Suchergebnisse für ‘lammert’

Forget.me, Echo-Medien, Norbert Lammert

1. „Staatsanwaltschaft geht mit Durchsuchungsbeschluss gegen Echo-Medien vor“
(echo-online.de)
Zum ersten Mal „in der fast siebzigjährigen Geschichte der Echo-Zeitungen überhaupt“ erhalten die ECHO-Medien in Darmstadt Besuch von der Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei. Gefordert wird die Identität hinter einem inzwischen gelöschten Leserkommentar.

2. „Forget.me illustriert, wie nah Datenschutz und Zensur beieinander liegen“
(netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert stellt Forget.me vor. Die französische Website zeichne sich auch dadurch aus, „dass User nicht wie beim Google-‚Löschservice‘ manuell die zu entfernenden Website-URLs liefern müssen. Stattdessen zeigt Forget.me eine Live-Ergebnisliste zur Suche nach dem persönlichen Namen an. Neben jedem Eintrag befindet sich eine prominent platzierte Schaltfläche ‚Forget this‘. Wer diese betätigt, muss auf der Folgeseite noch die passende juristische Rechtfertigung auswählen und den Scan eines Dokuments zur Identifizierung hochladen. Fertig.“

3. „Auf einmal“
(umblaetterer.de, Paco)
Paco fragt sich, weshalb der „Freitag“ den Jakob-Augstein-Text „Wir töten, was wir lieben“ über Frank Schirrmacher offline gestellt hat.

4. „Der digitale Kulturpessimismus des Feuilletons langweilt“
(schulesocialmedia.com, Philippe Wampfler)
„Kulturpessimismus floriert im Feuilleton“, stellt Philippe Wampfler fest: „Über die Gründe kann ich nur spekulieren – es wundert mich immer wieder, warum aus all den Menschen, die zu digitalen Entwicklungen etwas sagen könnten, immer die mit den platten Angst-Thesen Platz erhalten.“

5. „Die scheinheilige Empörung über Schumachers gestohlene Krankenakte“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier reagiert auf die „Warnung vor Veröffentlichung“ der entwendeten Krankenakte von Michael Schumacher durch den DJV: „Die Veröffentlichung der Krankenakte wäre gerade deshalb auch so empörend, weil ihr Inhalt wahr wäre. Im Gegensatz zu all dem unzuverlässigen Geraune, mit dem die Medien ihre Schumacher-Berichterstattung füllen.“

6. „Lammerts Lebenshilfe: Überwachung mit Fassung tragen!“
(youtube.com, Video, 1:31 Minuten)
Siehe dazu auch „Arbeitserleichterung für die NSA: Deutscher Bundestag bezieht Internet von US-Anbieter Verizon“ (netzpolitik.org, Andre Meister).

Lammert, GEZ, Auflagen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Return to Sender“
(kaidiekmann.de)
„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann dementiert die Vorwürfe, „Bild“ habe ohne Erlaubnis Inhalte des Magazins „Lettre International“ online gestellt: „Lieber Herr Berberich: Da müssen Sie etwas übersehen haben. Denn natürlich haben wir das Interview nicht geklaut, sondern uns vorher die Erlaubnis zur Veröffentlichung geholt.“ Als „Beweis“ für eine Erlaubnis stellt Diekmann ein von der Zeitschrift verschicktes Fax online.

2. „Es geht auch ohne Leistungsschutzrechte“
(heise.de/tp, Peter Mühlbauer)
„Lettre International“ ist allerdings gar nicht der Meinung von Kai Diekmann (siehe Link 1). Man „sei man von der Bild-Zeitung mehrmals angerufen und nach einer Erlaubnis zum Onlinestellen gefragt worden, habe das aber stets explizit verboten.“

3. Norbert Lammert im Bundestag
(bundestag.de, vorläufiges Protokoll)
Norbert Lammert, Präsident des deutschen Bundestages, macht das Parlament darauf aufmerksam, dass „eine Übertragung der Konstituierung dieses Deutschen Bundestages im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht stattfindet“. Stattdessen seien „Schaumküsse“, „Alisa – Folge deinem Herzen“ und „Bianca – Wege zum Glück“ zu sehen. „Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass ein gebührenpflichtiges Fernsehen, das dieses üppig dotierte Privileg allein seinem besonderen Informationsauftrag verdankt, auch an einem Tag wie heute mit einer souveränen Sturheit der Unterhaltung Vorrang vor der Information einräumt.“

4. „Rosarot ist die Hoffnung“
(faz.net, Hanno Charisius und Georg Rüschemeyer)
Die „Frankfurter Allgemeine“ arbeitet das „gewaltige Echo“ auf, das der Film „Heilung unerwünscht“ von Klaus Martens erzeugt hat.

5. „Der GEZ-Gebühr droht das Aus“
(handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
„Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen eine grundlegende Reform der Finanzierung von ARD und ZDF diskutieren, im Raum steht eine pauschale Haushaltsabgabe anstelle der geräteabhängigen Gebühr.“

6. „A Graphic History of Newspaper Circulation Over the Last Two Decades“
(theawl.com)
Die wochentägliche Auflage einiger US-Zeitungen von 1990 – 2009 im grafischen Vergleich.

Was Lammert meint

Der Bundestagspräsident Norbert Lammert hat gestern in einer Rede der RAF-Opfer gedacht und dabei auch den Umgang mit ihnen kritisiert. Es sei zum Beispiel ein Zeichen mangelnden Respekts, das Bild des gefangenen Hanns Martin Schleyer als eine Art Logo von Zeitungsserien zu verwenden.

