Archiv für Süddeutsche Zeitung

Wie man Minarette groß rausbringt

Nachdem die Schweizer in einer Volksabstimmung am Wochenende beschlossen haben, per Verfassung den Bau von Minaretten zu verbieten, wird auch in Deutschland wieder über das Verhältnis zum Islam und seinen Symbolen diskutiert.

Als Illustration des Konfliktes scheint sich vor allem ein Motiv anzubieten: Das Minarett der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim vor dem Turm der Liebfrauenkirche. Auf der Seite 2 der „Süddeutschen Zeitung“ zum Beispiel sah das gestern so aus:

Die „Bild“-Zeitung nahm heute ein älteres Foto derselben Konstellation, das noch vor dem Neubau des Minaretts vor fünf Jahren entstanden ist:

Es ist das perfekte Symbol: Die katholische Kirche in einer mitteleuropäischen Großstadt, in den Schatten gestellt von der neugebauten Moschee gleich nebenan.

Man muss sich allerdings viel Mühe geben, um dieses Bild in der Realität nachvollziehen zu können. Denn der Turm der Liebfrauenkirche misst stattliche 74 Meter. Er ist ungefähr doppelt so hoch wie das Minarett. Diese Aufnahme lässt das zumindest erahnen.

Zur Bebilderung eines Konfliktes, der sich nicht zuletzt um Symbole dreht, wählen viele deutsche Medien also ein Foto, das die Größe des islamischen Bauwerkes in Deutschland grotesk verzerrt und nicht die Realität, sondern die Ängste vieler Menschen abbildet. Man muss keine böse Absicht unterstellen, um das bemerkenswert zu finden.

Mit Dank an Bernd O.!

Sternestunden des Journalismus

Kennen Sie das „Burj al Arab“ in Dubai?

Sicher kennen Sie:

Ein grosser Hafen, eine internationale Airline und das weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab waren Ausdruck der Vision und sind teilweise wirtschaftliche Erfolgsgeschichten.
(„NZZ am Sonntag“, 29. November 2009)

Binnen weniger Jahre mauserte sich die Berichterstattung über seine künstlichen Inseln, die glitzernden Hochhaustürme (darunter selbstverständlich das demnächst höchste Gebäude der Welt) und natürlich ganz besonders das welterste „Sieben-Stern-Hotel“ zu so etwas wie einem eigenständigen journalistischen Topos.
(„Kurier“, 28. November 2009)

[A]n Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde.
(„Die Presse“, 27. November 2009)

Pünktlich zur Jahrtausendwende wurde in Dubai mit dem „Burj al Arab“ das erste Sieben-Sterne-Hotel der Welt eröffnet;
(„Süddeutsche Zeitung“, 14. Oktober 2009)

Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt.
(„Spiegel Online“, 15. Juni 2009)

Im berühmten 7-Sterne-Hotel Burj al Arab gab es am Montagabend einen Empfang für die deutschen Gäste. Vielleicht trösten Glanz und Pracht des Bauwerks ein wenig über die Strapazen der Reise hinweg.
(stern.de, 2. Juni 2009)

Jetzt ist es raus: Der 96 m hohe gläserne Hotelturm im Palais Quartier wird ein Juwel. Gepachtet und gemanagt von der Luxushotelgruppe Jumeirah. Die betreibt auch das Burj Al Arab in Frankfurts Partnerstadt Dubai, das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt.
(„Bild“, 30. April 2009)

Aber wissen Sie auch, wie viele Sterne das „Burj al Arab“ in Dubai hat?

Der General Manager verrät es Ihnen gerne in einem Werbetext, den die Deutsche Presseagentur anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hotels verbreitet hat (und unter anderem bei n-tv.de, „RP Online“, „Welt Online“ und Sueddeutsche.de veröffentlicht wurde):

„Das Hotel hat einen eigenen Mythos. Wir haben nie behauptet, dass wir ein Sieben-Sterne Hotel sind. Das hat man uns nachgesagt“, erzählt Heinrich Morio, der General Manager des „Burj Al Arab“.

