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Unerwähnt, was der Springer-Boss pro Jahr verdient

Eine große Leidenschaft der „Bild“-Redaktion: das Aufzählen von Managergehältern. Jedes Jahr, wenn Analysten und Beratungsunternehmen die Geschäftsberichte der größten Konzerne ausgewertet und daraus Gehaltsranglisten erstellt haben, verwursten die „Bild“-Medien diese zu Artikeln. Vor einer Woche schrieb Bild.de beispielsweise über „die Gehälter von Europas Top-Managern 2018“. Vor drei Tagen dann noch einmal. Bereits vor zwei Monaten ging es um „die Bezüge deutscher Topmanager“.

Screenshot Bild.de - Steve Angel - Unfassbar, was der Linde-Boss pro Jahr verdient
Screenshot Bild.de - Gehaltscheck - So viel verdienen die Top-Bosse
Screenshot Bild.de - Bestverdienender Manager Deutschland - Beiersdorf-Boss bekam mehr als alle anderen

In den Beiträgen nennt Bild.de die Jahresgehälter von Steve Angel (Linde), Severin Schwan (Roche), Carlos Brito (Anheuser-Busch InBev), Sergio Ermotti (UBS), Bill McDermott (SAP), François-Henri Pinault (Kering), Carlo Messina (Intesa Sanpaolo), Stefan Heidenreich (Beiersdorf), Oliver Bäte (Allianz), Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW) und Herbert Diess (VW). Sie reichen von 5,8 Millionen bis 55,8 Millionen Euro für das Jahr 2018 (wobei die Grundlagen für die Berechnungen teils unterschiedlich sind — bei manchen sind „Boni und Pensionsansprüche“ oder Aktienoptionen dabei, bei manchen nicht).

Jetzt könnte man natürlich fragen, ob Julian Reichelt die Familien dieser Manager in Gefahr bringt und würde damit nur strikt der Logik des „Bild“-Chefs folgen.

Interessanter aber finden wir, wen die „Bild“-Redaktion in ihren Aufzählungen nie erwähnt, obwohl er mit der Höhe seines Gehalts locker reinpassen würde: ihren eigenen obersten Chef Mathias Döpfner. Das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE soll im vergangenen Jahr laut „kress“ 7,63 Millionen Euro betragen haben. 2017 sollen es laut der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und der Technischen Universität München 7,41 Millionen Euro gewesen sein (PDF — wobei noch Döpfners Anteil an einer Sonderzahlung von General Atlantic hinzukommt; diese betrug für alle fünf Springer-Vorstandsmitglieder zusammen 12 Millionen Euro). Und 2016 sogar über 19 Millionen Euro und damit mehr als bei allen Vorständen der 30 Dax-Unternehmen. Dabei ist die Axel Springer SE, die im MDax gelistet ist, mit rund 16.350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 3,18 Milliarden Euro jährlichem Umsatz deutlich kleiner als die meisten Dax-Konzerne.

Zu Döpfners möglichem Rekord-Gehalt von 2016 sagte eine Springer-Sprecherin, dass diese Berechnung auf „extrem wackeligen Füßen“ stehe. Und tatsächlich sind das alles nur Schätzungen. Denn während fast jedes andere Unternehmen im Dax und im MDax die Gehälter seiner einzelnen Vorstandsmitglieder veröffentlicht, nennt Springer in seinen Geschäftsberichten (PDF, Seite 86) lediglich eine Summe für den gesamten Vorstand. Aktionärsschützer kritisieren dieses Vorgehen schon länger.

Mit dieser intransparenten Praxis des Springer-Konzerns dürfte allerdings bald Schluss sein: Eine neue EU-Aktionärsrechterichtlinie, die den Einzelausweis bei Spitzengehältern zur Pflicht werden lässt, muss bis zum 10. Juni dieses Jahres in deutsches Recht umgesetzt werden. Wir sind uns allerdings ziemlich sicher, dass die „Bild“-Redaktion trotz ihrer großen Leidenschaft für Managergehälter auch dann nicht über Mathias Döpfner berichten wird.

Bild.de stellt betrunkene Britin bloß, die es gar nicht gibt

Bei Bild.de ist am vergangenen Donnerstag ein interessanter Artikel erschienen:

Screenshot Bild.de - Falsches Foto bei Bild - Geschichte hinter Mallorca-Aufnahme stimmt nicht

Am Dienstag berichtete BILD, dass eine betrunkene Britin in einen Burger-Laden auf Mallorca marschierte und dort mit hoch gerutschtem Rock ihr Essen bestellte.

Das ist leider nicht korrekt.

Das Foto ist vermutlich 2015 in Australien entstanden. Es wurde der Redaktion als angeblich aktuelle Aufnahme zugespielt, BILD ist auf die vorgetäuschte Entstehungs-Geschichte hereingefallen. Dafür bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Entschuldigung. Dieser Fehler hätte uns nicht passieren dürfen.

Die Redaktion.

Dass „Bild“-Mallorca-Reporter Ingo Wohlfeil und das Bild.de-Team auf einen Fake hereingefallen sind und diese Fake News unter ihren Leserinnen und Lesern verbreitet haben, ist letztlich nur ein weiteres Beispiel für die schlampige Arbeit des Portals und damit geschenkt. Viel gruseliger ist, dass die Redaktion überhaupt den Ursprungsartikel über die vermeintliche Mallorca-Urlauberin mit dem hochgerutschten Rock veröffentlicht hat. Und in welcher Form.

Zu einem Foto der Frau, auf dem man ihren nackten Hintern sieht und das offensichtlich heimlich aufgenommen wurde, schrieb Wohlfeil in seinem inzwischen gelöschten Artikel:

Screenshot Bild.de - Morgens 11 Uhr bei McDonalds - So bestellt man Burger auf Mallorca

Die Frau hat für ihre Bestellung den etwas luftigeren Look gewählt, ordert ganz ohne Scham mit blanker Kehrseite. Der ohnehin schon knappe Rock ist ihr wohl aus Versehen über den Allerwertesten gerutscht.

Ein McDonald’s-Gast zu BILD: „Sie kam aus England, konnte sich nur noch mit Ach und Krach verständigen. Kein Wunder bei gefühlten 2,5 Promille …“

Trotzdem: Bei diesem Bild essen gleich beide Augen mit.