„Bild“ berichtet ausführlich. Bei Bild.de sieht das so aus:

Mit Dank an Christian B. für den Hinweis.

Lammert und der Boy von Seite 2

Dieter Bohlen (52) ist für die „Bild“-Zeitung vielseitig verwendbar: als Motiv für „BILD-Leser-Reporter“, als „Bild“-Schlagzeile — aber auch für ihre tolle „Korrekturspalte“. Heute findet er sich dort bereits zum vierten Mal in vier Wochen wieder. Denn nachdem „Bild“ nicht nur Bohlens Alter, sondern auch das seines jüngsten Kindes aus erster Ehe und zuletzt gar den angeblichen Anfangsbuchstaben des angeblichen Vornamen seiner angeblichen neuen Freundin berichtigte, schafft es Bohlen auch heute auf Seite 2 der „Bild“:

Weil Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann am Samstag zu berichten wusste, dass die Trennung von Dieter Bohlen und seiner bisherigen Lebensgefährtin Estefania (eigentlich Stefanie Küster) „schon neun Monate“ zurückliege, heißt es nun:

„Richtig ist: Die Trennung erfolgte am 9. Juni.“

P.S. Falls „Bild“ für die morgige Ausgabe nichts Besseres einauffällt, hätten wir da noch einen Vorschlag:

„Bild“ behauptet heute nämlich, Bundestagspräsident Norbert Lammert (57) habe „einen Brief an Polens Parlamentspräsident Marek Jurek“ geschrieben. In einer längeren Fassung heißt es sogar stolz, es handle sich dabei um einen „offenen Brief“, „der BILD vorliegt“.

Nach Angaben des Deutschen Bundestages handelt es sich dabei aber peinlicherweise lediglich um einen Artikel Lammerts für die größte polnische Tageszeitung „Fakt“ (mehr dazu z.B. hier und hier), wo der angebliche Lammert-„Brief“, der „Bild“ vorliegt, bereits am vergangenen Freitag in einer Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren erschienen ist.

Mit Dank an Hyp Nom für den Hinweis.
Danke auch an Matthäus W. für die Unterstützung!

Nachtrag, 5.9.2006: Was Millionen „Fakt“-Leser schon seit vergangenem Freitag wissen, erfahren heute nun auch Millionen „Bild“-Leser.

„Bild“ führt Jan Hofer vor

Sollte Nikolaus Blome, was wir wirklich nicht hoffen, mal während seiner Moderation des „Bild“-Polit-Talks einen Schwächeanfall haben, dann dürften er und seine Redaktion damit einverstanden sein, wenn alle anderen Medien die Sache so richtig ausschlachten: Hochaufgelöste Standbilder auf Titelseiten drucken, die zeigen, wie Blome offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Ein Video veröffentlichen, in dem zu sehen ist, wie der „Bild“-Politik-Chef nach vorne und nach hinten wankt und sich gerade noch so am Pult festhalten kann. Die Sequenz auch mehrfach zeigen und dabei an den taumelnden Blome heranzoomen. Ein Wortlaut-Protokoll seiner ganzen Versprecher veröffentlichen. Kurzum: Den Vorfall ausnutzen und damit ordentlich Klicks einsammeln.

Warum wir uns so sicher sind, dass Nikolaus Blome und die „Bild“-Redaktion da keine Einwände hätten? Sie machen es gerade selbst — mit „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer.

Hofer ging es gestern Abend während der „Tagesschau“ gesundheitlich nicht gut (inzwischen geht es ihm wieder besser). Er verhaspelte sich immer wieder und konnte die Sendung nicht mehr abmoderieren. Im TV sah man ihn stattdessen einige Sekunden wanken. Die ARD hat diese Szene in der Mediathek rausgeschnitten.

Elf Sekunden hält die Kamera drauf — dann wird der Bildschirm schwarz! Die Tagesschau wird abgebrochen!

Kurz darauf werden die besorgniserregenden Szenen aus der ARD-Mediathek im Netz gelöscht.

… schreibt Bild.de und veröffentlicht im selben Beitrag ein Video mit den „besorgniserregenden Szenen“:

Screenshot Bild.de - Erschütternde Szenen live im TV - Tagesschau abgebrochen - Drama um Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Rettungswagen gerufen - Ärztliche Behandlung - Tagesschau twittert: Jan Hofer geht es wieder deutlich besser
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Die Redaktion zeigt, wie Hofer sich ans Pult klammert, zoomt an ihn heran, zoomt wieder raus, zeigt die ganze Szene noch mal komplett.

Die „Bild“-Zeitung druckt heute auf ihrer Titelseite ein großes Standbild, das Hofer in dessen apathischem Zustand zeigt:

Ausriss Bild-Titelseite - Tagesschau abgebrochen - Drama um Jan Hofer - Stockende Stimme und Versprecher - Um 20:20 Uhr wurde Rettungswagen zum Studio gerufen

Im Blatt ist die Aufnahme noch einmal zu sehen:

Ausriss Bild-Zeitung - Dramatische Szenen live im TV! Tagesschau abgebrochen! Nach dem Wetter konnte Jan Hofer nicht mehr sprechen

Und als hätte es irgendeinen Zipfel Mehrwert, veröffentlicht Bild.de dann auch noch diesen Beitrag:

Screenshot Bild.de - Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Die Aussetzer der Moderation im Wortlaut

In einem weiteren Artikel fragt Bild.de:

Aber wie konnte es dazu kommen, dass die ARD nach dem Wetterbericht überhaupt weiter live die „Tagesschau“ mit dem sichtlich angeschlagenen Sprecher im Bild übertrug?

