Wissenschaftsjournalismus, Carola Hein, Felix Magath

1. „Wissenschaftsjournalismus als Herausforderung“
(blogs.faz.net/planckton, Sibylle Anderl)
Der Wissenschaftsjournalismus steht vor einer kaum noch zu überschaubaren Flut von wissenschaftlichen Publikationen: „Während noch vor gar nicht allzu langer Zeit einfach wissenschaftsjournalistisch aufbereitet werden konnte, was in den namhaften Journals veröffentlicht wurde, muss heute radikal ausgewählt werden, da die Anzahl von Veröffentlichungen für die Eins-zu-eins-Berichterstattung zu groß geworden ist. Das Fundament einer solchen Auswahl kann schwerlich anderes als ein fundiertes wissenschaftliches Fachwissen sein. Sofern das bei Wissenschaftsjournalisten nicht mehr vorliegt, müssen aber andere Strategien gefunden werden.“

2. „CDU im Büro, AfD zuhaus“
(taz.de, Jens Twiehaus)
Carola Hein ist Lokaljournalistin bei der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ – und in einer Beziehung mit dem Politiker Alexander Gauland: „Knapp zwei Wochen vor der Brandenburger Landtagswahl porträtierte sie die CDU-Kandidatin Saskia Ludwig für ihre Zeitung. Und fuhr dann abends nach Hause in die Berliner Vorstadt von Potsdam, um dort AfD-E-Mails für ihren Lebensgefährten Alexander Gauland zu tippen.“

3. „Karl Sackreis berichtet! Ein Plädoyer für glaubwürdigere Branchendienste“
(lousypennies.de, Christian Schweppe)
„Welcher Nachrichtenfaktor trifft eigentlich auf die Präsentation des neuen Produktes eines US-Konzerns zu?“, fragt Christian Schweppe zu den vielen Neuigkeiten, die Journalisten über Produkte von Apple und Netflix verbreiten. Siehe dazu auch „Kommentar: Wenn Online-Journalismus kein Journalismus mehr ist“ (macnotes.de, Alexander Trust).

4. „Kommentare im Internet: ‘Du bist so hässlich, geh sterben’“
(spiegel.de, Björn Stephan)
Ein Interview mit Kathrin Weßling, die Onlinekommentare sammelt und vorliest: „Die Tendenz ist, dass Frauen für ihr Aussehen, ihre Sexualität beleidigt werden. Dann heißt es: Diese Frau müsste mal wieder ‘richtig durchgenommen’ werden. Oder: Diese Frau hat ein psychisches Problem. Männern hingegen wird oft Inkompetenz vorgeworfen, Unwissen, schlechte Recherche oder Arroganz. Ich habe bei einem Mann noch nie einen Kommentar gelesen wie: Du bist so hässlich, geh sterben.“

5. „‘Die BBC war die größte Enttäuschung’“
(deutschlandradiokultur.de, Korbinian Frenzel)
Wolfgang Blau spricht rückblickend über die Snowden-Leaks-Veröffentlichungen des „Guardian“.

6. „Beim FC Fulham entlassener Felix Magath schaltet Anwalt ein“
(tagesspiegel.de)
Britische Medien berichten, Felix Magath habe die Oberschenkelverletzung eines Spielers „mit einem Stück Käse behandeln lassen, statt den Reha-Plan des Mannschaftsarztes zu befolgen“. Ausserdem rufe er „Spieler in sein Büro und starre sie minutenlang an, um zu sehen, ob sie blinzeln“.

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Longform, Economist, Betrug

1. „Lügen & Betrügen“
(3sat.de, Video, 43:52 Minuten)
Wie Schüler, Studenten und Wissenschaftler abschreiben, manipulieren, lügen und betrügen.

