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Der Anschlag von Berlin und die Medien

Vor knapp fünf Stunden, als bekannt wurde, dass die Berliner Polizei daran zweifele, gestern Abend den Richtigen festgenommen zu haben, sagte ein Moderator von „N24“ sinngemäß: Da sehe man mal, was passieren könne, wenn man ungeprüft Dinge verbreite.

Oh ja. Und die Berichterstattung gestern und heute zum Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zeigt einmal mehr, wie heftig Journalisten in solchen Extremsituationen, die dann auch zu medialen Extremsituationen werden, Gerüchten hinterherjagen, sie in die Welt setzen und am Ende doch wieder zurückrudern müssen.

Man könnte an den vielen Artikeln und Live-Streams und TV-Beiträgen rund um das Geschehen am Breitscheidplatz sicher einiges kritisieren. Da wäre zum Beispiel ein Reporter der „Berliner Morgenpost“, der über Facebook Livebilder von Opfern und Helfern zeigte, obwohl die Berliner Polizei explizit darum gebeten hatte, dies nicht zu tun. Einige TV-Sender sollen ähnliche Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt verbreitet haben, mit Zooms auf Opfer, die gerade behandelt wurden. Die „Berliner Morgenpost“ hat ihr Video inzwischen gelöscht.

Oder diese Bitte der Polizei …

… die Bild.de nicht im Geringsten interessierte:

Bleiben wir aber mal bei dem einstigen Tatverdächtigen, der gerade erst wieder von der Polizei freigelassen wurde, und den Berichten über ihn. Die Spekulationen, Mutmaßungen und Ratereien über ihn zeigen, wie hysterisch Medien agieren, wie sie Halbwissen herausposaunen, sich widersprechen.

Um 23:16 Uhr verkündete Welt.de, dass es sich bei dem angeblichen Täter um einen Tschetschenen handele:

„Unbestätigte Informationen“, soso. Sowieso war Welt.de gestern und heute immer ganz vorne mit dabei, wenn es Neuigkeiten gab — egal, ob diese nun richtig oder falsch waren. Nur 16 Minuten nach der Tschetschenen-Meldung tauchten die nächste „unbestätigten Informationen“ bei Welt.de auf:

Da war das Gerücht mit dem Tschetschenen aber schon raus und bei anderen Portalen aufgetaucht, auch weil „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt die Falschinformation seines Teams über den Twitter-Account des „Zeit Magazins“ verbreitete, wo er momentan Gast-Twitterer ist. Der Tweet des „Zeit Magazins“ ist inzwischen gelöscht. Die Journalistin Lena Niethammer hat das Ganze aber dokumentiert:

Um 1:24 Uhr brachte das Onlineteam der „Berliner Zeitung“ die nächste Nationalität ins Spiel:


Bild.de übernahm dann sowohl Pakistan als auch Afghanistan als Herkunftsland und erklärte den Festgenommenen direkt zum „Todes-Fahrer von Berlin“:

Die Onlineredaktion der „B.Z.“ machte den Verdächtigen ebenfalls schon zum „Täter“ und produzierte diese merkwürdige Überschrift:

Als heute, am frühen Nachmittag, bekannt wurde, dass die Ermittler sich nicht mehr so recht sicher seien, ob der festgenommene Mann aus Pakistan tatsächlich der Fahrer des Lkw ist, hatten zahlreiche Medien schon etliche Informationen über ihn verbreitet: Alter, Herkunft, dass er als Flüchtling gekommen sei, wo und wann er die Grenze nach Deutschland übertreten habe. Jetzt, wo es so scheint, als habe er nichts mit der Tat zu tun, stellt es sich als großes Glück heraus, dass bisher kein Foto von ihm veröffentlicht wurde.