Wie es dazu kommen konnte (oder noch besser: ob es überhaupt dazu kommen sollte), dass sie selbst Jan Hofer so vorführen — das hat sich bei den „Bild“-Medien offenbar niemand gefragt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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„Bild“ belästigt „letzte Hitlers“, die gar nicht Hitler heißen

Alexander Hitler heißt nicht Alexander Hitler, und dennoch nennen „Bild“ und Timo Lokoschat ihn Alexander Hitler, denn andernfalls käme ihre Titelgeschichte von heute noch ein Stück dünner daher:

Ausriss Titelseite der Bild-Zeitung - Bild traf den Groß-Neffen in den USA - Letzter Hitler bricht sein Schweigen! Mit zweitem Namen heißt er Adolf

Ihre komplette Seite 3 hat die Redaktion für die Story freigeräumt:

Ausriss Bild-Zeitung - Was Alexander Hitler über Merkel und Trump denkt
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Bei Bild.de, dort hinter der Bezahlschranke, prangte sie heute lange Zeit ganz oben auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Bild traf den Groß-Neffen in den USA - Letzter Hitler bricht sein Schweigen! Mit zweitem Namen heißt er Adolf

Und auch online ist fast ausschließlich von Alexander Hitler die Rede, was — das möchten wir hier gern noch mal betonen — falsch ist, da der Mann, den Lokoschat und „Bild“ aufgestöbert haben, gar nicht Alexander Hitler heißt: Er ist tatsächlich mit Adolf Hitler verwandt, um einige Ecken, laut „Bild“-Medien soll er dessen Großneffe sein. Aber den Nachnamen des Diktators trägt er nicht, hat er nie. Das schreibt auch Lokoschat:

Ihren Namen hat die Familie 1946 verändert. Zuerst in Hiller, später in einen englischen Doppelnamen.

Alexander wurde 1949 geboren. Und dennoch heißt es in dem Artikel unter anderem:

„DEAD END“ steht auf dem Schild vor der Straße, in der Alexander Hitler wohnt.

Alexander Hitler lebt in einem Holzhaus

Gepflegt sind dafür die vielen Topfpflanzen, die hier stehen. Fleißiges Lieschen, Bartnelken, Eisbegonien, Funkien. Die amerikanischen Hitlers haben einen grünen Daumen.

Herr Hitler fährt Hyundai.

Er ist groß, zirka 1,85 Meter, trägt ein türkis-weiß-kariertes Hemd und eine beigefarbene Cargohose. Alexander Hitler.

„Deutsche Politik?“, wiederholt Alexander Hitler ungläubig und zieht die Augenbrauen hoch.

Und so weiter. Mehrere Dutzend Mal fällt der Name Hitler. Auch wenn seit 72 Jahren niemand mehr so heißt.

Zum Aufplustern der „Bild“-Titelgeschichte gehört auch: Es handelt sich gar nicht, wie auf Seite 1 behauptet, um den „letzten Hitler“. Es gibt noch mindestens zwei weitere — die allerdings auch nicht Hitler heißen. Bei den beiden Brüdern von Alexander, die wohl zusammenleben, stand Timo Lokoschat ebenfalls vor der Haustür. Einer von ihnen öffnete die Tür, schloß sie sehr schnell wieder, als der „Bild“-Mann sein Anliegen schilderte, und schaltete die Rasensprenger an. Viel deutlicher kann man nicht sagen: „Lass uns in Ruhe“.

Alexander sprach hingegen mit Lokoschat. Was aber nicht das rechtfertigt, was „Bild“ und Bild.de mit ihm anstellen. Mal abgesehen von der hingebogenen Schlagzeile, penetrant genutzten falschen Nachnamen und den ganzen Belanglosigkeiten (Lokoschat klammert sich nicht nur an die bahnbrechenden Entdeckungen von grünen Daumen und Automarken, sondern auch an solche „kuriosen Zufälle“: „Kurioser Zufall: Die Nachbarin kommt aus Österreich!“ Große Enttäuschung direkt im nächsten Satz: „Aber auch sie weiß nichts.“) ist das eigentlich Grässliche an dem Artikel: Das Eindringen in die Privatsphäre eines Menschen, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen; der nichts dazu beigetragen hat, dass die „Bild“-Redaktion sich für ihn interessieren könnte; der einfach nur das verdammte Pech hat, dass es sich bei einem entfernten Verwandten um eine der schlimmsten Personen der Menschheitsgeschichte handelt.

Und das gilt für Alexander genauso wie für seine zwei Brüder. Von dem einen — Alexander — haben „Bild“ und Bild.de ein Foto veröffentlicht, ohne Verpixelung, das ganz offensichtlich aus größerer Entfernung aufgenommen wurde. Man sieht darauf noch den Maschendrahtzaun des Grundstücks, vor dem der Fotograf steht. Wir haben bei Lokoschat nachgefragt, ob der Mann wusste, dass er fotografiert wird, und ob er eingenwilligt hat, dass dieses Foto veröffentlicht wird. Der „Bild“-Redakteur wollte uns darauf nicht antworten.