2. „Bild dir keine Meinung“
(taz.de, Meike Laaf)
Alexander Blum von „Bild am Sonntag“ lässt bei Google Suchergebnisse zu vier Bildblog-Beiträgen, in denen sein Name vorkommt, löschen (BILDblog berichtete): „Er selbst äußerte sich dazu nicht, doch die Pressestelle des Axel-Springer-Verlags bestätigte der taz auf Anfrage, dass Blum ‘die Löschung eigeninitiativ beantragt’ habe, und fügte hinzu: ‘Eine Rücksprache mit der Redaktion hat es nicht gegeben.’“

3. „Die Mär vom guten Online-Journalismus“
(robotergesetze.com, Boris Hänßler)
Der Longform-Journalismus werde zukünftig nur noch ein Publikum finden, „das sein Gehirn durch regelmäßige, lange Lesephasen trainiert, bewusst oder unbewusst“, glaubt Boris Hänßler: „Um die große Masse zu erreichen, braucht der Online-Journalismus dann eine andere Lösung, die es noch nicht gibt. Und wie das mit Ideen so ist: Sie kommen nicht, in dem wir sie herbei reden – sie kommen irgendwann von alleine.“

4. „Ukraine-Konflikt: ARD-Programmbeirat bestätigt Publikumskritik“
(heise.de/tp, Malte Daniljuk)
Malte Daniljuk stellt ein Protokoll des ARD-Programmbeirats vor, das sich mit der ARD-Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt auseinandersetzt: „Besonders negativ seien die Weltspiegel-Ausgaben des Bayrischen Rundfunks mit einer ‘einseitigen, fast schon an die Sprache des Kalten Krieges gemahnenden Moderation’ sowie der ‘Bericht aus Berlin’ hervorgestochen.“

5. „Kein Mädchenhändler, kein Lobbyist“
(blogs.stern.de, Hans-Martin Tillack)
Hans-Martin Tillack schreibt über Ex-“Bild“-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje: „Er darf öfters auf Seite 2 des Boulevardblattes mit einem ‘Bild-Kommentar’ auftreten. Die Zeitung erwähnt dabei nie, dass der 65-Jährige im Hauptberuf als Berater für zahlende Kunden unterwegs ist. Auch unter seinem Pro-Steinbrück-Kommentar fehlte jeder Hinweis auf eine Doppelrolle des gelernten Journalisten.“

6. „With New Ad Measure, The Economist Emphasizes Quality Over Quantity“
(blogs.wsj.com/cmo, Suzanne Vranica, englisch)
Der „Economist“ erweitert die Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit des Publikums zu messen. „Some experts argue that if there was more focus on the time readers spend with stories and ads, publishers would invest in more compelling content and maybe rely less on lighter content that is designed to get people to click through or share.“

Helene Fischer zur Fahndung ausverschrieben

Es kommt häufiger vor, dass ein Medium irgendeinen Quark über Helene Fischer berichtet und kurz darauf einen Rückzieher machen muss. Das hier ist aber eine Premiere.

Über 20 Medien mussten in den vergangenen Tagen ihre Artikel löschen und Korrekturen veröffentlichen:

Anfangspunkt der Berichterstattung war eine Geschichte, die die „Bild“-Zeitung Ende August publik gemacht hatte. Demnach soll Helene Fischer einen Fan, der unter einer Nervenkrankheit leidet, nach einem Konzert angeblich ausgelacht haben. Und der will sie deswegen nun verklagen.

Was das mit Europol zu tun hat? Nun ja:

Da Fischer ihre Adresse verdeckt, wie viele andere Prominente übrigens auch, wird die Kontaktaufnahme nun vom Gericht erledigt – via Europol-Fahndung.

… schrieb vor zwei Wochen das österreichische Portal oe24.at. Eine nähere Erklärung oder gar Belege gab es dazu nicht. Bloß die Behauptung.

Aber die reichte vielen Journalisten schon, um die Geschichte ungeprüft zu übernehmen. Und so berichteten unter anderem „Focus Online“, die „Huffington Post“, die „Hamburger Morgenpost“, der „Berliner Kurier“, die Online-Portale von SWR3, „InTouch“, VIVA und EuroSport, außerdem Gmx.de, Web.de, Promiflash.de, News.de, Krone.at, Mittelbayerische.de, Watson.ch, port01.com, Volksstimme.de, Nordbayern.de und 20min.ch.

Sie alle haben ihre Artikel inzwischen wieder gelöscht und Korrekturen bzw. Gegendarstellungen wie diese veröffentlicht:

Dass diese Geschichte Blödsinn ist, hätten die Journalisten übrigens auch ganz allein herausfinden können, wenn sie für ein paar Sekunden ihr Gehirn oder wenigstens Google bemüht hätten.

