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Schwarze Schneeflocke verwirrt Journalisten

Gut möglich, dass Sie in den vergangenen Stunden im Internet auf dieses Schild gestoßen sind:

Es ist nicht nur bei „Spiegel Online“ zu sehen, sondern auch auf den Seiten der „Welt“, der „Mopo“ und der „Mittelbayerischen Zeitung“, bei n-tv.de, „Focus Online“, Stern.de und einigen anderen:

Allerdings: Um dieses Schild geht es gar nicht.

Im Beschluss des Oberlandesgerichts, mit dem sich die Artikel beschäftigen, ist ausdrücklich die Rede vom …

Zusatzschild i.S.v. § 39 Abs. 3 StVO

Und das sieht so aus:

Mit Dank an Steffen S.

Nachtrag, 16. Oktober: „Spiegel Online“ und n-tv.de haben die Fotos ausgetauscht.

Vier Gramm Heroin und ein paar Kilo Bullshit

In den USA hat eine Vierjährige in der Kita Heroin verteilt, weil sie dachte, in den Tütchen seien Süßigkeiten.

Klingt schon irgendwie faul, aber laut Angaben der Delaware State Police soll sich die Geschichte tatsächlich so abgespielt haben. Zusammengefasst: Mutter gibt Kind falschen Rucksack mit, Kind verteilt Heroin, nix passiert, alle wohlauf, Mutter festgenommen.

Wo man diese Geschichte auch liest, sie klingt immer gleich. Nur an einer Stelle gehen die Angaben der deutschen Medien seltsam auseinander: Wenn es darum geht, wie viel Heroin in dem Rucksack war.

Die „Huffington Post“ und die „Yahoo Nachrichten“ meinen, es seien …

insgesamt 4 Gramm

gewesen.

Die AFP hingegen schreibt:

Insgesamt wurden 249 Päckchen mit jeweils 3,735 Gramm Heroin im Rucksack des Mädchens gefunden.

Das berichten unter anderem auch T-Online.de, Faz.net, und „RP Online“. 249 mal 3,735, macht knapp über 900 Gramm.

Wer bietet mehr?

Bild.de.

Fast vier Kilogramm des schweren Rauschgifts hatte das Mädchen verteilt.

„Fast vier Kilogramm“. So viel ist es auch bei n-tv.de und in der Online-Ausgabe des „Berliner Kurier“.

Vier Kilo. Also das Tausendfache von dem, was andere Medien berichten. Und die 900 Gramm sind auch noch im Rennen.

Zumindest für den Ursprung der verschiedenen Versionen haben wir eine mögliche Erklärung gefunden. In der Pressemitteilung der Ermittler und in einigen US-Medien steht nämlich:

A total of 249 bags of heroin weighing 3.735 grams was located in the backpack.

Das ist natürlich ein bisschen knifflig. Aber es hilft schon mal sehr, wenn man weiß, dass im Englischen der Punkt in der Regel als Dezimaltrennzeichen eingesetzt wird und nicht, wie hierzulande, als Tausendertrennzeichen. Anders gesagt: „3.000 grams“, liebe Medien, heißt eben nicht dreitausend Gramm.

3,7 Kilo waren es also mit Sicherheit nicht. Und was die 249 Tütchen angeht: Gemeint ist nicht, dass jedes davon 3,7 Gramm wiegt, sondern das Gesamtgewicht. Das wird auch deutlich, wenn man sich andere Artikel in US-Medien dazu anschaut:

the backpack contained 3.375 grams of heroin

police say a total of 3.735 grams of heroin were found

Oder hier, sogar ohne die doofe Schreibweise:

the backpack contained nearly 250 packets of heroin, totalling nearly four grams

Fast vier Gramm. Nicht weniger, nicht mehr, und erst recht keine vier Kilo. Das hat uns auch die zuständige Lokalreporterin von „Delaware Online“ nochmal bestätigt.

Im Gegensatz zu den deutschen Journalisten haben viele Leser den Fehler bemerkt und in den Kommentaren darauf hingeweisen, doch die meisten Redaktionen haben nicht darauf reagiert.

Ein Positiv-Beispiel gibt es aber doch: Die Online-Ausgabe der „Welt“ hat ihren Artikel nach einem Leser-Hinweis geändert. In der ersten Version hieß es, die Beamten hätten …

mehr als 3,7 Kilogramm Heroin in dem Rucksack gefunden.

Inzwischen steht dort aber:

In den Tütchen befanden sich nach Polizeiangaben jeweils 3,7 Gramm Heroin, insgesamt befanden sich also knapp über 900 Gramm Rauschgift in dem Rucksack.

Naja. Aber versucht haben sie’s.

Mit Dank an Johannes S.

Nachtrag, 13. Oktober: Wir haben zur Sicherheit auch noch bei der Delaware State Police nachgefragt. Sergeant Paul G. Shavack, Leiter der Presseabteilung, bestätigte uns, dass die 249 Tütchen insgesamt 3,7 Gramm enthielten.