Von den zwei Brüdern, von denen der eine Lokoschat per Rasensprenger deutlich gemacht hat, dass er nichts mit ihm zu tun haben will, haben die „Bild“-Medien eine Außenaufnahme des Hauses veröffentlicht. Zu ihnen steht im Text:

Sie sind die letzten Hitlers.

Das weiß in der 20 000-Einwohner-Stadt fast niemand.

Mit etwas Pech wissen es dort bald ganz viele. Die „Bild“-Redaktion feiert sich jedenfalls schon dafür, dass ihre Geschichte auch international Widerhall findet:

Screenshot Bild.de - So kommentiert die internationale Presse den Besuch bei den Hitler-Nachfahren

Bei Twitter erklärt Timo Lokoschat, dass er in seinem Text „aus Prinzip“ nicht den richtigen Nachnamen von Alexander und dessen Brüdern (natürlich erst recht nicht in anonymisierter Form) verwendet hat:

Screenshot eines Tweets von Timo Lokoschat - Der Nachname ist eigentlich auch weithin bekannt, auch der Ort lässt sich leicht herausfinden. Wollte beides trotzdem aus Prinzip nicht hineinschreiben. Macht die Story nicht besser.

Was so eine Story offenbar „besser“ macht: Leute immer wieder Hitler nennen, die gar nicht Hitler heißen und auch nicht Hitler heißen wollen, und Fotos von ihnen und ihren Häusern in Millionenauflage unter die Leute bringen. Julian Reichelt, der schon dann sauer wird, wenn jemand öffentlich nur sein Jahresgehalt schätzt, und dadurch seine Familie bedroht sieht, scheint kein Problem mit der Veröffentlichung all dieser Details zu haben.

An einer Stelle im Artikel steht zum Vater der drei von „Bild“ besuchten Männer:

Den Fluch des schlimmsten Familiennamens der Weltgeschichte wollte er seinen Söhnen ersparen.

„Bild“ und Timo Lokoschat wollen das offenbar nicht.

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Wie „Bild“ mit einer Vorverurteilung den Rechtsstaat in Verruf bringt

Es gibt ihn noch. Ernst Elitz, vor eineinhalb Jahren von „Bild“-Chef Julian Reichelt als Ombudsmann eingesetzt, als Anwalt für die Leserinnen und Leser, ist noch immer im Amt. Nach wie vor scheint er sich eher als Anwalt der Redaktion zu sehen und verteidigt die „Bild“-Medien gegen kritische Zuschriften aus der Leserschaft, aber manchmal findet selbst Elitz, dass „Bild“ und/oder Bild.de was falsch gemacht haben. Vor gut zwei Wochen schrieb er:

Von grundsätzlicher Bedeutung ist auch der Hinweis des Lesers Alexander Neu.

Die Sendung „Hart aber fair“ hatte eine offizielle Kriminalstatistik über „tatverdächtige“ Ausländer präsentiert. Der Leser kritisiert zu Recht, dass im BILD-Bericht über die Sendung der Eindruck erweckt wurde, es handle sich um eine Statistik bereits verurteilter Täter. Das war sie nicht!

Nicht jeder, der unter Verdacht steht, ist schon ein überführter Krimineller. Gerade bei einem politisch so brisanten Thema muss korrektes Zitieren erstes Gebot sein.

Hört, hört!

Es ist aber schon etwas niedlich, dass jemand in „Bild“ und bei Bild.de ernsthaft mahnt, man solle Tatverdächtige nicht als überführte Kriminelle darstellen; in den zwei Medien, die seit jeher wie keine anderen Tatverdächtige als überführte Kriminelle darstellen.

Das aktuellste Beispiel dieser redaktionellen Leidenschaft: Sami A.

Über den Tunesier wurde in den vergangenen Wochen viel geschrieben und diskutiert. Bei Bild.de unter anderem mit dieser Schlagzeile aus dem Juli:

Screenshot Bild.de - Abschiebe-Skandal! Juristisches Tauziehen um Ex-Leibwächter von Osama bin Laden - Kommt Terrorist Sami A. jetzt zurück nach Deutschland?
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Das Problem dabei: Sami A. ist kein Terrorist. Jedenfalls wurde er nie als Mitglied einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Oder wie Ombudsmann Elitz sagen würde:

Nicht jeder, der unter Verdacht steht, ist schon ein überführter Krimineller. Gerade bei einem politisch so brisanten Thema muss korrektes Zitieren erstes Gebot sein.

Die Berichterstattung der „Bild“-Redaktion zum Fall von Sami A., die man wohlwollend als schlampig und ungenau bezeichnen kann und weniger wohlwollend als böswillig falsch, ist gleich doppelt problematisch: Sie erklärt einen Mann zum Terroristen, der rechtlich gesehen keiner ist. Und vielleicht noch schlimmer: Sie hinterlässt bei der Leserschaft den falschen Eindruck, dass der Staat überlegt, einen verurteilten Terroristen nach Deutschland zurückzuholen. Die daraus resultierende (unberechtigte) Verachtung für Behörden und Gerichte kann man in den Facebook-Kommentaren zum „Terrorist“-Artikel bestens beobachten:

Bitte bitte nicht! Ein Terrorisrt und Mörder oll zurückgeholt werden! Seit ihr jetzt alle komplett durchgeknallt oder habt ihr schlechte Drogen erwischt!

