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„Bild“ kämpft für ihn

Man könnte fast den Eindruck bekommen, als sei Holger Bloehte dem Politiker Martin Korol noch was schuldig. Denn seit Tagen springt der „Bild“-Reporter mit erstaunlicher Hartnäckigkeit für den Bremer SPD-Mann in die Bresche.

Für Unmut hatte Martin Korol zuvor mit diversen Aussagen gesorgt, die er auf seiner Homepage veröffentlicht und in denen er unter anderem massiv gegen die Roma-Zuwanderer in Bremen gewettert hatte. Korol habe der Partei mit diesen diskriminierenden Äußerungen „schweren Schaden“ zugefügt, sagt der Landesvorstand, der mittlerweile ein Parteiordnungsverfahren gegen den Genossen beantragt hat. Doch trotz aller Kritik an Korol – Holger Bloehte hält zu ihm.

Wie wir vor ein paar Tagen berichtet haben, versuchte der „Bild“-Mann bereits, in einem Artikel einige von Korols umstrittenen Äußerungen mit einer Kriminalstatistik indirekt zu untermauern. In dem Artikel wurde diese Statistik jedoch dermaßen falsch interpretiert, dass sich selbst der Vorsitzende der „Bürger in Wut“, auf dessen angeblichen Aussagen diese verzerrte Darstellung beruhte, im Nachhinein von dem „Bild“-Artikel distanzierte.

Aber wie gesagt: Holger Bloehte ist hartnäckig. Anfang der verganenen Woche widmete die Bremer „Bild“-Ausgabe dem SPD-Mann Martin Korol erneut einen großen Artikel:Dr. Korol wehrt sich gegen drohenden Parteiausschluss - Ich lasse mich nicht unterkriegen

Nun also der Kämpfer. „Dr. Korol wehrt sich“.

Gezeichnet wird das Bild eines „altgedienten Genossen“, dem seine undankbare Partei nach all den Jahren plötzlich den Rücken kehrt. Aus Gründen, die wohl weder Korol noch Verteidiger Bloehte so richtig nachvollziehen können. Oder wollen.

Schon der erste Satz lautet:

„Ich war 45 Jahre in der SPD und will es auch bleiben.“

Peng. Damit sollte klar sein, wohin die Reise geht.

Der Bürgerschaftsabgeordnete Dr. Martin Korol (68) soll über ein Ordnungsverfahren aus der Partei fliegen, weil er auf seiner Internetseite vor dem Ansturm krimineller Roma-Flüchtlinge warnte.

Korol zu BILD: „Ich lasse mich nicht unterkriegen und werde kämpfen.“

Bloehte schaffte es tatsächlich, es so klingen zu lassen, als hätte Korol etwas getan, wofür man ihm eigentlich dankbar sein müsste. Bloehte schreibt weiter:

[SPD-Landesgeschäftsführer Roland Pahl] sagte: „Es gibt Grenzen der freien Meinungsäußerung. Dr. Korol hat mit seinen Äußerungen unserer Partei großen Schaden zugefügt.“ Im sozialdemokratisch regierten Duisburg gibt es bereits massive Kriminalitäts-Probleme mit Roma-Einwanderern aus Bulgarien und Rumänien. Dort warnen SPD-Politiker vor einer Gefahr für den sozialen Frieden.

Doch das will Pahl für Korol nicht gelten lassen:“Es ist doch etwas ganz anderes, wenn so vor sozialen Problemen gewarnt wird.“

Doch hat Korol etwas anderes getan?

Ob Korol etwas anderes getan hat? Nun, da „Bild“ selbst diesen Vergleich bemüht: Im Sachstandsbericht der Stadt Duisburg (PDF) hieß es im Januar:

Weit über den Stadtteil Rheinhausen-Bergheim hinausgehend hat die Zuwanderung von Menschen aus Südost-Europa hohe Wellen geschlagen. Besonders im Umfeld des sogenannten „Problemhauses“, aber auch an anderen Stellen ist der soziale Frieden nachhaltig gestört.