Der Zuständigkeitsbereich von Europol umfasst nämlich gemeinhin Delikte wie …

  • Menschenhandel
  • Kriminalität im Zusammenhang mit nuklearen und radioaktiven Substanzen
  • Entführung, Freiheitsberaubung und Geiselnahme
  • Geldwäsche
  • illegaler Handel mit Waffen, Munition und Sprengstoffen
  • … und alles andere, was mit Terrorismus, schwerer Kriminalität und organisiertem Verbrechen zu tun hat. Das Auslachen von Fans gehört eher nicht dazu.

    Mit Dank an auch an Anonym, Bruesseldorfer und Miriam K.

Autorisierung, SEO, Salafisten

1. „Der Fotograf als Pädokrimineller“
(rheker.wordpress.com)
Sascha Rheker macht sich Gedanken über einen Gesetzentwurf, der „die unbefugte Herstellung oder Verbreitung“ von Fotos, auf denen nackte Kinder oder Jugendliche zu sehen sind, unter Strafe stellen will. „Wer das Urlaubsfoto eines Familienvaters oder ein anderes harmloses Kinderbild, wie einen Anne Geddes Bildband, über die Konstruktion ‘unbefugt’ auf eine Stufe mit dem, was man landläufig Kinderpornographie nennt stellt, der verharmlost letzteres und der verharmlost das, was Kindern da bei der Produktion dieser Bilder an Mißbrauch zustößt.“ Siehe dazu auch „Ermittlungstatbestand: Kinderfotos“ (notes.computernotizen.de, Torsten).

2. „Genug gekuschelt! Warum die Autorisierungspraxis deutschen Medien schadet“
(meedia.de, Peter Littger)
Peter Littger glaubt, die Autorisierung von Texten schade dem Journalismus in Deutschland: „Während Briten meistens so genannte durchgeschriebene Texte verfassen, in denen sie einzelne Zitate aus den Gesprächen nutzen, aber darüber hinaus auch andere Stimmen zu Wort kommen lassen und das Gespräch insgesamt journalistisch einordnen, ziehen deutsche Journalisten sehr häufig die Form des Wortlautinterviews vor. Damit entziehen sie sich jeder journalistischen Einordnung, was man objektiv finden mag, was aber vor allem einfach und bequem ist.“

3. „Wie ‘CHIP Online’ künftig die Lotto-Zahlen vorhersagt. Oder: Warum SEO mächtig nervt“
(basicthinking.de, Tobias Gillen)
Chip.de veröffentlichte am 15. September einen Text über ein Ereignis, vom dem wahrscheinlich war, dass es am 17. September eintreffen wird.

4. „‘Ich bin ein Korinthenkacker-Typ’“
(cicero.de, Merle Schmalenbach)
Merle Schmalenbach trifft Postillon-Gründer Stefan Sichermann in Fürth: „Sein Erfolg zeigt, dass man im Internet mit Beharrlichkeit sehr weit kommen kann.“

5. „Mehr Journalismus waltern“
(schaechtele.tumblr.com)
Kai Schächtele schreibt über die Krise der Zeitungen: „Die Selbständigen haben längst verinnerlicht, dass sie Risiken eingehen müssen, um voranzukommen. Es ist höchste Zeit, dass dieses Bewusstsein auch unter den Festangestellten ankommt. Zu ihrem eigenen Wohl.“

6. „Muslimin über Salafisten in Deutschland: ‘Herr Augstein, Sie irren’“
(spiegel.de, Sounia Siahi)
Sounia Siahi antwortet auf eine Kolumne von Jakob Augstein: „Herr Augstein, ich will mich hier in meinem deutschen Zuhause nicht wie in einem arabischen Land bewegen müssen. Ich fühle mich hier frei, beschützt und in jeder Hinsicht gesegnet. Und dieses Gefühl möchte ich mir um nichts in der Welt nehmen lassen. Wenn der deutsche Staat dafür tut, was er tun muss, kann ich es verstehen.“