Je mehr Verbrechen du als Migrant begehst und je mehr einer weltweit gejagt wird, desto mehr klammert sich dieser Staat an seine Terroristen.

Jeden Tag kann man sehen warum man Heute die AFD eigentlich schon wählen muss: Alle anderen Parteien hofieren Verbrecher und Terroristen.

Wie kommen andere Länder nur auf die Idee, Deutschland würde Terroristen willkommen heißen. Kann ich ja so gaaaar nicht nachvollziehen.

Das Theater signalisiert allen Terroristen auf der Welt — in D kannst du sicher und vollversorgt auf Kosten Anderer, deinen wohl verdienten Terror Lebensabend geniessen….

Überall wird Terrorismus bekämpft und in Deutschland holt man ihn sich rein….Ganz sauber im Oberstübchen sind wohl hier viele Amtsinhaber nicht mehr.

Jetzt kämpft das Gericht in Gelsenkirchen darum, das der arme Traumatisierte Terrorist sofort wieder an die Sozialtöpfe nach Deutschland zurückkehren kann. Dieser Irrsinn ist nicht mehr zu verstehen.

Natürlich versteht man als nur halbinformierter „Bild“-Leser die Welt und vor allem deutsche Behörden und Gerichte und die Regierung nicht mehr, wenn scheinbar ein Terrorist „jetzt zurück nach Deutschland“ kommen soll, und kommentiert bei Facebook wütend drauf los. Dass diese Empörung auf falschen Tatsachen beruht, ist auch „Bild“ zu verdanken.

Sami A. kommt 1997 als Student nach Deutschland. 2006 stellt er einen Asylantrag, der 2007 abgelehnt wird. 2010 entscheidet ein Verwaltungsgericht, dass Sami A. nicht abgeschoben werden darf, weil ihm in Tunesien unter anderem Folter drohe. 2014 widerruft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dieses Abschiebungsverbot, weil in Tunesien ein Regimewechsel stattgefunden hat. 2016 entscheidet ein Verwaltungsgericht erneut, dass Sami A. nicht abgeschoben werden darf, da ihm in Tunesien noch immer „mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Folter, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung“ drohe. Ein Oberverwaltungsgericht bestätigt diese Entscheidung 2017. Am 13. Juli dieses Jahres wird Sami A. doch nach Tunesien abgeschoben, obwohl einen Tag zuvor ein Verwaltungsgericht erneut entschied, dass er dorthin nicht abgeschoben werden darf. Der Mann kam in Tunesien direkt ins Gefängnis. Nun wird diskutiert, ob Sami A. nach Deutschland zurückgeholt werden muss. Bei „Spiegel Online“ gibt es eine detaillierte Chronologie.

Mittendrin in diesem Hin und Her, ab März 2006, gibt es Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen Sami A. wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Er soll um die Jahrtausendwende mehrere Monate im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gewesen sein und dort eine militärische Ausbildung der Terrororganisation al-Qaida durchlaufen haben. Anschließend soll er zum Mitglied der Leibgarde Osama bin Ladens aufgestiegen sein. Sami A. bestreitet all das. Das Verfahren gegen ihn wird im Jahr 2007 eingestellt, da die Ermittlungsergebnisse nicht für eine Anklageerhebung reichen.

Sami A. ist also kein verurteilter Terrorist. Ihm wurde auch nie von einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht nachgewiesen, Leibwächter Osama bin Ladens gewesen zu sein. Er ist laut Behörden ein islamistischer Gefährder.

Einen Mann, gegen den wegen Mordes ermittelt wird, kann man auch nicht einfach Mörder nennen, wenn die Ermittlungen mangels Beweisen eingestellt werden. Wer es trotzdem macht, hat nichts übrig für den Rechtsstaat und das Prinzip der Unschuldsvermutung. Und wer es so penetrant macht wie die „Bild“-Redaktion, gibt diese Justizverachtung an die eigene Leserschaft weiter.

Nur ein paar Beispiele:

Screenshot Bild.de - Ex-Leibwächter von Osama bin Laden abgeschoben!
Ausriss Bild-Zeitung - Gericht entscheidet zwölf Stunden nach Abschiebung - Bin Ladens Leibwächter muss zurück nach Deutschland!
Ausriss Bild-Zeitung - Schon wieder grobe Fehler beim Abschieben - Nach Bin Ladens Leibwächter soll erneut ein Asylbewerber nach Deutschland zurückgeholt werden
Screenshot Bild.de - Bin-Laden-Leibwächter Sami A. nach Tunesien gebracht. Jetzt soll er zurück
Ausriss Bild-Zeitung - Abschiebung von Bin Ladens Leibwächter - Wer hat Schuld am Chaos?
Screenshot Bild.de - Abschiebung des Bin-Laden-Leibwächters - Dieser Anwalt will Sami A. nach Deutschland zurückbringen
Screenshot Bild.de - Sami A. ist das Sinnbild für den Abschiebe-Irrsinn - Kein Fall mehr für deutsche Gerichte - Bin Ladens Ex-Leibwächter wurde endlich abgeschoben - Anwältin des Terror-Gefährders: Er muss mit Visum zurück

„Bild“ veröffentlichte auch eine Art Interview mit Sami A. „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer hatte dem Anwalt des Tunesiers Fragen mitgegeben. Sami A. antwortete unter anderen:

„Ich war nie Leibwächter von Osama bin Laden, das ist völlig frei erfunden. Ich war in Saudi-Arabien, Pakistan und Iran in meinem Leben, aber nie in Afghanistan. Auch hier in Tunesien wissen alle, dass diese Vorwürfe einfach nicht stimmen.“

Dass es doch so war, dass die „Bild“-Berichterstattung der vergangenen Wochen und Monate also nicht in einem wichtigen Punkt falsch war — dazu liefern „Bild“ und Ronzheimer nicht einen Beweis.