Mal kurz angenommen, das alles wäre keine Lügengeschichte, der Bild.de aufgesessen ist, sondern tatsächlich wahr: eine betrunkene junge Frau mit „‚gefühlten 2,5 Promille'“, die sich „nur noch mit Ach und Krach verständigen“ kann und der „wohl aus Versehen“ der Rock hochgerutscht ist. Keine Prominente. Kein sonst wie geartetes öffentliches Interesse. Nur ein Foto, das eine ziemlich hilflose Person bloßstellt. Diese Frau macht Bild.de vor einem Millionenpublikum zur Lachnummer, zotige Sprüche inklusive. Und das bestens platziert auf der Bild.de-Startseite:

Screenshot der Bild.de-Startseite mit dem Artikel zur falschen betrunkenen Britin weit oben auf der Seite
(Unkenntlichmachung durch uns.)

„Bild“ hat vor zweieinhalb Monaten verkündet, beim „‚Bild‘-Girl“ künftig auf Oben-ohne-Fotos verzichten zu wollen. Man habe „zunehmend“ das Gefühl, „dass viele Frauen diese Bilder als kränkend oder herabwürdigend empfinden, sowohl bei uns in der Redaktion, aber auch unter unseren Leserinnen.“ Betrunkene Frauen herabzuwürdigen, ist aber offenbar weiterhin in Ordnung.

Mit Dank an @einlorax für den Hinweis!

Bringt Julian Reichelt die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Julian Reichelt will nicht über Geld reden. Über sein eigenes jedenfalls nicht. Über das Geld anderer Leute reden und schreiben Reichelt und seine „Bild“-Kollegen liebend gern: So viel verdient Bundesliga-Star XY, das bekommt DAX-Manager Soundso, lesen Sie mal, wie viel Moderator Trallala kassiert. Kaum eine Woche, in der „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de nicht über das hohe Einkommen und das immense Vermögen einzelner Personen berichten.

Geht es allerdings um seine eigenes Gehalt, findet Julian Reichelt dieses Verhalten hochgradig gefährdend. Als das Medienmagazin „kress pro“ in der Titelgeschichte seiner Oktoberausgabe über die Jahresgehälter von Verlagsmanagern und Chefredakteuren schrieb, kam darin auch der „Bild“-Oberchef vor:

Im nationalen Geschäft liegt die Schallmauer inzwischen bei 500.000 Euro, die aber nur eine Handvoll erreichen. „Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer dürfte geschätzt in dieser Liga spielen, auch „FAZ“-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron gilt als Kandidat. „Stern“-Chef Christian Krug und die „SZ“-Doppelspitze liegen geschätzt 50.000 bis 100.000 Euro darunter. Deutlich darüber liegen müssten Julian Reichelt, Chef der „Bild“-Gruppe, und „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo. Reichelt verantwortet den umsatzstärksten Titel und offenbar zahlt Springer mit einem guten Anteil variabler Vergütung. Reichelts Vorgänger Kai Diekmann soll nach seinem Abgang eine deutlich siebenstellige Summe bekommen, was auf ein siebenstelliges Gehalt hinweist. Diekmann dürfte jahrelang der bestbezahlte Chefredakteur gewesen sein. Reichelt müsste also irgendwo zwischen 500.000 Euro und 1 Million liegen.

Diese wenigen, nüchtern gehaltenen Zeilen passten Reichelt offenbar überhaupt nicht. In der November-Ausgabe von „kress pro“ schreibt Chefredakteur Markus Wiegand über „die Widersprüche des ‚Bild‘-Chefs“:

Einige der Betroffenen kommentierten die Schätzung informell, die meisten verzichteten jedoch auf einen Kommentar.

Julian Reichelt war der einzige Chefredakteur, der uns bat, auf eine Schätzung zu verzichten. Er argumentierte, dass eine Schätzung seines Gehalts das Risiko finanziell motivierter Straftaten gegen seine Familie erhöhen würde.

Wir konnten die Argumentation nicht nachvollziehen, boten aber ein informelles Gespräch an, um den Fall zu klären. Reichelt lehnte dies ab.

Die Logik hinter Reichelts Argumentation scheint zu sein: Kriminelle, die bisher dachten, dass der Chef von „Bild“, „Bild am Sonntag“, Bild.de und „B.Z.“ vielleicht 3000 oder 4000 Euro im Monat verdiene, dürften durch die Veröffentlichung einer groben Schätzung seines Gehalts verstanden haben, dass bei ihm deutlich mehr zu holen sein könnte.

Sollte dieser Gedanke stimmen, ergibt sich automatisch die Frage: Bringen Julian Reichelt und die „Bild“-Medien seit Jahren regelmäßig die Familien anderer Menschen in Gefahr?

Zum Beispiel die Familie von WDR-Intendant Tom Buhrow. Vor etwas mehr als zwei Monaten titelte Bild.de:

Screenshot Bild.de - Hammergehalt! Lesen Sie mal, was ein ARD-Boss verdient

Im dazugehörigen Artikel steht:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 250 Euro!

Auf den folgenden Plätzen liegen:

• Ulrich Wilhelm, der Intendant des BR, mit 367 000 Euro
• NDR-Intendant Lutz Marmor, welcher 348 000 Euro verdiente.
Das niedrigste Gehalt der ARD-Bosse bezog bei 237 000 Euro Jahresvergütung der SR-Chef Thomas Kleist.

Oder die Familie von „Radio Bremen“-Intendant Jan Metzger.

Screenshot Bild.de - Kleinster Sender, großes Geld - Das verdient der Radio-Bremen-Intendant wirklich

Als Sender ist Radio Bremen der kleinste unter den neun ARD-Anstalten. Doch sein Chef ist beim Verdienen ganz vorne mit dabei.

242 000 Euro erhielt Intendant Jan Metzger im Jahr 2011. So zumindest steht es im Branchen-Nachrichtendienst „Funkkorrespondenz“.

Oder die Familie von TV-Moderator Günther Jauch.

Screenshot Bild.de - In der eigenen Sendung wurde er angegriffen - Verdient Jauch wirklich so viel mehr als die Kanzlerin?

Und wie viel verdient Jauch wirklich? Fakt ist: Ein Vielfaches vom jährlichen Bruttogehalt der Kanzlerin. Angela Merkel erhält 194 000 Euro im Jahr.

Die ARD überweist Jauchs Produktionsfirma „I & U“ nach BILD-Informationen allein für die Talk-Sendungen 10,5 Mio. Euro im Jahr. Nach Branchenschätzungen sollen ihm davon mehr als 1 Million bleiben. Dazu kommen TV-Honorare für die RTL-Shows „Wer wird Millionär?“ und „5 gegen Jauch“. Außerdem produziert er mit seiner Firma bis zu 130 weitere Sendungen im Jahr.

Oder die Familien verschiedener BBC-Moderatoren und -Moderatorinnen.

