Suchergebnisse für ‘dreyer’

„none of your business“, Kein Rauch, Hochzeitsplatzung

1. Das geht dich nichts an, Schufa-Facebook-Google
(zeit.de, Patrick Beuth)
Vor sechs Jahren legte sich der Österreicher Max Schrems als Einzelkämpfer mit Facebook an und setzte den Konzern so sehr unter Druck, dass das Unternehmen seine Gesichtserkennungstechnik in Europa deaktivierte. Seiner Klage sei es auch zu verdanken, dass der Europäische Gerichtshof das Safe-Harbor-Abkommen zum Austausch von Daten zwischen den USA und der EU kippte. Nun hat Schrems die Organisation „noyb“ gegründet — „none of your business“, zu Deutsch: das geht dich nichts an. Mit Beschwerden bei Datenschutzbehörden sowie strategischen Klagen vor Gericht will er dafür sorgen, dass das europäische Datenschutzrecht eingehalten wird. Natürlich kostet das Geld. Schrems hat deshalb eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

2. Kurzer Prozess im Sendebetrieb
(taz.de, Dorothea Hahn)
In der amerikanischen Medienindustrie hat „unangemessenes sexuelles Benehmen am Arbeitsplatz“ erneut zu Entlassungen von zwei prominenten Medienschaffenden geführt. Im Vergleich zur Filmindustrie und den Medien sei der politische Betrieb in Washington jedoch immer noch ein sicherer Platz für Männer, die sexuell belästigen, kommentiert Dorothea Hahn: „Trump wurde zum Präsidenten gewählt, obwohl er geprahlt hatte, Frauen zu begrabschen und obwohl 16 Frauen mit Details über sein sexuelles Fehlverhalten an die Öffentlichkeit gegangen waren.“

3. „mal ehrlich…wozu brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“
(swrmediathek.de, Video, 60:49 Minuten)
In der SWR-Sendung „mal ehrlich …“ diskutierte der SWR-Intendant mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und dem AfD-Bundessprecher und Parteivorsitzenden Jörg Meuthen die Fragen „Wozu brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“ und „Sind die Bürger zufrieden mit den Programmen der ARD?“ Mit Meuthen kam ein ausgewiesener Kritiker des Rundfunkbeitrags zu Wort. Aber auch das anwesende Publikum äußerte teils heftige Kritik, zum Beispiel an den vielen Wiederholungen. Zur Verteidigung erklärte der Intendant (37. Minute), dass Hansi-Hinterseer-Sendungen so ähnlich wie abgeschnittenes Brot seien, das zu schade zum Wegwerfen ist.
Nachtrag: Für alle, die wissen wollen, wie es bei einer Sendung so zugeht: Torsten Dewi war einer der Gäste der „SWR“-Sendung und hat einen interessanten Hintergrundbericht geschrieben: „mal ehrlich…“: Vor und hinter den Kulissen

4. Kein Rauch zu sehen
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
In der „Spiegel“-Titelgeschichte „Lasst es krachen“ nach dem G20-Gipfel stimmte eine der beschriebenen Szenen nicht. Über die Mutter des 2001 beim G8-Gipfel in Genua getöteten Carlo Giuliani hieß es dort: „Sie selbst marschierte nicht mit, dafür sei sie zu alt. Aber sie kam als Kassandra, als friedvolle Warnerin, sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus.“ Das stimmte so nicht. Der „journalist“ hat nachgefragt, wie es zu dem Fehler kam.

5. „Lügenpresse“: Die Kluft zwischen Journalisten und Publikum
(derstandard.at, Thomas R. Schmidt)
In den USA lasse sich gerade beobachten, was passiert, wenn aus der Vertrauenskrise eine Legitimitätskrise wird, findet Thomas R. Schmidt im „Standard“. Dort sei das Vertrauen in den Journalismus im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Diese Vertrauenskrise habe viel mit der spezifischen politischen Situation in den USA zu tun. Vor allem in Österreich sei das Vertrauen in die Medien im internationalen Vergleich relativ hoch.

6. Prinz Harry lässt Hochzeitsplatzung platzen
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer hat sich auf „Übermedien“ die aktuelle Berichterstattung der Regenbogenblätter über Prinz Harry vorgeknöpft. Schönauers Fazit: „So fördern auch deutsche Medien die gnadenlose Jagd auf das Prinzenpaar, als wäre es völlig normal, dass Menschen, die zufällig in eine berühmte Familie hineingeboren werden, automatisch ihr Recht auf ein Privatleben verlieren.“

Bild.de, die Fehler-Konstante in politisch turbulenten Zeiten

Wer derzeit das Gefühl hat, bei der komplizierten politischen Lage in Deutschland den Überblick verloren zu haben, aber gern wieder etwas mehr Durchblick bekommen möchte, sollte auf jeden Fall nicht bei Bild.de vorbeischauen. Dort herrscht das völlige Durcheinander: Der letzte Ministerpräsident der DDR ist auf einmal Bundesinnenminister, Schlagersänger Patrick Lindner ist plötzlich Politiker, und ein CDUler wird zum „Juso“-Chef. Die Bild.de-Redaktion zeigt, dass sie noch immer beides beherrscht: die kleinen Dämlichkeiten und die große Falschinformation.

