Timothy McVeighs Perp-Walk-Marathon

Perp Walk nennen die Amerikaner den Gang, mit dem Verdächtige vor der Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Meist in Handschellen und umringt von Polizisten werden sie medienwirksam abgeführt.

Über dieses Ritual wird gerade wieder heftig diskutiert, weil der zurückgetretene Chef des Internationalen Währungsfonds IWF, Dominique Strauss-Kahn, es über sich ergehen lassen musste, nachdem er in New York festgenommen wurde. Die "Süddeutsche Zeitung" versuchte deshalb vergangene Woche, die Geschichte des Perp Walks nachzuerzählen:

Den längsten "Perp Walk" hatte Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma City, zu erdulden. Drei Stunden lang wurde er öffentlich ausgestellt, bevor er dem Richter vorgeführt wurde.

Das kann man sich sehr schlecht vorstellen. Entweder hätte der Transporter viele Kilometer vom Gefängnis entfernt geparkt sein müssen. Oder McVeigh hätte viele Male um das Gebäude herum– oder immer wieder hin– und hergeführt werden müssen. Oder man hätte ihn — ohne Schutzweste — drei Stunden vor einem Pulk aufgebrachter Bürger herumstehen lassen müssen.

In Wahrheit dauerte McVeighs Perp Walk nur wenige Sekunden (Video). Es mag dem SZ-Autor wie Stunden vorgekommen sein, weil diese Aufnahmen so oft wiederholt wurden. Wahrscheinlicher ist, dass er eine leicht missverständliche Formulierung aus dem englischen Wikipedia-Eintrag zu Perp Walk missverstanden hat. Dort heißt es:

In 1995 Oklahoma City bomber Timothy McVeigh, already in Oklahoma State Police custody for a firearms violation, was paraded before television cameras by the FBI nearly three hours before he was officially arrested for the bombing.

Die knapp drei Stunden sind der Zeitpunkt (vor der offiziellen Verhaftung wegen des Attentates), nicht die Länge des Perp Walks. Aber das hat nicht nur die SZ falsch verstanden.

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Filmkritiker tilt aus

Es gibt im deutschen Kulturbetrieb (neben Mario Barth und der Band Revolverheld) kaum ein weicheres Ziel für Kritiker als Til Schweiger.

Das muss einen Rezensenten natürlich nicht davon abhalten, trotzdem draufzuhauen. So wie Jan Füchtjohann in der "Süddeutschen Zeitung": Nachdem er sich zwei Absätze lang daran abgearbeitet hat, dass Schweiger in der Talkshow von Markus Lanz Sexualstraftätern ihre Menschenrechte absprechen wollte (und damit erwartbarerweise zum Liebling von "Bild" avancierte), geht Füchtjohann mit Schweigers neuestem Film ins Gericht.

Stattdessen geht es dann um einen Drehbuchautor, der, netter Einfall, Til heißt und in einem Loft in Berlin wohnt, wo er ganz viel Sex mit hübschen Frauen hat. Plötzlich steht seine acht Jahre alte Tochter vor der Tür, von der er bis dahin noch gar nichts wusste. Das führt natürlich zu allerlei lustigen Verwicklungen. Ach ja, "Kokowääh" ist Kindersprache für "Coq au vin", das einzige Gericht, das Til kochen kann.

Den "netten Einfall" könnte man auch als kleinen Ausfall des Rezensenten bezeichnen, denn Til Schweigers Filmfigur heißt nicht "Til", sondern "Henry".

Das geht auch aus dem Trailer hervor:

… so wie auch alle anderen Szenen, die Füchtjohann in seiner Filmkritik beschreibt:

Nur leider sieht der Film über weite Strecken aus wie ein Werbespot für Joghurt, Bausparen oder Kaffee-Pads: Menschen bewerfen sich im Gegenlicht mit Daunenfedern, laufen auf einer sonnigen Wiese hintereinander her, oder sitzen lachend mit einem Laptop auf dem Sofa.

Wenn Füchtjohann sich also tatsächlich den ganzen Film angesehen haben sollte und nicht nur den Trailer, so wäre das zumindest nicht nötig gewesen.

Mit Dank an Simon G. und Svenja W.

