalisten James Foley um die Welt gingen.

Bei Bild.de sieht die Zurückhaltung so aus:

Wenn ein „Neues Schockfoto aus der perversen Welt der Terrormiliz“ auftaucht — Bild.de zeigt es:


(Immerhin: Gesichter von Geiseln und abgetrennte Köpfe macht Bild.de in den meisten Fällen unkenntlich.)

Wenn auf Youtube ein neues „abscheuliches Propagandavideo“ auftaucht, baut Bild.de es oft direkt in den Artikel ein …

… unterlegt es mit einem Off-Kommentar und lädt es als eigenes Video („Copyright BILD“) wieder hoch …

… oder zeigt die „barbarischen“, „widerwärtigen“, „perversen“ und „niederträchtigen“ Szenen als Screenshots (kleine Auswahl):


























Etliche Fotos und Videos hat Bild.de schon veröffentlicht, von posenden, Fahne schwingenden, Panzerfaust schießenden Terroristen; und von gedemütigten, gefolterten und ermordeten Geiseln vor, während und nach ihrem grausamen Tod. Nur in den seltensten Fällen beschränkt sich Bild.de auf die bloße (ausführliche) Beschreibung der „Horrorbilder“.

Dabei schreibt Bild.de selbst:

Für ISIS erfüllt die Veröffentlichung derart abscheulicher Videos mehrere Zwecke. Zum einen dienen die medialen Zeugnisse ihrer Grausamkeit als wichtiges taktisches Mittel. (…)

Zudem erfüllen die Gräuelvideos auch einen Rekrutierungszweck: Bei den Sympathisanten der Terrorgruppe handelt es sich offenkundig um Personen mit ausgeprägter Gewaltaffinität und starken sadistischen Neigungen. Gegenüber konkurrierenden Terrorgruppen, die ihre Mordtaten weniger medial aufbereiten, hat ISIS den Vorteil, die sadistischen Bedürfnisse dieser Personengruppe stärker zu befriedigen.

Kurzum:

Mit ihrer massiven Propagandaschlacht im Internet vermarkten die Terroristen regelrecht ihren Kampf!

Und Bild.de hilft ihnen dabei.

Mit Dank an Christian M. und Stefan F.

Siehe auch:

Gerd Bacher, Glyphosat, BND

1. „Die Klage gegen den BND“
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Reporter ohne Grenzen verklagen den Bundesnachrichtendienst aufgrund einer unverhältnismäßigen Überwachungspraxis wegen „Verletzung des Fernmeldegeheimnisses“: „Angesichts dieser Überwachung sehen wir den Informantenschutz für Journalisten nicht mehr garantiert und die freie Berichterstattung in Deutschland bedroht. Den Medien ist es nicht mehr ausreichend möglich, ihrer Rolle als vierte Gewalt in einer demokratischen Gesellschaft nachzukommen.“

2. „Offener Brief“
(stallbesuch.de)
Ein Offener Brief zur Berichterstattung der Medien über die Medienmitteilung „Wahrscheinlich krebserregendes Pflanzengift: Glyphosat in Muttermilch“ (gruene-bundestag.de): „Wir appellieren nachdrücklich an alle Medienvertreter, gerade Verlautbarungen von Interessengruppen und Parteien stets einer kritischen Prüfung zu unterziehen.“

3. „Am Boden“
(freitag.de, Karsten Krampitz)
Karsten Krampitz, ehemaliger Redakteur des „Strassenfeger“, schreibt über die Auseinandersetzungen innerhalb des Magazins: „‘Betrugsversuche und aggressives Betteln’ sollen jetzt geahndet werden. Tatsächlich. Warum eigentlich nicht beim ‘Chefredakteur’? Andreas Düllick bettelt doch in jeder Ausgabe. Unter seiner Ägide findet sich auf der Rückseite des Strassenfegers seit vielen Jahren ein auszufüllender Spendencoupon. Wofür genau das Geld gebraucht wird, erfährt der Leser nicht.“

4. „Der graue Leitwolf hat uns verlassen“
(diepresse.com, Rainer Nowak)
Ein Nachruf auf Gerd Bacher, „den wichtigsten Medienmann Österreichs“: „Den ORF hatte er de facto im Alleingang erfunden, aufgestellt und mit Leben erfüllt. Was heute öffentlich-rechtlich genannt wird, geht auf sein Konto. Was heute die Politik nicht versteht und daher unterbinden will, ist das Erbe Bachers. (…) Bacher war ein deklarierter Gegner und Kritiker der Boulevardisierung der Medien, er kämpfte ein hartes Match mit Hans Dichand und der ‘Krone’. Deren Berichterstattung erkannte er als Gefahr für die Redlichkeit und die Kultur im Lande.“

