Archiv für Welt Kompakt

Bergpanorama am Stiel

Die heutige Titelgeschichte der „Welt Kompakt“ lautet:

Auf in die Dolomiten

Für Joachim Löw und sein Team beginnt heute die heiße Vorbereitungsphase auf die WM. 27 Auserwählte müssen bis Ende Mai im Trainingslager in Südtirol schwitzen. Für das Bergpanorama […] dürften die Spieler kaum einen Blick haben

Und jetzt raten Sie mal — womit hat die „Welt Kompakt“ diese Geschichte bebildert?

Mit einem Bergpanorama? Den Dolomiten?
Mit schwitzenden Fußballern? Nationalelf? Jogi Löw?
Copacabana? Zuckerhut? Samba-Tänzerinnen?

Nö. Sondern:

Klar, wer denkt da auch nicht sofort an den „Eisklassiker ‘Dolomiti'“?

Immerhin beruht die Zuneigung zwischen dem Axel-Springer-Verlag („Welt“) und Langnese („Dolomiti“) auf Gegenseitigkeit: Auf der „Dolomiti“-Verpackung im Kühlregal prangt seit dem Comeback des Eises das Logo der „Bild“-Zeitung. Warum? Weil „Bild“-Chef Kai Diekmann den Konzern angeblich erst auf die Idee gebracht hat, die Sorte wiederzubeleben. Zumindest erzählte „Bild“ das im Februar so selbst:

2012 sprachen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann und Unilever-Chef Harry Brouwer über die Generation Babyboomer, den geburtenstärksten Jahrgang der Deutschen […]. Auf Diekmanns Frage, warum das Dolomiti irgendwann nicht mehr produziert wurde, ließ Harry Brouwer bei Langnese (die Eissparte von Unilever) Marktforschung betreiben und nach der Original-Rezeptur für das Waldmeister-, Himbeer- und Zitronen-Eis suchen. […]

Mit dem Aufdruck „Comeback by BILD“ bedankt sich Langnese beim BILD-Chef für seine Idee.

Der Verlag wiederum bedankte sich zurück und trommelt seither fleißig für das Eis — selbst dann, wenn es eigentlich um Fußball geht.

Deine Spuren im Sand

Um Neil Armstrong zu würdigen, der 1969 als erster Mensch den Mond betreten hatte und am Wochenende verstorben war, sah die „Süddeutsche Zeitung“ gestern so aus

Mehr als nur ein Hauch von Pathos durchwehte die Bildunterschrift auf der Titelseite:

Ein kleiner Schritt . . .

. . . und ein gewaltiger Sprung. Am 21. Juli 1969 betrat der Amerikaner Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Gut vier Tage hatte das Raumschiff Apollo 11 mit ihm und zwei weiteren Astronauten von der Erde zum Mond gebraucht. Zweieinhalb Stunden verbrachte der Kommandant auf der Oberfläche des Erdtrabanten. Nun ist Armstrong im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Herzoperation gestorben. Seine Spuren im Mondstaub bleiben ewig – es gibt keinen Wind, der sie verwehen könnte.

Ja, Armstrongs Spuren bleiben ewig — aber das auf dem Foto sind nicht seine.

Das Foto, zeigt laut NASA, die es unter der Nummer AS11-40-5877 archiviert hat, den Fußbadruck von Edwin „Buzz“ Aldrin, der gemeinsam mit Armstrong auf der „Apollo 11″-Mission war und kurz nach ihm den Mond betreten hatte.

Das steht auch in dem nützlichen Artikel „Keep in mind as you put together your Neil Armstrong packages tonight…“ vom Samstag, den wir gestern bei „6 vor 9″ verlinkt hatten, den die Bildredakteure der „Süddeutschen Zeitung“ aber offenbar nicht kannten, als sie am Sonntag ihre Zeitung zusammenbauten.

Außerdem ist das Bild bei der „Süddeutschen Zeitung“ spiegelverkehrt, wodurch es sich von „Welt Kompakt“ unterscheidet, wo es auf dem Kopf zu sehen war:

Auch Medien wie die „Stuttgarter Zeitung“ und FAZ.net verwendeten das Foto und schrieben den Fußabdruck mehr oder weniger direkt Neil Armstrong zu — immerhin nicht auf der Titelseite.

