Fast 400 Autoren “geklaut”, “Nius”-Werbung, Investigativ wird riskanter

1. Fake-Redaktion der “Ostdeutschen Allgemeinen”: Fast 400 Autoren “geklaut”
(volksverpetzer.de, Matthias Meisner)
Matthias Meisner kritisiert die “Ostdeutsche Allgemeine Zeitung” (“OAZ”) von Verleger Holger Friedrich wegen einer offenbar falschen Autoren- und Redaktionsliste. Zum 100-Tage-Jubiläum der “OAZ” seien auf deren Website mehr als 400 Personen als Teil der “Redaktion” aufgetaucht, obwohl viele noch nie für das Medium geschrieben hätten. Die “OAZ” habe von einem “technischen Fehler” gesprochen und die Liste später drastisch reduziert. Meisner deutet den Vorgang als Versuch, sich mit fremden Namen Seriosität zu verschaffen.

2. Weil wir Reichelt lieben
(taz.de, Lilly Schröder & Anna Simbürger)
Wie die “taz” berichtet, gibt es Proteste gegen “Nius”-Werbung in Berliner BVG-Verkehrsmitteln. “Nius” werbe dort für sich mit Anti-Öffentlich-Rechtlichen-Slogans. Gegen diese Form der Zusammenarbeit hätten sich nun Organisationen wie Campact, dju/Verdi und Initiativen wie “Springer raus aus der BVG” ausgesprochen. Die BVG verweise auf externe Vermarkter und rechtliche Prüfungen, räume aber ein, dass die Kampagne intern diskutiert worden sei.

3. Das sind die Preisträger*innen der RSF Press Freedom Awards 2026
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Organisation Reporter ohne Grenzen würdigt die Preisträgerinnen und Preisträger der RSF Press Freedom Awards 2026, die beim World News Media Congress in Marseille verliehen wurden. Ausgezeichnet wurden Journalistinnen und Journalisten, die trotz Haft, Gewalt, Drohungen oder Exil weiter für unabhängige Berichterstattung kämpfen und stehen. Die Preise seien unter anderem an den in Myanmar inhaftierten Fotojournalisten Sai Zaw Thaike, den mosambikanischen Investigativjournalisten Carlitos Cadangue, die argentinische Journalistin Julia Mengolini, den verschwundenen guineischen Journalisten Habib Marouane Camara und den palästinensischen Fotografen Abdul Hakim Abu Riash gegangen.

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4. Investigatives wird riskanter
(kontextwochenzeitung.de)
In eigener Sache berichtet die “Kontext”-Redaktion über einen verlorenen Rechtsstreit gegen einen früheren AfD-Mitarbeiter aus dem rechtsextremen Umfeld. Dabei sei es um veröffentlichte Chatprotokolle gegangen, deren Authentizität frühere Gerichte für plausibel gehalten hätten. Das Oberlandesgericht Frankfurt habe die Beweislage jedoch anders bewertet und mehr Darlegungen zur Quelle verlangt. Weil “Kontext” aus Gründen des Informantenschutzes keine weiteren Angaben machen wollte, wurde die Zuordnung der Zitate untersagt und eine Entschädigung von 25.000 Euro zugesprochen. Der Bundesgerichtshof habe die Beschwerde dagegen nicht zugelassen, sodass das Urteil rechtskräftig sei. “Kontext” bilanziert: “Unserer Einschätzung nach verschiebt sich mit diesem Urteil etwas: Wenn allein die technische Möglichkeit einer Manipulation dazu führt, dass Gerichte mehr über Informantinnen und Informanten erfahren wollen, um die Authentizität festzustellen, gefährdet das den Quellenschutz. Für Redaktionen, die ihre Quellen schützen, kann es teuer werden. Investigativer Journalismus wird riskanter.”

5. Hacker bringen Meta-KI dazu, fremde Instagram-Accounts herauszugeben
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter berichtet über eine gravierende Sicherheitslücke beim KI-gestützten Support-Chatbot von Meta. Hacker hätten den Bot offenbar dazu bringen können, Verifikationscodes an neu angegebene Mailadressen zu schicken. Dadurch hätten sie fremde Instagram-Accounts übernehmen können. Betroffen gewesen seien unter anderem prominente Accounts wie das White-House-Profil von Barack Obama, aber auch normale Nutzerinnen und Nutzer. Meta habe die Lücke bestätigt und inzwischen geschlossen.

6. “Deutschland der Extreme” muss makuliert werden
(boersenblatt.net)
Das “Börsenblatt” meldet den Lieferstopp und Rückruf des Buches “Deutschland der Extreme” von “Stern”-Journalist Martin Debes. Der Buchhandel werde aufgefordert, keine Exemplare mehr zu verkaufen oder weiterzugeben, vorhandene Bestände sollen zurückgeschickt oder mit Nachweis vernichtet werden. Auslöser sei ein rechtliches Vorgehen der früheren AfD-Politikerin Frauke Petry, die über ihren Ehemann als Anwalt eine Unterlassungserklärung gefordert habe.

KI-Berichterstattung, Leitmedium der Neuen Rechten, Vertical Dramas

1. “KI wird von wenigen Konzernen dominiert”
(journalist.de, Sonja Peteranderl)
Im Interview kritisiert Markus Beckedahl, dass die Berichterstattung über Künstliche Intelligenz oft wie ein Wettrennen zwischen Konzernen erzählt werde, statt Machtfragen, Abhängigkeiten und Interessen offenzulegen. KI werde von wenigen US-Konzernen dominiert, Europa habe zu wenig in offene, gemeinwohlorientierte Alternativen investiert. Für Medien sei das doppelt gefährlich: Sie würden KI-Werkzeuge nutzen, sich aber zugleich von Plattformen abhängig machen, die ihre Inhalte verwerten und politisch unter Druck geraten könnten.

