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„Skandal-Reise“: „Bild“-Reporter führt Leserschaft in die Irre

Wenn ein Grünen-Politiker und ein Linken-Politiker in Russland sind, und dann auch noch ein AfD-Politiker eine Rolle spielt, dauert es nicht lange, bis die „Bild“-Medien „SKANDAL“ schreien:

Ausriss Bild-Zeitung - Skandal-Reise - AfD-Politiker führt Trittin und Gysi durch Moskau
Screenshot Bild.de - Skandal-Reise - AfD-Politiker führt Trittin und Gysi durch Moskau

Diese Artikel erschienen am Montagabend bei Bild.de und am Dienstag in der „Bild“-Zeitung. Und es ist bemerkenswert, wie großzügig „Bild“-Chefreporter Peter Tiede entscheidende Informationen weglässt, um auf diesen Spin zu kommen.

Erstmal: Es handelt sich nicht, wie man bei den Überschriften von „Bild“ und Bild.de direkt denken könnte, um irgendeine Reise eines AfD-Politikers, der sich Jürgen Trittin und Gregor Gysi überraschend angeschlossen haben. Es geht um einen offiziellen Besuch der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe (zu der mehr Leute gehören als nur die drei). Peter Tiede schreibt dazu:

Sieben Bundestagsabgeordnet aller Fraktionen für fünf Tage auf Russland-Besuch — organisiert vom AfD-Abgeordneten Robby Schlund (52), einem bekennenden Kreml-Lobbyisten und Putin-Fan!

Es ist der erste Russland-Besuch der Deutsch-Russischen-Parlamentsgruppe seit der Bundestagswahl. Dank Schlunds Planung: Der Besuch der Deutschen ist trotz Krim-Besetzung und Ukraine-Krieg ein Propaganda-Erfolg für Kreml-Führer Wladimir Putin (66)! Die Abgeordneten sind seit Sonntagabend in Russland, offiziell begann die Reise am Montag.

Ganz vorn dabei neben Schlund: Grünen-Urgestein Jürgen Trittin (64) und Linke-Ikone Gregor Gysi (71).

Das Besuchsprogramm fasst Tiede so zusammen:

Nach BILD-Informationen plante Schlund die wesentlichen Termine — an der deutschen Botschaft vorbei — mit Kreml-Hilfe!

Geplanter Propaganda-Höhepunkt ist der Donnertag (sic):

► Vormittags: Besuch beim Kreml-Konzern Gazprom (Nord-Stream/Altkanzler Schröder) — inklusive Mittagessen auf Gazprom-Kosten!

► Nachmittags: Staats-TV-Holding „Rossija Sewodnja“ (betreibt u. a. den deutschen Hetzsender „Sputnik“). Generaldirektor Kisseljow („Europa atomar Auslöschen!“) steht unter EU-Sanktionen! Trotzdem gibt die Bundestags-Truppe ausgerechnet dort ihre Pressekonferenz!

Da fehlt nun wirklich einiges.

Erstmal ein paar nicht ganz unwichtige Informationen zu den bi- und multilateralen Parlamentariergruppen: Von denen gibt es aktuell 47. Die Abgeordnete können frei wählen, zu welchen sie gehören möchten. Und so kommen dann zum Beispiel zustande: eine Deutsch-Schweizerische Parlamentariergruppe, eine Deutsch-Pazifische, eine Deutsch-Brasilianische, eine Deutsch-Indisch. Und eben auch eine Deutsch-Russische. Dort ist der AfD-Abgeordnete Robby Schlund Vorsitzender, was aber nicht auf eine Wahl oder ähnliches zurückzuführen ist. Bei den Parlamentariergruppen bestimmt der Ältestenrat des Bundestages „unter Berücksichtigung des Stärkeverhältnisses der Fraktionen“, wer Vorsitzende oder Vorsitzender wird. Aus jeder andere Fraktion wird eine Stellvertreterin beziehungsweise ein Stellvertreter festgelegt.

Für die Grünen ist Jürgen Trittin bei der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe stellvertretender Vorsitzender. Als Antwort auf den Artikel von „Bild“-Reporter Tiede schreibt er, dass das Programm „von allen stellvertretenden Vorsitzenden und dem Vorsitzenden in Kenntnis der Wünsche der russischen Seite vorbereitet“ worden sei:

Verschiedenste Programmpunkte wurden im Vorfeld sehr strittig besprochen. Gegen den expliziten Wunsch der russischen Seite und teilweise auch des Vorsitzenden wurden von den stellvertretenden Vorsitzenden aus CDU, SPD, FDP, Linken und Grünen gemeinsam durchgesetzt:

Gespräch mit den deutschen politischen Stiftungen vor Ort — darin eingebettet ein ausführliches Gespräch mit der kriminalisierten russischen Zivilgesellschaft und Menschrechtsorganisationen.

Gespräch mit Pawel Grudinin, erfolgreichster Gegenkandidat zu Putin bei der Präsidentschaftswahl 2016

Teilnahme am Pressefest der deutschen Botschaft, zu dem auf unseren Wunsch hin auch oppositionelle Medien wie Meduza und deren Reporter Iwan Golunow eingeladen werden (auch wenn seine Teilnahme aus bekannten Gründen eher unwahrscheinlich ist). Die Delegation will sich so einen Eindruck den Bedrohungen für Presse, Journalist*innen und Blogger*innen machen. (…)

Außerdem standen auf dem Programm u.a. Gespräch mit der russischen Delegation der russisch-deutschen Parlamentariergruppe, dem Auswärtigen Ausschuss der Duma, dem stellv. Russischen Außenminister Titow und der Besuch des VW-Werkes in Kaluga sowie auf expliziten Wunsch der russischen Seite ein Besuch bei der Moskauer Niederlassung von Gazprom auf dem Programm.

Abgesehen von dem Besuch bei Gazprom ist von all diesen Punkten bei „Bild“ nichts zu lesen.