Mit Dank an Stefan K. und Julian H.

Pissen Impossible

Wenn Sie der Meinung sind, die Ehescheidung zwischen einer berühmten Schauspielerin und einem noch viel berühmteren Schauspieler sei unwichtig, deren Privatsache, jedenfalls kein Fall für die Presse, mögen Sie vielleicht Recht haben, aber das interessiert leider niemanden.

Sie unterschätzen sogar, was manche Journalisten darüber hinaus für erwähnenswert halten:

Während sich „Free Katie“ fortan zur Kämpferin für Kindeswohl (Suri) und Frauenrechte (die eigenen) wandelte, alterte Tom Cruise, der weitab in Island einen Science-Fiction-Thriller drehte, optisch von Tag zu Tag. Gipfel der Demütigung: Ein Text in der britischen „Daily Mail“, in dem die Reporter anhand von Paparazzi-Bildern rekonstruierten, dass der gerade 50 Jahre alt gewordene US-Star angeblich innerhalb von „20 Minuten fünf Mal“ die Toilette am Filmset aufgesucht habe. Der alte Mann und das Klo – ein neuerlicher Image-Gau für Tom „Top Gun“ Cruise, vermutlich ein irreparabler.

Ja, echt jetzt: Die Journalistin Kerstin Rottmann hielt die Information, wie oft Tom Cruise am Filmset eine Toilette aufgesucht hat, für so wichtig, dass sie sie in ihren Artikel in „Welt Kompakt“ einbaute.

Für so wichtig, dass sie dabei auf Details achtete oder auch nur simpelste englische Vokabeln korrekt ins Deutsche übersetzte, dann aber doch wieder nicht.

Der Artikel der „Daily Mail“ trägt online jedenfalls diese Überschrift:

Divorce leaves Tom feeling flushed: Cruise visits loos THREE times in 20 minutes on Oblivion set

(„three“ = „drei“.)

Mit Dank an Tilman H.

Wat dem einen sin Uhl

Was unterscheidet eigentlich „Die Welt“ von „Welt kompakt“? Der „axel springer mediapilot“ erklärt es so:

DIE WELT ist die nationale Qualitätszeitung für traditionelle Eliten, die sich Herausforderungen stellen. WELT KOMPAKT im modernen Tabloidformat ist die Zeitung für die Entscheidungsträger der modernen Generation.

Doch wie kann die Junior-Ausgabe eine andere Zielgruppe ansprechen, wenn sie die wesentlichen Inhalte doch nur von der älteren Schwester übernimmt? Nun — ganz einfach. Heute zum Beispiel haben beide Blätter die selbe Geschichte über Wikileaks-Gründer Julian Assange auf den Titel gehoben. Mit einem kleinen Unterschied.

„Die Welt“ titelt für die „traditionellen Eliten“ so:

Ende eines Egomanen

„Welt kompakt“ hingegen charakterisiert Assange für die „moderne Generation“ ganz anders:

Der Untergang eines Visionärs

Wer hat die dümmsten Redakteure?

Das Sommerloch macht es schwer, journalistische Angebote zu füllen. Die Parlamente machen Ferien, im Fernsehen kommen nur Wiederholungen und falls man doch Mal recherchieren will, hört man am anderen Ende der Leitung all zu oft: „Ihr Ansprechpartner ist leider im Urlaub“.

