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Häme-Kleine will’s wissen

Sehr geehrter Herr Kleine,

Briefe schreiben sei "in", so steht es heute in "Bild". Ihr Kollege Franz Josef Wagner ist heute mit seiner 2000. "Post von Wagner" dran, die gesamte "Bild"-Redaktion verfasste in der letzten Woche unter der Überschrift "Ihr griecht nix von uns!" einen Brief an den griechischen Ministerpräsidenten Papandreo, den "Bild" "Pleite-Premier" nennt.

Jetzt hat Bundestagspräsident Norbert Lammert auch einen Brief geschrieben, an seinen griechischen Amtskollegen Philippos Petsalnikos, aber das finden Sie nicht gut.

Warum müssen wir uns bei den Pleite-Griechen entschuldigen?

fragen Sie in der Überschrift und vermutlich wissen Sie und Ihre Kollegen schon gar nicht mehr, dass die Bürger Griechenlands eigentlich nur "Griechen" heißen und nicht "Pleite-Griechen" — zu sehr haben Sie alle das Wort schon verinnerlicht. (Andererseits kann man ja schon fast froh sein, dass die Überschrift nicht "Lammert griecht zu Greuze" lautete.)

Das ist aber eine merkwürdige Entschuldigung …!

finden Sie und da muss ich Ihnen kurz recht geben: Es ist in der Tat eine merkwürdige Entschuldigung, die Norbert Lammert da verfasst hat — im sonst eher selten gebräuchlichen Sinne von "gar keine", denn das Wort "Entschuldigung" taucht in Lammerts Schreiben kein einziges Mal auf, wie Bild.de gleich nebenan "im Wortlaut" "dokumentiert".

Man könnte eher sagen, der Brief sei der Versuch, ein wenig Deeskalation zu betreiben. (Ich weiß, dieses Wort kennen "Bild"-Mitarbeiter nicht, aber in Ihrer Redaktion steht doch sicher auch so ein Fremdwörter-Duden.)

Nachdem Lammert also den Ernst und den Mut gelobt hat, mit dem griechische Politiker "nun an jahrelang verschobene und verdrängte Probleme herangehen" (Bild.de: "Damit meint er wohl: Korruption, unglaublichen Schlendrian und die Verschwendung von Milliardenbeträgen…"), widmet er sich mit einem Satz auch kurz der Situation in Deutschland:

Mancher hämische Kommentar in deutschen Medien wäre sicher ebenso unterblieben wie manche hochmütige Aufforderung deutscher Politiker zur Kurskorrektur, wenn man bei unserem etwa zehnfachen Sozialprodukt den deutschen Wählern ähnliche Sanierungsmaßnahmen in einer vergleichbaren Größenordnung von ca. 50 Milliarden Euro zugemutet hätte.

Dieser Satz ist nicht schön: Lammert stellt sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn hierzulande ein ähnlich radikaler Sparkurs gefahren werden müsste, wie jetzt (endlich!) in Griechenland, und sagt dann, dass die deutschen Medien und Politiker sich vielleicht anders verhalten hätten — nur, dass es dann um ihr Land gegangen wäre und nicht um ein fremdes.

Aber diese verunglückte Mutmaßung ist gar nicht das, was Sie, Rolf Kleine, stört:

Ganz Europa sorgt sich über die desaströse Finanzlage Griechenlands und die Stabilität des Euro – und was macht unser Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU)?

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz fragen, woran der Leser eigentlich erkennt, wer gerade mit "uns" oder "wir" gemeint ist: Da Lammert ja sicher nicht der Bundestagspräsident von "Bild" ist, sind in diesem Falle wohl "wir Deutschen" gemeint — in der Überschrift ja aber nicht, denn entschuldigen sollen sich ja nicht alle, sondern nur ein paar. Oder auch nur einer:

Er entschuldigt sich in einem Brief an den griechischen Parlamentspräsidenten Philippos Petsalnikos für "manche hochmütige Aufforderung deutscher Politiker zur Kurskorrektur" und "hämische" Kommentare "in deutschen Medien".

ABER WEN MEINT ER DA BLOSS?

Sehr geehrter Herr Kleine, ich weiß nicht, ob Sie in den vergangenen Tagen und Wochen Gelegenheit hatten, mal einen Blick in die Zeitung zu werfen, für deren Hauptstadtbüro Sie arbeiten, aber …

"Bild" schlagzeilt auf die "Pleite-Griechen" ein

An "hämischen", Verzeihung: hämischen, Kommentaren hat es da in letzter Zeit wohl kaum gemangelt.

Aber Sie fragen natürlich ganz unschuldig:

Doch wohl nicht etwa die Forderung von Politikern in BILD-Interviews, dass Griechenland auch Staatseigentum privatisieren solle – zum Beispiel Inseln?

Nein, Herr Kleine. Nicht nur.

Mit freundlichen Grüßen,

Lukas Heinser

Mit Dank an Julian J. und Benjamin S.

Verkaufsfördernder Medizin-Journalismus

Manchmal stellt sich der Presserat aber auch an. Jetzt hat er eine Zeitschrift mit dem leicht pleonastisch klingenden Titel "Gesunde Medizin" gerügt, weil darin Produkte wie sogenannte "Job-Strümpfe" detailliert vorgestellt wurden, obwohl es daran "kein öffentliches Interesse" gebe.

