1. Apokalyptische Writer (uebermedien.de, Samira El Ouassil)
Samira El Ouassil kommentiert auf “Übermedien” den Weltuntergangs-Alarmismus vieler Medien angesichts des SPD-Mitgliederentscheids: “Der seltsam passiv-aggressive Sound der Stücke ist um keinen defätistischen Superlativ verlegen und klingt stellenweise, als sei man eingeschnappt darüber, dass die Wahl anders ausging, als vorhergesagt; kompensatorisch musste sie ins Katastropheske hinabgeschrieben werden.” (Dass der Text nicht, wie vorgesehen, hinter die Paywall gepackt wurde, ist übrigens der Vergesslichkeit eines der “Übermedien”-Verantwortlichen zu verdanken.)
2. TikToks Obergrenze für Behinderungen (netzpolitik.org, Chris Köver & Markus Reuter)
netzpolitik.org hat die Moderationsregeln des aus China stammenden Sozialen Videonetzwerks TikTok eingesehen und dabei allerlei besorgniserregende Besonderheiten festgestellt (Teil 1, Teil 2). Im aktuellen Beitrag geht es um den Umgang mit “Bildern von Subjekten, die hochgradig verwundbar für Cyberbullying sind” wegen ihrer “physischen oder mentalen Verfassung”. Der Versuch, Mobbing zu bekämpfen, habe bei TikTok bedeutet, dass man Videos von Menschen mit Behinderungen, aber auch Videos von queeren und dicken Nutzern und Nutzerinnen weniger oft angezeigt beziehungsweise sie “versteckt” habe.
3. “Wilde Kerle”, zahme Zahlen: Warum Sparer Kai Diekmanns “Zukunftsfonds” links liegen lassen (meedia.de, Gregory Lipinski)
Mehr als 20 Milliarden Euro wollten Ex-“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann und sein Geschäftspartner für ihren “Zukunftsfonds” einsammeln. Nach zwei Jahren sind es gerade mal 12 Millionen geworden. Eines von Diekmanns weiteren Projekten ist das Online-Finanzmagazin “Zaster”, das unabhängig vom “Zukunftsfonds” sein soll, es aber irgendwie doch nicht so ganz zu sein scheint.
4. Reporter entlassen (buzzfeed.com/de, Pascale Müller)
Wie “BuzzFeed News” berichtet, habe der Berliner “Tagesspiegel” einem Reporter gekündigt, dem mehrere Frauen vorgeworfen hatten, sie bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt zu haben. Der Reporter soll über Jahre hinweg seine Stellung gegenüber Praktikantinnen, Volontärinnen und freien Journalistinnen ausgenutzt haben. Zum Hintergrund siehe auch: Ein Reporter des “Tagesspiegel” soll Kolleginnen bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt haben (buzzfeed.com, Pascale Müller).
5. Wir fragen die Parteimitgliedschaft nicht ab. (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre von “Planet Interview” hat sich am Rand der ARD-Pressekonferenz mit dem ARD-Rundfunkratsvorsitzenden Lorenz Wolf unterhalten und ihn in bewährter Hartnäckigkeit dazu befragt, was es mit den Parteibüchern in den Rundfunkräten auf sich hat. Buhre hat dazu auch eine Liste erstellt (PDF), die zeigt, von welchen Mitgliedern des Rundfunkrats die Sender NDR und BR die Parteimitgliedschaft transparent machen und von welchen nicht.
6. Taub für die falschen Töne (faz.net, Harald Staun)
“FAZ”-Redakteur Harald Staun hat sich die für den Reporterpreis nominierten Arbeiten angesehen, den ersten Reporterpreis der Post-Relotius-Ära. Staun will gar nicht glauben, “wie taub die Jury immer noch für die falschen Töne ist, die sich schon von Ferne anhören wie das Detailgeklingel, welches Claas Relotius so perfekt beherrschte, bis in die Satzmelodie hinein”. Mittlerweile wurde der Reporterpreis vergeben, unter anderem an den “lautesten Text dieses Jahres”.
1. NDR erstattet Strafanzeige (tagesschau.de, John Goetz & Antonius Kempmann & Elena Kuch & Reiko Pinkert & Martin Kaul)
Wie sich herausstellt, wurde der WikiLeaks-Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London umfangreich und systematisch ausgespäht und abgehört. Mit im Visier: Alle seine Kontakte, Besucherinnen und Besucher, zu denen auch deutsche Journalisten gehörten. Unter den mutmaßlich betroffenen Journalisten sollen sich auch drei Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks befinden. Der NDR hat deshalb Strafanzeige erstattet. Nach Lektüre des Beitrags fühlt man sich an einen Politkrimi erinnert.
2. So links ist das Publikum von “Tagesschau” und “heute” wirklich (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Bedient der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland tatsächlich bevorzugt ein linkes Publikum, wie in zahlreichen Medien unter Bezug auf eine Studie zu lesen war? Nein, sagt Medienjournalist Stefan Niggemeier. Es handele sich um eine Fehlannahme, die wahrscheinlich auf die Fehlinterpretation einer Grafik zurück zu führen sei.
3. Der Troll vom Tegernsee (taz.de, Juri Sternburg)
Juri Sternburg beschäftigt sich mit der Vorgehensweise des “Welt”-Kolumnisten und “barocken Landschaftsgärtners der rechten Ideologien” Don Alphonso. Aufschlussreich sei auch das Verhalten des “Welt”-Chefs Ulf Poschardt, der bei Deutschlandfunk Kultur die Alphonso-Kritiker in einem Atemzug mit Despoten und faschistoiden Hetzern genannt habe. Sternburg kommentiert: “Deutschland und Springer 2019 bedeutet eben immer noch: Wer Hetzer kritisiert, wird selbst zu einem gemacht. Wer rechte Menschenfeinde bekämpfen möchte, dem werden die angeblich gleichen Methoden vorgeworfen. Und wer sich in seinem Blatt einen Rainer Meyer leistet, um vermeintlich die Meinungsfreiheit zu schützen, der ist mitverantwortlich für die für viele offenbar immer noch unvorstellbaren Auswüchse dieser Politik.”
4. Sportressort dicht, Textkorrektur automatisiert: Wie Springer die “Welt”-Gruppe weiter umbaut (meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Konzern steht vor einer gewaltigen Schrumpfungskur, zumindest im Bereich “News Media National”. Dort sollen 50 Millionen Euro eingespart werden. Allein der “Welt”-Gruppe werden voraussichtlich rund fünf Millionen Euro entzogen, was erhebliche Auswirkungen für Blatt und Onlineauftritt haben dürfte: Manche Ressorts werden zur Kostensenkung zusammengelegt, manche, wie das Sportressort, ganz dichtgemacht. Und bei der Textkorrektur soll zukünftig nur noch auf Maschinenintelligenz gesetzt werden.
