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Coming-Out, Gehörlose, Liveticker

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei.“
(spektrallinie.de, Jan Schnorrenberg)
Das Coming-Out des Ex-Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger in der Wochenzeitung „Die Zeit“, erntet viel medialen Respekt. Doch das Problem ist nicht beseitigt — in einer Petition fürchten 60000 Zeichner eine „Ideologie des Regenbogens“ an baden-württembergischen Schulen. Jan Schnorrenberger kommentiert: „Jedes Outing fordert die Annahme, homosexuelle Menschen seien anders, heraus. Denn Sichtbarkeit, und eben auch nach außen getragenes Selbstbewusstsein gibt uns ein Stück Deutungshoheit über uns zurück.“

2. “Türke sein is schlimmer in Deutschland dank mal nach”:
(mishaanouk.com, Misha Anouk)
Nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger findet Misha Anouk auf der Facebook-Seite der „Bild“ nur wenige homophobe Kommentare. Als dann aber ein Kommentator mit türkischem Namen Hassbotschaften verbreitet, ist die zivilisatorische Decke abgetragen und einige Facebook-Nutzer antworten mit zutiefst rassistischen Kommentaren.

3. „Hut ab vor diesen Kindern!‘ – Gegendarstellung zu einem UNMÖGLICHEN Artikel“
(taubenschlag.de)
Die „Bild der Frau“ wollte eine Geschichte veröffentlichen über eine Familie mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern. Mathias Schäfer willigt ein, ist vom Ergebnis aber entsetzt, da die Zeitschrift den Eindruck vermittelt, die Eltern seien von ihren Kindern abhängig. „Wir als Eltern tragen die ganze Zeit die Verantwortung für unsere Kinder, bis sie volljährig sind oder selbstständig ein Leben führen können. Wenn die Kinder früh Verantwortung für ihre Eltern tragen müssten, dann wäre das nach deutschem Recht ein Fall für das Jugendamt, wegen der möglichen Kindeswohlgefährdung.“

4. „Ihr wollt es doch auch“
(taz.de, Jürn Kruse)
Der taz-Medienredakteur widmet sich der Frage, warum so viele Medien in atemlosen Livetickern auch nach dem Appell seiner Frau immer weiter über Schumacher berichten. „Es geht häufig nicht um neue Nachrichten, sondern darum, den Zuschauern zu vermitteln: ‚Wir sind da, wenn etwas passiert. Bei uns verpasst ihr nichts.‘ Auch wenn das natürlich Quatsch ist, eben weil nichts passiert.“

5. „Journalisten im Fokus der Salafisten oder Salafisten im Fokus des Journalismus?“
(vocer.org, Christof Voigt)
Der Reporter Christof Voigt berichtet von seinen Erfahrungen im Kontakt mit Salafisten, über die er für den WDR berichtete: „Während des gesamten „Dialogs“ sind mein Kameramann und ich von Menschen umringt, sie halten mir Handys ins Gesicht, filmen und fotografieren, wollen ganz offensichtlich einschüchtern.“

6. „Wunschlisten, Wunschdenken und die Wirklichkeit“
(zeit.de, Kathrin Passig)
Der Unterschied zwischen vorgeblichen Vorlieben und tatsächlichem Verhalten wird durch Plattformen wie Goodreads, Netflix und OkCupid immer besser erfasst. „Die Haushalte sind voll mit Staub ansetzenden Brotbackmaschinen, Keimzuchttöpfen, Saftpressen, Fonduesets und Hometrainern, die davon erzählen, was man bestimmt schon bald für ein durchtrainierter, gesunder und gastfreundlicher Mensch sein wird.“ Trotzdem hält Kathrin Passig die ambitionierten Pläne nicht für falsch.

Blutrausch, Basler Zeitung, Sexbeziehung

6 vor 9

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1. „TV-Quote am Ende – Wertverlust einer Währung“
(ndr.de, Video, 5:06 Minuten)
Bei der Messung der Einschaltquote sollen neu auch Werte aus den Mediatheken der Sender berücksichtigt werden, doch Tablets und andere mobile Geräte nicht. Auch „was auf YouTube oder Facebook passiert, wird nicht gemessen“.

2. „Der Blutrausch der Medien“
(cicero.de, Christoph Schwennicke)
„Cicero“ widmet sich in der Dezemberausgabe dem „Blutrausch der Medien“: „Der rasende Takt der Online-Medien gibt Richtung und Tempo einer zunehmend besinnungslosen Hatz vor. Heraus kommt Hochfrequenz-Journalismus, der keine Zeit mehr zum Nachdenken lässt. Es geht zu wie an der Schießbude: Jeder darf mal draufhalten.“

3. „Tage mit Gurlitt“
(spiegel.de, Özlem Gezer)
Wie die aktuelle Titelgeschichte des „Spiegel“ über Cornelius Gurlitt entstanden ist: „Ich hatte eine Fahrstuhlfahrt Zeit, um Cornelius Gurlitt davon zu überzeugen, dass ich mit ihm Taxi fahren darf. Es wurde der Beginn einer viertägigen Reise, bei der ich nie wusste, wann sie enden wird.“

4. „Der Taliban geht um“
(blogs.tageswoche.ch, Renato Beck)
Daniel Wahl von der „Basler Zeitung“ schreibt über „Hetzschriften“, die Muslime in Basel verteilen. Wie er auf Anfrage mitteilt, gehört er jedoch selbst einer evangelischen Freikirche an, die fragwürdige Positionen vertritt. Die „Tageswoche“ zitiert, leicht abgewandelt, aus Schriften dieser Freikirche.