Ende Juli gab es dann gleich zwei größere Überraschungen: Sami A. wurde in Tunesien aus der Haft entlassen, und Bild.de schrieb auf einmal:

Screenshot Bild.de - Breaking News - Mutmaßlicher von Osama bin Laden: Sami A. in Tunesien vorläufig wieder frei

Das Wort „mutmaßlicher“ war aber wohl doch nur ein Ausrutscher. Kurz darauf ging es bei „Bild“ und Bild.de mit der gewohnten Missachtung der Unschuldsvermutung weiter.

Bolz-Account, Palandt-Tätergedenken, Bitte keine Unfallfotos

1. Social Media März
(pop-zeitschrift.de, Jörg Scheller & Wolfgang Ullrich)
Die Autoren Jörg Scheller und Wolfgang Ullrich haben sich den Twitter-Account des Medientheoretikers und Philosophen Norbert Bolz näher angeschaut. Und das auf interessante Weise: Das formal wie auch inhaltlich lesenswerte Gespräch könnte der Beginn eines neuen Genres von Twitter-Profil-Rezensionen sein. Im Kern gehe es bei Bolz um die Geschichte einer Radikalisierung. „In Bolz‘ Tweets waltet der „Thymos“, also der von der Neuen Rechten beschworene „Zorn“ und „Stolz“, in Beamtengestalt. Aus komfortabler Distanz, umhegt von Väterchen Staat, gut abgesichert durch ein unkündbares Beschäftigungsverhältnis, das Bolz all seinen Klagen über das Elend der Universitäten zum Trotz aufrechterhält.“

2. An Unglücksstellen besser nicht fotografieren
(lawblog.de, Udo Vetter)
Strafrechtler Udo Vetter macht in seinem Blog darauf aufmerksam, dass das Fotografieren von hilflosen Personen an Unglücksstellen geahndet werden kann. Möglich macht dies ein eigener Straftatbestand, nämlich § 201a Abs. 1 Ziff. 2 StGB. Wichtig: Bei Fotos von Unfallopfern spiele es keine Rolle, ob Rettungs- oder sonstige Einsatzkräfte behindert wurden.

3. „Die Konsumenten schauen genauer hin“
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster)
Seit 1972 kann man sich mit Beschwerden über Werbung an den „Deutschen Werberat“ wenden, eine von der Werbewirtschaft eingerichtete Institution. Im Jahr 2017 gingen dort 1389 Beschwerden ein, 135 davon rügte der Rat bei den Unternehmen. Einen Großteil dieser Beanstandungen macht sexistische Werbung aus. Der „Deutschlandfunk“ hat sich deshalb mit Julia Busse vom „Werberat“ über geschlechterdiskriminierende Werbung, Humor und Provokation unterhalten.

4. Hat Uwe Tellkamp recht – oder nicht?
(spiegel.de, Almut Cieschinger)
Almut Cieschinger von der „Spiegel“-Dokumentation hat drei von Uwe Tellkamps Dresdner Behauptungen zur Flüchtlingspolitik auf ihre Richtigkeit beziehungsweise Falschheit überprüft.

5. Beck to History
(verfassungsblog.de, Andreas Fischer-Lescano)
Juristen kennen ihn seit dem ersten Semester: den nach Otto Palandt benannten Kurzkommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). An dem Standardwerk geht im Recht kein Weg vorbei. Doch Namensgeber Otto Palandt hat eine unselige NS-Vergangenheit, auf die der Verlag zwar mittlerweile eingeht, diese aber nicht zum Anlass nimmt, das Werk umzubenennen. Andreas Fischer-Lescano, Professor für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Uni Bremen, kritisiert den Vorgang als eine Form von Tätergedenken im Namen „aufgeklärter Erinnerungskultur“: „Zu Zwecken aufgeklärter Erinnerungskultur in Adolf Eichmann-Zügen zu reisen, Rechtsprechung in Rudolf Freisler-Justizpalästen zu üben, die Bundeswehr in Generalfeldmarschall-Rommel-Kasernen zu stationieren oder über Rudolf Heß-Plätze zu flanieren, ist ein absurder Gedanke — an den sich der Verlag offenbar allein deshalb klammert, weil er den Markennamen seines Bestsellers konstant halten möchte.“

6. Über 1.000 Menschen drohten, ihn zu töten. Freunde wandten sich ab: „Ich würde es wieder tun“, sagt Sebastian Frankenberger.
(vice.com, Tim Geyer)
Wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, im Zentrum eines Shitstorms zu stehen, dann ist es Sebastian Frankenberger, der den Volksentscheid zum Nichtraucherschutz mit in Gang setzte. Acht Jahre sind seit der Abstimmung vergangen und immer noch trudeln bei ihm Hassbotschaften ein, darunter auch Morddrohungen. „Vice“ hat sich mit Frankenberger getroffen (natürlich in einer Raucherkneipe) und ihn gefragt, wie er mit all dem Hass umgeht.