Zur Pressekonferenz, die auch Peter Tiede thematisiert, schreibt Jürgen Trittin:

Unser expliziter Wunsch, dass die Pressekonferenz bei der Nachrichtenagentur TASS stattfinden solle, wurde von der russischen Seite abgelehnt. Ein Besuch in den Redaktionsräumen von Russia Today wurde von uns abgelehnt. Die jetzt beim Medienhaus Rossija Segodnya geplante Pressekonferenz wird deshalb ohne Beteiligung der stellvertretenden Vorsitzenden stattfinden.

Und der Grünen-Politiker liefert auch noch die Antwort auf eine Frage, die „Bild“ ihm nie gestellt hat:

Die von der BILD aufgeworfene Frage, warum wir überhaupt in einer Delegation unter dem formellen Vorsitz eines AfD-Abgeordneten nach Moskau reisen, hätte ich der Redaktion gerne beantwortet — allerdings hat sie nie gefragt.

Aber die Antwort ist klar: wären alle stellvertretenden Vorsitzenden bzw. weiteren Mitglieder der Parlamentariergruppe zu Hause geblieben, hätte die Reise des Vorsitzenden trotzdem stattgefunden. Allerdings ohne Treffen mit Stiftungen, unabhängige Medien und Opposition — und mit mindestens einem Auftritt bei Russia Today. Das zu verhindern war die klare Übereinkunft aller weiteren Mitglieder der Delegation.

So eine Antwort hätte Peter Tiede und der „Bild“-Redaktion aber natürlich die Geschichte kaputtgemacht.

Mit Dank an Theo für den Hinweis!

Nachtrag, 21. Juni: Bei der Pressekonferenz, die am Donnerstagnachmittag stattfand, waren mit Doris Barnett, Michael Georg Link und Gregor Gysi doch stellvertretende Vorsitzende der Parlamentariergruppe dabei.

„Bild“-Leser wollen Florian Silbereisen als Kanzler

… jedenfalls sagten das die zwei Hansel mit „Bild“-Zeitung unterm Arm, die wir heute am Kiosk auf das Thema angesprochen haben. Und so funktioniert das ja auch bei den „Bild“-Medien mit den Überschriften:

Screenshot Bild.de - Überraschender Vorschlag für Nahles-Nachfolge - Bayern-Genossen wollen Sarrazin als SPD-Chef

Da hat „Bild“-Chefreporter Peter Tiede unter den rund 438.000 SPD-Mitgliedern doch tatsächlich ein paar gefunden, die sich Thilo Sarrazin als neuen SPD-Vorsitzenden vorstellen können und, zack, wird das bei Bild.de und in „Bild“ zur Story. Wie groß die „Gruppe bayerischer SPD-Mitglieder“ ist, die angeblich „Sarrazin als SPD-Chef“ will, und wer die „Bayern-Genossen“ überhaupt sind, die für die „Überraschung“ „im Streit um die Nachfolge von Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles“ sorgen, konkretisiert Tiede nicht.

Dafür gab es aber direkt klare Dementis von der bayerischen SPD. Die Landesvorsitzende Natascha Kohnen sagte dem Bayerischen Rundfunk: „Ich kenne niemanden, der das fordert, und für mich ist das undenkbar“. Horst Arnold, SPD-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, sprach von einem „misslungenen Satirebeitrag“. Klaus Adelt, Vize der Landtagsfraktion, sagte, er habe „Fragezeichen hoch drei“ und kenne auch niemanden, der Sarrazin als SPD-Chef will. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Florian Post sprach von einer „völligen Blödsinnsidee“. Und die Partei vermutete den „Postillon“ oder die „Titanic“ als Quelle für die „Bild“-Geschichte. Diese „Bayern-Genossen“ hat Peter Tiede offensichtlich nicht befragt bei seiner Recherche.

Nachdem unter anderem die „Bild“-Medien Thilo Sarrazin vor Jahren großgeschrieben haben, bringen sie ihn jetzt also als SPD-Chef ins Spiel. Peter Tiede ist mit seinem Text bei den entsprechenden Kreisen auf jeden Fall schon mal auf Interesse gestoßen: Facebook-Gruppen wie „Bekenntnis zu Deutschland II“ („Hätte Charme!“), „Widerstand Bischofswerda“ („Ich kann mich noch genau erinnern wie sie ihn versucht haben fertig zu machen und aus der Partei zu ekeln.“) und „Kameradschaft Deutscher Nationen“ haben seinen Artikel geteilt. Die „Achse des Guten“ sieht sich bestätigt: „Vor vier Tagen hat Thilo Sarrazin auf Achgut.com beschrieben, was er als SPD-Vorsitzender jetzt tun würde, jetzt nimmt die Sache irgendwie Schwung auf.“ Auch „Epoch Times“ springt auf das Thema auf: „Bayern sorgt für Überraschung: Sarrazin soll neuer SPD-Chef werden“. Und „Compact“ schreibt über „Messias“ Sarrazin: „Nanu, was ist denn das? Es ist doch gar nicht Karneval. Die SPD sucht einen neuen Chef und nun soll es Thilo Sarrazin richten.“

Dass das alles — genau wie die Sache mit Florian Silbereisen als Wunschkanzler der „Bild“-Leser — ziemlich dünn ist, interessiert da schon längst nicht mehr.

Mit Dank an @RoterMaxEike und @greenyosh_17 für die Hinweise!

„Glücklicher Mann“ schreibt an „Universitäts-Lusche“ Kevin Kühnert

Der linke Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hat in einem Interview mit der „Zeit“ im Stile eines linken Juso-Vorsitzenden geantwortet, und jetzt sind alle ganz wuschig.

Vor allem bei „Bild“: „WIE VIEL DDR STECKT IN DER SPD?“ fragt die Redaktion heute im Blatt. Bereits gestern schrieb „Bild“-Chefreporter Peter Tiede so verquere Sätze wie:

Kevin Kühnert ist so alt, wie der real existierende Sozialismus auf deutschem Boden tot ist: knapp 30 Jahre.