Screenshot Bild.de - BBC-Gehälterliste - Was man als Moderator so verdient

Das höchste Gehalt bei der BBC bezieht demnach der Moderator Chris Evans: Er bekam im vergangenen Jahr ein Gehalt von umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro.

Der ehemalige Fußballstar und Sportmoderator Gary Lineker verdiente umgerechnet rund 2 Millonen Euro.

Die am besten verdienende Frau bei der BBC ist die TV-Moderatorin Claudia Winkleman — sie erhält ein jährliches Salär zwischen umgerechnet rund 509 000 und 565 000 Euro.

Oder die Familie von Fußballer Matija Nastasic.

Screenshot Bild.de - Schalkes neuer Star - Das verdient Nastasic im Monat

Schalkes Neuer verdient 250 000 Euro im Monat!

BILD enthüllt die Details des Nastasic-Vertrages:
► Der Nationalverteidiger erhält ein monatliches Grundgehalt von exakt 250 000 Euro, für das halbe Jahr also fixe 1,5 Mio Euro.
► Dazu kommt noch eine Prämie, wenn er mit Schalke die Champions League erreicht.

Oder die Familie von Daimler-Boss Dieter Zetsche.

Screenshot Bild.de - Gehaltserhöhung für Zetsche - So viel verdient der Daimler-Boss

Erfolg zahlt sich für ihn buchstäblich aus: Daimler-Chef Dieter Zetsche streicht erneut mehr Gehalt ein.

Nach mehr als 8,2 Millionen Euro im Vorjahr kassiert der Konzernlenker für 2014 knapp 8,4 Millionen Euro.

Oder die Familie von Zetsches Pendant bei BMW, Harald Krüger.

Screenshot Bild.de - BMW-Chef Harald Krüger - 6,2 Millionen Euro Einstiegsgehalt!

Oder die Familie von Tennisspieler Alexander Zverev.

Screenshot Bild.de - Karriere-Preisgelder verdreifacht - Rekord-Jahr! Zverev hat schon 3,7 Mio verdient

Oder die Familie von Fußballer Franck Ribéry.

Screenshot Bild.de - Ribery verdient 312500 Euro im Monat netto

Oder die Familie von Burkhard Jung, Oberbürgermeister in Leipzig.

Screenshot Bild.de - 148361,40 Euro brutto im Jahr - Das verdient OB Jung wirklich!

Oder die Familie von Fußballtrainer Jürgen Klopp.

Screenshot Bild.de - Jürgen Klopp beim FC Liverpool - 10 Millionen Gehalt! Nur Mourinho verdient mehr

Oder die Familie von Sängerin Taylor Swift.

Screenshot Bild.de - Bestbezahlter Popstar - Das verdient Taylor Swift am Tag

Oder die Familie von SAP-Chef Bill McDermott.

Screenshot Bild.de - SAP-Chef McDermott - So viel Geld verdient sonst keiner

Wir könnten diese Liste noch ewig weiterführen. Mit Bundesliga-Torwart René Adler, mit „Deutschlands Top-Managern“, mit HSV-Profi Bobby Wood, mit Fußballtrainer Carlo Ancelotti, mit den „wichtigsten Berlin-Managern“, mit „Promis in Politik, Wirtschaft, Show und Sport“ und mit vielen, vielen anderen.

Einen Widerspruch zwischen dem, was er für sich selbst einfordert, und dem, was er und seine Kollegen Tag für Tag, Woche für Woche produzieren, scheint Julian Reichelt nicht erkennen zu können.

Lichtermarkt-Hysterie, „Addendum“ mit Brause-Millionen, Kaffee ist alle

1. Wie sowas läuft: Die rechte Digital-Kampagne gegen Elmshorn.
(fearlessdemocracy.org, Gerald Hensel)
Gerald Hensel hat bei „Fearless Democracy“ die Social-Media-Kampagne gegen die Stadt Elmshorn und ihren Lichtermarkt analysiert, vom ersten Tweet bis hin zur hunderttausendfachen Verbreitung. Ein konstruierter Shitstorm, der jeden treffen kann, so Hensel: „Ein Tweet reicht, ein Event-Name, der ins Weltbild passt, und am Ende ein schwarzes Kind auf einem Plakat. Fertig ist die Kampagne. Und eine Stadt, deren Vorweihnachtszeit empfindlich gelitten haben dürfte.“

2. Addendum arbeitet grundsätzliche Themen mit großem Besteck auf
(get.torial.com, Bernd Oswald)
Für seine neue Medienplattform „Addendum“ hat der österreichische Multimilliardär und „Red Bull“-Brauer Dietrich Mateschitz etwas tiefer in die Brieftasche gelangt und gleich 40 Mitarbeiter angeheuert. Mateschitz haftet der Ruf an, rechts der Mitte zu stehen, entsprechend kritisch wurde und wird das Projekt von außen beäugt. Bernd Oswald kann der Seite in seiner Rezension durchaus Gutes abgewinnen. Außerdem fänden sich keine Ansatzpunkte dafür, in „Addendum“ ein populistisches Projekt oder die Schaffung einer „Gegenöffentlichkeit“ zu sehen. Er kritisiert jedoch das Fehlen von konkreten Lösungsvorschlägen.

3. Wenn zwei sich streiten
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Vor 20 Jahren griff der „Südkurier“ aus Konstanz mit einer neuen Lokalausgabe die Konkurrenz der „Schwäbischen Zeitung“ auf deren Gebiet an. Die „Schwäbische Zeitung“ konterte kurze Zeit später mit drei neuen Lokalausgaben im Stammgebiet des „Südkuriers“. Der Wettbewerb findet nun ein Ende: Zum Jahresende will der „Südkurier“ seine Lokalausgabe dichtmachen. Die „Schwäbische Zeitung“ wiederum habe die Schließung ihrer drei Lokalredaktionen im „Südkurier“-Stammgebiet angekündigt. Kritiker bedauern das Schrumpfen der publizistischen Vielfalt.