5. Nach Kritik: Twitter ändert Pläne, Accounts zu löschen (heise.de, Eva-Maria Weiß)
Als Twitter unlängst ankündigte, inaktive Konten löschen und anderweitig vergeben zu wollen, regte sich vielfältiger Protest. Eine besonders häufig geäußerte Kritik betraf das damit einhergehende Verschwinden der Konten von Verstorbenen. Nun wolle Twitter seine Pläne ändern.
1. Der selbstgebaute Algorithmus (netzpolitik.org, Chris Köver)
Sind Googles Suchmaschinenalgorithmen wirklich objektiv und unbelastet von menschlichen Eingriffen, wie der Konzern gerne behauptet? Das “Wall Street Journal” habe daran seine Zweifel und begründe dies mit einer aktuellen Recherche. Google habe in den vergangenen Jahren immer wieder bewusst Einfluss auf die Suchergebnisse genommen. Teilweise mit Unterstützung von mehr als 10.000 Hilfskräften, sogenannten “Clickworkern”, die mit dazu beitrügen, die Suchergebnisse “sauber” zu halten.
2. Warum muss ich Sendungen bezahlen, wo Menschen in Kreuzfahrtschiffen um die Welt reisen? (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat sich mit René Ketterer, einem der Betreiber des Forums “GEZ-Boykott”, unterhalten. Natürlich geht es um den Rundfunkbeitrag und das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber auch um vertrauenswürdige Medien, die derzeitige Rechtsprechung und Ketterers “Intervall-Boykotte”. “Planet Interview”-typisch lesenswert und in die Tiefe gehend.
3. Triff mich ganz seriös auf TikTok (taz.de, Simon Sales Prado)
Die altehrwürdige “Tagesschau” ist ab heute auch auf der chinesischen Kurzvideoplattform TikTok vertreten und will dort ihre Meldungen an Mann und Frau beziehungsweise ans Kind bringen. TikTok steht seit Längerem wegen seiner Zensurmaßnahmen in der Kritik. Eine Kritik, die aber auch bei anderen Plattformen angebracht sei, wie Simon Sales Prado findet: “Man könnte deshalb auch fragen, was die “Tagesschau” von der Zensur weiblicher Nippel auf Instagram und Facebook hält oder wie sie zum Overblocking unbedenklicher Profile auf Twitter steht. Also, liebe “Tagesschau”?”
4. VoxUp: Das sind die Inhalte des neuen Senders (wuv.de, Lisa Priller-Gebhardt)
Anfang Dezember startet die Mediengruppe RTL ihren neuen Sender “VoxUp”. Lisa Priller-Gebhardt berichtet, was es mit dem neuen Vox-Spinoff auf sich hat, was es dort zu sehen geben wird, und wen die Senderverantwortlichen erreichen wollen.
5. Exklusiv und informativ (deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 5:20 Minuten)
Isabelle Klein hat sich mit dem Hauptstadtkorrespondenten Frank Capellan über Sinn und Zweck von Hintergrundgesprächen unterhalten, zu denen Unternehmer, Politiker, aber auch Behörden gelegentlich einladen. “Man ist immer wieder gut beraten, das Ganze zu hinterfragen und gegenzuchecken”, so Capellan. Trotzdem nutze er die Gesprächsangebote, weil sie oftmals Rechercheanstöße böten.
6. Jung und nicht naiv (kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die Wochenzeitung “Kontext” hat mit Youtuber und Podcaster Tilo Jung (“Jung und Naiv”, “Aufwachen!”-Podcast) gesprochen. Es geht um die Zukunft des werbefinanzierten Pressemodells, aber auch um die Frage, warum Jung fast alle Polit-Promis vor die Kamera bekommt: “Sahra Wagenknecht hat mir erzählt, dass ein ZDF-Team eineinhalb Stunden gebraucht habe, bis es ein 15-Sekunden-Statement im Kasten hatte. Bei mir kriegt sie eineinhalb Stunden, ungeschnitten, und Fragen gestellt, die auf der Augenhöhe von jungen Leuten liegen.”
1. Print wirbt: Burdas verlogener Kampf für das gedruckte Wort (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der Medienkonzern Burda hat eine Imagekampagne für das gedruckte Wort aufgesetzt, die fremdschämverdächtig zwischen Unverfrorenheit und Unverschämtheit mäandert. Ganz abgesehen von verstörend dümmlich klingenden Slogans und “interessanten” Behauptungen (laut Burda sei Print auch digital …). Stefan Niggemeier schreibt über die Kampagne eines Medienkonzerns, der schon oft durch sein schäbiges Verhalten aufgefallen ist und nun von Menschenrechten und Werten schwadroniert. Und dafür allerlei Prominente bis hin zum Bundestagspräsidenten einspannt.
2. So viel, so schnell, um uns herum (spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Das merkwürdige Manifest der neuen Eigentümer von Berliner Verlag und “Berliner Zeitung” Silke und Holger Friedrich beschäftigt weiterhin die Branche. Stefan Kuzmany kommentiert: “Jetzt gehört ihnen der Verlag und damit die Zeitung, und man darf annehmen, dass das der einzige Grund dafür ist, dass ihre “Berliner Botschaft” gedruckt wurde: Nackte Angst der ihnen nun untergebenen Journalistinnen und Journalisten. Niemand traute sich offenbar, die Chefs zu redigieren.” Zur Ehrenrettung der “Berliner Zeitung” muss man jedoch erwähnen, dass dort mittlerweile eine Art partielles Gegenstatement erschienen ist: Egon Krenz danken? Wohl eher nicht (berliner-zeitung.de, Frederik Bombosch).
3. Ulf Poschardt sagt zum Abschied laut Servus (deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 4:44 Minuten)
Der “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt hat sich mit großer Geste von Twitter verabschiedet, das er als einen “Brandbeschleuniger sowieso hitziger Debatten” bezeichnet. Ein Klima, zu dem er selbst viel beigetragen habe, wie Michael Borgers im Deutschlandfunk kommentiert. Oder um es mit den Worten des “6 vor 9”-Kurators zu sagen: “Nein, Ulf #Poschardt macht nicht “den Habeck”. Poschardt macht den 13-Jährigen, der aus Spaß Katzen am Schwanz zieht, in Ameisenhaufen pinkelt und Sachen kaputt macht, um sich zu spüren. Und der damit nicht aus Einsicht aufhört, sondern weil es ihn nicht mehr kickt.”