5. „Fachblatt für Homophobie“
(pantelouris.de)
Das von der „Bild am Sonntag“ auf der Titelseite verhandelte Sexualleben eines Bayerischen Landrats: „Natürlich impliziert BILD, er hätte sein Sexualleben als offen homosexueller Politiker irgendwie öffentlich gemacht (‚Michael Adam, jung, schwul, evangelisch, gilt als moderner Hoffnungsträger der Bayern-SPD.‘), aber dann müsste man im Intimleben eines jeden Politikers herumschnüffeln dürfen, der je seinen Partner irgendwohin mitgenommen hat.“

6. „Warum soll eine Frau keine Sexbeziehung führen dürfen?“
(backview.eu, anonym)

The Sun, EU, Rundfunkbeitrag

6 vor 9

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1. „17,98 Euro Rundfunkbeitrag“
(ard.de)
Wie der von jedem Haushalt in Deutschland zu zahlende Rundfunkbeitrag in der Höhe von monatlich 17,98 Euro verteilt wird.

2. „Sollen die Medien mehr über die EU berichten? Dann ändert nicht die Medien, ändert die EU!“
(foederalist.blogspot.de, Manuel Müller)
„Die Europäische Union hat ein Öffentlichkeitsproblem“, stellt Manuel Müller fest. „Natürlich ist es einfacher, über die Medien zu schimpfen als das politische System der EU zu reformieren, aber dadurch wird man die Regeln der Nachrichtenauswahl nicht verändern. Wirksamer wäre es, die parteipolitische Auseinandersetzung auf europäischer Ebene selbst endlich so spannend zu machen, dass die Medien von allein ein Interesse daran haben, darüber zu berichten.“

3. „Wer fürs Schreiben bezahlt werden will, sollte es nicht umsonst tun“
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz)
Es sei doch ganz einfach, meint Jannis Kucharz: „Wenn ich vom Schreiben leben möchte und das als mein primäres Geschäftsmodell begreife, das wertvollste was ich zu bieten habe, dann sollte ich das nicht umsonst hergeben. Wenn hingegen mein Geschäftsmodell darin besteht etwas anderes zu verkaufen, Beratungen, eine Dienstleistung, Vorträge oder ein anderes Produkt, dann ist mein Geschäftsmodell ein anderes und ich kann das ‚Nebenprodukt‘ Artikel auch umsonst abgeben, in der Hoffnung das ich Aufmerksamkeit für mein eigentliches Produkt wecke und darüber Umsatz mache.“

4. „Beistellschwule und Dekolesben“
(vocer.org, Rüdiger Becker)
Wie Homosexualität heute im Fernsehen gezeigt wird: „Wenn Heterosexualität nicht mehr die Norm ist, wenn in einer Sendung zum Thema Eifersucht ganz selbstverständlich und ohne besondere Erwähnung auch Schwule und Lesben ihre Erfahrungen schildern und wenn der Gewinner einer Quizsendung am Ende seinem Mann um den Hals fällt, dann gibt es keine Schmuddelecken mehr, in die das Thema abgedrängt werden kann.“

5. „Sun launches regular page two corrections column in response to ‚mental patients‘ mistake“
(fullfact.org, Joseph O’Leary, englisch)
Die Boulevardzeitung „The Sun“ reagiert auf Kritik an ihrer Titelschlagzeile „1,200 killed by mental patients“ und führt eine regelmäßige Spalte für Korrekturen und Klarstellungen ein: „It’s a deficient response to a front-page mistake in which the headline and the article prominently contradicted the research they were based on. The new column is, nevertheless, a welcome public indication that the newspaper intends to take complaints and corrections more seriously than it has done before.“

6. „The Buzzfeed Story Generator“
(comediva.com, englisch)

Vom Bordstein bis zur Headline

Sie haben es vielleicht mitbekommen: Bushido ist zurück. Und weil er in einem neuen Song Politiker bedroht und weil gerade Sommerloch ist, drehen die Medien jetzt völlig am Rad.

Die Berichterstattung nimmt aktuell dermaßen besorgniserregende Züge an, dass es Zeit ist, sich den Fall mal etwas näher anzuschauen. Damit wir nicht durcheinanderkommen, fangen wir am besten gleich bei der Wahrheit an:Morddrohungen als PR-Masche - Die billige Wahrheit hinter Bushidos Hass

Zuletzt inszenierte sich Bushido als braver Familienvater. Doch in einem neuen Video bepöbelt und bedroht der Rapper Politiker und Prominente. BILD am SONNTAG enthüllt die abgefeimte Marketingstrategie hinter der Hass-Attacke

Die „Bams“-Reporter sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Bushido dieses Video vor allem deshalb veröffentlicht hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und um sein Gangster-Image mal wieder ein bisschen aufzupeppen. Nach der „altbewährten Methode: ‚gut ist, was provoziert'“. Kurzum: Bushido benutze die „Morddrohungen als PR-Masche“.