Pah. Dabei waren die "Job-Strümpfe" doch nur Thema in der regelmäßigen Rubrik "Leser-Test" der "Gesunden Medizin". Dabei kann sich jeder bewerben, ein vorgestelltes Produkt zum Ausprobieren nach Hause zu bekommen, in diesem Fall Stützstrümpfe von der Firma Varilind. Die Redaktion zitiert dann ihre Urteile, das liest sich etwa so:

Frank Hessberger aus Neuberg berichtete: "Schon beim Auspacken hatte ich das Gefühl, ein hochwertiges Produkt in den Händen zu halten." Ellen Wagner aus Langenselbold gefielen die Strümpfe sofort wegen der feinen Struktur des Materials. Sabine Glassen aus Hanau erinnert sich an den Duft, der beim Öffnen der Packung entströmte.

Aber es fallen keineswegs alle Urteile positiv aus. Zwischen vielen euphorischen Sätzen finden sich auch Bemerkungen wie diese:

Sigrid Wegener aus Göttingen fiel sofort die breite Zehenspitze auf, außerdem fühle sich das Baumwollgemisch für sie zu synthetisch an.

Ergänzt wird das Urteil der Amateurtester über die Varilind-Strümpfe durch eine "Expertenmeinung". In diesem Fall kommt sie von Dipl. Kfm. Heiko Michel. Er sagt: "Durch den hohen Baumwollanteil sind die Strümpfe hautfreundlich und atmungsaktiv, der stufenlose Druckverlauf unterstützt die Venen, ohne die Beine einzuschnüren." Heiko Michel muss es wissen. Er ist Projektleiter Varilind bei der Paracelsia Pharma GmbH.

Der Presserat urteilte über "Gesunde Medizin", die Zeitschrift hätte "gleich mit mehreren Beiträgen die Grenze zur Schleichwerbung überschritten". Das ist ein schöner Euphemismus. Denn in Wahrheit macht sie den Eindruck, dass genau das ihre Aufgabe ist. Und dabei geht es nicht nur um "Genießertipps" wie die Nachrichten, dass es jetzt eine neue Sorte einer bestimmten Schokoladenmarke ("ein einzigartiges Geschmackserlebnis") oder neue Antipasti-Spezialitäten ("ein echter Gaumenschmaus") gibt. Die "Redaktion" von "Gesunde Medizin" hat sich ein cleveres System ausgedacht, um scheinbar seriös die Verkaufszahlen ihrer Werbepartner anzukurbeln.

Da steht dann zum Beispiel auf einer Doppelseite ein großer Artikel von Dr. Michaela Döll mit Tipps gegen Verdauungsbeschwerden:

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Frischpflanzen-Presssaft aus den Artischockenblütenknospen, der auf seine Wirksamkeit bei Verdauungsbeschwerden hin untersucht wurde. (…) Nach einer dreimonatigen Anwendungsdauer waren die Beschwerden bei den Studienteilnehmern sogar um 80 Prozent zurück gegangen.

Ein großer Vorteil der Frischpflanzen-Presssäfte besteht darin, dass in ihnen der gesamte Wirkstoffring der frischen Pflanze enthalten ist, wobei darauf geachtet werden sollte, dass dieser frei von Zusatzstoffen (z. B. Konservierungsmittel) und Alkohol ist. Außerdem sollten die verwendeten Pflanzen aus biologischem Anbau stammen.

Und daneben steht, brav als "Anzeige" gekennzeichnet, Werbung für "naturreinen Heilpflanzensaft" aus der Artischocke von der Firma Schoenenberger, "mit der GANZEN KRAFT der frischen Pflanze!" und einem kleinen "Bio"-Logo.

Ein andermal informiert dieselbe Dr. Michaela Döll darüber, wie sinnvoll es ist, "das Abnehmen mit entgiftenden Maßnahmen zu unterstützen":

So fördert beispielsweise der Frischpflanzensaft aus der Artischocke die Produktion von Gallensäften und leistet einen wertvollen Beitrag zur Fettverdauung. Die im Zuge der Gewichtsreduktion gelösten Abfallstoffe und Schlacken können unter der Anregung der Nierenfunktion – z. B. mit Hilfe von Brennnesselsaft – besser aus dem Körper ausgeschieden werden. Kartoffelsaft neutralisiert überschüssige Säuren und hilft dabei, das gestörte Säure-Basen-Gleichgewicht wieder herzustellen. Sinnvoll ist die Kombination der genannten Frischpflanzensäfte mit vitalstoffreichen Gemüsesäften (z. B. Tomaten- oder Karottensaft), die – kurmäßig angewandt, zusammen mit einer gesunden Vollwertkost – nicht nur die Pfunde purzeln lassen, sondern sich auch geschmacklich gut mit den genannten Frischpflanzensäften vertragen.

Und wir notieren uns, was wir laut "Gesunde Medizin" zum Abnehmen brauchen: Artischocke, Brennnessel, Kartoffel, Tomate — und werfen, bevor wir einen Großeinkauf beim Gemüsehändler starten, schnell noch einen Blick auf die Werbung der Firma Schoenenberger für ihre "Schlankheits-Kur" unmittelbar rechts daneben:

Ja: "FasToFit" ist Tomatensaft. Woher wussten Sie?

(Sie müssen, um die informativen Ratgeber dieser Frau Dr. Michaela Döll zu lesen, übrigens nicht die zwei Euro investieren, die die vermeintliche Gesundheitszeitschrift kostet. Die Texte stehen auch kostenlos im Internet. Auf den Seiten der Firma Schoenenberger, unter der Rubrik "Aktuelles zu Schoenenberger".)

So und so ähnlich informiert die Zeitschrift "Gesunde Medizin" also ihre Leser. Sie erscheint im PACs-Verlag. "PACs" steht für "Gesellschaft für Promotion, Advertising & Communication Services". So gesehen ist die Rüge des Presserates ebenso zwingend wie niedlich.

