Archiv für Welt Online

Eine Stunde nachgedacht

Die Deutschen, genauer: „wir“ Deutschen, arbeiten zu wenig, findet Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen und Immobilien bei der „Welt“-Gruppe. Und ihm geht es da vor allem um die Arbeit an sich, nicht um deren Entlohnung:

Gewiss, viele Menschen arbeiten viel, auch in Deutschland. Vor allem aber ist die Arbeit ungerecht verteilt. Denn gerade Mindestlöhne und andere vermeintliche sozialstaatliche Wohltaten schließen einen skandalös großen Teil der potenziellen Erwerbsbevölkerung vom Arbeitsleben aus – während der Rest in vielen Fällen umso härter ranmuss.

Er rechnet uns das gerne mal vor:

Arbeiten wir aber nun, insgesamt betrachtet, viel oder wenig? Einer quasiamtlichen Schätzung zufolge dürften in diesem Jahr 55.953.000.000 Stunden Erwerbsarbeit absolviert werden. (…)

Aber dennoch ist in jenen knapp 56 Millionen Stunden das Gros der Zeit enthalten, die wir zur Erwirtschaftung unseres materiellen Wohlstands aufbringen. 55.953.000 Stunden im Jahr, das heißt: Pro Kopf der Bevölkerung werden in Deutschland etwa 690 Stunden offizielle Erwerbsarbeit geleistet. Das sind weniger als eine Stunde und 54 Minuten pro Tag. Selbst wenn man zu der offiziellen Erwerbsarbeit 50 Prozent aufschlägt, um die inoffizielle zu berücksichtigen, landen wir bei weniger als drei Stunden.

Halt, Moment, Stop!

Haben Sie’s bemerkt? Gersemann hat binnen eines Absatzes aus den 56 Milliarden Stunden „56 Millionen“ gemacht und drei Nullen gestrichen.

Bei seiner Berechnung hat er allerdings wieder auf den höheren Wert zurückgegriffen — und diesen der Einfachheit halber durch grob 82 Millionen geteilt, denn so viele Einwohner hat Deutschland ja, wenn man alle Kleinkinder und Greise mitzählt. Diesen Wert noch durch 365 und – zack! – ist man bei einem Wert von unter zwei Stunden, die jeder Deutsche jeden Tag arbeitet.

Die Deutschen müssen mehr arbeiten. Viel mehr — Durchschnittlich nur drei Stunden Arbeit pro Tag und Kopf reichen nicht aus: Deutschland ist keine Felseninsel, sondern eine Volkswirtschaft.

In Wahrheit arbeiten in Deutschland knapp 40 Millionen Menschen und das an rund 215 Tagen im Jahr.

Die „quasiamtliche Schätzung“ stammt immerhin vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Deren Bericht (PDF, Seite 11) kann man auch entnehmen, dass das die Jahresarbeitszeit einer Vollzeitkraft in diesem Jahr vermutlich 1.645,4 Stunden betragen wird. Pro Arbeitstag bleiben also mehr als siebeneinhalb Stunden.

Oder wie schon Loriot feststellte:

Die Lebensjahre sämtlicher deutscher Kleinkinder betragen zusammengerechnet etwa 4 Millionen Jahre. Das ist einfach zu alt!

Mit Dank an Fabian G. und Uwe Sch.

Nachtrag, 10. August: „Welt Online“ hat aus den falschen „56 Millionen“ richtige „56 Milliarden“ gemacht. Am Rest seiner Rechnung scheint Olaf Gersemann festzuhalten.

Warum Kerner so angenehm unaktuell ist

Sven Gantzkow hat sich für „Welt Online“ die gesamte gestrige Ausgabe von „Kerner“ auf Sat.1 angeschaut und ist bass erstaunt:

Wo alle über die 21 Opfer von Duisburg sprechen, sprach JBK über Lachforschung und Botox gegen Migräne. Von einer Aufarbeitung der Geschehnisse auf der Loveparade ließ der Gebrannte die Finger, was gemessen an seinen eben erwähnten schlechten Erfahrungen mit solchen Tragödien wahrscheinlich auch gut war.