Im Hause Springer sind sie sich also völlig im Klaren darüber, dass es Bushido „bei der ganzen Sache vor allem um PR geht“. Und trotzdem schenken sie ihm seit Tagen genau das, was er will: Aufmerksamkeit.

Los ging es am Freitag mit dieser Schlagzeile auf Bild.de:Hass-Song auf Youtube - Bushido droht Politikern mit Mord

Am Tag darauf legte die gedruckte „Bild“ mit einer Titelgeschichte nach:Neues Hass-Video mit Mord-Drohungen gegen Politiker - Strafanzeige gegen Bushido

Im Innenteil sah der Artikel so aus:Bushido in seinem neuen Hass-Video - "Du Schwuchtel wirst gefoltert!"

Die härtesten Passagen des Songs hat „Bild“ natürlich abgedruckt — stilecht samt Einschussloch.

Auch auf Bild.de werden die bösen Zitate ausführlich wiedergegeben, zum Beispiel in diesem Artikel:Hass-Video! Strafanzeige! - Jetzt spricht der Politiker, dem Bushido den Tod wünscht

Oder in diesem:"Clip verstößt gegen unsere Richtlinien" - YouTube sperrt Bushidos Hass-Video

(Auf Bild.de waren einige der umstrittenen „Hass-Video“-Passagen bis heute übrigens immer noch zu sehen.)

Am Wochenende schickte „Bild“ dann extra zwei Reporter auf Recherchereise in eine „Dorf-Disko“. Dort hatte Bushido nämlich seinen ersten Auftritt „nach der Veröffentlichung seines Skandal-Videos“. Zurückgekommen sind die Autoren mit einem Video des Auftritts (in dem die besonders bösen Stellen säuberlich untertitelt sind), einer neunteiligen Fotostrecke (davon neun Mal Bushido in Aktion) und jeder Menge aufgeschnappter „Hassparolen“, die sie im Artikel ausführlich zitieren:Vor nur 400 Zuschauern - Bushido hetzt in Dorf-Disko

Dazu gibt’s nochmal die Szenen aus dem Video, eine Umfrage unter Jugendlichen, zwei weitere Fotos (einmal Bushido, einmal Bushido und Shindy) und die Einschätzung eines Rechtsexperten.

Am Montag folgte dann die nächste Titelgeschichte der „Bild“-Zeitung, Kategorie: Höchstform. Heino geht auf Proll-Rapper los - Bushido gehört ins Gefängnis! ... oder in die Psychiatrie

Und selbst Franz Josef Wagner richtete am Montag seinen Brief an die „dumme Wurst“ Bushido, obwohl es seiner Meinung nach ja eigentlich mehr Sinn machen würde, „an Brüllaffen oder lärmende Frösche zu schreiben“. Das Video sei jedenfalls „so eklig, wie Ratten essen“.

Bild.de setzte die Artikelflut im Laufe des Tages fort und veröffentlichte vier weitere Texte:Nach Hass-Video und Anzeige - Jetzt spricht Bushido! ++ Klaus Wowereit stellt Strafanzeige gegen Bushido ++

Autogrammstunde abgesagt - Saturn lädt Bushido-Kumpel Shindy ausErstes Interview nach dem Skandal - Bushido bricht sein Schweigen ++ Ich werde mich nicht entschuldigen ++ Ich schieße nur mit Worten ++ Der Song ist kein Aufruf zur Gewalt ++Bushido - "Ich schieße nur mit Wörtern"Gestern musste sich Bushido zwar mit etwas weniger Platz auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung zufrieden geben, im Innenteil spendierte ihm das Blatt aber erneut einen großen Artikel:Hass-Video - Was sagen Bushidos Freunde jetzt?

Auch online ging es munter weiter:FDP-Politiker Serkan Tören zeigt Rapper an - "Bushidos Rechnung wird nicht aufgehen"

Skandal-Song - Das denken die Promis über Bushido

Künstler, Familienvater, Geschäftsmann - Bushido - Sein lauter Weg zum Pöbel-Rapper

Im TV-Interview - Bushido zofft sich mit ORF-Moderatorin

Hass-Video - Was verdient Bushido an dem Skandal?

Skandal-Album "NWA" indiziert - Bushidos Hass-Rap kommt auf den Index

Und so dreht sich bei „Bild“ seit Tagen und auf allen Kanälen alles nur um einen. Und Bushido selbst lacht sich währenddessen ins Fäustchen — wenn er denn eine Hand frei hat:Screenshot: http://instagram.com/p/btLkDyILyL/#

In einem Fernseh-Interview sagte er am Montag, das Album sei mittlerweile „in den Trends auf Platz 1“. Aus „Geschäftsmann-Perspektive“ sei die Sache also „super gelaufen“.

Aber Bushido ist schon lange nicht mehr der Einzige, der den „Wirbel“ um den Song als „PR-Masche“ nutzt.

Die „Bild“-Zeitung macht es im Grunde genauso. Nur eben auf ihre Weise. Das ist spätestens seit dieser Aktion klar:Hey, Bushido! Jetzt rappt BILD zurück - Wir suchen IHRE Rap-Antwort an den Rüpel-Rapper +++ 1000 Euro Belohnung

BILD.de veröffentlicht die besten Ideen. Zusätzlich darf sich der kreativste Kopf über eine Belohnung von 1000 Euro freuen.