5. „Die Heucheleien der Internet-Journalisten“
(medium.com, Quinn Norton, 24. Juni)
Quinn Norton reflektiert Möglichkeiten der Überwachung und Meinungsbildung. Eine Übersetzung von „The Hypocrisy of the Internet Journalist“: „Ich könnte die Werbebotschaften, und oft sogar die Inhalte, die du siehst, so zusammenstellen, dass ich damit langsam, aber sicher und zuverlässig deine Sicht auf die Welt verändern könnte. Ich könnte dich mit den tausenden oder Millionen gezielten Botschaften und Inhalten in eine bestimmte Richtung stoßen und dich verändern — in winzigen Schritten, wieder und wieder und immer wieder. Ich könnte Testsysteme, die deinen Geschmack verändern sollen, automatisch gegeneinander testen, ein A/B-Test für die Veränderung deines Geschmacks über die Zeit hinweg, das Ganze dann wiederholen und somit eine immer perfektere Maschine zur Meinungsbildung erschaffen. Aber ich bin gegangen, bevor all das wirklich gut wurde.“

6. „Greek Bailout Fund“
(indiegogo.com, englisch)

Wenn die Wirklichkeit nicht blutig genug ist

Vergangene Woche sind am tunesischen Strand von Port el Kantaoui, den „Bild“ den „Todesstrand“, „Strand des Grauens“, „Strand des Terrors“ und „Strand der Tränen“ nennt, 38 Menschen getötet worden.

Bild.de zeigte auf der Startseite grausame Fotos:



(Unkenntlichmachungen von uns.)

Die „Bild“-Medien zeigten Fotos des erschossenen Attentäters in einer riesigen Blutlache (in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de immerhin verpixelt, in „Bild“ nicht), Fotos von blutüberströmten Verletzten, von blutüberströmten Sonnenliegen, von blutüberströmten Treppenstufen, von weinenden Angehörigen und immer wieder Fotos von Leichen, die am Strand liegen.

Aber das war den Leuten von Bild.de offenbar immer noch nicht grausam genug. Bei mindestens einem Foto — es zeigt zwei notdürftig bedeckte Leichen zwischen Sonnenstühlen — haben sie, bevor sie es auf die Startseite gepackt haben, einen Filter über das Foto gelegt, um das Opfer blutiger zu machen.

Zum Vergleich (Achtung, auf dem Foto ist der Arm einer Leiche zu sehen): Vergleich

Mit Dank an Jan M. für Screenshot und Hinweis!

Memri, Glyphosat, Olympische Spiele

1. „Du sagst Salafist, ich sag Selfie“
(krautreporter.de, Emily Dische-Becker)
Emily Dische-Becker beleuchtet das Middle East Media Research Institute (Memri), das teilweise tendenziöse Übersetzungen aus der Arabischen Sprache vornimmt: „Im Memri-Vorstand sitzt eine veritable Riege aus amerikanischen und israelischen Neokonservativen, die großzügige finanzielle Unterstützung aus dem US-Außenministerium erhielt. Memri-Gründer Yigal Carmon arbeitete 20 Jahre für den israelischen Militärgeheimdienst.“

2. „Die Medienmaschinerie der Guten“
(theeuropean.de, Hasso Mansfeld)
Hasso Mansfeld fragt, warum die Medienmitteilung „Wahrscheinlich krebserregendes Pflanzengift: Glyphosat in Muttermilch“ (gruene-bundestag.de) von den Medien breit aufgenommen wurde: „Doch wieder springen Medien auf die halbgaren Verlautbarungen an, die in ihrer Sorge um die Gefahr, stillende Mütter zu verunsichern, heuchlerischer nicht sein könnten und gleichzeitig die propagandistische Stoßrichtung der eigenen Arbeit sogar noch relativ unverstellt ausplaudern. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass Journalisten, ebenso wie wir alle, dazu neigen, dem Glauben zu schenken, was wir sowieso hören wollen.“ Siehe dazu auch „Giftalarm? Fehlalarm!“ (theeuropean.de, Thilo Spahl).