Und obwohl Gantzkow es offensichtlich für eine gute Idee hält, dass Johannes B. Kerner, der mit einer Sondersendung nach dem Amoklauf von Erfurt vor acht Jahren unrühmlich aufgefallen war, diesmal auf eine Beschäftigung mit so einem ernsten Thema verzichtet, kommt er immer wieder darauf zurück:

Vielleicht wollte sich die Redaktion aber auch einfach nicht ihre gute Laune verderben lassen, die unzweifelhaft vorgeherrscht haben muss. Anders ist es nicht zu erklären, dass man einen Beitrag durchgehen ließ, in dem ein unerträglich aufgekratzter Außenreporter harmlose Pärchen in der Hamburger Fußgängerzone mit Fragen nach ihrem gegenseitigen Wissen über den Partner behelligte.

Im Vorspann erklärt „Welt Online“ dann gar:

Überraschenderweise hat Kerner das Loveparade-Drama in seiner Sendung völlig verschwiegen.

Die Überraschung wird vielleicht ein bisschen kleiner, wenn man weiß, dass bis einschließlich 5. August noch „Kerner“-“Sommerausgaben“ laufen, die bereits im Juni aufgezeichnet wurden, wie uns Sat.1 auf Anfrage bestätigte.

Mit Dank an Bernd V. und Bastian.

Mangelndes Migrationshintergrundwissen

Unter dem Titel „Erstmals mehr als 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund“ veröffentlichte das Statistische Bundesamt am vergangenen Mittwoch die neusten Zahlen aus einem Mikrozensus und kam zu dem Befund:

Von 2005 bis 2009 ist die Bevölkerung mit Migrationshintergrund durch Zuzug und Geburten um 715 000 angewachsen und die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ist sterblichkeitsbedingt um 1,3 Millionen zurückgegangen.

Diese Aussage, die suggeriert, dass die Menschen ohne Migrationshintergrund aussterben, ist zumindest zweifelhaft, denn die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund steigt fast zwangsläufig. Immerhin zählt das Statistische Bundesamt auch diejenigen, bei denen ein Elternteil keinen Migrationshintergrund hat, zu den Personen mit Migrationshintergrund, falls der andere Elternteil Migrant ist oder die deutsche Staatsbürgerschaft nicht seit seiner Geburt besitzt. Nur wenn beide Eltern seit ihrer Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, können sie Kinder ohne Migrationshintergrund zeugen.

Außerdem sah das Gesetz bis vor zehn Jahren vor, dass Kinder von Ausländern die Staatsbürgerschaft der Eltern erhielten und somit Ausländer ohne eigene Migrationserfahrung waren. Deren Kinder haben somit auch Migrationshintergrund. Erst seit der Staatsangehörigkeitsreform im Jahr 2000 erhalten Kinder von Ausländern zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft.

So zynisch das klingt: Die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund geht nicht nur sterblichkeitsbedingt, sondern eben auch definitionsbedingt zurück.

Darüber findet sich nichts in den Medien, die über die neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes berichten. Dafür aber das:

Welt.de titelt plakativ:
Jeder fünfte ist ein Migrant

Bei sueddeutsche.de heißt es in der Überschrift:
Mehr Migranten

Vergleicht man die beiden Artikel mit der Pressemitteilung, so stellt man fest, dass die einzige Eigenleistung offensichtlich darin bestand, in der Überschrift „Menschen mit Migrationshintergrund“ in „Migranten“ umzubenennen – vielleicht, weil dieses Wort griffiger und nicht so sperrig ist.

Das „Handelsblatt“ glaubt unter der Überschrift „Etwa jeder fünfte Einwohner hat Migrationsgeschichte“ in der Einleitung zu wissen:

Von 2005 bis 2009 war die Zahl der Migranten von 15,3 auf mehr als 16 Millionen gestiegen.

Und in einem Artikel im „Tagesspiegel“ wird sogar munter hin- und hergewechselt:

Erstmals hat im vergangenen Jahr die Zahl der hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund mehr als 16 Millionen betragen. (…) Im (…) Vergleichsjahr 2005 gab es noch 15,3 Millionen Migranten; sie machten 18,6 Prozent der Bevölkerung aus. Der Migrantenanteil hat sich also in vier Jahren um einen Prozentpunkt nach oben verschoben.

(…)

Migrationshintergrund hat (…), wer nach 1950 ins Gebiet der heutigen Bundesrepublik kam (…)

Manchmal wäre es jedoch besser, sich an die Vorlage zu halten. In der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts wird sehr genau erläutert, woraus sich die 16 Millionen mit Migrationshintergrund zusammensetzen – nämlich aus 10,6 Millionen Menschen, die nach 1950 zugewandert sind, also tatsächliche Migrationserfahrung haben, und weiteren 5,4 Millionen, die in Deutschland geboren wurden.