(Das „Problemhaus“ ist ein Hochhaus, in dem schätzungsweise 300 bulgarisch– und rumänischstämmige Menschen wohnen und in dessen Umfeld es immer wieder zu Konflikten kommt.)

Diese Sätze, diese Warnung vor sozialen Problemen vergleicht Holger Bloehte nun also mit dem, was Martin Korol getan hat. Er schreibt:

Doch hat Korol etwas anderes getan?

In seinem Roma-Bericht heißt es unter anderem: „Gewiss, hier lohnt der Kampf um jedes Kind und um jeden Erwachsenen. Aber dafür sind wir Bremer kaum gerüstet.“

Das ist alles. Mehr erfährt der Leser nicht von den umstrittenen Äußerungen Korols. Das, worum es also eigentlich geht — der Anlass für den ganzen Streit um Korol und letztlich auch dafür, dass dieser „Bild“-Artikel überhaupt geschrieben wurde — wird auf zwei Sätze reduziert.

Wer die Diskussion um den SPD-Politiker bisher nicht mitbekommen hat, muss aufgrund der Art der Berichterstattung davon ausgehen, dass Martin Korol im Grunde gar nichts Schlimmes gesagt hat. Für all jene wollen wir mal kurz ein bisschen von dem zitieren, was Korol so alles in die Welt gesetzt hat — und was „Bild“-Autor Holger Bloehte seither zu verharmlosen versucht.

Korol hatte zum Beispiel geschrieben:

Es muss erstaunen, dass eine so hoch entwickelte Stadt wie Bremen ihre Liebe zu Roma und Sinti entdeckt, die, sozial und intellektuell, noch im Mittelalter leben, in einer uralten patriarchalischen Gesellschaft. (…) Es ist ein Patriarchat, dessen Männer keine Hemmungen haben, die Kinder zum Anschaffen statt zur Schule zu schicken, ihren Frauen die Zähne auszuschlagen und sich selber Stahlzähne zu gönnen. Viele der jungen Männer schmelzen sich mit Klebstoffdünsten das Gehirn weg.

Allein diese Passage (die Bloehte in einem älteren Artikel noch zitiert und die Korol in ähnlicher Form auch schonmal persönlich in „Bild“ zum Besten gegeben hatte) sollte ganz gut veranschaulichen, in welche Richtung das ging, was Martin Korol so von sich gegeben hat.

Auf seiner Homepage beklagte er außerdem den „Massenmord der Abtreibungen“ und bedauerte den Niedergang des Patriarchats („Männer 60+ wie ich sind die letzten Vertreter eines untergehenden Herrschergeschlechtes“). Nun übernähmen „zunehmend Frauen und Immigranten die Macht im Lande“. Er kritisierte den „Wahn der sog. ‘Selbstverwirklichung der Frau'“ und bezweifelte, dass es in Deutschland „einen ernst zu nehmenden Antimuslimismus und Rassismus“ gebe.

Solche Dinge hat Martin Korol verbreitet. Einige davon hat er inzwischen relativiert, seine Seite wird derzeit komplett überarbeitet. Dennoch dürfte klar sein, dass Korol durchaus „etwas anderes getan“ hat, als bloß vor sozialen Problemen oder „vor dem Ansturm krimineller Roma-Flüchtlinge“ zu warnen. Das sieht auch seine Partei weiterhin so, deren Landesvorstand am Mittwoch mitteilte, „alle Rechte aus der Mitgliedschaft Martin Korols in der SPD für zunächst längstens drei Monate“ auf Eis zu legen. Außerdem wurde ein Parteiordnungsverfahren beantragt:

Zahlreiche Äußerungen, die Martin Korol in den auf seiner Homepage veröffentlichten Texten getätigt hat, verstoßen auf Grund ihres diskriminierenden Charakters in erheblicher Weise gegen die Grundsätze der SPD. Dies gilt insbesondere für die massive Herabsetzung der Bevölkerungsgruppe der Sinti und Roma. Ein erheblicher Verstoß gegen die Grundsätze der SPD ist auch in den frauenfeindlichen Äußerungen Martin Korols zu sehen.