Markwort, SZ-Magazin, Wagner

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Wie sich der Focus-Chef inszeniert"
(ndr.de, Video, 5:30 Uhr)
Helmut Markwort, Herr über die "Focus-Welt" ("bunt, besteht aus Tabellen und anderen Schnipseln"), will dem neuen Chefredakteur Wolfram Weimer vor seinem Abgang noch eine Überarbeitung des Hefts aufzwingen, so dass dieser über Jahre hinweg blockiert wird, eine eigene Neugestaltung vorzunehmen.

2. "Neues Futter für den Provokanten-Stadl"
(heise.de/tp, Rudolf Stumberger)
Rudolf Stumberger liest die Titelgeschichte "Schloss mit lustig" des SZ-Magazins und findet keine Fakten und keinen realen Gehalt. "Wir sehen zwar noch die äußere Hülle eines journalistischen Textes vor uns, aber es fehlt quasi das schlagende Herz. Derartigen Artikeln mangelt es an einem wesentlichen Moment, es fehlt die Anbindung an das grundlegende Lebensprinzip des Journalismus, eine kritische Ernsthaftigkeit. Sie wurde in Deutschland vor ungefähr zehn Jahren eingetauscht gegen eine benommen machende Beliebigkeit."

3. "Das Medienbeben – Die Katastrophe von Haiti, das Fernsehen und die Opfer"
(haz.de, Imre Grimm)
Wie die Medien mit dem Erdbeben in Haiti umgehen: "'Die grausamen Fotos der Katastrophe', schreibt der Onlinedienst 'Bild.de' über eine Fotogalerie. Nach dem Bild eines nackten Mannes, den ein Lynchmob durch die Straßen zieht, poppt Werbung auf: 'Wir schicken Deutschland in den Urlaub! 35 Prozent für Frühbucher.'"

4. "Ein Film, eine Meinung­­"
(woz.ch, Silvia Süess)
Ein Text zum aktuellen Zustand der Filmkritik. "Die Texte in den Zeitungen werden kürzer – Filmtipps bestehen oft nur noch aus ein paar Sätzen und Sternchen. Gleichzeitig werden die Presseunterlagen immer dicker: Nicht selten umfasst ein von den Filmverleihern verfasstes Pressedossier fünfzehn Seiten oder mehr, Produktionsnotizen des Produzenten oder Interviews mit der Regisseurin oder mit der Hauptdarstellerin sind darin abgedruckt."

5. "Post an Wagner (44)"
(off-the-record.de, Spießer Alfons, Video, 1:24 Minuten)
Spießer Alfons fragt "Bild"-Chef Kai Diekmann, wann endlich "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner die versprochene Weihnachtsgeldspende für Kinder in Afrika zahlt. Diekmann: "Ich werde dafür sorgen, dass Franz Josef zahlt."

6. "German Publishers Go After Google; Apparently Very Confused About How The Internet Works"
(techdirt.com, Mike Masnick, englisch)
Mike Masnick sucht nach den Gründen der Kartellklage der deutschen Verlegerverbände gegen Google und findet eine selbstverschuldete Inkompetenz. "Yet the publishers he represents had all of the advantages in the world. They were local. Google was not. They had been around for many more years than Google. They had brand recognition and loyalty that Google did not. Fuhrmann is basically admitting what a colossal failure the companies he represents have been. They failed to capitalize on a huge opportunity. And now, when Google sends them traffic, they are still failing to use that traffic wisely. And then they blame Google for it? Wow."

Longchamp, Winkler, Technologiekritik

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Die Illusion vom paid content"
(ndr.de, Video, 6:17 Minuten)
Ein kurzer Überblick über die bisherigen Bezahlangebote der Printverlage im Internet. Weiterhin unbeantwortet bleibt die Frage, für welche Form von Journalismus Leser bereit sind, online Geld auszugeben. Klar ist: "Die fetten Jahre sind vorbei."

2. "Hau den Blocher"
(tagesanzeiger.ch, Simone Matthieu)
Das linksliberale Boulevardportal Tagesanzeiger.ch behandelt die (eigene) Verhaltensweise, Aussagen von Prominenten gegen die rechtskonservative Partei SVP und deren Aushängeschild Christoph Blocher aufzubauschen. Der "altbekannte PR-Trick" sei eine "Win-Win-Situation": "Die Medien machen gute Quote und der Blocher-Verunglimpfer wird – egal wie unbekannt er ist und wie unbedeutend seine Aussagen sind – zum Mann der Stunde."

3. "Wie ein 20-Jähriger einen Verlag demontiert"
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz über den hyperlokalen Sportjournalismus von Michael Wagner, dem Macher von fussball-passau.de: "Jede Liga, jedes Spiel wird dort inzwischen ausführlich geschildert. Es gibt Spielerbörsen, Tabellen, Statistiken, kurzum: Wagner hat ein hyperlokales (Fußball-)Medium gemacht — und die User dort sind glücklich."

4. "Falscher Prophet"
(blog.persoenlich.com, Stefan Bühler)
Stefan Bühler fordert wegen der "katastrophalen Fehlleistung" des Prognostikers Claude Longchamp bei der Vorhersage der Ergebnisse der Minarett-Initiative für das Schweizer Fernsehen Konsequenzen.

5. "Willi Winkler und der Mann der Tat"
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Thierry Chervel kritisiert einen Artikel von Willi Winkler in der "Süddeutschen Zeitung" über Dieter Kunzelmann: "Winklers Artikel repräsentiert eine Tendenz in der kulturellen, intellektuellen und auch politischen Linken in Deutschland – eine Tendenz zur Leugnung der Geschichte."