Nur bei der ersten Gruppe handelt es sich um Migranten, bei der zweiten hingegen um Personen, die deshalb als Menschen mit Migrationshintergrund definiert werden, weil wenigstens ein Elternteil zugewandert bzw. Ausländer ist oder als Ausländer geboren wurde (s.o.).

Die Überschrift bei Welt.de etwa hätte angesichts von 10,6 Millionen mit tatsächlicher Migrationserfahrung lauten müssen „Jeder achte ist Migrant“ oder „Jeder fünfte hat Migrationshintergrund“ und die auf sueddeutsche.de „Mehr Menschen mit Migrationshintergrund“, was eine schöne Alliteration gewesen wäre.

Andererseits: Wenn man eine Pressemitteilung korrekt wiedergäbe, wo bliebe da die Eigenleistung?

Das englische Patient

Neulich hat mich ein Freund gefragt, wo eigentlich immer diese internationalen Pressespiegel herkommen, die man in Zeitungen lesen oder im Radio hören kann. Ob die von den Redaktionen selbst zusammengestellt und übersetzt werden — und wer dann all diese Fremdsprachen spricht.

Diese Pressespiegel kommen von Nachrichtenagenturen, zum Beispiel von dpa, zum Beispiel zum WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien.

Und da steht dann zum Beispiel so was drin, zum Beispiel auf Bild.de:

New York Times (USA): "Der Patient Spanien serviert einen K.o."

Spanien. Wer denkt da nicht gleich an das riesige Lazarett, das Trainer Vicente del Bosque dazu zwang, mit einem letzten Aufgebot nicht-verletzter Spieler zu spielen?

Das ist natürlich völliger Quatsch. Was die „New York Times“ schrieb, war vielmehr:

Patient Spain Delivers a Knockout

Das könnte man in anderen Fällen mit „Der Patient Spanien serviert einen K.o.“ übersetzen, aber sehr viel mehr Sinn ergibt es, wenn man „Geduldiges Spanien teilt einen K.o. aus“ schreibt.

Diese schwer merkwürdige Überschrift ist aber nicht nur bei der dpa niemandem aufgefallen, sondern auch bei vielen Online-Medien: ftd.de, mopo.de, „Welt Online“ (als Teil 83 einer 86-teiligen Klickstrecke), hna.de (Teil 89 von 91).

Bei tagesschau.de, wo anfangs auch die falsche Übersetzung stand, haben sie den Fehler inzwischen bemerkt und unauffällig korrigiert.

Mit Dank an Uwe.

Lustig, die Witwe!

„Witze“ über
Robert Enke

Manche Sachen muss man gar nicht groß anmoderieren.

Stefan Frommann, Sportchef der „Berliner Morgenpost“, schreibt heute Morgen in seinem Kommentar auf Seite 2 (auch bei morgenpost.de und „Welt Online“):

So wie die Liebe zwischen Teresa und Robert Enke kein Happy End bekam, verhält es sich jetzt leider auch für das Partyvolk und diese hoffnungsvolle Mannschaft.

Zur Erinnerung: Nationaltorwart Robert Enke hatte sich im vergangenen November das Leben genommen.

Mit Dank an Horst M.

Nachtrag, 17. Juli: Nach mehr als 30 entrüsteten Leser-Kommentaren hat „Welt Online“ reagiert:

Viele Leser haben in diesem Kommentar den Vergleich zwischen „Teresa und Robert Enke“ und dem „Partyvolk und der Nationalmannschaft“ als pietätlos empfunden und kritisiert. Wir haben den Satz entfernt.

Bei morgenpost.de, wo man nicht kommentieren kann, ist der Text unverändert online.

Schnaps: Das war sein* letztes Wort

„Welt Online“ tut sich schwer damit, eine Rüge des Presserates zu akzeptieren. Vor vier Monaten beanstandete das Gremium einen aus der „Welt am Sonntag“ übernommenen Artikel, der in den höchsten Tönen von Aperol-Sprizz schwärmte — einem Getränk, das offenbar „selig“ macht.