Martin Korol setzt sich mit seinen Auffassungen in Widerspruch zu Werten und Positionen, die für die SPD von grundsätzlicher und identitätsstiftender Bedeutung sind und wird dennoch, insbesondere auf Grund seiner Stellung als Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft, in der Öffentlichkeit als Repräsentant der SPD wahrgenommen. Dies machte es für den Landesvorstand erforderlich, die genannten Maßnahmen zu ergreifen.

Korol aber lässt sich, wie wir dank „Bild“ wissen, „nicht unterkriegen“. Holger Bloehte auch nicht.

Am Samstag erschien der nächste Korol-Artikel, diesmal groß auf Seite 3 der Bremer „Bild“-Ausgabe:

Graffiti-Anschlag gegen SPD-Politiker Korol - Unbekannte sprühten auf sein Wohnhaus: "Korol du Rassisten Schwein"
An der roten Backsteinwand prangt in lila Großbuchstaben „KOROL DU RASSISTENSCHWEIN!“ Chaoten haben das Haus des in Ungnade gefallenen SPD-Abgeordneten Dr.Martin Korol (68) in der Nacht beschmiert.

Diese „Hetzparole“ an der Hauswand des Politikers sei der vorläufige „Höhepunkt in dem Skandal um seine öffentliche Kritik gegen kriminelle Roma-Einwanderer“, schreibt Bloethe. Und lässt Korols Aussagen dabei erneut viel harmloser wirken, als sie tatsächlich sind. Außerdem nutzt Bloehte den „Graffiti-Anschlag“, um der Diskussion unauffällig eine ganz andere Stoßrichtung zu geben:

Auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Frank Pietrzok (48) war geschockt, als er [von der "Hetzparole" auf der Hauswand] erfuhr: „Das hat niemand in der Partei gewollt.“

Allerdings sind Korols SPD-Genossen während der letzten Bürgerschaftssitzung mit ihrem geächteten Fraktionskollegen nicht gerade zimperlich umgegangen.

Und zack! – steht im Fokus nicht mehr das, was Korol getan hat, sondern das, was seine Parteifreunde ihm antun. Denn die Genossen, so schreibt Bloehte, die hätten den „pensionierten Lehrer“ während der Sitzung gemieden „wie eine ansteckende Krankheit“:

Im Plenarsaal wurde ihm von Parteifreunden provokativ der Rücken zugekehrt. Niemand sprach mit ihm. In der Lobby der Bürgerschaft war er an der Kaffeetafel seiner Parteifreunde unerwünscht. Der Bremerhavener Abgeordnete Frank Schildt (51) entzog ihm sogar das „Du“, nannte in einer internen Sitzung die Zusammenarbeit mit Korol „unerträglich“.

Oder anders gesagt:

Dr. Martin Korol wird von seinen Parteifreunden gemobbt

Dies ist also der nächste – irgendwie vorhersehbare, aber in seiner Unverfrorenheit doch erstaunliche – Schritt der Bloehte’schen Berichterstattung über Martin Korol: Der Politiker wechselt endgültig in die Rolle des Opfers. Der altgediente Genosse, gemobbt von den eigenen Parteifreunden. Und obendrein Leidtragender einer fiesen „Hetzbotschaft“.

