Suchergebnisse für ‘dreyer’

Politisches Facebook, „Sexskandal“, Emotionsanalyse

1. Von AfD bis Linkspartei – so politisch ist Facebook
(sueddeutsche.de, Katharina Brunner & Sabrina Ebitsch)
Eine bemerkenswerte Kraftanstrengung hat die „Süddeutsche“ mit ihrer Datenrecherche zur politischen Landschaft auf Facebook unternommen: Über Monate hat man eine Million öffentliche Likes von Nutzern untersucht, die auf den Facebookseiten der sieben großen Parteien interagiert haben. Ein schönes Stück Datenjournalismus, das unter „Der Facebook-Faktor“ nochmal in Textform und mit Animationen aufbereitet wurde.
Weiterführender Link: Politikjournalismus im Superwahljahr 2017 mit einem Gespräch mit der Journalistik-Professorin und Politikexpertin Marlis Prinzing.

2. Nazi! Hure! AfD!
(salonkolumnisten.com, Martin Niewendick)
Für allgemeines Kopfschütteln sorgt derzeit ein Artikel des gemeinnützigen Recherchezentrums „Correctiv“. Dort ist man mit einer Exklusiv-Meldung an die Öffentlichkeit gegangen, nach der eine AfD-Politikerin als „Teilzeitprostituierte“ gearbeitet haben soll. „Salonkolumnist“ Martin Niewendick hält „Correctiv“ für ein wichtiges Netzwerk, das gemeinhin gute Arbeit leiste und den selbst gesteckten Ansprüchen in der Regel gerecht werde. Jedoch: „Der journalistisch-investigative Background der Recherche-Profis ist ein scharfes Schwert. Mit voyeuristischen und letztlich sexistischen Beiträgen wie diesem droht es, zu einem labbrigen Gummi-Dildo zu werden.“

3. Verhaltensbasierte Werbung: Facebook identifiziert emotional verletzliche Jugendliche
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Kann Facebook seine Daten tatsächlich mit „Emotionsanalyse-Tools“ durchsuchen lassen? Um emotional verletzliche Jugendlichen aufzuspüren, denen man daraufhin zielgerichtete Werbung unterjubeln kann? Dies wollen jedenfalls Journalisten der australischen Tageszeitung „The Australian“ herausgefunden haben, die behaupten im Besitz entsprechender Beweise zu sein. Laut „Australian“ habe sich Facebook zunächst entschuldigt, dann jedoch ein eigenes Statement veröffentlicht und den Text der Zeitung als irreführend bezeichnet.

4. Eines der gefährlichsten Länder für Journalisten
(deutschlandfunk.de, Christoph Dreyer & Brigitte Baetz, Audio, 4:16 Minuten)
Der Jemen zählt zu einem der gefährlichsten Länder für Journalisten. Gefährlicher ist es nur noch im Irak, in Mexiko, in Afghanistan und in Syrien. Mittlerweile gibt es nur noch wenige unabhängige Journalisten vor Ort. Es gebe eigentlich nur noch parteilich berichtende Medien – für die Regierung oder für die Huthis, die weite Teile des Landes und die Hauptstadt kontrollieren. (Für den Hörbeitrag auf die Schaltfläche rechts im Beitragsbild klicken.)

5. Le Pen klaut bei Fillon
(faktenfinder.tagesschau.de, Nele Pasch)
Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ beschäftigt sich mit der Frage, ob sich die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen bei ihrer Wahlkampfrede fremder Inhalte bedient hat: Mindestens sechs Passagen würden mit einer Rede übereinstimmen, die der konservative Kandidat Fillon gehalten hat.

6. Lasst die Zeitung leben!
(taz.de, Mark-Stefan Tietze)
Mark-Stefan Tietze, Satireautor und langjähriges Besatzungsmitglied der „Titanic“, schreibt in der „taz“ über die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Diesmal über die Nachteile des Digitalen und die unschlagbaren Vorteile von Printprodukten (z.B. für Wohnungslose, die darauf ihr Nachtlager bereiten).