Fangen wir klein an. Laut Bild.de gab es eine personelle Sensation, die sonst keine Redaktion mitbekommen hat: Lothar de Maizière sitzt wieder im Bundestag — und er hat gleich einen Ministerposten abbekommen:

Screenshot Bildunterschrift bei Bild.de - Bei der zweiten Sitzung des Bundestages saß die alte und aktuelle Regierung auf der Regierungsbank im Bundestag. Hier Innenminister Lothar de Maizière (l.) und Außenminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel

Wir haben noch mal ganz genau hingeschaut: Es ist gar nicht Lothar de Maizière (weiße Haare, weißer Bart), sondern dessen Cousin Thomas de Maizière (graue Haare, kein Bart). Immerhin: Beide tragen eine Brille.

Bild.de konnte noch eine weitere falsche Personalsensation präsentieren: Schlagersänger Patrick Lindner ist neuer FDP-Chef!

Intensives Hingucken hat ergeben: Es ist doch weiterhin Christian Lindner.

Paul Ziemiak ist laut Bild.de zwar in der CDU, aber gleichzeitig auch Chef der „Jusos“, der Jugendorganisation der SPD:

Screenshot Bild.de - Paul Ziemiak (32, CDU). Der Juso-Chef war optimistisch: Jamaika kann funktionieren. Pustekuchen!

Tatsächlich ist Ziemiak Chef der „Jungen Union“.

Bild.de macht aber nicht nur diesen kleinen Fehler. In einem Kommentar zum Scheitern der Gespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Grüne schreibt „Bild“-Chefchef Julian Reichelt:

Die Grünen sind nicht nur, aber auch eine autoritäre Verbotspartei, die dazu aufruft, den Nachbarn zu denunzieren, wenn er sich das Bad schick fliesen lässt („Luxussanierung“). Dass Menschen die Fliesen in ihrem eigenen Bad nicht frei wählen sollten, ist eine Überzeugung, die man haben kann — bloß passt sie nicht zur FDP, hat sie nie.

Erstmal: Schade, dass die Jamaika-Sondierungen an ein paar Fliesen im Bad gescheitert sind.

Reichelt hat recht, dass die Grünen sich gegen die „Verdrängung aufgrund von Luxussanierung“ aussprechen. Allerdings hat das nichts mit dem Denunzieren des Nachbars zu tun, der „sich das Bad schick fliesen lässt“, außer dieser Nachbar schickt die Handwerker nicht in sein eigenes Bad, sondern in meines, weil er mein Vermieter ist, und verlangt danach mehr Miete von mir. Dann könnte man von einer „Luxussanierung“ sprechen. Was Reichelt schreibt, ist allerdings Unsinn.

Ebenfalls Unsinn ist diese Meldung, die bei Bild.de auftauchte:

Screenshot Bild.de - Neuer Vorschlag von Malu Dreyer (SPD) - Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz machte am Dienstagabend bei der Talkmasterin Sandra Maischberger einen neuen Vorschlag: eine GroKo mit Kanzlerwechsel! Malu Dreyer: Jetzt mache ich mal einen verrückten Vorschlag. Sie verhandeln mit Angela Merkel und sagen, dass sie zwei Jahre lang regiert, und danach regiert jemand aus der SPD.

Schaut man sich die „Maischberger“-Folge an, erkennt man schnell: Der Vorschlag kommt gar nicht von Malu Dreyer, sondern von Sandra Maischberger, die Dreyer von ihrer „verrückten“ Idee des Kanzlerwechsels erzählt. Bild.de hat diesen Fehler nach einiger Zeit klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis vertuscht korrigiert.

Falsche Namen, falsche Posten, falsche Verbote, falsche Zitatgeber — in politisch komplizierten Zeiten ist immerhin auf die Unfähigkeit der Bild.de-Redaktion Verlass.

Mit Dank an @WieselerSusanne, @MarkusMK73, Markus T., Tim F. und Ralf H. für die Hinweise!

Türkei-Jubelanzeigen, Jagdtrieb, Peilsender für Chefredakteur

1. Ein Umstand mit Geschmäckle
(taz.de, Silke Burmester)
Die Entwicklungen in der Türkei mit den zahlreichen Repressionen gegen Journalisten, Juristen und Andersdenkende haben dem Image des Landes naturgemäß geschadet. Türkische Wirtschaftsorganisationen klappern nun die Anzeigenabteilungen deutscher (und ausländischer) Medienhäuser ab und winken mit Geld für großformatige Imageanzeigen mit propagandistischem Einschlag. Im Falle der „Welt“, deren Korrespondent Deniz Yücel sich seit Februar in der Türkei in Haft befindet, besonders problematisch. Selbst wenn man sich auf eine Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung berufe: „Die Bigotterie, dass Verlage, die sich für Demokratie und Pressefreiheit einsetzen, die noch dazu für die Freilassung ihrer Mitarbeiter kämpfen, an den Imagebeilagen der undemokratischen Staaten verdienen, bleibt.“ Ergänzung (11:32 Uhr): Beim „Deutschlandfunk“ hat Silke Burmester noch mal zum Thema nachgelegt.

