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Strauss-Kahn, Meinungsfreiheit, Brügelmann

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „nr-Mediendisput zur Bild-Zeitung“
(ustream.tv, Video, 102 Minuten)
Bela Anda, Markus Feldenkirchen, Wolfgang Storz, Ulrike Simon, Harald Schumann und Thomas Leif diskutieren über „Bild“. Ab 2 Minuten stellt Hans-Jürgen Arlt die „Bild-Studie“ vor: „Das Wesentliche an der Bild-Zeitung kriegt man nicht mit, wenn man sie journalistisch und politisch beobachtet.“ Über den Abend berichtet auch Sonja Pohlmann für Tagesspiegel.de.

2. „Falsche Fotos, falsche Fakten“
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Der in Peking lebende Autor Christian Y. Schmidt hält Teile der westlichen China-Berichterstattung für Propaganda: „In den westlichen Medien wird zum Teil Propaganda betrieben, wenn es um China geht. Und das wird in China gerade von den Nationalisten immer wieder aufgegriffen: Falsche Fotos, falsche Fakten, das wird alles mit großer Begeisterung im chinesischen Internet aufgelistet. Die Fallbeispiele sind sehr umfangreich.“

3. „Schwarm-Intelligenz und Schwarm-Feigheit“
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
Die Meinungsfreiheit ist (neben seiner Frau) die grosse Liebe des Lebens von Michael Spreng: „Meinungsfreiheit ist nicht von Generationen vor mir mit Blut und Opfern erkämpft worden, um im Internet zu anonymer Denunziation zu verkommen. (…) In einer freien Gesellschaft, in der man seine Meinung offen äußern darf, gehört zur Meinungsäußerung, erst recht zur Entblößung anderer, auch der Absender. Das bisschen Mut muss sein.“

4. „Die mediale Vorverurteilung von Strauss-Kahn“
(ndr.de, Video, 6:39 Minuten)
Dominique Strauss-Kahn wird von einer Hotelangestellten der Vergewaltigung beschuldigt. „Spekulationen gibt es viele, Tatsachen bislang nur wenige. (…) Er ist noch nicht einmal angeklagt, doch in den Medien schon verurteilt.“

5. „Hamburger Anzeigenblatt“
(golfnerd.de, Denis Krah)
Denis Krah über das Golfmagazin „Eagle“, das unter der Marke „Hamburger Abendblatt“ erscheint. „500 Euro werden für ein redaktionelles Clubporträt plus 1/4-Seiten-Anzeige verlangt. Einen Hinweis auf diese bezahlte Berichterstattung sucht man in ‚Eagle‘ vergebens. Keine ‚Sonderveröffentlichung‘ und auch keine ‚Anzeige‘ prangt über den Auftragsarbeiten/Advertorials.“

6. „Mit den Millionären kann man es ja machen“
(sportmedienblog.de)
Matthias Brügelmann, Chefredakteur von „Sport Bild“, fordert in einem Editorial sowas wie ein Berufsverbot für Fußballspieler Diego: „Spieler wie Diego, die so drastisch gegen ihren Arbeitsvertrag verstoßen, müssen für Vereine in der ganzen Welt gesperrt werden können bei gleichzeitigem Gehaltsstopp. Das wäre die einzig wirksame Abschreckung für solche Typen.“

Im Kahn mit Günter Netzer

„Bild“ vermeldete vergangene Woche, es gebe „schon wieder Wirbel“ um Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn, die beim ZDF um Fußballspiele herumreden:

Nach Versprechern („Reichsparteitag“) und Ärger um Milch-Werbung für Müller-Hohenstein trifft es diesmal Kahn. Der Grund: Nach den WM-Spielen im ZDF befragt das Duo den „Fanexperten“ Dennis Wiese (26). Er präsentiert Umfrageergebnisse der Webseite „Fanorakel.de“.