3. „Ohnmächtige Helden der vierten Gewalt“
(nzz.ch, Stephan Russ-Mohl)
Die Beziehung zwischen der PR und dem Journalismus: „Gemäss neueren Statistiken des amerikanischen Arbeitsministeriums sind PR-Leute in den USA gegenüber den Journalisten inzwischen in einer vier- bis fünffachen Übermacht.“

4. „‘Ihr seid raus'“
(sueddeutsche.de, Max Hägler)
Hintergründe zur Vergabe der TV-Rechte für die olympischen Spiele zwischen 2018 und 2026: „Mitte Juni hatten ARD und ZDF mittels ihrer Sportrechteagentur SportA ihr Angebot abgegeben. Kein Nachbesserungswunsch. Nichts. Dann an diesem Montag ein Mitteilung: Ihr seid raus. Discovery Communications hat den Zuschlag bekommen, der Mutterkonzern von Eurosport.“

5. „Bruce Schneier: Warum wir verschlüsseln“
(netzpolitik.org, Bruce Schneier)
Verschlüsselung sei nach wie vor „die wichtigste Privatsphäre-erhaltende Technologie, die wir haben“, schreibt Bruce Schneier in einem kurzen Essay: „Sie ist perfekt dazu geeignet, uns vor genau der Art von Massenüberwachung zu schützen, die einerseits Regierungen anwenden, um ihre Bevölkerung zu kontrollieren, andererseits Kriminelle auf der Suche nach verwundbaren Opfern nutzen.“

6. „Angry man complains that local NBC station changed its peacock logo to ‘the colors of gays'“
(rawstory.com, Travis Gettys, englisch)

„Bild“ am Grab von Andreas L.

Am vergangenen Samstag ist Andreas L., der Co-Pilot der Germanwings-Maschine 4U9525, auf dem Friedhof seiner Heimatstadt beerdigt worden.

Die „Rhein-Zeitung“ wusste schon ein paar Tage zuvor davon, hat es aber für sich behalten, „damit seine Familie und seine Freunde in Ruhe Abschied von ihm nehmen konnten“, wie Chefredakteur Christian Lindner erklärte. Gestern hat die Zeitung lediglich einen kurzen Satz über die Beerdigung geschrieben, der im Grunde nur die Information enthielt, dass sie stattgefunden hat.

Für dieses Vorgehen hat die Redaktion viel Lob bekommen. Auch wir wurden mehrfach darauf hingewiesen, da könnten wir doch ruhig mal über ein positives Beispiel berichten. Machen wir ja auch gerade, aber gezögert haben wir schon, und so ganz können wir die Begeisterung immer noch nicht teilen.

Erst einmal: So sah das Ganze gestern aus:

Die Meldung steht rechts oben, über der weißen Fläche:

Co-Pilot ist in seiner Heimat beerdigt worden
Montabaur. Der Germanwings-Co-Pilot Andreas L. (29), der im März 149 Menschen mit Absicht in den Tod geflogen hat, ist am Samstag in aller Stille in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt worden.*

Unter der weißen Fläche steht:

*Die Redaktion dieser Zeitung wusste vorab von dem Begräbnis. Wir haben uns dafür entschieden, darüber nur mit einem Satz zu berichten. Mehr zu unserer Entscheidung auf Rheinland-Pfalz

Im Innenteil schreibt Chefredakteur Lindner dann „in eigener Sache“ (online kostenpflichtig):

Ein Satz.
Das genügt.

Verantwortungsvolle Journalisten zeichnen sich auch durch Haltung aus. Gute Redaktionen reagieren auch im Internetzeitalter überlegt statt übereilt. Seriöse Zeitungen und Webseiten machen bewusst nicht alles, was möglich wäre.

Ganz in diesem Sinne hat die Redaktion dieser Zeitung nachgedacht, abgewogen, entschieden und gehandelt, als wir schon vor einigen Tagen erfuhren, dass der Co-Pilot Andreas L. (…) in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt wird. Wir haben diese Information bis zwei Tage nach der Beerdigung für uns behalten. Damit seine Familie und seine Freunde in Ruhe Abschied von ihm nehmen konnten. Damit die Weltpresse bei diesem Begräbnis nicht erneut über Montabaur herfällt. Damit Privates privat bleibt und nicht ohne Not und ohne Sinn öffentlich wird.