Jetzt geht sie erst richtig los, die wilde Fahrt auf den Trittbrett: Die Leser werden dazu aufgefordert, zurückzuschlagen. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Die „BundesRAPublik“ ließ sich jedenfalls nicht lange bitten und schickte „tausende Texte, Videos und Audio-Dateien“ an die Redaktion, wie „Bild“ heute stolz mitteilte:Bushido bekommt Gegenwind aus dem Internet - Deutschland rappt zurück!

(Unkenntlichmachung von uns.)

In den veröffentlichten „Raps“ finden sich dann solche Zeilen:

Guten Tag Bushido, Seit wann bist du denn Salafist? Dein Gandalf-Bart ist echt der letzte Mist.

Oder solche:

Bildleser zersägen dich wie eine Fräse, und jetzt kriegst DU Löcher wie ein Schweizer Käse!

Oder solche:

[…] die Zunge dir in den Hals zu stecken, du kannst mich mal an meinem schwulen Arschloch lecken.

Den vorläufigen HöheTiefpunkt dieser irrsinnigen Geschichte lieferte aber ein ganz besonderer Pöbel-Poet:

Sprechen möchte der Kolumnist nicht mit Bushido, aber auf die Bitte von BILD hat Franz Josef Wagner den Brief vorgelesen, seine Stimme wurde mit Musik unterlegt. Wagners erster eigener Rap – im VIDEO oben!

„Wagners erster eigener Rap“ — oder anders:Post von Wagner - Franz Josef Wagner im Gangsta-Style

Das hat womöglich nicht mal Bushido verdient.

Aids, Röntgenmann, Züri Fäscht

6 vor 9

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1. „Töte deine Feinde! Die schwarze Liste“
(blog.tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Was aus den Texten rausgestrichen werden kann: „Stil entsteht dadurch, dass man Unfug nicht stehen lässt. Denn beim Schreiben unterlaufen einem so viele Peinlichkeiten wie im Leben. Nur dass man sie streichen kann.“

2. „Die Schwulen bringen uns allen den Tod: Die Lust des ‚Spiegel‘ an der Apokalypse durch Aids“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier liest im Archiv des „Spiegel“ Texte über Aids, unter anderem von Hans Halter. „Die Berichterstattung des ‚Spiegel‘ über Aids in den achtziger und neunziger Jahren war durchaus vielstimmig und bestand nicht nur aus Hysterie und frivolen Ausrottungsfantasien. Aber wenig davon wird eine ähnliche Wirkung gehabt haben wie Halters apokalyptische Texte.“

3. „Qualitätsjournalismus: Der Röntgenmann-Bullshit in der NZZ am Sonntag vom 7.7.2013“
(andreasvongunten.com)
Der in der „NZZ am Sonntag“ erschienene Beitrag „Der Röntgenmann“: „Eine ganze Seite komplett unkritisches Porträt, ja ein eigentlicher Werbebeitrag über einen sogenannten ‚Heiler‘, der einen Röntgenblick habe, damit durch Wände und vor allem in Menschenkörper hineinsehen und danach kranke Menschen heilen könne, dürfte doch in einer Zeitung, die den Namen NZZ im Titel trägt, auch am Sonntag nicht möglich sein.“

4. „‚Wahr‘ oder ‚Pants on fire‘?“
(get.torial.com/blog, Bernd Oswald)
Bernd Oswald stellt Politifact.com vor: „Politifact versetzt sich in die Lage einer fiktiven Hausfrau namens Mable, die von einer steilen Politikerthese Wind bekommt und sich fragt: ‚Stimmt das wirklich?‘ Manche Hinweise kommen auch von Lesern. Dann legt die Redaktion los: Zuerst kontaktiert sie den Politiker, ob er das wirklich so gesagt hat und fragt nach Quelle und Belegen. Oft beziehen sich Politiker ja auf Studien. Die Redakteure schauen sich diese Quellen an, recherchieren online und offline, führen Interviews, um den Sachverhalt differenziert einschätzen zu können.“

5. „Jörg Thadeusz – Gefangener des ZDF“
(dwdl.de, Hans Hoff)
Die ZDF-Sendung „Durchgedreht“ mit Jörg Thadeusz: „Wer hat ihm gesagt, dass es eine gute Idee ist, wenn man fünf Komödianten zu aktuellen Nachrichten improvisieren lässt?“

6. „Der 20min-Live-Ticker zum Züri-Fäscht“
(ahnungslos.ch)
Der Liveticker von 20min.ch zum Züri Fäscht: „Meine Fresse, die Unterhaltungen zwischen zwei Säcken Reis hätten mehr Informationsgehalt. Deshalb, liebe 20 Minuten: Wieso nur, wieso?!“