Nun könnte man natürlich sagen, dass so ein bisschen Understatement den ganzen Luxus des Hotels noch mal ein bisschen mehr strahlen lässt. Andererseits gibt es aber tatsächlich ein „weltweit einziges“ und „welterstes“ Sieben-Sterne-Hotel.

Das Schweizer Zertifizierungsunternehmen SGS hat im März 2007 eine neue Klasse eingeführt und die „Town House Galleria“ in Mailand im darauf folgenden Dezember mit sieben Sternen ausgezeichnet.

Zumindest bei „Spiegel Online“ und Bild.de hätte man das wissen können — zumal man dort bereits im Oktober 2008 berichtete, dass sich „mehr und mehr Luxushotels“ mit sieben Sternen schmückten.

Damals schrieb Bild.de übrigens:

Weltweit gibt es offiziell nur einen bis fünf Sterne.

Diese Aussage ist weder falsch noch richtig, denn „weltweit“ gibt es gar keine weder eine zentrale Sternvergabestelle noch einheitliche Qualitätskriterien. Letzteres hat die Welt der Hotels mit der des Journalismus gemein.

Mit Dank an Mario Z.!

Die Mühen mit dem Muhen der Kühe

Die „Süddeutsche Zeitung“ zählt heute auf ihrer Wissen-Seite „Zehn Dinge, die Sie noch nicht wissen über Kühe“ auf. Ding eins lautet:

Das stimmt so nicht. Und den Phonetiker und Blogger John C. Wells würde es echt freuen, wenn das die Medien nun endlich mal einsehen würden. Schon im Oktober 2006 hoffte er darauf, sein Auftritt in der Sendung „Stern-TV“ sei „the absolutely last gasp of the cow dialect story“, der „wirklich letzte Atemzug der Kuh-Dialekt-Geschichte“.

Das Unglück nahm seinen Lauf, als Wells auf Anfrage einer PR-Firma, die im Auftrag eines Käseherstellers tätig war, erzählte, es gebe seriöse wissenschaftliche Untersuchungen, dass Vögel regionale Gesangsunterschiede zeigen — Ähnliches sei „für Kühe auch nicht vollständig auszuschließen“. Der daraus entstandene Artikel wurde ohne Rücksprache publiziert und bald von der „BBC“ aufgegriffen.

Wells musste darauf „14 Radio- und drei Fernsehinterviews geben“, wie „spektrum direkt“, der Online-Ableger der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“, schrieb, der die Sache schon vor über zwei Jahren aufklärte. Ein Blogeintrag vom August 2006 zitiert eine E-Mail von John Wells, in der er ausführlich zu erklären versucht, wie es zum sich weltweit verbreitenden Unsinn kommen konnte.

Sein Wunsch nach Ruhe wird aber wohl nicht erfüllt. Solange die Geschichten über die in Dialekt muhenden Kühe bei welt.de, taz.de, abendblatt.de, bild.de und orf.at unkorrigiert vor sich hingammeln, muss man davon ausgehen, dass sie bald wieder jemand aufgreift. Auch die „Süddeutsche Zeitung“ hat vermutlich nur auf ihren eigenen Archiv-Artikel mit dem Titel „Die Kuh muht mit Dialekt“ vom 24. August 2006 zurückgegriffen (was der Überschrift „Zehn Dinge, die Sie noch nicht wissen…“ eine doppelte Ironie gibt).

Und im kommenden Frühjahr erscheint dann ein Buch mit dem Titel „Warum Kühe im Dialekt muhen“ und der Ankündigung „Kein Witz – alles wirklich wahr!“. Und der Autor ist ausgerechnet Richard Zinken, der Chefredakteur von „spektrum direkt“*.