Was keiner weiß: Diese Seite gehört einer GmbH, an der Kahn zu 20 Prozent beteiligt ist!

Dass niemand von der Verbindung von Kahn und „Fanorakel“ wisse, ist natürlich eine der „Bild“-üblichen Übertreibungen: Im April hatte das Branchenmagazin „Werben & Verkaufen“ darüber berichtet, die Meldung war auch auf sueddeutsche.de erschienen.

Aber die Frage ist durchaus berechtigt: Darf ein früherer Fußballprofi und heutiger Geschäftsmann bei Sportübertragungen als unabhängiger Experte auftreten, wenn er geschäftlich in das involviert ist, was er da so kommentiert? „Bild“ zitiert die ZDF-Fernsehrätin Doris Pack mit den Worten, man dürfe „solche Dinge“ nicht vermischen.

Wie steht es da etwa um den ehemaligen Bundesligastar und Nationalspieler Günter Netzer, der bis zum vergangenen Samstag 13 Jahre lang in der ARD als Experte auftrat? Netzer, im Nebenberuf auch noch „Bild“-Kolumnist, ist Executive Director der Sportrechte-Agentur Infront, die beispielsweise die Übertragungsrechte an der Fußball-WM 2006 vermarktet hat. Netzer kommentierte also Spiele, deren Rechte seine Firma der ARD (und den anderen übertragenden Sendern) zuvor verkauft hatte, und deren Bildregie vollständig in den Händen einer Tochterfirma lag.

Über diesen Interessenkonflikt hat „Bild“ bisher noch nie berichtet. Dafür präsentierte Bild.de in Kooperation mit Allianz Global Investors „DAS Tippspiel zur WM“, bei dem es tolle Preise zu gewinnen gab:

Ein Profi-Tischkicker, signierte Fußball von Allianz Global Investors-Experte Günter Netzer sowie die Netzer-Biografie (ebenfalls handsigniert).

Neben seinen diversen anderen Beschäftigungen fand Günter Netzer nämlich auch noch die Zeit, als Werbegesicht und WM-Kommentator eines Vermögensverwalters zu arbeiten.

Mit Dank an Daniel H.

„Bild“ sieht Gelb bei Oliver Kahn

Drei Autorennamen stehen über dem „Bild“-Bericht vom Bundesligaspiel Schalke 04 gegen Bayern München. Vielleicht ist das nicht genug. Vielleicht wäre einem vierten „Bild“-Reporter aufgefallen, dass Oliver Kahn gar keine gelbe Karte bekommen hat. Oder dem Fünften.

Und auch die beiden Autoren, die in der „Bild am Sonntag“ über Real Madrid schrieben, hätten noch einen zusätzlichen Kollegen gebrauchen können, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass der Stürmer Antonio Cassano, der angeblich den Verein demnächst verlassen soll, nicht „erst zu Saisonbeginn“ zu Real Madrid kam, sondern schon Anfang des Jahres.

Danke an Alexander J., Michael J., Rene B., Jan J., Patrik R. und Christopher G.!

„Bild“ ätzt gegen Oliver Kahn

Also: Am letzten Samstag verlor der Fußball-Verein Bayern-München gegen den HSV mit 0:2, am Sonntag überschrieb die „BamS“ deshalb ihre Berichterstattung mit den Worten „Danke, HSV! – Dieser Sieg über Bayern freut (fast) ganz Deutschland“. Und auf der Titelseite hieß es: „HSV wie ein Meister“. Vor allem letzteres lag nahe, denn unmittelbar nach der Niederlage hatte Bayerns Mannschaftskapitän Oliver Kahn am Spielfeldrand zu einem Reporter der ARD-„Sportschau“ etwas ganz ähnliches gesagt — genauer:

„Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, es ist irgendwo mal gut, weil man wieder auf den Boden der Tatsachen kommt, weil man wieder konzentriert trainiert, weil man auch wieder konzentrierter in Spiel geht, weil man, menschlich normal, einen Tick nachlässiger bei allem wird – und deswegen ist es, hat es, hat die Niederlage auch etwas sehr, sehr Positives. (…) Ich hab‘ grad gesagt: Die feiern hier, als wären’s deutscher Meister geworden. Und schau’mer mal, wer zum Schluss feiert.“

Herausgepickt aus diesem Interview hat sich „Bild“ am darauffolgenden Montag dann allerdings den vorletzten Satz, um ihn Oliver Kahn mittels Sprechblase ins raubtierhaft aufgerissene Maul zu montieren, was beispielsweise auf Bild.de so aussah:

Was „Bild“- und Bild.de-Leser allerdings nicht wissen können: Als Kahn in der „Sportschau“ seine „ätzenden“ (?) Sätze sagte, die „Bild“ ihm anschließend ins raubtierhaft aufgerissene Maul montierte, sah er eigentlich so aus:

Mit Dank an Winfried V. für den Hinweis.

Kahns Alibi

Wo war Oliver Kahn wirklich, als ihn die „Bild am Sonntag“ bei einer Ehe-zerstörenden Liebesnacht in seinem Haus in München wähnte? Er saß, laut eigener Erklärung, beim Frühstück im Hotel Maximilian in Bad Griesbach. Zufällig traf er dort Alfred Draxler, Sportchef und Mitglied der Chefredaktion von „Bild“ und „Bild am Sonntag“. Leider befand sich Draxler gerade im Urlaub und hatte offenbar – wie Kahn – keine Lust auf lange, klärende Gespräche mit seinen Kollegen in der Redaktion.

Wenn „Bild“ mal was checkt

Erzählt irgendjemand Unsinn, ist es immer praktisch, einen Experten zur Hand zu haben, der den Unsinn geraderückt. Bei „Bild“ gelten sie ja als Experten für Fußball (Aber der Sportteil …!“). Daher sollten wir alle dankbar sein, dass die Redaktion heute den „BILD-Check“ im Blatt und bei Bild.de macht:

Drei WM-Titel dank Bayern? Der BILD-Check

Es geht um Behauptungen von FC-Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß zur deutschen Fußballnationalmannschaft bei verschiedenen Weltmeisterschaften:

Ausriss Bild-Zeitung - Die Hoeneß-Provokation

Hoeneß sagte der Deutschen Presse-Agentur:

Die Nationalmannschaft hat immer dann ihre erfolgreichsten Phasen, wenn der FC Bayern genügend Spieler liefert.

Und:

Ich denke an die WM-Titel 1974 und 2014, auch 1990 hatte der Kern eine prägende Vergangenheit bei uns.

Das hat sich „Bild“ mal genauer angeschaut. WM 1974:

1974 waren es sechs Spieler. Kapitän Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, „Katsche“ Schwarzenbeck, Paul Breitner, Gerd Müller und Sepp Maier schossen Deutschland zum Heim-WM-Titel. Und alle sind bei Bayern groß geworden.

Da fehlt schon mal Hans-Josef Kapellmann, der von 1973 bis 1979 beim FC Bayern München spielte. Allerdings, das halten wir „Bild“ zugute, kam Kapellmann bei der Weltmeisterschaft nicht zum Einsatz.

WM 1990:

1990 standen nur vier Bayern (Aumann, Pflügler, Augenthaler, Reuter) im Kader. Final-Torschütze Brehme und Kapitän Matthäus wechselten 1988 zu Inter.

Nun könnte man darauf hinweisen, dass Uli Hoeneß extra sagte: „auch 1990 hatte der Kern eine prägende Vergangenheit bei uns“, was auf Brehme und vor allem auf Matthäus zutreffen dürfte. Aber auch ohne die beiden waren es 1990 nicht „vier Bayern“ im Kader der Nationalmannschaft, sondern sechs: „Bild“ vergisst Jürgen Kohler, der von 1989 bis 1991 in München spielte und bei der Weltmeisterschaft 1990 viermal zum Einsatz kam, darunter auch im Finale; und Olaf Thon, der von 1988 bis 1994 beim FC Bayern München war und immerhin im Elfmeterschießen im WM-Halbfinale traf.