2. „Die Medien haben sich danach gesehnt, dass es jemand spannend macht“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Jetzt auch ohne Paywall lesbar: Das „Übermedien“-Interview mit dem legendären Wahlkampfberater Frank Stauss, der in den vergangenen 20 Jahren über 25 Wahlkämpfe begleitet hat: unter anderem für Klaus Wowereit, Kurt Beck, Gerhard Schröder, Malu Dreyer und Hannelore Kraft. Es geht über ein mögliches Comeback für Kanzlerkandidat Martin Schulz, den Bedeutungsverlust klassischer Medien — und wie die Befindlichkeit von Journalisten die Berichterstattung beeinflusst.

3. Gegen den medialen Jagdtrieb
(deutschlandfunk.de, Burkhard Schäfers, Audio, 4:30 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ berichtet in einem Hörbeitrag über einen Workshop der Deutschen Journalistenschule zum richtigen Umgang mit Betroffenen von Amokläufen und Terroranschlägen. Es ist bezeichnend, dass es dabei auch um Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders geht. Workshopleiter Unger: „Es ist eine Ausnahmesituation, auch für den Berichterstatter. Wir sollten vorsichtig, aber auch natürlich mit den Menschen ins Gespräch kommen. Sich vorzustellen, wer man ist und was man gerne möchte. Und auch so zurückhaltend zu fragen, dass es immer noch eine Ausweichmöglichkeit für die Protagonisten gibt.“

4. Deutschland im Zerrspiegel
(faktenfinder.tagesschau.de, Silvia Stöber)
Silvia Stöber beschäftigt sich mit der Deutschlandberichterstattung alternativer Medien aus Osteuropa. Es sei ein verzerrtes Bild, das dort vielmals gezeichnet werde. Mit Bezug auf die Geschichte würden diese Medien Ängste und Misstrauen schüren: „Sie berufen sich auf deutschsprachige Webseiten aus dem verschwörungstheoretischen Milieu, geben andere deutsche Medien falsch wieder oder stellen Online-Umfragen als repräsentative Meinung der Bevölkerung dar.“ Als Reaktion hätte der Auswärtige Dienst der EU ein Strategisches Kommunikationsteam mit elf Mitarbeitern eingerichtet.

5. Missstände zudecken
(sueddeutsche.de, Thomas Hahn)
Hat die Landespolizei in Schleswig-Holstein im Zuge der sogenannten „Rocker-Affäre“ tatsächlich Journalisten der „Kieler Nachrichten“ bespitzelt, um an Informationen über Whistleblower aus den eigenen Reihen zu gelangen? Die Redaktion ist davon überzeugt. Es bestehe zum Beispiel der Verdacht, die Polizei habe einen Peilsender am Auto von Chefredakteur Longardt angebracht, um dessen Fahrten zu Informanten verfolgen zu können.

6. Es war Schleichwerbung. Aber: Muss ja keiner wissen.
(fair-radio.net, Sandra Müller)
Wenn die Radiomacher von „Fair Radio“ irgendwo ein eklatantes Fehlverhalten eines Radiosenders entdecken, reichen sie schon mal Beschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde ein. So vor einem Jahr, als sie dem Radiosender „FFH“ Schleichwerbung vorwarfen. Die gute Nachricht: Die zuständige Landesmedienanstalt Hessen (LPR) hat der Beschwerde stattgegeben. Die schlechte Nachricht: Das kam erst ein Jahr später raus und nur nach merhmaligem Nachfragen, denn der „aufsichtliche Hinweis“ wird anscheinend wie ein Geheimnis gehütet: „Und niemand außer der Sender und die LPR-Verwaltung erfährt was davon. Nicht die Medienversammlung der Landemedienanstalt. Nicht die Öffentlichkeit. Nicht die Hörer.“

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7. Googlest Du noch oder recherchierst Du schon?
(recherchescout.com)
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Politisches Facebook, „Sexskandal“, Emotionsanalyse

1. Von AfD bis Linkspartei – so politisch ist Facebook
(sueddeutsche.de, Katharina Brunner & Sabrina Ebitsch)
Eine bemerkenswerte Kraftanstrengung hat die „Süddeutsche“ mit ihrer Datenrecherche zur politischen Landschaft auf Facebook unternommen: Über Monate hat man eine Million öffentliche Likes von Nutzern untersucht, die auf den Facebookseiten der sieben großen Parteien interagiert haben. Ein schönes Stück Datenjournalismus, das unter „Der Facebook-Faktor“ nochmal in Textform und mit Animationen aufbereitet wurde.
Weiterführender Link: Politikjournalismus im Superwahljahr 2017 mit einem Gespräch mit der Journalistik-Professorin und Politikexpertin Marlis Prinzing.