*) Zinken erklärt uns auf Nachfrage, dass es sich bei dem (ausgerechnet) am 1. April 2010 erscheinenden Buch um „eine Sammlung von Sommerloch-Beiträgen handelt, die skurrile, aber meist korrekte wissenschaftliche Erkenntnisse auf’s Korn nehmen“, was im Vorwort des Buchs dann auch dargelegt werde.

Mit Dank an Treets!

BKA? Da könnte ja jeder bitten!

Es war vielleicht die „erste Multimedia-Verbrecherjagd“ und „eine der spektakulärsten Fahndungen in der Kriminalgeschichte“, wie „Bild“ heute schreibt: Am Mittwoch hatte das BKA in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ und im Internet nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird.

Da sich der Mann bei seinen Taten selbst gefilmt hatte und alle bisherigen Fahndungsmaßnahmen erfolglos waren, entschied man sich zur Veröffentlichung von Videos und Fotos.

Nach dem großen Medien-Echo hat sich der mutmaßliche Täter gestern gestellt, wie das BKA sofort vermeldete. Die Pressemitteilung enthielt einen weiteren Hinweis:

Wichtig:

Da mit der Identifizierung der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien gebeten, die veröffentlichten Videos, Bilder und Stimmproben nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und so kamen die Medien dieser Bitte heute nach (alle gelben Flächen sind von uns):

Schlimmster Kinderschänder stellt sich: So zeigte sich das Dreckschwein im Internet
(„Bild“)

Dieses Bild stammt aus einem Film, den der Täter gedreht hat
(„Tagesspiegel“)

Der Täter filmt sich selbst
(„Süddeutsche Zeitung“)

Aber selbst Menschen, die der widerlichsten Verbrechen beschuldigt sind, haben Rechte. Der Rechtsanwalt Markus Kompa schreibt in seinem Blog:

Für eine Anprangerung in den Medien eines nicht verurteilten Täters gibt es keine Rechtsgrundlage. Die Regeln über die Art und Weise entsprechender Berichterstattung sind im Kodex des Deutschen Presserates hinreichend ersichtlich. Strafe ist Sache des Strafrichters.

(…) Was mich (…) stört, ist die unprofessionelle Gleichgültigkeit, die manche angeblich seriösen Medien an den Tag legen. Wenn es sich um ein sozial besonders geächtetes Delikt handelt, dann scheint man mit zweierlei Maß messen zu dürfen.

Zahlreiche Onlinemedien haben die Fahndungsfotos nach wie vor in ihren Archiven. Dass es durchaus möglich wäre, der Bitte des BKA nachzukommen und die Rechte des Beschuldigten zu respektieren, beweist u.a. „Spiegel Online“.

Für das „Dreckschwein“ (aus dem online eine „Sex-Bestie“ wurde) kann sich „Bild“ wahrscheinlich schon mal auf Post vom Presserat einstellen, was die Zeitung sicher gelassen zur Kenntnis nehmen ignorieren wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 23:55 Uhr: Und so illustrierte „RTL Aktuell“ den Fall heute um 18:45 Uhr, mehr als 24 Stunden nach der Mitteilung des BKA:

Alle haben ihm vertraut

Wie ein Pirat dem anderen

Es könnte etwas anstrengend werden mit der deutschen Presse und der Piratenpartei: Spätestens seit die Partei bei den Europawahlen in Schweden einen Sitz errungen hat und der Ex-SPD-Abgeordnete Jörg Tauss jetzt als „Pirat“ im deutschen Bundestag sitzt (wenn auch nur bis zur Wahl im September), ist die Partei ein Thema für die Medien. Nur die Bereitschaft, sich auch mit der Partei und ihren Zielen zu befassen, ist gering.

Bereits direkt nach der Europawahl war dpa bei dem Versuch gescheitert, die Piratenpartei zu erklären, und hatte ihr eine Verbindung zur Download-Suchmaschine Pirate Bay unterstellt, die es so nicht gibt (BILDblog berichtete).