Auf Bild.de sah das Ganze dann so aus:[Das Foto zeigt Martin Korol vor der beschmierten Hauswand. Die Beschriftung lautet:] Dr. Martin Korol wird von seinen Parteifreunden gemobbt

Übrigens kommt Holger Bloehte erst ganz am Ende des Artikels und in äußerster Knappheit darauf zu sprechen, warum Korol überhaupt erst „in Ungnade gefallen“ ist, er „gemobbt“ und „geächtet“ wird, man ihm den Rücken zukehrt und das „Du“ entzieht. Und warum gegen ihn sogar ein Parteiausschlussverfahren läuft:

Weil er auf seiner Internetseite behauptete, dass Roma-Väter ihre Kinder zum Anschaffen und Stehlen statt zur Schule schicken.

Ach ja. Darum.

Der Artikel endet mit einem Zitat von – tja.

Korol: „Es ist nicht schön, wie mit mir umgegangen wird. Ich fühle mich wie ein Aussätziger.“

Ein Aussätziger, von dem sich alle abwenden. Alle, bis auf einen.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Bild  

Die Wahrheit über die Wahrheit über Roma

Seit einigen Tagen erzählt die „Bild“-Zeitung ihren Lesern …Die WAHRHEIT über ROMA in DEUTSCHLAND

Oder zumindest gibt sie vor, das zu tun. Im großen „Bild-Report“ schickt das Blatt seine Leute zum Besuch ins „Roma-Haus“, stellt Fragen wie „Droht Deutschland eine Roma-Welle?“ und erklärt, warum man Roma sein und es „trotzdem“ schaffen kann.

Den Grund für das plötzliche Interesse an der „Roma-Welt“ erklärt „Bild“ so:

Die Diskussion um Armutsflüchtlinge aus Südosteuropa beschäftigt die Politik. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Minderheit der Roma. Ab 2014 gilt für rund 1,5 Millionen Roma aus Rumänien und Bulgarien die „Arbeitnehmerfreizügigkeit“. Die Befürchtung der Politik: Viele kommen wegen Sozialleistungen nach Deutschland.

Diese Befürchtungen hatten diverse Politiker zuvor panisch kundgetan — an medialen Plattformen, auf denen sie ihre markigen Sprüche verbreiten konnten, mangelte es freilich nicht. Allen voran „Bild“ verkündete jedes Mal ganz hektisch, wenn irgendwer irgendwo wieder ein düsteres Roma-Szenario gezeichnet hatte.

Am 1. März berichtete „Bild“ in der Bremer Regionalausgabe über den SPD-Politiker Martin Korol:

(…) Es wird geprüft, ob gegen den Bürgerschafts-Abgeordneten wegen Volksverhetzung ermittelt werden muss. Korol zu BILD: „Das tut schon weh.“ Auf seiner inzwischen abgeschalteten Homepage warnte der Abgeordnete mit drastischen Worten vor Roma-Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien: „Sie kommen aus einer archaischen Welt. Väter haben keine Hemmungen, ihre Kinder zum Anschaffen und Stehlen statt zur Schule zu schicken. Sie schlagen ihren Frauen die Zähne aus, gönnen nur sich selbst Stahlzähne. Viele jungen Roma-Männer schmelzen sich mit Klebstoffdünsten das Gehirn weg.“

(…) Einige Sozialdemokraten stempeln Korol als fremdenfeindlich und rassistisch ab.

„Bild“ hatte aber offenbar Zweifel an diesem „Stempel“ und fragte:

…oder hat er DOCH Recht?

Bremerhaven – Schon vor dem Skandal um Dr. Martin Korol (SPD) waren die Armutseinwanderer ein politisch brisantes Thema.

Die Wählervereinigung „Bürger in Wut“ (BiW) stellte dazu vor zwei Wochen eine Anfrage an den Bremerhavener Magistrat. Der Vorsitzende Jan Timke (42): „Wir haben gestern die erschütternden Antworten bekommen.“

Am 31.12. 2012 lebten 481 bulgarische Armutsflüchtlinge in der Seestadt. Auf ihr Konto gingen im vergangenen Jahr 195 Straftaten. Der Abgeordnete und ehemalige Polizeibeamte Timke: „Fast jeder zweite Roma ist kriminell. Dabei geht es nur um die aufgeklärten Fälle. Die Dunkelziffer wird viel höher sein.“ Besser sind die Zahlen bei den Flüchtlingen aus Rumänien. Von den 208 Roma, die in der Seestadt leben, wurden 25 bei Straftaten erwischt.