Rollenbilder, Preisüberwacher, ALS

1. „Immer das gleiche Strickmuster“
(freitag.de, Nina Scholz)
Nina Scholz wirft einen Blick auf Lifestyleblogs, bei denen Frauen „deutlich die Mehrheit“ stellen: „Was Blogs wie Lovetaza so problematisch macht: Junge Frauen, die auf den ersten Blick modern wirken, führen alte Rollenbilder auf, sie zementieren sie sogar. Viele Lifestylebloggerinnen wie Davis sind berufstätig und berichten von ihrer individuellen Kombination aus Kindern und Lohnarbeit. Aber die Inhalte und Fotos, die sie drumherum präsentieren, sind nichts anderes als eine verjüngte Form der Homemaking-Bewegung, die in den USA seit Jahrzehnten mit Publikationen wie Good Housekeeping oder den Zeitschriften von Martha Stewart begleitet wird.“

2. „‘Verzögerung zwischen USA und Deutschland minimieren’“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Netflix-Programmchef Ted Sarandos erzählt, was bei Netflix zu sehen sein wird – und was nicht: „Wenn wir bei Serien bleiben, dann sind Krimiserien mit abgeschlossenen Handlungen sicher weniger geeignet, weil hier Bingeviewing einfach keine so große Rolle spielt. Sicher nicht für Netflix geeignet sind Reality-Shows, Castingshows und alle Arten von hochaktuellen TV-Formaten.“

3. „Auslandspresse diskriminiert Schweizerinnen und Schweizer“
(blog.preisueberwacher.ch, Stefan Meierhans)
Der Preisüberwacher schreibt zu den deutlich höheren Preisen für Zeitschriften (und Zeitungen) in der Schweiz: „Die Preisdifferenzen zum benachbarten Ausland betragen gemäss Preisbarometer vom Juni im Durchschnitt rund 49 Prozent gegenüber Deutschland und rund 55 Prozent gegenüber Frankreich. Gegenüber Italien wird dort sogar eine Überhöhung vom 124 % ausgewiesen.“

4. „Kripo belauschte BR-Polizeireporter“
(sueddeutsche.de, Frank Müller)
Das BKA Wiesbaden belauscht den Polizeireporter des Bayerischen Rundfunks, Oliver Bendixen: „‘Äußerst befremdlich’ sei der Vorfall, erklärte der Sender am Montag. ‘Es bleibt fraglich, wie es bei offensichtlich in diesem Fall dünner Verdachtslage und lediglich aufgrund einer Aussage vom Hören-Sagen überhaupt in Erwägung gezogen werden konnte, einen Journalisten abzuhören.’“

5. „Ich habe ALS – und finde das Spektakel verlogen“
(tagesspiegel.de, Benedict Maria Mülder)
„Taz“-Mitbegründer Benedict Maria Mülder schreibt über die ALS Ice Bucket Challenge: „Die Krankheit ist seit hundert Jahren bekannt. Die narzisstische Mobilisierung, die manche mit dem Etikett ‘Altruistisch’ adeln, ist aufgesetzt, vermessen und meilenweit von aufklärerischen Absichten entfernt.“

6. „Fickt euch!“
(taz.de, Anja Maier)

Die verlorene Ehre des Alexander Blum

Wir haben Post von Google bekommen:

Hinweis auf Entfernung aus der Google-Suche
11. September 2014

Aufgrund eines Antrags gemäß europäischem Datenschutzrecht wird mindestens eine Seite Ihrer Website bei Suchanfragen zu bestimmten Namen oder anderen personenbezogenen Daten nicht mehr in unseren Suchergebnissen angezeigt. Nur die Suchergebnisse in europäischen Google-Versionen sind davon betroffen. Es sind keine Maßnahmen Ihrerseits erforderlich.

Diese Seiten wurden nicht vollständig in unseren Suchergebnissen blockiert, sondern werden weiterhin für Suchanfragen angezeigt, die nicht in den von Einzelpersonen gemäß dem europäischen Datenschutzrecht eingereichten Anträgen angegeben wurden. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir Ihnen leider nicht mitteilen, um welche Suchanfragen es im Einzelnen geht.

Beachten Sie bitte, dass die betroffenen Suchanfragen in vielen Fällen nicht im Zusammenhang mit Namen von Personen stehen, die Nutzern als Erstes auf der Seite ins Auge springen. Zum Beispiel kann es um einen Namen gehen, der in einem Kommentar erwähnt wird.