4. „Townhall-Meetings“ als Nonplusultra der Wahlberichterstattung? Ein Einspruch von Journalismus-Professor Bernd Gäbler
(meedia.de, Bernd Gäbler)
Neuwahlen würden auch einen erneuten Wahlkampf bedeuten. Wie werden die Medien darüber berichten? Auf welche Formate werden sie setzen? Nachdem das letzte „TV-Duell“ eher kritisch gesehen wurde, könnten die Medien verstärkt auf sogenannte „Townhall-Meetings“ mit Bürgerbeteiligung setzen. Journalistik-Professor Bernd Gäbler kann dem Format nur wenig abgewinnen: „Wenn die Politik-Journalisten von sich aus beginnen, in die einseitigen Lobeshymnen dieser „Townhall“-Formate einzustimmen, die als gelegentliche Ergänzung in einem Wahlkampf ihre Berechtigung haben mögen, dann stimmen sie letztlich ein in den Abgesang auf ihre eigentliche Profession.“

5. Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger über Hass im Netz
(blmplus.de, Elena Lorscheid, Video, 3:59 Minuten)
Thomas-Gabriel Rüdiger ist Kriminologe am „Institut für Polizeiwissenschaft“ der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Die Schwerpunkte des Cyberkriminologen liegen unter anderem auf „digitalen Straftaten und Interaktionsrisiken sozialer Medien“. Auf den Augsburger Mediengesprächen 2017 fordert er beim Thema „Hass im Netz“ mehr Schutzmaßnahmen für Opfer und ein höheres Risiko für Täter.

6. Schleichwerbung beim SWR – Jugendradio DASDING handelt sich wegen Kaffeeaktion einstweilige Verfügung ein
(allgemeine-zeitung.de, Markus Lachmann & Mario Thurnes)
Dem Jugendsender des SWR wurde per einstweiliger Verfügung untersagt, im Rahmen der „DASDING Morningshow“ Werbung und/oder Sponsoring für Dritte zu betreiben. Bei der sogenannten „Hallo wach“-Aktion hatte man an verschiedenen Orten kostenlosen Kaffee ausgeschenkt. „Powered by McCafé“, wie es hieß. Dies hätte teilweise vor „McDonald’s“-Filialen stattgefunden. Zudem sei im Internet das „McDonald’s“- Logo abgebildet und auf die „McDonald’s“-Seite verlinkt worden.

Reddit-User erfindet Jürgen-Klopp-Zitat – und alle glauben es

Jürgen Klopp wird von vielen Leuten ja so sehr gemocht, weil er immer mal einen lockeren Spruch draufhat. So einen zu Beispiel:

Teammanager Jürgen Klopp vom FC Liverpool hat mit Humor auf die Gerüchte um einen Wechsel seines Mittelfeld-Stars Philippe Coutinho zum FC Barcelona reagiert.

„Morgen bietet Barcelona uns dann bestimmt ein Happy Meal an. Und wir bekommen auch ein Spielzeug dazu“, sagte Klopp nach dem 1:0-Sieg gegen Crystal Palace zu Journalisten, die sich nach dem aktuellen Stand im Transfer-Theater erkundigt hatten.

Doch, doch, das soll Klopp tatsächlich so salopp gesagt haben. Und deswegen hat sport1.de gestern daraus auch einen eigenen Artikel gemacht:

Screenshot von sport1.de - FC Liverpool Jürgen Klopp witzelt über Barca-Interesse an Coutinho - Klopp Happy Meal für Coutinho

Und auch die Sport-Nachrichtenseite des Pay-TV-Senders „Sky“, skysport.de, hat den Klopp’schen Witz in ihrem Transfer-Ticker aufgegriffen:

Screenshot skysport.de - Klopp Happy Meal mit Spielzeug - Jürgen Klopp nimmt die tagtäglichen Wechsel-Gerüchte um Philippe Coutinho mit Humor. Morgen bietet Barcelona uns dann bestimmt ein Happy Meal an. Und wir bekommen auch ein Spielzeug dazu, sagte der Coach des FC Liverpool nach dem Sieg gegen Crystal Palace. Englische Medienberichte über ein abgelehntes 130-Millionen-Angebot konnte der 50-Jährige aber nicht bestätigen.

Und nicht nur die zwei Portale berichteten. Die ganze Welt berichtete. In Großbritannien, in Portugal, in Spanien, in Brasilien, in Frankreich, in Polen, so gut wie überall.

Ist ja auch zu witzig, diese Sache mit dem „Happy Meal“. Stammt aber gar nicht von Jürgen Klopp, sondern von Reddit-Nutzer sarkie. Der fasste ein kurzes Interview von Jürgen Klopp mit einer brasilianischen Journalistin sehr, sehr frei zusammen, nachdem ein anderer Reddit-User geschrieben hatte „Video not available, can someone summarize it?“:

She says

„With the rumours of Barca paying £130m for Coutinho, will he leave?“

Klopp says

„They didn’t offer that, we said no, yet they offered, I think tomorrow they will offer a McDonald’s Happy Meal and we get the toy as well!?“

Big Grin

Turns to reporter

Fades to black

Eine derartige Passage kommt nicht ansatzweise in dem kurzen Video (nur aus Brasilien abrufbar) vor. Sie ist reine Fantasie.

Nachdem unter anderem das Team des „Liverpool Echo“ sich nicht mal die Mühe gemacht hat, kurz das Interview anzuschauen, und seinen Lesern das falsche Klopp-Zitat als echtes verkauft hat, twitterte sarkie:

Mit Dank an Dennis M. für den Hinweis!

Julian Reichelts Fehler zwischen Anspruch und Wirklichkeit

„Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben. Es ist aber nicht so, dass ich mich über Entschuldigungen freue, gar nicht. Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Teil der journalistischen Aufrichtigkeit und Ausdruck unserer proaktiven Kommunikation sind.“

Julian Reichelt hat am Donnerstag eine neue Imagekampagne gestartet, für sich, für „Bild“. In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sprach der Leiter von Bild.de, der seit Anfang Februar auch Vorsitzender aller „Bild“-Chefredaktionen ist, übers Fehlermachen und übers Entschuldigen. Das falle ihm eben „grundsätzlich leicht“, so wie im Januar, als „Bild“ und Bild.de behaupteten, Sigmar Gabriel werde SPD-Kanzlerkandidat. Als dann rauskam, dass es Martin Schulz wird, entschuldigten sich die „Bild“-Medien und Julian Reichelt für ihren Fehler. Genauso vor vier Tagen, nachdem klar war, dass es den „Sex-Mob“ mit lauter Flüchtlingen, der laut „Bild“ an Silvester durch Frankfurt „tobte“, nie gab.

Ein möglicher Claim für Reichelts Imagekampagne steht ebenfalls im Interview mit dem „Tagesspiegel“:

„Ehrlichstes Medium: Das ist kein Versprechen, das ist der Anspruch an mich.“

Jeder, der daran zweifelt, dass die „Bild“-Redaktionen vorzügliche Arbeit abliefern, könne laut Reichelt seit 40 Jahren nicht mehr überprüft haben, ob das überhaupt stimmt:

Na ja, „Bild“ galt und gilt jetzt nicht in allen Bereichen und bei allen Geschichten als das ehrlichste Medium Deutschlands.