Ja, wir hätten aus der Ferne Fotos von der Beerdigung machen können. Ja, wir hätten die Beerdigung als einziges Medium beschreiben können. Ja, wir hätten die Bilder weltweit verkaufen, hätten unseren exklusiven Text deutschlandweit und auch international vermarkten können.

Auf all das haben wir bewusst verzichtet.

Das klingt alles sehr reflektiert, es klingt aber auch so, als solle man der „Rhein-Zeitung“ jetzt ganz doll dankbar sein. Aber wofür? Dafür, dass sie die Weltpresse doch nicht auf die Trauernden gehetzt hat? Dass sie sich dagegen entschieden hat, Kapital aus dem Leid der Angehörigen zu schlagen?

Auf all das haben wir bewusst verzichtet. Stattdessen setzen wir in der knappestmöglichen Form einen Schlusspunkt in diesem Drama um Flug 4U 9525 – indem wir in gerade mal in einem Satz melden, dass Andreas L. nun seine letzte Ruhe gefunden hat. Und wir machen unseren bewussten Verzicht auf jede weitere Zeile – auch stellvertretend für die vielen respektvollen Publikationen der Medienbranche – mit einem weißen Raum auf der Titelseite unserer Zeitung deutlich. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1946 überhaupt.

Nun ja. Kann man natürlich machen. Kann man aber auch lassen.

Wenn sich ein Koch abends ins Restaurant stellt und sich damit brüstet, dass er heute niemandem ins Essen gespuckt hat, dann ist das sein gutes Recht. Aber isst man nicht doch lieber dort, wo man das Gefühl hat, dass es keine Besonderheit ist, nicht ins Essen zu spucken, sondern der Normalzustand?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist toll, dass die „Rhein-Zeitung“ darauf verzichtet hat, etwas Schlimmes zu tun. Aber wir fänden es noch toller, wenn sie das als Selbstverständlichkeit betrachten würde. Das ist der Grund, warum wir uns etwas schwer damit tun, die „Rhein-Zeitung“ für diese Sache so zu feiern, wie sie es selbst tut. Aber das sind natürlich alles Maßstäbe für den Bereich des verantwortungsvollen Journalismus.

Nicht für die „Bild“-Zeitung.

Die hat das mit der Beerdigung gestern auch mitbekommen. Und sieht heute so aus:

Innen zeigt „Bild“ das Grab nochmal groß aus einer anderen Perspektive, der letzte Gruß der Eltern an ihren toten Sohn prangt als riesige Überschrift über dem Artikel.

Auch Bild.de zeigt das Grab groß auf der Startseite …

… den Rest gibt es aber nur gegen Bezahlung:

Wer alles zur Beerdigung kam, wie sich Verwandte und Freunde von dem Amok-Flieger verabschiedeten und was die Angehörige eines Friedhofsnachbarn sagt, lesen Sie mit BILDplus!

Die Fotos kommen übrigens von „Bild“-Fotograf Jürgen Mahnke — bisheriges Schaffen (Auszug): „Die schlimmsten Schießereien im Rhein-Main-Gebiet“, „Die spektakulärsten Unfälle im Rhein-Main-Gebiet“, „Die schlimmsten Bus-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die spektakulärsten Sportwagen-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die schlimmsten Tankzug-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die wildesten Verfolgungsjagden im Rhein-Main-Gebiet“, „Die gefährlichsten SEK-Einsätze im Rhein-Main-Gebiet“, „Die blutigsten Messerstechereien im Rhein-Main-Gebiet“.

Mahnke hat das Grab des Co-Piloten aus mehreren Perspektiven fotografiert, die Kränze und Blumen der Angehörigen, auch den Zettel, mit dem die Friedhofsverwaltung darauf hingewiesen hat, dass der Friedhof am Samstag gesperrt sei, und beim Grabschmuck der Freundin ist der Fotograf extra nah rangegangen, damit man ihre Abschiedsworte auch schön nachlesen kann (immerhin: die Namen der Angehörigen hat Bild.de verpixelt).





Wenn man das so sieht, lässt sich erahnen, was los gewesen wäre, wenn die Weltpresse doch vorher Wind von der Sache bekommen hätte, und irgendwie sind wir der „Rhein-Zeitung“ dann doch dankbar.

Mit Dank auch an Christian P., Geesej R. und Markus G.!

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