2. Außen bürgerlich, innen radikal
(taz.de, Andreas Speit)
Zu deren 40-jährigem Bestehen ordnet Andreas Speit die “Junge Freiheit” als äußerlich bürgerlich auftretendes, ideologisch aber radikales Leitmedium der Neuen Rechten ein. Die Zeitung begleite die AfD seit deren Gründung und fungiere laut Experten als inoffizielles Sprachrohr der Partei. Zugleich warne die “Junge Freiheit” taktisch vor zu radikalen Positionen, wenn diese AfD-Wahlerfolge gefährden könnten.

3. Eltern und Mitschüler sollen es richten
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Markus Reuter kritisiert, dass die Bildungsministerkonferenz bei digitaler Medienkompetenz kaum konkrete Schritte beschließen wolle. Laut einem Entwurf, über den “Tagesspiegel Background” (nur mit Abo lesbar) berichtet, sähen die Ministerinnen und Minister vor allem die Eltern in der Verantwortung, da problematische Social-Media-Nutzung meist außerhalb der Schule stattfinde. Schulen sollen zwar einen Beitrag leisten, doch konkrete Maßnahmen, Pflichtstunden oder verbindliche Ausbauziele fehlen offenbar.

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4. Lokaljournalismus in Sachsen und Sachsen-Anhalt: Mehr als AfD und Nachrichtenwüste
(ardsounds.de, Sophie Morár, Audio: 26:11 Minuten)
“BR24 Medien” beschäftigt sich mit den Fragen, warum lokale Medien als demokratische Kontrollinstanz wichtig sind und warum sie in Teilen Ostdeutschlands besonders unter Druck stehen. Neben Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten geht es um praktische Probleme wie Personalmangel, Kostendruck und veränderte Mediennutzung. Zugleich präsentiert die Folge Gegenmodelle: Etwa das Vogtlandradio oder das neue detektor.fm-Projekt “Dazwischen”, das in Sachsen-Anhalt lokale Lücken mit hintergründiger Berichterstattung schließen will.

5. Wie wir das Suchen neu erfinden – und das Finden revolutionieren
(frankfurterallgemeine.de)
Wie die “FAZ” in eigener Sache berichtet, führe FAZ.net eine neue KI-gestützte Suche ein. Diese solle nicht mehr nur exakte Stichworte finden, sondern Sinnzusammenhänge verstehen und natürliche Fragen beantworten können. Die Technik sei laut “FAZ” im eigenen Archiv entwickelt worden und umfasse zunächst die Berichterstattung der vergangenen zwölf Monate. Aus den Artikeln generiere die Suche Antworten, die nach Relevanz oder Aktualität sortiert werden können.

6. Billig, schnell und hochvolumig: Der Siegeszug der Hochkant-Serien
(dwdl.de, Torsten Zarges)
Bei “DWDL” berichtet Torsten Zarges von dem stark wachsenden Serientrend der Vertical Dramas. Dabei handelt es sich um hochkant gefilmte, extrem kurze Episoden, meist fürs Smartphone, oft mit melodramatischen Geschichten, Cliffhangern und Micropayments. Der Trend komme vor allem aus China, wo die Erlöse bereits die Kinoeinnahmen überträfen, und könnte die nächste industrielle Form mobilen Serienkonsums werden.

Pulshochtreiber ZDF, Plattformen schludern, Lackaffe für 100 Euro

1. Wie das ZDF den Puls hochtreibt, statt ihn zu messen
(belltower.news, Patrick Gensing)
Patrick Gensing kritisiert die ZDF-Doku “System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?” als stark zugespitzt und teilweise irreführend. Zwar behandle die Sendung reale Probleme, verbinde aber Zahlen zu Bürgergeld, offenen Stellen, Migration und Kosten so eng, dass ein pauschaler Verdacht gegen Leistungsbezieherinnen und -bezieher entstehe. Gensings Fazit: “Das ZDF will mit ‘Am Puls’ offenbar zeigen, was Menschen bewegt. Doch der Puls einer Gesellschaft ist nicht nur Empörung. Er besteht auch aus Unsicherheit, Überforderung, Angst vor Abstieg, tatsächlicher Ungerechtigkeit, Ressentiments, politischer Instrumentalisierung und fehlender Kenntnis von Details.”

2. Plattformen schludern bei Hassrede und Accountsperren
(netzpolitik.org, Denis Glismann)
Denis Glismann fasst den zweiten Transparenzbericht (PDF) des Appeals Centre Europe zusammen, einer außergerichtlichen europäischen Schlichtungs- und Beschwerdestelle für Social-Media-Inhalte. Demnach würden Plattformen wie TikTok, Instagram, Facebook und YouTube ihre eigenen Regeln gegen Hassrede, Gewalt und Kriminalität oft fehlerhaft umsetzen: Gemeldete Hassrede bleibe häufig online, während andere Inhalte oder Accounts teils zu Unrecht gelöscht oder gesperrt würden.

3. Prozess um Kanzler-Beleidigung endet glimpflich: Der “Lackaffe” für Merz kostet nur 100 Euro
(tagesspiegel.de, Jost Müller-Neuhof)
Der “Tagesspiegel” berichtet über ein Verfahren wegen einer Beleidigung auf Facebook, die sich gegen Bundeskanzler Friedrich Merz gerichtet habe. Ein Nutzer habe Merz im Zusammenhang mit einem Polizeipost als “Lackaffen” bezeichnet. Das Amtsgericht Heilbronn habe das Verfahren gegen eine Geldauflage von 100 Euro eingestellt. Jost Müller-Neuhof ordnet den Fall in die Debatte um Paragraf 188 StGB ein, der Politikerinnen und Politiker besonders gegen Beleidigungen schützt, aber auch als Einschränkung der Meinungsfreiheit gesehen werden kann.