Also muss man den Bodensatz der Pressemitteilungen durchwühlen. Am Besten sind Geschichten, die sich gut anhören, bei denen es aber egal ist, ob sie nun wahr sind oder nicht. Beispielsweise: „Schwangere mögen Sellerie lieber als Saure Gurken“. Oder: „Im Fernsehen kommen nur Wiederholungen„. Oder zur Abwechslung etwas Neues: Der Web-Browser ist mit der Intelligenz verknüpft. Klingt abwegig, banal, irgendwie doof? Egal, es füllt Platz:

Bei „Welt kompakt“:

Browser-Test: Opera-User sind am schlauesten

Bei Krone.at:

Nutzer des Internet Explorer sind am dümmsten

Bei „20 Minuten“:

Bei Bild.de:

Dass niemand zuvor von der ominösen Marktforschungsfirma gehört hatte — egal. Dass die Abweichungen von über 40 IQ-Punkten enorm hoch sind und Nutzer des Internet Explorer 6 mit knapp über 80 IQ-Punkten im Schnitt nur wenig besser abschneiden als Forrest Gump — kein Problem. Schließlich sind in der Studie bunte Grafiken und gewichtig klingende Fachbegriffe wie „WISC-iV“, „Verbal IQ“ und „Full Scale IQ“.

Dumm nur: nichts davon stimmt. Die BBC, die die Story zunächst auch verbreitet hatte, hat doch noch einmal nachgefragt und die Geschichte als „Bogus“ entlarvt: Unter der angegebenen Telefonnummer meldet sich niemand, die Webseite der angeblich seit fünf Jahre existierenden Firma ist brandneu und aus anderen Webseiten zusammen gestückelt und ein Statistikforscher an der Universität Cambridge findet die publizierten Zahlen unplausibel.

Kurz gesagt: Studie samt Firma sind offenbar Produkt von Witzbolden, die sich über Nutzer des Internet Explorer lustig machen wollten. Das stellt die hiesigen Medien vor ein Problem: Die Spielverderber von der BBC können schließlich nicht ganz ignoriert werden.

Bild.de gibt sich humorvoll:

Und ergänzt:

Wie Kollegen von Computerbild.de jetzt herausfanden, existierte die Kanadische Beraterfirma AptiQuant nicht einmal.

Doch die Kollegen behaupten nicht einmal selbst, es herausgefunden zu haben: Sie beziehen sich bei ihrer Korrektur ausdrücklich auf die BBC.

Kein Rekord beim Asyl

Es ist nur eine sehr kleine Meldung, heute auf der Titelseite von „Bild“:

Rekord bei Asylanträgen

Berlin – Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Asylbewerber auf ein neues Rekordniveau geklettert: 41332 Asylanträge wurden gestellt. Das waren 13683 mehr als 2009.

Die Zahlen stimmen, und doch ist die Meldung falsch irreführend falsch: Einen „Rekord“ stellen die 41.332 höchstens dar, wenn man lediglich die Zahlen nach 2003 betrachtet. Der echte Rekordwert für Asylanträge stammt aus dem Jahr 1992 (aus der Zeit vor dem sogenannten „Asylkompromiss“). Damals beantragten 438.191 Menschen in Deutschland Asyl — mehr als zehn Mal so viel wie im vergangenen Jahr.

Womöglich hatte „Bild“ diese Fehlinformation vom Evangelischen Pressedienst (epd), der gestern getickert hatte:

Asylbewerberzahlen 2010 auf Rekordniveau

Berlin (epd). Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Asylbewerber auf ein neues Rekordniveau geklettert. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden 41.332 Asylanträge gestellt. Das waren 13.683 mehr als im Jahr 2009, teilte das Bundesinnenministerium am Montag in Berlin mit.

Anders falsch lag „Welt Kompakt“, wo über der Feststellung „das waren 49,5 Prozent mehr als 2009″ folgende Überschrift prangt:

Zahl der Asylanträge hat sich verdoppelt

Mit Dank an Matthias L. (nicht Leonhard).

Sunglasses At Night

Die spektakuläre Rettungsaktion für die chilenischen Bergleute, die 69 Tage in mehr als 600 Metern Tiefe eingeschlossen waren, war auch ein Medienereignis: Seit Monaten wurde das Schicksal der Männer medial begleitet, ihre Rückkehr an die Erdoberfläche wurde weltweit live übertragen, teils rund um die Uhr.