Was „Bild“ hier verschweigt: Die Wählervereinigung „Bürger in Wut“ bezeichnet sich selbst zwar als „bürgerlich-konservativ“, gilt aber als rechtspopulistisch. Das erklärt auch, warum Timke die Antwort des Magistrats, die BILDblog vorliegt, offenbar absichtlich falsch interpretiert. Seine Darstellung, die sich „Bild“-Mann Holger Bloehte mehr oder weniger zueigen macht, ist in nahezu jeder Hinsicht verzerrt.

Zunächst einmal: Es stimmt zwar, dass „zum Stichtag 31.12.2012″ in Bremerhaven 481 Bulgaren und 208 Rumänen gemeldet waren. Der Magistrat spricht aber explizit von rumänischen bzw. bulgarischen „StaatsbürgerInnen“. Wie viele davon tatsächlich Roma sind, geht aus den Zahlen gar nicht hervor.

Ebenso falsch ist es, wenn „Bild“ behauptet, die „195 Straftaten“ gingen auf das „Konto“ der 481 Bulgaren – denn die Zahl 195 ergibt sich aus der „Auswertung der Gesamtzahl der Straftaten (…) bulgarischer StraftäterInnen“. Sie wurden also das gesamte Jahr über gezählt.

Die Aussage, „fast jeder zweite Roma“ sei kriminell, ist also doppelt falsch. Nicht nur, weil sich aus den Zahlen, wie gesagt, keinerlei Rückschlüsse auf „die Roma“ ziehen lassen, sondern auch, weil die 195 von Bulgaren begangenen Straftaten nicht in Relation zu den 481 Bulgaren zu setzen sind (was im Übrigen 40,5 Prozent wären, also längst nicht „fast jeder zweite“), sondern zu der Gesamtzahl aller Bulgaren, die irgendwann im Jahr 2012 mal in Bremerhaven gewohnt haben. Ebenso verhält es sich mit den 25 Straftaten, die den 208 (rumänischen) „Roma“ zugeschrieben werden.

Und schließlich lässt sich den Zahlen des Magistrats auch nicht entnehmen, dass Roma ihren Frauen die Zähne ausschlagen, ihre Kinder zum Anschaffen schicken und sich das Gehirn mit Klebstoff wegschmelzen, wie der SPD-Politiker Korol pauschal behauptet hatte. Über die Art der 195 Straftaten ist nämlich nichts bekannt.

Aber all das lässt der „Bild“-Autor Holger Bloehte unerwähnt. Wenn man ihm nicht unterstellen möchte, dass er die falsche Interpretation der Zahlen bewusst so übernommen hat, muss man davon ausgehen, dass er die Antwort des Magistrats gar nicht gelesen und die offenkundig rechtspopulistischen Äußerungen des Politikers einfach nachgeplappert hat, ohne sie selbst zu überprüfen.

Auch andere „Bild“-Autoren verbreiten vermeintliche Roma-„Wahrheiten“, die sie entweder bewusst verzerrt oder einfach nicht genügend recherchiert haben. Gestern präsentierte „Bild“ groß auf Seite 2:Die 6 Wahrheiten über ROMA in Deutschland

„Wahrheit“ Nummer 3 lautet:

Die Kriminalität steigt

Die Kriminalstatistik 2011 weist unter den „nichtdeutschen Tatverdächtigen“ 26 438 Rumänen, 10 960 Bulgaren aus. Vergleich: 2007 lagen die Zahlen noch bei 15040 bzw. 3923. Aber: Wie viele davon Roma sind, wird statistisch nicht erfasst!