6. "Standardsituationen der Technologiekritik"
(online-merkur.de, Kathrin Passig)
Kathrin Passig schreibt über den "öffentlich geäußerten Missmut über das Neue" und stellt einen stets wiederkehrenden Argumentationsverlauf fest. 1. Wofür soll das gut sein? 2. "Wer will denn so was?" 3. Das ist nur etwas für "zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten". 4. Das ist nur "eine Mode, die vielleicht wieder vorbeigeht". 5. Das wird auch nichts ändern. 6. Es ist gut, aber nicht gut genug. 7. "Schwächere als ich können damit nicht umgehen!". 8. So sollte man aber es nicht nutzen. 9. Es verändert unsere "Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren".

Bild  

Franz Josef Wagners Homophonie

Die Transparenz-Offensive des "Bild"-Chefredakteurs auf kaidiekmann.de hat einen entscheidenden Vorteil: Sie deckt die Schwächen der Arbeitsweise der eigenen Zeitung ungewollt selbst auf.

Kai Diekmann zeigt in seinem Blog ein Video, wie er in "Bild"-Manier unangekündigt an der Haustüre des Kolumnisten Franz Josef Wagner auftaucht und sich, obwohl dieser allen Anschein macht, ihn gar nicht empfangen zu wollen ("Kai, Du bist ein Schwein" … "Kai, Du bist so ein Schwein"), Zutritt zum Haus verschafft.

Er streift mit eingeschalteter Kamera durch die Wohnung und schlägt dann vor, Wagner soll ihm den Entwurf der aktuellen Kolumne am "Laptop" vorlesen. Diekmann: "Du schreibst aufm Laptop?" – Wagner: "Ja."

Naja, fast:

Der angebliche Laptop von Franz Josef Wagner

Dann guckt Diekmanns Kamera genauer hin, was denn Wagner da schreibt. Wir auch:

Strassenschlachten

Undeutlich zu erkennen ist das Wort "Strassenschlachten". Was sich bestätigt, als Wagner den Text vorliest.

Und nun vergleichen wir, was heute in der "Bild" abgedruckt wurde:

Stasi-Schlachten

Aus einem nicht sehr sinnvollen Satz ist ein sehr sinnloser geworden.

Könnte es sein, dass der Übertragungsfehler geschehen ist, als Franz Josef Wagner seinen Text der Redaktion telefonisch übermittelte, wie er das zu tun pflegt?

Gut möglich, dass Fehler wie dieser der Grund sind, warum Wagner seine Zeilen in der "Bild" nicht mehr liest, wie er gegen Ende des Videos zugibt. Vielleicht entsteht aber auch erst durch diese Hörfehler bei der telefonischen Durchsage die unverkennbare Kryptik der Wagnerschen Poesie.

Diekmann fragt:

"Wenn ich das morgen ändere – das kriegst Du dann gar nicht mit?"

Aber nein.

Mit Dank an David B. und Thomas!

Dönhoff, Newsroom, Wagner

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Thema: Marion Dönhoff"
(zeit.de)
Ein Dossier von Zeit.de zum 100. Geburtstag von Marion Gräfin Dönhoff.

2. "Merkwürdige Verzweiflungsfotos"
(internetausdrucker.wordpress.com)
Der Internetausdrucker denkt nach über die "Verzweiflungsfotos", die derzeit neben Minister Franz Josef Jung abgebildet werden: "Sie sind Momentaufnahmen aus anderen Situationen, sie können Wochen und Monate alt sein."

3. "Der Newsroom als Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft"
(woz.ch, Kaspar Surber)
Über 10 Milllionen Franken (ca. 7 Millionen Euro) kostet der neue Newsroom der "Blick"-Gruppe. "Im oberen Stock wird in der Mitte ein 'Decision Place' zu liegen kommen. Hier werden die Chefredaktoren arbeiten. Gleich anschliessend sitzen auf der einen Seite die RessortleiterInnen, dann folgt ein 'Content Place' mit den JournalistInnen.'" Projektkoordinator Edi Estermann: "Je weiter weg einer vom Zentrum sitzt, desto eher ist er ein Praktikant."

4. Interview mit Peter Kruse
(sueddeutsche.de, Johannes Kuhn)
Psychologe Peter Kruse zum neuen Buch von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über die von ihm erlebte Überforderung mit der Informationsflut im Internet: "Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut."

5. "Das Geheimnis F. J. W."
(kaidiekmann.de, Video, 7:51 Minuten)
"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann besucht den "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner, der es bedauert, ungekämmt zu sein und seine Zeilen zwar noch schreibt, aber nicht mehr in der Zeitung liest. Verfasst wird die tägliche Kolumne auf einem "Laptop" (so nennt Diekmann Wagners Computer) – und von dort abgelesen wird sie wohl, wie 2006 und 2009 berichtet, der Redaktion telefonisch durchgegeben.

6. "(NZZ-)Online-User bringen nur Peanuts ein"
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Albert P. Stäheli, CEO der NZZ, sagt, wie tief der Graben der Einnahmen zwischen Online- und Printwerbung ist: "Jährl. Werbeumsatz pro Print-Leser: Fr. 175.-. Jährl. Werbeumsatz pro Online-User: Fr. 6.50".