Und täglich grüßt die KFN-Studie

Alles begann, als Familienministerin Kristina Schröder vergangene Woche in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" die Frage "Wie weit verbreitet ist das Phänomen Deutschenfeindlichkeit?" so beantwortete:

Es gibt bisher kaum Untersuchungen. Eine jüngste Studie besagt, dass knapp ein Viertel der befragten ausländischen Jugendlichen Deutsche beschimpft und ein Teil davon sogar geschlagen hat, nur weil sie Deutsche sind.

Die jüngste Studie, auf die sich Schröder bezieht, stammt vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und war bereits im Juni dieses Jahres erschienen. Schon damals berichteten zahlreiche Medien fälschlicherweise, zwischen Religiösität und Gewaltbereitschaft bestünde ein signifikanter Zusammenhang, nachdem die "Süddeutsche Zeitung" KFN-Direktor Christian Pfeiffer verkürzt zitiert hatte (BILDblog berichtete).

Pfeiffer war auch diesmal nicht mit den Schlussfolgerungen aus seiner Studie zufrieden, was er am nächsten Tag dann auch der "Financial Times Deutschland" sagte:

Der Kriminologe aber will (…) kein Kronzeuge sein: "Eine generelle Deutschenfeindlichkeit gibt es nicht", sagte er FTD.de. (…)

Pfeiffer verweist unter anderem auf einen Teil der Untersuchung, in dem Migranten gefragt wurden, welche Gruppen sie gerne zum Nachbarn hätten. Abgesehen von den eigenen Landsleuten kamen Deutsche dabei fast immer an erster Stelle, auch bei türkischen Befragten. "Niemand liebt die Deutschen so wie die Türken", glaubt Pfeiffer. Umgekehrt landeten Türken bei den befragten Deutschen aber an letzter Stelle. Aus solchen und anderen Indikatoren folgert Pfeiffer, dass die vermeintliche Deutschenfeindlichkeit vor allem mit Enttäuschung über mangelnde Integration zu tun hat. "Wenn wir ihnen die kalte Schulter zeigen, kriegen wir es richtig zurück."

Wohlgemerkt, Pfeiffer wiederholte gegenüber der "FTD" eine Erkenntnis, die seit über vier Monaten in der Studie einsehbar ist. Da aber gerade hysterisch über Integration debattiert wird, kam eine Lawine des Unfugs ins Rollen.

Die "Süddeutsche Zeitung" titelte am Dienstag "Türken bei deutschen Jugendlichen unbeliebt" und behauptete:

Die Integrationsdebatte in Deutschland erhält durch eine Umfrage unter deutschen und türkischen Jugendlichen neue Nahrung.

Und auf sueddeutsche.de steht derselbe Artikel unter dieser Überschrift:

Neue Studie: Die unbeliebten Türken

Dass die angeblich "neue Nahrung" aus der vier Monate alten "neuen Studie" stammt, ist der "Süddeutschen Zeitung" nicht aufgefallen, und das obwohl ganze vier Autoren für den Artikel verantwortlich zeichnen.

Die Nachrichtenagentur dapd (auch dpa berichtete) nahm die gar nicht neuen Erkenntnisse, von denen die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, in einer besser recherchierten Meldung auf und wies darauf hin, dass die Studie bereits im Juni vorgestellt wurde. Außerdem ergänzte dapd folgendes Ergebnis der Studie:

Das Kriminologische Forschungsinstitut fand bei seiner Befragung auch klare Hinweise auf "Deutschenfeindlichkeit" bei Jugendlichen aus Einwandererfamilien. Von den befragten nichtdeutschen Jugendlichen in Westdeutschland sagte fast ein Viertel (23,7 Prozent), sie hätten schon einmal einen Deutschen beschimpft; 4,7 Prozent sagten, sie hätten schon einmal absichtlich einen Deutschen geschlagen und 2,1 Prozent räumten ein, ein von Deutschen bewohntes Haus beschädigt zu haben.

Die Nachrichtenagentur wies aber auch darauf hin, dass die sogenannte "Deutschenfeindlichkeit" oft auf eigene schlechte Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit zurückzuführen ist:

Diese Feindschaft gegen Deutsche trete allerdings bei gut integrierten türkischen Jugendlichen, die die Realschule oder das Gymnasium besuchten, kaum noch auf, sagte Pfeiffer ergänzend. Zudem gebe es bei "deutschenfeindlichen Delikten" oft einen Zusammenhang zu eigener Erfahrung von Fremdenfeindlichkeit: 41,4 Prozent der Jugendlichen, die selbst schon einen Übergriff erlebt hatten, räumten ein "deutschfeindliches Delikt" ein; von denen ohne "Opfererfahrung" waren es 14,2 Prozent.

