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Von Antisemiten und Antisemanten

Sie haben es womöglich mitbekommen: Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, sieht sich Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt.

Die deutschen Medien schreiben dazu:

Das amerikanisch-jüdische Simon-Wiesenthal-Center (SWC) hat wieder einmal mit den jährlichen „Top Ten der Antisemiten und Israelkritikern“ für Schlagzeilen gesorgt.
(freitag.de)

Der Herausgeber der Berliner Wochenzeitung „Der Freitag“, Jakob Augstein, gehört nach Meinung des Simon-Wiesenthal-Zentrums in den USA zu den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten.
(epd)

Das Simon Wiesenthal Center hatte Augstein auf Platz neun der Liste mit zehn Antisemiten für das Jahr 2012 gesetzt.
(Reuters)

Jakob Augstein auf die Liste der weltweit größten Antisemiten zu setzen ist ein Fehler des Wiesenthal-Zentrums, der fassungslos macht.
(„Neue Osnabrücker Zeitung“)

Die US-Menschenrechtsorganisation hatte Augstein wegen Israel-kritischer Äußerungen auf ihre Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt gesetzt.
(dpa)

Das weltweit angesehene Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein auf Platz neun eines Rankings der schlimmsten Judenfeinde gesetzt.
(dapd)

Am vorvergangenen Donnerstag veröffentlichte das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles seine aktuelle „Top Ten“ der schlimmsten Antisemiten in aller Welt, die es seit 2010 immer gegen Jahresende gibt.
(„Der Spiegel“)

Der Journalist Jakob Augstein ist vom Wiesenthal Center unter die Top Ten der weltweit gefährlichsten antisemitischen und anti-israelischen Verleumder gewählt worden.
(sueddeutsche.de)

Als einziger Deutscher steht „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein in der „Top 10″ der Antisemiten und Israel-Verunglimpfer – in einer Reihe mit Holocaustleugnern wie Mahmoud Ahmadinedschad.
(tagesspiegel.de)

Das Simon Wiesenthal Zentrum in Los Angeles hat vor Kurzem den deutschen Journalisten Jakob Augstein auf Platz 9 seiner jährlichen Liste der schlimmsten Antisemiten gesetzt.
(tagesschau.de)

Eine „Liste der schlimmsten Antisemiten“, da kann man sich natürlich was drunter vorstellen — so ein bisschen in der Art der berühmt-berüchtigten „Ten Most Wanted“ des FBI.

Allerdings gibt es diese Liste gar nicht.

Was das Simon Wiesenthal Center veröffentlicht hat (PDF), ist die „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also die Top Ten der anti-semitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen im Jahr 2012.

Das erklärt auch, warum so wenige Personen und Organisationen, die 2011 (PDF) und 2010 (PDF) auf dieser Liste standen (u.a. Thilo Sarrazin, Lars von Trier, Oliver Stone, aber auch Yahoo!, Facebook und Twitter als Platzhalter für „social media“), in der 2012er Edition auftauchen: Sie sind im vergangenen Jahr einfach nicht mit Äußerungen aufgefallen, die das Simon Wiesenthal Center als anti-semitisch bzw. anti-israelisch eingestuft hat.

Dieser Unterschied ist nicht ganz unbedeutend. Harald Martenstein etwa, Dampfplauderer beim „Berliner Tagesspiegel“, schreibt (auch bei „6 vor 9″ verlinkt):

Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt. Eigentlich stellt das Wiesenthal-Zentrum Deutschland ein prima Zeugnis aus.

Dabei behauptet das Simon Wiesenthal Center mit seiner Liste gar nicht, dass Augstein „Deutschlands schlimmster Antisemit“ sei und damit „schlimmer“ als Neonazis. Es hält lediglich fünf Augstein-Zitate für derart anti-semitisch bzw. anti-israelisch, dass es diese auf Platz 9 der schlimmsten Verunglimpfungen gesetzt hat.

Über die Einschätzung dieser Zitate als anti-semitisch bzw. anti-israelisch kann man trefflich streiten. Aber es hülfe bei diesem Streit, wenn er auf der Grundlage dessen geführt würde, was das Simon Wiesenthal Center tatsächlich behauptet.

Mit Dank an Lukas G. und Steffen Z.

Bis sich die Balken biegen (3)

Nein, das sind nicht die Daltons oder die Simpsons, das sind die „mittleren Ressorts“ des Bundeshaushalts in einer Grafik auf tagesschau.de.

Und als aufmerksame BILDblog-Leser fällt Ihnen natürlich auf, dass da mit den Balken mal wieder was nicht stimmt: Der 22-Milliarden-Balken ist nur minimal höher als der 13-Milliarden-Balken, der allerdings ungefähr doppelt so hoch ist wie die Sechs-komma-irgendwas-Milliarden-Balken.

Wir haben die Redaktion von tagesschau.de auf diesen Fehler hingewiesen (und darauf, dass die „allgemeine Finanzverwaltung“ mit ihren 22 Milliarden eigentlich nicht in die „mittleren Ressorts“, sondern in die „großen“ gehört). tagesschau.de hat die Seite daraufhin überarbeitet.