Die folgenden URLs sind von dieser Maßnahme betroffen:

http://www.bildblog.de/12688/von-dreckschweinen-und-wiederholungstaetern/
http://www.bildblog.de/1334/bild-benutzt-kinder-fuer-recherchen/
http://www.bildblog.de/1342/bild-benutzt-kinder-fuer-recherchen-ii/
http://www.bildblog.de/2259/polizei-deckt-bams-ente-auf/

Der in den vier Einträgen genannte Name ist der von Alexander Blum, der heute als Redakteur bei der „Bild am Sonntag“ arbeitet.

Indien, Simpsons, Geiseln

1. „Leistungsschutz­recht wirkt: Mehrere Suchmaschinen zeigen Verlagsseiten nicht mehr an“
(stefan-niggemeier.de)
Mehrere Suchmaschinen zeigen Inhalte jener Verlage, „die in der VG Media organisiert sind, um Ansprüche aus dem neuen Presse-Leistungsschutzrecht geltend zu machen“, nicht mehr in den Ergebnissen an: „Inhalte anderer Verlage, die nicht Geld für die Anzeige kurzer Ausschnitte ihrer Inhalte in Suchmaschinen oder Aggregatoren verlangen, werden nach wie vor angezeigt.“

2. „Bewusster Fake als Propaganda?“
(konradweber.ch)
Konrad Weber teilt ein Foto auf Twitter und versucht danach, es zu verifizieren.

3. „Propagandabilder: ein Schnitzel gegen lästige Fragen“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler fragt die Redaktion des „Blick am Abend“ auf Twitter nach dem Umgang mit einem Bild der exekutierten IS-Geisel David Haines. „Auf den Websites einzelner Medien sind Beiträge zu finden, in welchen die Gesichter der Gefangenen unkenntlich gemacht sind, in andern Berichten wiederum nicht. Offenbar hängt die Entscheidung davon ab, welcher Redaktor gerade den Schichtdienst erfüllt.“

4. „VISUM – don´t be a journalist!“
(ajlandgraf.wordpress.com)
Ein Journalist beantragt ein Visum für eine Privatreise nach Indien: „‘Publisher – this could cost me my job!’, rief er entsetzt und reichte mir den Antrag mit spitzen Fingern zurück. Ich müsste unbedingt eine Bescheinigung meines Arbeitgebers einreichen, aus der hervorginge, dass ich nichts, aber auch gar nichts mit Journalismus zu tun hätte..“

5. „‘Kommentarland’ – bei Lesern zu Besuch“
(srf.ch, Videos, Dialekt)
Das Schweizer Fernsehen besucht 16 Verfasser von Leserkommentaren zuhause, und fragt sie nach ihrer Motivation.

6. „‘Das Erzählmuster ähnelt der Ilias’“
(jetzt.sueddeutsche.de, Jan Stremmel)
Geschichtsprofessor Ben Schmidt wertet 25 Jahre Simpsons statistisch aus: „Zum Beispiel taucht der Begriff ‘Klimawandel’ in den Jahren 2006 bis 2008 ständig auf – und danach kaum noch. Der Boom dieses Themas endete mit der Finanzkrise. Dieses Verschwinden von Begriffen beobachte ich übrigens auch in anderen Medien. Als normaler Zuschauer oder Leser merkt man ja kaum, wenn ein Thema plötzlich nicht mehr erwähnt wird.“

Hund-zu-Hund-Propaganda

Christine hat einen Hund, den Boris. Und Boris hat ihr Leben verändert. Wie genau, das hat sie vor ein paar Wochen in ihrem Blog erzählt. Ihre Liste umfasst neun Dinge.

Punkt 1: Die gute Laune am Morgen.

Normalerweise ist Christine eher so der Morgenmuffel-Typ. Doch:

Seit ich Boris habe, beginnt mein Tag folgendermaßen: Sobald ich mich bewege, höre ich ein Klopfen auf dem Fußboden, dass ist Boris Schwanz, der wedelt und gegen den Boden knallt. Wenn ich dann meinen Fuß aus dem Bett strecke, kommt er angesaust und leckt ihn von oben bis unten ab und dann, wenn ich aufstehe, wird erst einmal eine Runde gekuschelt und danach, das könnt ihr mir glauben, hat jeder Morgenmuffel gute Laune.