Asylstatistik, geschnitten serviert

Als wir vor ein paar Tagen darüber berichteten, wie die „Bild“-Zeitung Stimmung gegen Asylbewerber macht, schrieb uns ein Leser, dass auch andere Medien gezielt Panik verbreiten würden:

apropos Angstmache vor „Flüchtlingsflut“:
da machen auch Blätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit, indem sie bspw. Statistiken manipulativ so ausschneiden, dass die aktuellen Zahlen herausstechen.

Konkret meint er eine Infografik, die vor gut drei Wochen bei Faz.net erschienen ist:

Ein ganz ähnliches Diagramm taucht derzeit auch in anderen Medien auf, etwa im aktuellen „Spiegel“* …

(Hier sind die Zahlen insgesamt niedriger, weil der „Spiegel“ nur die Erstanträge zählt, Faz.net aber Erst- und Folgeanträge.)

… auf den Webseiten der „Welt“ …

… oder der „Berliner Zeitung“* …

… und auch die dpa* hat eine Grafik im Angebot:

Sie alle bilden den Zeitraum von 1995 bis heute ab. Das ist zwar nicht falsch, aber: 1992 gab es mehr als doppelt so viele Asylanträge wie 1995. Auch 1991 und 1993 war die Zahl viel größer. In der Infografik werden diese Jahre aber weggelassen, wodurch der Balken für das aktuelle Jahr im Vergleich zu den anderen deutlich höher ist.

Wenn man die Grafik aber beispielsweise um fünf Jahre nach hinten ausdehnt, sieht sie nicht mehr so aus …

… sondern so:

Und wenn man noch ein paar Jahre zurückgeht, so:


(Jeweils Erst- und Folgeanträge; Quellen: „Das Bundesamt in Zahlen“ & „Aktuelle Zahlen zu Asyl“ des BAMF, für 2014: Schätzung des Bundesinnenministers im Mai.)

Dass die Medien nur den Ausschnitt ab 1995 zeigen, muss natürlich nicht gleich böse Absicht sein (wir vermuten eher, dass sie einfach auf die aktuelle Statistik des BAMF zurückgegriffen haben, dort werden nämlich ebenfalls nur die Zahlen ab 1995 aufgelistet), aber mit ein bisschen mehr Recherche und ein paar zusätzlichen Zahlen hätten sie erstens eine bessere Einordnung und zweitens weniger Futter für Manipulationsvorwürfe geliefert.

Mit Dank an Christian K.

Nachtrag/Korrektur, 19.05 Uhr: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass man in diesem Zusammenhang auch den „Asylkompromiss“ beachten muss. Diese im Mai 1993 beschlossene Neuregelung des Asylrechts hatte unter anderem zur Folge, dass es schwieriger wurde, sich auf das Grundrecht auf Asyl zu berufen. *Wichtig ist außerdem: Bei Infografiken, die nur die Erstanträge abbilden, können die Jahre vor 1995 nicht als Vergleich herangezogen werden. Das BAMF differenziert in seiner Statistik nämlich erst seit 1995 zwischen Erst- und Folgeanträgen.

Der falsche Täter und andere Rügen

Die Beschwerdeausschüsse des Presserats haben in ihren jüngsten Sitzungen sechs Rügen, 20 Missbilligungen und 16 Hinweise ausgesprochen. Die Hälfte der Rügen ging an die „Bild“-Gruppe.

Etwa hierfür:

(Unkenntlichmachungen von uns.)

So hatten die Kölner „Bild“-Ausgabe und Bild.de Anfang des Jahres über ein Verbrechen in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen berichtet. Die Redaktionen nannten den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen sowie persönliche Details des Patensohns und zeigten ein Foto von ihm, das lediglich mit einem kleinen Alibi-Balken versehen war. Kurz darauf erwies sich der Mann jedoch als unschuldig (BILDblog berichtete).

Nach Ansicht des Presserats ist die Berichterstattung vorverurteilend und identifizierend und verstößt damit gegen Ziffer 13 (Unschuldsvermutung) des Pressekodex. „In Anbetracht des Ermittlungsstandes hätte über ihn nicht identifizierend berichtet werden dürfen“, befand der Ausschuss und sprach gegen „Bild“ und Bild.de eine Rüge aus. Bei Bild.de ist der Artikel übrigens immer noch unverändert online.