4. Die Videos und Fotos zu unserer Konferenz (netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Im September hielten die Kollegen und Kolleginnen von netzpolitik.org ihre sechste Konferenz in Berlin ab. Wer dort nicht dabei sein konnte, braucht nicht traurig sein: Ein Großteil der Talks wurde per Video aufgezeichnet.
5. Fakes über Belit Onay (tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
In der Stichwahl um das Amt des Hannoveraner Oberbürgermeisters konnte sich der Grünen-Politiker und Sohn türkischer Einwanderer Belit Onay durchsetzen. Anlass für rechte und ganz rechte Kreise, in den Sozialen Medien gegen ihn zu hetzen und allerlei Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen. Konstantin Kumpfmüller erklärt, mit welchen Falschbehauptungen und frisierten Belegen die Hetzer gegen Onay im Netz vorgehen.
6. Die beste Werbung? Donald Trump (sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
Der “New York Times” geht es wirtschaftlich so gut wie lange nicht, und das liegt wohl ausgerechnet an einem ihrer größten Feinde, dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump: Seit Beginn seiner Präsidentschaft verzeichnet das Blatt steigende Leserzahlen und gewinnt beständig neue Abonnentinnen und Abonnenten hinzu. Dank der üppig angewachsenen Cash-Reserven kann die “New York Times” nun sogar ihr Stammhaus zurückkaufen, von dem sie sich vor einiger Zeit aus wirtschaftlicher Not trennen musste.
Kaum ein Politikjournalist ist gerade in den Medien so präsent wie der stellvertretende Chefredakteur Politik der “Welt” Robin Alexander. Vor allem in Talkshows gibt er den Politik-Erklärer. Bei “Übermedien” hat Arno Frank den “Politischen Journalisten des Jahres” 2017 nach dessen Selbstverständnis und dessen Haltung befragt. Gleich mehrmals behauptet Alexander, dass seine persönliche Haltung keine Rolle spiele. Hier etwa:
Persönlich hältst du also Äquidistanz? Keine politischen Vorlieben?
Ich entscheide danach, welche Geschichte stimmt.
Oder ein paar Fragen später:
Also gar keine Versuchung, sozusagen selbst in dieses Rad zu greifen oder den Dingen eine andere Richtung zu geben?
Ich wüsste gar nicht, welche.
Nochmal:
Sagen, was ist?
So ist es.
Es muss aber doch auch eine Haltung geben, die hat doch jeder!
Der Journalismus liefert Informationen für die offene Gesellschaft. Haltungen gibt es auch anderswo.
An anderer Stelle im Interview beschreibt Alexander, wie er sich frei macht vom “Spin” im politischen Journalismus, also von den Versuchen der politischen Akteure, ein Thema in eine bestimmte Richtung zu drehen:
Du bekommst also eine SMS, wo der Fakt einen Spin hat. Dann fragst du ein paar andere Teilnehmer: “Wie haben Sie es gehört?” Zwei sagen so, drei sagen so. Und dann schreibst du: Die einen haben dies gehört, die anderen jenes.
Ich behaupte, dass Robin Alexander in diesem Interview unwidersprochen ziemlich viel Unsinn erzählt. Zumindest in bestimmten Politikgebieten offenbart er nicht nur eine eindeutige Haltung; er betreibt auch selbst ziemlich abgebrühtes Spinning. Er manipuliert, dreht sich Zitate, Zeitabläufe und Fakten so zurecht, dass diese seine Haltung unterstützen. Ich kann nicht beurteilen, wie symptomatisch das ist, ob er das generell so macht, also ob er bei seiner Arbeit notorisch manipuliert. Aber zumindest bei einem Thema kann ich das sehr gut beurteilen, weil ich Teil einer seiner Geschichten um dieses Thema bin. Und da es nicht irgendein Thema ist, sondern eines, das offensichtlich symptomatisch für seine Sicht auf den Hauptstadtjournalismus ist, möchte ich seinen Spin hier etwas geraderücken.
Alexander nutzt im Interview die Schilderung der medialen Berichterstattung um den Karnevalswitz von Annegret Kramp-Karrenbauer Anfang März dieses Jahres dazu, um eine grundsätzliche Aussage über das Funktionieren medialer Berichterstattung zu treffen:
Es sind darüber Artikel erschienen, die ihren Auftritt super fanden. Und zweieinhalb Tage später steht im Nollendorfblog ein Text von einem Autor, den ich gar nicht kenne, gegen den ich auch nichts habe, aber der erkennbar sauer auf Kramp-Karrenbauer ist.
Wegen des Witzes?
Eher, weil sie mal gegen die Ehe für alle war. Als fast alle in der CDU noch dagegen waren, by the way. Und dieser Autor schreibt sinngemäß, die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde. Was ich für eine sehr gewagte These halte. Ich habe nichts dagegen, dass das in irgendeinem Blog steht! Ich habe auch nichts dagegen, dass es in der “taz” steht. Was ich aber problematisch finde: Angesicht dieser Empörung vom Rand fallen in der Mitte nun alle, alle um und beginnen mit zweitägiger Verspätung, sich ebenfalls zu empören! Es ändert also der gesamte Betrieb wegen eines einzigen Empörten seine Meinung. Und das kann nicht sein.
Es mag kleinlich wirken, hier all die Dinge aufzuzählen, die an dieser Schilderung nicht stimmen. Aber die Sache, über die wir hier reden, ist keine Kleinigkeit. Einer der “wichtigsten Politik-Erklärer” (“Übermedien” über Robin Alexander bei Facebook) erklärt hier die Hintergründe einer Mediengeschichte, die laut seiner eigenen Einschätzung dazu geführt hat, dass eine der wichtigsten Politikerinnen und Politiker Deutschlands in der öffentlichen Wahrnehmung plötzlich völlig anders beurteilt wird. Und er erklärt sie eben falsch.
All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Für seinen “Nollendorfblog” bekam er eine Nominierung für den “Grimme Online Award”, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.
Also:
Es stimmt nicht, dass der von Alexander erwähnte Blogbeitrag mit dem von ihm erwähnten “1945”-Zitat die “Empörung” verursachte, sondern ein Facebook-Post von mir. Als der Blogbeitrag einen Tag nach diesem Facebook-Post erschien, war der Witz schon längst Thema in den aktuellen Medien. In vielen Berichten und Agenturmeldungen ist auch zu lesen, dass es eben nicht mein Blog war, sondern mein Facebook-Beitrag, der die Berichterstattung ins Rollen brachte. In diesem Posting spielt das von Alexander angeführte Zitat, das angeblich die Empörung verursachte, überhaupt keine Rolle — es kommt darin nicht vor.