Was die Autoren nicht erwähnen: Damals gab es auch deutlich weniger Rumänen und Bulgaren in Deutschland. Von 2007 bis 2011 hat sich ihre Anzahl sogar verdoppelt. Dass damit auch die (absolute) Zahl der Tatverdächtigen ansteigt, ist kein Wunder. Relativ gesehen zeigt sich allerdings, dass der Prozentsatz der Tatverdächtigen unter den Bulgaren seit 2007 tendenziell sogar gesunken ist.

(Für diese Einschätzung haben wir uns an den Statistiken des Ausländerzentralregisters orientiert, wozu angemerkt werden muss, dass diese ebenfalls lediglich die an einem Stichtag in Deutschland gemeldeten Bulgaren und Rumänen erfassen.)

Der Vergleich, den „Bild“ hier vornimmt, lässt ohnehin keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Entwicklung der Kriminalität zu. In der Kriminalstatistik heißt es ausdrücklich:

Diese Daten [zur "Entwicklung der Tatverdächtigenanteile Nichtdeutscher"] dürfen nicht mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung gleichgesetzt werden.

Ein Grund dafür ist, dass in dieser Statistik beispielsweise auch strafunmündige Kinder unter 14 Jahren erfasst werden oder jene Menschen, die „wegen Tod, Krankheit oder Flucht nicht verurteilt werden“ können. Zudem hat es im Jahr 2009 eine „systematische Umstellung“ bei der Erfassung dieser Daten gegeben, weshalb das Innenministerium mehrmals betont, dass man die Zahlen ab 2009 nicht mehr mit den jenen aus den Vorjahren vergleichen kann. Kurzum: Dass „die Kriminalität steigt“, wie „Bild“ behauptet, lässt sich, zumindest anhand der Kriminalstatistik, keinesfalls belegen.

Kommen wir zum Schluss nochmal zurück zu Martin Korol, dem eingangs erwähnten SPD-Politiker aus Bremen. Der tauchte wenige Tage nach seinen umstrittenen Äußerungen noch einmal in „Bild“ auf — als „Verlierer“ des Tages. Dort heißt es:

Der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete Martin Korol (68, SPD) giftete auf seiner Internetseite gegen Roma (…). Dafür droht Korol nun ein Parteiordnungsverfahren – und der Rauswurf aus der SPD.

BILD meint: Erst denken, dann reden.

BILDblog meint: genau.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 8. März: Die Aussage, „fast jeder zweite Roma“ sei kriminell, ist nicht nur doppelt, sondern dreifach falsch. Denn der Magistrat spricht von der Anzahl der Straftaten – nicht der Straftäter. Die Polizei Bremerhaven hat uns auf Anfrage bestätigt, dass es durchaus möglich ist, „dass jeweils ein Täter mehrere dieser Straftaten begangen hat“. Die 195 Straftaten, die „Bild“ hier den 481 bulgarischen Personen zuschreibt, könnten also theoretisch auch nur von zehn, zwanzig oder auch nur von einem (kriminell besonders aktiven) Bulgaren begangen worden sein. Danke an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 19. März: Jan Timke hat uns zwischenzeitlich geschrieben. Der Vorsitzende der „Bürger in Wut“ erklärt, „Bild Bremen“ habe seine Äußerungen „unzutreffend zitiert“:

[In der Anfrage an den Magistrat] beziehen wir uns durchgängig auf rumänische und bulgarische Staatsbürger, nicht auf Roma. Der Begriff Roma taucht in unserer Anfrage an keiner einzigen Stelle auf. Davon ausgehend habe ich auch gegenüber dem Redakteur der BILD ausdrücklich von Rumänen und Bulgaren gesprochen. Warum in dem Artikel dennoch von Roma die Rede ist, erschließt sich mir nicht.