Eine weitere Rüge erhielt Bild.de für die Berichterstattung über den Mord an einem zwölfjährigen Mädchen. Das Portal hatte den Artikel mit einem Foto des Kindes bebildert, obwohl Opfer von Verbrechen — insbesondere Minderjährige — laut Pressekodex besonderen Schutz genießen (Richtlinien 8.2 und 8.3). Die Redaktion argumentierte später, die Familie habe in der Lokalzeitung selbst eine Todesanzeige mit Foto veröffentlicht. Dieses Argument ließ der Presserat jedoch nicht gelten:

Aus einer Todesanzeige in einem anderen Medium, die sich an einen kleineren Personenkreis richtet, lässt sich nicht auf eine grundsätzliche Einwilligung zu einer identifizierenden Abbildung schließen. Zudem war in der Todesanzeige nicht die Rede von einem Gewaltverbrechen. Diesen Zusammenhang stellte erst BILD Online in der Berichterstattung her. Besonders schwer wog aus Sicht des Gremiums zudem, dass das Mädchen unmittelbar neben seinem Mörder abgebildet wurde. Dies verletzt die Gefühle der Angehörigen.

Die Nürnberger „Bild“-Redaktion wurde gerügt, weil sie über ein laufendes Strafverfahren wegen eines Drogendelikts berichtet und dabei viele Details zu dem Betroffenen genannt hatte. Der Presserat erkannte darin einen schweren Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Ein überwiegendes öffentliches Informationsinteresse an der identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Dass sich die Redaktion auf die Beschwerde hin zwar bei dem Betroffenen, nicht aber bei den Lesern entschuldigt hatte, sei keine „ausreichende Wiedergutmachung im Sinne des Pressekodex“.

Doppelt gerügt wurde die Berichterstattung von Welt.de über den Suizid einer Nachwuchssportlerin. Die Redaktion hatte in zwei Artikeln (darum auch zwei Rügen) ausführlich über persönliche Details der jungen Frau geschrieben — etwa über ihre psychischen Probleme und die Beziehung zu ihrem Freund — und damit „tiefgreifend“ in ihre Privatsphäre eingegriffen, wie der Presserat befand. „Zudem spekulierte die Redaktion über die Beziehung zwischen Eltern und Tochter und stellte hierdurch indirekt Schuldzuweisungen für den Suizid in den Raum.“ Die Berichterstattung verstoße gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und insbesondere Richtlinie 8.7 (Selbsttötung), nach der die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung gebietet — vor allem mit Blick auf mögliche Nachahmer.

Übrigens hatten auch andere Medien detailliert über den Suizid berichtet und über die Hintergründe spekuliert. Beim Presserat gingen aber nur Beschwerden über Welt.de ein.

„Focus Online“ schließlich wurde mit einer Rüge belegt, weil das Portal „unangemessen sensationell“ über einen Überfall in Ecuador berichtet hatte. Auf einem Video war unter anderem ein blutüberströmtes Opfer zu sehen, das aus einem Bus stürzte. Aus Sicht des Presserats verstößt die Darstellung der sterbenden Menschen gegen Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. „Focus Online“ argumentierte zwar, das Video sei zu Fahndungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, doch das ließ der Beschwerdeausschuss nicht gelten. Die Täter seien zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits gefasst, der Fahndungszweck also nicht mehr gegeben gewesen.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Von den 20 Artikeln, die missbilligt wurden, erschienen sieben in „Bild“ bzw. bei Bild.de.

Ein Brief von Franz Josef Wagner wurde missbilligt, weil er darin den Ex-Präsidenten der Ukraine als „egoistisches, luxuriöses Schwein“ bezeichnet hatte. Diese Herabwertung verstoße gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), entschied der Beschwerdeausschuss.

Missbilligt wurden außerdem das Foto von einer privaten Trauerfeier, das Foto eines flüchtenden Ladendiebes und der Screenshot eines Facebook-Profils, auf dem persönliche Details zu Täter und Opfer einer Straftat zu erkennen waren (alles bei Bild.de erschienen; jeweils Verstöße gegen Ziffer 8).

Außerdem zeigte Bild.de ein Foto, auf dem ein Feuerwehrmann ein lebloses Kind in den Armen hält. Zwar war der Körper des Jungen einigermaßen verpixelt worden, dennoch wertete der Presserat die Darstellung als unangemessen sensationell (Ziffer 11), vor allem auch, weil die Bildunterschrift suggerierte, dass es sich um ein totes bzw. sterbendes Kind handele.

Gleich zwei Missbilligungen gab es für die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Piraten aus Somalia, der von Bild.de vorverurteilt (Ziffer 13) und von der gedruckten „Bild“ ohne Unkenntlichmachung gezeigt wurde (Ziffer 8).

Weitere Missbilligungen gingen an „Bunte“ und Bunte.de (für die Weight-Watchers-PR-Geschichte mit Julia Klöckner), „Playboy“, „Fränkischer Tag Online“, taz.de, „Buxtehuder/Stader Tageblatt“, Derwesten.de, „Hundeleben“, „Express“, Ruhrbarone.de und Tagesspiegel.de.