Es stimmt nicht, was Alexander über das Zitat im Blog behauptet. Seine Aussage “dieser Autor schreibt sinngemäß, die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde” ist zumindest grob irreführend, auf jeden Fall aber manipulativ. Wie “Übermedien” nachträglich kenntlich machte, habe ich tatsächlich geschrieben: “Hat es das nach 1945 schon einmal gegeben, dass ein aussichtsreicher Bewerber, eine aussichtsreiche Bewerberin um das Kanzleramt so hemmungslos diese niederen Instinkte bedient?”
In meinem (wie gesagt: nach der “Empörung” geschriebenen) Blogbeitrag ging es also nicht um ganz Deutschland, sondern um potenzielle Kanzlerkandidatinnen und Kandidaten. Und es ging nicht um “das Schlimmste, was (…) gesagt wurde”, sondern um das Bedienen niederer Instinkte. Ich vertrete in dem Beitrag die These, dass selbst einem Franz Josef Strauß so etwas — also eine solche Äußerung wie die von Kramp-Karrenbauer — nicht passiert wäre, “dass dieser ein Niveau hatte, um eine Grenze wusste, die man nicht übertritt: Sich genau auf Kosten einer der Minderheiten zu profilieren, die aufgrund der Mißstände in dieser Gesellschaft besonders verletzlich ist. Und diese dann auch noch genau da zu bespotten, wo sie am verletzlichsten ist.”
Nun kann man diese These natürlich für Blödsinn halten, sie ablehnen und kritisieren. Aber mir einfach eine andere These zu unterstellen, zu behaupten, da stünde sinngemäß, “die Aussage von AKK sei das Schlimmste, was in Deutschland seit 1945 gesagt wurde”, ist so ziemlich das Gegenteil von “sagen, was ist”, also dem Leitsatz, dem sich Alexander nach eigener Aussage verpflichtet fühlt.
In einem Beitrag für die “Welt” hatte er sich vorher schon einmal an meinem Zitat abgearbeitet und damals sogar versucht, mir dieses aufgrund der Formulierung “seit 1945” als “Nazi-Vergleich” in Bezug auf Kramp-Karrenbauer unterzujubeln. Dass er zumindest diesen Punkt im Interview mit “Übermedien” nicht wiederholt, mag damit zu tun haben, dass ich ihn darauf hingewiesen hatte, wie er selbst die “seit 1945”-Formulierung benutzt. Etwa in einem Artikel für die “Welt” über den damaligen Unions-Fraktionschef Volker Kauder und das Thema Werbeverbot für Abtreibungen:
Kauder tat nicht, was jeder Vorsitzende jeder Fraktion seit 1945 in so einer Situation getan hätte: Auf den Koalitionsvertrag verweisen
(Hervorhebung durch den Autor.)
Es stimmt nicht, was Robin Alexander über meine Kritik an Kramp-Karrenbauers Position zur Ehe für alle behauptet. Seine Aussage im “Übermedien”-Interview, mit der er meine Motivation, mich über den Karnevalswitz aufzuregen, zu erklären versucht, ist ebenfalls eine ziemlich dreiste Verdrehung: Ich sei ein Autor, der “erkennbar sauer” auf die CDU-Parteivorsitzende sei, “eher, weil sie mal gegen die Ehe für alle war.” Ich habe sehr erkennbar Annegret Kramp-Karrenbauer nie dafür kritisiert, dass sie gegen die Eheöffnung war, sondern immer dafür, wie sie diese Haltung begründet hat. Und ich habe deutlich gemacht, dass die Position selbst in der CDU eine extreme gewesen ist.
Es stimmt deshalb auch nicht, wenn Robin Alexander behauptet, dass “sie mal gegen die Ehe für alle war. Als fast alle in der CDU noch dagegen waren, by the way“, auch weil Kramp-Karrenbauer ihre grundsätzliche Position zur Ehe für alle nie revidiert hat. Sogar im September noch, auf mehrmalige Nachfrage, ob sie “ihren Frieden” mit der Eheöffnung gemacht habe, wollte sie dieses nicht bejahen und gab lediglich zu Protokoll, die gesetzlichen Bestimmungen hierzu durchsetzen zu wollen.
Es stimmt nicht, wenn Robin Alexander sagt: “Es ändert also der gesamte Betrieb wegen eines einzigen Empörten seine Meinung.” Bevor der “gesamte Betrieb”, also die nicht-queeren Medien über das Thema berichteten, taten das die wichtigsten queeren Medien, als erstes das Online-Portal queer.de, dessen Reichweite in der LGBTI-Community enorm ist und das im Nachrichtensektor als das unbestrittene Leitmedium gilt. Noch am selben Tag meines Facebook-Posts, also bevor “der gesamte Betrieb” losging, hatten sich bereits der queerpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion Sven Lehmann und Berlins Kultursenator Klaus Lederer kritisch zu Kramp-Karrenbauers Witz geäußert. Es stimmt, dass der Witz vor meinem Facebook-Post untergegangen war. Aber als ich ihn in dem Sozialen Netzwerk dann öffentlich machte, war die Reaktion fast der gesamten Community die gleiche: Dass es sich um eine krasse Grenzüberschreitung auf Kosten von Minderheiten handele und dass man diese einer potenziellen Kanzlerkandidatin nicht durchgehen lassen dürfe.
Problematisch finde ich nicht nur, dass und wie Robin Alexander in dieser Sache die Fakten verdreht. Problematischer noch finde ich, dass hinter all dem eben doch eine Haltung, eine politische Agenda steckt, die er hier versucht, als neutrale Faktenberichterstattung zu camouflieren. Er desinformiert nicht nur, er propagiert eine politische Position und erklärt diejenigen, die diese Position nicht vertreten, zum “Rand”. Denn natürlich kann man der Meinung sein, ein solcher Witz einer möglichen Kanzlerkandidatin sei nicht so schlimm und verdiene nicht diese Aufmerksamkeit. Aber das ist eben eine Haltung. Und so zu tun, als stamme die Aufregung darüber nur von einem Einzelnen, ist nicht nur falsch, sondern Propaganda.