Team Wallraff, Roboterjournalismus, Siezen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Eine Ente geht um die Welt: Medien lassen Schumacher aufwachen“
(meedia.de, Marvin Schade)
Verschiedene Medien melden, Michael Schumacher sei aus dem Koma erwacht: „Die Suche nach der Quelle der Falschmeldung bleibt bisher erfolglos.“

2. „‚Die Personifizierung des Roboterjournalisten ist absurd'“
(barnabyskinner.com)
Cord Dreyer erklärt in einem Interview, weshalb er nur wenig hält vom Wort „Roboterjournalismus“: „Die grossen journalistischen Leistungen, die Reportage, einen politischen Zusammenhang erklären, Menschen kennen lernen – das kann eine Maschine in absehbarer Zeit nicht leisten. Was sie kann, ist Routinearbeiten übernehmen.“

3. „Die Glaubwürdigkeit der Medien steht auf dem Spiel“
(salzburg.com, Manfred Perterer)
„Fast alles Geld fließt direkt an die großen Wiener Boulevard- und Gratisblätter. Regionalzeitungen werden mit Brosamen abgespeist“, schreibt Manfred Perterer über die Inserate-Vergabe „von öffentlichen und halböffentlichen Stellen“ in Österreich, „mit denen eine wohlwollende Berichterstattung erkauft werden soll“.

4. „‚Jeder macht mal Fehler – aber bei uns Journalisten stehen sie gleich in der Zeitung'“
(hogn.de, Helmut Weigerstorfer)
Helmut Weigerstorfer befragt Lokaljournalist Jörg Homering-Elsner, der die Facebook-Seite „Perlen des Lokaljournalismus“ ins Leben gerufen hat.

5. „Dann bleiben wir doch lieber per Sie“
(medienwoche.ch, Antonio Fumagalli)
Sollen sich Politikjournalisten und Parlamentarier duzen oder siezen? Antonio Fumagalli versucht, „zumindest in der Grussform eine Abgrenzung aufrechtzuhalten. Die Parlamentarier sind nicht unsere Feinde. Sie sind aber auch nicht unsere Freunde – obschon einem gewisse Parlamentarier selbstverständlich sympathischer sind als andere.“

6. „Team Wallraff – Reporter undercover – Folge 1“
(rtl-now.rtl.de, Video, 50:05 Minuten)
Siehe dazu auch „Das darf nicht sein, das darf nicht sein“ (spiegel.de, Stefan Kuzmany).

Eine von uns, von uns und von uns

Die kostenlose Wochenzeitung „HS-Woche“ aus Erkelenz ist stolz, denn:

Gut. Das ist schon nicht mehr so spektakulär, wenn man den dazugehörigen Text liest:

Wenn am heutigen Abend um 20.15 Uhr das Halbfinale der Staffel von „Let’s Dance“ auf RTL über die Bühne geht, dann kann es auch wieder sein, dass einer der Stars auf einen Titel der Erkelenzer Sängerin Katja Dreyer tanzt.

Dreyer tritt also nicht auf, sondern singt lediglich ein Lied ein, zu dem die Stars dann tanzen. Egal, was zählt, ist dass sie aus Erkelenz kommt:

Katja Dreyer wohnt in Erkelenz-Mazerath und ist Frontfrau der Band „for example“

Oder etwa doch nicht? In der Lokalausgabe der „HS-Woche“ von Jülich lautet die Schlagzeile nämlich so:

Katja aus Jülich

Und in der aus Düren so:

Katja aus Düren

Weder in der Jülicher noch in der Dürener Ausgabe wird erwähnt, dass Katja Dreyer in Erkelenz wohnt. Dafür ist in der „Jülicher Woche“ von einer „charismatischen Frontfrau der Band „for example“ (mit Musikern aus Jülich und Düren)“ die Rede und in der „DN-Woche“ von einer „charismatischen Frontfrau der Band „for example“ (mit Musikern aus Düren und Jülich)“.

Vielleicht treten Katja aus Erkelenz, Katja aus Jülich und Katja aus Düren ja irgendwann einmal als Trio auf. Name der Formation: „Die charismatischen Frontfrauen“

Mit Dank an Jürgen S.