Dies wiederum nahmen zahlreiche Medien als Startschuss, selbst zu berichten.

Im "Berliner Kurier" etwa stand am Mittwoch:

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der "Islamophobie" — die Angst vor muslimischer Überfremdung. Zwei neue Studien befeuern die aktuelle Debatte: (…) Eine (…) Studie besagt, Türken seien bei jungen Deutschen besonders unbeliebt.

Auch die Angriffe türkischer Jugendlicher auf deutsche Jugendliche tauchen auf, nicht jedoch, dass die meisten "deutschenfeindlichen" Handlungen mit eigener Opfererfahrung im Zusammenhang stehen. So beschwört man tatsächlich das "Gespenst der Islamophobie" und befeuert die "aktuelle Debatte" selbst aktiv.

Noch einseitiger ist ein Artikel auf T-Online.de, in dem die KFN-Studie ebenfalls als "aktuell" bezeichnet wird. Auch hier werden "Jugendliche nichtdeutscher Herkunft", die angeben, "schon einmal einen Deutschen beschimpft zu haben", ins Feld geführt, ohne auf die Hintergründe einzugehen.

Am Mittwoch beteiligte sich auch "RP Online" daran, die "Debatte über das Verhältnis zwischen Einheimischen, Zuwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund" anzuheizen:

Eine Jugend-Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen heizt die Debatte über das Verhältnis zwischen Einheimischen, Zuwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund weiter an.

Doch damit nicht genug: Auf der österreichischen Seite nachrichten.at ist genauso von einer "neuen Studie" die Rede, die "den Integrationsstreit in Deutschland weiter anheizt" wie bei Bild.de und "Welt Online".

Nur dass der Autor des letztgenannten Artikels sogar glaubt, es handele sich um zwei verschiedene KFN-Studien. Er schreibt einerseits über "Neue Erkenntnisse im großen Streitthema Integration", andererseits berichtet er das:

Im Juni hatte ein Forschungsbericht seines Instituts gezeigt, dass ein Viertel der befragten Nichtdeutschen schon einmal bewusst einen Deutschen beschimpft hatte, 4,7 Prozent hatten schon einmal einen Deutschen geschlagen.

Weder bei "Welt Online", noch bei Bild.de oder nachrichten.at findet sich ein Hinweis darauf, dass Übergriffe von türkischen Jugendlichen auf Deutsche oft in Zusammenhang mit zuvor erlebter Ausländerfeindlichkeit stehen.

Mindestens genauso weit daneben liegt Thomas Pany von "Telepolis", der zwar etwas differenzierter berichtet, aber ebenfalls von zwei verschiedenen Studien ausgeht — und das, obwohl er selbst im Juni zwei Artikel darüber verfasst hat.

Dass es auch anders geht, zum Beispiel mit Recherche, zeigt übrigens ein herrlich unaufgeregter Artikel der Onlineausgabe der "Frankfurter Rundschau" mit dem Titel "Gemobbt wird immer die Minderheit".

Nachtrag, 19. Oktober: Auf "Telepolis" wurde der Fehler inzwischen transparent mit einem Update korrigiert.

Gerüchterstattung

Es ist schon ein Kreuz mit dem Twitter-Journalismus oder der "neuen Medienwelt", wie sie Thomas Schuler heute auf der Medienseite der "Süddeutschen Zeitung" anhand von Gerüchten über den Gouverneur des US-Bundesstaats New York beschreibt:


Manchmal schicken Journalisten heute eine Frage über das Internet raus und nennen das Recherche. Erkundungen über die Stichhaltigkeit des Gerüchts, die eigentlich vor der Entscheidung über eine Veröffentlichung steht, machen das Gerücht bereits öffentlich.

Und weiter:

Alle greifen die Twitter-Frage von Koblin auf und rechtfertigen damit ihre Berichte. New York Post, Daily News, Talkradio, Huffingtonpost.com, AP, Reuters, die Online-Ausgabe der Washington Post - alle berichten. Sie nennen die Gerüchte Gerüchte, das schon. Aber sie verbreiten sie und sie befördern den Rufmord.