WM 2014:

2014 feierten sechs Bayern den WM-Titel. Neuer, Boateng, Kapitän Lahm, Müller und Schweinsteiger waren Eckpfeiler, Götze traf im Finale zum Titel.

Hier fehlt Toni Kroos, der bis zur WM für den FC Bayern München spielte und erst danach für Real Madrid. Kroos kam in Brasilien bei allen sieben Partien zum Einsatz und schoss zwei Tore.

Bei drei Weltmeisterschaften schafft es die „Bild“-Redaktion, dreimal den Kader nicht richtig durchzuzählen. Sie sind eben echte Experten.

Mit Dank an Gregor G. für den Hinweis!

Nachtrag, 14:29 Uhr: Bei Bild.de haben sie auf unsere Kritik reagiert, die jeweiligen Stellen nachgebessert und am Ende des Artikels diese Anmerkung hinzugefügt:

In einer früheren Version haben wir die Namen Hans-Josef Kapellmann (1974), Jürgen Kohler und Olaf Thon (beide 1990), sowie Toni Kroos (2014) nicht aufgeführt. Der Fehler tut uns leid. Die Redaktion hatte sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert, die im Endspiel auf dem Platz stand. Kroos hatte die Redaktion hierbei schon als Real-Spieler eingerechnet.

Die Begründung, dass die Redaktion „sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert“ habe, „die im Endspiel auf dem Platz stand“, kann allerdings nicht der Wahrheit entsprechen. Wie wir bereits geschrieben haben, stand zum Beispiel Jürgen Kohler, den die „Bild“-Medien in ihrer Aufzählung vergessen hatten, im WM-Finale 1990 von Beginn an auf dem Platz. Raimond Aumann und Hans Pflügler, die die „Bild“-Redaktion in ihre Aufzählung aufnahm, spielten hingegen keine einzige Minute im Endspiel.

Nachtrag, 16:43 Uhr: Nun hat Bild.de den Satz „Die Redaktion hatte sich auf die jeweilige Mannschaft konzentriert, die im Endspiel auf dem Platz stand.“ ersatz- und kommentarlos gestrichen.

„Bild“ könnte sich laut „Bild“ mehrfach strafbar gemacht haben

Manchmal stehen in der „Bild“-Zeitung auch interessante Sätze. Zum Beispiel am vergangenen Samstag in der Leipzig-Ausgabe:

Wenn sich das so bestätigt, ist das ohne Frage eine widerliche Tat. Aber klar sollte auch sein: Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Oder leicht abgewandelt ebenfalls am Samstag bei Bild.de:

Wenn sich das so bestätigt, ist das ohne Frage eine widerliche Tat. Allerdings: Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich möglicherweise strafbar machen.

Das, was sich „so bestätigen“ könnte, ist ein Vorfall vom vergangenen Dienstag im sächsischen Schkeuditz. Dort soll ein Mann beim örtlichen Reitverein eine Stute mit einem stockähnlichen Gegenstand missbraucht haben. Eine Überwachungskamera lieferte Fotos des Mannes, die eine Pferdewirtin auf Zettel druckte, die sie wiederum in der Region verteilte. Die FDP Nordsachsen verbreitete die Aufnahmen des Mannes, ebenfalls ohne Unkenntlichmachung, auf der eigenen Facebook-Seite und fragte dazu: „Wer kennt diesen Mann?“

Darüber berichteten dann auch „Bild“ und Bild.de:

Screenshot Bild.de - Polizei verärgert über Facebook-Post - FDP suchte nach mutmaßlichem Pferdeschänder
Ausriss Bild-Zeitung - Polizei verärgert über Facebook-Aufruf - Nordsachsen-FDP fahndet nach mutmaßlichem Pferdeschänder

Diese Fahndung sei nicht in Ordnung, sagt ein Polizeisprecher in „Bild“:

„Wir fangen erst an zu ermitteln und haben längst nicht alle Mittel ausgeschöpft. Eine Öffentlichkeitsfahndung ist dabei die letzte Maßnahme!“

Im Anschluss weisen die „Bild“-Medien in der bereits zitierten Passage darauf hin, dass man sich mit einem privaten Fahndungsaufruf strafbar machen könne.

Es ist gut und wichtig, dass die „Bild“-Redaktion mal so deutlich Position bezieht zu Fahndungsaufrufen, die nicht durch Gerichte angeordnet wurden. Denn als „Bild“-Leserin oder -Leser könnte man fast meinen, dass derartige Fahndungsaufrufe von Privatleuten oder Privatunternehmen das Geilste sind, wo gibt völlig in Ordnung sind.

Zur Erinnerung: So sah die „Bild“-Titelseite wenige Tage nach den Ausschreitungen rund um das G20-Treffen in Hamburg aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Gesucht! Wer kennt diese G20-Verbrecher?
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Die „Bild“-Redaktion veröffentlichte im vergangenen Juli diesen Fahndungsaufruf in Millionenauflage, Vorverurteilung inklusive. Eine Öffentlichkeitsfahndung der Polizei gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir zitieren an dieser Stelle gern die Leipziger „Bild“-Ausgabe vom vergangenen Samstag:

Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Anderes Beispiel. Im vergangenen Oktober hat in Hamburg ein Mann seine eigene Tochter getötet und ist dann geflohen. Polizei und Staatsanwaltschaft verzichteten auf eine Öffentlichkeitsfahndung, weil man noch über erfolgsversprechende Ermittlungsansätze verfügte, die am Ende auch zur Festnahme des Mannes führten. Bild.de fragte bereits wenige Stunden, nachdem der Tod des Kindes bekannt geworden war, ungeduldig:

Warum fahndet die Polizei nicht öffentlich nach dem Killer?

Ein paar Tage später — es gab weiterhin keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei — reichte es den „Bild“-Medien. Sie veröffentlichten, ohne irgendeine Verpixelung, ein Foto des damals Tatverdächtigen:

Screenshot Bild.de - Dringend gesucht - Das erste Foto des Kinder-Killers

Noch einmal:

Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Man muss aber nicht mal ins Archiv schauen, um auf die „Bild“-Bigotterie zu stoßen. Es reicht schon, in derselben Leipziger „Bild“-Ausgabe, aus der die Aussage zu privaten Fahndungsaufrufen stammt, vier Seiten zurückzublättern. Dann landet man im überregionalen Teil und bei dieser Geschichte:

Ausriss Bild-Zeitung - Ständig kriegt Marianne Fotos der Diebe - Diese Jungs haben mein Handy geklaut

Nicht nur Marianne „kriegt (…) Fotos der Diebe“ zu sehen, sondern auch die gesamte „Bild“- und Bild.de-Leserschaft. Sowohl online als auch in der Printausgabe zeigt die Redaktion ein unverpixeltes Foto der zwei Jungen, die die 70-Jährige beklaut haben und laut „Bild“ „etwa zehn Jahre alt“ sein sollen. Etwa zehn (!) Jahre alt.

Im Artikel sagt ein Polizeisprecher:

„Wir haben die Fotos der Jungen gesichert und fahnden jetzt nach ihnen.“

Es braucht also keine zusätzliche, mediale Fahndung nach zwei Kindern durch „Bild“ und Bild.de. Zumal man sich mit dieser „strafbar machen“ könnte. Das stand jedenfalls mal in „Bild“.

Mit Dank an Thomas, andreas und Alex F. für die Hinweise!