2. Nazi! Hure! AfD!
(salonkolumnisten.com, Martin Niewendick)
Für allgemeines Kopfschütteln sorgt derzeit ein Artikel des gemeinnützigen Recherchezentrums „Correctiv“. Dort ist man mit einer Exklusiv-Meldung an die Öffentlichkeit gegangen, nach der eine AfD-Politikerin als „Teilzeitprostituierte“ gearbeitet haben soll. „Salonkolumnist“ Martin Niewendick hält „Correctiv“ für ein wichtiges Netzwerk, das gemeinhin gute Arbeit leiste und den selbst gesteckten Ansprüchen in der Regel gerecht werde. Jedoch: „Der journalistisch-investigative Background der Recherche-Profis ist ein scharfes Schwert. Mit voyeuristischen und letztlich sexistischen Beiträgen wie diesem droht es, zu einem labbrigen Gummi-Dildo zu werden.“

3. Verhaltensbasierte Werbung: Facebook identifiziert emotional verletzliche Jugendliche
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Kann Facebook seine Daten tatsächlich mit „Emotionsanalyse-Tools“ durchsuchen lassen? Um emotional verletzliche Jugendlichen aufzuspüren, denen man daraufhin zielgerichtete Werbung unterjubeln kann? Dies wollen jedenfalls Journalisten der australischen Tageszeitung „The Australian“ herausgefunden haben, die behaupten im Besitz entsprechender Beweise zu sein. Laut „Australian“ habe sich Facebook zunächst entschuldigt, dann jedoch ein eigenes Statement veröffentlicht und den Text der Zeitung als irreführend bezeichnet.

4. Eines der gefährlichsten Länder für Journalisten
(deutschlandfunk.de, Christoph Dreyer & Brigitte Baetz, Audio, 4:16 Minuten)
Der Jemen zählt zu einem der gefährlichsten Länder für Journalisten. Gefährlicher ist es nur noch im Irak, in Mexiko, in Afghanistan und in Syrien. Mittlerweile gibt es nur noch wenige unabhängige Journalisten vor Ort. Es gebe eigentlich nur noch parteilich berichtende Medien – für die Regierung oder für die Huthis, die weite Teile des Landes und die Hauptstadt kontrollieren. (Für den Hörbeitrag auf die Schaltfläche rechts im Beitragsbild klicken.)

5. Le Pen klaut bei Fillon
(faktenfinder.tagesschau.de, Nele Pasch)
Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ beschäftigt sich mit der Frage, ob sich die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen bei ihrer Wahlkampfrede fremder Inhalte bedient hat: Mindestens sechs Passagen würden mit einer Rede übereinstimmen, die der konservative Kandidat Fillon gehalten hat.

6. Lasst die Zeitung leben!
(taz.de, Mark-Stefan Tietze)
Mark-Stefan Tietze, Satireautor und langjähriges Besatzungsmitglied der „Titanic“, schreibt in der „taz“ über die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Diesmal über die Nachteile des Digitalen und die unschlagbaren Vorteile von Printprodukten (z.B. für Wohnungslose, die darauf ihr Nachtlager bereiten).

Team Wallraff, Roboterjournalismus, Siezen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Eine Ente geht um die Welt: Medien lassen Schumacher aufwachen“
(meedia.de, Marvin Schade)
Verschiedene Medien melden, Michael Schumacher sei aus dem Koma erwacht: „Die Suche nach der Quelle der Falschmeldung bleibt bisher erfolglos.“

2. „‚Die Personifizierung des Roboterjournalisten ist absurd'“
(barnabyskinner.com)
Cord Dreyer erklärt in einem Interview, weshalb er nur wenig hält vom Wort „Roboterjournalismus“: „Die grossen journalistischen Leistungen, die Reportage, einen politischen Zusammenhang erklären, Menschen kennen lernen – das kann eine Maschine in absehbarer Zeit nicht leisten. Was sie kann, ist Routinearbeiten übernehmen.“

3. „Die Glaubwürdigkeit der Medien steht auf dem Spiel“
(salzburg.com, Manfred Perterer)
„Fast alles Geld fließt direkt an die großen Wiener Boulevard- und Gratisblätter. Regionalzeitungen werden mit Brosamen abgespeist“, schreibt Manfred Perterer über die Inserate-Vergabe „von öffentlichen und halböffentlichen Stellen“ in Österreich, „mit denen eine wohlwollende Berichterstattung erkauft werden soll“.

4. „‚Jeder macht mal Fehler – aber bei uns Journalisten stehen sie gleich in der Zeitung'“
(hogn.de, Helmut Weigerstorfer)
Helmut Weigerstorfer befragt Lokaljournalist Jörg Homering-Elsner, der die Facebook-Seite „Perlen des Lokaljournalismus“ ins Leben gerufen hat.