… und kam bemerkenswert schnell von Kühnerts Aussage, es sei ihm „weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW ’staatlicher Automobilbetrieb‘ steht oder ‚genossenschaftlicher Automobilbetrieb‘ oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht“, zu Schießbefehlen, Schützengraben und Klassenkampf:

Ein Land [die DDR] mit Schießbefehl gegen die eigenen Bürger. Und nun liegt Kevin Kühnert im Schützengraben und träumt vom neuen Klassenkampf

Ralf Schuler, der bei „Bild“ das Parlamentsbüro leitet, schrieb einen …

Screenshot Bild.de - Juso-Chef will BWM enteignen - Bild-Parlamentschef rechnet mit Sozialismus-Thesen ab - Brandbrief an Kevin Kühnert

Und auch Franz Josef Wagner hat dem Juso-Vorsitzenden geschrieben:

Ausriss Bild-Zeitung - Post von Wagner - Lieber Kevin Kühnert, Sie sind bald 30 und eine Universitäts-Lusche. In keinem Ihrer Studienfächer - Publizistik, Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften - haben Sie es zu einem Abschluss gebracht. Was Sie können, ist quatschen. ... Da quatscht ein Student von Verstaatlichung und wir werden alle verrückt. Ein Student, der noch nichts zu Ende gebracht hat. Wie lächerlich. Herzlichst Ihr Franz Josef Wagner

Es ist schon ein bisschen lustig, dass gerade Wagner Kühnert als „Universitäts-Lusche“ ohne Studienabschluss, die „noch nichts zu Ende gebracht hat“, „lächerlich“ findet. 2008 schrieb der „Bild“-Briefonkel über sich selbst:

Liebe Lehrer, liebe Eltern,

ich mische mich als Schulschwänzer in die Debatte um das Turbo-Gymnasium (G 8) ein. Statt 9 Jahre 8 Jahre zum Abitur. Ich habe die Wellen-Theorie des Lichts, das Huygenssche Prinzip nicht mitbekommen. Wenn wir Physik hatten, dann ging ich ins Kino. Mit 13 sah ich James Dean. Meine offizielle Erziehung endete mit 18, als ich durchs Abitur flog. Danach wurde ich ein glücklicher Mann.

Fakten ignorieren für die Hetzschlagzeile (2)

Wenn es um das Eingestehen von Fehlern geht und das Korrigieren dieser, ist „Bild“-Chef Julian Reichelt 1A-Superspitzenklasse — laut Julian Reichelt:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben. Es ist aber nicht so, dass ich mich über Entschuldigungen freue, gar nicht. Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Teil der journalistischen Aufrichtigkeit und Ausdruck unserer proaktiven Kommunikation sind.

… und auch laut Springer-Chef Mathias Döpfner:

Und was ich toll finde: Dass Julian Reichelt, wenn er Fehler macht, sich dafür entschuldigt und sofort Transparenz herstellt.

Wie das in der Praxis aussieht, kann man heute in „Bild“ beobachten.

Zur Erinnerung: Gestern titelte die Redaktion auf Seite 1:

Ausriss Bild-Titelseite - Justiz ignorierte Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen

Wie wir bereits gestern geschrieben haben, ist sowohl das „ignorierte“ als auch das „unter Flüchtlingen“ falsch. Und das war nicht nur bei uns Thema, sondern auch bei Süddeutsche.de, bei Tagesschau.de, im „Deutschlandfunk“, im „heute journal“ (ab Minute 9:20) und so weiter.

In „Bild“ und bei Bild.de, wo es dem Chef „grundsätzlich leicht“ falle, „mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben“, ist der eigene Fehler kein Thema. Im Gegenteil:

Ausriss Bild-Zeitung - Seehofer verspricht Aufklärung in Kriegs-Verbrecher-Skandal

Kamen in der Flüchtlingskrise massenhaft Kriegsverbrecher nach Deutschland, ohne dass die Sicherheitsbehörden Hinweisen nachgingen?

Nachdem BILD gestern darüber berichtete hatte, verspricht Bundesinnenminister Horst Seehofer (69, CSU, Foto) Antworten: „Wenn es etwas aufzuarbeiten gibt, wird dies geschehen“, sagte er am Rande eines EU-Innenministertreffens in Brüssel.

Seehofer, selbst massiver Kritiker der damaligen Flüchtlingspolitik, der Bundesregierung, weiter: „Ich lege Wert darauf, dass ich schriftlich einen Bericht bekomme, damit die Öffentlichkeit informiert werden kann, was mit diesen Meldungen geschehen ist.“

Die „Bild“-Redaktion und „Bild“-Chefreporter Peter Tiede tun heute so, als hätten sie die Aufklärung zur Verwirrung um die Hinweise auf Kriegsverbrecher angeschoben, dabei waren sie es, die gestern mit ihrer falschen Seite-1-Überschrift überhaupt erst für die Verwirrung gesorgt haben. Das ist die Transparenz unter Julian Reichelt, über die Mathias Döpfner so jubelt: Das Weglassen eines weiteren Seehofer-Zitats, in dem der Innenminister „Bild“ und Tiede widerspricht, wenn er sagt, die Hinweise seien „nicht einfach von den Sicherheitsbehörden abgelegt worden, sondern natürlich geprüft worden“.

Peter Tiede wiederholt heute noch einmal seine falsche Behauptung, es handele sich um „5000 Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen“:

BILD hatte unter Berufung auf eine Anfrage der FDP-Innenexpertin Linda Teuteberg (37) berichtet, dass beim Bundeskriminalamt seit 2014 zwar mehr als 5000 Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen eingegangen sind — daraus aber nur 129 konkrete Ermittlungen erfolgten.

Wir wiederholen das auch gern noch einmal: Tatsächlich geht es um 5000 Hinweise auf Kriegsverbrecher von Flüchtlingen, die diese in ihren Asylverfahren gegeben haben. Es sind nicht „5000 Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen“. Es können sich mehrere Hinweise auf dieselbe Person beziehen, genauso kann sich ein Hinweis auf eine Personengruppe beziehen. Manche dieser Hinweise sind sehr konkret, mit Namen eines oder mehrerer Beschuldigten. Manche sind aber auch sehr vage, ohne mögliche Ermittlungsansätze für die zuständigen Behörden. Viele der Personen, die in diesen Hinweisen als Kriegsverbrecher beschuldigt werden, befinden sich im Ausland, etwa in Syrien oder dem Irak, und nicht in Deutschland. Das heißt allerdings nicht, dass keine möglichen Kriegsverbrecher als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Es bleibt dabei, auch wenn „Bild“ nichts in Richtung Korrektur unternimmt: Die Seite-1-Überschrift von gestern war Alarmismus und falsch. Lustigerweise fragt die Redaktion heute im Blatt, direkt neben ihrem Kriegsverbrecher-Weiterdreh:

Ausriss Bild-Zeitung - Ständig Alarm, wo eigentlich keiner ist - Wo ist das Problem?

