Diesmal begann alles damit, dass das israelische Model Orit Fox bei einem Fotoshooting mit einer (ungiftigen) Boa Constrictor posierte und von dem nicht eben begeisterten Reptil in die chirurgisch optimierte Oberweite gebissen wurde. Das dazugehörige Video lässt da übrigens noch keine Missverständnisse zu:
Der zweite Teil der Geschichte klingt jedoch noch spektakulärer: Angeblich soll die Schlange bald darauf an einer Silikonvergiftung gestorben sein.
Da einer alten Journalistenregel zufolge “Schlange vergiftet Frau” keine Nachricht ist, “Frau vergiftet Schlange” aber sehr wohl, rauschte die Nachricht vom Silikontod einmal quer durchs Internet und wurde von Online-Medienweltweitaufgegriffen. Da man sich dabei immer munter aufeinander berief, dürfte es kaum mehr möglich sein, herauszufinden, welche Zeitung die Nachricht zuerst adelte.
Im deutschsprachigen Raum etwa berichteten unter anderem Bild.de (“Gerüchten im Netz zufolge”), “Merkur Online”, express.de, 20min.ch (“Wie die belgische Zeitung ‘Gazet Van Antwerpen’ berichtet”) und blick.ch (“wie jetzt der spanische TV-Kanal ‘Telecinco’ […] berichtet”) von diesem weltbewegende Ereignis.
Die vergiftete Schlange machte immer noch fleißig die Runde, als das amerikanische Blog “The Daily What” die Hintergründe der Geschichte genauer beleuchtete: Demnach nahm das Unheil am 3. März seinen Lauf, als die auf Celebrity-Gerüchte spezialisierte Webseite “Oh No They Didn’t” das ursprüngliche YouTube-Video vom Schlangenbiss veröffentlichte und der Autor mit dem Nickname “nappyxheadedxho” neben einigen dürren Bemerkungen hinzufügte:
The snake later died from silicone poisoning.
Noch am selben Tag fragte ein Leser in den Kommentaren “Really? Poor thing.”, worauf nappyxheadedxho antwortete:
lmao I was joking!
(Ich lach mich tot – das war nur ein Witz!)
Inzwischen sind die ersten ausländischen Medien, die von der vergifteten Schlange berichtet haben, eifrig dabei, ihre Artikel zu löschen oder zu berichtigen. Mal sehen, wie lange “unsere” dafür brauchen.
Mit Dank an miguel!
Nachtrag, 15:26 Uhr: “Merkur Online” hat sich inzwischen für die Löschvariante entschieden, während express.deden ursprünglichen Artikel transparent korrigiert hat.
Über den Sinn oder Unsinn des Weltfrauentages, der vor 100 Jahren zum ersten Mal begangen wurde, haben im vergangenen Jahr Alice Schwarzer und Caroline Korneliy bereits ausführlich debattiert. Und auch wenn Alice Schwarzer dafür plädiert, den Frauentag abzuschaffen, wäre es interessant zu erfahren, was die Feministin davon hält, wie die Zeitung, in der sie ihre Gerichtsreportagen veröffentlicht, mit diesem besonderen Datum umgeht.
Der Titel klingt ja eigentlich vielversprechend:
Doch abgesehen davon, dass der Weltfrauentag ursprünglich mit dem Ziel der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ins Leben gerufen wurde, dürfte selbst Mario Barth viele der “100 Wahrheiten über Frauen” als abgedroschen und klischeebehaftet empfinden:
Nr. 5:
Schön mit der Hand schreiben.
Nr. 10:
Mehrere Diäten gleichzeitig machen.
Nr. 11:
Schuhe kaufen. Frauen besitzen im Schnitt 14 Paar Schuhe, Männer acht.
Nr. 21:
Den Balkon zum Blühen bringen.
Nr. 38:
Statt sich mit komplizierten Abseits-Regeln aufzuregen, lieber an den schönen Fußballern erfreuen.
Nr. 42:
Beleidigt sein.
Nr. 46:
Im Sitzen pinkeln.
Nr. 50:
Sparen. Sie geben ein Vermögen für Schuhe aus, aber das ist immer noch billiger als ein Sportwagen.
Nr. 57:
Kalorien zählen.
Nr. 60:
Dem Friseur das Herz ausschütten.
Nr. 62:
Sich die Augenbrauen zupfen.