Alexanders Gesamterzählung ist eine Art Täter-Opfer-Umkehr. Er verbindet sie mit der Kritik an Kramp-Karrenbauers Position zur Ehe für alle und erweckt so den Anschein, dass die CDU-Politikerin ohne triftige Gründe angegangen wurde. Deshalb zur Erinnerung: Kramp-Karrenbauer argumentierte nicht wie “fast alle in der CDU”. Sie hat bis heute ihrer Aussage, hinsichtlich der Ehe für alle müsse man im Blick behalten, “dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert”, nicht widersprochen. Sie suggeriert also, dass die gleichen Rechte für eine Minderheit eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Auch das muss man nicht problematisch finden. Aber es ist eben eine Haltung, es nicht problematisch zu finden. Und die, die es problematisch finden, zum gesellschaftlichen “Rand” zu erklären, ist es ebenfalls.
Falsch ist auch Alexanders Behauptung: “Angesicht dieser Empörung vom Rand fallen in der Mitte nun alle, alle um und beginnen mit zweitägiger Verspätung, sich ebenfalls zu empören!” Denn natürlich war es nicht so, dass “alle” “umgefallen” sind. Ja, es gab eine breite Berichterstattung, aber dieKommentierungwarhöchstunterschiedlich. Hinter der Formulierung, alle seien umgefallen, steckt die Unterstellung, Medien seien hier vor homosexueller Meinungsmacht eingeknickt. Dabei hat sich ein beachtlicher Teil der veröffentlichten Meinung eben nicht über Kramp-Karrenbauer empört, sondern über dieihrerMeinungnachungerechtfertigteEmpörung.
Alexander spinnt sich hier eine Geschichte zurecht, die zwar vorgeblich nur einen Homosexuellen, tatsächlich aber einen Großteil der queeren Community an den “Rand” stellt. Dabei lässt er so ziemlich alle journalistischen Grundsätze sausen, die er an gleicher Stelle für sich proklamiert. Er prangert eine angeblich maßlose Empörung an, aber in Wahrheit ist er es, der maßlos an den Fakten herumbastelt, so, dass man sich möglichst gut über sie empören kann. Wenn Robin Alexander wirklich einer der wichtigsten deutschen Politik-Erklärer ist, dann sollte man sich um die Politik-Erklärerei in Deutschland wirklich Sorgen machen.
1. Wirbel um Flugreisen an Schulen in Hamburg (t-online.de, Tim Ende)
Werden an Hamburger Schulen tatsächlich zu viele Klassenfahrten mit dem Flugzeug unternommen, wie “Bild” mit einem Verweis auf die Schulbehörde berichtete? Es ist zumindest nicht die ganze Wahrheit, wie Tim Ende auf t-online.de schreibt. So handele es sich bei einer der kritisierten Schulen beispielsweise um eine interkulturelle Schule, und viele Flüge seien Austauschprogrammen geschuldet. “Wenn es zeitlich geht, nehmen wir die Bahn, zum Beispiel nach Kopenhagen oder Sylt”, so der Schulleiter. “Aber nach Shanghai oder Neu-Dehli, wo wir einen Austausch pflegen, geht es nicht anders. Wir können keine tagelangen Bahnreisen dorthin unternehmen.”
2. Bundesregierung will Whistleblower schützen lassen (sportschau.de, Anne Armbrecht & Hajo Seppelt)
Bei der ARD-Dopingredaktion ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Whistleblowerschutz im Sport aufgetaucht. Anne Armbrecht und Hajo Seppelt haben sich angeschaut, was dort geschrieben und was dort vor allem nicht geschrieben steht.
3. “Bild” findet den deutschen Rechtsstaat unerträglich (uebermedien.de, Eckhard Stengel)
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entscheidet demnächst über den Asylantrag eines in Abschiebehaft sitzenden, mehrfach vorbestraften Mitglieds eines kurdisch-libanesischen Clans aus Bremen. Für “Bild” eine unerträgliche Vorstellung. Die Redaktion wolle aus dem Rechtsstaat Deutschland lieber einen “Ruckzuck-Staat” machen, so Eckhard Stengel in seiner Aufarbeitung des Falls.
4. Leugnen, Twittern, Panik schieben? Klimadebatten im Netz sind vielschichtiger als ihr Ruf (berlinergazette.de, Sabine Niederer)
Onlinedebatten zum Klimawandel haben in erheblichem Umfang zur Bewusstwerdung des Problems und der Entstehung einer Bewegung beigetragen. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Niederer beobachtet seit mehr als zehn Jahren diese Entwicklung und weiß um Auslöser und Verstärker. Dabei geht es ausdrücklich um beide Seiten, also auch um die Klimawandelleugner und “Klimaskeptiker”.
5. Die CDU hat mich nicht verklagt (zeit.de, Rezo)
In seiner aktuellen Kolumne beschäftigt sich Rezo mit der Art und Weise, wie die AfD das Thema Meinungsfreiheit für sich ausbeutet, eine angebliche Bedrohung herbeikonstruiert, und wie Medien darauf reinfallen: “Wenn große Zeitungen auf ihre Titelseiten nun Slogans wie “Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr?” schreiben und dann das Tun und Lassen der AfD in einen Kontext setzen mit der Tatsache, dass Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke von Antifa-Aktivistinnen gestört werden, kann man natürlich behaupten, dass man doch nur eine spannende Frage in den Raum stellt. Aber der Effekt ist, dass sich nun ein paar mehr Leser fragen, ob sie noch alles sagen dürfen und ob die über 20 Prozent Feinde der Meinungsfreiheit, die nun aus einigen Landtagen heraus die Verrohung der Debatte betreiben, nur ein Problem unter vielen sind.”
6. “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert” (deutschlandfunk.de, Sinje Stadtlich, Audio: 4:47 Minuten)
Neue Studien belegen den verzerrten Blick von US-Medien auf das Thema Abtreibung. Teilweise werde mit hanebüchenen Falschbehauptungen und Zuspitzungen operiert, um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen. Der Deutschlandfunk zitiert die Forscherin Katie Woodruff von der University of California mit den Worten: “Das amerikanische Publikum ist fürchterlich falsch informiert über Abtreibungen. Unsere Medienlandschaft ist — wie unsere Politik — extrem parteiisch und gespalten. Und Fox News erzählt seinen Zuschauern die Geschichte, die sie hören wollen. Eine Geschichte von Bedrohung, Zwang und allen möglichen düsteren Praktiken, von denen keine einzige in diesem Land wirklich stattfindet.” Leider werden die Studienergebnisse wohl geringe Auswirkungen haben, denn keines der großen US-Medienhäuser habe darüber berichtet.
1. Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen) (dirkvongehlen.de)
“Wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.” Als Beispiel für die “Ambiguität der Aufmerksamkeit” führt Dirk von Gehlen die kalkulierte Vorwärts-Verteidigung der Relotius-Anwälte an: “Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.” Von Gehlen erklärt den dahinterstehenden Spin, und warum wir kein zweites Mal auf Relotius hereinfallen sollten.
Weiterer Lesehinweis: Laura Hertreiter fragt in der “Süddeutschen Zeitung”: Wie heldenhaft muss Juan Moreno eigentlich sein? “Das Bedürfnis scheint in weiten Teilen des Publikums groß zu sein, ihn entweder als Supermann oder als Gestrauchelten zu sehen. Es ist dasselbe Bedürfnis, das die Hochglanzgeschichten des Claas Relotius so erfolgreich gemacht hat: weil sie die Welt so wunderbar in richtig und falsch, gut und böse, wahr und unwahr sortieren, weil sie keine Fragen und Brüche zulassen.”
2. MDR überdenkt Zusammenarbeit mit Uwe Steimle (spiegel.de)
Der sächsische Komiker und Kabarettist Uwe Steimle macht seit einiger Zeit durch rechtspopulistischen Äußerungen und Provokationen auf sich aufmerksam. Bislang hielt der MDR stets zu seinem Hauskabarettisten (“Steimles Welt”). Damit könnte es jedoch bald ein Ende haben. Der Sender wolle laut “Spiegel” die Zusammenarbeit überdenken: “Es ist eine Grenze überschritten, wenn uns jemand in die Nähe des Staatsfernsehens rückt”, so MDR-Intendantin Carola Wille.
Weiterer Lesetipp: Bei Tagesspiegel.de kommentiert Joachim Huber: “Uwe Steimle ist ein Kann-Fall. Ja, der MDR kann ihn beschäftigen. Seine Tragbarkeit folgt keinen festgefügten Maßstäben, sie muss stets neu verhandelt werden. Was nicht verhandelbar ist: Der MDR muss den freien Mitarbeiter rausschmeißen, wenn diese Behauptung zur Gewissheit wird: Uwe Steimle ist ein Antisemit.”
3. Verzerrungen und Vorurteile – eine kritische Rezension zu Constantin Schreibers “Kinder des Koran” (disorient.de, Jan Altaner)
Auf “dis:orient” schreiben unabhängige Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Aktivistinnen und Aktivisten über die Geschehnisse und Entwicklungen in den Ländern Westasiens und Nordafrikas. In der aktuellen Rezension des Buchs “Kinder des Koran. Was muslimische Schüler lernen” (Autor des Buchs: Constantin Schreiber) werden schwere Vorwürfe erhoben: Schreibers Analyse sei “ungenau, verzerrend und bisweilen faktisch falsch und verbreite xeno- und islamophobe Positionen, Stereotype und Diskurse”. Rezensent Jan Altaner hat viel Mühe für die Beweisführung aufgewandt und eine weitere, noch ausführlichere Langversion verfasst. PS: Sollte ein Statement bzw. eine Antwort von Constantin Schreiber vorliegen, werden wir es hier verlinken.
4. Worte, die vergiften (sueddeutsche.de, Carolin Emcke)
Carolin Emcke beschäftigt sich in ihrer Kolumne mit dem oft verwendeten Begriff der “politischen Korrektheit”. Dabei handele es sich um “das Morsezeichen der Denkfaulen, mit dem sich reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte.” Emcke lenkt den Blick auf die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sonntagsreden und gelebtem Alltag: “All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet.”
5. Die verrückte Sucht nach Schönheit (rnd.de, Julia Rathcke & Imre Grimm)
Im Selfie-Zeitalter von Instagram und Co. geht es um das Ausstellen der eigenen Schönheit und die mitunter unschönen Folgen: Immer mehr junge Menschen wollen sich Schönheits-OPs unterziehen. In den Sozialen Medien machen Influencerinnen und Influencer mal mehr und mal weniger direkt Werbung für Eingriffe und Kliniken. Julia Rathcke und Imre Grimm schreiben über den Schönheitswahn der Ära Instagram, erzählen, was alles schiefgehen kann, und diskutieren die bestehende und geplante Gesetzeslage.
Weiterer Lesetipp: Imre Grimm hat mit dem Mediziner Burkard Jäger (Fachgebiet Essstörungen) über den “Fetisch Schönheit” gesprochen, der auch im Fernsehen allgegenwärtig sei: “Was sicher nicht hilft, sind Sendungen wie “Germany’s Next Topmodel”, wo Essstörungen direkt promotet werden. Das ist eine Katastrophe. Da macht sich Heidi Klum schuldig, ohne jeden Zweifel.”
6. Der Flat White unter Deutschlands trüben Showtassen (dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff hält den Entertainer und Comedian Luke Mockridge für zu nett: “Möglicherweise braucht es aber ein bisschen mehr, wenn man herausfallen will aus der Riege der Durchschnittlichen. Bei Tante Ursulas Geburtstag wäre er bestimmt eine Stimmungsbombe, denn er kann gut risikofreies Entertainment, glutenfrei, vegan und auch für laktoseintolerante tolerabel. Man ahnt bei ihm immer, was kommt, und das kommt dann auch. Unter den trüben Showtassen in Deutschland ist er der Flat White, schön warm, aber nicht geschäumt.”
Zusätzlicher Gucktipp: Stefan Niggemeier hat sich die erste “Abendshow” von Ingmar Stadelmann im rbb angeschaut. Ein Akt der Aufopferung, den Niggemeier zu einem unterhaltsamen, wenn auch etwas schmerzhaften Video zusammengeschnitten hat: “Sieben Humor-Hacks von Ingmar Stadelmann” (uebermedien.de, Video: 3:46 Minuten).
1. “Stellt mir nicht solche Fragen”: Peter Handke kritisiert Medien (kurier.at, Georg Leyrer)
Der Nobelpreisträger Peter Handke will “nie wieder” Journalistenfragen beantworten. Das hat etwas mit der öffentlichen Kritik an ihm, aber auch mit einem Gartentor, Homer und Cervantes zu tun: “Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen”.
2. Die Gutsherren legen die Axt an (kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Bei der Südwestdeutschen Medienholding sollen tiefe Einschnitte anstehen: Gleich vier Redaktionen sollen geschlossen werden. Das wird einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Job kosten, wie “Kontext”-Autor Josef-Otto Freudenreich nach einem Gespräch mit einem Verdi-Vertreter befürchtet: “Die Gewerkschaft spricht von 40 bis 45 Stellen, die in der 270-köpfigen StZN-Redaktion gestrichen werden sollen. Als sicher gelte, dass in einem ersten Schritt die Außenredaktionen in Esslingen, Böblingen, Waiblingen und Göppingen geschlossen werden. Nach Kontext-Informationen müssen StZ [“Stuttgarter Zeitung”] und StN [“Stuttgarter Nachrichten”] auch jeweils drei ihrer zwölf sogenannten Exklusiv-Autoren einsparen.”