Wo das Problem sitzt, das dazu führt, dass ständig Alarm herrscht, wo eigentlich keiner ist? Unter anderem im Axel-Springer-Hochhaus.

Fakten ignorieren für die Hetzschlagzeile

Heute mal wieder große Panik auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Justiz ignorierte Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen

In der Flüchtlingskrise sind Tausende Hinweise auf mögliche Kriegsverbrecher unter den Asylsuchenden unbearbeitet liegen geblieben!

… schreibt „Bild“-Chefreporter Peter Tiede: Es seien allein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) etwa 5000 solcher Hinweise an die ignorierende Justiz, ans ignorierende Bundeskriminalamt, an den ignorierenden Generalbundesanwalt gegangen. Doch …

Doch nur in 129 Fällen wurden Ermittlungen begonnen! Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine FDP-Anfrage hervor (liegt BILD vor).

Die Zahlen mögen so stimmen. Was Tiede und „Bild“ daraus machen, ist aber eine mittlere Katastrophe. Fangen wir mit dem kleinsten Fehler an, den Tiede in seinem Text untergebracht hat. Er schreibt:

Von 2014 bis Anfang 2019 gab das Bundesamt für Migration (BAMF) demnach etwa 5000 Hinweise auf „Straftaten nach dem Völkerrecht“ an Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt weiter. Von anderen Stellen kamen 2000 Hinweise.

Tatsächlich sind es nicht 2000 Hinweise von anderen Stellen, sondern, so steht es in der Antwort des Innenministeriums, auf das sich Tiede bezieht, 200. Gut, die eine Null. Bei Bild.de haben sie diesen Fehler inzwischen immerhin korrigiert.

Deutlich schwerwiegender ist das Wort „ignorierte“ in der Schlagzeile. Tiedes Rechnung dazu — Tausende Hinweise minus 129 Fälle mit Ermittlung gleich Behördenversagen — ist schlicht zu simpel. Man kann diese zwei Größen nicht einfach gegeneinanderrechnen. Denn erstens bedeutet die Differenz zwischen den zwei Zahlen nicht automatisch, dass etwas „ignoriert“ wurde oder „liegen geblieben“ ist: Nicht jeder Hinweis taugt zwingend für eine Ermittlung. Schließlich sind, zweitens, die Hinweise, die Asylsuchende bei der Befragung in ihrem Asylverfahren geben können, qualitativ extrem unterschiedlich. Ronen Steinke erklärt das gut bei Süddeutsche.de:

Es gilt, folgende Frage zu beantworten, wenn ein Mensch aus Syrien oder dem Irak kommt: „Waren Sie selbst Augenzeuge, Opfer oder Täter von begangenem Völkermord, Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit; Übergriffen (Folter, Vergewaltigungen oder andere Misshandlungen) von kämpfenden Einheiten auf die Zivilbevölkerung; Hinrichtungen bzw. Massengräbern oder Einsätzen von Chemiewaffen?“ Wird dies mit Ja beantwortet, zählt das als „Hinweis“. Auch wenn es kein Geständnis eigener Schuld ist. Sondern oft nur eine Angabe als Zeuge oder Opfer. Das Bamf unterteilt diese vielen „Hinweise“ in fünf Kategorien. Kategorie 1 ist aus Sicht der Strafverfolgung das beste. In diese Kategorie fallen „namentliche Hinweise auf in Europa oder Deutschland befindliche Täter von Kriegsverbrechen“. (…)

Meist fallen die Bamf-Hinweise eher in die Kategorie 2: Der Flüchtling hat Namen genannt, aber keine konkreten Vorwürfe, nach denen sich ermitteln ließe. Oder Kategorie 3: Konkrete Vorwürfe, aber keine Namen. Einen großen Anteil, so heißt es unter Strafverfolgern, mache Kategorie 5 aus: Jemand berichtet als Zeuge von einer Gräueltat in Syrien oder dem Irak — ohne dass es aber einen Bezug zu Personen gäbe, die sich derzeit in Deutschland aufhalten. Mit vielen der 5000 Bamf-Hinweise konnten die Ermittler daher nicht weit kommen.

Diese Definition, was beim Bamf als „Hinweis“ gilt, macht dann auch gleich den zweiten gravierenden Fehler in der „Bild“-Überschrift deutlich: Es handelt sich nicht um „Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher unter Flüchtlingen“, sondern um Tausende Hinweise auf Kriegsverbrecher von Flüchtlingen.

Aber mit solchen Feinheiten machen sie bei „Bild“ eben genau das, was sie anderen so gerne vorwerfen: ignorieren.

Nachtrag, 8. März: Noch ein, zwei Gedanken zu den „Hinweisen auf Kriegsverbrecher“: 5000 Hinweise bedeuten nicht automatisch, dass es sich um 5000 Kriegsverbrecher handelt (und schon gar nicht um 5000 in Deutschland untergetauchte Kriegsverbrecher). Die Zahl sagt erstmal nur, dass es 5000 Hinweise gab. Es können sich mehrere Hinweise auf dieselbe Person beziehen, genauso kann sich ein Hinweis auf eine Personengruppe beziehen. Bei manchen Hinweisen ist, siehe oben, auch gar nicht klar, auf wen sie sich beziehen.

Natürlich ist es gut möglich, dass sich unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, Kriegsverbrecher befinden. Darüber sagt die Zahl, die „Bild“ auf der Titelseite in Spiel gebracht hat, aber nichts aus. Der Großteil der möglichen Kriegsverbrecher soll sich im Ausland aufhalten, meist noch dort, wo das Kriegsverbrechen stattfand (siehe das „heute journal“ von gestern, ab Minute 9:20).

Und noch zum Vorwurf, die Justiz ignoriere die Hinweise: Bundesinnenminister Horst Seehofer widersprach „Bild“ und sagte, die Hinweise seien „nicht einfach von den Sicherheitsbehörden abgelegt worden, sondern natürlich geprüft worden“.