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4. “Meine Aufgabe ist, dass Leute mit Respekt und Neugierde auf die Welt blicken”
(uebermedien.de, Annika Schneider, Audio: 47:25 Minuten)
Bei “Nice & Nötig” ist die Journalistin Sham Jaff zu Gast, die in ihrem Newsletter “What Happened Last Week” seit 2014 über Geschichten aus Weltregionen schreibt, die in deutschen Medien oft untergehen. Das Gespräch dreht sich um die Fragen: “Welche Geschichten verpassen wir eigentlich, während unsere Nachrichtenseiten voll sind mit Meldungen aus den USA und dem Nahen Osten, Russland und der EU? Was passiert gerade in Laos, dem Sudan oder Venezuela?”

5. »Das würde ich heute nie mehr so machen«
(spiegel.de)
Der “Spiegel” berichtet über Wim Wenders‘ Reaktion auf die Kritik von Nastassja Kinski an einer Nacktszene in Wenders Film “Falsche Bewegung” von 1975. Kinski war damals 13 Jahre alt und versuche seit Jahren, die Szene entfernen zu lassen. Wenders habe beim Deutschen Filmpreis gesagt, er würde die Szene heute “nie mehr so machen”, sehe die Frage aber auch als Grundsatzproblem des Filmerbes: Darf oder soll man alte Filme nachträglich ändern, wenn eine beteiligte Schauspielerin darunter leidet?

6. Die teuerste (und unbeliebteste) Unterhaltungsendung Deutschlands
(dwdl.de, Christian Richter)
Christian Richter zeichnet die kurze Geschichte von Frank Elstners ZDF-Show “Nase vorn” nach, die nach “Wetten, dass..?” als nächster großer Samstagabend-Meilenstein angekündigt worden sei. Trotz riesigem Aufwand sei die Sendung an einem überladenen, komplizierten Konzept gescheitert und von Publikum und Presse verrissen worden. Spätere Umbauten hätten die Show klarer gemacht, ihr Image aber nicht retten können. Die Pointe: “Nase vorn” gelte bis heute als großer TV-Flop, obwohl sie zeitweise immer noch Quoten erzielt habe, von denen heutige Unterhaltungsshows nur träumen können.

KW 22/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Ist das NSDAP-Recherchetool des “Spiegel” wirklich verlässlich?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 17:42 Minuten)
Holger Klein unterhält sich mit Eva-Maria Schnurr, Leiterin des “Spiegel”-Geschichtsressorts, über das breit beworbene, durchaus auch mit Fehlern behaftete NSDAP-Recherchetool (nur mit Abo nutzbar): “Warum hat sich die Redaktion trotzdem für die Veröffentlichung einer unfertigen Datenbank entschieden? Warum steht das Tool, das auf öffentlichen Daten basiert, hinter der Paywall? Und geht die Relevanz der NSDAP-Datenbank über die der eigenen Familiengeschichte hinaus?”

2. Macht, Medien, Midterms
(youtube.com, Gregor Peter Schmitz, Video: 53:51 Minuten)
“Ein gespaltenes Land, ein aufgeheizter Wahlkampf: Wie wird über die USA vor den Midterms berichtet – den Zwischenwahlen, die für den Präsidenten entscheidend sind?” Darüber unterhält sich “Stern”-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz mit der deutsch-amerikanischen Politologin Cathryn Clüver Ashbrook und den “Stern”-Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann und Leonie Scheuble.

3. Jung, blond, rechts … & KI-generiert
(youtube.com, Katharina Nocun, Video: 34:41 Minuten)
Katharina Nocun zeigt in ihrem re:publica-Vortrag, wie KI-generierter Content das politische Vorfeld der extremen Rechten verändert. Sie beschreibt eine Flut aus KI-Videos, Fake-Influencerinnen, erfundenen Talkshows, manipulierten Straßenumfragen, Meme-Ästhetiken und KI-Bildern. Nocuns Kernthese: Social Media werde durch Künstliche Intelligenz immer stärker zu einem Raum, in dem Fakt und Fiktion verschwimmen, und davon profitiere vor allem die rechtsextreme Szene.

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4. Lob der Presseschau
(youtube.com, Dax Werner & Moritz Hürtgen, Audio: 31:32 Minuten)
Im “Bohnigen Wachmacher” sprechen Dax Werner und Moritz Hürtgen satirisch über die geplante Programmreform beim Deutschlandfunk (DLF). Sie zeigen Verständnis für Veränderung, fürchten aber, dass durch größere Programmstrecken und neue Formate wie eine Drive Time geliebte Nischenformate an Eigenständigkeit verlieren könnten. Besonders verteidigen sie die DLF-Presseschau als langsames, eigenwilliges und gerade deshalb wertvolles Format. Die Sorge der beiden: Der besondere Deutschlandfunk-Sound könnte durch Reformen glatter und beliebiger werden.

5. Zur Lage des Journalismus – Im Gespräch mit Heribert Prantl
(youtube.com, Alexander Warzilek, 1:00:20 Stunden)
In dem Gespräch mit Heribert Prantl geht es um die Zukunft des Journalismus und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Prantl verteidigt ein starkes öffentlich-rechtliches System und spricht sich gegen eine Budgetfinanzierung aus. Öffentlich-rechtliche Medien sollten aus seiner Sicht nicht ausgehungert, sondern journalistisch gestärkt werden. Zugleich warnt Prantl davor, junge Zielgruppen mit zu stark vereinfachten Formaten zu unterschätzen. Öffentlich-rechtlicher Journalismus müsse zugänglich sein, dürfe aber nicht banal werden.