Und in der Tat: Sowohl in der Anfrage an den Magistrat als auch in dessen Antwort ist ausschließlich von „rumänischen und bulgarischen Staatangehörigen“ die Rede. Timke schreibt weiter:

Die Aussage, die Hälfte dieser Zuwanderer sei kriminell, habe ich ebenfalls nicht getan. Denn auch das geben die Zahlen nicht her, wie Herr Schönauer zutreffend ausführt. Wie Sie aus der beigefügten Anfrage ersehen können, hatten wir uns unter Ziffer 10. nach der Zahl der Straftäter erkundigt. Der Magistrat hat dagegen in seiner Antwort die Zahl der von Rumänen und Bulgaren im fraglichen Zeitraum begangenen Delikte genannt. Möglicherweise erklärt dieser Umstand den Fehler auf Seiten der BILD-Redaktion, der ich das Dokument im Vorfeld zur Verfügung gestellt hatte.

„Bild“ ist treuer als Oliver Pocher II

Gestern erst hatten wir gewettet, dass „Bild“ alsbald mit Neuigkeiten über Annina Ucatis aufwarten würde, die angeblich ehemalige „Geliebte von Oliver Pocher“ (sie behauptet, mit Pocher vor sieben Jahren mal ausgegangen zu sein).

Und tatsächlich heißt es auf der heutigen „Bild“-Titelseite:

Gestern berichtete BILD über die Ex-Geliebte von Oliver Pocher (…).

Aber darüber, wie „Bild“ heute berichtet, sind wir dann doch überrascht (siehe Ausriss): Mit der Schlagzeile „Jetzt schlägt Pochers Freundin zurück“ und der Frage „Na, wer hat hier die überzeugenderen Argumente?“ wirbt „Bild“ für die aktuelle Ausgabe des Magazins „Maxim“. „Maxim“ wird (wie „Bild“) vom Verlag Axel Springer herausgegeben und ist (laut „Bild“) „im Handel erhältlich“ — seit gestern übrigens.

Allerdings ist das nicht alles, was es heute in der Ucatis-Sache nachzutragen gibt. Denn entgegen unserer ersten Annahme, dass sie erst 2003 als „Bingo-Fee“ in „Bild“ aufgetaucht sei, kennen sich Ucatis und „Bild“ schon viel, viel länger:

„Bild“-Mitarbeiter Holger Bloehte*, dessen Name zuletzt im Januar 2007 über einem Ucatis-Artikel stand, hatte ihr nicht nur 1998 schon zu einem Job als „Super-Ische“ in der „Harald Schmidt Show“ verholfen (Quelle: „taz“, 1998), sondern Ucatis vor inzwischen fast zehn Jahren überhaupt erst für die Öffentlichkeit „entdeckt“ (Quelle: „Hustler“, 2001). Und tatsächlich findet sich in der „Bild“-Zeitung vom 23. Juni 1997 ein Artikel Bloehtes über Ucatis. Er ähnelt demjenigen, der gestern in „Bild“ erschien, insofern, als Ucatis damals behauptete, in einer „Bremer Promi-Disco“ mal kurz mit Dieter Bohlen geredet zu haben.

*) Wenn Holger Bloehte (von „Bild“ gelegentlich auch „Holger Bloethe“ genannt) gerade nicht über Annina Ucatis schreibt, druckt „Bild“ Geschichten von ihm, die Überschriften tragen wie „Asyl-Familie kassiert 50000 Euro Stütze und hortet einen Schatz“ (2.12.2004), „Warum zahlt der Staat einem 3fachen Mörder das BWL-Studium?“ (19.4.2006) oder „Dieser Dackel rettet diesem Dackel das Leben“ (10.3.2006). BILDblog-Lesern könnte Bloehte zudem wegen eines Artikels im November 2006 bekannt sein, in dem er Helmut Pflugradt als „Skandal-Politiker“ bezeichnete. „Bild“ entschuldigte sich damals anschließend öffentlich bei Pflugradt dafür, ihm „Unrecht getan“ zu haben.

Mit Dank auch an Max V.