Innocence in Danger, Talkshows, Wikileaks

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „geheimes budget in danger“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Der Verein „Innocence in Danger“ kündigt an, „wegen verleumderischer Aussagen“ gegen den DuMont-Verlag vorzugehen. Felix Schwenzel und auch Bettina Winsemann auf „Telepolis“ recherchieren Hintergründe zur Transparenz der Spenden.

2. „Talkshow-Overkill“
(medien-monitor.com, Fabian Schwane)
„Wer keine Talkshows mag, der dürfte die ARD in Zukunft nur schwerlich mögen“, schreibt Fabian Schwane zum zukünftigen Programm im „Ersten“. Stefan Niggemeier zeigt im Fernsehblog schon mal „das bislang noch geheime Ergebnis der Programmreform“.

3. „Im Geheimraum“
(fr-online.de, Arno Widmann)
Arno Widmann begrüßt das Aufbrechen von Geheimräumen durch Wikileaks: „Die Bevölkerung hat keinen Grund, den Regierenden zu vertrauen. Sie tut gut daran, immer wieder auf Offenlegung und Veröffentlichung zu dringen.“

4. „Polit-Gossip in der Redaktions-Soap“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz fragt sich, warum deutsche Redaktionen „nur über teflonbehaftete Kanzlerinnen“ schreiben und wartet auf das erste Ranking: „So beliebt sind unsere Politiker in Amerika! Man spürt ja schon förmlich das Durchhecheln nach den geheimen Zeugnisnoten, die unsere Politiker vom großen Lehrer drüben bekommen.“

5. „Sexkritik: Ich will niemals geleakt werden“
(jetzt.sueddeutsche.de, Penni Dreyer)
Penni Dreyer fragt sich, was wäre, wenn Wikileaks „ausnahmsweise mal nicht die geheimen Akten amerikanischer Diplomaten und hochrangiger Regierungsmitglieder veröffentlichen, sondern auf einmal lauter Daten, in denen es um mein Liebesleben geht“.

6. „iPhone-Erziehung“
(nzz.ch, Thomas Böhm)
„Wie kommt eigentlich das iPhone in die Hände der Kleinen? Warum widerstehen meine Frau und ich nicht der Versuchung, durch Übereignung unserer Erziehungshoheit an ein Unterhaltungsmedium ein paar Minuten Schlaf zu gewinnen?“

Was Spiegel-Online-Leser mehr wissen

„Wir wollen die Berichterstattung im Panorama-Ressort verstärken und originärer machen“, sagte 2006 der damalige „Spiegel Online“-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron der „taz“. Anlass des Interviews war Blumencrons Entscheidung, die „Bild“-Unterhaltungschefin Patricia Dreyer zur Leiterin des „Panorama“-Ressorts zu machen.

Blumencron ist inzwischen Co-Chef des großen „Spiegel“, Dreyer hält im „Panorama“ gemeinsam mit boulevarderprobten Kollegen aber weiterhin die Zügel in der Hand.

Blumencrons Entscheidung hat „Spiegel Online“ verändert. „Panorama“ ist inzwischen einer der wichtigsten Bestandteile der Plattform. Nur das „Politik“-Ressort beschäftigt mehr feste Redakteure, auf der Startseite kommen die bunten Nachrichten als erstes nach den Hauptmeldungen. In der Woche vom 4. Juni bis zum 10. Juni kamen genau 101 der 630 deutschsprachigen Meldungen auf Spiegel Online aus dem „Panorama“-Ressort, knapp 16 Prozent.

Originär allerdings ist „Panorama“ keineswegs: In der ganzen Woche veröffentlichten die sieben Redakteure gerade einmal 4 Online-Artikel, die grundlegend neu waren: Über eine vermisste Studentin, ein Bericht von einem Gerichtsverfahren, eine Reportage über Zwangsehe und eine Serie von Liebhabern der alten deutschen Währung. Titel: „Ich mag die Mark„.