Von Monstern und anderem Irren

2008 war, wenn man so will, ein gutes Jahr für "Bild". Der Deutsche Presserat sprach nur in zwei Fällen Rügen gegen "Bild" aus:

  • Das Gremium beanstandete — aufgrund einer Beschwerde von BILDblog — die teils frei erfundene Berichterstattung über zwei Mädchen, die angeblich von ihrer Mutter nach Afrika gebracht und dort beschnitten werden sollten (BILDblog berichtete).
  • Und der Presserat rügte die "unangemessen sensationelle" Art, wie "Bild" über einen Flugzeugabsturz berichtetete, verkohlte Leichen auf der Titelseite zeigte und die Opfer im Inneren identifizierte — und so "die Gefühle der trauernden Angehörigen verletzt" habe. (Die "Bild"-Zeitung fand die Beanstandung, wie berichtet, "rätselhaft" und führte ihre Leser beim Abdruck der Rüge in die Irre, was dem Presserat aber egal ist.)

Die "Maßnahmen" des Presserates:

Hat eine Zeitung oder eine Zeitschrift gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine "Missbilligung" ist schlimmer als ein "Hinweis", aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die "Rüge". Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, tun sie es nicht.

Trotzdem hatte der Presserat auch im vergangenen Jahr reichlich mit "Bild" zu tun und sprach eine Reihe von "Missbilligungen" und "Hinweisen" aus. Und wie in jedem Jahr gibt das vor kurzem erschienene "Jahrbuch" des Presserates seltene Einblicke in die Argumentationsmuster innerhalb der notorisch öffentlichkeitsscheuen Axel-Springer-AG, wenn die Rechtsabteilung gegenüber dem Presserat ausgeruht die fragwürdigen Ad-Hoc-Entscheidungen der "Bild"-Zeitung zu rechtfertigen versucht.

Eine Auswahl:

Tote Kinder ohne Rechte?

"Die toten Kinder von Darry — Von der Mutter erstickt, vom Vater wieder ausgegraben". Unter dieser Überschrift berichtet "Bild" am 26. Juni 2008, wie drei tote Kinder von einem Berliner Friedhof nach Schleswig-Holstein umgebettet werden. Sie und zwei weitere waren von ihrer Mutter getötet worden. "Bild" zeigt ein Familienfoto, auf dem die Gesichter der Erwachsenen unkenntlich gemacht wurden, sowie Nahaufnahmen der Särge und der Gruft — und ein Notfallseelsorger aus Schleswig-Holstein, der beruflich mit dem Fall zu tun hat, beschwert sich beim Presserat, der seine Position so wiedergibt:

Die Umbettung habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollen. Mit allen Firmen und den Friedhöfen sei Stillschweigen und absolute Vertraulichkeit vereinbart worden. Zu Beginn der Exhumierung in Berlin hätten mehrere Journalisten fotografieren und filmen wollen. Die Friedhofsverwaltung habe vergeblich versucht, sie davon abzuhalten. Im Gegensatz zu anderen Medien habe das Boulevardblatt Nahaufnahmen der Särge, der Gruft und des gesamten Vorgangs veröffentlicht. Zudem sei in der Online-Ausgabe ein "abscheuliches Video" mit Nahaufnahmen abrufbar gewesen. Der Geistliche sieht einen Missbrauch der Pressefreiheit und eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der verstorbenen Kinder und des trauernden Vaters.

Die Antwort von "Bild" ist vor allem eine juristische: Die Vorwürfe seien unbegründet, weil das Persönlichkeitsrecht nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichtes mit dem Tod erlösche. Es müsse dann nur noch allgemein die Menschenwürde geachtet werden. "Bild" habe die Kinder aber nicht herabgewürdigt oder erniedrigt. Das (nicht mehr abrufbare) Video auf Bild.de habe allerdings religiöse Gefühle verletzen können — das habe der Chefredakteur in einem Brief an den Seelsorger bedauert. Die Reporter hätten versichert, dass sie während der Exhumierung nicht am Fotografieren gehindert worden seien.

Der Presserat sieht in der Veröffentlichung der Fotos einen Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex, der eine Identifizierung der Opfer von Unglücksfällen und Straftaten untersagt. Der "engeren juristischen Wertung" des Verlages wollte er sich nicht anschließen. Aus ethischer Sicht hätte die Redaktion auf die Persönlichkeitsrechte der verstorbenen Kinder sowie des trauernden Vaters größeres Gewicht legen müssen. Der Presserat sah darin allerdings keinen rügenswerten Verstoß, sondern "missbilligte" die Berichterstattung nur — warum auch immer.

Lea-Sophie, nackt und verhungert auf dem OP-Tisch

Am 6. April 2008 veröffentlichten "Bild am Sonntag" und Bild.de zwei Fotos der fünfjährigen Lea-Sophie, die ihre Eltern verhungern ließen. Eines zeigte das Mädchen zu Lebzeiten, eines den Leichnam, nackt auf dem Obduktionstisch. Das zweite Foto, das die Zeitung auf unbekannte Weise bekommen hatte, war, wie die "BamS" damals schrieb, ein "schreckliches" Foto. Die Redaktion, behauptete die Redaktion, habe lange diskutiert, ob sie es zeigen solle. Dass sie sich dafür entschieden habe, das tote Kind auf diese Weise vor einem Millionenpublikum auszustellen, begründete sie mit dem Satz: "Denn wir wollen, dass so etwas nie wieder in Deutschland passiert!" (BILDblog berichtete.)

Ein Leser beschwerte sich beim Presserat, weil er in der Veröffentlichung des Bildes Sensationsmache und eine Verletzung der Menschenwürde der Verstorbenen sieht. Die Rechtsabteilung der "BamS" hält ihm entgegen, er habe sich mit den Überlegungen der Redaktion nicht auseinandergesetzt: Darin seien die Beweggründe, das Foto zu veröffentlichen, ausführlich dargelegt worden. Sie erinnerte an das "vermutlich eindringlichste Foto der Pressegeschichte": fliehende, weinende, teilweise nackte und vom Napalm verletzte Kinder im Vietnam-Krieg. Wenn die Eltern von Lea-Sophie und ihr Anwalt ein falsches Bild der Ereignisse zeichneten, so die "BamS" laut Presserat, müsse dies ausnahmsweise durch ein Fotodokument korrigiert werden können.