Nr. 72:
Bei völliger Ahnungslosigkeit souverän wirken.
Nr. 83:
Geld ausgeben, das sie nicht verdient haben.
Nr. 86:
Sich systematisch unterschätzen. Immer noch verdienen Frauen rund 25 Prozent weniger als Männer.
Nr. 93:
Diesen schwachsinnigen Frauentag gelassen ertragen.
Passend dazu präsentiert BILDblog heute die einzige Sache, die “Bild” besser kann als andere Zeitungen:
Nr. 1:
Den eigenen Sexismus entlarven.
Nachtrag, 9. März: BILDblog-Leser Michael L. hat uns darauf hingewiesen, dass es sich beim diesjährigen Weltfrauentag nicht um den 100., sondern um den 101. handelt (der erste von 1911 muss natürlich auch mitgezählt werden). Immerhin befindet sich BILDblog mit diesem – inzwischen korrigierten – Fehler inbesterGesellschaft.
Für diese Fehleinschätzung von Bild.de gibt es zwei Lösungswege:
Entweder sie haben Charlie mit seinem Vater Martin Sheen verwechselt, der tatsächlich in “Apocalypse Now” mitgespielt hat, oder sie haben “Apocalypse Now” mit “Platoon” verwechselt, jenem Kriegsfilm, durch den Charlie Sheen unter anderem berühmt geworden ist.
Die erste Stelle hat Bild.de inzwischen korrigiert, die zweite in der Klickstrecke nicht.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.
Nachtrag, 4. März: In der Klickstrecke erklärt Bild.de jetzt, Charlie Sheen sei durch “Platoon” zum Star geworden.
Die folgende Geschichte wird ein bisschen kompliziert. Vielleicht legen Sie besser Papier und Bleistift zurecht — oder eine frisch betonierte Fläche, in die Sie ein paar Notizen einritzen können.
Am Samstag (Ortszeit) drückte der Basketballspieler Kobe Bryant seine Hände und Füße in eine Betonfläche am Hollywood Boulevard in Hollywood. Er durfte das.
Am Sonntagmorgen um 8.28 Uhr tickerte der Sportinformationsdienst (sid) unter der Überschrift “‘Black Mamba’ Bryant: Erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame” an seine Kunden:
Köln, 20. Februar (SID) – NBA-Superstar Kobe Bryant hat als erster Sportler seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame hinterlassen. (…)
Die Deutsche Presseagentur (dpa) legte um 13.53 Uhr und 16.03 Uhr mit der Meldung “Kobe Bryant als erster Sportler auf Walk of Fame” nach:
Los Angeles (dpa) – Basketball-Superstar Kobe Bryant hat sich als erster Sportler auf Hollywoods legendärem “Walk of Fame” verewigen dürfen. Der Guard der Los Angeles Lakers hinterließ am Samstag (Ortszeit) auf dem berühmten Bürgersteig des Hollywood Boulevards seine Hand- und Fußabdrücke neben denen von Showgrößen wie Elvis Presley, Marilyn Monroe oder Tom Cruise. (…)
Und AFP berichtete unter der Überschrift “Bryant erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame” und mit einer interessanten Ortsmarke:
Köln — NBA-Superstar Kobe Bryant hat als erster Sportler seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame hinterlassen. (…)
Das alles ist in dieser Form falsch.
Der “Walk of Fame” besteht aus mehr als 2.400 Terrazzo-Sternen, mit denen verdiente Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie ausgezeichnet werden. Hand- und Fußabdrücke werden traditionell in der Umgebung des Kinos “Grauman’s Chinese Theatre” hinterlassen und haben – neben der vergleichbaren Ehre und der räumlichen Nähe – nichts mit dem “Walk of Fame” zu tun.
Wäre Kobe Bryant mit einem Stern auf dem “Walk of Fame” geehrt worden – was er ja nicht wurde -, so wäre er nicht der erste Sportler gewesen, sondern der dritte: Unter sehr freier Regelauslegung hatte das Komitee 2001 den Basketball-Spieler Earvin “Magic” Johnson und 2002 den Boxer Muhammad Ali mit einem Stern geehrt.