5. „Dann bleiben wir doch lieber per Sie“
(medienwoche.ch, Antonio Fumagalli)
Sollen sich Politikjournalisten und Parlamentarier duzen oder siezen? Antonio Fumagalli versucht, „zumindest in der Grussform eine Abgrenzung aufrechtzuhalten. Die Parlamentarier sind nicht unsere Feinde. Sie sind aber auch nicht unsere Freunde – obschon einem gewisse Parlamentarier selbstverständlich sympathischer sind als andere.“

6. „Team Wallraff – Reporter undercover – Folge 1“
(rtl-now.rtl.de, Video, 50:05 Minuten)
Siehe dazu auch „Das darf nicht sein, das darf nicht sein“ (spiegel.de, Stefan Kuzmany).

Eine von uns, von uns und von uns

Die kostenlose Wochenzeitung „HS-Woche“ aus Erkelenz ist stolz, denn:

Gut. Das ist schon nicht mehr so spektakulär, wenn man den dazugehörigen Text liest:

Wenn am heutigen Abend um 20.15 Uhr das Halbfinale der Staffel von „Let’s Dance“ auf RTL über die Bühne geht, dann kann es auch wieder sein, dass einer der Stars auf einen Titel der Erkelenzer Sängerin Katja Dreyer tanzt.

Dreyer tritt also nicht auf, sondern singt lediglich ein Lied ein, zu dem die Stars dann tanzen. Egal, was zählt, ist dass sie aus Erkelenz kommt:

Katja Dreyer wohnt in Erkelenz-Mazerath und ist Frontfrau der Band „for example“

Oder etwa doch nicht? In der Lokalausgabe der „HS-Woche“ von Jülich lautet die Schlagzeile nämlich so:

Katja aus Jülich

Und in der aus Düren so:

Katja aus Düren

Weder in der Jülicher noch in der Dürener Ausgabe wird erwähnt, dass Katja Dreyer in Erkelenz wohnt. Dafür ist in der „Jülicher Woche“ von einer „charismatischen Frontfrau der Band „for example“ (mit Musikern aus Jülich und Düren)“ die Rede und in der „DN-Woche“ von einer „charismatischen Frontfrau der Band „for example“ (mit Musikern aus Düren und Jülich)“.

Vielleicht treten Katja aus Erkelenz, Katja aus Jülich und Katja aus Düren ja irgendwann einmal als Trio auf. Name der Formation: „Die charismatischen Frontfrauen“

Mit Dank an Jürgen S.

Innocence in Danger, Talkshows, Wikileaks

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „geheimes budget in danger“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Der Verein „Innocence in Danger“ kündigt an, „wegen verleumderischer Aussagen“ gegen den DuMont-Verlag vorzugehen. Felix Schwenzel und auch Bettina Winsemann auf „Telepolis“ recherchieren Hintergründe zur Transparenz der Spenden.

2. „Talkshow-Overkill“
(medien-monitor.com, Fabian Schwane)
„Wer keine Talkshows mag, der dürfte die ARD in Zukunft nur schwerlich mögen“, schreibt Fabian Schwane zum zukünftigen Programm im „Ersten“. Stefan Niggemeier zeigt im Fernsehblog schon mal „das bislang noch geheime Ergebnis der Programmreform“.

3. „Im Geheimraum“
(fr-online.de, Arno Widmann)
Arno Widmann begrüßt das Aufbrechen von Geheimräumen durch Wikileaks: „Die Bevölkerung hat keinen Grund, den Regierenden zu vertrauen. Sie tut gut daran, immer wieder auf Offenlegung und Veröffentlichung zu dringen.“

4. „Polit-Gossip in der Redaktions-Soap“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz fragt sich, warum deutsche Redaktionen „nur über teflonbehaftete Kanzlerinnen“ schreiben und wartet auf das erste Ranking: „So beliebt sind unsere Politiker in Amerika! Man spürt ja schon förmlich das Durchhecheln nach den geheimen Zeugnisnoten, die unsere Politiker vom großen Lehrer drüben bekommen.“

5. „Sexkritik: Ich will niemals geleakt werden“
(jetzt.sueddeutsche.de, Penni Dreyer)
Penni Dreyer fragt sich, was wäre, wenn Wikileaks „ausnahmsweise mal nicht die geheimen Akten amerikanischer Diplomaten und hochrangiger Regierungsmitglieder veröffentlichen, sondern auf einmal lauter Daten, in denen es um mein Liebesleben geht“.

6. „iPhone-Erziehung“
(nzz.ch, Thomas Böhm)
„Wie kommt eigentlich das iPhone in die Hände der Kleinen? Warum widerstehen meine Frau und ich nicht der Versuchung, durch Übereignung unserer Erziehungshoheit an ein Unterhaltungsmedium ein paar Minuten Schlaf zu gewinnen?“

Was Spiegel-Online-Leser mehr wissen

„Wir wollen die Berichterstattung im Panorama-Ressort verstärken und originärer machen“, sagte 2006 der damalige „Spiegel Online“-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron der „taz“. Anlass des Interviews war Blumencrons Entscheidung, die „Bild“-Unterhaltungschefin Patricia Dreyer zur Leiterin des „Panorama“-Ressorts zu machen.