Angebliche Rufmordkampagne, Wahlkampf-Youtuber, Altpapier

1. „Enthüllungsbuch“: Maschmeyer rehabilitiert?
(daserste.ndr.de, Kristopher Sell)
Ein ehemaliger AWD-Mitarbeiter behauptet, eine mediale Schmutzkampagne gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber betrieben zu haben. Vor einigen Jahren habe er zahlreiche Redaktionen mit Insider-Informationen aus dem AWD versorgt, darunter auch Journalisten von „Panorama – die Reporter“, „Stern“, „SZ“ und „Spiegel“. Im Gegenzug sei er von einem damaligen Konkurrenten des AWD mit mehreren tausend Euro monatlich honoriert worden. Ziel der Aktion sei es gewesen, AWD-Chef Carsten Maschmeyer zu schaden. Panorama-Autor Kristopher Sell kommentiert: „Offensichtlich soll der Eindruck erweckt werden, als hätten sich verschiedene Redaktionen, darunter auch Panorama, gegen Maschmeyer und dessen AWD instrumentalisieren lassen und ungerechtfertigte Beschuldigungen verbreitet. Dem kann und muss entschieden widersprochen werden.“ Außerdem lenkt er den Blick auf den Kern der AWD-Kritik: „Das Buch kann nicht von den noch immer real existierenden Opfern des Systems AWD ablenken: Tausenden Menschen, die von Carsten Maschmeyer und seinen Verkäufern um ihre Ersparnisse, teilweise um ihre Altersversorgung gebracht und damit ins Unglück gestürzt worden sind.“
Weiterer Hörtipp: Opfer einer Rufmordkampagne? Kristopher Sell im Gespräch mit Henning Hübert (Audio: 5 Minuten)
Weiterer Lesetipp: Gerhard Hensel über wirtschaftliche Rufmordkampagnen im digitalen Zeitalter: Fake-News im Unternehmens-Einsatz: Wenn es für Marken ganz plötzlich gefährlich wird.

2. Umfrage unter Branchen-Experten: Sollten Robotertexte gekennzeichnet werden? Ja, sagen die meisten Befragten.
(presseportal.de)
Wenn Verlage computergenerierte Texte verwenden, dann handelt es sich meist um Sportergebnisse, Börsendaten oder Wetternews. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass fortschreitende Technik auch computergenerierte Texte in anderen Feldern ermöglicht. Da stellt sich die Frage nach der Kennzeichnung: Sollen maschinell erstelle Beiträge auch als solche benannt werden? Das Medienmagazin „journalist“ hat sich in der Branche umgehört.

3. „Ich möchte mich ungern instrumentalisieren lassen“
(spiegel.de, Markus Böhm)
Erfolgreiche Youtuber haben das, was sich Politiker sehnlichst wünschen: Zugang zu jungen Menschen. Da liegt es nahe, dass sich die Kanzlerin in der Hochphase des Wahlkampfs gleich mit vier Webstars zum Interview trifft: Das Quartett kommt auf drei Millionen Youtube-Abonennten. „Spiegel“-Autor Markus Böhm hat bei verschiedenen Youtube-Stars nachgefragt, wie ihr Umgang mit der Bundestagswahl aussieht, darunter auch Deutschlands beliebtestem Macher von Gamingvideos „Gronkh“.

4. Programmieren als Königsdisziplin
(message-online.com, Louise Sprengelmeyer & Mira Taylor)
Sollten Journalisten auch programmieren können? Bei Datenjournalisten liegt dies auf der Hand, aber auch für klassische Onlineredakteure kann es sich lohnen. Fünf Journalisten und Programmierer berichten über die Erfahrungen aus einem Einsteigerworkshop im Coden.

5. Wie eine unsaubere Hundestory der „Krone“ weltweit viral ging
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
„Kobuk“ geht einer Titelgeschichte der österreichischen „Krone“ nach, die es zu weltweiter Verbreitung in islamfeindlichen Kreisen gebracht habe: Eine „somalischen Asylantin“ hätte eine Wienerin wegen ihrer „unreinen Hunde“ brutal angegriffen, so dass die Hundehalterin mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. „Kobuk“-Autor Kirchmeyr geht nach seinen Nachfragen bei der Landespolizei eher von einem anderer Geschehen aus: „Ein nicht angeleinter Hund ohne Beißkorb lief auf eine Frau zu, die ausgeprägte Angst vor Hunden hat (was übrigens auch an wilden Hunden in Somalia liegen kann). Die Hundehalterin lief dem Hund hinterher, um ihn zurückzuholen. In einer Panikreaktion dürfte sich die Frau so an diese geklammert haben, dass beide stürzten und sich die Hundehalterin am Knie schwer verletzte.“

6. Pro und contra und quo vadis
(evangelisch.de)
Beim renommierten Medien-Watchblog „Altpapier“ teilen sich vier Journalisten die Aufgabe, von Montag bis Freitag die gedruckte und digitale Medienlandschaft zu kommentieren. Doch die Zukunft des „Altpapiers“ ist ungewiss: Am Freitag ist leider vorerst Schluss. Wer per E-Mail informiert werden möchte, ob, wie und wann es weitergeht, kann bei den Machern seine Mail-Adresse hinterlegen. Wer den Autoren außerdem bei der Verbesserung ihrer Medienkolumne helfen möchte, kann an einer schnell beantwortbaren 15-Fragen-Umfrage teilnehmen. Der „Freitag“ diskutiert die Zukunft des „Altpapiers“ mit einem Pro und Contra-Artikel: Ist das „Altpapier“ noch wichtig? Wir vom BILDblog antworten: „Ja, natürlich!“ und wünschen den Kollegen alles Gute und uns allen ein baldiges Comeback.