6. Russland ohne Internet
(yotube.com, Masha Borzunova, Video: 20:01 Minuten)
Die russische Exiljournalistin Masha Borzunova beschreibt in ihrem Arte-Beitrag, wie Russland seine digitale Abschottung weiter verschärfe. Neben blockierten oder gedrosselten Plattformen wie Instagram, YouTube, Twitter/X, WhatsApp und Telegram komme es inzwischen in vielen Städten zu Internetabschaltungen. Offiziell geschehe dies aus Sicherheitsgründen gegen Drohnenangriffe. Aber selbst regierungsnahe Blogger und Propagandisten würden an diesen Erklärungen zweifeln und einen Kurs Richtung “souveränes” russisches Internet fürchten.

AfD-Pläne gefährden Medienpolitik, Perspektivenvielfalt, TV-Piraterie

1. Journalist wehrt sich gegen Staatstrojaner-Angriff
(netzpolitik.org, Constanze Kurz & Andre Meister)
Constanze Kurz und Andre Meister berichten bei netzpolitik.org, dass der deutsch-vietnamesische Journalist Trung Khoa Lê gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) Strafanzeige wegen eines mutmaßlichen Staatstrojaner-Angriffs gestellt habe. Unbekannte Täter sollen versucht haben, ihm über einen Link die Spyware “Predator” aufzuspielen, mutmaßlich wegen seiner kritischen Recherchen zur vietnamesischen Regierung. Die GFF sehe darin einen Angriff auf Privatsphäre, IT-Grundrecht, Fernmeldegeheimnis und journalistischen Quellenschutz.

2. AfD-Pläne gefährden Medienpolitik
(verdi.de, Volker Nünning)
Volker Nünning warnt, dass mögliche AfD-Regierungen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern die Medienpolitik der Länder destabilisieren könnten. Hintergrund seien Ankündigungen der Partei, Staatsverträge im Medienbereich zu kündigen, was neue bundesweite Regelungen etwa zum Digitale-Medien-Staatsvertrag, zu KI in der Medienaufsicht, zum European Media Freedom Act und zur politischen Werbung erschwere.

3. Trump klagt nach Schlappe weiter gegen “Wall Street Journal”
(taz.de)
Donald Trump setze seine Klage gegen das “Wall Street Journal” (“WSJ”) wegen eines Berichts über ein angebliches Gratulationsschreiben an Jeffrey Epstein fort. Nachdem eine erste Klage von einem Gericht vorläufig abgewiesen worden sei, habe Trump nun eine überarbeitete Klage eingereicht und werfe der Redaktion weiterhin Verleumdung und böswilliges Handeln vor. Das “WSJ” hatte über ein angebliches Schreiben zu Epsteins 50. Geburtstag berichtet, das Trumps Namen tragen soll. Dieser bestreite die Urheberschaft und fordere Schadensersatz in Milliardenhöhe.

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4. 160.000 Euro gegen 15.000 Euro – ein Podiumsgespräch erschüttert die Buchbranche
(fr.de, Sven Trautwein)
Sven Trautwein beschreibt die nach wie vor anhaltende Debatte in der Buchbranche, die durch eine Podiumsdiskussion auf der re:publica ausgelöst wurde: Hanno Sauer und Mareice Kaiser verglichen öffentlich ihre Buchvorschüsse. Sauer nannte 160.000 Euro, Kaiser 15.000 Euro. Die Differenz sei ein Beispiel für größere Ungleichheiten im Literaturbetrieb, so Trautwein. Nebenbei liefert der Text noch eine Seiteninfo, die in der bisherigen Debatte fehlte: Der Betrag von 160.000 Euro bezog sich anscheinend auf ein Paket von zwei Büchern.

5. Perspektivenvielfalt – Wer in Medien zu Wort kommt
(deutschlandfunk.de, Martin Krebbers, Audio: 31:45 Minuten)
Im Deutschlandfunk (DLF) kommen regelmäßig Hörerinnen und Hörer zu Wort. Manchmal liefern sie sogar die Idee für eine ganze Sendung und tauschen sich darin mit Expertinnen und Experten aus. In dieser Folge des Podcasts “Nach Redaktionsschluss” geht es um das Thema Perspektivenvielfalt und die Fragen: “Wer kommt in Medien zu Wort? Wie stellt ausgewogener Journalismus Perspektivenvielfalt her?” DLF-Hörer Michael Lamparter diskutiert darüber mit Joachim Dorfs (“Stuttgarter Zeitung”) und Sarah Zerback (DLF).

6. Über sieben Millionen Deutsche streamen illegal
(spiegel.de)
Laut einer Studie des Branchenverbands Vaunet zu illegalem TV-Streaming hätten 2025 rund 7,7 Millionen Menschen in Deutschland illegale Angebote genutzt, um lineares Fernsehen zu schauen. Besonders verbreitet sei dies bei Jüngeren, auch weil illegale Streams inzwischen bequem über Smart-TVs, Streamingboxen oder Smartphones nutzbar seien. Der Verband beziffere den Schaden für die Branche auf mehr als 1,5 Milliarden Euro.

Kleistern gegen Bedeutungslosigkeit, Gesetz gegen SLAPPs, Weimers Flut

1. Kleistern gegen die Bedeutungslosigkeit
(taz.de, Hanno Fleckenstein)
Die “taz” berichtet über eine Werbekampagne des rechten Krawallportals “Nius” in Berliner U-Bahnen, die online Kritik und eine Petition ausgelöst habe. “taz”-Autor Hanno Fleckenstein ordnet die Werbekampagne als Versuch ein, mangelnde Reichweite zu kompensieren: “Nius” habe laut Branchendaten deutlich sinkende Klickzahlen, schreibe rote Zahlen und sei stark von Geldgeber Frank Gotthardt abhängig.