Der Beschwerdeausschuss widersprach: Das Foto sei für eine wahrhaftige Berichterstattung über die Grausamkeit der Todesumstände nicht erforderlich gewesen — eine Beschreibung der Vorgänge hätte ausgereicht. Die "BamS" habe "unangemessen sensationell" berichtet und die Würde des Opfers verletzt — und somit gegen die Ziffern 1 und 11 des Pressekodex verstoßen. Der Presserat fand das aber offenbar lässlich genug, keine "Rüge", sondern nur eine "Missbilligung" auszusprechen.

Ein "Kinderschänder" und sein Opfer im Bild

Zu den für "Bild" nachhaltig unbegreiflichen Realitäten gehört es, dass auch (mutmaßliche) Täter Rechte haben, sogar Persönlichkeitsrechte. Und dass die Richtlinie 8.1 des Pressekodex vorsieht, dass die Presse bei Straftaten in der Regel keine Informationen veröffentlicht, die die Beteiligten erkennbar machen. Es ist vermutlich die Richtlinie, gegen die "Bild" am häufigsten verstößt, so auch am 5. Juni 2008. Das Blatt titelte "Kinderschänder lockt 13-Jährige in Sex-Falle" und berichtete über ein Ermittlungsverfahren gegen einen Mann, der ein Mädchen, das er im Internet kennen lernte, zu sich nach Hause gelockt, dort vier Wochen lang versteckt und mit ihm einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt haben soll. "Bild" zeigt beide auf einem Foto. Der Anwalt des Beschuldigten sieht in der Bezeichnung "Kinderschänder" eine unzulässige Vorverurteilung und weist darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft bereits nach einer Woche die Aufhebung des Haftbefehls beantragt habe. Das Foto, auf dem der Mann mit dem Mädchen zu sehen ist, sei auf unlautere Weise aus den Privaträumen des Beschwerdeführers beschafft worden. Und sowohl die Bildunterschrift "In diesem Gartenhäuschen auf dem Hotelgrundstück fanden die Ermittler Kinderpornos" als auch die Behauptung "Der Mann fiel der Polizei schon früher auf: Als 17-Jähriger soll er erstmals zwei Mädchen in einen Schuppen gelockt und gefesselt haben" seien frei erfunden.

Die Rechtsabteilung von "Bild" hingegen meint, dass die Wertung als "Kinderschänder" und der Tatbestand des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern durch die Beschreibung der beiden Betroffenen erfüllt sei. Und an der Veröffentlichung der Fotos gebe es ein öffentliches Interesse. "Wenn jemand eine 13-jährige Schülerin vier Wochen lang vor deren Eltern versteckt halte, sei das so außergewöhnlich, dass die Fotoveröffentlichung auch gegen den Willen des Abgebildeten gerechtfertigt sei", erklärt "Bild" laut Presserat. "Die Mutter des Beschwerdeführers habe das strittige Foto zur Verfügung gestellt. Sie habe damit zeigen wollen, dass es sich um eine einvernehmliche Beziehung zwischen ihrem Sohn und dem Mädchen gehandelt habe." Somit habe "Bild" nicht gegen Ziffer 4 des Pressekodex verstoßen, die unlautere Recherchemethoden untersagt. Schließlich beruhten die angeblich "frei erfundenen Behauptungen" auf Informationen der Ermittlungsbehörden und Aussagen der Mutter des Beschwerdeführers, die man "nicht als Tatsachen, sondern in der Soll-Form wiedergegeben" habe.

Der Presserat "missbilligte" die Berichterstattung von "Bild". Er sah zwar keine Verletzung der Unschuldsvermutung und konnte, wie fast immer, nicht klären, ob "Bild" unlautere Methoden bei der Recherche angewandt hat. Aber "Bild" habe den mutmaßlichen Täter nicht einmal teilweise unkenntlich gemacht. Sowohl er als auch die 13-Jährige seien erkennbar. "Der Fall ist sicher von großem öffentlichem Interesse, doch ist es auch dann nicht gerechtfertigt, die Beteiligten erkennbar zu machen", urteilte der Beschwerdeausschuss. "Diese hätten anonymisiert werden müssen."

Ein Irak-Soldat "frisst" einen kleinen Hund

Man kann sicher darüber streiten, ob es wirklich, wie ein Beschwerdeführer meint, "abartig" ist, dass die "Bild"-Zeitung am 11. Januar 2008 auf ihrer letzten Seite zwei AFP-Fotos zeigt, auf denen ein irakischer Soldat einen Hund erst mit seinem Messer tötet und dann isst, um den Jahrestag der Übernahme der Stadt Nadschaf zu feiern. Aber die Argumente, mit denen die "Bild"-Justiziare die Veröffentlichung der drastischen Aufnahmen rechtfertigen, sind atemberaubend. Der Presserat gibt sie so wieder:

Die Rechtsabteilung der Zeitung hält das Foto mit dem irakischen Soldaten für ein über den Tag hinaus wirkendes zeitgeschichtliches Dokument. Es zeige die Verrohung des Menschen im Krieg. Das Foto dokumentiere zudem den Hass, der einen Moslem dazu bringe, genau das Tier zu verspeisen, das in seiner Religion neben dem Schwein als besonders unrein gelte. Das Foto sei aktueller Informationsträger und erfülle eine nachrichtliche Funktion. Das blutige Ritual zeige, zu welchen Taten Soldaten im Krieg — namentlich, wenn er von Glaubensgegensätzen begleitet werde — fähig seien. Dies dürfe die Berichterstattung aufgreifen. Sie solle weder verschleiern, noch verharmlosen, sondern die Wirklichkeit so abbilden, wie sie sei.