Kompassnadel, Verwahrung, Universitäten

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1. „Das neue Schreiben“
(journalist.de, Constantin Seibt)
Constantin Seibt schreibt zum Medienwandel. „Die Qualität der Ware, die gefragt ist, ändert sich radikal. Routiniert Gemachtes wird nicht mehr beachtet. Damit ein Artikel virale Qualität gewinnt, damit ein Medium Aufmerksamkeit, Relevanz, Respekt gewinnt, braucht es nicht mehr Nicht-Enttäuschung, sondern etwas ganz anderes: Begeisterung.“

2. „taz.de: Wikipedia schickt uns die meisten Leser“
(blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Die Hälfte der taz.de-Leser kommen über einen externen Link auf die Website: „31 Prozent stoßen über eine Suchmaschine auf uns, 6 Prozent über ein soziales Netzwerk und 12 Prozent kommen über andere Webseiten. (…) Google News ist für uns übrigens ziemlich unbedeutend.“

3. „‚Aus heutiger Sicht würde ich das anders formulieren'“
(bazonline.ch, Silvana Guanziroli)
In einem Artikel unter dem Titel „Wird er es wieder tun?“ hinterfragte Mathias Ninck, Journalist bei „Das Magazin“, 2009 die Verwahrung eines mehrfachen Vergewaltigers. Der Täter wurde entlassen, steht aber heute wieder vor Gericht, wegen Vergewaltigung. „Den Artikel aus dem Jahr 2009 würde ich heute folglich nicht mehr mit dem Beispiel W. schreiben. (…) Mein Artikel wurde erst im Nachhinein kritisiert: als auskam, dass W. rückfällig geworden war. Vorher wurde der Artikel nie kritisiert, im Gegenteil. In mehreren Kantonen wurde er an Weiterbildungssemi­naren verwendet, um zu illustrieren, wie es im Justizvollzug nicht laufen darf. Der Artikel hatte Beispiel­charakter, so wie ich es beabsichtigt hatte.“

4. „Eklat vor Verleihung der Kompassnadel in Köln“
(die-andere-welt.de, Matthias Honold)
Martin Dannecker will die vom Schwulen Netzwerk NRW verliehene Kompassnadel „für die Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz der schwulen Minderheit“ nicht an den „Spiegel“ überreichen. „Mit ein paar bedauernden Bemerkungen lässt sich die AIDS-Politik des SPIEGEL nicht einebnen. Man kann diese, weil sie nun einmal wirkungsvoll war, nicht zuletzt weil sie niedrige Affekte bediente, nicht einfach zum Verschwinden bringen.“

5. „NSA-Lauscher: Das konnte doch keiner ahnen! Oder?“
(spiegel.de, Sascha Lobo)

6. „Ask Me Anything Episode 1: Most Startling Fact about the German Legal System“
(andrewhammel.typepad.com, Video, 7:46 Minuten, englisch)
Andrew Hammel über Universitäten in Deutschland und den USA.

Verliebt, verlobt, vertan

Am Sonntag veröffentlichte „Spiegel Online“ eine Vorab-Meldung aus dem gedruckten „Spiegel“:

Die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU, Dorothee Bär, hat ihren jetzigen Ehemann vor der Heirat nach Informationen des SPIEGEL über Jahre als wissenschaftlichen Mitarbeiter in ihrem Berliner Abgeordnetenbüro beschäftigt. Bärs Ehemann Oliver ist promovierter Jurist.

Damit könnte Bär gegen das Abgeordnetengesetz verstoßen haben. Dieses verbietet den Parlamentariern, Arbeitskosten für Verwandte, Ehe- oder Lebenspartner abzurechnen. Dasselbe gilt auch für Verlobte.

Der letzte Satz ist der Entscheidende, wie wir gleich noch sehen werden.

Am Dienstag veröffentlichte Dorothee Bär auf ihrer Webseite nämlich ein Schreiben (PDF) von Bundestagspräsident Norbert Lammert, den sie um Prüfung gebeten hatte.

Darin erklärt Lammert, dass Frau Bär nicht gegen die entsprechende Passage im „Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder des Deutschen Bundestages“ verstoßen habe: Ihr späterer Ehemann sei bis zum 31. Januar 2006 beschäftigt gewesen, geheiratet habe sie ihn am 12. Februar 2006.

Die Behauptung „Dasselbe gilt auch für Verlobte“ von „Spiegel und „Spiegel Online“ wäre demnach unzutreffend.

In §12, Absatz 3 des AbgG heißt es:

Der Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Mitarbeitern, die mit dem Mitglied des Bundestages verwandt, verheiratet oder verschwägert sind oder waren, ist grundsätzlich unzulässig. Entsprechendes gilt für den Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern eines Mitglieds des Bundestages.

In seinem Schreiben stellt Lammert auch klar, dass mit „Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern“ von Abgeordneten „nur solche gleichen Geschlechts zu verstehen sind“.

Tatsächlich wurde der betreffende Satz im Jahr 2001 in den Gesetzestext eingefügt, um dem zeitgleich in Kraft tretenden Lebenspartnerschaftsgesetz gerecht zu werden. Weil Schwule und Lesben nicht „heiraten“ dürfen, brauchte es diese zusätzliche Formulierung.