2. Gesetz gegen Einschüchterungsklagen: SLAPPS
(verdi.de)
Die Gewerkschaft Verdi wirbt für ein wirksames deutsches Gesetz gegen SLAPPs, also Einschüchterungsklagen gegen Journalistinnen, Journalisten und andere kritische Stimmen. Zwar habe die EU ihre Mitgliedstaaten verpflichtet, gegen derartige missbräuchlichen Klagen vorzugehen, der deutsche Gesetzentwurf sei jedoch so stark abgeschwächt worden, dass er kaum noch Schutz biete. Verdi ruft deshalb zu einer Aktion auf: “Schreib Deinen Wahlkreisabgeordneten von CDU/CSU, um sie umzustimmen. Nur, wenn möglichst viele Unions-Abgeordnete das Problem anerkennen, kann ein wirksames Gesetz gegen SLAPPs kommen. Mach mit!” (Musterbrief)

3. Wolfram Weimer: “Die Flut, die da kommt, wird alle Boote heben”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Im Interview mit “DWDL” verteidigt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die neue Investitionsverpflichtung für Mediendienste als großen Schub für den Produktionsstandort Deutschland. Neben 250 Millionen Euro Bundesfilmförderung sollen Streamer, private Sendergruppen und Öffentlich-Rechtliche künftig stärker verpflichtet werden, in deutsche Produktionen zu investieren. Weimer erwartet bis zu 15 Milliarden Euro an Investitionen in fünf Jahren und spricht von einem “Filmbooster”. Teils offene Fragen bleiben bei der tatsächlichen Wirkung der Quoten, möglichen Ausweichstrategien internationaler Anbieter und der Durchsetzung bei Nichterfüllung.

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4. Sozialverband reicht Programmbeschwerde gegen ZDF-Dokumentation ein
(medien.epd.de)
Der Verein Sanktionsfrei habe Programmbeschwerde gegen die ZDF-Dokumentation “Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?” eingereicht. Die vor zwei Wochen ausgestrahlte Sendung arbeite wiederholt mit außergewöhnlichen Einzelfällen, ohne diese ausreichend statistisch einzuordnen, und erwecke so den Eindruck, Sozialleistungsbetrug sei weit verbreitet. Sozialverbände, Armutsforschung oder die Bundesagentur für Arbeit kämen kaum zu Wort. Helena Steinhaus, Gründerin von Sanktionsfrei, kritisiert: “Gerade öffentlich-rechtliche Formate tragen eine besondere Verantwortung, gesellschaftlich sensible Themen faktenbasiert und differenziert darzustellen.”

5. Meta startet kostenpflichtige Plus-Modelle
(spiegel.de)
Der Social-Media-Konzern Meta führe weltweit kostenpflichtige Plus-Modelle für Instagram, Facebook und WhatsApp ein. Die Abos sollen Zusatzfunktionen bieten, etwa bessere Statistiken, Story-Analysen, Profilanpassungen, Premium-Sticker und individuelle Klingeltöne. Konkrete Preise nenne Meta noch nicht. Verschiedene Medien würden von etwa 3,99 Dollar monatlich für Instagram Plus und Facebook Plus sowie 2,99 Dollar für WhatsApp Plus berichten. Ziel sei offenbar, zusätzliche Einnahmequellen neben Werbung aufzubauen.

6. Wie “Germany’s Next Topmodel” ein Exempel statuierte
(rhein-zeitung.de, Celina de Cuveland)
Celina de Cuveland erklärt anhand einer Erfahrung beim Finale von “Germany’s Next Topmodel” 2017, warum journalistische Absprachen wie Sperrfristen wichtig seien. Damals hätten Medien Ergebnisse der Liveshow wegen einer technischen Verzögerung erst mit einigen Minuten Versatz veröffentlichen dürfen. Eine Kollegin habe diese Absprache gebrochen und sei sofort aus der Veranstaltungshalle begleitet worden. De Cuvelands Fazit: “Wenn wir als Journalisten uns bewusst nicht an Absprachen halten, sollte das einen triftigen Grund haben oder das öffentliche Interesse sollte die Entscheidung rechtfertigen. Das hat nichts mit Angst oder Einflussnahme zu tun – sondern vielmehr mit Fairness, die in unserem Beruf relevant ist.”

7. Hitzeberichte ohne Hinweis auf die Klimakrise?
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 4:23 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins kritisiert der “6-vor-9”-Kurator, dass ARD und ZDF über die aktuelle Hitzewelle in Westeuropa ausführlich berichten, sie aber laut der Initiative “Klima vor acht” nicht als Folge der Klimakrise einordnen würden. Wenn Medien die Klimakrise aus der Berichterstattung ausblenden, erleichtere dies der Politik den Weg, die Klimaziele aufzuweichen.

Friedrich und der AfD-Kongress, Desinformation, Apotheken Umschau

1. Verleger Holger Friedrich spricht bei “Demokratiekongress” der AfD
(volksverpetzer.de, Matthias Meisner)
Matthias Meisner kritisiert, dass Verleger Holger Friedrich beim geplanten “Demokratiekongress” der AfD im Bundestag auftreten will. Meisner ordnet dies als weiteren Beleg dafür ein, dass Friedrichs “Ostdeutsche Allgemeine” rechtsextreme und rechtsradikale Akteure hofiere. Experten sähen Friedrichs Teilnahme an dem Kongress nicht als Debattenbeitrag, sondern als problematische Normalisierung demokratiefeindlicher Kräfte.