Für alle, denen die Werbebotschaft im Text noch zu subtil war, hatte „Welt Online“ den Artikel mit einem prägnanten Foto des Herstellers illustriert:

Nun könnte man das für ein fast schulbuchmäßiges Beispiel für eine fehlende Trennung von redaktionellen und werblichen Veröffentlichungen halten, wie sie der Pressekodex unter Ziffer 7 untersagt. Nicht so „Welt Online“: Dort legte man Beschwerde gegen den Beschluss des Presserates ein und wies u.a. darauf hin, dass man das Werbefoto im Artikel doch ausgetauscht habe, nachdem der Presserat sich gemeldet hatte.

Also beschäftigte sich der Presserat noch einmal mit der Sache, aber auch der zweite Ausschuss, der sich mit dem Thema befasste, kam zum selben Ergebnis wie der erste. Es bleibt bei der Rüge.

Das ist jetzt auch schon wieder vier Wochen her. Veröffentlicht hat „Welt Online“ die Beanstandung noch nicht.

Wie es übrigens aussieht, wenn ein Qualitätsmedium wie die „Welt am Sonntag“ seiner Pflicht nachkommt, die Leser über eine solche Rüge zu informieren, konnte man am 3. Januar dieses Jahres sehen:

Dass es sich bei „Ziffer 7″ um das Trennungsgebot zwischen Werbung und Redaktion handelt, die Zeitung also für (besonders krasse) Schleichwerbung gerügt wurde, dieses Wissen setzt die „WamS“ bei ihren Lesern einfach mal voraus. Man muss so Sachen ja auch nicht über-erklären. Dieses Prinzip hat die andere große Qualitätszeitung im Haus ja erfolgreich vorgemacht.

Korrektur, 15.50 Uhr. Wir hatten übersehen, dass in dem gerügten Aperol-Artikel von „Welt Online“ doch schon ein Kasten steht, der auf die Rüge hinweist — mit derselben kryptischen Formulierung (siehe rechts).

Korrektur / Nachtrag, 12. April. Soweit wir oben den Eindruck erweckt haben, dass „Welt Online“ bereits seit vier Wochen von der Bestätigung der Rüge durch den Presserat wusste und die Veröffentlichung schuldhaft
verzögert hat, stellen wir fest: Das war falsch. „Welt Online“ hat nunmehr mitgeteilt, erst am 1. April 2010 von der Rüge erfahren zu haben und diese noch am gleichen Tag veröffentlicht zu haben.
Lukas Heinser, Stefan Niggemeier

*) des Presserates

Welt Online  etc.

Der endlich gefallene Hartz-IV-Groschen

Die Geschichte von der Kellnerin, die 109 Euro weniger verdient als ein Hartz-IV-Empfänger, ist eine Geschichte voller Missverständnisse, die nicht nur von staunenden Medien, sondern auch von einem kommentarfreudigen Außenminister handelt:

Es war einmal am 6. Februar ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der besagte, im Niedriglohnbereich hätten bestimmte Arbeitnehmer am Monatsende weniger in der Tasche als ein vergleichbarer Hartz-IV-Empfänger. Obwohl die „FAZ“ bei diesen Berechnungen wichtige Faktoren außer Acht gelassen hatte (BILDblog berichtete), wurden diese unvollständigen Zahlen von zahlreichen Medien unter grob vereinfachenden Schlagzeilen wie „Diese Jobs bringen weniger Geld als Hartz IV“ („Welt Online“) oder „In diesen Branchen lohnt sich die Arbeit nicht mehr!“ (Bild.de) weiterverbreitet.

Aus letztgenanntem „Bild“-Artikel wiederum bediente sich laut einem FDP-Sprecher Guido Westerwelle für seinen mittlerweile legendären Kommentar in der „Welt“. Um die Gefahr des Abdriftens in „spätrömische Dekadenz“ zu unterstreichen, nannte der FDP-Chef das Beispiel einer verheirateten Kellnerin mit zwei Kindern, die angeblich 109 Euro weniger verdient als ein Hartz-IV-Empfänger — denn genauso stand es in der Tabelle mit den unvollständig berechneten Zahlen, die „Bild“ aus dem „FAZ“-Artikel übernommen hatte. Es folgten ein großes Medienecho und eine hitzige Debatte über alles mögliche, nur nicht über den Wahrheitsgehalt der Westerwelle’schen Beispielrechnung.