3. Das sind Twitters neue Regeln für Staatschefs (spiegel.de)
In einem Blogpost will Kurznachrichtendienst Twitter “klarstellen, dass die Accounts von politischen Führungspersonen nicht komplett über unseren Regeln stehen”. Die entscheidende Formulierung ist dabei das “nicht komplett”, denn man lässt den Staatslenkern dennoch eine Menge durchgehen und wählt als Sanktion, außer bei Extremfällen, höchstens eine Einschränkung der Verbreitung.
4. “Bild TV” ist das Volk (deutschlandfunk.de, Arno Orzessek, Audio: 4:17 Minuten)
Der Axel-Springer-Konzern will mit “Bild TV” noch stärker ins Fernsehgeschäft einsteigen. Arno Orzessek hat verfolgt, was “Bild”-Boss Julian Reichelt zu dem Thema gesagt hat und ist sich sicher: “Falls “Bild TV” ein ähnliches Bild vom Erleben der Menschen abbildet wie die “Bild”-Zeitung, und Sie zu diesen Menschen gehören, dann werden Sie entdecken: Sie sind voller Ressentiments! Sie verleumden, wenn es Ihnen passt! Sie nehmen es mit den Fakten nicht so genau! Sie mischen sich in Dinge ein, die Sie nichts angehen. Und so weiter.”
5. Jan Hofer: “Vertrautheit schafft Vertrauen” (haz.de, Imre Grimm)
Imre Grimm hat sich mit der “Tagesschau”-Institution Jan Hofer unterhalten. Der 69-jährige Chefsprecher arbeitet dort seit stolzen 34 Jahren und weiß daher gut über die Konstanten und Wechsel im Nachrichtenbusiness Bescheid. Im Gespräch geht es nicht nur um die Sendung, sondern auch ihre Auswirkungen auf sein Privatleben: “Ich passe höllisch auf, dass meine Kinder nicht in die Presse kommen. Aber wenn es bei mir privat nicht so gut läuft, habe ich wochenlang die Boulevard-Typen vor der Tür stehen. Das ist alles nicht so angenehm. Damit muss man aber fertig werden.”
Weiterer Lesetipp: Grimm hat auch die “Tagesschau” besucht und dabei “ins Herz einer deutschen TV-Institution” geblickt.
6. 40 Jahre TITANIC – 40 Jahre zufriedene Leser Teil 1 (youtube.com, Caricatura – Museum für Komische Kunst, Video: 2:55 Minuten)
“Titanic”-Titelbilder lösen nicht immer vorbehaltlose Zustimmung aus, um es vorsichtig auszudrücken. In einem kurzen Video tragen Redakteurinnen und Redakteure des Satire-Magazins Zuschriften von Leserinnen und Lesern vor, die emotional besonders aufgewühlt waren.
1. Dubiose Zeitschrift macht Wahlwerbung in Thüringen (t-online.de, Jonas Mueller-Töwe & Sarah Thust & Jan-Henrik Wiebe)
Reporter von t-online.de wollten wissen, wer hinter einer Wahlkampfzeitschrift in Thüringen steckt. Das Impressum gab darüber keine echte Auskunft. Nach einiger Recherchearbeit lichtete sich der Nebel: “Bei dem Herausgeber der Zeitschrift handelt es sich also zusammenfassend um eine Gruppierung mit unklarer Rechtsform und virtueller Adresse im Impressum, die sie laut Anbieter fälschlicherweise als ladungsfähige Adresse angibt. Trotz angeblich überparteilicher Ausrichtung sind die Autoren rechte Publizisten. Fragen zur Finanzierung der Auflage mit angeblich 500.000 Exemplaren will Sprecher Vollenweider nicht beantworten. Ist das Blatt nach zahlreichen Spendenskandalen der Partei eine erneute intransparente Wahlkampfhilfe für die AfD?”
2. Wir lassen das nicht stehen (spiegel.de, Jonas Leppin)
In der ARD-Talkshow “Hart aber fair” wurde eine antisemitische Zuschauermail vorgelesen, die von Moderator Frank Plasberg mit den Worten “Wir lassen das einfach mal stehen” kommentiert wurde. Jonas Leppin kritisiert diese Vorgehensweise: “Mag sein, dass es ein redaktionelles Konzept ist, Zuschauermails unkommentiert zu lassen. Dann ist es ein schlechtes Konzept. Es wäre Aufgabe von Frank Plasberg gewesen, als Moderator diesen Kommentar einzuordnen. Ihn zu dechiffrieren und nicht so zu tun, als wäre Antisemitismus eine durchaus interessante Perspektive, die als eine von vielen die Diskussionsrunde bereichert.”
3. 380 Euro pro Stunde für Abwehr von Presseanfragen (lto.de, Markus Sehl)
Einige Behörden und Ministerien beantworten Presseanfragen nicht selbst, sondern übergeben sie dem Rechtsanwalt. Und damit ist nicht etwa der hauseigene Justitiar gemeint, sondern externe Kanzleien, die sich ihre Dienste teuer bezahlen lassen: Zwischen 250 und 380 Euro pro Stunde geben Ministerien dafür aus, dass andere ihnen die lästigen Presseanfragen vom Hals halten. Das meiste Geld für juristische Türsteher investiert übrigens das Bundesamt für Verfassungsschutz.
4. Kommt die Swiss ID als gemeinsames Medien-Login der Schweizer Verlage? (medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Die großen Schweizer Verlage haben sich zu einer Digital-Allianz zusammengetan. Das Ziel: Die gemeinsame Etablierung einer verlagsübergreifenden Login-Pflicht für Onlineinhalte. Leserinnen und Leser sollen sich nach einer einmaligen Registrierung bei allen Medienmarken der beteiligten Unternehmen einloggen können. Als Basis soll die sogenannte “Swiss-ID” dienen, und das ist äußerst umstritten. Nick Lüthi kommentiert: “Wenn die Swiss Sign Group ihren Ruf als vertrauenswürdiger Login-Anbieter wahren will, dürfte sie ihre Swiss ID eigentlich nicht den Medien anbieten — erst recht nicht, wenn das Konsortium in Zukunft die elektronische Identitätskarte herausgeben will.”