Der Hass eines Moslems? Ein Krieg, der von Glaubensgegensätzen begleitet wird? Und all diese Informationen und Hintergründe entdecken erfahrene "Bild"-Leser zwischen den gerade einmal 20 Zeilen eines Artikels, in dem von Glauben und Religion nicht einmal die Rede ist?

Der Presserat sieht in den Fotos kein "zeitgeschichtliches Dokument": "Es scheint sich hier um einen sehr speziellen Einzelfall zu handeln." Das Veröffentlichen brutaler Bilder sei zwar ausnahmsweise zulässig, wenn sie zu einer politischen Debatte beitragen. Ein solches öffentliches Interesse sei aber nicht zu erkennen; die Darstellung sei unangemessen sensationell. Der Presserat sprach einen "Hinweis" aus.

Franz Josef Wagner und die "Monster" in der Psychiatrie

Und dann hatten die Mitglieder des ersten Beschwerdeausschusses des Presserates noch eine Aufgabe, um die man sie wirklich nicht beneiden kann: Sie mussten versuchen herauszufinden, was Franz Josef Wagner in einer seiner "Bild"-Kolumnen eigentlich sagen wollte. Am 26. März 2008 schrieb er an den damals noch unbekannten Täter, der einen schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke bei Oldenburg geworfen und damit eine Frau getötet hatte. Unter der zu seinem Markenzeichen gewordenen Umgehung von grammatischen und logischen Regeln formulierte Wagner:

Mehrere Menschen, darunter Vertreter sozialpsychiatrischer Einrichtungen und Verbände, beschwerten sich beim Presserat darüber, dass Wagner psychisch kranke Menschen als "Monster" bezeichne. Einer fühlte sich an die Nazi-Zeit erinnert, zumal schon am Beginn des Beitrages von einer Art Sippenhaft gesprochen werde; ein anderer sah in Wagners Text eine menschenverachtende Diffamierung von Personen, die psychisch krank sind und Hilfe in psychiatrischen Einrichtungen suchen.

Die Rechtsabteilung der "Bild"-Zeitung hatte für die insgesamt vier Beschwerdeführer eine überraschende Antwort: Wagner habe gerade nicht psychisch kranke Menschen, sondern Kriminelle als "Monster" bezeichnet. Die Justiziare verstiegen sich sogar zu der — vermutlich auch für Wagner selbst überraschenden — These, seine Kolumne habe einen gedanklichen "roten Faden": Der Autor beklage, dass selbst Straftäter, die gröbste Verbrechen begehen, immer irgendwie durch "mildernde Umstände" exkulpiert würden. Erwachsene Täter, die man aufgrund ihrer Verbrechen nur noch als "Monster" bezeichnen könne, schicke man nicht ins Gefängnis, sondern zur Behandlung in die Psychiatrie. Wagners Fazit laute: Verbrechen wie die des "Holzklotzwerfers" würden nicht wirksam bekämpft; ein nächster Fall sei zu befürchten. Dass einige der Beschwerdeführer die räumliche Nähe der Begriffe "Monster" und "Psychiatrie" in dem Kommentar als Erinnerung an die Nazi-Zeit "hochschraubten", betrachte man als polemische Übertreibung im Rahmen ihrer politischen Agitation, erklärte die Rechtsabteilung des Verlages, den man ja in Sachen "politischer Agitation" getrost als Experten betrachten darf.

Und der Presserat? Er hält den Nazi-Vorwurf für überzogen und stellt sicherheitshalber fest, dass Wagners Text mehrere Deutungsmöglichkeiten habe und man deshalb nicht zwingend davon ausgehen könne, dass Wagner alle Patienten einer Psychiatrie als "Monster" bezeichnet habe:

Eine weitere Deutungsmöglichkeit ist jedoch, dass hier nur Menschen als "Monster" bezeichnet werden, die monströse Taten begehen. Ein so monströses Verbrechen wie der Holzklotzanschlag auf eine Familie kann umgangssprachlich durchaus einem "Monster" zugeordnet werden. Die Feststellung des Autoren, "Monster werden an Händen und Füßen festgeschnallt", ist anders zu beurteilen. Dies ist eine falsche Tatsachenbehauptung. Die Feststellung, dass Kranke in der Psychiatrie gefesselt würden, ist in dieser pauschalen Form falsch und verletzt Ziffer 2 des Pressekodex (Journalistische Sorgfaltspflicht). Sie kommt einer Schmähung der Institution Psychiatrie gleich und zieht einen Hinweis nach sich.

Der Presserat erklärt also Wagners Satz "Monster werden an Händen und Füßen festgeschnallt" für sachlich falsch und diffamierend, indem er das Wort "Monster" als Synonym für "psychisch Kranke" interpretiert, glaubt aber nicht, dass Wagner "Monster" als Synonym für "psychisch Kranke" gebraucht habe. Irre.