Nachtrag 2, 8. März: „Bild“ berichtet heute noch einmal über die „Hinweise auf Kriegsverbrecher“. Doch nicht etwa in einer Korrektur — Chefreporter Peter Tiede wiederholt den Unsinn einfach noch mal.

„Bild“ spaltet mit Hartz-IV-Vergleich

Wenn die „Bild“-Medien über die vermeintlich hohen Hartz-IV-Bezüge mancher Familien berichten, sammelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den dazugehörigen Facebook-Kommentaren die Wut: „Wenn ich sowas lese! Wozu gehe ich überhaupt noch arbeiten?“ oder „Da werd‘ ich morgen dran denken, wenn um 5 Uhr der Wecker klingt!“ ist dann häufig zu lesen. Manchmal richtet sich der Ärger gegen den Staat, manchmal gegen die Hartz-IV-Empfänger, manchmal beides.

Das liegt auch daran, dass „Bild“ und Bild.de solche Rechnungen anstellen:

Ausriss Bild-Zeitung - Wie viel Schikane steckt in Hartz IV?

Für Hartz IV flossen 2017 insgesamt rund 46 Milliarden Euro/Jahr, 416 Euro/Monat für einen Single plus Miete und Heizung. Eine vierköpfige Familie bezieht (je nach Miethöhe) bis zu 2500 Euro. Wer arbeitet und Steuern zahlt, muss deutlich über 3000 Euro brutto verdienen, um dasselbe zu haben.

Dass Hans-Jörg Vehlewald, Larissa Krüger, Peter Tiede und Ralf Schuler in ihrem Beispiel die zwei Worte „bis zu“ verwenden, ist ausgesprochen trickreich. Möglicherweise kennt das „Bild“-Autorenteam eine vierköpfige Familie, die 2500 Euro Hartz-IV-Leistungen im Monat bezieht. Die Regel ist das ganz sicher nicht.

Jeder der zwei erwachsenen Partner bekommt aktuell 374 Euro — zusammen also 748 Euro. Dazu kommen im „Bild“-Beispiel zwei Kinder. Nehmen wir einen für „Bild“ günstigen Fall: Die Kinder sind 15 und 17 Jahre alt. Dann bekommt die Familie pro Monat pro Kind 316 Euro (wären die Kinder beispielsweise beide jünger als sechs Jahre, gäbe es je Kind nur 240 Euro). Die gesamte Familie bekommt monatlich also 1380 Euro Hartz-IV-Regelleistungen. Allerdings, und das erwähnt das „Bild“-Autorenteam nicht, wird das Kindergeld von insgesamt 388 Euro pro Monat, das der Familie für die zwei Kinder zusteht, als Einnahme komplett angerechnet. Dadurch verringern sich die monatlichen Hartz-IV-Regelleistungen auf 992 Euro.

Hinzu kommen die vom Jobcenter anerkannten Wohnkosten. Für eine vierköpfige Familie betrugen diese deutschlandweit im Juli dieses Jahres im Schnitt 672,30 Euro für 76,46 Quadratmeter (Excel-Tabelle, Tabelle 2b). Natürlich gibt es in den verschiedenen Bundesländern und je nach Stadt- oder Landlage deutliche Unterschiede bei der Höhe der anerkannten Mietkosten.

Durchschnittlich erhält eine vierköpfige Familie also Leistungen in Höhe von 1664,30 Euro pro Monat. Das ist ein gutes Stück entfernt von den 2500 Euro, von denen Vehlewald, Krüger, Tiede und Schuler sprechen. Hinzu kommt bei beiden Beispiel-Familien, ob nun Hartz-IV-empfangend oder arbeitend und steuerzahlend, Kindergeld für zwei Kinder in Höhe von 388 Euro.

Mit diesem Durchschnittswert kann man nur nicht so geschmeidig einen Keil in die Gesellschaft treiben wie mit der „bis zu“-Behauptung der „Bild“-Redaktion.

Mit Dank an Marc W. für den Hinweis!

„Lieber Punk Sänger als provokativ-dümmliche Bild Journalisten“

Bei Bild.de steht seit gestern ein sehr vernünftiger Satz, und allein das wäre ja schon eine Meldung wert:

Lieber Punk Sänger als provokativ-dümmliche, weitgehend talentfreie Bild Journalisten

Dass dieser Satz bei Bild.de steht, ist Flo Hayler zu verdanken, der 2005 in Berlin ein Ramones-Museum eröffnet und vor Kurzem ein Buch über die New Yorker Punkband geschrieben hat. Für Bild.de hat er daraus „8 überraschende Fakten“ über die Ramones zusammengetragen:

Screenshot Bild.de - 8 überraschende Fakten über die legendäre Punk-Band Ramones - Julia Roberts ganz verknallt in C.J. Ramone - und Kiefer Sutherland kochte vor Eifersucht

Darin auch der oben zitierte Satz zu den „provokativ-dümmlichen, weitgehend talentfreien Bild Journalisten“, wobei er genau genommen so lautet:

Lieber (…) Punk (…) Sänger (…) als (…) provokativ-dümmliche, weitgehend talentfreie (…) Bild (…) Journalisten

Denn Hayler hat diese Botschaft in seine Ramones-Fakten eingeschmuggelt. Man muss nur richtig hinschauen:

Screenshot Bild.de - GIF-Datei vom Bild.de-Artikel, die, bei Ausblenden anderer Worte, in verschiedenen Absätzen den Satz Lieber Punk Sänger als provokativ-dümmliche, weitgehend talentfreie Bild Journalisten zeigt

Und nein, wir sind nicht völlig irre geworden und sehen Dinge, die es gar nicht gibt. Flo Hayler hat das genau so vorgehabt. Er hat „Bild“ sogar bei Facebook für die Möglichkeit gedankt, „einen Gruß an die Redaktion“ hinterlassen zu können:

Hallo Bild.
Vielen Dank, dass ich in eurer heutigen Online-Ausgabe ein paar Ramones-Fakten streuen durfte. Hat Spaß gemacht!