Heute ist es Bernd Graff, stellvertretender Chefredakteur und Leiter der Kulturredaktion von sueddeutsche.de, der die beiden Gruppierungen mit ähnlichen Namen nicht auseinander halten kann und deshalb in einem Artikel über Pirate Bay schreibt:

Pirate Bay ist längst mehr als eine obskure Downloadplattform. Sie ist, vor allem über ihre politische Vertretung, die Piratenpartei, so etwas wie das Zentralsekretariat einer Internationale, die sich der grenzenlosen Freiheit im Netz verschrieben hat.

Blöd für Graff, dass ihm das ausgerechnet in der gedruckten „Süddeutschen“ passiert ist — hätte es nur bei sueddeutsche.de gestanden, hätte er sich ja damit rausreden können, dass man den „Idiotae“ im Netz eh nichts glauben dürfe.

Mit Dank an Julian G.

Gut erhaltenes Hochhaus (fast) zu verschenken

Sie haben zufällig ein paar Euro auf der hohen Kante? Wir hätten da einen Anlagetipp, der ist mindestens so seriös wie das, was Sie in Banken angeboten bekommen: Kaufen Sie doch mal ein Hochhaus — sowas gibt’s momentan ganz besonders günstig. Aktuell beispielsweise: Hochhaus in allerbester Lage in New York City, wenige Schritte vom Museum of Modern Art entfernt, Central Park in unmittelbarer Reichweite, 40 Stockwerke für nur sagenhafte 100.000 Dollar. Ein echtes Schnäppchen, greifen Sie zu: Das komplette Stockwerk für gerade mal läppische 2.500 Dollar! Wenn Sie bitte vergleichen wollen: Dafür bekommen Sie in München eben mal einen Quadratmeter Eigentumswohnung, aber auch nur dann, wenn Sie Glück haben und nicht gerade in bester Lage wohnen wollen.

Sie misstrauen diesem Angebot ein wenig? Recht haben Sie, denn das, was die „Süddeutsche Zeitung“ heute mit dem Zusatz: „kein Einzelfall“ groß berichtet (und außerdem die Online-Kollegen von der „Neuen Zürcher Zeitung“, „Focus“, „Rheinischer Post“ und „20 Minuten“) — ist natürlich blanker Unsinn.

Das Hochhaus, das gerade in New York verkauft wurde, ist zwar nicht mehr die 500 Millionen wert, die es mal gekostet hat. Einen Preisverfall von rund 99,8 Prozent muss man aber nicht mal in dieser Krise befürchten.

Tatsächlich war die Geschichte so, dass der bisherige Eigentümer einen bestehenden Kredit nicht mehr bedienen konnte. Der Deal, auf den sich der Käufer des Gebäudes einließ, war der folgende: Man bot als Kaufpreis lediglich das Mindestgebot von 100.000 Dollar, verpflichete sich aber zugleich zur Übernahme der auf dem Gebäude lastenden Hypothek. Das sind stolze 240,1 Millionen Dollar (im Detail ist das hier nachzulesen).

Dieser nicht ganz unwesentliche Teil, der aus einem Schnäppchen dann doch eine schwere, nun ja: Hypothek macht, fehlt in der Meldung, die die Nachrichtenagentur AP über den Verkauf verbreitete. Und die „Süddeutsche“ und die anderen schienen nicht einmal zu stutzen über das unglaubliche Angebot.

Ist es übrigens dann tröstlich, wenn auch amerikanische Blätter nachdrucken ohne nachzudenken?

Mit Dank an O.S.!

Nachtrag, 11. Juni: In allgemeiner Form findet sich in den Meldungen doch ein Hinweis auf die Hypotheken. Im drittletzten Absatz heißt es: „Deshalb verkaufen sie die Bürohochhäuser teils erheblich unter Wert mit der Bedingung, dass der Käufer die damit verbundene enorme Schuldenlast übernimmt.“ Danke an den Hinweisgeber!

Lebt denn der alte Canzler-Kandidat noch?