Blumencron ist inzwischen Co-Chef des großen „Spiegel“, Dreyer hält im „Panorama“ gemeinsam mit boulevarderprobten Kollegen aber weiterhin die Zügel in der Hand.

Blumencrons Entscheidung hat „Spiegel Online“ verändert. „Panorama“ ist inzwischen einer der wichtigsten Bestandteile der Plattform. Nur das „Politik“-Ressort beschäftigt mehr feste Redakteure, auf der Startseite kommen die bunten Nachrichten als erstes nach den Hauptmeldungen. In der Woche vom 4. Juni bis zum 10. Juni kamen genau 101 der 630 deutschsprachigen Meldungen auf Spiegel Online aus dem „Panorama“-Ressort, knapp 16 Prozent.

Originär allerdings ist „Panorama“ keineswegs: In der ganzen Woche veröffentlichten die sieben Redakteure gerade einmal 4 Online-Artikel, die grundlegend neu waren: Über eine vermisste Studentin, ein Bericht von einem Gerichtsverfahren, eine Reportage über Zwangsehe und eine Serie von Liebhabern der alten deutschen Währung. Titel: „Ich mag die Mark„.

Knapp 96 % der veröffentlichten Artikel in der vergangenen Woche hingegen waren Protokolle von Pressekonferenzen, Zweitverwertungen ausländischer Boulevard-Nachrichten, oder – zum großen Teil – umgeschriebene Agenturmeldungen. Vier Meldungen stammen aus dem Print-„Spiegel“.

Und welche Themen behandelte „Panorama“ vom 4. bis 10. Juni?

  • Mord, Totschlag & Amoklauf: 28 Artikel,
    darunter „Der Unbekannte im Müllsack

    • davon Todesfall durch Tiere: 1
    • davon Selbstmord: 1
  • Klatsch und Promi-Tratsch: 18,
    darunter „Heather Mills war keine schlechte Chefin“
  • Skurrilles: 11,
    darunter „Franzose klaute Schulkindern die Süßigkeiten“
  • Diebstahl/Raub: 7
  • Sex: 6
    • davon Sex mit Minderjährigen: 1
    • davon Inzest: 2
  • Gerichtsprozesse: 8
  • Körperverletzung: 4
    • davon Körperverletzungen durch Tiere: 2
  • Umweltkatastrophe: 4
  • Unfälle und Brandstiftung: 4
  • Drogen: 3
  • Terrorangst: 2
  • Entführung: 1
  • Zwangsehe: 1

Oder im Bild:

Im Interview mit dem „Standard“ sagte SpOn-Chefredakteur Rüdiger Ditz vor einigen Monaten, die Unterschiede zwischen „Spiegel Online“ und Bild.de seien ähnlich groß wie zwischen Print-„Bild“ und Print-„Spiegel“. Das Verhältnis beschrieb er folgendermaßen:

Wir fischen in einem völlig anderen Gewässer.

Ist aber vermutlich auch nur eine Pfütze.

6 vor 9

Wie ich zum Blick-Fotografen wurde – Epilog
(blogs.radio24.ch/christoph)
Christoph kriegt auf Anfrage für sein Bild auf der Titelseite des Blicks ein Honorar von 200 Franken.

Die Zeit läuft
(handelsblatt.de, Oliver Stock)
Beim Ringier Verlag ist nach dem gescheiterten Versuch, mit dem Axel Springer Verlag eine Fusion unter Gleichen einzugehen, kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Im Wochentakt kündigt das größte Schweizer Medienunternehmen derzeit einschneidende Änderungen an. Macht Michael Ringier, für dessen Lebenswerk kein geborener Nachfolger bereitsteht, die Braut hübsch für den Verkauf?

Hans-Jürgen Jakobs und der ?Journalismus in Gefahr? – ein Nachdenkstück zum Mitklicken
(onlinejournalismus.de, Thomas Mrazek)
Ein Auszug aus dem lesenswerten Text ?Medienstandort Deutschland: Journalismus in Gefahr? von Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, ebendort und in der ?SZ? veröffentlicht. Ich habe mir die Mühe gemacht, den Textauszug mit einigen ?Höhepunkten? aus dem Angebot von Sueddeutsche.de zu garnieren.

Kommunikation über Bande: Warum das Internet uns fertig macht
(jetzt.sueddeutsche.de, Penni Dreyer)
Obwohl ich seit über einem Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen habe und obwohl er vor einem halben Jahr in eine andere Stadt gezogen ist, weiß ich ziemlich genau, was mein Exfreund so macht. Ich gestehe, ich stalke ihn – Cyberstalking nennt man das und es ist eine der schwierigsten Nebenwirkungen, die uns das Internet bisher beschert hat.