Noch mehr Spaß hatte ich aber dabei, in die Absätze einen Gruß an die Redaktion einzubauen, allen voran an Peter Tiede und Julian Reichelt — den größten Wahrheitsverdrehern und Angstschürhasen im Springer-Turm, und das nicht erst seit Chemnitz!

Für Monchi Fromm. Für Feine Sahne Fischfilet. Für K.I.Z.
#wirsindmehr #undbleibensauch

Hayler bezieht sich dabei auf den Versuch von „Bild“, Reichelt und Tiede, das Konzert #wirsindmehr in Chemnitz, bei dem unter anderem Feine Sahne Fischfilet und K.I.Z aufgetreten sind, schlecht dastehen zu lassen.

K.I.Z: Die „Gewalt-Verherrlicher“, die bei „Bild“ Kultstatus haben

Nach gerade mal 50 Sekunden im Song „Wir“ erklärt Nico von K.I.Z eigentlich alles, was „Bild“-Mitarbeiter über die Berliner Hip-Hop-Gruppe wissen muss:

Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen,
wenn ihr bei K.I.Z nicht lacht, ihr Amöben.

„Bild“-Chefreporter Peter Tiede lacht ganz offenbar nicht bei K.I.Z. Stattdessen schreibt er solche Artikel:

Ausriss Bild-Zeitung - Beim Chemnitz-Konzert - 27 Minuten Hass auf Veranstaltung gegen Hass - gemeint ist der Auftritt von KIZ

Es geht um den K.I.Z-Auftritt am Montagabend beim Konzert #wirsindmehr in Chemnitz vor 65.000 Menschen. Tiedes Text ist auch bei Bild.de hinter der Paywall erschienen:

Screenshot Bild.de - Ich ramm die Messer-Klinge in die Journalisten-Fresse - 27 Minuten Hass beim Chemnitz-Konzert gegen Hass

In Deutschland gibt es kaum eine Band, die in ihren Songs so viel Ironie, Sarkasmus, Satire, maßlose Übertreibungen und Parodien einbaut wie K.I.Z. Keine Frage, ihre Texte sind provokant. Aber eben immer mit mehreren Ebenen versehen. Die kann oder will Peter Tiede nicht erkennen.

Er macht es sich dabei ziemlich einfach. Zum Beispiel mit einer Zeile aus dem Song „Urlaub fürs Gehirn“, die „Bild“ groß zitiert:

Ich schleich mich ein bei den Sarrazins, sechs Uhr, alles pennt noch,
Selbstmordattentat!

Tiede übersetzt das alles eins zu eins:

In Bezug auf Thilo Sarrazin rappen sie von einem „Selbstmord-Attentat“.

Und wie wollen die Jungs von K.I.Z dieses Selbstmordattentat begehen, Peter Tiede? Mit einem Sprengstoffgürtel? Einer Autobombe? Oder vielleicht doch durch eine geschickte Selbstexplosion, die durch ein ausgetüfteltes Gemisch von Cola und Mentos-Bonbons herbeigeführt wird?

Die Textstelle, die „Bild“ und Tiede zitieren, endet nämlich gar nicht mit einem Ausrufezeichen nach „Selbstmordattentat“, sondern geht noch weiter:

Ich schleich mich ein bei den Sarrazins, sechs Uhr, alles pennt noch,
Selbstmordattentat, ich trink drei Liter Cola mit Mentos

Wer darin ernsthaft die Ankündigung eines Selbstmordattentats erkennt, denkt auch, dass „Titanic“-Mitarbeiter immer alles ernst meinen und beim „Postillon“ richtige Nachrichten zu finden sind.

Tiede zitiert noch weitere Textpassagen von K.I.Z:

„Ich ramm die Messerklinge in die Journalisten-Fresse“

Und:

„Eva Herman sieht mich, denkt sich: ‚Was’n Deutscher!’/Und ich gebe ihr von hinten wie ein Staffelläufer/Ich fick sie grün und blau, wie mein kunterbuntes Haus/Nich alles was man oben reinsteckt, kommt unten wieder raus.“

Wie gesagt: Die Texte sind zweifelsohne provokant.

Beide zitierten Stellen stammen aus dem Song „Ein Affe und ein Pferd“. Ein Lied, das mit einer Pippi-Langstrumpf-Melodie beginnt, bei dem es im Refrain heißt: „Ich war in der Schule und habe nix gelernt, doch heute habe ich einen Affen und ein Pferd, eine Pferd und einen Affen, ein Pferd und einen Affen, ratatatatatatata, wer will was machen?“ Im Video hüpft ein Pippi-Double rum, die K.I.Z-Mitglieder Nico, Tarek, Maxim und DJ Craft ziehen mit anderen „Taka-Tuka-Ultras“ durch Berlin.

Viel deutlicher kann man nicht in andere Rollen schlüpfen. Aber das erkennt man natürlich nur, wenn man sich nicht dagegen wehrt, es zu erkennen.

Stattdessen legt Tiede zum Ende seines Artikels noch mal richtig los:

Der K.I.Z.-Auftritt: symptomatisch: „Gegen rechts“ dürfen auch Linksradikale und Gewalt-Verherrlicher ran!

Wieder die Spaltung: rechts und links. Die richtige Antwort? Gab die SPD-Geschäftsführerin für Südwest-Sachsen, Sabine Sieble. Im Partei-Blatt „vorwärts“ bemängelt sie schon vor dem Skandal-Auftritt: „eine militante Antifa“, dass „eine Band mit ihren Songtexten und Ansprachen alles tat, um das Motto ins Gegenteil zu verkehren“. Sieble: „Da habe ich geweint. (…) Ich habe aber in dem Moment geweint, als mir bewusst wurde, dass Chemnitz zu einem bloßen Austragungsort im Kampf um die Deutungshoheit eines tragischen Ereignisses wurde.“

Na, gemerkt? Sabine Sieble schriebt gar nicht über den Montag in Chemnitz und den Auftritt von K.I.Z. Peter Tiede deutet das an („bemängelt sie schon vor dem Skandal-Auftritt“), gibt sich aber auch keine große Mühe, es zu verdeutlichen und klarzustellen, worüber Sieble wirklich schreibt. Ihr Text, aus dem der „Bild“-Chefreporter zitiert, ist schon am Montagmittag erschienen — also einige Stunden bevor K.I.Z sie zum Weinen hätte bringen können. Tatsächlich äußert sich Sieble über die Veranstaltung „Herz statt Hetze“, die bereits am Samstag in Chemnitz stattfand. Die Band, die sie erwähnt, muss eine andere sein, vermutlich Egotronic.