Der überwiegende, der überragende Teil dieser Vorbehalte ist über 40 Jahre alt. Viele, die diese Vorbehalte vor sich hertragen und aktiv verbreiten, haben ihr Weltbild vor 40 Jahren das letzte Mal bei „Bild“ überprüft und geschaut, mit welchem Aufwand wir unsere Inhalte recherchieren.

Hier beim BILDblog überprüfen wir unsere Vorbehalte jeden Tag aufs Neue. Und andauernd finden wir bei „Bild“ und Bild.de Artikel, die faktisch falsch sind, in denen Persönlichkeits- oder Urheberrechte oder beides verletzt werden, in denen „Bild“ auf die Menschenwürde pfeift, in denen das Blatt gegen einzelne Gruppen hetzt oder Material für Hetze liefert.

Uns geht es dabei nicht darum, dass irgendjemand um Entschuldigung bitten soll. Es würde schon längst genügen, wenn ein grundlegendes Interesse darin bestünde, Fehler transparent zu korrigieren — gern ohne großes Pardon.

Ob bei „Bild“ und Bild.de dieses Interesse besteht? Ob das Reagieren auf Fehler so „grundsätzlich leicht“ fällt, wie Julian Reichelt einen gern glauben machen möchte? Und vor allem auch dann, wenn es nicht die spektakulären Fehler sind wie ein falscher Kanzlerkandidat oder ein herbei fantasierter „Sex-Mob“? Da haben wir größere Zweifel.

Wir haben mal unser Archiv durchwühlt und geschaut, ob die „Bild“-Redaktionen im vergangenen Jahr reagiert haben, wenn wir auf Fehler in ihrer Berichterstattung hingewiesen haben. All die Fälle, in denen wir beispielsweise kritisiert haben, dass „Bild“ Persönlichkeitsrechte verletzt, haben wir ausgeklammert. Es ging uns nur um klare Fehler.

Hier eine Auswahl, in chronologischer Reihenfolge:


Die Ruhrgebiet-Ausgabe der „Bild“-Zeitung und Bild.de berichteten am 8. März 2016, dass dem „Wendler-Gitarristen“ bei einem Unfall drei Finger abgerissen wurden. Noch am selben Tag schrieb der „Wendler-Gitarrist“ auf seiner Facebook-Seite, dass das nicht stimmt.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Bild.de berichtete am 16. April 2016, dass ein „Schädlingsbekämpfer“ aus London „Super-Ratten“ gefangen habe, „rund 60 Zentimeter lang, etwa so groß wie Katzen.“ Dazu seien sie möglicherweise noch Kannibalen. Das Foto, das der „Schädlingsbekämpfer“ auf seiner Facebook-Seite gepostet hatte, stammte allerdings gar nicht von ihm, sondern von „National Geographic“. Und es zeigte auch keine „Super-Ratten“ aus London, sondern Nutrias aus den USA. Und das Foto war bereits drei Jahre alt, als die Bild.de-Redaktion ihre Geschichte veröffentlichte.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Bild.de berichtete am 26. Juli 2016 über eine Studie des „GfK Vereins“, bei der das Ergebnis unter anderem sein soll, dass die „Angst vor Zuwanderung“ gewachsen sei. Das stimmt allerdings gar nicht: Schaut man sich die „GfK“-Umfrage mal genauer an, sieht man, dass nicht nach der „Angst“ gefragt wurde, sondern neutral danach, was die „am dringendsten zu lösenden Aufgaben im Land“ ist. Außerdem bringt Bild.de das Ergebnis auf falsche Weise mit damals aktuellen Terroranschlägen in Verbindung.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Ebenfalls am 26. Juli 2016 behaupteten „Bild“ und Bild.de, dass das Regierungspräsidium Stuttgart „ein Navi-Verbot“ für die Autobahn 8 bei Leonberg verhängt habe. Dabei handelte es sich lediglich um ein Hinweisschild, das die Autofahrer sensibilisieren sollte.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Am 24. August 2016 berichtete Bild.de über eine „Burkini-Razzia am Strand von Nizza“ und zeigte dabei ein Foto mit mehreren Polizisten, die eine Frau auffordern, ihre Klamotten auszuziehen. Die Frau trug nach eigener Aussage aber gar keinen Burkini, sondern eine Leggins, eine Tunika und ein Kopftuch.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite, das Foto ist kommentarlos verschwunden.

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In einem Artikel vom 12. September behauptet Bild.de, dass die Asche des verstorbenen David Bowie bei einer Zeremonie beim Festival „Burning Man“ verstreut worden sei. David Bowies Sohn, die offizielle David-Bowie-Facebookseite und ein Sprecher der Verwaltung des David-Bowie-Nachlasses sagten nach der internationalen Berichterstattung über die angebliche Ascheverstreuung, dass das alles Blödsinn sei.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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„Bild“ und Bild.de verkündeten am 6. Oktober 2016, dass Frank-Walter Steinmeier nicht als Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl aufgestellt werde. Steinmeier ist am vergangenem Sonntag zum Bundespräsidenten gewählt worden. Außerdem steht in dem Artikel der „Bild“-Medien: „In der SPD heißt es zudem: Wenn Merkel ‚eine einigermaßen akzeptable Frau‘ als überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue präsentiere, könnten zumindest die GenossINNEN kaum Nein sagen.“ Dabei gab es mit Luc Jochimsen und Gesine Schwan, Dagmar Schipanski und Uta Ranke-Heinemann, Hildegard Hamm-Brücher und Luise Rinser sowie Annemarie Renger bereits zahlreiche Frauen, die bei der Wahl angetreten sind. Dazu kommt noch Marie-Elisabeth Lüders, die zwar nie offiziell angetreten war, bei der Bundespräsidentenwahl 1954 allerdings eine Stimme bekam.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Gabor Steingart veröffentlichte am 10. Oktober 2016 Passagen aus seinem neuen Buch in „Bild“ und bei Bild.de. Er schimpft darin über das „Europa der Selbstbediener“, was man angeblich auch an einem Supermarkt sehen könne: „Den EU-Parlamentariern in Straßburg steht im Inneren des Parlamentskomplexes ein nur für sie und ihre Mitarbeiter zugänglicher Supermarkt zur Verfügung“. Bloß: Diesen Supermarkt gibt es nicht.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Am 26. Oktober 2016, als der „Horror-Clown“-Hype in vollem Gange war, berichtete Bild.de über einen aktuellen „Horror-Clown“-Auftritt in einer „McDonald’s“-Filiale in Bocholt: „Die Mitarbeiter verstecken sich hinter dem Tresen, etwa 15 Leute laufen in Panik aus dem Laden.“ Das Video, auf dem der Artikel beruht, war schon damals zwei Jahre alt. Und weder zeigt es 15 Leute, die „in Panik aus dem Laden“ laufen, noch sind Mitarbeiter zu sehen, die „sich hinter dem Tresen“ verstecken. Stattdessen hört man ziemlich viel Gekicher und Gelächter.