Amerikanische Mädchen, Türkische Presse, Europäische Fußballer

1. Lux-Leaks-Prozess: Bewährungsstrafen für Whistleblower
(sueddeutsche.de, Bastian Brinkmann)
Dass sich deutsche und internationale Konzerne mit Unterstützung Luxemburgs vor Steuerzahlungen in Milliardenhöhe drücken, konnte nur bewiesen werden, weil zwei ehemalige Mitarbeiter der Beraterfirma PwC entsprechende Unterlagen an die Presse weitergaben. Diese Papiere bildeten die Basis für „Lux-Leaks“, eine weltweite Recherche des „Internationalen Konsortiums Investigativer Journalisten“, unter anderem mit „SZ“, „Guardian“ und „Le Monde“. Die Whistleblower, die damit eine europaweite Debatte und Veränderungen im Steuerrecht angestoßen haben, stehen nun erneut im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Jedoch nicht als Preisträger eines Preises für Zivilcourage und gesellschaftliches Engagement, sondern weil sie zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt wurden.

2. Die geheime Welt von Mädchen im Bann der sozialen Medien
(welt.de, Uwe Schmitt)
„American Girls – Social Media and the Secret Lives of Teenagers“, so heißt das Buch der „Vanity Fair“-Reporterin und Jugendkultur-Spezialistin Nancy Jo Sales. Uwe Schmitt von der „Welt“ stellt das Buch samt Diagnose vor und diskutiert die in manchen Rezensionen geäußerten Kritikpunkte.

3. Liebe Presse: Gedanken zum EM-Honorar-Skandal
(wortvogel.de, Torsten Dewi.)
Torsten Dewi hat ein Problem mit der Berichterstattung um die angeblich exorbitante Honorare von kommentierenden Fußball-Promis im Fernsehen: „Mir fällt auch auf, dass die Ex-Spieler gar nicht wirklich die konkreten Summen bestreiten. So wird sich eher darauf berufen, dass man ja mehrjährige Verträge mit den Sendern habe und deshalb die Errechnung von „Tagesgagen“ Unsinn sei. Das klingt für mich nicht nach Gegenangriff, sondern nach Salami-Taktik. Vor allem habe ich das Gefühl, dass viele Kollegen den Ex-Spielern und den Sendern allzu willfährig dabei helfen, Nebelkerzen zu werfen, anstatt die einzige Frage zu recherchieren und zu beantworten, die tatsächlich Aufklärung brächte: Wie viel Geld bekommen Kahn und Scholl eigentlich für ihre (je nach Auslegung) schlauen Sprüche?“ (Anmerkung des 6-vor-9-Kurators: Zum Ringen um Zahlen siehe auch die Mitschrift der ARD Pressekonferenz bei „Planet Interview“)

4. Nach der letzten Instanz
(konkret-magazin.de, Marcus Hammerschmitt)
Buchautor Marcus Hammerschmidt kommentiert im Juni-Heft von „konkret“ und online die Reaktion der Verlage auf das VG-Wort-Urteil des BGHs. Dieses untersagt den Verlagen die bisherige Praxis, sich bei der für die Autoren gedachten Urheberrechtsabgabe zu bedienen. Die Verlage würden die bisherige Selbstbedienungspraxis mit einem angeblichen „gentlemen’s agreement“ verteidigen. Hammerschmitt dazu: „Um diesen Stuss unter die Leute zu bringen, benutzt man vorzugsweise die komplett Ahnungslosen und die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst.“

5. Kritiker unerwünscht: Pressefreiheit in der Türkei
(de.ejo-online.eu, Kristina Karasu)
Die freie Journalistin und Filmemacherin Kristina Karasu berichtet Besorgniserregendes aus der Türkei: Fast alle Medien seien mittlerweile auf Regierungslinie, kritische Journalisten würden als Terror-Unterstützer gelten, Dutzende würden wegen Präsidentenbeleidigung angeklagt. Und wer aus den Kurdengebieten berichte, begebe sich in große Gefahr. Der größte Verlierer sei die Bevölkerung. Nicht nur die Meinungsfreiheit stünde auf dem Spiel – sondern langfristig auch der soziale Frieden.