Etihad liegt die „Welt“ zu Füßen

Sie wollen wissen, wie supertoll und megaluxuriös das „fliegende Hotelzimmer“ wird, das die Fluggesellschaft Etihad Airways plant? Nun, dann können Sie sich entweder das 90-sekündige Werbevideo des Unternehmens anschauen, oder Sie investieren ein bisschen mehr Zeit und lesen diesen Artikel beim Onlineauftritt der „Welt“:

Das Werbevideo können Sie sich danach immer noch anschauen — die „Welt“ hat es am Ende des Textes freundlicherweise gleich eingebettet, für alle Fälle.

Aber das ist eigentlich nicht nötig, denn nach der Lektüre des 5.000 Zeichen langen Textes werden Sie ohnehin schon längst überzeugt sein von der unschlagbaren Grandiosität der Etihad-Luxus-Suite. Die „Welt“ gibt sich jedenfalls größte Mühe, kein einziges der vielen fantastischen Details zu vernachlässigen.

Schon die ersten beiden Sätze machen die Marschrichtung klar.

Wer dachte, mit der First Class sei der ultimative Luxus im Linienflugzeug bereits erreicht, muss sich von der arabischen Etihad Airways eines Besseren belehren lassen. Denn der neue Wohnraum „The Residence“ fängt dort an, wo die First aufhört.

(Im Original liegt hinter „‘The Residence'“ ein Link zur Unternehmensseite.)

Der „Gipfel des Genusses“, meint die „Welt“, werde

eine immerhin fast zwölf Quadratmeter große Wohnfläche sein, die ein Maß an Luxus und Privatsphäre bieten wird, wie es sonst nur in Privatjets vorgefunden wird.

„Das Wohnzimmer“ sei

unter anderem mit einem 1,50 Meter breiten Zweisitzersofa (ausklappbar zu einem Liegesofa), ausklappbaren Ottomanen, Intarsien-Esstisch, gekühlter Minibar und 32-Zoll-TV-Bildschirm ausgestattet.

„Im Schlafbereich“ stehe

ein 205 mal 120 Zentimeter großes Doppelbett mit Leselampen und Stimmungslicht, ein Nachtschrank, Kleiderschrank, hinterleuchtete holzgeschnitzte Wände und ein 27-Zoll-Fernseher.

Und das „private Duschbad“ ermögliche

eine vier Minuten währende Dusche sowie Toilette, Waschtisch mit Kosmetikspiegel und Föhn.

Wir erfahren, dass jedem Gast „ein persönlicher Butler zur Verfügung“ steht und dass diese „qualifizierten Servicekräfte“ an der „Londoner Savoy Butler Academy speziell geschult“ werden.

Wir erfahren, dass ein „‘Fünfsterne-Verpflegung'“ dazugehört und der Chefkoch „auf Wunsch eine persönliche Menüplanung berücksichtigt“. Dass der Fluggast „mit luxuriöser Bettwäsche, Schlafanzug“ und anderem Schnickschnack „umsorgt“ wird. Dass sich „ein spezielles VIP-Reise-Concierge-Team um die Top-Gäste“ kümmert und „dafür sorgt, dass jedes Reisedetail, einschließlich Bodentransport, Küche und Annehmlichkeiten, optimal auf die Anforderungen des Gastes zugeschnitten sind.“

Dann folgen Angaben zum Preis, zu den geplanten Strecken, den kooperierenden Flughäfen, den angepeilten Terminen und den Platzkapazitäten des Flugzeugs.

Anschließend darf der Etihad-Chef noch persönlich erklären, dass diese „neuartigen Wohnräume“ die „Erwartungen von Flugreisenden in Bezug auf Bordkomfort und Luxus nachhaltig verändern [werden]“. Und die Konkurrenz darf er auch noch niedermachen erwähnen:

Mit Blick auf Mitbewerber um begehrte First-Class-Passagiere wie die Golf-Rivalen Emirates und Quatar Airways, aber auch Singapore Airline und British Airways habe man sich entschlossen, die größten „First Class Suites“ anzubieten.

Aber auch das ist noch lange nicht alles.

Und so plant der Carrier neben dem Top-Produkt „The Residence by Etihad“ auch noch eine Vielzahl weiterer Service-Veränderungen.

Die kürzen wir aber jetzt mal ab.

… „First Apartments“ (neun Stück in einer 1-1-Anordnung also mit nur einem Gang) … 1,60 Meter hohen Schiebetür … Liegesessel … Ottomane … Full-Flat-Bett mit einer Länge von 2,03 Metern … gekühlte Minibar … persönlicher Waschtisch … schwenkbarer TV-Monitor zur Nutzung vom Sitz oder vom Bett aus … 74 Prozent größere Grundfläche als die aktuellen, preisgekrönten First Class Suites … verbesserte „First Suite“ … acht Suiten (in 1-2-1-Anordnung) … großen Sitz … Ottomane … Full-Flat-Bett von 2,05 Metern Länge … lassen sich die Armlehnen zurückschieben … können zwei Suiten in eine Einheit mit Doppelbett umgewandelt werden … gekühlte Minibar … 24-Zoll-TV-Monitor … 20 Prozent mehr persönlichen Platz bieten … direkten Zutritt zum Gang … Full-Flat-Bett mit einer Länge von 2,05 Metern …

… und so weiter.