2. “Desinformation gefährdet Leben”
(verdi.de, Till Schmidt)
Im Interview blickt Johannes Hillje auf den medialen Umgang mit der AfD, konkret auf das SWR-Triell mit Markus Frohnmaier (AfD), Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU). Die Konstellation habe der AfD geholfen, sich als Gegenpol zu “allen anderen” zu inszenieren, statt die Unterschiede zwischen den möglichen Ministerpräsidenten herauszuarbeiten. Hillje plädiert dafür, die AfD nicht pauschal auszuschließen, sie aber auch nicht wie eine normale Partei zu behandeln.

3. Wie geht Innovation im Lokaljournalismus?
(medientage.de, Petra Schwegler)
Petra Schwegler gibt einen Überblick über Innovationen im Lokaljournalismus und nennt drei zentrale Entwicklungen: den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Redaktion, Produktion und Distribution, neue Modelle für Community, Finanzierung und Vertrauen sowie die Frage, wie Lokalmedien ihre Rolle als demokratische Infrastruktur sichern können. Lokale Medien würden nicht allein durch mehr Inhalte zukunftsfähig, sondern bräuchten bessere Werkzeuge und stärkere Communities.

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4. Was KI mit dem Journalismus macht: Zwischen Effizienz, Entmündigung und Reichweitenverlust
(ardsounds.de, Jonathan Schulenburg, Audio: 28:50 Minuten)
Im Podcast “BR24 Medien” geht es um die Frage, wie KI den Journalismus verändert: als Werkzeug für effizientere Redaktionsarbeit, aber auch als Machtfrage. Auf der re:publica hätten Expertinnen und Experten darüber diskutiert, wer künftig die Informationsinfrastruktur kontrolliert, wer an journalistischen Inhalten verdient und wie Medien durch KI-Suchsysteme Reichweite und Refinanzierung verlieren. Christian Schiffer spricht von “KI-Kapitalismus”, Matthias Spielkamp kritisiert Googles KI-Übersichten als unfairen Deal zulasten der Verlage.

5. Newsletter Netzwerk Recherche 257
(netzwerkrecherche.org, Lena Wrba & Barbara Junge)
Der Newsletter des Netzwerk Recherche blickt auf das bevorstehende Jahrestreffen NR26 in Hamburg sowie auf das 25-jährige Bestehen des Vereins. Im Mittelpunkt stehen die Rolle von investigativem Journalismus, Lokaljournalismus, Datenjournalismus und Klimajournalismus in einer angespannten politischen und medialen Lage. Außerdem bündelt der Newsletter viele Hinweise zu Rechercheförderung, Pressefreiheit, Informationsfreiheit, lokalen Recherchen, internationalen Projekten, Preisen, Stipendien und Weiterbildungen.

6. 70 Jahre Apotheken Umschau: Hochwertige Fachinformationen für alle
(dfjv.de, Ulrike Bremm)
Dennis Ballwieser, Chefredakteur der “Apotheken Umschau”, erzählt im Interview, wie sich das Magazin zum 70-jährigen Bestehen als modernes Gesundheitsmedium neu positioniert hat. Ballwieser betont den Anspruch, geprüfte medizinische Informationen verständlich und alltagsnah zu vermitteln, damit Patientinnen und Patienten besser mit Ärztinnen und Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern sprechen können. Weitere Themen sind die stärkere Ausrichtung auf Frauengesundheit, einfache Sprache, digitale Kanäle und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

ARD-Studio Kiew beschädigt, Weimers Absprachen, Geldscheine als Waffe

1. ARD-Studio Kiew massiv beschädigt
(tagesschau.de)
Bei einem schweren russischen Drohnen- und Raketenangriff auf Kiew sei das dortige ARD-Studio massiv beschädigt worden. Weil sich während des Angriffs keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Studio befunden hätten, sei niemand verletzt worden. Studioleiter Vassili Golod erklärt: “Rausgerissene Fensterrahmen, überall Splitter, zerstörte Technik – den eigenen Arbeitsplatz völlig verwüstet zu sehen, ist ein Schock. Die russischen Luftangriffe sind seit Jahren massiv, rücksichtslos und Teil der brutalen Lebensrealität in der Ukraine.”

2. Weimers Behörde und Weimers Unternehmen stimmten sich ab
(taz.de, Kersten Augustin)
Die “taz” berichtet über neue Hinweise auf eine mögliche Vermischung von Amt und Geschäftsinteressen bei Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Interne Mails würden zeigen, dass sich der Sprecher von Weimers Behörde und der Sprecher der Weimer Media Group bei Presseanfragen zum umstrittenen Ludwig-Erhard-Gipfel abgestimmt hätten. Zudem sei Wolfram Weimer selbst in Unternehmensmails einbezogen worden, obwohl er nach eigener Darstellung keine operative Rolle mehr in dem Unternehmen habe.

3. Nicht das Wort als Waffe, sondern die Geldscheinchen des Verlegers Holger F.
(bruchstuecke.info, Wolfgang Storz)
Wolfgang Storz kritisiert die “Ostdeutsche Allgemeine” von Verleger Holger Friedrich als rechtsoffenes Medienprojekt, das Meinungsfreiheit beschwöre, Kritiker aber juristisch und wirtschaftlich unter Druck setze. Storz verweist auf Fraktur-Ästhetik, unklare Eigentumsstrukturen und ein publizistisches Profil zwischen rechtskonservativ und rechtsoffen. Im Zentrum stehen die Konflikte mit dem Portal “Volksverpetzer” und dem Journalisten Matthias Meisner.