Knapp 96 % der veröffentlichten Artikel in der vergangenen Woche hingegen waren Protokolle von Pressekonferenzen, Zweitverwertungen ausländischer Boulevard-Nachrichten, oder – zum großen Teil – umgeschriebene Agenturmeldungen. Vier Meldungen stammen aus dem Print-„Spiegel“.

Und welche Themen behandelte „Panorama“ vom 4. bis 10. Juni?

  • Mord, Totschlag & Amoklauf: 28 Artikel,
    darunter „Der Unbekannte im Müllsack

    • davon Todesfall durch Tiere: 1
    • davon Selbstmord: 1
  • Klatsch und Promi-Tratsch: 18,
    darunter „Heather Mills war keine schlechte Chefin“
  • Skurrilles: 11,
    darunter „Franzose klaute Schulkindern die Süßigkeiten“
  • Diebstahl/Raub: 7
  • Sex: 6
    • davon Sex mit Minderjährigen: 1
    • davon Inzest: 2
  • Gerichtsprozesse: 8
  • Körperverletzung: 4
    • davon Körperverletzungen durch Tiere: 2
  • Umweltkatastrophe: 4
  • Unfälle und Brandstiftung: 4
  • Drogen: 3
  • Terrorangst: 2
  • Entführung: 1
  • Zwangsehe: 1

Oder im Bild:

Im Interview mit dem „Standard“ sagte SpOn-Chefredakteur Rüdiger Ditz vor einigen Monaten, die Unterschiede zwischen „Spiegel Online“ und Bild.de seien ähnlich groß wie zwischen Print-„Bild“ und Print-„Spiegel“. Das Verhältnis beschrieb er folgendermaßen:

Wir fischen in einem völlig anderen Gewässer.

Ist aber vermutlich auch nur eine Pfütze.

6 vor 9

Wie ich zum Blick-Fotografen wurde – Epilog
(blogs.radio24.ch/christoph)
Christoph kriegt auf Anfrage für sein Bild auf der Titelseite des Blicks ein Honorar von 200 Franken.

Die Zeit läuft
(handelsblatt.de, Oliver Stock)
Beim Ringier Verlag ist nach dem gescheiterten Versuch, mit dem Axel Springer Verlag eine Fusion unter Gleichen einzugehen, kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Im Wochentakt kündigt das größte Schweizer Medienunternehmen derzeit einschneidende Änderungen an. Macht Michael Ringier, für dessen Lebenswerk kein geborener Nachfolger bereitsteht, die Braut hübsch für den Verkauf?

Hans-Jürgen Jakobs und der ?Journalismus in Gefahr? – ein Nachdenkstück zum Mitklicken
(onlinejournalismus.de, Thomas Mrazek)
Ein Auszug aus dem lesenswerten Text ?Medienstandort Deutschland: Journalismus in Gefahr? von Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, ebendort und in der ?SZ? veröffentlicht. Ich habe mir die Mühe gemacht, den Textauszug mit einigen ?Höhepunkten? aus dem Angebot von Sueddeutsche.de zu garnieren.

Kommunikation über Bande: Warum das Internet uns fertig macht
(jetzt.sueddeutsche.de, Penni Dreyer)
Obwohl ich seit über einem Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen habe und obwohl er vor einem halben Jahr in eine andere Stadt gezogen ist, weiß ich ziemlich genau, was mein Exfreund so macht. Ich gestehe, ich stalke ihn – Cyberstalking nennt man das und es ist eine der schwierigsten Nebenwirkungen, die uns das Internet bisher beschert hat.

Für Murdochs MySpace wird es enger
(tagesschau.de, Fiete Stegers)
580 Millionen Dollar ließ sich Medienunternehmer Murdoch vor zwei Jahren den Einstieg in Web 2.0 kosten. Eine schlaue Entscheidung: Denn die Zahl der MySpace-Nutzer ist seither gestiegen. Mehr als 100 Millionen Nutzer hat die Plattform laut eigenen Angaben inzwischen. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Partner Google fordert den Medienmogul heraus – und auch neue Plattformen wachsen heran.