6. Euro 2016: Reportieren für Fortgeschrittene
(youtube.com, Video, 2:52)
Boris Rosenkranz von „Übermedien“ erklärt mit verschiedenen Videobeispielen und in unter drei Minuten, wie Sie zum Star der EM-Reporter werden.

Querfront, Queerfront, Querschuss

1. Zur Kritik am Artikel über eine Rechtsextremismus-Studie
(spiegel.de, Benjamin Schulz)
Die Universität Leipzig hat vor kurzem die Studie „Die enthemmte Mitte, Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“ veröffentlicht. Die Ergebnisse stießen auf große Aufmerksamkeit. Der Branchendienst „kress“ kritisierte die Berichterstattung der Medien und erwähnte explizit den Artikel von Spiegel Online: „Den Vogel schoss Spiegel Online ab – die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus.“ Der Autor des kritisierten Spiegel-Beitrags bezieht nun Stellung.

2. Was die „Zeit“ über Homophobie lernen könnte, wenn sie es denn wollte
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der „Zeit“ vom 16. Juni 2016 konnte man auf der Titelseite einen Satz lesen, der für Irritationen sorgte („Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“). Johannes Kram erläuterte in seinem Beitrag „Die schrecklich-nette Homophobie der „Zeit““ , warum er den Satz für „hammerhomophob“ hält. Mittlerweile hat sich der Autor der beanstandeten Passage in den Kommentaren zu Wort gemeldet. Und macht die Sache nur schlimmer, wie Johannes Kram findet.

3. Wo die Zukunft der Unterhaltung produziert wird
(sueddeutsche.de, Michael Moorstedt)
Die deutsche Youtube-Niederlassung in Berlin hat erstmalig 16 ausgewählte Nutzer zum einwöchigen Lehrgang eingeladen. Auf dem Lehrplan standen Dinge wie Audience Development, Selbstpromotion, Kameraführung und Beleuchtung. Michael Moorstedt von der „SZ“ nimmt den Leser mit ins hippe Bootcamp der „Creator“, wie Youtube seine Videolieferanten nennt. Eine muntere Mischung der verschiedensten Genres hatte man dort zusammengeführt: Von Indie-Poesie bis zu Kiffer- und Pimmel-Witzen war alles dabei.

4. Heftige Kritik an „kress“-Bericht über „Millionen-Honorare“
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Branchendienst „kress pro“ hat in einem Beitrag (Überschrift: „Mein teurer Scholli“) die Honorare kritisiert, die Fußballexperten wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn bei ARD und ZDF angeblich kassieren würden. Von bis zu 50.000 Euro am Tag war die Rede. Die ARD hat mit heftigen Worten dementiert („gleicht beinahe schon vorsätzlicher Bösartigkeit“). Als Betroffener hat sich Ex-National-Torhüter Oliver Kahn auf Facebook zu den Zahlen geäußert: „Hierbei handelt es sich um eine eklatante Falschmeldung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Kress.de verbreitet eine Fehlinformation, die bewusst Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit in Kauf nimmt und den Zuschauern die Freude an der Berichterstattung vermiesen soll. Auch die Redakteure der anderen Online-Dienste, die diese Fehlinformation ungeprüft weiterverbreiten, möchte ich an ihre publizistische Verantwortung erinnern.“