Der Artikel ist (inklusive Etihad-PR-Video und zehnteiliger Klickstrecke) vergangenen Montag erschienen, im redaktionellen Bereich des Online-Ablegers der „Welt“.

In der Print-Ausgabe, zumindest in der „Welt kompakt“, suchte man ihn vergeblich. Dort wurde stattdessen auf die klassische Weise für „The Residence“ geworben — per Anzeige über drei ganze Seiten.

Bei den Fluggesellschaften gebe es einen „Kampf um die zahlungskräftige Klientel“, schreibt die „Welt“ noch. Gut für die, die ihre Verbündeten schon gefunden haben.

Mit großem Dank an Micky M. und Sébastien Z.

WM-Maskottchen Fuleco verarscht

Mensch, diese Fifa schon wieder. Kaum steht die Fußball-WM vor der Tür, leistet sie sich die nächste „Blamage“ (Welt.de). Einen „peinlichen Fehlgriff“ (stern.de). Einen „Fauxpas“ (oe24.at). Eine „unnötige“ (mopo.de) und „verheerende“ („RP Online“) „Panne“.

Es geht um den Namen des Maskottchens. „Fuleco“ heißt das Vieh Gürteltier, wie seit November 2012 bekannt ist. In einer mehrmonatigen Abstimmung hatten zuvor fast zwei Millionen Brasilianer über den Namen abgestimmt. „Fuleco“ setzte sich als klarer Sieger gegen die beiden anderen Vorschläge durch. Laut offizieller Fifa-Erklärung ist das Wort „eine Verschmelzung von ‘futebol’ (Fussball) und ‘ecologia“ (Umweltschutz)“.

Die „Welt“ weiß es aber besser:

Außerdem – und das mag die Fifa nicht gewusst haben – existiert das Wort „Fuleco“ in der brasilianischen Umgangssprache bereits und heißt nichts anderes als … Arsch. Tja, nun ist es raus.

Fifa-Blamage - Das Maskottchen der Fußball-WM 2014 heißt "Arsch"

Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen:
Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"(mopo.de)

Kugelgürteltier "Fuleco" - Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"(stern.de)

Fauxpas - Peinlich! WM-Maskottchen heißt "Arsch"(oe24.at)

WM 2014 - Peinliche Panne: WM-Maskottchen Fuleco heißt „Arsch“(tt.com)

Fußball / WM 2014 - WM-Maskottchen heißt "Arsch"(sport1.de)

Fussball-WM 2014 - Maskottchen „Fuleco“ – der „Arsch“(shz.de)

Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(express.de)

Peinliche Panne in Brasilien - "Arsch" ist das Aushängeschild der Fußball–WM(„RP Online“)

Peinliche FIFA-Panne - Brasiliens WM-Maskottchen heißt "Arsch"(n24.de)

Wir machen es kurz: Das ist alles Unsinn. „Fuleco“ heißt nicht „Arsch“. Bis vor Kurzem existierte das Wort im Sprachgebrauch nicht einmal.

Der Journalist Dietmar Lang, der seit zehn Jahren in Brasilien lebt und laut eigenen Angaben weder im beruflichen noch im privaten Umfeld „jemals nur im entferntesten“ gehört hat, „dass der Name ‘Fuleco’ negativ besetzt ist oder sein könnte“, hat das in einem Blogeintrag ausführlich erläutert. Ein anderer Journalist aus Brasilien hat uns unabhängig davon das Gleiche geschildert: Das Wort bedeute keineswegs „Arsch“ und tauche — wenn überhaupt — erst seit der Vorstellung des Maskottchens hin und wieder auf.

Auch in den Kommentaren bei Welt.de regte sich gleich Widerspruch:meine Frau ist Brasilianerin, sie meinte das stimmt nicht, Fuleco bedeutet gar nichts, ist kein Wort aus Brasilien...und sie muss es ja wissen... Als Brasilianerin finde ich äußerst peinlich, dass ein solcher Text ohne Recherche veröffentlicht wird. Fuleco existierte bis 2012 nicht in unserer Sprache, damit meine ich auch die Umgangssprache. Ich bin Brasilianer und kenne das Wort "Fuleco" nicht. Falls es "Arsch" bedeuten sollte, muss es regional sein, denn viele von uns kennen es nicht.

Wie kommt die „Welt“-Autorin also darauf, dass die Vokabel „im Brasilianischen schon besetzt“ war (ergo: peinliche Blamage für die Fifa)? Eine Quelle für diese Behauptung gibt sie nicht an.