Fernsehen in Algerien (2/3, 3/3)
(youtube.com, Video, 9:16 Minuten)

  

„… und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso“

Bloggen für BILDWir hatten das — in vorweihnachtlicher Zeit — ja schon mal gefragt: Wie oft trifft es dieses arme Boulevardblatt? Kaum ist ein Artikel erschienen, wird „Bild“ vorgeworfen, er sei von vorne bis hinten falsch – oder von hinten bis vorne. Und wem glaubt man? „Bild“ etwa? Eher nicht – und das mit gutem Grund. Nur werden wir ab und zu das Gefühl nicht los, „Bild“ doch irgendwie in Schutz nehmen zu müssen…

Aber beginnen wir einfach wieder wie so oft:

Gestern sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung so aus:

„Bild“ berichtete über Konrad Göckel, Kandidat der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ und von Beruf „Bundestags-Chauffeur“ (genauer: Angestellter des Fuhrunternehmens RocVin, das gelegentlich auch Bundestagsabgeordnete chauffiert). Laut „Bild“ durfte Göckel nämlich „ab sofort keine Politiker mehr fahren“. Ihm bliebe „nichts als ein Auflösungsvertrag“ seines Arbeitgebers, weil er in der TV-Show auf die Frage des Moderators Günter Jauch, welche Abgeordneten freundlicher seien, „die Höhergestellten oder die Hinterbänkler“ geantwortet hatte: „Je höher, desto arroganter.“

In „Bild“ begründete Göckels Chef die angebliche Kündigung u.a. mit der in Göckels Anstellungsvertrag festgeschriebenen „absoluten Verschwiegenheitspflicht“. Das kann man einleuchtend finden.

„Bild“ fand’s nicht — und war damit nicht allein. Nicht nur der in „Bild“ herbeizitierte Jauch hatte „kein Verständnis dafür, dass Herr Göckel (…) seinen Job verlieren soll“, zahlreiche andere Medien, darunter auch „Spiegel Online“, machten sich gestern vormittag ebenfalls die „Bild“-Geschichte um „Wer wird Millionär?“ und Bundestag zueigen.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse. Im Kölner „Express“ fand sich unter der Überschrift „Bei Jauch gelästert: Fahrer ist Bundestags-Job los“ alsbald ein erstes Dementi des Chauffeur-Chefs:

„Aber der Fahrer hat uns gebeten, nach seiner Aussage in der Show aus der Schusslinie genommen zu werden“, so RocVin-Geschäftsführer Manfred Reuter zum EXPRESS. Gekündigt worden sei ihm nicht: „Wir haben uns in beiderseitigem Einvernehmen geeinigt. Und über diese Einigung bewahren wir Stillschweigen.“

Wenig später legte der „Münchner Merkur“ mit einem zweiten, anderslautenden und weitaus weniger diskreten Dementi nach:

„Die Sache ist so kompliziert, die kann man mit wenigen Worten nicht erklären“, sagt der Chef von Konrad Göckel (…) am Telefon. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Am liebsten würde er über den Fall nicht mehr sprechen – „die Presse schreibt doch eh, was sie möchte, und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso.“ (…) Der Auftritt bei „Wer wird Millionär“ werde für den Chauffeur keine Konsequenzen haben, versichert der Chef (…): „Wir haben Herrn Göckel nicht entlassen. Wir haben unseren Mitarbeiter nur aus der Schusslinie genommen. Er ist in Urlaub gegangen. (…) Der Vorgang wurde von der Zeitung konstruiert. Wir lassen die Sache auf sich beruhen.“ Konrad Göckel entstünden durch seine Äußerungen keine Nachteile. „Wir sehen nicht, wo das Problem liegen soll.“ Er habe seinen Angestellten zunächst in Urlaub geschickt, bis sich die Wogen glätten: „Er hat mir heute Morgen gesagt, dass er von allen Seiten bedrängt wird und dass ihm die Sache über den Kopf wächst. Das ist menschlich doch verständlich.“ Kamerateams belagern den Quiz-Kandidaten, zu Hause wird er mit Telefonanrufen bombardiert. „Er möchte am liebsten abtauchen — und diese Möglichkeit haben wir ihm gegeben“, sagt sein Chef.
(Hervorhebung von uns.)