Auf unsere Frage, ob „Spiegel Online“ nach der Veröffentlichung von Lammerts Schreiben den entsprechenden Artikel überarbeiten wird, erklärte uns Chefredakteur Rüdiger Ditz, die Redaktion bleibe bei ihrer Darstellung. Sie habe im Vorfeld der Veröffentlichung eigene Informationen bei der Bundestagsverwaltung eingeholt, die anders ausgefallen seien als die jetzt veröffentlichte Feststellung des Bundestagspräsidenten.

taz.de  

Das kommt ihm nordkoreanisch vor

Harald Martenstein möchte nicht, dass wir ihn „den Franz Josef Wagner vom ‚Zeit Magazin'“ nennen. Womöglich hat es Deniz Yücel von der „taz“ auch nicht gefallen, dass wir ihn in einem einzigen Satz schon mit Wagner, Martenstein und Henryk M. Broder verglichen haben. Andererseits hat sich Yücel seinen Platz in der Ruhmeshalle der meinungsstarken, aber faktenschwachen Lautsprecher redlich verdient. Zum Beispiel mit seiner aktuellen Kolumne auf taz.de.

Yücel beginnt gewohnt wortgewaltig:

Professionelle Lügner verfälschen die Realität und manipulieren unser Denken. Wir werden abgelenkt, eingelullt, ruhiggestellt. Man bringt uns dazu, ständig vor dem Fernseher zu sitzen, Klatschmagazine zu lesen und große Mengen giftiger Nahrung zu essen. Wir geben uns jeder neuen Mode und jedem neuen Trend hin. Und natürlich Shopping, immer wieder Shopping. All das dient aber nur dazu, uns zu kontrollieren und zu betäuben, damit die Herrschenden ungestört ihre Kriege führen und ihren imperialistischen Interessen nachgehen können.

Den ganzen nächsten Absatz verwendet er dann darauf, zu erklären, woher diese Thesen nicht stammen („Flugblatt der Ortsgruppe Hildesheim der Linkspartei“, „versprengte Basisgrüne“, „Ökumenischer Kirchentag“, „an der 9/11-Forschung geschulte Internetspinner“, „Zitate aus einem im Nachlass von Stéphane Hessel gefundenen Text“, „Leserbriefschreiber“).

Nein:

All diese Erkenntnisse stammen vielmehr aus einem nordkoreanischen Propagandafilm. Es ist kein Propagandafilm der üblichen Sorte, keine kämpferischen Soldaten, fröhlichen Arbeiter und winkende Kims. Denn in diesem Film geht es nicht um Nordkorea, jenes geheimnisvolle Land, über das Christopher Hitchens einmal geschrieben hat, man habe dort eine neue Spezies von Mensch erschaffen.

Ob dem wirklich so ist, kann niemand überprüfen. Dafür gewährt dieser Film einen Einblick darin, wie die nordkoreanische Staatspropaganda die westliche Welt sieht. Das erstaunliche Ergebnis: Etwa so wie ein guter Teil der Linken in Deutschland und anderswo.

Yücel hat den ersten Teil der deutschsprachigen Synchronfassung des Films bei taz.de eingebettet, beschreibt aber sicherheitshalber noch mal ausführlich, was es dort alles zu sehen gibt:

Der irgendwann zwischen 2009 und 2011 entstandene Film wurde von freiwilligen Helfern erst ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt. Er kommt wie eine Mischung aus Videoclip und Dokumentation im History Channel daher; Bilder von vorzugsweise amerikanischen Politikern werden mit Kriegsbildern und Szenen aus der „Konsumwelt“ zusammengeschnitten und natürlich darf auch der Führer nicht fehlen, weil erst durch ihn eine Condoleezza Rice ins rechte Licht gerückt wird. Die Sprache ist kein spätstalinistischer Barock, es fehlt auch der hysterisch-schwülstige Ton, in dem nordkoreanische Nachrichtensprecherinnen gelungene Raketenstests vermelden.

Wie es sich für eine ordentliche Doku gehört, kommt zwischendurch ein Experte zu Wort, dessen Gesicht aber in der Bearbeitung verpixelt wurde – offenbar damit dieser nordkoreanische Borat auch weiterhin unerkannt in Südkorea auf Safari gehen kann. […]

Wie also sehen sie aus, die tatsächlichen Zustände im Westen? Die Propagandisten der Herrschenden haben uns durch ihre Lügen, durch Mode, Musik, Technologie und Sex zu Konsumsklaven verwandelt, die härter und härter arbeiten, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen. Drogensüchtige Popstars wie Elvis Presley gehören ebenso zu ihren Machtinstrumenten wie Sneakers und iPhones.

Mit seiner Formulierung vom „nordkoreanischen Borat“ war Yücel der Wahrheit so nahe wie selten, denn der Film mit dem Titel „Propaganda“ ist (ebenso wie „Borat“) eine Mockumentary, eine als Dokumentation getarnte Fiktion, ein Fake.

Auf der offiziellen Website des Films deutet der neuseeländische Regisseur Slavko Martinov dies eher nur an, aber in einem Video-Interview erzählt er, er habe nach einem besonderen Kniff gesucht, um seine Dokumentation über Propaganda außergewöhnlicher zu machen, und sei so auf die Idee gekommen, den Film als fiktive nordkoreanische Dokumentation aufzuziehen.