Dennoch sind laut „Spiegel Online“ die wichtigsten Fragen immer noch unbeantwortet:

Wann zerbricht die Gemeinschaft der Mineros? Wann kommt der Rückschlag nach der Euphorie? Warum sprachen die Arbeiter so druckreif? Warum trugen die Männer bei ihrer Rettung keine Bärte? Warum wurde der schönste Kumpel als Erster nach oben gebracht? Warum warteten auf einen Arbeiter zwei Frauen? Wie hätten sich 33 Frauen unter Tage verhalten? Wie viel Licht braucht der Mensch? Warum küssten so wenige Mineros ihre Frauen?

(Wenn Sie auch ernst zu nehmende Antworten auf diese Fragen erwarten, ist „Spiegel Online“ allerdings der falsche Ort, danach zu suchen.)

Einer weiteren brennenden Frage hat sich „Welt Kompakt“ angenommen: Was waren das eigentlich für geile Sonnenbrillen, die die Kumpels trugen?

Coolness für die Augen der Kumpels. Das die geretteten Bergleute aussahen wie Stars, lag an den Sonnenbrillen, mit denen sie aus der Tiefe auftauchten, gestiftet von der kalifornischen Firma Oakley (Modell Radar, Preis: ab 209 Euro). Die Brille filtert laut der Firma sämtliche UVA-, UVB- und UVC-Strahlen und wird für besonders helle Lichtverhältnisse empfohlen. Genau das Richtige für die licht-entwöhnten Augen der Bergarbeiter. Oakley-Sprecher Christian Schramm betont, dass man sich den Bergarbeitern nicht aufgedrängt habe: "Uns hat ein chilenischer Journalist um die Brillen gebeten."

Immer diese Journalisten …

Mit Dank an Thomas N. und Axel F.

A long way down (leicht gekürzt)

In der heutigen Ausgabe von „Welt Kompakt“ findet sich ein Interview mit dem englischen Schriftsteller Nick Hornby.

Darin heißt es unter anderem:

Etliche Ihrer Bücher wurden verfilmt. "A long way down" etwa, wurde zu einem Film mit Johnny Depp. Wie erleben Sie es, wenn aus Ihren Ideen auf Papier plötzlich Filmfiguren werden, wenn sie sich verändern. Ist das nicht schmerzhaft? - Hornby: Hm, nein dieser Prozess ist nicht so sehr schmerzhaft.

Fans des Popliteraten werden sich möglicherweise wundern, warum er auf die Frage nicht so etwas geantwortet hat wie:

Wie? Der Film ist schon fertig? Davon wüsste ich aber … Depp hat bislang nur die Rechte gekauft. Vor 2011 läuft da nix im Kino. Oder wissen Sie mehr als ich?

Warum Hornby so komisch auf die Frage geantwortet hat, klärt sich, wenn man das Interview in der normalen „Welt“ oder bei „Welt Online“ liest: Er hat es gar nicht.

Die Frage ist (schlecht) aus zwei anderen zusammengekürzt und seine Antwort bezieht sich auf den zweiten Teil:

Etliche Ihrer Bücher wurden verfilmt. „A long way down“ – Ihr Buch über den Umgang mit Depressionen und Selbstmord – wurde von Johnny Depp schon vor der Veröffentlichung vom Markt weggekauft.

Hornby: Ja, aber das muss nicht immer bedeuten, dass dieses Projekt raketenartig zum Start gerollt wird. Johnny Depp, ein netter Kerl ohne Frage, hat mir vor ungefähr fünf Jahren die Rechte am Buch abgekauft. Was ist seitdem passiert? Wo ist der Film? Ich habe Geld bekommen. Darüber kann ich mich nicht beschweren. Aber ansonsten ist nichts passiert. Aber es gibt noch einen anderen Punkt, der mich viel mehr stört.

[...]

Generell gesprochen: Wie erleben Sie das, wenn aus Ihren Ideen auf Papier plötzlich Filmfiguren werden, wenn sie sich verändern. Ist das schmerzhaft?

Hornby: Hm, nein dieser Prozess ist nicht so sehr schmerzhaft. [...]

Aber was will man machen bei einer Zeitung, die sich „Welt Kompakt“ nennt?

Mit Dank an Jan W.