Und spätestens als die Dementis über die Nachrichtenagenturen AP und AFP verbreitet wurden, fand die Angelegenheit noch größere Beachtung, wurde vielerorts eilig nachgebessert, bereits Veröffentlichtes neu- und umgeschrieben. Sueddeutsche.de wusste dem „Tohuwabohu“ in einem sichtlich kopflos den Ereignissen hinterherklappernden (inzwischen komplett überarbeiteten) Artikel zwischenzeitlich immerhin noch hinzuzufügen:

Der Kandidat [Göckel] schweigt momentan. Jetzt sitzt er, so sein Bruder auf Anfrage, beim Anwalt und lässt sich beraten.

Aha. Die „Bild“-Zeitung jedenfalls, deren Berichte sonst zu gern unkritisch übernommen werden, war plötzlich die Übeltäterin. FAZ.net behauptete gar auf der Startseite unter dem Stichwort „Medien-Ente“, die „Bild“-Behauptung sei „falsch“* — auch wenn der dazugehörige „FAZ“-Artikel lediglich behauptete:

Der Haken an der Sache: Göckel sei überhaupt nicht entlassen worden, erklärte der Geschäftsführer des Fuhrunternehmens (…). Man habe lediglich mit dem Fahrer gesprochen. Dies bestätigt auch Göckel selbst. Man habe ihn auf seine Äußerung angesprochen, im Beisein des Betriebsrats. Man habe über Konsequenzen wie eine Abmahnung oder eine Suspendierung nachgedacht, auch der Begriff „Auflösungsvertrag“ sei einmal gefallen. Was folgte, sei allein eine Abmahnung gewesen. Für „Bild“ stellt sich die Sache allerdings wie folgt dar: Göckel sei entlassen worden, und zwar am Mittwoch, am Donnerstag — dem Tag der Geschichte also — sei die Entlassung zurückgenommen worden. Das aber bestreitet Göckel im Gespräch mit dieser Zeitung vehement: Es habe keinen Auflösungsvertrag gegeben.

Und gegen Abend dann dackelte auch noch die „Rheinische Post“ hinterdrein, um zu berichten, dass Göckel „nach Rücksprache mit seinem Anwalt (…) wegen der Medienberichterstattung keine rechtlichen Schritte einleiten“ wolle.

Uff? Immerhin hatte „Spiegel Online“ (unter Beteiligung der ehemaligen „Bild“-Redakteurin Patricia Dreyer) die Sache da aber schon ganz ordentlich und ausgeruht zurechtgerückt.

Dort wird dann auch deutlich, dass Göckels unbedachte Worte offenbar weitreichendere Folgen für ihn hatten, als sein Arbeitgeber im Nachhinein beteuerte, denn:

Am Nachmittag (…) bestätigte der Sprecher des Bundestages, Christian Hoose, SPIEGEL ONLINE, dass die RocVin GmbH der Bundestagsverwaltung bereits vor Veröffentlichung des „Bild“-Artikels mitgeteilt habe, dass Herr Göckel keine Parlamentarier mehr chauffieren werde.

Im Nachhinein muss man „Bild“ trotzdem einiges vorwerfen. Nach unseren Informationen wurden eingeholte Statements, die den Sachverhalt in Teilen womöglich schon im Vorfeld hätten weniger irreführend wirken lassen können, für die Berichterstattung nicht verwendet; anderes wurde zugespitzt: So findet sich für die Schlagzeilenbehauptung, der Chauffeur sei „gefeuert“ worden, im Artikel selbst keinerlei Indiz, keine Quelle. Und dass „Bild“ berichtete, ohne mit dem Betroffenen selbst, „den BILD (…) nicht erreichte“, gesprochen zu haben, bleibt irritierend.

Aber dass die im Laufe eines Tages immer wieder nachgebesserten Dementis des Fuhrunternehmers für andere Medien offenbar geradezu reflexhaft eine höhere Glaubwürdigkeit haben als der dementierte „Bild“-Artikel selbst, den viele zunächst einfach nur nachgebetet hatten, kann man beileibe nicht nur „Bild“ vorwerfen.