5. Neue Dimensionen des Hasses
(amadeu-antonio-stiftung.de)
Die Amadeu Antonio Stiftung hat den „Monitoringbericht zu rechtsextremen und menschenverachtenden Phänomenen im Social Web für 2015/2016“ veröffentlicht. Die Hetze in den Sozialen Medien spitze sich weiter zu. Die Dimensionen des Hasses würden von rassistischer Hetze, die Meldungen über Attacken auf geflüchtete Menschen und Brandanschläge auf Asylunterkünfte bejubeln, bis hin zur Hetze gegen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten, Verwaltung und Politik reichen. Die Vorsitzende der Stiftung Anetta Kahane: „Im Social Web beobachten wir zudem die Bildung einer gefährlichen Querfront aus unterschiedlichsten politischen Spektren, die aber zunehmend einen gemeinsamen Nenner finden und das ist der »Hass gegen das System.“ Link zum Bericht in voller Länge.

6. Nackt im Kartenhaus: Der Enthüllungsjournalismus der Zoe Barnes – House of Cards
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Patrick Torma hat sich die hochgelobte Netflix-Serie „House of Cards“ näher angesehen. Obwohl man an anderer Stelle viel Gutes über die Serie sagen könne, zeige sich „HoC“ in der Darstellung von Journalistinnen reichlich reaktionär.

ZDF, Hater, Aufreger

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Jürgen Klopp“
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Fußball: Das ZDF-Interview mit Jürgen Klopp (youtube.com, Video, 1:51 Minuten) nach dem Spiel Real Madrid gegen Borussia Dortmund wird von vielen Medien als „Eklat“ aufgefasst. „Das ist gängige Praxis: Kritik an ihrer eigenen Berichterstattung wenden Sportreporter immer gegen den Kritik Übenden. Sie wähnen sich dabei als Sprachrohr des Zuschauers oder des Fans. In Wahrheit sind sie auf der Suche nach dem Fettnäpfchen, dem Eklat, der einen Aussage, die eine Diskrepanz zwischen Mannschaft und Spieler X oder Kapitän Y dokumentiert. Kommt man ihnen auf die Schliche, argumentieren sie mit der Pflicht zur Berichterstattung.“

2. „Journalisten, die provozieren? Bäh!“
(taz.de, Jürn Kruse)
Das Gespräch war später auch noch Thema bei „Markus Lanz“: „Nur dass Jürgen Klopp mittlerweile arge Schwierigkeiten hat, seinen GesprächspartnerInnen (Béla Réthy, Claudia Neumann, Oliver Kahn und nun Breyer) den nötigen Respekt entgegenzubringen, oder dass langweilige FragenstellerInnen, die überhaupt nichts beim Gegenüber provozieren, eine Zumutung für den Zuschauer sind, das findet niemand in der Runde perfide. Schade.“

3. „FCB verurteilt Berichterstattung in zwei englischen Medien“
(fcbayern.de)
Der FC Bayern München meldet, die britischen Medien „Daily Mirror“ und „The Sun“ hätten „in respektloser, diskriminierender und persönlich beleidigender Form“ über Bastian Schweinsteiger berichtet. Deshalb werde man ihren Vertretern „beim Rückspiel FC Bayern München gegen Manchester United (09.04.) in der Allianz Arena keine Medienakkreditierung zukommen lassen.“

4. „Hater, bleibt weg – hier immer nur lieb kommentieren!“
(horstson.de)
„Leser sind Kunden!“, schreibt Horstson zur Auseinandersetzung zwischen Autor und Kommentierer. „Und wenn Diskussionen mal aus dem Ruder laufen, kann man immer noch bitten, den Dialog via Mail weiter zu führen. Mit einem Quäntchen Humor, dem Wille zur Selbsterkenntnis und -kritik, bekommt man das hin, auch sehr kritischen Kommentaren angemessen zu begegnen.“

5. „Journalisten-Stalking: Bei Hoeneß Dahoam“
(ardmediathek.de, Video, 2:35 Minuten)
Über 150 Journalisten zu Besuch in der JVA Landsberg.

6. „Der 11FREUNDE-Aufreger“
(11freunde.de/aufreger)

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