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4. Klaas Klever ist gefasst
(blog.ub.uni-leipzig.de, Stephan Wünsche)
Stephan Wünsche von der Universitätsbibliothek Leipzig zieht Bilanz nach seiner Warnung vor KI-generierten Fake-Fachbüchern beim Self-Publishing-Verlag tredition. Die Recherche habe breite mediale Resonanz ausgelöst und dazu geführt, dass tredition die Problematik eingeräumt, betroffene Titel zurückgezogen und neue Prüfmechanismen angekündigt habe. Wünsche warnt zugleich, dass der Fall nur ein Zwischenstand sei. Bibliotheken, Wissenschaft und IT sollten enger zusammenarbeiten, da KI-generierte Fake-Fachbücher auch künftig ein Problem bleiben dürften.

5. BILD-Fundstücke
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi blickt anhand alter “Bild”-Schlagzeilen auf wiederkehrende Muster des Boulevardjournalismus zurück: Empörungskampagnen gegen Rundfunkgebühren, Benzinpreise oder Promillegrenzen, rassistische und sexistische Framings, Häme gegenüber Kranken sowie sensationsheischende Kriminal- und Kriegsschlagzeilen.

6. Comedy-Presseschau
(setup-punchline.de, Bernhard Hiergeist)
In seiner “Comedy-Presseschau” bündelt Bernhard Hiergeist aktuelle Debatten, Kritiken und Podcasts rund um Satire, Stand-up und Unterhaltungsindustrie. Themen sind unter anderem die Wirkung von Satire jenseits ihrer Absicht, Hape Kerkelings neuer Horst-Schlämmer-Film, Männlichkeitsbilder in “Scrubs”, Stephen Colberts Late-Night-Erbe, Russell Brands Wandel ins rechtspopulistische Milieu sowie Arbeits- und Machtstrukturen bei “Saturday Night Live”.

KW 21/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus
(youtube.com, Leonhard Dobusch & Nadia Zaboura, Video: 30:13 Minuten)
Auf der re:publica kritisieren Leonhard Dobusch und Nadia Zaboura, dass auch “ganz normale” Qualitätsmedien durch eingeübte journalistische Routinen zum Erstarken autoritärer und neofaschistischer Kräfte beitrügen. An Beispielen von “Tagesschau” und “New York Times” zeigen sie, wie problematische Begriffe, fehlende Einordnung oder scheinbare Neutralität rechte und autoritäre Narrative normalisieren könnten.

2. Wie wehrt man sich gegen 500.000 Fake-Follower?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 28:15 Minuten)
Bei Holger Klein ist die freie Wissenschaftsjournalistin Sanaz Saleh-Ebrahimi zu Gast, die wegen ihrer kritischen Berichterstattung nicht nur Hasskommentaren, sondern auch einer Attacke mit Hunderttausenden von Fake-Followern auf Instagram ausgesetzt ist: “Wie wehrt sie sich gegen so einen Angriff? Woran erkennt man Fake-Follower überhaupt? Und warum will sie trotzdem weiter auf Instagram bleiben?”

3. Die OpenAI Story
(ardsounds.de, Jasmin Körber & Fritz Espenlaub & Klaus Uhrig & Christian Schiffer, sechs Folgen zu je 34 bis 39 Minuten)
Die Macherinnen und Macher der “Peter Thiel Story” beschäftigen sich in ihrer neuen, sechsteiligen Podcastserie “Die OpenAI Story” mit einem weiteren Prominenten der Tech-Szene: “Mit ChatGPT hat Sam Altman OpenAI von einem kleinen Forschungslabor in ein milliardenschweres Tech-Imperium verwandelt. Das ist die Geschichte der KI-Revolution, einer entfesselten Technik – und des Mannes, der sie geprägt hat.”

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4. Wie war es, für Jan Böhmermann zu arbeiten?
(ndr.de, Daniel Bröckerhoff & Fritz Lüders, Video: 42:52 Minuten)
Im Podcast “Flugmodus” des Medienmagazins “Zapp” spricht Daniel Bröckerhoff mit Sebastian Hotz (“El Hotzo”) über dessen Karriere zwischen Twitter, Satire, Öffentlich-Rechtlichen und Shitstorms. Hotz erzählt vom Arbeiten bei Jan Böhmermanns “ZDF Magazin Royale”, von Konkurrenzdruck, von Selbstverwirklichung und Ausbeutung in kreativen Medienjobs sowie von seinem neuen Buch über die Fernsehwelt. Außerdem geht es um Hotz’ umstrittene Posts, den Rauswurf beim RBB und die Nervosität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegenüber rechten Shitstorms.

5. Hollywood in Deutschland
(youtube.com, Stella Valerie Ulrich, Video: 29:45 Minuten)
Die ZDF-Reportage von Stella Valerie Ulrich zeigt, wie deutsche Kulissenbauer und Kostümbildnerinnen aufwendig Film-, TV- und Bühnenwelten erschaffen. Vorgestellt werden unter anderem Kulissenbauer, die Requisiten und Filmsets wie ein Jurassic-Park-Tor nachbauen, eine Kostümbildnerin, deren Atelier komplexe Kostüme für Shows wie “The Masked Singer” fertigt, sowie die Werkstätten von Studio Hamburg, die Bühnenteile für das Musical “Zurück in die Zukunft” anpassen.

6. Die deutsche Stimme von Spider-Man packt aus! Christian Zeiger über Marvel, KI & Synchronskandale
(youtube.com, Charles Rettinghaus, Video: 1:04:17 Stunden)
Im Podcast “Hollywoodgeflüster” spricht Charles Rettinghaus mit Synchronsprecher und -regisseur Christian Zeiger über dessen frühen Einstieg ins Synchronfach, die Arbeit als deutsche Stimme von Spider-Man (Tom Holland) und Zeigers Erfahrungen als Synchronregisseur. Es geht um Castinggeschichten, den besonderen Arbeitsprozess im Studio sowie die Frage, ob Rollen nach Identität oder schauspielerischer Fähigkeit besetzt werden sollten.