Wer selbst schon einmal mit einem Tabellenkalkulationsprogramm so eine Grafik erstellen wollte, weiß, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen würde annehmen, dass man da einfach ein paar Zahlenwerte eingibt und das Programm dann automatisch irgendwelche Balken zaubert, die dann zumindest die richtigen Proportionen haben.

Warum geht das in den Medien dann so häufig schief, wollten wir wissen, und Andreas Hummelmeier, Redaktionsleiter bei tagesschau.de, war so nett, es uns zumindest kurz zu erklären:

Die Balkengrafiken für tagesschau.de werden mit einem speziellen Grafiktool erstellt. Zwar wurden die Haushaltszahlen korrekt eingegeben, durch einen Bedienfehler wurden aber die dazugehörigen Balken nicht angepasst. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Das Grafikprogramm bietet die Wahl zwischen „automatischer“ und „manueller“ Skalierung, der Schalter stand auf manuell und dieses händische Anpassen wurde versäumt. Deshalb hatten wir zwar die aktuellen Zahlen auf der Seite, aber die Balkenproportionen des überholten Haushaltsentwurfs.

Mit Dank an Lars.

Ent oder weder

Leser-Umfragen sind fester Bestandteil vieler Nachrichtenseiten. Sie sind aber nicht wirklich wichtig: das Ergebnis ist eh nicht repräsentativ, da die Teilnehmer weder zufällig ausgewählt sind, noch ausreichende Vorkehrungen gegen Manipulation getroffen werden. Umfragen sind ein billiger Weg, Interaktivität zu simulieren: Der Leser klickt, seine Meinung fließt in einen Balkendiagramm ein — und das war es in der Regel auch schon.

Wie wenig wichtig dieses Mittel der Leserbeteiligung genommen wird, zeigt sich in der Umfrage, die tagesschau.de am 3. Februar zur Lage in Ägypten online stellte:

Druck auf Mubarak: Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Italien haben die Gewalt in Ägypten scharf verurteilt. "Der Übergangsprozess muss sofort beginnen", forderten sie in einer gemeinsamen Erklärung. Was meinen Sie, reicht das, oder müsste der internationale Druck auf Mubarak noch stärker werden?

Um den Haken zu erkennen, muss man keine Ahnung von Statistik haben — ein wenig Gespür für die deutsche Sprache reicht. Denn die Teilnehmer der Umfrage werden vor zwei Alternativen gestellt: Entweder, oder. Anschließend bekommen sie aber nur die Antwortoptionen „Ja“, „Nein“ und „Ist mir egal“. Wer „Ja“ anklickt, kann meinen, dass der Druck auf Mubarak ausreicht, oder er ist im Gegenteil der Meinung, dass der Druck noch steigen muss. Je nachdem, wie er die Frage verstanden hat.

Dem Studenten Matthias S. aus München fiel dies auf und er informierte die Redaktion von tagesschau.de. Die reagierte auch prompt und tauschte die missverständliche Frage aus:

Druck auf Mubarak  Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Italien haben die Gewalt in Ägypten scharf verurteilt. "Der Übergangsprozess muss sofort beginnen", forderten sie in einer gemeinsamen Erklärung. Was meinen Sie, reicht der internationale Druck auf Mubarak aus?

So weit, so gut? Nicht ganz, wie Matthias S. uns schreibt. Denn die Redaktion setzte den Zähler nicht zurück, als sie die Frage veränderte. Auch weiterhin wurden die missverstandenen Antworten zum Endergebnis gezählt. Der Einfluss der Fragestellung scheint auf den ersten Blick tatsächlich eine wesentliche Rolle gespielt zu haben: Klickten bei der ersten Version noch über 40 Prozent der Teilnehmer auf „Ja“, sank der Wert nach der neuen Fragestellung auf gerade mal 12 Prozent.

Bis sich die Balken biegen

Es sieht aus wie moderne Kunst, soll aber das Ergebnis einer Umfrage abbilden:

Mit einem ernst zu nehmenden Balkendiagramm hat die Grafik auf tagesschau.de allerdings nicht viel zu tun: Der Balken für 77 Prozent ist genauso lang wie die für 84, 89 und 90, aber im Verhältnis zu den Balken mit 52 und 58 Prozent viel zu kurz.

Und 100 Prozent (bzw. 99 bei CDU/CSU) fallen so unterschiedlich aus:

Aber vielleicht gelten in Monaten ohne „b“ andere Regeln.

Mit Dank an Georg Z.

Nachtrag, 6. November: tagesschau.de hat die Grafik überarbeitet und mit einem Hinweis versehen:

Diese Grafik wurde ausgetauscht. Die Balken haben jetzt die korrekte Länge. Dank an die Hinweisgeber!