Für Murdochs MySpace wird es enger
(tagesschau.de, Fiete Stegers)
580 Millionen Dollar ließ sich Medienunternehmer Murdoch vor zwei Jahren den Einstieg in Web 2.0 kosten. Eine schlaue Entscheidung: Denn die Zahl der MySpace-Nutzer ist seither gestiegen. Mehr als 100 Millionen Nutzer hat die Plattform laut eigenen Angaben inzwischen. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Partner Google fordert den Medienmogul heraus – und auch neue Plattformen wachsen heran.

Fernsehen in Algerien (2/3, 3/3)
(youtube.com, Video, 9:16 Minuten)

  

„… und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso“

Bloggen für BILDWir hatten das — in vorweihnachtlicher Zeit — ja schon mal gefragt: Wie oft trifft es dieses arme Boulevardblatt? Kaum ist ein Artikel erschienen, wird „Bild“ vorgeworfen, er sei von vorne bis hinten falsch – oder von hinten bis vorne. Und wem glaubt man? „Bild“ etwa? Eher nicht – und das mit gutem Grund. Nur werden wir ab und zu das Gefühl nicht los, „Bild“ doch irgendwie in Schutz nehmen zu müssen…

Aber beginnen wir einfach wieder wie so oft:

Gestern sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung so aus:

„Bild“ berichtete über Konrad Göckel, Kandidat der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ und von Beruf „Bundestags-Chauffeur“ (genauer: Angestellter des Fuhrunternehmens RocVin, das gelegentlich auch Bundestagsabgeordnete chauffiert). Laut „Bild“ durfte Göckel nämlich „ab sofort keine Politiker mehr fahren“. Ihm bliebe „nichts als ein Auflösungsvertrag“ seines Arbeitgebers, weil er in der TV-Show auf die Frage des Moderators Günter Jauch, welche Abgeordneten freundlicher seien, „die Höhergestellten oder die Hinterbänkler“ geantwortet hatte: „Je höher, desto arroganter.“

In „Bild“ begründete Göckels Chef die angebliche Kündigung u.a. mit der in Göckels Anstellungsvertrag festgeschriebenen „absoluten Verschwiegenheitspflicht“. Das kann man einleuchtend finden.

„Bild“ fand’s nicht — und war damit nicht allein. Nicht nur der in „Bild“ herbeizitierte Jauch hatte „kein Verständnis dafür, dass Herr Göckel (…) seinen Job verlieren soll“, zahlreiche andere Medien, darunter auch „Spiegel Online“, machten sich gestern vormittag ebenfalls die „Bild“-Geschichte um „Wer wird Millionär?“ und Bundestag zueigen.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse. Im Kölner „Express“ fand sich unter der Überschrift „Bei Jauch gelästert: Fahrer ist Bundestags-Job los“ alsbald ein erstes Dementi des Chauffeur-Chefs:

„Aber der Fahrer hat uns gebeten, nach seiner Aussage in der Show aus der Schusslinie genommen zu werden“, so RocVin-Geschäftsführer Manfred Reuter zum EXPRESS. Gekündigt worden sei ihm nicht: „Wir haben uns in beiderseitigem Einvernehmen geeinigt. Und über diese Einigung bewahren wir Stillschweigen.“

Wenig später legte der „Münchner Merkur“ mit einem zweiten, anderslautenden und weitaus weniger diskreten Dementi nach:

„Die Sache ist so kompliziert, die kann man mit wenigen Worten nicht erklären“, sagt der Chef von Konrad Göckel (…) am Telefon. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Am liebsten würde er über den Fall nicht mehr sprechen – „die Presse schreibt doch eh, was sie möchte, und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso.“ (…) Der Auftritt bei „Wer wird Millionär“ werde für den Chauffeur keine Konsequenzen haben, versichert der Chef (…): „Wir haben Herrn Göckel nicht entlassen. Wir haben unseren Mitarbeiter nur aus der Schusslinie genommen. Er ist in Urlaub gegangen. (…) Der Vorgang wurde von der Zeitung konstruiert. Wir lassen die Sache auf sich beruhen.“ Konrad Göckel entstünden durch seine Äußerungen keine Nachteile. „Wir sehen nicht, wo das Problem liegen soll.“ Er habe seinen Angestellten zunächst in Urlaub geschickt, bis sich die Wogen glätten: „Er hat mir heute Morgen gesagt, dass er von allen Seiten bedrängt wird und dass ihm die Sache über den Kopf wächst. Das ist menschlich doch verständlich.“ Kamerateams belagern den Quiz-Kandidaten, zu Hause wird er mit Telefonanrufen bombardiert. „Er möchte am liebsten abtauchen — und diese Möglichkeit haben wir ihm gegeben“, sagt sein Chef.
(Hervorhebung von uns.)