In der Annahme, den Fehler gefunden zu haben, verschickte der sid um 23 Uhr eine “korrigierte Fassung”:
Köln, 20. Februar (SID) – Große Ehre für NBA-Superstar Kobe Bryant: Der 32 Jahre alte Shooting Guard der LA Lakers hinterließ seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame und ist damit einer von wenigen Sportlern, die sich auf dem weltberühmte Gehweg verewigen durften. Sein Basketball-Kollege Magic Johnson und Box-Legende Muhammad Ali gehören auch dazu. (…)
Das war schon mal bedeutend falscher als die Ursprungsversion, denn Bryant war tatsächlich der erste Sportler, der sich im Zement verewigen durfte — Johnson und Ali haben ja Sterne. Blöderweise lief diese Korrektur immer noch unter der – in jedem Fall falschen – Überschrift “‘Black Mamba’ Bryant: Erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame”. Drei Minuten später korrigierte der sid die Überschrift in “‘Black Mamba’ Bryant auf Hollywoods Walk of Fame” und wähnte sich in Sicherheit.
Dass die Hand- und Fußabdrücke nicht auf dem “Walk of Fame” hinterlassen werden, hat der sid immer noch nicht verstanden und schreibt heute über das Allstar-Game:
Einen Tag nachdem der 32-Jährige seine Hand- und Fußabdrücke auf dem weltberühmten Walk of Fame hinterlassen hatte, spielte Bryant vor Stars und Sternchen groß auf, avancierte mit 37 Punkten zum besten Werfer und wurde zum vierten Mal als “wertvollster Spieler” des NBA Allstar Games ausgezeichnet.
Und auch dpa ist noch im falschen Film:
Nur Stunden, nachdem sich Bryant als erster Sportler mit Hand- und Fußabdrücken auf Hollywoods “Walk of fame” verewigen durfte, war er in eigener Halle einfach nicht zu stoppen.
Aber womöglich ist es auch zu viel verlangt, von deutschen Nachrichtenagenturen (darunter einer, die explizit auf Sport spezialisiert ist), Detailkenntnisse im Straßenbild von Hollywood zu erwarten.
Die hat ja nicht mal das amerikanische Unterhaltungsportal “E! online”:
Mit Dank an Jan-Christoph K.
Nachtrag, 22. Februar: Gestern um 16.38 Uhr tickerte die dpa eine korrigierte Fassung ihres Allstar-Game-Berichts, die mit “(Berichtigung: Bryant nicht auf dem ‘walk of fame’)” gekennzeichnet war. Darin heißt es jetzt:
Nur Stunden, nachdem sich Bryant mit Hand- und Fußabdrücken im berühmten Grauman’s Chinese Theatre am Hollywood Boulevard verewigen durfte, war er in eigener Halle einfach nicht zu stoppen.
Der sid verschickte heute um 8.52 Uhr unter der Überschrift “Berichtigt: Bryant erster Sportler am Grauman Theatre” gar eine eigenständige Berichtigung, in der die Unterschiede zwischen den Sternen am “Walk of Fame” und den Abdrücken am “Grauman’s Chinese Theatre” erklärt werden. Der Text schließt mit einem “Hinweis für die Redaktionen”:
Auch der SID hat rund um das All Star Game am Wochenende in Los Angeles in Zusammenhang mit Kobe Bryant fälschlicherweise vom Walk of Fame geschrieben. Wir bitten, diesen Irrtum zu entschuldigen.
Hinweis, 22. Februar: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Zement ein pulverförmiger Stoff ist und die daraus angerührte Masse Beton genannt wird. Wir haben also in den ersten beiden Absätzen “Zement” durch “Beton” ersetzt, damit auch hier alles seine Richtigkeit hat.
“Bild” verblüfft immer wieder. Gefühlte 100 Artikel über den Tod von “Sexy Cora” (BILDblogberichtete) und ein ausführlicher Bericht über die Premiere des St.-Pauli-Films “Gegengerade” am Mittwoch konnten nicht verhindern, dass heute in der Hamburger “Bild” folgende Unglaublichkeit steht:
Auf Bild.de, wo “Porno-Sternchen Sexy Cora” auch noch mit einem Link versehen war, der höchstwahrscheinlich auf Nachrichten über ihren Tod führte, wurde diese Stelle inzwischen unauffällig korrigiert.
Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 18. Februar: Heute in der Hamburger “Bild”:
Der spanische Radsport-Verband hat den dreimaligen Tour-de-France-Sieger Alberto Contador gestern vom Vorwurf des Dopings freigesprochen. Der Internationale Radsportverband und die Welt-Anti-Doping-Agentur sind entsetzt, Kommentatoren bezeichnen Spanien als “Paradies für Doper”.
Auch “Zeit Online” beklagt sich über die unverhohlene Intervention der spanischen Politik:
Doch während die erste Botschaft tatsächlich vom offiziellen Twitter-Account der spanischen Regierung verschickt wurde, kann man Zapatero zumindest für das angebliche Lob seines “Jungen” keinen Vorwurf machen: Die Nachricht kam vom Fake-Account einer (englischsprachigen) Satire-Website. Die Betreiber tun noch nicht mal so, als sei der Account echt.
Mit Dank an Hendrik.
Nachtrag, 16.10 Uhr: “Zeit Online” hat den Artikel korrigiert und in den Kommentaren folgende Erklärung abgegeben:
Eine ernste Meldung in eigener Sache: Soeben mussten wir unseren Chefredakteur in ärztliche Behandlung bringen lassen.
Zuerst hörten wir aus seinem Büro nur ein langgezogenes “Neeeeeiiiiin!”, dann vernahmen wir einen dumpfen Schlag und ein “wahnsinnig” zu nennendes Lachen, das langsam erstarb. Als wir sein Büro betraten, fanden wir ihn mit blutiger Stirn auf dem Fußboden vor, die Hände verkrampft. Seine Schreibtischplatte war in zwei Teile zerbrochen.
Auf seinem Computerbildschirm war noch dieser Artikel von sueddeutsche.de geöffnet:
Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen: Am Besten, wir legen alle zusammen und lassen mehrere Quadratmeter große Schilder in Signalfarben anfertigen, auf denen in großen Lettern “DER EUROPÄISCHE GERICHTSHOF FÜR MENSCHENRECHTE (EGMR) IST KEIN EU-GERICHT!” steht. Diese Schilder hängen wir dann in den Redaktionsräumen deutscher Medien, in den Journalistenschulen und – je nachdem, wie viel Geld zusammenkommt – vor den Badezimmerspiegeln aller Journalisten auf.
Das klingt zwar wie ein geisteskranker Plan, aber alle bisherigenVersuche, diese schlichte Information in Journalistenhirne zu prügeln, haben ja nichts gebracht:
Der dpa-Landesdienst Baden-Württemberg behauptete gestern gleich in drei Überschriften über eine Entscheidung des EGMR:
EU-Gerichtshof rügt Sicherungsverwahrung in Deutschland
Wie begründet das der EU-Gerichtshof? “Die deutschen Gerichte hätten die Unterbringung der Strafgefangenen im Gefängnis zu Präventivzwecken nicht nachträglich anordnen dürfen.”
(“B.Z.”)
Mit Dank an Manuel.
Nachtrag, 20.02 Uhr: Folgendes veröffentlichte “Zeit Online” um 18.26 Uhr:
Mit Dank an Maximilian.
2. Nachtrag, 16. Januar: Von den oben verlinkten Medien haben die “Badische Zeitung” und die “Zeit” ihre Fehler korrigiert.
Nur selten hat Bild.de die Gelegenheit, ein Aufmerksamkeit erzeugendes Fotomotiv einigermaßen begründet mit einer trockenen Arbeitsrechts-Meldung zu kombinieren.
Da muss man den Redakteuren natürlich nachsehen, dass die Entscheidung, nach der Arbeitgeber ihren Angestellten die Farbe der Unterwäsche vorschreiben dürfen, nicht vom Bundesgerichtshof (BGH) gefällt wurde, sondern vom Landesarbeitsgericht (LAG) in Köln.
Ebenfalls hinnehmen muss der Leser wohl, dass die eingebaute Klickstrecke “Was darf der Arbeitgeber?” noch nicht an die neuesten Entwicklungen angepasst werden konnte. Auch wenn das jetzt ein bisschen blöd wirkt:
Mit Dank an josspam und Andreas R.
Nachtrag, 16.50 Uhr: Bild.de hat beide Fehler korrigiert, wobei der Text in der Klickstrecke offenbar mit der Streitaxt gekürzt wurde.
Die Antwort lautet jetzt jedenfalls:
Nein, auf keinen Fall. Das ist so eindeutig Privatsphäre.