Vielleicht hat dieser Eintrag in einem portugiesischen „Urban Dictionary“ etwas damit zu tun. Dort ist nämlich in der Tat zu lesen, „Fuleco“ bedeute „Arsch“. Doch der Eintrag wurde exakt an dem Tag veröffentlicht, an dem auch die Namenswahl verkündet wurde. Dietmar Lang schreibt:

Ein schlechter Scherz, ein Hoax, den im Land des fünffachen Weltmeisters keiner ernst genommen hat – zumal auf besagter Seite weitere 53 zweifelhafte Definitionen nachzulesen sind. Auch die brasilianischen Medien haben eine mögliche Zweideutigkeit nie aufgegriffen.

Inzwischen sind auch einige deutschen Medien nicht mehr ganz so überzeugt von dem, was sie zuvor noch munter nachgeplappert hatten. Die „Huffington Post“ hat unter ihrem Artikel einen Nachtrag veröffentlicht, in dem sie mit Verweis auf Langs Blogeintrag einräumt, dass „Fuleco“ „offenbar doch nicht ‘Arsch'“ bedeute. Bei Bild.de haben sie ihren ursprünglichen Artikel („Au, Backe! WM-Maskottchen heißt ‘A….'“) lieber gleich ganz gelöscht. In einem neuen Artikel („Wirbel um Namen von WM-Maskottchen“) stellen sie nun fest, dass „ziemlich viel Verwirrung“ geherrscht habe, freilich ohne zu erwähnen, dass auch sie ziemlich viel verwirrt waren.

Die „Welt“-Autorin wehrt sich jedoch gegen die Kritik und beharrt weiterhin auf ihrer Version:

Das Wort „Fuleco“ hatte schon zu Zeiten der afrikanischen Sklaven in Brasilien eine Bedeutung. Weil sie das R zwischen Vokalen nur schwer aussprechen konnten, sprachen sie es wie L (s.g. lambdacismo). Deshalb wurde aus dem Wort Furo (Loch) das gesprochene Wort Fulo. Das Suffix „eco“ wird in der brasilianisch/portugiesischen Sprache auch als Verkleinerungsform genutzt. Aus Fulo + eco wurde Fuleco, um „kleines Loch“ zu sagen. Das war mir als Erklärung in der Kolumne aber zu viel des Guten, weswegen ich es nur wie im veröffentlichten Text beschrieben habe.

Sie fügt noch eine Textstelle auf Portugiesisch als „Quelle“ an, die aber lediglich erklärt, warum aus „furo“ „fulo“ wurde („Lambdazismus“). Alle anderen Behauptungen belegt sie nicht.

Und selbst wenn die Geschichte stimmt: Wie aus dem „kleinen Loch“ der „Arsch“ und letztlich die große „Fifa-Blamage“ wurde, hat sie damit immer noch nicht erklärt.

Mit Dank an Marcelo S.

Symbolfoto im Anflug

Es ist vermutlich kein allzu dankbarer Job, wenn man als Onlinejournalist solche Schlagzeilen bebildern muss:

Die deutsche Sozialhilfe wird zum Gefängnis

Aber zum Glück verfügen die deutschen Medien ja über äußerst reichhaltige Symbolfotoarchive, in denen sich auch zu derartigen Überschriften ruckzuck das passende Bild finden lässt:

[Ein Turm, davor ein Zaun mit Stacheldraht.] Bildunterschrift: 'Hinter Gittern? Wer Sozialhilfe erhält, der ist es, glaubt der Autor'

Zaun, Turm, Stacheldraht — och, wird schon passen, dachte sich wohl der diensthabende Foto-Raussucher von „Welt Online“, dabei hätte er schon am Dateinamen erkennen können, dass da was nicht so ganz hinhaut: Das Foto heißt nämlich „airport-TXL.jpg“ — und es zeigt auch kein Gefängnis, sondern den Flughafen Berlin-Tegel.

Mit Dank an Kuni.

Nachtrag, 5. März: „Welt Online“ hat das Foto ausgetauscht. Zu sehen ist jetzt ein (echtes) Gefängnis.

Eine Legende kehrt zurück

Ach, vielleicht muss man das ja doch einfach noch einmal erzählen, wie das war damals, an jenem Samstagabend im Februar 1973, als Carmen Thomas als erste Frau zum zweiten Mal „Das aktuelle Sportstudio“ im ZDF moderierte und dort, druckfrisch, die „Bild am Sonntag“ des darauffolgenden Tages in die Kamera hielt, die unter der Überschrift „Charme allein genügt nicht, Frau Thomas!“ bereits vor der Sendung einen Verriss gedruckt hatte, in dem der „BamS“-Autor behauptete, die Sendung, in der Thomas „irrsinnig nervös, unsicher vor der Kamera“ gewesen sei, „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ gesehen zu haben.