Doch man muss nicht nach Amerika schweifen, um diesen Medien-Mechanismus zu betrachten. Um zu sehen, wie die Berichterstattung Gerüchterstattung funktioniert, kann der Leser der "SZ" auch einfach zwei Seiten weiter blättern. Dort, mitten im Wirtschaftsteil, berichtet gerüchtet die "Süddeutsche" selbst. Über Kim Schmitz, den C-Prominenten der deutschen IT-Szene der 90er Jahre, gibt es nämlich neue Fakten Informationen. Nunja:

Der inzwischen 36-Jährige hat im Leben schon viele Rollen verkörpert: Einst ein vermeintlich genialer Hacker, dann ein scheinbar erfolgreicher Unternehmer, schließlich ein verurteilter Betrüger, und dann nur noch ein Phantom. Nun soll er wieder aufgetaucht sein. Das zumindest glaubt die neuseeländische Zeitung New Zealand Herald. Sie will den verschollenen "Kimble" gefunden haben, und zwar als Käufer einer der teuersten Villen des Inselstaates.

Das mag richtig sein oder auch nicht — mehr als einen anonymen Insider weiß auch der "New Zealand Herald" nicht zu zitieren. Dies ist freilich ein Informationsweg, der gerade in Sachen Kim Schmitz chronisch unzuverlässig ist. Aber die "Süddeutsche" hat nicht einfach nur Gerüchte abgeschrieben, sondern sogar recherchiert:

Seine längst stillgelegten Websites sind bis heute auf die Firma Kimpire Ltd mit Geschäftsadresse in der Metropole registriert. Kim Schmitz war dort am Montag weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar.

Und so wird aus einem unbestätigten Gerücht ein — nunja — unbestätigtes Gerücht.

Warum sich deutsche Leser für den angeblichen Hauskauf 23000 Kilometer entfernt interessieren sollten, lässt die "Süddeutsche Zeitung" freilich offen — es ist schlichtweg ein willkommener Anlass, die uralten Kimble-Stories noch einmal zu erzählen.

Der Branchendienst "Meedia" versuchte bereits am Montag die Dringlichkeit dieser Fast-Informationen zu vermitteln. Nicht neue Fakten, sondern das gewaltige Medienecho ist Anlaß für die Berichterstattung:

New Economy-Hochstapler zurück in den Schlagzeilen

Das Wort "Schlagzeilen" ist freilich eine gewagte Interpretation der Sachlage, denn mehr als den einen Bericht einer neuseeländischen Zeitung hatte es bis dahin nicht gegeben.

Und der IT-Nachrichtendienst "Golem" fantasierte am Montag gar von einer öffentliche Verlautbarung des notorisch lauten Schmitz. Nicht ein anonymer Insider, Schmitz selbst habe sich sich in den Medien zurückgemeldet:

Kim Schmitz meldet sich zurück

Aber wen interessieren schon Details, schließlich ist die Medienspirale längst in Gang gesetzt: Aus Gerüchten sind Schlagzeilen geworden, die dann von weiteren Medien zitiert werden können. So zum Beispiel am Dienstagnachmittag von der Online-Ausgabe des österreichischen "Standard", die den Artikel der "Süddeutschen" dankbar abschreibt aufgreift.

Obwohl die Geschichte damit durch die Hände von fünf Redaktionen gegangen ist, ist nicht einen Deut klarer, ob das Gerücht mehr als ein wildes Gerücht ist. Aber das ist egal. Denn wie es Alexander Becker bei Meedia formuliert:

Mittlerweile finden sich im Web so viele Gerüchte, Geschichten und Anekdoten über den vermeintlichen Hacker, dass sich Wahrheit und Fakten nur noch schwer trennen lassen. Damit hat der vermeintliche Kauf der Chrisco Mansion alles, was eine gute Schmitz-Story braucht. Fortsetzung folgt garantiert.

Nachtrag, 18.2.: Am Mittwoch hat auch die "Abendzeitung" das Gerücht aufgegriffen — die Münchner haben wenigstens pro forma eine E-Mail verschickt.

Und am Donnerstag hat schließlich auch Bild.de die Nicht-Nachricht entdeckt und präsentiert sie natürlich brandheiß und inaktuell. Obwohl die "Bild" Schmitz über Jahre unkritisch jede PR-Eskapade geglaubt hat, weiß die Redaktion jetzt nicht einmal von einem misslungenen Kontaktversuch mit dem "Prahlhans" zu berichten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Immer mehr Artikel über Hartz-IV-Betrüger!