Als Anfang März der Paritätische Wohfahrtsverband eine Gegenstudie veröffentlichte, in der die Zahlen der „FAZ“ widerlegt wurden, berichteten verschiedene Medien darüber — so auch „Die Welt“. Dort stand unter anderem, dass Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, beklagte, Guido Westerwelle berufe sich auf „äußerst dubiose Rechenbeispiele“ (BILDblog berichtete). Für „Welt“ und andere Medien ein Anlass, diese Vorwürfe zu überprüfen? Nein.

Erst als zu Beginn dieser Woche – und damit über sechs Wochen nach dem ersten „FAZ“-Bericht – eine kleine Anfrage der Partei „Die Linke“ ergab, dass Westerwelles Rechenbeispiel nicht stimmig ist, berichtet „Welt Online“ — wieder ohne selbst nachzuprüfen:

Sozialstaatsdebatte: Hat Westerwelle bei Hartz IV falsch gerechnet?

FDP-Chef Guido Westerwelle ist nach einem Zeitungsbericht zu Beginn seiner Hartz-IV-Debatte im Februar von falschen Voraussetzungen ausgegangen.

Und wenn die Journalisten noch nicht gemerkt haben, dass sie das alles erst möglich gemacht haben, dann tappen sie noch heute im Dunkeln.

Mit Dank an Gesine D.

Geheimdienstkrämerei um den CCC

Es gibt Meldungen, da braucht man nicht viel mehr als 140 Zeichen, um zu wissen, wer im Recht und wer im Unrecht ist:

Nach ergangener Einstweiliger Verfügung behauptet die Axel Springer AG nun nicht mehr, der #CCC würde für den #BND arbeiten.

Auf der einen Seite die Springer-Presse, deren Angestellte scheinbar ständig die Grenzen des Journalismus und des menschlichen Anstands ausloten, auf der anderen Seite der Chaos Computer Club, galaktische Gemeinschaft und Retter der Bürgerrechte. Wer da zweifellos Recht hat, ist doch klar, oder?

Doch worum geht es? In der „Berliner Morgenpost“ und im Online-Angebot der „Welt“ war am 3. März ein Artikel erschienen, der ein desaströses Bild von der Einsatzfähigkeit deutscher Sicherheitsbehörden im Anti-Terror-Kampf zeichnete. Überschrift: „Ohne USA geht bei der Terrorbekämpfung nichts“.

Darin enthalten war diese verfängliche Textstelle:

Heute soll Pullach nicht einmal in der Lage sein, sich in moderne Computer zu hacken. Entsprechende Aufträge würden deshalb an externe Spezialisten wie den Chaos Computer Club (CCC) vergeben. Dieser dementiert das allerdings und spricht von Gerüchten.

Für die Hacker des CCC erschien dies als enorme Provokation, verbindet sie mit den Geheimdiensten aller Art nicht nur eine grundlegende Abneigung, sondern auch traumatische Erinnerungen.

CCC-Mitglied Felix von Leitner machte seiner Empörung Luft:

Wir sprechen nicht von Gerüchten, sondern von aktiver Desinformation, um unseren guten Namen zu beschmutzen.

Das Landgericht Berlin schloss sich der Argumentation des Chaos Computer Clubs an und verbot der Axel Springer AG am 9. März unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 250.000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten, das Gerücht zu wiederholen. Wie gewohnt gibt sich die Axel Springer AG bei Rechtsstreitigkeiten in eigener Sache sehr zugeknöpft: „Wir bewerten derzeit den aktuellen Sachverhalt und prüfen, ob wir Rechtsmittel einlegen“, erklärt ein Sprecher gegenüber BILDblog.

Der Artikel verschwand daraufhin aus dem Angebot von „Welt Online“, im Online-Angebot „Morgenpost“ wurde er entschärft — vom Chaos Computer Club ist nun nicht mehr die Rede.

Doch auf den zweiten Blick ist die Verteilung von Gut und Böse nicht mehr so eindeutig. Es ist zwar möglich, dass die Information einer vermeintlichen Zusammenarbeit zwischen CCC und BND gezielt gestreut wurde — für einen Frontalangriff der „Springer-Presse“ wäre dieses Vorgehen zumindest ungewohnt subtil: Das Gerücht war im Konjunktiv wiedergegeben, erschien an einer unscheinbaren Stelle im Text und das Dementi des CCC schloss direkt an. Kampagnen sehen anders aus.