In 80 Fehlern um die Welt (1-3)

Seit dem Siegeszug des Internets ist die Welt ja angeblich kleiner geworden — übersichtlicher aber offenbar nicht, wie drei aktuelle Geographie-Fehler verschiedenster Medien beweisen:

Bild.de:

Stürmer Dimitar Rangelov (27) steht zwar im 18-er Aufgebot, doch auch seine Tage in Dortmund sind gezählt. BILD erfuhr: Dem Rumänien wurde ebenfalls vom BVB nahe gelegt, sich ausleihen zu lassen. Angeblich soll Freiburg Interesse haben…

Mal davon ab, dass Dimitar Rangelov natürlich nicht ganz „Rumänien“ ist, ist er auch nicht Rumäne, sondern Bulgare.

* * *

„Kölner Stadtanzeiger“:

Slowenien

Das mit „Slowenien“ beschriftete Land ist die Slowakei — und in deren Hauptstadt Bratislava fand auch der besagte Amoklauf statt.

* * *

tagesschau.de:

Im westafrikanischen Benin wurden Tausende Menschen finanziell ruiniert, weil sie einem windigen Finanzunternehmen Glauben schenkten. (…) In der Hauptstadt Cotonou spielen sich seit Tagen ergreifende Szenen ab.

Die Hauptstadt Benins heißt Porto Novo, Cotonou ist der Regierungssitz.

Mit Dank an Jan Sch., Simon B., Sebastian und Gregor K.

Nachtrag, 16.24 Uhr: Bei ksta.de heißt die Slowakei jetzt auch „Slowakei“.

2. Nachtrag, 21.01 Uhr: In der Zwischenzeit hat auch tagesschau.de Cotonou zum Regierungssitz ernannt.

Mängel beim Wetter

Weil offenbar niemand bei tagesschau.de Lust verspürte, mit der Digitalkamera zum Bahnhof zu laufen, wurde ein Interview zur Störanfälligkeit von Zügen in Deutschland kurzerhand mit einer Anzeigetafel aus dem Archiv illustriert:

Eine Stunde später am Ziel - wegen Mängel bei der Wartung

Vielleicht hätte man das Foto oben ein bisschen beschneiden sollen, denn die gewählte Bildunterschrift entpuppt sich bei näherer Betrachtung als nicht ganz zutreffend:

Unwetter in NRW! Zur Zeit kein Zugverkehr!

Die dpa-Bildbeschreibung lautet übrigens:

Auf der Zuganzeige sind am Montag (12.07.2010) im Düsseldorfer Hauptbahnhof die Verspätungen der Züge zu sehen. Die Bahn hat am gleichen Tag wegen des Unwetters den Verkehr zeitweise eingestellt.

Mit Dank an Christian H.

Nachtrag, 13:45 Uhr: Tagesschau.de hat die Bildunterschrift ausgetauscht. Sie lautet neu: „Die hochwertigsten Züge Europas – oft verspätet oder ausgefallen“.

Die kleinere Hälfte

Ein alter Schüler-Witz:

Verzweifelt steht ein Mathematiklehrer vor seiner Klasse: „Wie oft soll ich Euch noch erklären, dass es keine kleinere und keine größere Hälfte gibt?“, fragt er erbost. „Aber warum sage ich Euch das – die größere Hälfte von Euch wird es eh nie verstehen!“

Was soll diese lahme Pointe an dieser Stelle? Nun: Vor zwei Wochen berichteten wir über die irreführenden Berichte nach der Wahl eines Republikaners in den US-Senat.

Doch zumindest die kleinere Hälfte der Journalisten hat immer noch nicht verstanden, dass die Partei des US-Präsidenten Obama damals zwar einen wichtigen Sitz im Senat verloren hat, aber immer noch über die weitaus größere Hälfte der Sitze in dem Parlament verfügt. Dass Obama zwar nicht mehr mit einer strategischen 60-Prozent-Mehrheit legislative Störmanöver der politischen Gegner von vornherein unterbinden kann, aber dennoch mit 59 von 100 Sitzen über eine komfortable absolute Mehrheit im US-Senat verfügt.

tagesschau.de berichtet über ein Treffen der radikalen Rechten:

So haben sie beispielsweise Scott Brown, den republikanischen Kandidaten für das Senatorenamt in Massachussetts, unterstützt. Mit Erfolg: Die Demokraten haben seitdem ihre Mehrheit im US-Senat verloren.

Ins gleiche Horn stößt der „Tagesspiegel“, als er sich der US-Klimapolitik widmet:

Nachdem die Partei des amerikanischen Präsidenten Barack Obama bei einer Nachwahl vor kurzem ihre Mehrheit im Senat verloren hat, ist es noch schwerer geworden, dort das ohnehin nicht besonders ambitionierte Klimagesetz durchzubringen

Bei „20 Minuten“ hat man sich immerhin erinnert, dass etwas Besonderes an der verlorenen Mehrheit war. Nur was das war, das hat man vergessen:

Das ist umso wichtiger, seit Barack Obama die absolute Mehrheit im Senat verloren hat.

Aber warum sagen wir das — die kleinere Hälfte wird eh schreiben, was sie will.

Mit Dank auch an David K.

Nachtrag, 6. Februar: Tagesschau.de hat den Fehler inzwischen korrigiert.