Der Artikel ist ohne jeglichen Hinweis von der Seite verschwunden.

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Die „Bild“-Medien schrieben am 23. November 2016, dass die Botschaft der Volksrepublik China „chinesische Frauen vor dem Sex-Täter von Bochum“ warne, und dass das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eine „Reisewarnung“ ausgesprochen habe. Hintergrund ist eine Vergewaltigung einer chinesischen Studentin nahe des Uni-Geländes in Bochum. Es stimmt zwar, dass es einen „konsularischen Hinweis“ gegeben hat, dieser sei allerdings nicht mit einer Reisewarnung zu vergleichen, so eine Sprecherin der chinesischen Botschaft.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Das ungarische Model Barbara Palvin hat für ein Magazin die berühmte Bein-Überschlag-Szene von Sharon Stone im Film „Basic Instinct“ nachgestellt. Und das, so Bild.de am 10. Dezember 2016, „stilecht ohne Höschen“. Auf ihrem Instagram-Account hat Palvin allerdings extra geschrieben: „FYI i am wearing underwear 😉“.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Weil an einer türkisch-deutschen Schule in Istanbul zeitweise ein „Weihnachtsverbot“ galt, schaute „Bild“ am 19. Dezember 2016, wo in Deutschland „aus Rücksicht auf Muslime die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen“ würden. Die Redaktion präsentierte sieben Beispiele. Sechs davon waren falsch.

Wir haben keine Korrektur dieser Fehler in „Bild“ gefunden.

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Bild.de schrieb am 29. Januar 2017, dass der britische Leichtathlet Mo Farah in einem Facebook-Post Donald Trump angegriffen und dabei geschrieben habe, dass der US-Präsident ihn „zu einem Alien gemacht“ habe. Tatsächlich reagierte Farah mit einem Beitrag in dem Sozialen Netzwerk auf Trumps Einreiseverbot für Muslime. Farah wurde in Somalia geboren (später stellte sich allerdings raus, dass das Einreiseverbot für ihn nicht galt). In seinem Facebook-Post schrieb er: „On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.“ Dieses „alien“ heißt im Englischen in der Regel so viel wie „Ausländer“ oder „Fremder“ oder „Fremdling“. Und nicht „Alien“.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

(Noch einmal: All diese Beispiele stammen nicht von 1977, sondern nur aus den vergangenen zwölf Monaten (wobei wir im Sommer eine zweimonatige Pause beim BILDblog eingelegt hatten). Daneben wird es in dieser Zeit noch zahlreiche weitere Fehler in „Bild“ und bei Bild.de gegebene haben. Wir können hier allerdings nur über jene schreiben, die wir selber mitbekommen, oder auf die uns unsere Leser hinweisen.

Stefan Niggemeier hat drüben bei „Übermedien“ weitere „Bild“-Beispiele „für grob irreführende Berichterstattung“ aus den vergangenen Jahren gesammelt.)

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Ganz am Ende seines Interviews mit dem „Tagesspiegel“ sagt Julian Reichelt noch:

Werden Sie Ihre Entschuldigungen auf eine pro Tag oder eine pro Monat deckeln? Es geht ja streng Richtung Ehrentitel „Chef-Entschuldiger des Axel-Springer-Verlags“.

Den Titel will ich ganz sicher nicht. Ich will nicht die Entschuldigungen deckeln, sondern die Fehler. Aber wo Entschuldigungen notwendig sind, werden wir sie aussprechen.

Das liest sich erstmal wie ein Versprechen für die Zukunft. Sollte es auch schon im vergangenen Jahr gegolten haben, hat Julian Reichelt sich nicht dran gehalten.

Bosbach-TV, Süßes Geheimnis, Abgespannt

1. #failoftheweek: Wolfgang Bosbach zu Gast bei Verschwörungstheoretikern
(blog.br.de, Christian Schiffer)
Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist in den letzten Jahren zum Star der Talkshowszene geworden. Niemand saß öfter in Talkrunden als der altgediente Innenpolitiker. Nun hat Bosbach einem Verschwörungsportal ein Interview gegeben. Christian Schiffer findet: Dieses eine Mal hätte der CDU-Innenpolitiker nein sagen müssen.

2. „Ich vermisse Bo“
(zeit.de, Eike Kühl)
Pete Souza war seit 2008 Cheffotograf von Barack Obama, einige Zeit davor übte er diese Funktion für Ronald Reagan aus. Seit Donald Trumps Amtsübernahme ist er wieder Freiberufler und hat anscheinend wieder etwas mehr Zeit. Auf jeden Fall hat er Instagram für sich entdeckt – und scheint dort subtil Donald Trump zu trollen. Aufmerksamen Beobachtern sei nicht entgangen, dass einige der von Souza veröffentlichten Bilder auffällig nah an den aktuellen Entwicklungen im Weißen Haus seien. Eike Kühl stellt auf „Zeit Online“ einige Beispiele vor und kommentiert den inhaltlichen Hintergrund.

3. Oben ohne
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
Willi Winkler schreibt in der „SZ“ über die Schwierigkeit der Humorbranche mit Trump. Der amerikanische Präsident sei schließlich sein eigener bester Parodist. Außerdem: „Die traurige Wahrheit aber ist, dass es den Comedians bei all dem Beifall, den sie mit ihren Trump-Travestien von den aufrechten Trump-Gegnern einheimsen, am wenigsten gelingt, Trump ernsthaft zuzusetzen. Sie verstärken nur die Marke Trump.“

4. Unbefriedigend
(djv.de)
Der Deutsche Journalisten-Verband bedauert die Entscheidung des Landgerichts Hamburg, große Teile des Schmähgedichts von Jan Böhmermann weiterhin zu verbieten. Der DJV-Bundesvorsitzende kritisiert, dass „nur in Hamburg die Justiz Verständnis für die Ehrpusseligkeit des türkischen Präsidenten habe“, während andernorts erst gar keine Klage zugelassen worden sei.