Auf jeden Fall aber sollte man sich noch einmal daran erinnern, wie Carmen Thomas vier Sendungen bzw. fünf Monate später mal versehentlich (und von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt) den Fußballverein Schalke 04 „Schalke 05″ genannt hatte, woraufhin die „Bild“-Zeitung zwei Wochen später auf der Titelseite behauptete, die Moderatorin sei „im ZDF-Sportstudio gescheitert“, und um ihren „05“-Versprecher ein ziemliches Gewese gemacht wurde, das ihr Leben veränderte.

Doch warum schreiben wir das jetzt alles noch einmal auf?

Weil einem Moderator in der Schweiz neulich der gleiche Fehler passiert ist.TV-Patzer in der Schweiz - Moderator: "Schalke 05 gegen Real Madrid"

Und viele Medien behaupten jetzt:

Vor 40 Jahren hat in Deutschland eine Frau deswegen sogar den Job verloren.

(Blick.ch)

Einst kostete dieser Versprecher Carmen Thomas den Job als Moderatorin des „Aktuellen Sportstudios“

(Sport1.de)

Der Versprecher kostete Frau Thomas den Job. Ihr Ruf war ruiniert.

(Welt.de)

Ein Lapsus, der vor ziemlich genau 40 Jahren Carmen Thomas den Job als Moderatorin des Aktuellen Sportstudios kostete.

(Express.de und Mopo.de)

Oder in den Worten von Bild.de:

Am 21. Juli 1973 hatte Thomas beim ZDF-Sportstudio ebenso von Schalke 05 gesprochen. In der damaligen Zeit der Todesstoß für ihre Karriere in der Männerwelt des Sports.

Dabei hat Carmen Thomas erst vor ein paar Wochen in einem Interview mit „Focus Online“ erklärt:

Ich habe das „Sportstudio“ noch anderthalb Jahre weitermoderiert. Aber die Lüge hält sich bis heute, dass ich damals nach dem Versprecher raus gewesen wäre.

Und der dapd sagte sie Anfang des Jahres:

Tatsächlich folgten noch eineinhalb Jahre „Aktuelles Sportstudio“ […]. Aber die Legende lebt und lebt.

Mit Dank an Marvin.

Google-Ausfall sorgt für Journalismus-Ausfall

In der vergangenen Nacht funktionierte Google für ein paar Minuten nicht. Was das für Folgen hatte, steht heute überall: Der Internet-Verkehr ist halb zusammengebrochen.



„Spiegel Online“, Bild.de, „Welt Online“, sie alle berichten dasselbe: einen Rückgang der „weltweiten Internetaktivitäten“ oder des „weltweiten Internetverkehrs“ um 40 Prozent.

Es gibt für diese Zahl exakt eine Quelle: den Analyse-Anbieter GoSquared. Der hat den vermeintlichen Traffic-Einbruch in einem Blog-Eintrag behauptet und auch gleich mit einer tollen Grafik belegt:

Die hat diverse Medien in aller Welt so sehr beeindruckt, dass sie damit gleich ihre Meldungen illustriert haben. Dass die eindrucksvolle Kurve keinerlei Legende hat und die Y-Achse nicht beschriftet ist, das hat sie nicht gestört. Hey, eine Kurve! Statistik! Wissenschaft! Fakten!

Aber was genau ist da zurückgegangen? GoSquared spricht von der Zahl der Seitenaufrufe, die von GoSquared erfasst werden („the number of pageviews coming into GoSquared’s real-time tracking“).

GoSquared hat also nicht den Internetverkehr auf der ganzen Welt gemessen, mit welchen Methoden auch immer, sondern nur die Abrufe auf den Seiten der Kunden von GoSquared. Was für Seiten das sind und wie typisch sie für das Internet insgesamt sind — man weiß es nicht.

Überhaupt lässt sich die Zahl der Seitenabrufe (pageviews) keineswegs mit dem „Internetverkehr“ oder den „Internetaktivitäten“ gleichsetzen. Die Datenmenge, die bei einem Seitenabruf bewegt wird, kann winzig oder gewaltig sein.

Ist der Internettraffic also in Folge des Google-Ausfalls um 40 Prozent heruntergegangen? Vielleicht, aber wahrscheinlich nicht. In der Traffic-Statistik von DE-CIX, dem großen Internet-Knoten in Frankfurt/Main, hat der Google-Ausfall jedenfalls nur winzige Spuren hinterlassen.

Die GoSquared-Leute aber stehen im Stau und nehmen einfach an, dass zu dem Moment jeder im Stau steht: Autos auf jeder Straße, Fußgänger und Flugzeuge gleichermaßen. Und sie freuen sich, dass die halbe Welt auf ihre Bullshit-Meldung hereingefallen sind.

(Basierend auf einem Post von Torsten Kleinz.)