Rosarote Olympiabrille, Rechte Twitterkrieger, Kampf ums Vong

1. Tageszeitung „Kieler Nachrichten“ wirft Polizei Bespitzelung vor
(netzpolitik.org, Simon Rebiger)
Wurden wirklich mehrere Journalisten der „Kieler Nachrichten“ von der Polizei Schleswig Holsteins abgehört und überwacht? Diesen Verdacht äußert zumindest die Zeitung unter Verweis auf Polizei-Quellen. An einem Fahrzeug eines der Reporter hätte es zudem Hinweise auf einen Peilsender gegeben, ein E-Mail-Konto eines Kollegen sei gehackt worden. Hintergrund ist die sogenannte Rocker-Affäre, bei der es um Ungereimtheiten in einem Ermittlungsverfahren gegen die Rockerbande „Bandidos geht. Opposition und Journalistenverbände würden nun Aufklärung verlangen. Der neue Innenminister (CDU) weist die Vorwürfe zurück.

2. Wer redet hier von Doping?
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Am Wochenende wurde der amerikanische Kabelkanal „Olympic Channel: Home of Team USA“ für 35 Millionen US-Haushalte freigeschaltet. Die NBC-Gruppe zahlt dem IOC für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele von 2014 bis 2032 mehr als 12 Milliarden US-Dollar. Den neuen Kanal betreibt NBC gemeinsam mit dem IOC. Kritische Themen wie Doping, Bestechung, Vergabe der Olympischen Spiele an autoritäre Staaten etc. bleiben ausgeklammert. Eine Tatsache, für die ein NBC-Manager eine Erklärung von George-Orwellschen Dimensionen gefunden hat: „Diskussionen bringen häufig das Schlechteste im Menschen hervor, uns dagegen geht es um das Beste: um inspirierende Geschichten, die alle zwei Jahre für zwei Wochen die Leute zu begeistern scheinen.“

3. Russland kopiert Gesetz gegen Hassbotschaften
(reporter-ohne-grenzen.de)
Das russische Parlament diskutiert derzeit ein Gesetz, das sich am umstrittenen deutschen NetzDG orientiert („Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“). „Reporter ohne Grenzen“ ist entsetzt: „Unsere schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Das deutsche Gesetz gegen Hassbotschaften im Internet dient undemokratischen Staaten nun als Vorlage, um gesellschaftliche Debatten im Internet einzuschränken. Auch in Russland sollen in Zukunft Mitarbeiter sozialer Netzwerke unter hohem Zeitdruck darüber entscheiden, welche Informationen gelöscht werden. In einem Land ohne unabhängige Gerichte, die den Schutz der Meinungsfreiheit durchsetzen könnten, ist das eine verheerende Entwicklung.“

4. Reichweitenschnorrer, Replysurfer, Sockenpuppen?
(volkerkoenig.de)
Volker König schreibt über ein Phänomen, das ihm auf Twitter aufgefallen ist. Immer wieder würden sich Accounts in Diskussionen unter Tweets von Medien und Tageszeitungen oder auch von linken Aktivisten einmischen, die nur 50 oder deutlich weniger Follower haben. Auch nach den G20-Krawallen in Hamburg sei eine hohe Anzahl von „danke @PolizeiHamburg“-Twitterern dieser Gruppe zuzuzordnen. „Ich sehe hier eine Tendenz. Entweder sind “rechte Stammtischkrieger” auf Twitter gekommen und randalieren mit ihren Meinungen nun hier herum statt nach ein paar Bier in der Stammkneipe, oder es ist möglicherweise eine Reihe von meist AfD-nahen Personen, die mit Sockenpuppen nicht nur ihre Reichweite erhöhen, sondern durch die scheinbar große Zahl an zustimmenden Meinungen auch die Relevanz.“

5. Ein Geschenk an alle kritischen Geister
(taz.de, Ebru Tasdemir)
Am Jahrestag des türkischen Putschversuchs druckte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Erdogan-Propaganda-Anzeige und erntete heftige Kritik dafür. Zu Unrecht wie Ebru Tasdemir in der „taz“ findet: Die Anzeige sei in sich schon so entlarvend, dass sich eigentlich niemand aufzuregen bräuchte. „Es ist doch ein Geschenk an alle kritischen Geister, das diese Lobbyarbeit so deutlich und plump daherkommt.“ Außerdem könnten von den 86.000 Euro, die die Anzeige in etwa gekostet haben dürfte, Journalisten bezahlt werden, die weiter unabhängig über die Türkei berichten.

6. Vongolisch für Fortgeschrittene
(sueddeutsche.de, Jan Stremmel)
Wem gehört das Vong von der Urheberschaft her? Jan Stremmel hat sich auf Spurensuche begeben und mit den Vongolisch-Größen des Internets Kontakt aufgenommen: „Aus einer wunderbar albernen Idee, die deutsche Sprache gemeinschaftlich kreativ zu verhunzen, ist ein kleinlicher und ziemlich deutscher Streit um Deutungshoheit und Urheberschaft geworden. Es wird beleidigt, beschimpft, bedroht. Und ein paar der ironischsten Witzbolde des Internets keifen plötzlich wie die Hausmeister.“

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