In der Zwischenzeit haben auch die Medien Zweifel bekommen. Völlig egal, dass sie vorher schon vermeldet haben, dass der Verdächtige auch der Täter sei. Hier zum Beispiel Bild.de:


Das Gegenteil von all dieser Hysterie und dem Gerüchtehinterherlaufen wäre: abwarten, die ermittelnden Behörden ihre Arbeit machen lassen, dann berichten, wenn es gesicherte Fakten gibt. Das machen viele Redaktionen auch. Zu viele aber auch nicht. „Zeit“-Journalist Yassin Musharbash schlägt vor: „An einem Tag wie diesem heißt es geduldig sein.“

*Nachtrag, 21. Dezember: Ziemlich früh nach den ersten Meldungen zum Vorfall am Breitscheidplatz nannte die „heute“-Redaktion des „ZDF“ bei Twitter den eigentlichen Fahrer des Lkw aus Polen als Verursacher. Die Redaktion bezog sich dabei auf eine angebliche Feuerwehrmeldung:

Wenige Minuten später schickte das „ZDF“-Team eine Korrektur raus:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Martenstein, ein Opfer seiner selbst

Harald Martenstein, der Franz Josef Wagner vom „Zeit Magazin“, wäre in seiner Schulzeit gerne sitzen geblieben. Dann wäre er jetzt traumatisiert und ein „Opfer“ und würde sich besser fühlen. So zumindest der Tenor seiner typisch durcheinanderen Kolumne über Sitzenbleiber.

Martenstein erklärt:

Fast alle Leute, die ich kenne und die mal sitzen geblieben sind, haben ganz ordentliche Karrieren hingelegt, richtig gestört wirkt keiner von denen. Die politische Elite Deutschlands besteht sogar aus auffällig vielen Sitzenbleibern, Stoiber, Westerwelle, Wowereit, Kretschmann, alle sitzen geblieben. Peer Steinbrück sogar zweimal.

Ja, nee.

Denn Guido Westerwelle und Klaus Wowereit sind nie sitzen geblieben. Ihre Namen stehen zwar auf vielen Listen berühmter „Sitzenbleiber“, die immer wieder – wie jetzt von Martenstein – abgeschrieben werden, aber zu Unrecht, wie wir letzte Woche aufgeschrieben hatten: Beide haben ihr Abitur regulär nach 13 Jahren gemacht.

Interessanterweise hat „Bild“ diesem Fehler am Montag sogar eine „Berichtigung“ gewidmet — erst die zweite in diesem Jahre:

Berichtigung: Am 19. Februar 2013 berichtete BILD, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (59, SPD) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (51, FDP) in ihrer Schulzeit einmal sitzen geblieben seien. Das ist falsch. Wir bedauern den Fehler.

In der Bildergalerie auf Bild.de taucht Westerwelle allerdings immer noch auf:

Sie alle blieben einmal sitzen: Guido Westerwelle (51, FDP), Außenminister

Thank you for traveling with Louis Vuitton

Heute haben wir mal ein kleines Rätsel für Sie. Also, aufgepasst: Wovon handelt dieser Artikel? Erschienen ist er vor zwei Wochen im „Zeit Magazin“:

Zug in die Zukunft

Schon eine Idee? Nein? Okay, dann helfen wir ein bisschen.

Das Foto stammt von dem international erfolgreichen Blogger und Fotografen Todd Selby, der es während der Fahrt durch die Wüste Gobi geschossen hat. Der Teaser, links oben im Bild, lautet folgendermaßen:

Der Blogger Todd Selby reiste mit der Bahn von der ältesten Luxusmetropole zur neuesten: Von Paris nach Shanghai

Jetzt denken Sie bestimmt, es geht um den „Blogger Todd Selby“. Oder um dessen Reise „von Paris nach Shanghai“.

Aber nein, der Artikel handelt von: Louis Vuitton.

Anders als der Teaser, die Titelzeile und die optische Aufmachung des Artikels vermuten lassen, handelt der Text keineswegs von Selbys Reise. Die wird nämlich lediglich im zweiten Absatz des Textes beschrieben — genauer gesagt in nur drei Sätzen.

Im restlichen Artikel geht es weder um den Blogger noch um die Zugfahrt, sondern im Grunde nur um drei Dinge: die „Megamarke“ Louis Vuitton, deren neue Herbstkollektion und um China als Wachstumsmarkt für Luxusgüter. Luxusgüter wie die von Louis Vuitton.