Hinweis/Korrektur: Den hier besprochenen Artikel hatten wir ursprünglich fälschlicherweise "Bild" zugeschrieben. Es handelt sich um einen Text der Nachrichtenagentur AFP, der unter anderem bei Bild.de erschienen war.

Wir haben den Eintrag entsprechend geändert und bitten um Entschuldigung.

Am 2. Februar schrieb Bild.de:

Bundesagentur registriert fast 165 000 Fälle! - Immer mehr Hartz-IV-Betrüger

Der Text, der darauf folgt, stammt von der Nachrichtenagentur AFP und war von ihr unter der Überschrift "'SZ': Missbrauch von Hartz IV nimmt zu" verbreitet worden. Es geht also um einen Artikel der "Süddeutschen Zeitung", der sich wiederum auf Zahlen der "Jahresbilanz Leistungsmissbrauch SGBII" der Bundesagentur für Arbeit (BA) stützt.

Wenn man sich die Jahresbilanz, die ohne weiteres auf Anfrage bei der Agentur erhältlich ist, einmal direkt ansieht, stellt man fest, dass dass nicht alles so schlimm ist, wie es die Medien darstellen.

So schreibt AFP:

Die Zahl der Straf– und Bußgeldverfahren gegen Hartz-IV-Empfänger ist im vergangenen Jahr […] um 1,8 Prozent auf knapp 165 000 Fälle gestiegen.

Dieser minimale Anstieg betrifft allerdings die Zahl der eingeleiteten Verfahren. An deren Ende könnten auch weniger "Hartz-IV-Betrüger" stehen, je nachdem, wie die Verfahren ausgehen.

Die Bundesagentur für Arbeit erklärt dazu in ihrem Bericht:

Die Zahl der eingeleiteten Straf– und Bußgeldverfahren stieg im Jahr 2009 um 2.921 auf 164.633, das waren 1,8 % mehr als ein Jahr zuvor (Jahr 2008: 161.712). Ein Teil dieser Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass sich die Situation in den ARGEn, die erst seit dem 01.01.2007 für die Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten zuständig sind, personell, organisatorisch und fachlich verbessert hat.

AFP schreibt:

Das eingetriebene Verwarnungs– und Bußgeld, über das die Jobcenter selbst entscheiden können, belief sich bei etwa 74 000 Fällen auf 3,7 Millionen Euro.

AFP schreibt nicht, dass diese Summe um 7,5 % unter der des Jahres 2008 liegt, die festgesetzten Verwarnungs– und Bußgelder also "nicht unerheblich" gesunken sind, wie es die Bundesagentur für Arbeit selbst ausdrückt.

Die Anzahl der Fälle, in denen die Bundesagentur zu viel Leistungen ausgezahlt hat, ist im Vergleichs zu 2008 geringfügig gesunken, der Gesamtbetrag der festgestellten Überzahlungen dagegen "deutlich geringer" ausgefallen. Mit anderen Worten: Die Leute, die zu viel bekommen haben, sind etwas weniger geworden und haben deutlich weniger zu viel bekommen.

Ertappt wurden dem Bericht zufolge auch deutlich mehr potenzielle Schwarzarbeiter.

Das entscheidende Wort ist auch hier "potenziell". Dass in dem Bericht gar nicht steht, wie viele Schwarzarbeiter tatsächlich "ertappt" wurden, weiß AFP also eigentlich schon.

AFP weiter:

Insgesamt hatten 2009 laut dem Bericht im Jahresdurchschnitt etwa 6,5 Millionen Menschen Anspruch auf die Grundsicherung (Hartz IV). Bezogen auf diese Gesamtzahl lag die Missbrauchsquote nach Angaben der Bundesagentur bei 1,9 Prozent.

Zur Einordnung dieser Zahl wäre es hilfreich zu wissen, dass die Missbrauchsquote 2008 mit 1,8 % nur 0,1 Prozentpunkte niedriger lag, die Veränderung trotz der "Optimierung des Verfahrens" in den Arbeitsagenturen also im Promillebereich liegt. AFP verzichtet auf diese Einordnung und verschweigt auch diese Einschränkung der Bundesagentur für Arbeit:

Leistungsmissbrauch ist im Rechtskreis SGB II in Relation zu der Anzahl der Hilfebedürftigen und den Gesamtausgaben relativ gering verbreitet.