5. Abspänne im TV: Zwischen Kundigen und Knalltüten
(dwdl.de, Hans Hoff)
Senta Berger trat vor kurzem vehement für längere Abspänne von Filmen im deutschen Fernsehen ein, aus Respekt vor den Beteiligten. Das ist eine löbliche Forderung, findet Hans Hoff und überträgt das Bergersche Verlangen auf andere Branchen: „Ich freue mich schon, wenn ich demnächst einen Cheeseburger bestelle, und der freundliche McDonald’s-Mitarbeiter reicht mir den Abspannzettel dazu: Am Grill: Heinz Piontke, Gurkenscheibchenaufleger: Petra Ludwig, Senfeinspritzer: Herbert Kasulske, Küchenreinigung: Ovo Malandrino.“

6. „Bunte“-Vize Tanja May: Da wölbt sich doch was!
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz begegnet auf „Übermedien“ dem Boulevard mit den Mittel des Boulevards: „Ist sie oder ist sie nicht? Dieses Foto heizt die Gerüchteküche an. Hat die fesche Färbblondine aus der „Bunte“-Chefredaktion ein süßes Geheimnis?“

Bild.de wärmt einen Grusel-Clown in altem Frittenfett auf

Wir müssen noch einmal auf die Horror-Clowns zurückkommen. Vor vier Tagen veröffentlichte Bild.de diesen Artikel:

So eine seltene Sichtung verkaufen Julian Reichelt und sein Team natürlich direkt als kostenpflichtigen Inhalt, das entscheidende Video kann man aber auch ohne „Bild plus“-Zugang bei Youtube sehen.

Zu einer sich viermal wiederholenden Videosequenz sagt der Sprecher:

Horror-Clown-Alarm bei McDonald’s in Bocholt. Am Freitagabend gegen 21 Uhr stürmt ein Mann mit Maske und Motorsäge das Schnellrestaurant. Oli H. zückt sein Smartphone und filmt alles mit. Die Mitarbeiter verstecken sich hinter dem Tresen, etwa 15 Leute laufen in Panik aus dem Laden. Die ganze Zeit hört man das irre Lachen des Clowns. Und so schnell, wie er kam, ist er dann auch wieder verschwunden. Die Hintergründe des irren Auftritts bleiben völlig unklar.

Im dazugehörigen Artikel gibt es noch ein paar Aussagen vom filmenden Augenzeugen Oli H., der dort allerdings Markus H. heißt:

Freitagabend gegen 21 Uhr, Markus H. (22) sitzt mit einigen Freunden in einem McDonald’s-Restaurant in Bocholt: „Es war schon dunkel draußen. Wir hatten gerade unser Essen bekommen.“

Markus H. zu BILD: „Ich war im ersten Moment extrem geschockt. Wir dachten alle, das ist ein schlechter Scherz.“

Zu „Focus Online“ und selbst bis nach Österreich zu oe24.at hat es diese Horror-Clown-Geschichte geschafft:

Was weder Bild.de noch „Focus Online“ noch oe24.at den Lesern verrät: Die Aufnahmen sind bereits zwei Jahre alt. Und statt der 15 Leute, die „in Panik aus dem Laden“ laufen, sieht man in dem 51-Sekunden-Video vor allem zwei Mädchen, die sich vor Lachen kaum noch einkriegen. Und es sind auch keine Mitarbeiter zu sehen, die sich hinter dem Tresen verstecken, sondern ein Filialleiter, der mit dem Mann im Clown-Kostüm spricht.

Außerdem bleiben „die Hintergründe des irren Auftritts“ nicht völlig unklar, wie Bild.de behauptet. Das „Bocholter-Borkener Volksblatt“ hat nämlich mal nachgeforscht (Text hinter Bezahlschranke):

Im Teaser heißt es:

Panik bei McDonald’s in Bocholt, meldet eine Boulevardzeitung: Ein Gruselclown mit „offenbar echter Motorsäge“ habe die Gäste in Angst und Schrecken versetzt. Doch Entwarnung: Was sich da „Freitag gegen 21 Uhr“ ereignet haben soll, ist ein zwei Jahre alter Auftritt zu Halloween gewesen.

Die Lokalredaktion hat auch mit dem Grusel-Clown gesprochen. Der sagt heute:

„Ich hatte die Clownsmaske auf und die anderen haben das gefilmt. Das war damals ein echter Spaß für uns“, sagte der Bocholter Markus P. (Name geändert) dem BBV. […] Nun habe sich die Boulevardzeitung gemeldet und das Video gekauft.

Und:

Gruselclown Markus P. indes hat seinen zwei Jahre alten Auftritt ganz anders in Erinnerung: „Da ist niemand rausgerannt. Ich hab‘ mich am Anfang des Videos ruhig mit dem Geschäftsführer unterhalten.“

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder hat sich Bild.de bei dieser Geschichte von Oli/Markus H. so richtig über den Fast-Food-Tisch ziehen lassen. Oder die Redaktion hat sich all den Quatsch mit der Panik einfach ausgedacht. So oder so — für ein zwei Jahre altes Video zahlt man doch gerne ein „Bild plus“-Abo.

Mit Dank an @im_fo, Sisi T. und Ralf H. für die Hinweise!

Burka-Selbstversuche, Abrechnung, Fake-News

1. Bekloppte Nachrichten
(Adrian Lobe, faz.net)
Für Facebooks Rubrik „Trending Topics“, eine Art Nachrichtenticker, waren bislang News-Kuratoren verantwortlich, doch nun hat der Konzern das fünfzehnköpfige Nachrichten-Team gefeuert und durch einen Algorithmus ersetzt. Eine Maschine sei neutraler als der Mensch, so die Begründung. Doch die ersten Ergebnisse der Algorithmen-Auslese seien eine einzige Katastrophe, berichtet Adrian Lobe in der „FAZ“: Über das Wochenende hätte das Modul ein Video eines mit einem McDonald’s-Sandwich masturbierenden Mannes sowie eine Falschmeldung über die angebliche Entlassung der Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly in seine Trending Topics eingespeist. Der Algorithmus wähle Artikel nach bloßer Häufigkeit aus, verifiziere die Inhalte aber nicht. So gerate Facebook zum Durchlauferhitzer von Fake-Nachrichten, die das politische Klima in den Vereinigten Staaten vergiften würden.

2. Die Diktatur, die aus der Kälte kam
(krautreporter.de, Martin Schibbye)
Sie interessieren sich für Länderreportagen über Regionen, die schwer zugänglich sind? Dann könnte der insgesamt dreiteilige Bericht des Autors Martin Schibbye und des Fotografs Johan Persson etwas für Sie sein, die ins abgeschottete Eritrea gereist sind. Ganz in die Nähe der nordostafrikanischen Region, in der sie 2011 gefangenen genommen wurden und 438 Tage im Gefängnis verbringen mussten. Am besten lesen Sie zunächst den ersten Teil der Reportage, bevor Sie in den aktuell geposteten Bericht einsteigen.