Und damit kommen wir zu Doris.

Doris hat auch einen Hund, die Ronja. Und Ronja hat ihr Leben verändert. Wie genau, das hat sie vor ein paar Tagen bei der „Huffington Post“ erzählt. Ihre Liste umfasst neun Dinge.

Punkt 1: Die gute Laune am Morgen.

Normalerweise ist Doris eher so der Morgenmuffel-Typ. Doch:

Seit [Ronja] da ist beginnt mein Tag folgendermaßen: Sobald ich mich bewege, höre ich ein Tapsen auf dem Laminat, dann ein Schütteln und das Klappern des Halsbandes. Nicht mal zwei Sekunden später leckt mir jemand so gefühlvoll die Zehen, dass es nicht anders geht als gut gelaunt und mit einem Schmunzeln aus dem Bett zu steigen.

Sie sehen: Christine und Doris haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Sehr ähnliche sogar.

Punkt 2 bei Christine lautet: „Alles dauert länger“.
Punkt 2 bei Doris lautet: „Alles dauert länger“.

Punkt 3 bei Christine lautet: „Menschen kennenlernen“.
Punkt 3 bei Doris lautet: „Menschen kennenlernen“.

Punkt 4 bei Christine lautet: „Angst haben“.
Punkt 4 bei Doris — Sie können es sich denken.

Auch die Punkte 5 bis 9 gleichen sich aufs Wort. Und die dazugehörigen Texte klingen ebenfalls verblüffend ähnlich.

Ist Christine also in Wirklichkeit auch Doris? Hat die Bloggerin ihre Liste einmal in ihrem Blog und dann — unter Pseudonym — nochmal bei der „Huffington Post“ veröffentlicht?

Nein. Der Artikel bei der „Huffington Post“ ist ein Plagiat. Die Autorin hat ihn Punkt für Punkt beim Blog „Lilies Diary“ abgekupfert.

Nachdem die Sache aufgeflogen war, löschte die „Huffington Post“ den Text umgehend.

„HuffPo“-Chefredakteur Sebastian Matthes sagte uns auf Anfrage, es sei seines Wissens nach das erste Mal, dass ein Artikel woanders abgekupfert wurde. Die Redaktion habe den Text sofort gelöscht, die Autorin ermahnt und sich mit der ursprünglichen Verfasserin in Verbindung gesetzt. „So etwas darf nicht passieren“, sagt Matthes. „Wir wollen auf unserer Seite keine Plagiate haben.“

Inzwischen verlinkt das Portal nur noch den Original-Text.

Sonnensturm, Christine Lieberknecht, Ratlosigkeit

1. „Geomagnetisches Stürmchen droht“
(heise.de)
Die Schlagzeile „Gigantischer Sonnen-Sturm im Anmarsch“ auf Bild.de: „In den zurückliegenden Sonnenfleckenmaxima gab es solche Stürme über Jahre hinweg im Abstand von wenigen Wochen, ohne dass diese Schäden hinterlassen hätten. Erst wenn die höchste Kategorie erreicht ist, geraten Satelliten und Stromnetze in Gefahr; ob tatsächlich Probleme auftreten und wie groß diese sind, hängt von verschiedenen Parametern ab.“

2. „China überholt Deutschland bei den regenerativen Energien“
(diewunderbareweltderwirtschaft.de, Dieter Meyeer)
Die Schlagzeile „Erneuerbare Energien: China überholt Spitzenreiter Deutschland“ auf Spiegel.de: „Sicher, China investiert in Wind und Solar. Aber zu behaupten, dass China bereits in der Größenordnung liegt wie Deutschland, ist kompletter Unfug, den man sich nur zusammenschreiben kann, wenn man in Mathe gepennt hat (oder wenn man ne knallige Überschrift braucht).“

3. „Wie Christine Lieberknecht ihre Ignoranz gegenüber der Presse demonstriert“
(udostiehl.wordpress.com)
Caren Miosga befragt in den „Tagesthemen“ Christine Lieberknecht, die (aufgrund von akustischen Problemen?) zunächst überhaupt nicht auf die gestellten Fragen eingeht.