Die BA nennt sogar eine Zahl: 0,25 % der Gesamtausgaben.

Und was passiert, wenn ein — ebenfalls nicht unumstrittener — Artikel der "Süddeutschen Zeitung", die sich immerhin an ein paar Stellen um Relativierung bemüht hatte, über den Umweg von AFP schließlich bei "Bild" angekommen ist, konnte man am nächsten Tag am Kiosk sehen:

Betrugs-Rekord mit 165000 Fällen - So wird bei Hartz-IV abgezockt!

Wie man Minarette groß rausbringt

Nachdem die Schweizer in einer Volksabstimmung am Wochenende beschlossen haben, per Verfassung den Bau von Minaretten zu verbieten, wird auch in Deutschland wieder über das Verhältnis zum Islam und seinen Symbolen diskutiert.

Als Illustration des Konfliktes scheint sich vor allem ein Motiv anzubieten: Das Minarett der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim vor dem Turm der Liebfrauenkirche. Auf der Seite 2 der "Süddeutschen Zeitung" zum Beispiel sah das gestern so aus:

Die "Bild"-Zeitung nahm heute ein älteres Foto derselben Konstellation, das noch vor dem Neubau des Minaretts vor fünf Jahren entstanden ist:

Es ist das perfekte Symbol: Die katholische Kirche in einer mitteleuropäischen Großstadt, in den Schatten gestellt von der neugebauten Moschee gleich nebenan.

Man muss sich allerdings viel Mühe geben, um dieses Bild in der Realität nachvollziehen zu können. Denn der Turm der Liebfrauenkirche misst stattliche 74 Meter. Er ist ungefähr doppelt so hoch wie das Minarett. Diese Aufnahme lässt das zumindest erahnen.

Zur Bebilderung eines Konfliktes, der sich nicht zuletzt um Symbole dreht, wählen viele deutsche Medien also ein Foto, das die Größe des islamischen Bauwerkes in Deutschland grotesk verzerrt und nicht die Realität, sondern die Ängste vieler Menschen abbildet. Man muss keine böse Absicht unterstellen, um das bemerkenswert zu finden.

Mit Dank an Bernd O.!

Sternestunden des Journalismus

Kennen Sie das "Burj al Arab" in Dubai?

Sicher kennen Sie:

Ein grosser Hafen, eine internationale Airline und das weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab waren Ausdruck der Vision und sind teilweise wirtschaftliche Erfolgsgeschichten.
("NZZ am Sonntag", 29. November 2009)

Binnen weniger Jahre mauserte sich die Berichterstattung über seine künstlichen Inseln, die glitzernden Hochhaustürme (darunter selbstverständlich das demnächst höchste Gebäude der Welt) und natürlich ganz besonders das welterste "Sieben-Stern-Hotel" zu so etwas wie einem eigenständigen journalistischen Topos.
("Kurier", 28. November 2009)

[A]n Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde.
("Die Presse", 27. November 2009)

Pünktlich zur Jahrtausendwende wurde in Dubai mit dem "Burj al Arab" das erste Sieben-Sterne-Hotel der Welt eröffnet;
("Süddeutsche Zeitung", 14. Oktober 2009)

Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt.
("Spiegel Online", 15. Juni 2009)

Im berühmten 7-Sterne-Hotel Burj al Arab gab es am Montagabend einen Empfang für die deutschen Gäste. Vielleicht trösten Glanz und Pracht des Bauwerks ein wenig über die Strapazen der Reise hinweg.
(stern.de, 2. Juni 2009)

Jetzt ist es raus: Der 96 m hohe gläserne Hotelturm im Palais Quartier wird ein Juwel. Gepachtet und gemanagt von der Luxushotelgruppe Jumeirah. Die betreibt auch das Burj Al Arab in Frankfurts Partnerstadt Dubai, das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt.
("Bild", 30. April 2009)

Aber wissen Sie auch, wie viele Sterne das "Burj al Arab" in Dubai hat?

Der General Manager verrät es Ihnen gerne in einem Werbetext, den die Deutsche Presseagentur anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hotels verbreitet hat (und unter anderem bei n-tv.de, "RP Online", "Welt Online" und Sueddeutsche.de veröffentlicht wurde):

"Das Hotel hat einen eigenen Mythos. Wir haben nie behauptet, dass wir ein Sieben-Sterne Hotel sind. Das hat man uns nachgesagt", erzählt Heinrich Morio, der General Manager des "Burj Al Arab".