Seine Wahl sei unter anderem deshalb auf Nordkorea gefallen, weil über das Land (anders als etwa über Kuba oder den Iran) im Rest der Welt so gut wie gar nichts bekannt sei und der Film deshalb nicht so schnell als Fake identifiziert werden konnte. Da der Erzähler von „Propaganda“, ein Bauunternehmer aus Neuseeland, der in Nordkorea geboren wurde, aber inzwischen von der südkoreanischen Gemeinde in Christchurch für einen nordkoreanischen Spion gehalten und ausgegrenzt wird, hat Martinov inzwischen eine Kampagne gestartet, um den Ruf des Mannes zu retten.

All dies hätte Deniz Yücel mit ein paar Minuten Googeln herausfinden können, aber es hätte ihm natürlich seinen schönen Gesinnungsaufsatz mit dem Titel „Wir Linkskoreaner“ kaputtgemacht. Denn nur unter der Prämisse, dass das Video tatsächlich ein nordkoreanischer Propagandafilm ist, kann er den ideologischen Schulterschluss, den er auf Grundlage dieses Films zwischen dem Regime in Nordkorea und „der Linken in aller Welt“ vermutet, beschreiben:

Und spätestens, als im vierten Teil die Gründung des Staates Israel geschildert wird, ein „bösartiges wie unnötiges“ Unterfangen, das die britischen Imperialisten gemeinsam mit den „Rothschild-Zionisten“ ausgeheckt haben, um die arabische Bevölkerung zu kolonialisieren, als – natürlich nicht ohne jüdische Kronzeugen – in Wort und Bild nahegelegt wird, die Israelis seien die Wiedergänger der Nazis und als schließlich erläutert wird, wie Israel den Holocaust dazu ausnutzt, um Kritik an seiner Politik als antisemitisch abzuschmettern, spätestens dann also fragt man sich: Warum nur bleibt die Linke in aller Welt so teilnahmslos angesichts der imperialistischen Bedrohung, der die Genossinnen und Genossen im friedliebenden Nordkorea ausgesetzt sind? Herr Augstein, übernehmen Sie!

Ja. Oder halt irgendein Nervenarzt.

Mit Dank an Peter.

Nachtrag, 6. April: Bereits gestern hat Deniz Yücel seinem Text einen Nachtrag hinzugefügt, den wir gerne vollständig wiedergeben:

Nachtrag: Einige Leser sowie der „Bild-Blog“ behaupten nun, mir sei ein Fehler unterlaufen. Der Film „Propaganda“ sei in Wirklichkeit kein nordkoreanischer Propagandafilm, sondern ein Film des neuseeländischen Regisseurs Slavko Martino [sic!] über Propaganda.

Das ist richtig. Und doch nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist die Erzählperspektive als nordkoreanischer Dokumentarfilm, der in einer Umkehrung des Wortes vom „Schurkenstaat“ die westliche Welt als Ansammlung von Schurkenstaaten dämonisiert, fiktiv.

Aber der entscheidende Punkt ist: Was hier dargestellt wird, ist die nordkoreanische Sicht auf die westliche Welt. Man vergleiche beispielsweise die Einlassungen des Films über den Staat Israel mit den Tiraden der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA. Und man vergleiche beides mit dem Zuspruch, auf den diese propagandistisch verzerrte Sicht in den Kommentaren bei Youtube oder auch bei taz.de trifft. Das Ergebnis ist ein Maß an Übereinstimmung, das auch im Text beschrieben wird.

Regisseur Martino [sic!] sagt, dass er seinen Film als nordkoreanischen Propagandafilm ausgegeben habe, damit der Fake nicht sofort als solcher erkennbar wird. Ob er nur die Funktionsweise von Propaganda darstellen wollte oder sich eine – unter Linken, aber ebenso unter Rechten und religiösen Fundamentalisten – verbreitete Kritik an der kapitalistischen Konsumgesellschaft wenigstens teilweise zueigen macht, ist weniger interessant. Viel interessanter ist, dass der Film durch diesen Trick eben nicht als fiktive Dokumention zu erkennen ist.

Einen Text über einen fiktiven Film zu schreiben und diesen als fiktiv auszuweisen, wäre eine gewöhnliche Besprechung. Aber wenn man einen solchen Film so authentisch darstellt, wie er sich selber gibt, eine gefakte Rezension über eine gefakte Dokumentaion, wird daraus ein soziales Experiment: In den Raum wird die Behauptung gestellt, dass das Denken vieler Linker nicht so weit entfernt ist von der Propaganda einer völkisch-stalinistischen Diktatur wie Nordkorea. Die Überprüfung dieser Behauptung findet in der Realität statt.

Googeln, liebe Erbsenzähler vom „Bildblog“, kann ich genauso gut wie ihr. Deniz Yücel

Genmais, geistiges Eigentum, Tomaten-Schiris

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1. „Der kalkulierte Genmais-Schock“
(spiegel.de, Nina Weber)
Nina Weber rollt auf, wie eine Studie über erhöhte Krebsraten bei Ratten, die genveränderten Mais konsumiert hatten, in die Medien gelangte: „Der Sustainable Food Trust, der die Öffentlichkeitsarbeit für diese Studie übernommen hatte, kontaktierte einige Journalisten: Sie könnten den Fachartikel vorab bekommen – aber nur, wenn sie schriftlich zusicherten, keine anderen Experten vor dem Ende der Sperrfrist dazu zu befragen.“ Zum Medizinjournalismus siehe auch „Medizinpresse: Schmieren oder recherchieren?“ (doccheck.com, Erich Lederer).