Dort hatte man sich öffentlichkeitswirksam über arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen einen Mann empört und war dabei fraglos übers Ziel hinausgeschossen. Ob’s aber ohne „Bild“ für Göckel heute auch so ein positives Ergebnis gegeben hätte (siehe Ausriss), fragt niemand.
 

 
*) Nachtrag, 17.6.2007: Anders als z.B. „Münchner Merkur“ und sueddeutsche.de ruderte die „FAZ“ am Samstag, einen Tag nach Erscheinen des FAZnet.-Textes in der Druckausgabe, in einer kurzen Meldung zurück: „Der Bericht in der ‚Bild‘-Zeitung hat wohl doch den Umschwung bei der Kündigung des Bundestagsfahrers Konrad Göckel bewirkt, auch wenn er und der Geschäftsführer der Firma RocVin, Norbert Tietke, welche die Fahrbereitschaft stellt, dies gegenüber dieser Zeitung dementierten. Ein Sprecher des Bundestages hatte ‚Bild‘ zuvor jedoch bestätigt, dass die Firma RocVin schon vor der Veröffentlichung mitgeteilt habe, Göckel werde keine Parlamentarier mehr fahren. (…)“

Christiane Hoffmann weiß bald mehr

Über fünf Jahre betextete Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann auf der letzten „Bild“-Seite Fotos von Prominenten. Und die Hälfte der Zeit ist sie auch in BILDblog präsent gewesen. Mit ersterem ist nun Schluss. Morgen soll Hoffmanns Kolumne zum letzten Mal erscheinen, wie der Axel Springer Verlag heute mitteilt. Wir blicken zurück auf zweieinhalb Jahre Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann in BILDblog.

So. Das sollte reichen.

Anders als beispielsweise ihre Kollegin Patricia Dreyer, bleibt Christiane Hoffmann „Bild“ aber erhalten. Und es gibt sogar eine reelle Chance, dass Christiane Hoffmann, die sich „in Zukunft einmal wöchentlich in BILD großen Portraits, Interviews und Home-Storys unter dem Titel ‚Zuhause bei…'“ widmen soll, künftig mehr weiß. Bei Home-Storys sind die Berichterstatter schließlich wirklich dabei.

P.S.: Ab dem 15. Januar wird übrigens Norbert Körzdörfer den Platz auf der letzten Seite unter dem Titel „Körzdörfers Gesellschaft“ übernehmen. BILDblog-Lesern auch ein guter Bekannter.

Kurz korrigiert (94)

Manchmal könnte man meinen, so eine Star-Klatschreporterin wie Christiane Hoffmann*, die weiß es nicht nur, die ist sogar dabei. Dagegen spricht allerdings, dass sie ihrem Bericht über die Sat.1-Show „Jetzt geht’s um die Eier“ die Ortsmarke „Dortmund“ vorangestellt hat. Die Sendung kam aus Halle/Westfalen. Das ist, anders als man meinen könnte, eine richtige Stadt und nicht nur ein Kosename für die Westfalen-Halle.

Danke an Henrik W. für den Hinweis.

*) Nachtrag, 16.30 Uhr. Anders als es bei Bild.de scheint, hat heute Patricia Dreyer die Kolumne von Christiane Hoffmann geschrieben.

Nachtrag, 21.30 Uhr. Bild.de hat sich entschieden, das Wort „Dortmund“ zu streichen — sicherheitshalber ersatzlos.

Sensation: „Bild“ veröffentlicht Kekilli-Rüge!

Die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse funktioniert. Im Februar des Jahres 2004 berichtete „Bild“ unter Überschriften wie „Deutsche Filmdiva in Wahrheit Porno-Star“ mehrfach verächtlich über die Schauspielerin Sibel Kekilli*. Nur zehn Monate später kassierte das Blatt dafür eine heftige Rüge vom Deutschen Presserat. Und nur fünfzehn weitere Monate später, insgesamt also über zwei Jahre nach ihren ursprünglichen Berichten, entledigt sich „Bild“ der Selbstverpflichtung, diese Rüge zu veröffentlichen. Heute, fast ganz unten auf Seite 4:

Presserat rügt BILD. Wegen der Berichterstattung im Februar 2004 über die Schauspielerin Sibel Kekilli hat der Deutsche Presserat eine Rüge gegen BILD nach Ziffer 1 und 12 Pressekodex ausgesprochen.