Dass K.I.Z in „Bild“ und bei Bild.de nun als Hass-Botschafter und „Gewalt-Verherrlicher“ dargestellt werden, ist übrigens etwas überraschend. Früher haben die „Bild“-Medien völlig anders über die Band geschrieben. Zum Beispiel als sie 2015 bei „Rock am Ring“ aufgetreten ist:

★ Noch ein Gewinner des Wochenendes ★

Die deutsche Musik! Vor allem der Freitag zeigte, wie beliebt deutschsprachige Musik bei den Kids ist. (…)

Auch Acts wie „K.I.Z.“, „Trailerpark“ und „Deichkind“ bewiesen, dass wir in Deutschland absolute Weltspitze sind

Oder 2016 in der Sammlung

Screenshot Bild.de - Protest in der Musik - Diese Künstler sind politisch

K.I.Z — „Hurra, die Welt geht unter“ ft. Henning May

Vor allem im Deutschrap tut sich politisch gerade etwas. Die Band K.I.Z. ist schon länger dafür bekannt, sich zu Gesellschaftsthemen zu äußern. Auf ihrem letzten Album „Hurra, die Welt geht unter“ machen sie das sehr deutlich — vor allem zum Thema Flüchtlinge.

Oder als ein „Bild“-Reporter 2015 zum K.I.Z-Konzert ging:

Screenshot Bild.de - Die Rüpel-Rapper KIZ und ihre Aktion zum Frauentag - Für Berlins versautestes Konzert musste ich mich als Frau verkleiden

Die Berliner Hip-Hop-Band K.I.Z. hat Kultstatus. Unter anderem auch wegen ihrer Texte, die oft ziemlich weit unter die Gürtellinie gehen.

Als all diese Artikel erschienen sind, waren die K.I.Z-Songs „Ein Affe und ein Pferd“ und „Urlaub fürs Gehirn“ längst veröffentlicht. Die Texte der Lieder hat die „Bild“-Redaktion damals offensichtlich nicht gestört.

Dass das nun anders ist, liegt vielleicht aber auch gar nicht an den Texten. Der Artikel von heute ist nur der nächste in einer Reihe von Beiträgen, die das #wirsindmehr-Konzert am Montag in Chemnitz schlecht dastehen lassen.

Für die „Bild“-Redaktion und ihren Chef Julian Reichelt scheint es momentan kaum etwas Bedrohlicheres zu geben als eine Handvoll Bands und ein paar Solo-Musiker, die sich gegen rechten Hass und Neonazis stellen. Seit Tagen versuchen sie bei „Bild“ und Bild.de krampfhaft, #wirsindmehr und die mitwirkenden Künstler zu diskreditieren.

Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf seinem Facebook-Account #wirsindmehr bewarb, fragte „Bild“ am Montag:

Ausriss Bild-Zeitung - Warum wirbt Bundespräsident Steinmeier für Linksradikale Rockband?

Gemeint war die Band Feine Sahne Fischfilet.

Während des Konzerts, bei dem 65.000 Menschen eine gute, friedliche Zeit hatten, ging es bei Bild.de um Probleme rund um das Konzert:

Screenshot Bild.de - Wir sind mehr legt Chemnitz lahm! Schon 50000 Leute da - Öffentlicher Nahverkehr eingestellt - Polizei warnt vor Rückreise Chaos

Nach dem Konzert verbreitete Julian Reichelt bei Twitter ein Gerücht über Jan Gorkow, den Sänger von Feine Sahne Fischfilet:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Auf Twitter kursiert ein Foto von Feine-Sahne-Sänger Gorkow, der in Chemnitz den Hitlergruß zeigen soll. Allerdings weist das Foto am Handansatz zwei auffällige Pixel auf, die auf Montage hindeuten könnten. Handelt es sich um eine Fälschung? Wer kann helfen?

Der Tweet, auf den sich Reichelt dabei bezieht, stammt von einem NPD-Funktionär und Neonazi (über diese problematische Herkunft klärt der „Bild“-Chef natürlich nicht auf). Dieser hatte das Gerücht gestreut. Tatsächlich hat er das Foto, um das es geht, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: Es ist ein Standbild aus einem Video, das die Band bei Instagram hochgeladen hat. Jan Gorkow zeigt dort nicht den Hitlergruß.

Nun könnte es sein, dass Julian Reichelt nicht in der Lage ist, zweieinhalb Minuten selbst zu recherchieren, sodass er bei Twitter um Hilfe bitten muss. Es kann aber auch sein, dass er sich lediglich dumm stellt, und es sich um einen in eine unschuldige Frage gekleideten Versuch handelt, ein bisschen mitzündeln zu können.

Am Dienstag fragte „Bild“ dann noch einmal:

Ausriss Bild-Zeitung - Wie kann der Bundespräsident bloß eine radikale Band empfehlen?

Gemeint war wieder Feine Sahne Fischfilet. In der Zwischenzeit titelte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Für diese Punkrocker warb der Bundespräsident - Die Akte Feine Sahne Fischfilet

Und heute dann eben die K.I.Z-Geschichte.

Wenn das so weitergeht, erfahren wir morgen noch, dass Casper, der ebenfalls in Chemnitz aufgetreten ist, in seinem Song „Sirenen“ rappt: „Denn zehn Flaschen Wein könnten zehn Waffen sein“. Und übermorgen, dass Campino vor drei Jahren mal einen Strafzettel nicht bezahlt hat.

Dazu auch:

Von „Bild“ vermittelter Eindruck vom „Bamf-Skandal“ „täuscht offenbar“

Der Bamf-Skandal hat Deutschland wochenlang in Atem gehalten: Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird gepfuscht, vielen Flüchtlingen wird der Schutzstatus in Deutschland gewährt, obwohl er ihnen nicht zusteht? So lauteten die Schlagzeilen.