Dass Journalisten nun die Wiedergabe eines Gerüchts verboten wurde, ist auch im Hinblick auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs zur Haftbarkeit bei der Verbreitung fremder Äußerungen vom November 2009 juristisch fragwürdig. Auch muss sich der CCC fragen lassen, was durch die Gerichtsentscheidung erreicht wurde: Der Artikel wird nicht ungelesen, die Unterlassungsverfügung verschließt die Diskussion darüber auf möglichst intransparente Weise. Zudem wurde der Chaos Computer Club einst auch zu dem Zweck gegründet, anonymen Informanten einen Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Wenn solche Aussagen allzu einfach per Gericht aus der Öffentlichkeit verbannt werden können, wird aus dem juristischer Erfolg vielleicht schon bald ein Pyrrhussieg.

Aus Lustprinzip gegen Klaus Wowereit

Die „Welt am Sonntag“ veröffentlichte heute ein Interview, das ihr stellvertretender Chefredakteur Ulf Poschardt mit Klaus Wowereit geführt hat. Das Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin ist in der Printausgabe mit „Klientelpflege ist nichts Schlechtes“ überschrieben — nicht gerade ein eye catcher für um Aufmerksamkeit buhlende Internetseiten.

Aber zum Glück ergab sich ja folgender Dialog:

Welt am Sonntag: Viele Beobachter glauben, Sie haben die Lust an Ihrem Job verloren.

Wowereit: Wenn das so wäre, könnte ich morgens nicht ins Büro gehen. Das geht nur, wenn man wirklich Lust auf diesen Job hat.

Und so mussten die Kollegen von „Welt Online“ nur noch ein wenig an der Logik-Schraube drehen und hatten endlich eine knallige Überschrift:

Berlins Regierender Bürgermeister: Wowereit geht nur ins Büro, wenn er Lust dazu hat

Mit Dank an Alfons S., Horst-Schantalle, Ulf S. und Johannes K.

Nachtrag, 17 Uhr: „Welt Online“ hat die Überschrift zu „Haben Sie die Lust an Ihrem Job verloren?“ geändert.

Ein schlechter Clausewitz

Vom preussischen General Carl von Clausewitz ist die Begriffsbestimmung überliefert, Krieg sei „eine bloße Fortsetzung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel“. Wenn es allerdings nach dem US-amerikanischen Autor Daniel Pipes ginge, dann wäre Krieg die Beschwichtigung innenpolitischer Widersacher und die Ablenkungen von wirtschaftspolitischen Problemen durch einen militärtaktisch sehr fragwürdigen Angriff – zumindest wenn man Pipes’ mittlerweile aus dem Netz genommenen Beitrag bei „Welt Debatte“ (der im Google Cache und auf Pipes’ Homepage weiterhin zu finden ist) beim Wort nimmt:

BRENNPUNKT NAHOST - Barack Obama sollte den Iran bombardieren. Von Daniel Pipes. Barack Obamas Umfragewerte stürzen in den Keller. Bei den Themen Arbeitslosigkeit und Gesundheitssystem ist er gescheitert, zudem hat er drei Nachwahlen verloren. Eine dramatische Geste ist nötig, um die öffentliche Wahrnehmung zu ändern. Er muss Befehl geben, die iranischen Atomwaffen zu zerstören.

Nun sollte man von dieser Stellungnahme nicht sonderlich überrascht sein: Daniel Pipes, Gründer und Leiter des konservativen amerikanischen Think Tanks „Middle East Forum“, ist nicht eben dafür bekannt, sonderlich ausgewogene, differenzierte Urteile von sich zu geben — eher im Gegenteil. Vor Kurzem erklärte Pipes dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders seine Solidarität. Und 2008 hatte er nahegelegt, Barack Obama sei früher Moslem gewesen (wenn auch ohne es zu wissen).

Die Leser von „Welt Online“ allerdings mussten von diesem Kommentar durchaus irritiert sein: Mit keinem Wort wurde der umstrittene Autor des Textes vorgestellt. Und auch dass der Text ursprünglich für die konservative US-amerikanische „National Review“ geschrieben wurde, war auf „Welt Online“ nicht in Erfahrung zu bringen.