(Ja, das ist die komplette Meldung. Und als Größenvergleich rechts im gleichen Maßstab ein kleines „g“ der Hauptschlagzeile von Seite 1.)

Natürlich wissen die „Bild“-Leser, dass sich hinter Ziffer 1 des Pressekodex „die Wahrung der Menschenwürde“ als eines der „obersten Gebote der Presse“ verbirgt. Und hinter Ziffer 12 das Verbot, jemanden aufgrund seines Geschlechtes oder seiner Zugehörigkeit zu einer „rassischen, ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe“ zu diskriminieren. Klar, das musste „Bild“ nicht erklären.

Und sicher war den „Bild“-Lesern auch bekannt, wie der Presserat seine Rüge begründete. Dass nämlich die „Bild“-Berichterstattung die Betroffene „entwürdigt“ hätte. Denn, so wörtlich:

„Das öffentliche Interesse deckt eine Form der Berichterstattung nicht, in der die Persönlichkeit der Betroffenen auf das reduziert wird, was man über diese in den Klappentexten von Pornofilmkassetten lesen kann.“

Diesen Satz — und damit genug der Ironie — hat „Bild“ nicht verstanden. Aus der Rüge sei für die „Bild“-Redaktion „nicht eindeutig“ hervorgegangen, über welche Verfehlungen sie die Leser hätte informieren wollen, sagte im Februar 2005, ein Jahr nach den ursprünglichen Berichten, ein „Bild“-Sprecher. Man habe daher den Presserat gebeten, die Ausführungen zu präzisieren. Die Zwischenzeit hatte „Bild“ genutzt, in anderer beleidigender Form über Kekilli zu berichten. Zweimal untersagten Gerichte dies, einmal mit der Begründung, Kekilli sei im Rahmen einer Kampagne von „Bild“ „in höhnischer Weise herabgesetzt und verächtlich gemacht“ worden. „Ein derartiger Eingriff in die Würde eines Menschen“ sei durch die Freiheit der Berichterstattung „nicht mehr gedeckt“.

Ein knappes Jahr später hatte der „Bild“-Sprecher eine neue Begründung dafür, dass „Bild“ die Rüge noch nicht abgedruckt hatte. Im Januar 2006 sagte er, die Rüge sei „unter schweren Verstößen gegen die Verfahrensordnung zustande gekommen“ und man warte seit vielen Monaten auf eine Erklärung des Presserates, wie nun zu verfahren sei. Gleichzeitig wartete der Presserat nach eigener Auskunft darauf, dass „Bild“ die insgesamt sechs noch nicht abgedruckten öffentlichen Rügen aus dem Jahr 2004 noch drucken würde.

Offenbar hat man inzwischen miteinander gesprochen, verhandelt, gefeilscht, erklärt. Und damit die Mühe nicht umsonst war, zeigen wir einfach noch mal das Ergebnis dieses jahrelangen Vorgangs:

Das wird „Bild“ eine Lehre sein.

*) Die „Bild“-Autoren Bernhard Kelm und Patricia Dreyer veröffentlichten die Details über Kekillis Vergangenheit unmittelbar nachdem der Film „Gegen die Wand“ mit ihr in der Hauptrolle den Goldenen Bären gewonnen hatte. Die Zeitung „berichtete“ über Kekilli unter anderem: „Blasen gehört neben Doggystyle zu ihren bevorzugten Sexualpraktiken“ und veröffentlichte, auch online, Bilder aus den Pornos („klicken Sie hier“). Kekilli sagte danach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Die ‚Bild‘-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich laß mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.“
 

(Weiterlesen: Presserat: Mehr Rüge muss nicht sein.)

Blättern: 1 2