Vor den Bus geschubst, Klimakrise schön geredet, Influencer-Aufnahmen

1. “Wir sollten nicht fürchten müssen, vor den Bus geschubst zu werden”
(netzpolitik.org, Chris Köver)
Im Interview mit netzpolitik.org schildert Josephine Ballon von der Organisation HateAid, welche Folgen das von den USA verhängte Einreiseverbot gegen sie und ihre Co-Geschäftsführerin habe. Das US-Außenministerium werfe ihnen Zensur gegen US-Plattformen vor, obwohl HateAid als Trusted Flagger offiziell im Rahmen des europäischen Digital Services Act (DSA) arbeite. Ballon fordert mehr praktische Unterstützung durch Bundesregierung und EU sowie eine entschiedene Durchsetzung des DSA gegenüber großen Plattformen.

2. Wird die Klimakrise plötzlich doch nicht so schlimm?
(bsky.app, Lobbycontrol)
Auf Bluesky fragt der Verein Lobbycontrol in einem Erklärthread: “Wird die Klimakrise plötzlich doch nicht so schlimm? Genau diesen Eindruck erweckt derzeit eine Kampagne, die mit verzerrten Darstellungen in die Irre führt. Und wieder mit dabei: WELT-Redakteur Axel Bojanowki und die frühere CDU-Politikerin Kristina Schröder.”

3. Katapult MV: Die Stimme für den Norden
(verdi.de, Claudia Krieg)
Patrick Hinz, Chefredakteur von “Katapult MV”, beschreibt das Regionalmedium als kritische Ergänzung zur dünnen Medienlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Im Fokus stehe besonders die AfD, deren kommunale Strukturen und Wahlkampfversprechen man datenjournalistisch einordnen wolle. Hinz kritisiert, dass viele lokale Medien zu unkritisch über die AfD berichten würden und so zu deren Stärke beitrügen.

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4. Achtung, Influencer: Wann sind öffentliche Aufnahmen rechtskonform?
(dwdl.de, Simon Pycha)
Simon Pycha erklärt, wann öffentliche Aufnahmen für Social Media, TV oder Radio rechtlich zulässig sind. Anlass sind Influencer-Formate wie “Streichbruder”, bei denen fremde Menschen in Zügen oder auf der Straße ungefragt Teil von Videos würden. Der Text macht deutlich: Sobald Privatpersonen erkennbar im Mittelpunkt stehen oder aktiv einbezogen werden, braucht es in der Regel eine Einwilligung.

5. Demokratieförderung 3.0
(npj.news, Leif Kramp)
Leif Kramp argumentiert in seinem Text, dass Journalismus stärker als Teil der Demokratieförderung verstanden werden müsse. Programme wie “Demokratie leben!” würden zwar Bildung, Beteiligung und Extremismusprävention fördern, aber weitgehend ausblenden, dass Demokratie auch eine funktionierende lokale Öffentlichkeit brauche. Angesichts schrumpfender Lokalmedien und wachsender “Nachrichtenwüsten” plädiert Kramp dafür, Journalismus, Stadtentwicklung, Bürgerbeteiligung und digitale Plattformen gemeinsam als “kommunikative Infrastruktur” zu fördern.

6. Wie mich der Eurovision Song Contest kaufen wollte
(taz.de, Anastasia Zejneli)
Anastasia Zejneli schildert selbstironisch, wie schwer beim Eurovision Song Contest (ESC) in Wien die Grenze zwischen Berichterstattung, Fan-Kultur und PR zu ziehen gewesen sei. Akkreditierte Journalistinnen und Journalisten hätten ein umfangreiches Gratis-Rahmenprogramm, Goodiebags, Sightseeing-Angebote und Einladungen bekommen: “Mehr als eine Woche lang könnte man sich theoretisch von morgens bis abends mit exklusivem ESC-Programm und dem normalen Sightseeing (alle Museumseintritte, Riesenrad fahren und Hop-on-Hop-off-Bus) kostenlos beschäftigen.”

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BILDblog-Klassiker

neu  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete “Bild”:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat “Bild” im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin “Annelise Krauß” ein “e” vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in “Bild”. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‘Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche’, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.”

Und das sei nun wirklich “Quatsch”, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von “Bild” zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: “Das wäre ja auch idiotisch,” sagt Krauß, “denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!” Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut “Bild” ja “aus Katzen Benzin machen” kann):

“Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.”

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu “Bild” gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn “der Herr Helfricht”, also einer der Autoren des “Bild”-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in “Bild” stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass “Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)”, wie es in “Bild” heißt, “aus Katzen Benzin machen” könne: Denn dass die “Benzin”-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige “Bild”-Text selbst, weil darin nur von “Bio-Diesel” oder “Diesel” die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die “Welt” im Januar 2005, die “Pirmasenser Zeitung” im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

“Bild” indes nennt Kochs Erfindung einen “Spezialreaktor” und schreibt Sätze wie diesen:

“Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.”

Und fragt man einfach mal nach bei dem “Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann” (“Bild”), antwortet Christian Koch, der “Bild”-Bericht habe “nichts mit der Wahrheit zu tun” und sei “zudem grenzenlos dumm”. Koch weiter:

“Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.”

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
“Bild” hat die Sache mit der “Katzen-Kraft” heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch “theoretisch auch aus Katzen” Bio-Diesel herstellen “könnte”, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von “Bild” aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen “Bild”-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz (“Die Diskussion ist überflüssig”) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es “Bild” offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen “Benzin” (Überschrift) und “Diesel” (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.