Noch erstaunlicher waren nur Pipes Forderungen: Barack Obama, schrieb Pipes, solle nämlich dringend den Iran bzw. dessen Atomprogramm bombardieren. Aber nicht etwa um Israel zu unterstützten oder zu verhindern, dass die autokratisch-religiöse Führung in Teheran zur Atommacht wird, nein. Sondern um Barack Obamas Popularität in den USA einen Schub zu verpassen:

So, wie 9/11 die Wähler das Umherirren der ersten Monate George W. Bushs vergessen ließ, würde ein Schlag gegen die iranischen Anlagen Obamas schwaches erstes Jahr in der Versenkung verschwinden lassen und die innenpolitische Szene umgestalten. Es würde die Gesundheitsreform zur Seite schieben, die Republikaner veranlassen mit den Demokraten zusammenzuarbeiten, Netroots kreischen, Unabhängige umdenken und Konservative in Verzückung geraten lassen.

Selbst wenn man Pipes im Hinblick auf die Gefährlichkeit einer „Atommacht Iran“ folgen mag: Trotz der von Pipes herbeizitierten Umfragen erscheint es eher fraglich, dass Obama tatsächlich gerade dadurch an Zustimmung gewinnen würde, dass er einen weiteren Militäreinsatz vom Zaun bräche. Überhaupt scheint Pipes mit seiner Forderung, von innenpolitischen Problemen durch einen Militärschlag abzulenken, das Drehbuch von „Wag the Dog“ in Sachen Zynismus in den Schatten stellen zu wollen. Pipes Ausführungen sind derart krude, dass selbst unter den Kommentatoren auf Welt Online der Verdacht aufkam, es könne sich bei dem Beitrag eigentlich nur um einen schlechten Scherz handeln.

Als wäre das aber nicht genug, gibt sich Daniel Pipes auch militärisch äußerst unwissend, wenn er über die Rahmenbedingungen eines solchen Angriffs schreibt:

Es gibt eine solche Gelegenheit: Obama kann dem US-Militär den Befehl geben die iranische Atomwaffen-Kapazitäten zu zerstören. [...]

Würde der US-Schlag auf die Ausschaltung der iranischen Atomanlagen begrenzt und keinen Regime Change anstreben, würde er wenig „Personal vor Ort“ benötigen und relative wenige Verluste mit sich bringen, was einen Angriff politisch verdaubarer macht.

Wenn’s denn so einfach wäre. Was Pipes offenbar vorschwebt, ist ein Angriff nach Vorbild der „Operation Opera“ aus dem Jahr 1981. Damals hatte das israelische Militär an einem Sonntagnachmittag mit acht Kampfflugzeugen das gesamte irakische Atomprogramm ein für allemal zerstört.

Was Pipes allerdings unterschlägt: Der Iran 2010 ist nicht der Irak ’81. Und vor allem hat die Führung im Iran von dem Einsatz gegen den Irak gelernt. Erst Ende des vergangenen Jahres wurden unterirdische Atomanlagen im Iran in der Nähe der Stadt Qom bekannt. Israelische Experten, schreibt etwa der „Economist“, gehen davon aus, dass das iranisch Atomprogramm nicht nur dezentral organisiert ist, sondern zudem auch maßgeblich unterirdisch vollzogen wird. Und damit vor exakt der Art von Luftschlag gefeit ist, den Pipes vorschlägt.

Selbst wenn Barack Obama also glauben würde, dass ausgerechnet ein Militäreinsatz seine Beliebtheit steigern würde, und wenn es zudem strategisch schlau wäre, nach dem Irak auch noch den Iran und damit die zweite Großmacht im Nahen Osten zu destabilisieren -– es wäre mehr als fraglich ob der von Pipes geforderte Angriff militärisch überhaupt möglich wäre.

Dass Pipes’ Beitrag außerdem eher schlecht als recht aus dem Englischen übersetzt wurde, macht die Angelegenheit nur noch verworrener: Wo Pipes über Obamas Politik im Original „his counterterrorism record barely passes the laugh test“ schrieb, stellt er auf Deutsch fest:

Seine Bilanz bei der Terrorbekämpfung besteht kaum einen Albernheitstest.

Was auch immer so ein Albernheitstest sein mag: Daniel Pipes’ Forderungen bestünden ihn mit Sicherheit nicht. Den Verantwortlichen bei „Welt Online“ immerhin scheint das Lachen schnell vergangen zu sein.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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