Und spätestens als die Dementis über die Nachrichtenagenturen AP und AFP verbreitet wurden, fand die Angelegenheit noch größere Beachtung, wurde vielerorts eilig nachgebessert, bereits Veröffentlichtes neu- und umgeschrieben. Sueddeutsche.de wusste dem „Tohuwabohu“ in einem sichtlich kopflos den Ereignissen hinterherklappernden (inzwischen komplett überarbeiteten) Artikel zwischenzeitlich immerhin noch hinzuzufügen:

Der Kandidat [Göckel] schweigt momentan. Jetzt sitzt er, so sein Bruder auf Anfrage, beim Anwalt und lässt sich beraten.

Aha. Die „Bild“-Zeitung jedenfalls, deren Berichte sonst zu gern unkritisch übernommen werden, war plötzlich die Übeltäterin. FAZ.net behauptete gar auf der Startseite unter dem Stichwort „Medien-Ente“, die „Bild“-Behauptung sei „falsch“* — auch wenn der dazugehörige „FAZ“-Artikel lediglich behauptete:

Der Haken an der Sache: Göckel sei überhaupt nicht entlassen worden, erklärte der Geschäftsführer des Fuhrunternehmens (…). Man habe lediglich mit dem Fahrer gesprochen. Dies bestätigt auch Göckel selbst. Man habe ihn auf seine Äußerung angesprochen, im Beisein des Betriebsrats. Man habe über Konsequenzen wie eine Abmahnung oder eine Suspendierung nachgedacht, auch der Begriff „Auflösungsvertrag“ sei einmal gefallen. Was folgte, sei allein eine Abmahnung gewesen. Für „Bild“ stellt sich die Sache allerdings wie folgt dar: Göckel sei entlassen worden, und zwar am Mittwoch, am Donnerstag — dem Tag der Geschichte also — sei die Entlassung zurückgenommen worden. Das aber bestreitet Göckel im Gespräch mit dieser Zeitung vehement: Es habe keinen Auflösungsvertrag gegeben.

Und gegen Abend dann dackelte auch noch die „Rheinische Post“ hinterdrein, um zu berichten, dass Göckel „nach Rücksprache mit seinem Anwalt (…) wegen der Medienberichterstattung keine rechtlichen Schritte einleiten“ wolle.

Uff? Immerhin hatte „Spiegel Online“ (unter Beteiligung der ehemaligen „Bild“-Redakteurin Patricia Dreyer) die Sache da aber schon ganz ordentlich und ausgeruht zurechtgerückt.

Dort wird dann auch deutlich, dass Göckels unbedachte Worte offenbar weitreichendere Folgen für ihn hatten, als sein Arbeitgeber im Nachhinein beteuerte, denn:

Am Nachmittag (…) bestätigte der Sprecher des Bundestages, Christian Hoose, SPIEGEL ONLINE, dass die RocVin GmbH der Bundestagsverwaltung bereits vor Veröffentlichung des „Bild“-Artikels mitgeteilt habe, dass Herr Göckel keine Parlamentarier mehr chauffieren werde.

Im Nachhinein muss man „Bild“ trotzdem einiges vorwerfen. Nach unseren Informationen wurden eingeholte Statements, die den Sachverhalt in Teilen womöglich schon im Vorfeld hätten weniger irreführend wirken lassen können, für die Berichterstattung nicht verwendet; anderes wurde zugespitzt: So findet sich für die Schlagzeilenbehauptung, der Chauffeur sei „gefeuert“ worden, im Artikel selbst keinerlei Indiz, keine Quelle. Und dass „Bild“ berichtete, ohne mit dem Betroffenen selbst, „den BILD (…) nicht erreichte“, gesprochen zu haben, bleibt irritierend.

Aber dass die im Laufe eines Tages immer wieder nachgebesserten Dementis des Fuhrunternehmers für andere Medien offenbar geradezu reflexhaft eine höhere Glaubwürdigkeit haben als der dementierte „Bild“-Artikel selbst, den viele zunächst einfach nur nachgebetet hatten, kann man beileibe nicht nur „Bild“ vorwerfen.

Dort hatte man sich öffentlichkeitswirksam über arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen einen Mann empört und war dabei fraglos übers Ziel hinausgeschossen. Ob’s aber ohne „Bild“ für Göckel heute auch so ein positives Ergebnis gegeben hätte (siehe Ausriss), fragt niemand.
 

 
*) Nachtrag, 17.6.2007: Anders als z.B. „Münchner Merkur“ und sueddeutsche.de ruderte die „FAZ“ am Samstag, einen Tag nach Erscheinen des FAZnet.-Textes in der Druckausgabe, in einer kurzen Meldung zurück: „Der Bericht in der ‚Bild‘-Zeitung hat wohl doch den Umschwung bei der Kündigung des Bundestagsfahrers Konrad Göckel bewirkt, auch wenn er und der Geschäftsführer der Firma RocVin, Norbert Tietke, welche die Fahrbereitschaft stellt, dies gegenüber dieser Zeitung dementierten. Ein Sprecher des Bundestages hatte ‚Bild‘ zuvor jedoch bestätigt, dass die Firma RocVin schon vor der Veröffentlichung mitgeteilt habe, Göckel werde keine Parlamentarier mehr fahren. (…)“

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