5. Lieber Dieter Nuhr … (facebook.com, Joshua Ben)
Satire darf alles, so heißt es manchmal. Gefährlich wird es jedoch, wenn Satire mit falschen oder ungeeigneten Zahlen operiert und Fakten verdreht, um Gags zu konstruieren. Joshua Ben erklärt dem Kabarettisten Dieter Nuhr die tatsächliche Datenlage und schließt mit den Worten: “Entschuldige, dass ich die Aussagen bei Deinen Auftritten so ernst genommen habe. Ich konnte ja nicht ahnen, wie egal Dir die tatsächlichen Daten sind. Aber kannst Du mir einen Gefallen tun? Berufe Dich doch bitte nicht andauernd auf Wissenschaftler, wenn Du offensichtlich nicht den blassesten Schimmer hast, was die Wissenschaftler (und #FFF) überhaupt empfehlen oder fordern.”
Weiterer Lesehinweis: Der “6 vor 9”-Kurator hat auf die Zusammenarbeit von Dieter Nuhr und Alice Schwarzers “Emma” mit diesem Rant reagiert.
6. Klatschtrottel vergiften Schönebergers Ehe (uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Hätten Sie das Zeug, Redakteurin oder Redakteur bei der Regenbogenpresse zu werden? Finden Sie es heraus! Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen, eine titelseitentaugliche Schlagzeile daraus zu basteln.”
1. Dlf-Chefredakteurin: “Wir müssen die Instrumente schärfen” (deutschlandfunk.de, Mirjam Kid, Audio: 6:04 Minuten)
Mehr als zwanzig Jahre lang hat ein freier Mitarbeiter des Deutschlandradios Radiobeiträge geliefert, die teilweise nicht sauber produziert waren (siehe Beitrag auf “Übermedien”, Abo nötig). So habe er sich an fremdem Audiomaterial bedient und den Eindruck erweckt, er sei vor Ort gewesen. Mirjam Kid hat sich mit Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunk, über den Fall und seine Konsequenzen unterhalten.
2. Editorial: Weißraum statt Höcke-Interview (thueringer-allgemeine.de, Jan Hollitzer)
Nachdem der AfD-Politiker Björn Höcke ein bereits zugesagtes Interview wieder abgesagt hat, hat sich die “Thüringer Allgemeine” zu einem ungewöhnlichen, aber konsequenten Schritt entschlossen: “Da wir allen Parteien und Spitzenkandidaten der im Landtag vertretenen Parteien plus der FDP den gleichen Platz für Interviews und die gleiche Aufmerksamkeit einräumen, bleibt der für Björn Höcke eingeplante Raum leer.”
3. Verfassungsbeschwerde gegen Adblocker abgelehnt (golem.de, Friedhelm Greis)
Seit Jahren zofft sich der Axel-Springer-Verlag mit dem Adblock-Plus-Hersteller Eyeo. Nun hat der Medienkonzern eine weitere juristische Niederlage hinnehmen müssen: Seine Beschwerde gegen ein Urteil des Bundesgerichtshofs sei vom Bundesverfassungsgericht nicht zur Entscheidung angenommen worden. Doch der Kampf gehe weiter: Nachdem Springer mit seiner wettbewerbsrechtlichen Verfassungsbeschwerde nicht durchgedrungen sei, habe das Unternehmen Urheberrechtsklage beim Landgericht Hamburg eingereicht.
4. Die Berichte zum Fünffach-Mord in Kitzbühel zeigen, wie falsch Medien über Femizide schreiben (vice.com, Alexandra Stanic)
Wenn Medien über Morde an Frauen schreiben, ist oft von einer “Beziehungstat” oder einem “Eifersuchts-” beziehungsweise “Familiendrama” die Rede. Eine aus verschiedenen Gründen unangemessene Wortwahl, wie Alexandra Stanic betont: “Wenn ein Mann seine Partnerin ermordet, ist das niemals ein “Beziehungsdrama” und auch keine “Familien-Tragödie”: Es ist Mord. Gerade Journalisten und Journalistinnen müssen ihre Worte mit großer Vorsicht auswählen. Sprache bildet Alltag.”
5. Eine Wunschliste für von der Leyen (sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Viele Journalistinnen und Journalisten, die über die Europäische Union berichten, seien unzufrieden mit den werktäglichen Pressekonferenzen der EU-Kommission. Nun haben sie eine “Wunschliste” an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geschickt. Ein Kernpunkt: “Tatsachenbasierte Information über die Arbeit der Kommission muss wichtiger sein als politischer Spin.” Außerdem beklagen die Journalistinnen und Journalisten, dass relevante Dokumente häufig nur Minuten vor der Pressekonferenz verteilt würden und keine Zeit zur vorbereitenden Lektüre bleibe.
6. Wundersame Welt (journalist-magazin.de, Thilo Komma-Pöllath)
Thilo Komma-Pöllath wirft einen Blick auf das wirtschaftlich einträgliche Multitasking des beliebten Fußballjournalisten Arnd Zeigler und kommentiert: “Dass man es, wie Zeigler, zum “Sportjournalisten des Jahres” bringen kann, wenn man sich gleichzeitig von einem öffentlichen-rechtlichen Sender, von den Profiklubs (Zeigler ist auch Stadionsprecher beim SV Werder Bremen) und den großen Fußballsponsoren (Audi) bezahlen lässt, macht das ganze Dilemma einer unabhängigen, kritischen Berichterstattung deutlich.”
PS: Dem Beitrag hätte ein Hinweis gut getan, dass Komma-Pöllath laut eigener Homepage bei Eurosport.de als “Der LIGAstheniker” das wöchentliche Fußballgeschehen glossiert und gewissermaßen Kollege und Konkurrent Zeiglers ist. Nachtrag: Das Magazin “journalist” hat den Autorenkasten um einen entsprechenden Hinweis ergänzt. Nachtrag, 9. Oktober: Mittlerweile hat sich auch der WDR zu dem Fall geäußert: “Da Arnd Zeigler selbstständiger Autor und Moderator ist, steht es ihm frei, neben seiner Tätigkeit für den WDR auch andere Aufträge anzunehmen. Wichtig ist aber, dass bei den angesprochenen Veranstaltungen kein originäres WDR-Logo zum Einsatz kommt, sondern das Logo von “Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs”. Dieses ist — ebenso wie der Titel der Sendung — die Idee von Arnd Zeigler, mit der er damals auf den WDR zugegangen ist. Somit steht es ihm zu, auch jenseits der Sendung damit zu arbeiten.”