4. „Im Interesse der Öffentlichkeit“
(sonntagszeitung.ch, Stephan Russ-Mohl)
Warum ist die Zahlungsbereitschaft für Journalismus „in der jungen Generation so drastisch geschwunden, während man für SMS und Klingeltöne bereitwillig Geld hinblättert“, fragt Stephan Russ-Mohl und antwortet, dass „zumindest die klügeren Leserinnen und Leser zu Recht mehr und mehr an der Glaubwürdigkeit ihrer Medien“ zweifeln. Sie sähen „nicht recht ein, dass sie für weniger redaktionelle Leistung mehr Geld bezahlen sollen.“

5. „Testament der Ratlosigkeit – Anmerkungen zu Blumencron“
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat beschäftigt sich mit dem Text „Schafft den Online-Journalismus ab“ (faz.net, Mathias Müller von Blumencron): „Nein, wirkliche Rezepte hat Blumencron nicht anzubieten. Einerseits meint er, dass Redaktionen Feuer anzünden müssten, um zu bestehen. Gleichzeitig verweist er auf den Innovation Report der NYT. Das US-Mediums brennt wie kein anderes ein Feuer im Netz ab. Aber es gibt selber zu, so zitiert Blumencron die Analyse, bislang nicht den ‘Code der digitalen Ära’ geknackt zu haben. Warum sollte man also der NYT nacheifern? Weil man selbst keine bessere Idee hat? Und spielt man wirklich in der gleichen Liga wie die NYT oder der Guardian?“

6. „Das hässliche Bild kann jetzt weg“
(faz.net, Tobias Kreutzer)
Künstler Dan Roach versucht das Recht auf Vergessenwerden zu nutzen, um sein Frühwerk vergessen zu lassen: „The decision to ask for the link to be removed from Google was based on no more than a wish to highlight my new work, rather than the old.“

Presserat rügt blutige Berichterstattung

Im Juni druckte die „Bild“-Zeitung ein Foto, auf dem ein Mann stirbt. Blutüberströmt sitzt er auf dem Boden, ein Messer steckt in seinem Bauch, hinter ihm steht noch der mutmaßliche Täter.

Das Foto erschien in „Bild Hamburg“, auf Bild.de und riesengroß auf Seite 3 der Bundesausgabe:

Auf den weiteren Fotos ist zu sehen, wie sich Passanten um das Opfer kümmern und der mutmaßliche Täter, dessen Gesicht klar zu erkennen ist, festgenommen wird.

(Nachdem der Artikel erschienen war, haben wir uns übrigens mit dem Fotografen über die Bilder unterhalten. Seine Antworten können Sie hier nachlesen.)

Gestern hat sich der Presserat mit dem Fall beschäftigt und gegen „Bild“ und Bild.de eine öffentliche Rüge ausgesprochen. Die Berichterstattung verstoße sowohl gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) als auch Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. In der Pressemitteilung heißt es:

Der Vorgang des Sterbens wird in einem protokollarischen Detailreichtum geschildert, der nicht in öffentlichem Interesse liegt und somit unangemessen sensationell ist.

Auch bei anderen Artikeln der „Bild“-Medien war es vor allem die übertriebene Grausamkeit, die vom Presserat kritisiert wurde.

So erhielt Bild.de eine weitere Rüge für die Berichterstattung über eine Beziehungstat, bei der ein Mann seine Ehefrau erschossen hatte. In dem Artikel waren Porträtfotos des Opfers zu sehen, außerdem nannte die Redaktion den vollen Namen der Frau. Damit habe Bild.de zum Einen den Persönlichkeitsschutz der Frau verletzt, denn nach Richtlinie 8.2 des Pressekodex ist bei Verbrechen und Unglücken „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich“.

Außerdem enthielt der Artikel ein Foto, das von einer Augenzeugin mit der Handykamera aufgenommen wurde. Es zeigt Täter und Opfer kurz vor der Tat auf einer Wiese sitzend, der Mann hält ein Gewehr in der Hand.

In der Kombination dieses Bildes mit dem direkt daneben platzierten Porträtfoto des Opfers sah der Beschwerdeausschuss eine unangemessen sensationelle Darstellung im Sinne der Ziffer 11 Pressekodex.