Nachtrag, 18. August, 12 Uhr. „Welt Online“ und derstandard.at haben ihre Artikel klammheimlich verbessert.

Nachtrag, 19. August. Nun hat sich auch „Spiegel Online“ etwas halbherzig, aber transparent korrigiert.

Schildbürger unter sich

Fast jeder kennt die Geschichten über die Schildbürger, die in ihrem Übereifer immer wieder ambitionierte Projekte beginnen und dann doch an den simpelsten Grundlagen scheitern. Zum Beispiel die Geschichte, als sie ein Rathaus ohne Fenster bauten und anschließend versuchten, das fehlende Licht mit Eimern und Fässern in das Gebäude zu schaffen.

Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum die Geschichte von dem spanischen Hochhaus ohne Fahrstuhl in der Deutschen Presse so viel Aufmerksamkeit erntete. Zum Beispiel in Bild.de:

Hochhaus gebaut – aber Aufzug fehlt Architekt vergaß den Fahrstuhl-Schacht +++ Bauarbeiter müssen schleppen +++ Mieter müssen laufen

Stern.de beschrieb detailreich:

Mit 210 Metern soll es das höchste Wohnhaus Europas werden. Ein Aushängeschild der Superlative, so war der Plan. 3,7 Millionen Euro kostete zu Baubeginn eine Maisonettewohnung im

Und Welt.de wusste auch den Grund dafür:

Der Aufzug wurde nur für die ersten 20 Stockwerke konzipiert, beim Weiterbau vergaß man den Aufzugschacht bis zu Spitze.

Auch Spiegel Online, die Neue Zürcher Zeitung, die Hamburger Morgenpost und viele andere verbreiteten die Mär vom fehlenden Aufzug.

Alleine: Der Artikel in der Zeitung El País (englische Fassung), auf den sich die Artikel direkt oder indirekt berufen, hat zwar allerhand zum Thema Fahrstühle zu berichten: Es gab einen Unfall mit dem Lastenaufzug, der ohnehin zu spät gebaut worden war. Dass allerdings die Fahrstuhlschächte ab dem 20. Stockwerk fehlen — das stand nirgends. Die entscheidene Textstelle lautet (Übersetzung von uns):

Im Januar 2012 gab es eine neue Überraschung: Bei den Planungen war der Aufzugschacht nicht beachtet worden, wie die öffentlichen Pläne klar zeigen. „Der Platz wurde nur für ein 20stöckiges Gebäude berechnet“, sagten die gleichen Quellen.

Das kann natürlich vieles heißen: dass die Fahrstuhlschächte unterdimensioniert sind, dass der Platz für den Antrieb falsch berechnet war, dass zu wenige Fahrstühle für die erhöhte Einwohnerzahl zur Verfügung standen. Für die Extrem-Interpretation, dass die Fahrstuhlschächte gleich ganz fehlten, fehlte jedoch jeder Hinweis. Und wie zu erwarten war, stimmte dies auch nicht. Wie zum Beispiel das Blog Barcepundit auflistet, hat der Wolkenkratzer sogar ganze 10 Aufzüge — und die Schächte reichen bis in den 47. Stock. Treppen steigen muss also niemand.

Doch statt ihre Falschmeldungen einfach zu löschen oder zu korrigieren — wie es zum Beispiel Spiegel Online sehr halbherzig tat — versuchten einige Redaktionen ihre durch Fakten verpfuschte Geschichte noch zu retten. So erklärte die Welt kurzerhand das Fehlen des Schildbürgerstreiches selbst zur Posse:

Screenshot: Welt.de

Doch wie spanische Medien kolportieren, sei beim Bau ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Die Tageszeitung „El País“ will anhand der Baupläne herausgefunden haben, dass der Aufzugsschacht für ein Hochhaus von nur zwanzig Stockwerken und damit zu eng konzipiert war. Für ein doppelt so großes Hochhaus wie das Intempo braucht man stärkere Motoren und andere Zugsysteme. Erst im Januar habe man den Fehler bemerkt und die drei Aufzugsschächte erweitert, was die Arbeiten erheblich verzögerte, heißt es beim spanischen Nachrichtensender „La Sexta“. Viele spanische Online-Portale juxen derweil munter weiter über das Hochhaus mit dem fehlenden Aufzug.

Dass die Redaktion das eigene Rechercheversagen überspielt und „spanischen Online-Portalen“ in die Schuhe schiebt, ist dreist, aber kaum bemerkenswert. Dass es die Redaktion aber schafft, trotz der Nachfrage beim Architekten die Falschmeldung vom „offenbar vergessenen“ Fahrstuhl noch in die Überschrift zu packen hingegen zeigt eine stolze Ignoranz, die eins deutlich macht: Deutsche Journalisten müssen sich offenbar nicht hinter Schildbürgern verstecken.

Mit Dank an Greta H., hvd69, Patrick R. und Mathias S.

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