3. Journalistische Burkini-Selbstversuche: Wer nicht zuhören will
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Margarete Stokowski beschäftigt sich in ihrer Kolumne mit den Burkini-Selbstversuchen der Medien. Zahlreiche Journalistinnen hätten sich die Burka übergestreift, ob „Welt“, „Zeit“, „stern.de“ oder „Flensburger Tageblatt“. Mehr als etwas peinlicher Journalistinnen-Fasching sei dabei jedoch nicht herausgekommen.

4. „Arrogant und unjournalistisch“ – Jürgen Todenhöfer gewinnt Rechtsstreit mit dem Spiegel, sein Sohn rechnet ab
(meedia.de, Frederic Todenhöfer)
Unter dem Titel der „Der Märchenonkel“ berichtete der „Spiegel“ Anfang des Jahres über den Publizisten Jürgen Todenhöfer und seine Reise zum sogenannten Islamischen Staat. In dem Beitrag kam ein Mitreisender zu Wort, der scharfe Kritik an Todenhöfers Arbeit und Buch äußerte. Todenhöfer ging juristisch gegen den Text vor, mit der Folge, dass der „Spiegel“ den gesamten Artikel löschen musste und keine der 14 beanstandeten Passagen wiederholen darf. Todenhöfers Sohn Frederic rechnet auf „Meedia“ in einem Gastbeitrag mit dem Hamburger Verlagshaus ab.

5. „Der beste Journalismus ist heute besser denn je“
(sueddeutsche.de, Alexandra Borchardt)
Wie glaubwürdig ist die Presse noch? Der britische Medienforscher Rasmus Kleis Nielsen ist überzeugt, dass etablierte Medien durchaus noch Vertrauen genießen. Besonders in Deutschland: „Generell vertrauen die Menschen in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien den etablierten Medien mehr als die in Südeuropa oder den USA. Zwei Variablen beeinflussen das entscheidend: erstens politische Polarisierung. Je mehr Menschen die gegenwärtige Politik ablehnen, desto weniger vertrauen sie den Medien. Zweitens ist das wirtschaftliche Ungleichheit. Je stärker sich Menschen wirtschaftlich abgehängt und in ihren Nöten ignoriert fühlen, umso weniger vertrauen sie den Medien. Das ist nicht überraschend.“

6. Scheint zu klappen: Wie zwei Teenager Nachrichten erfinden und zehntausende Dollar verdienen
(onlinemarketingrockstars.de, Martin Gardt)
Fake News sind eine neue Erwerbsquelle. Die jungen Macher der „Hot Global News“ (16 + 19) generieren damit Millionen von Klicks und was für sie viel wichtiger ist: tausende Dollar an Werbeeinnahmen. Doch bevor Sie jetzt auch ins Business einsteigen, überprüfen Sie, ob Sie die notwendige Portion Skrupellosigkeit haben: Die Methoden unterscheiden sich stark von denen eines „Postillon“…

Burgerjournalismus beim „Express“

Spontane Feiern in den Straßen Kölns, wildfremde Menschen knutschen sich ab wie sonst nur an Rosenmontag, und die Jubelstimmung breitet sich nach und nach auch in ganz Nordrhein-Westfalen, ach was, in ganz Deutschland aus.

Sollten Sie also etwas Verschüttbares in der Hand halten — legen Sie es zur Seite, bevor Sie weiterlesen. Und Personen mit einem schwachen Herzen raten wir, sich hinzusetzen und erstmal tief durchzuatmen. Denn heute konnte der „Express“ ganz aufgeregt auf seiner Startseite verkünden:

Doch, doch, Sie lesen richtig: Die Fast-Food-Kette „McDonald’s“ nimmt jetzt einen Burger, den es sonst nur ab und zu mal gab, permanent ins Angebot. Potztausend!

Dem Kölner Boulevardblatt ist das einen ganzen Artikel wert:

Saftiges Rindfleisch, Bacon, Salat und Käse zwischen zwei Weizenbrötchen …

Die Fans hatten immer wieder gebettelt und nie locker gelassen — jetzt werden sie erhört! McDonald’s nimmt den Big Tasty Bacon ins Standard-Sortiment auf!

Na, haben wir zu viel versprochen?

„Ihr solltet wirklich den Big Tasty Bacon dauerhaft einführen!“ oder „Ich wollte mal fragen wie lange ich jetzt wieder auf den Big Tasty Bacon warten muss?“ — zahlreiche Fragen und Hinweise dieser Art erreichten den Fast-Food-Riesen in den vergangenen Wochen und Monaten.

„Und der Gast hat gesprochen — der Big Tasty Bacon wird ab dem 11.08. dauerhaft in unseren Restaurants angeboten“ so Holger Beeck, Vorstandsvorsitzender McDonald’s Deutschland.

Klar, die fehlenden Kommata hätte die Redaktion beim Abschreiben der Pressemitteilung natürlich noch ergänzen können. Aber das sei dem „Express“ verziehen — kann bei all dem Trubel schon mal untergehen, schließlich kommt so eine Knallermeldung ja auch nicht jeden Tag rein.

Immerhin haben die Mitarbeiter noch dran gedacht, auch das „McDonald’s“-Werbefoto in den Artikel einzufügen:

Boah, dieses saftige Rindfleisch und der Bacon und der Salat und der Käse und alles zwischen zwei Weizenbrötchen. Da kann man als Journalist schon mal schwach werden. Jedenfalls: saubere Arbeit.

Nur bei der Rubrik hätten wir anders entschieden: Da gehört statt „Politik und Wirtschaft“ (warum eigentlich „Politik“? Hat der Sicherheitsrat der „Vereinten Nationen“ etwa auch noch interveniert, damit „McDonald’s“ den „Big Tasty Bacon“ „Endlich!“ ins „Standard-Sortiment“ aufnimmt?) ein dickes, fettes „Anzeige“ hin.

Mit Dank an Alex für Hinweis und Screenshot!

Nachtrag, 12. August: Die „Morgenpost“ aus Dresden berichtet ebenfalls über das „Big Tasty Bacon“-Wunder. „Focus Online“ hat der Entscheidung von „McDonald’s“ sogar ein Video gewidmet.

Mit Dank an Jens L. und Carsten N. für die Hinweise!

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