Als „unangemessen sensationell“ bewertete der Presserat auch das Werk eines „Bild“-Zeichners, auf dem ein Mann zu sehen ist, der von einer Heuballen-Maschine „zerschreddert“ wird („Bild“ liebt solche brutalen Zeichnungen). Kritisiert wurde neben der Illustration auch die Tatsache, dass das Opfer aufgrund persönlicher Details identifizierbar wurde. Das Gremium sprach daher eine Missbilligung gegen Bild.de aus.

Ebenso missbilligt wurde ein Bild.de-Artikel mit dem Titel:

Darin zeigt das Portal ein Foto, auf dem die Frau schwer verletzt auf der Straße liegt. Da sich die Geschichte in Peking ereignet hatte, habe kein ausreichendes öffentliches Interesse an dem Fall bestanden, befand der Presserat, und auch hier erkannte er eine „unangemessen sensationelle Darstellung“.

Genau wie bei einem weiteren Artikel, diesmal in der Print-Ausgabe. Darin hatte „Bild“ ein Foto gedruckt, auf dem mehrere irakische Soldaten erschossen werden, das Blut spritzt aus ihren Köpfen. Mehr muss man wohl nicht dazu sagen.

Eine weitere Missbilligung bekam Bild.de für einen Artikel über den Soldaten Bowe Bergdahl. Er enthielt ein (offenbar von Facebook geklautes) Foto der Ex-Freundin des Mannes, an dem laut Presserat kein öffentliches Interesse bestand.

Insgesamt erhielten die „Bild“-Medien (wenn man die Rüge für Nicolaus Fests Hass-Kommentar und die Entscheidungen zur MH17-Berichterstattung mitzählt) drei Rügen, sechs fünf Missbilligungen und vier Hinweise.

Eine weitere Rüge ging an die Online-Ausgabe des „Tagesspiegel“, wo ein Original-Dokument erschienen war, das angeblich aus dem Büro des Vorsitzenden der Partei Die Linke stammte. Darin wurde aufgelistet, wer nach der Bundestagswahl eine Funktion in der neuen Fraktion haben und wer ausscheiden soll. Darüber hatte sich ein Mitarbeiter eines Regionalbüros beschwert, der in dem Papier als „zu schützende Person“ namentlich genannt wird.

Der Ausschuss war der Ansicht, dass die Veröffentlichung des Namens des Betroffenen seine informationelle Selbstbestimmung verletzt. Weil er kein politisches Mandat ausübt und nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist, durfte er nicht genannt werden.

Tagesspiegel.de habe Ziffer 2 verletzt, weil die Informationen vor der Veröffentlichung nicht sorgfältig genug auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft wurden, heißt es in der Begründung.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Die Zeitschrift „L.A. Multimedia“ wurde gleich zweimal gerügt, weil sie „die Grenze zur Schleichwerbung“ überschritten hatte (Verstoß gegen Ziffer 7). In den Artikeln ging es um den Einsatz moderner Medien im Schulunterricht. Der Ausschuss sah es „als erwiesen an, dass die redaktionelle Veröffentlichung durch geschäftliche Interessen des Unternehmens [ein Anbieter von Schulmedien] beeinflusst wurden“.

Einen ähnlichen Verstoß erkannte der Ausschuss bei einer Beilage der Zeitschrift „Diabetes Journal“. Das Heft bewarb ein Gerät für Diabetiker und habe damit die gebotene Trennung zwischen Werbung und Redaktion verletzt. Das Impressum enthielt zwar den Hinweis „Mit freundlicher Unterstützung von …“, doch das reiche nicht aus, befand der Presserat und sprach ebenfalls eine Rüge aus.

Nicht namentlich genannt wurde eine regionale Tageszeitung, die eine Missbilligung erhielt, weil sie mehrere Pressemitteilungen unter dem Kürzel eines Redakteurs abgedruckt hatte. Die Zeitung habe damit gegen Richtlinie 1.3 verstoßen, nach der Pressemitteilungen als solche gekennzeichnet werden müssen, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktion veröffentlicht werden.

Insgesamt verteilte der Presserat (die vorherigen Entscheidungen mitgerechnet) sieben Rügen, 24 Missbilligungen und 25 Hinweise.

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