Nun könnte man natürlich sagen, dass so ein bisschen Understatement den ganzen Luxus des Hotels noch mal ein bisschen mehr strahlen lässt. Andererseits gibt es aber tatsächlich ein "weltweit einziges" und "welterstes" Sieben-Sterne-Hotel.

Das Schweizer Zertifizierungsunternehmen SGS hat im März 2007 eine neue Klasse eingeführt und die "Town House Galleria" in Mailand im darauf folgenden Dezember mit sieben Sternen ausgezeichnet.

Zumindest bei "Spiegel Online" und Bild.de hätte man das wissen können — zumal man dort bereits im Oktober 2008 berichtete, dass sich "mehr und mehr Luxushotels" mit sieben Sternen schmückten.

Damals schrieb Bild.de übrigens:

Weltweit gibt es offiziell nur einen bis fünf Sterne.

Diese Aussage ist weder falsch noch richtig, denn "weltweit" gibt es gar keine weder eine zentrale Sternvergabestelle noch einheitliche Qualitätskriterien. Letzteres hat die Welt der Hotels mit der des Journalismus gemein.

Mit Dank an Mario Z.!

Die Mühen mit dem Muhen der Kühe

Die "Süddeutsche Zeitung" zählt heute auf ihrer Wissen-Seite "Zehn Dinge, die Sie noch nicht wissen über Kühe" auf. Ding eins lautet:

Das stimmt so nicht. Und den Phonetiker und Blogger John C. Wells würde es echt freuen, wenn das die Medien nun endlich mal einsehen würden. Schon im Oktober 2006 hoffte er darauf, sein Auftritt in der Sendung "Stern-TV" sei "the absolutely last gasp of the cow dialect story", der "wirklich letzte Atemzug der Kuh-Dialekt-Geschichte".

Das Unglück nahm seinen Lauf, als Wells auf Anfrage einer PR-Firma, die im Auftrag eines Käseherstellers tätig war, erzählte, es gebe seriöse wissenschaftliche Untersuchungen, dass Vögel regionale Gesangsunterschiede zeigen — Ähnliches sei "für Kühe auch nicht vollständig auszuschließen". Der daraus entstandene Artikel wurde ohne Rücksprache publiziert und bald von der "BBC" aufgegriffen.

Wells musste darauf "14 Radio– und drei Fernsehinterviews geben", wie "spektrum direkt", der Online-Ableger der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft", schrieb, der die Sache schon vor über zwei Jahren aufklärte. Ein Blogeintrag vom August 2006 zitiert eine E-Mail von John Wells, in der er ausführlich zu erklären versucht, wie es zum sich weltweit verbreitenden Unsinn kommen konnte.

Sein Wunsch nach Ruhe wird aber wohl nicht erfüllt. Solange die Geschichten über die in Dialekt muhenden Kühe bei welt.de, taz.de, abendblatt.de, bild.de und orf.at unkorrigiert vor sich hingammeln, muss man davon ausgehen, dass sie bald wieder jemand aufgreift. Auch die "Süddeutsche Zeitung" hat vermutlich nur auf ihren eigenen Archiv-Artikel mit dem Titel "Die Kuh muht mit Dialekt" vom 24. August 2006 zurückgegriffen (was der Überschrift "Zehn Dinge, die Sie noch nicht wissen…" eine doppelte Ironie gibt).

Und im kommenden Frühjahr erscheint dann ein Buch mit dem Titel "Warum Kühe im Dialekt muhen" und der Ankündigung "Kein Witz — alles wirklich wahr!". Und der Autor ist ausgerechnet Richard Zinken, der Chefredakteur von "spektrum direkt"*.

*) Zinken erklärt uns auf Nachfrage, dass es sich bei dem (ausgerechnet) am 1. April 2010 erscheinenden Buch um "eine Sammlung von Sommerloch-Beiträgen handelt, die skurrile, aber meist korrekte wissenschaftliche Erkenntnisse auf’s Korn nehmen", was im Vorwort des Buchs dann auch dargelegt werde.

Mit Dank an Treets!

BKA? Da könnte ja jeder bitten!