Es ist übrigens nicht so, dass Todd Selby die Reise von sich aus in Angriff genommen hätte, er tat es im Auftrag des Mode-Unternehmens, wie auch der Einstieg in den Artikel verrät:

Das verträumte Bahnfahren ist das modische Thema der Herbstkollektion von Louis Vuitton, dem Modehaus, das einst den Koffer erfand, wie wir ihn heute kennen. Deshalb schickte die Marke den Fotografen Todd Selby auf die Reise von Paris nach Shanghai, wo das Unternehmen gerade seinen bislang größten Shop in China eröffnete.

Über die Fahrt über die Kontinente erfährt der Leser dann aber – abgesehen von der Information, dass Selby die Reise „sehr romantisch“ fand – nichts mehr.

Stattdessen weiß das „Zeit Magazin“ zum Beispiel solche Dinge zu berichten:

1992 eröffnete Louis Vuitton in Peking den ersten Laden. Da dachte man hier noch, China sei ein Land, in dem man gebratene Hunde isst. […] Heute gibt es in China 44 Louis-Vuitton-Läden. Bevor der Bewohner eines beschaulichen Industriestaates wie Deutschland die Namen der chinesischen Riesenstädte zum ersten Mal hört, hat Louis Vuitton dort schon einen Laden eröffnet […].

Oder solche:

Denn die chinesischen Kundinnen sind innerhalb weniger Jahre von Bling-Bling-Frauen zu Modekennerinnen geworden. Sie wissen genau, was Luxus ist, zum Beispiel ein eigens angefertigtes Köfferchen fürs Teeservice.

Oder solche:

Für die Präsentation seiner Herbstkollektion besann sich Marc Jacobs, der Kreativdirektor des Hauses, auf die Anfänge der Traditionsmarke und stellte das Thema des Reisens in den Mittelpunkt der Inszenierung. Er ließ den lebensgroßen Nachbau einer Dampflok über den Laufsteg fahren. […] Es war eine Kollektion, wie nur Marc Jacobs sie hinbekommt, denn niemand ringt dem Luxus so viel modische Relevanz ab wie er.

Wenn das „Zeit Magazin“ also über Louis Vuitton und die neue Herbstkollektion berichten will – warum nimmt es dann diesen Umweg und suggeriert, der Artikel handele von der Reise des Bloggers? (Die Dachzeile der Online-Version des Artikel lautet übrigens: „Bahnreise“.)

Wir haben beim „Zeit Magazin“ nachgefragt, warum nicht schon im Inhaltsverzeichnis oder im Teaser auf den tatsächlichen Inhalt des Textes hingewiesen wurde. Silvie Rundel, Sprecherin der „Zeit“, antwortete uns:

Das hätte man ohne weiteres tun können. Die Kollegen beim ZEITmagazin haben stattdessen die spektakulären Bilder des Bloggers Todd Selby in den Vordergrund gestellt.

Das wäre natürlich auch ein netter Ausgleich dafür, dass Selbys Reise im Artikel selbst dann doch eher in den Hintergrund gerät.

Weiter schrieb sie:

In dem Beitrag beschäftigt sich das ZEITmagazin mit der Herbstkollektion des Designers Marc Jacobs für das Modehaus Louis Vuitton, die in Shanghai gezeigt wurde und die das Reisen in den Mittelpunkt stellt. Teil dieser Inszenierung ist neben der Kollektion der Nachbau einer alten Dampflok und eine Fotodokumentation von Todd Selby. Von all dem erzählt das ZEITmagazin in seiner Geschichte, in Bild und Text.

… womit es sich selbst zu einem Teil dieser Inszenierung gemacht hat, denn so landete Louis Vuitton dank der Todd-Selby-Aktion großflächig im redaktionellen Teil des „Zeit Magazins“.

Allerding spielt der Konzern nicht nur im redaktionellen Teil eine Rolle: Auf der Rückseite des „Zeit Magazins“ findet sich nämlich eine ganzseitige Anzeige des Parfüms „Miss Dior“, das zur Parfümsparte des Hauses „Christian Dior“ gehört. Die wiederum ist eine hundertprozentige Tochter der Aktiengesellschaft LVMH. Und LVMH ist die Abkürzung für: Moët Hennessy – Louis Vuitton.

Die Sprecherin der „Zeit“ erklärte uns gegenüber, zwischen dem Artikel und der Anzeige gebe es „nicht den geringsten“ Zusammenhang.

Mit Dank auch an Fritz und Moritz T.