2. „North Sea cod: Is it true there are only 100 left?“
(bbc.co.uk, Hannah Barnes und Richard Knight, englisch)
„Just 100 cod left in North Sea“ ist auf telegraph.co.uk zu lesen. „Looking at the data, it seems a more accurate headline would read ‚Just 436,900,000 cod left in the North Sea‘.“

3. „Rassistische Kommentare: Wir bitten um Entschuldigung!“
(blogs.taz.de/hausblog)
Die „taz“-Redaktion sieht sich vom „Ausmaß an Häme und menschenverachtender Kommentare betroffen“ – in den eigenen Kommentarspalten. „Es ist auch nicht damit zu entschuldigen, dass wir immer wieder darauf hinweisen, dass wir zu wenig Personal haben, um dieses Forum angemessen zu betreuen.“

4. „Fotograf will elf schwule Profi-Fußballer kennen“
(queer.de)
Ein Berliner Fotograf erzählt einem Reporter des „Berliner Kuriers“, er könne „eine komplette Elf aufzählen mit Spielern aus der Bundesliga und sogar zwei aktuelle Nationalspieler, die schwul sind“: „Leider ist die Beweisführung ein wenig dürftig geraten.“

5. „Hanebüchene Verschwörungstheorien“
(kurzpass.ch, Christian Meier)
Schiedsrichter in der Schweizer Fußball-Liga werden von der Boulevardpresse als „Tomaten-Schiris“ bezeichnet. Verschiedene Trainer nehmen die Vorwürfe zustimmend auf und schmieden weitere Verschwörungstheorien.

6. „Missverständnisse zum ‚geistigen Eigentum‘ in der Presse“
(doener.blogage.de, Stephan Dörner)
Ex-Handelsblatt.de-Redakteur Stephan Dörner kritisiert nach seinem Ausscheiden die „Handelsblatt“-Aktion „Mein Kopf gehört mir“: „Den Artikel zu der Kampagne habe ich damals in der Redaktionskonferenz scharf kritisiert, worauf Chefredakteur Gabor Steingart mich bat, die Kritik schriftlich auszuführen. Das habe ich damals getan – ohne jede Reaktion.“

Griechenland, Gerätetests, Coming-Out

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Besser zählen“
(ploechinger.tumblr.com)
Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, ärgert sich über die hochgehypte, doch aber eher bedeutungslose Diskussion über Unterschiede bei den Monatszahlen. „Jeden Monat schaut die Branche auf Zahlen, deren Hintergründe sie kaum interessieren, solange irgendeine schmissige Schlagzeile herausspringt. Datenboulevard.“

2. „‚Qualitätsjournalismus‘ der Berliner Zeitung“
(kaipiranha.de)
In den Leserkommentaren zu einer Reportage auf berliner-zeitung.de meldet sich Nutzer TomTom89 zu Wort (Kommentar 7) – bei dem es sich um eine der Protagonistinnen des Texts handeln könnte: „Ich finde es traurig, dass es Idioten wie Alex gibt, die sich in Ihrer Selbstgefälligkeit erlauben uns so darzustellen, und noch viel trauriger, dass andere selbstgefällige Menschen auf solch verzerrender Berichterstattung beruhend über Menschen wie mich und meine Freunde derart urteilen und mit Worten wie ‚Opfer‘ um sich schmeißen.“

3. „Alle Pressen stehen still“
(jungle-world.com, Holger Marcks)
Die Lage von Medienschaffenden in Griechenland: „Von Lohnausfällen betroffen sind eigentlich die Beschäftigten aller Branchen in Griechenland. Ein Faktor macht die Situation im Medien- und Publikationsbereich aber nochmals besonders: Hier arbeiten außergewöhnlich viele Menschen als Freelancer. Sie rennen ihren Honoraren somit oftmals alleine hinterher.“

4. „The Problem With Early Reviews“
(techcrunch.com, John Biggs, englisch)
Tests von Geräten, die zu früh veröffentlicht werden, sind oft wertlos, findet John Biggs: „The early reviewers miss the problems because they’re enamored with the device. They don’t have it long enough to really see the problems (if any) or nit-pick on perceived problems.“

5. „Warum wir keine Mohammed-Karikaturen bringen“
(nebelspalter.ch, Marco Ratschiller)
Es brauche keine Mohammed-Karikaturen, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, findet Marco Ratschiller von der Schweizer Satirezeitschrift „Nebelspalter“. Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ liefert derweil seine neue Ausgabe in zwei verschiedenen Versionen aus, einer „vernünftigen“ und einer „unvernünftigen“.

6. „Das Missverständnis vom Coming-Out“
(alexandervonbeyme.net)
Alexander von Beyme macht sich Gedanken über das Coming-Out von Profi-Fußballspielern. „Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen, was mit Outen überhaupt gemeint ist. Keiner wünscht es sich, in einer Pressekonferenz auf dem Podium zu sitzen und zu bekennen: ‚Ich bin schwul, schwul, schwul!‘.“

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