Es war vielleicht die "erste Multimedia-Verbrecherjagd" und "eine der spektakulärsten Fahndungen in der Kriminalgeschichte", wie "Bild" heute schreibt: Am Mittwoch hatte das BKA in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" und im Internet nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird.

Da sich der Mann bei seinen Taten selbst gefilmt hatte und alle bisherigen Fahndungsmaßnahmen erfolglos waren, entschied man sich zur Veröffentlichung von Videos und Fotos.

Nach dem großen Medien-Echo hat sich der mutmaßliche Täter gestern gestellt, wie das BKA sofort vermeldete. Die Pressemitteilung enthielt einen weiteren Hinweis:

Wichtig:

Da mit der Identifizierung der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien gebeten, die veröffentlichten Videos, Bilder und Stimmproben nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und so kamen die Medien dieser Bitte heute nach (alle gelben Flächen sind von uns):

Schlimmster Kinderschänder stellt sich: So zeigte sich das Dreckschwein im Internet
("Bild")

Dieses Bild stammt aus einem Film, den der Täter gedreht hat
("Tagesspiegel")

Der Täter filmt sich selbst
("Süddeutsche Zeitung")

Aber selbst Menschen, die der widerlichsten Verbrechen beschuldigt sind, haben Rechte. Der Rechtsanwalt Markus Kompa schreibt in seinem Blog:

Für eine Anprangerung in den Medien eines nicht verurteilten Täters gibt es keine Rechtsgrundlage. Die Regeln über die Art und Weise entsprechender Berichterstattung sind im Kodex des Deutschen Presserates hinreichend ersichtlich. Strafe ist Sache des Strafrichters.

(…) Was mich (…) stört, ist die unprofessionelle Gleichgültigkeit, die manche angeblich seriösen Medien an den Tag legen. Wenn es sich um ein sozial besonders geächtetes Delikt handelt, dann scheint man mit zweierlei Maß messen zu dürfen.

Zahlreiche Onlinemedien haben die Fahndungsfotos nach wie vor in ihren Archiven. Dass es durchaus möglich wäre, der Bitte des BKA nachzukommen und die Rechte des Beschuldigten zu respektieren, beweist u.a. "Spiegel Online".

Für das "Dreckschwein" (aus dem online eine "Sex-Bestie" wurde) kann sich "Bild" wahrscheinlich schon mal auf Post vom Presserat einstellen, was die Zeitung sicher gelassen zur Kenntnis nehmen ignorieren wird.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 23:55 Uhr: Und so illustrierte "RTL Aktuell" den Fall heute um 18:45 Uhr, mehr als 24 Stunden nach der Mitteilung des BKA:

Alle haben ihm vertraut

Wie ein Pirat dem anderen

Es könnte etwas anstrengend werden mit der deutschen Presse und der Piratenpartei: Spätestens seit die Partei bei den Europawahlen in Schweden einen Sitz errungen hat und der Ex-SPD-Abgeordnete Jörg Tauss jetzt als "Pirat" im deutschen Bundestag sitzt (wenn auch nur bis zur Wahl im September), ist die Partei ein Thema für die Medien. Nur die Bereitschaft, sich auch mit der Partei und ihren Zielen zu befassen, ist gering.

Bereits direkt nach der Europawahl war dpa bei dem Versuch gescheitert, die Piratenpartei zu erklären, und hatte ihr eine Verbindung zur Download-Suchmaschine Pirate Bay unterstellt, die es so nicht gibt (BILDblog berichtete).

Heute ist es Bernd Graff, stellvertretender Chefredakteur und Leiter der Kulturredaktion von sueddeutsche.de, der die beiden Gruppierungen mit ähnlichen Namen nicht auseinander halten kann und deshalb in einem Artikel über Pirate Bay schreibt:

Pirate Bay ist längst mehr als eine obskure Downloadplattform. Sie ist, vor allem über ihre politische Vertretung, die Piratenpartei, so etwas wie das Zentralsekretariat einer Internationale, die sich der grenzenlosen Freiheit im Netz verschrieben hat.

Blöd für Graff, dass ihm das ausgerechnet in der gedruckten "Süddeutschen" passiert ist — hätte es nur bei sueddeutsche.de gestanden, hätte er sich ja damit rausreden können, dass man den "Idiotae" im Netz eh nichts glauben dürfe.

Mit Dank an Julian G.

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