Vor etwa einem Monat hatten Mitarbeiter des NDR-Satiremagazins „Extra 3″ beim Wahlkampfauftakt der SPD mit selbst gebastelten „Yes, he can Kanzler!“-Plakaten für Verwirrung unter den anwesenden Journalisten gesorgt (BILDblog berichtete).

Entweder hat die „Süddeutsche Zeitung“ bis heute nichts von dieser Geschichte mitbekommen, oder sie wollte die Leser ihrer Wochenend-Beilage absichtlich in die Irre führen, als sie ein ansonsten seriöses Porträt Frank-Walter Steinmeiers ohne weitere Erklärung mit diesem Foto bebilderte:

Yes, he can Kanzler!

Mit Dank an Stefan K.

Das BILDbloggen muss „Bild“ noch üben

Die „Bild“-Zeitung hat schon Recht: Man kann es heuchlerisch finden, dass Heribert Prantl, ein Leitender Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, andere Medien dafür kritisiert, dass sie detailliert und mit Namensnennung über den Fall einer Sängerin berichtet haben, der vorgeworfen wird, im Wissen um die eigene HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Prantl behauptete gestern:

„Die Süddeutsche Zeitung hat über die Verhaftung und den Tatvorwurf deshalb sehr zurückhaltend berichtet; sie wird den Namen der Sängerin auch weiterhin nicht nennen — obwohl dieser nun landauf, landab genannt wird.“

„Auch weiterhin“? Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Namen der Sängerin am Mittwoch in einem Teil ihrer Auflage genannt. Bundesweit hat sie den Namen der Gruppe genannt, zu der die Sängerin gehört, und so alle vier Mitglieder unter den Verdacht gestellt, gemeint zu sein. In ihrem Online-Archiv hat sie sämtliche „SZ“-Artikel zum Thema, einschließlich Prantls, auch mit dem Nachnamen der Sängerin indiziert. Online ist Prantls Artikel mit einem Foto der Gruppe illustriert. Und auf sueddeutsche.de sind Meldungen über den Fall erschienen, die unter Namensnennung der Verdächtigen detailliert über die Vorwürfe berichteten.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr berechtigt, wie „Bild“ zu fragen, ob es „Dummheit oder Heuchelei“ sei, wenn Prantl die eigene Vorbildhaftigkeit gegenüber den anderen herausstelle.

Allerdings ist „Bild“ dann die übliche Rechercheschwäche in die Quere gekommen. „Bild“ erwähnt einen ausführlichen Artikel, der am Dienstagabend auf sueddeutsche.de erschien und unter Namensnennung über die Vorwürfe gegen die Sängerin berichtete, und schreibt:

Wer auf der SZ-Internetseite nach [dem Namen der Band] sucht, findet nur noch Prantl und einen Artikel vom Dezember 2008. Soll nach Prantls Predigt etwa der Eindruck erweckt werden, der gelöschte Artikel sei nie geschrieben worden?

Die „Süddeutsche“ will sich dazu nicht äußern.

Wie zum Beweis zeigt „Bild“ sogar einen Ausdruck des Artikels, auf dem jemand handschriftlich notiert hat: „MITTLERWEILE AUS DEM INTERNET GELÖSCHT !!“

Nur: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Artikel nicht „aus dem Internet“ gelöscht, nicht einmal aus ihrem eigenen Online-Auftritt. „Bild“ ist nur zu doof, ihn wiederzufinden. Er ist genau dort, wo er immer war und auch auf dem Screenshot von „Bild“ zu sehen ist: im „Newsticker“, wo die Agenturmeldungen auf sueddeutsche.de einlaufen. Und man findet ihn, indem man dort zum Beispiel den Namen der Band eingibt.

Nachtrag, 20. April. Jetzt ist der von „Bild“ gezeigte und angeblich gelöschte Artikel tatsächlich auf sueddeutsche.de nicht mehr zu finden — wie alle Meldungen im Newsticker dort, die älter als fünf Tage sind.

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