Allgemein  

Rufmord an einem schwulen Politiker

Die „Bild“-Zeitung ist empört:

Kevin aus dem Kühlschrank. Skandal-Politiker soll Untersuchungsausschuss leiten

„Vorsitzender [des Untersuchungsausschusses] soll Helmut Pflugradt werden. Ist der Skandal-Politiker der Richtige für diese sensible Aufgabe?“

So fragt „Bild“ Bremen am gestrigen Donnerstag. Und man ahnt die Antwort schon, aber für alle Fälle wird „Bild“-Autor Holger Bloethe im nächsten Satz ein bisschen konkreter:

„Der Vize-Fraktionschef der CDU verfügt auch über einschlägige Erfahrung mit Polizei und Staatsanwaltschaft.“

Das Wort „einschlägig“ bedeutet eigentlich, dass Pflugradt schon einmal die gleiche Straftat vorgeworfen worden sein müsste, um die es bei Kevin geht. Der Junge ist vor vier Wochen nach schweren Misshandlungen tot in einem Kühlschrank aufgefunden worden.

Mit nichts dergleichen hat Pflugradt selbst „Erfahrung“. Aber vielleicht benutzt die „Bild“-Zeitung das Wort „einschlägig“ ja großzügig, so allgemein im Sinne von „negativ“. Sie schreibt:

„Vor zwölf Jahren wurde gegen den bekennenden Homosexuellen wegen angeblicher Vergewaltigung des belgischen Friseurs André W. (damals 21) ermittelt.

Pflugradt gestand Liebesspiele im Swimmingpool seines Hauses in Bremen Nord. Der Politiker damals: „André hat freiwillig mitgemacht. Dass ich dabei seine Hände festhielt und auf ihm lag, gehörte dazu.“ Er kam damit durch. Das Verfahren gegen den Christdemokraten wurde eingestellt.“

„Er kam damit durch“? Im Sinne von: Das war natürlich gelogen, half aber?

Als die Staatsanwaltschaft im Februar 1996 das Verfahren gegen Pflugradt nach mehreren Monaten einstellte, teilte sie mit, an der Glaubwürdigkeit des vermeintlichen Opfers hätten sich erhebliche Zweifel ergeben. Doch anders als die Justiz zweifelt „Bild“ an der Glaubwürdigkeit Pflugradts, auch noch nach zehn Jahren. Kein Wunder: Der Mann ist schwul.

„… sein Ruf war hin.

Wohl zu Recht. Ein Insider (35) aus der Bremer Homosexuellen-Szene: ‘Ich kenne Pflugradt seit 20 Jahren. Er ist dafür bekannt, dass er auf ganz junge Männer steht. Als ich 17 Jahre alt war, baggerte der Politiker mich hemmungslos an. Er tauchte ständig in dem Geschäft auf, in dem ich arbeitete, quatschte mich an und wollte mich zum Essen einladen. Erst als ich meine Kollegen einschaltete, ließ er mich in Ruhe.'“

Noch einmal zum Mitdenken: „Bild“ glaubt also, dass der Ruf von Helmut Pflugradt, nachdem er offenbar Opfer einer Verleumdung wurde, „wohl zu Recht“ ruiniert war, weil der Politiker im Jahr 1988 (!) einen jungen Mann „hemmungslos angebaggert“ haben soll.

Vielen Dank an die „taz Nord“, die über den Fall heute berichtet, und Sandra M. für den Hinweis.

Nachtrag, 6. November. Am Samstag — zwei Tage nach dem „Bild“-Skandal-Bericht, einen Tag nach dem „taz“-Artikel — veröffentlichte „Bild“ Bremen wie zur Wiedergutmachung ein langes, freundliches Interview mit Pflugradt. Es beginnt so:

BILD: Herr Pflugradt. Wir haben Ihnen mit unserer Berichterstattung vom 2. November Unrecht getan. Wir entschuldigen uns dafür in aller Form. Pflugradt: "Ich nehme die Entschuldigung an."