Kummer, WAZ, Zeit im Bild

1. "Moritz trinkt immer noch"

(freitag.de, Tom Kummer)

Tom Kummer plaudert aus, was seine Journalistenfreunde Schirach, Borcholte, Ankowitsch, Canonica, Niermann, Lottmann, Friebe, Fetisch, von Uslar, Baum, Nickel, Timmerberg, Matussek, Munz, Wedekind, Diez, Kämmerling, Liebs, Amend, Adorján, Pitzke, Gorris, Biller, Richter, Brüggemann so treiben auf Facebook. Ein zweiter Artikel, wer darauf die Freundschaft gekündigt hat, wäre interessant.

2. "Kuscheln bei der WAZ"

(ftd.de, Lutz Knappmann)

"Die WAZ Mediengruppe bricht mit ihrer jahrzehntealten Kultur: Statt auf Konkurrenz setzt sie neuerdings auf Kooperation. Die Zusammenarbeit der Zeitungen im Ruhrgebiet ist dabei erst der Anfang."

3. "Das 'manipulierte' Interview"

(zib.orf.at, Wolfgang Wagner)

Die Redaktion der ORF-Sendung "Zeit im Bild" stellt sich der Kritik an einem gekürzten Interview und stellt neben der Sendefassung auch die Originalfassung online. "Sowohl Interviewer als auch Interviewter neigen – wahrscheinlich wegen des niedrigeren Adrenalinspiegels – zu weitschweifigeren Formulierungen."

4. "YouTube Inspired T-Shirts"

(shirtstastegood.com)

Die Website shirtstastegood.com verkauft T-Shirts, auf die Standbilder aus bekannten YouTube-Videos gedruckt sind.

5. "Schweinegrippe-Alarm bei Radio DRS"

(tagesanzeiger.ch, Dani Glaus)

"Ein Mitarbeiter von Radio DRS hat wohl die Schweinegrippe mitten ins Nervenzentrum der Informationsabteilung getragen."

6. Brand im Studio

(probablybadnews.com)

Die Journalisten von abc2 News informieren ihre Zuseher auch dann, wenn es heiss wird.

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Franz Josef Wagner macht es sich leicht

Lieber Mario Gomez, Bayern München hat 30 Millionen Euro für Sie bezahlt. Ihr Vater Pepe, der einen Malerbetrieb mit zwei Angestellten in Unlingen bei Stuttgart hat, müsste 200 Jahre Wohnungen anstreichen, um dieses Geld zu verdienen. (Damit ich es leichter beim Kopfrechnen hatte, legte ich 60 000 Euro Jahreseinkommen vor Steuer bei Ihrem Vater zugrunde).

Und damit er es noch leichter hatte, hat Wagner einfach angenommen, 30 Millionen durch 60.000 ergäbe 200.

Mit Dank an Thomas W.

Kronen Zeitung, MRR, Urheberrecht

Mittwochabend im Ersten: Schweighöfer als Marcel Reich-Ranicki (Keystone)

1. "Woodwards arme Erben"

(taz.de, Ben Schwan)

"Die US-Medienkrise hat längst Redaktionen erreicht, die bislang als unangreifbar galten. Zuletzt drohte die Geschäftsleitung der New York Times den gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern ihrer Tochter Boston Globe, das Blatt ganz einfach von heute auf morgen einzustellen, sollten sie nicht zu Zugeständnissen bei Sparmaßnahmen bereit sein."

2. Interview mit Marcel Reich-Ranicki

(welt.de, Mathias Döpfner)

Der wohl bekannteste Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum erzählt Springer-Chef Mathias Döpfner, dass er googlen lässt und dass ihm Günter Grass immer einzureden versuchte, der Computer verderbe den Stil. Zum Schreiben sagt er: "Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal ob Autor oder Kritiker – Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts. Thomas Mann war wahnsinnig eitel, Richard Wagner auch und Goethe und natürlich Schiller."

3. "Aushöhlung des Urheberrechts"

(perlentaucher.de, Anja Seeliger)

Anja Seeliger nimmt den FAZ-Artikel "Schutzlos ausgeliefert im Internet" von Honorarprofessor Jan Hegemann Punkt für Punkt auseinander und ergänzt eigene Erfahrungen: "Wie oft haben wir in deutschen Feuilletons Artikel von ausländischen Autoren gelesen und festgestellt, dass es sich um eine Übernahme beispielsweise aus dem Guardian oder der NYRB handelt, ohne dass die Zeitung einen Hinweis darauf geliefert hätte? (…) Das Nichtnennen von Quellen ist eine Spezialität der deutschen Feuilletons, nicht des Internets."

4. "Facebook bringt schlechte Schulnoten, oder auch nicht"

(andreasvongunten.com)

Facebook schadet dem Schulerfolg” meldet tagesanzeiger.ch. Andreas Von Gunten hat sich auf die Suche nach der Quelle gemacht und dort keine Bestätigung der reisserischen Schlagzeile gelesen: "Karpinski betont, dass die Resultate nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Nutzung von Facebook zu tieferen Noten führe.”

5. "Ein Herz und eine 'Krone'"

(profil.at, Josef Barth, Gernot Bauer und Herbert Lackner)

Die österreichische Boulevardzeitung Kronen Zeitung wird 50, doch wer wird der Nachfolger des 88jährigen Hans Dichand? "Logischer Kandidat wäre Dichands zweitgeborener Sohn Christoph, 44, seit sechs Jahren Chefredakteur, ein gebildeter und sympathischer Mann. Zweifler verweisen allerdings auf den bedenkenswerten Umstand, dass sich selbst penible Beobachter nicht daran erinnern können, je eine Zeile aus der Feder des formellen Redaktionschefs der 'Krone' gelesen zu haben."

6. "Japanese bird cooking spaghetti"

(japanesebirdcookingspaghetti.com)

Ein japanischer Vogel kocht Teigwaren. Dazu braucht es natürlich eine eigene Website.

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