Jetzt stellt sich heraus: Dieser Eindruck täuscht offenbar

Das schreibt Bild.de heute:

Screenshot Bild.de - Nur wenige Flüchtlinge haben Bleiberecht erschlichen - Wende im Bamf-Skandal

Die Redaktion bezieht sich dabei auf einen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“, die berichtet, dass von den etwa 43.000 abgeschlossenen Prüfverfahren im ersten Halbjahr 2018 lediglich 307 dazu führten, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) „den Geflüchteten den bereits gewährten Schutzstatus wieder entzog.“ Also: Nur in 0,7 Prozent der untersuchten Fälle musste das Bamf eine positive Entscheidung revidieren. Bei den anderen 99,3 Prozent war der positive Bescheid korrekt.

Dass der „Bamf-Skandal“ Deutschland „wochenlang in Atem gehalten“ habe, wie Bild.de es heute schreibt, ist eine interessante Zusammenfassung. Eigentlich müsste es heißen: Die Angelegenheit hat Teile Deutschlands wochenlang wutschnaubend von Behördenversagen, unfassbarem Betrug und mafiösen Strukturen beim Bamf schreien lassen — alles, ohne Prüfungen wie die nun abgeschlossene abzuwarten. Ganz vorn dabei bei dieser Empörung: die „Bild“-Medien.

Heinz Buschkowsky, der frühere Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, durfte in „Bild“ und bei Bild.de beispielsweise davon schwadronieren, dass es sich bei den Bamf-Missständen um „organisierte Kriminalität“ handele. Die „Bild“-Chefreporter Peter Tiede und Hans-Jörg Vehlewald fragten in „Bild“: „Leben wir eigentlich in einer BAMFNANEN-Republik?“ Und dann gab es noch, neben vielen weiteren Artikeln, diese „Bild“-Titelgeschichte:

Ausriss Bild-Zeitung -Seit 2000 - Asyl-Behörde ließ 46 Islamisten ins Land!

Im Blatt klang das alles ähnlich beunruhigend:

Ausriss Bild-Zeitung -Asylbehörde Bamf ließ 46 Islamisten ins Land! Ein Ermittler zu Bild: Die Liste wird noch länger werden

Oben bedrohliche ISIS-Kämpfer, unten die düstere Prophezeiung, dazu die Schlagzeile auf Seite 1 mit Ausrufezeichen. Und im Text:

Im dramatischen Asyl-Chaos in der Bremer BAMF-Außenstelle kommt nun auch noch heraus: Seit dem Jahr 2000 haben in der Skandal-Behörde mindestens 115 „nachrichtendienstlich relevante Personen“ einen Schutzstatus in Deutschland erhalten!

Darunter sollen auch 46 Islamisten sein, bei denen nicht ausgeschlossen werden könne, dass es sich um „terroristische Gefährder“ handele.

Jaja, das kann „nicht ausgeschlossen werden“ — wenn man im Sinne einer knalligen und verkaufsträchtigen Titelgeschichte die Prüfung des Verfassungsschutzes nicht abwarten möchte. Dort hat man nämlich 18.000 Personen, die von der Bremer Bamf-Außenstelle seit dem Jahr 2000 Asyl erteilt bekommen haben, überprüft. Ergebnis: ein Gefährder, wie das WDR-Magazin „Monitor“ berichtet.

Tatsächlich tauche in einer Antwort des Bundesinnenministeriums auch die Zahl 46 auf. Allerdings handele es sich dabei um sogenannte „Kontakt- und Umfeldpersonen“, die bei der Prüfung aufgefallen seien. Das können auch völlig unbescholtene Geschwister, Eltern, Geschäftspartner, sogar Nachbarn sein.

„Bild“ und Angst? Niemals!

Nach dem Terroranschlag in Barcelona hat „Bild“-Chefreporter Peter Tiede beobachtet, dass er selbst deutlich schneller zur Tagesordnung zurückkehre als noch vor wenigen Jahren. Es sei „ALLTAG TERROR“:

Ausriss Bild-Zeitung vom 19. August 2017 - Alltag Terror - Weil wir nicht in Angst erstarren, geht die ISIS-Strategie nicht auf!

Tiede schreibt, dass er nicht mehr, wie früher, vor dem Fernseher sitze und „mit den Opfer-Ländern“ weine. Er fragt sich:

Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, dass das nicht mehr so ist?

Eine erste Antwort liefert Angstforscher Borwin Bandelow:

Der Angstforscher Borwin Bandelow (65) beruhigt: „Niemand muss sich schuldig fühlen, weil er schnell zur Tagesordnung übergeht nach Anschlägen wie nun in Barcelona.“ Er meint sogar: „Wir gehen in gewisser Weise jetzt rationaler und richtiger mit Anschlägen um, als zu Beginn der ISIS-Terror-Serie in Europa.“

Eine weitere Antwort kommt von Kriminal-Psychologe Christian Pfeiffer:

Am Ende hat Professor Pfeiffer den ultimativen Trost: „Unsere gesunde Psyche schützt uns vor den Irren der ISIS: Sie bewahrt uns davor, irrational, panisch oder überängstlich zu reagieren — also den ISIS-Plan zu erfüllen. Indem wir eben nicht in Angst und Panik verfallen, geht deren Strategie nicht auf.“

Alles klar — es wäre also falsch, in Angst zu erstarren, denn das ist der Plan der Terroristen des sogenannten IS. Und noch schlimmer wäre es wohl, diese Angst auch noch zu verbreiten, denn dann würde man den Terroristen ja sogar beim Aufgehen ihres Plans helfen.

Am 21. Dezember 2016, zwei Tage nach dem Terroranschlag auf den Berliner Breitscheidplatz, sah die „Bild“-Titelseite so aus:

Ausriss der Bild-Titelseite vom 21. Dezember 2016 - In riesigen Buchstaben Angst - Mindestens 12 Tote - Bewaffneter Täter nach Blutbad geflohen - Was im LKW geschah - ISIS bekennt sich zum Anschlag - BKA-Chef warnt: Erhöhtes Attentats-Risiko - Die Welt trauert mit Berlin
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Mit Dank an @j_goeb für den Hinweis!

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