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Das gottverdammte Gottesteilchen

Hurra, es gibt wieder Nobelpreisträger in Physik! Wie heute verkündet wurde, sind es diesmal der Belgier François Englert und der Brite Peter Higgs, die vor allem mit der Entdeckung eines neuen Elementarteilchens Bekanntheit erlangten. „Higgs-Boson“ wird dieses Teilchen genannt, zumindest von denen, die sich damit auskennen. Journalisten nennen es viel lieber das „Gottesteilchen“.

... aber was haben diese Teilchen eigentlich mit Gott zu tun?

fragte Bild.de heute und gab auch gleich eine Antwort:

Jahrzehntelang fahndeten Physiker nach dem „Gottesteilchen“. Es spielte nach der Teilchentheorie eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums nach dem Urknall. Deshalb auch der Name – Gottesteilchen.

Ah ja.

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Begriffes liest sich, wenn man sich denn die Mühe macht, allerdings ein wenig anders. Und weil Sie dem „Gottesteilchen“ in diesen Tagen wahrscheinlich wieder öfter begegnen werden — zum Beispiel bei Tagesspiegel.de, „Focus Online“, Stern.de, den Online-Auftritten von n-tvMDR„manager magazin“, „Handelsblatt“, „Berliner Zeitung“, „FAZ“ und so weiter — wollen wir die Geschichte mal kurz zusammenfassen.

Gewissermaßen erfunden wurde der Begriff von dem Physiker Leon Lederman, der ihn in seinem 1993 veröffentlichten Buch „The God Particle: If the Universe ist the Answer, what is the Question?“ erstmals benutzte.

Dort schreibt er:

Dieses Boson ist so bedeutend für die heutige Phsyik, so wesentlich für unser Verständnis von der Struktur der Materie und doch so schwer fassbar, darum habe ich ihm einen Spitznamen gegeben: das Gottesteilchen. Warum Gottesteilchen? Zwei Gründe. Erstens, weil der Verleger uns nicht erlaubt hat, es das Gottverdammte Teilchen zu nennen – obwohl das ein viel passenderer Name wäre, angesichts seines niederträchtigen Wesens und des Aufwands, den es verursacht. Und zweitens, weil es da eine Art Verbindung gibt zu einem anderen Buch, einem viel älteren …

(Übersetzung von uns.)

Die Medien finden den Namen auf jeden Fall auch heute noch total super. Die Wissenschafts-Kollegen und die Kirche dagegen eher so mittel.

Und dem frisch nobelbepreisten Peter Higgs ist es inzwischen sogar „peinlich“, dass sich der Begriff so eingebürgert hat. „Ich glaube nicht an Gott“, sagt er, „aber ich habe immer gedacht, dass dieser flapsige Begriff einige Menschen beleidigen könnte.“

Lederman, der mit der Einführung des Begriffs den ganzen Schlamassel erst ausgelöst hat, sieht es aber gelassen. 2006 schrieb er in einer neuen Auflage des Buches:

Was den Titel angeht – The God Particle – , so hat mein Co-Autor Dick Teresi zugestimmt, die Schuld auf sich zu nehmen (ich habe ihn ausbezahlt). Ich habe den Begriff einmal als Scherz in einer Rede benutzt. Er erinnerte sich daran und benutzte ihn als Arbeitstitel für das Buch. „Keine Sorge“, sagte er, „kein Verleger benutzt jemals den Arbeitstitel für das fertige Buch“. Der Rest ist Geschichte. Der Titel verärgerte letztlich zwei Gruppen: 1) die, die an Gott glauben und 2) die, die es nicht tun. Von jenen in der Mitte wurden wir herzlich empfangen.

Aber damit müssen wir leben. Ein Teil der Physikergemeinschaft hat den Namen aufgegriffen, und sowohl die Los Angeles Times als auch der Christian Science Monitor haben das Higgs-Boson als „Gottesteilchen“ bezeichnet. Das erhöht unsere Hoffnung auf eine Verfilmung.

Mit Dank an ex00r und Bernd H.

Überall Blut

Früher konnten Eltern ihren Kindern noch die Augen zuhalten, wenn in der „Tagesschau“ Beiträge über den Bürgerkrieg in Jugoslawien, Anschläge der IRA oder ähnliche, mutmaßlich blutige Themen angesagt wurden. Heute surfen die Kinder im Internet rum und auch wenn die wenigsten von ihnen freiwillig auf Nachrichtenseiten gehen dürften, ist die Chance, auf verstörende (Bewegt-)Bilder zu stoßen, allgegenwärtig.

Nachdem es am Montag an der Ziellinie des Boston Marathons zu zwei Explosionen gekommen war, tauchten innerhalb kürzester Zeit im Internet Fotos und Videos auf, bei denen sich viele sicherlich die schützende Hand der Eltern zurückgewünscht haben — und das nicht nur bei Facebook, Twitter & Co. (vgl. „6 vor 9“ von heute), sondern auch auf mehr oder weniger seriösen Nachrichtenseiten.

Bild.de zeigte (natürlich) Bilder, die mit „Blutüberströmt wird diese verletzte Frau in einem Rollstuhl zum Krankenwagen gefahren“, „Eine junge Frau wird vor Ort am Boden verarztet“, „Ein verletzter Mann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Trage“, „Auch dieser schwer verletzte Mann muss im Rollstuhl zum Krankenwagen gebracht werden“ und „Eine Frau mit einem verwundeten Bein wird auf eine Trage verlagert“ einigermaßen treffend umschrieben sind. „Focus Online“ präsentierte eine Bildergalerie unter der Überschrift „Terror auf der Ziellinie – Schreckens-Bilder aus Boston“, stern.de zeigte Fotos, auf denen „deutlich […] die Blutflecken zu erkennen“ waren, oder sich Menschen „schreiend auf der Erde wälzen“, und „RP Online“ betextete seine Bildergalerie durchaus treffend mit: „Diese Läuferin läuft weinend durch die Gegend“ und „Überall waren Blutlachen zu sehen“. Auf amerikanischen Nachrichtenseiten waren mitunter noch heftigere Fotos zu sehen, noch mehr Blut — teils ohne jede Vorwarnung direkt auf der Startseite.

Auf sueddeutsche.de erschien gestern ein Artikel über die „Macht der Bilder“, in dem es heißt:

Egal, wer für den Anschlag verantwortlich ist, die Täter haben ein erschreckendes Gespür für die Symbolik eines Terroranschlags gezeigt. Nirgendwo waren mehr Kameras, nirgendwo haben mehr Menschen das Ereignis verfolgt. Und an keiner anderen Stelle wäre die unmittelbare Aufmerksamkeit höher gewesen, als an der Ziellinie. Jede Sekunde des Anschlags ist in zahllosen Clips aus allen nur denkbaren Einstellungen zu sehen. Jedes kleinste Detail wurde mit Smartphones festgehalten und hat sich innerhalb weniger Minuten auf der ganzen Welt verbreitet. Ungefiltert, nahezu in Echtzeit. Wer will, kann das Grauen mit all seinen Facetten ansehen. Und genau das ist es, was die Terroristen bezwecken.

Das ist sicher richtig.

Insofern ist es konsequent und lobenswert, dass sueddeutsche.de diesem und anderen Artikeln einen Kommentar hinzugefügt hat:

Im Zuge der Berichterstattung über den Anschlag in Boston verzichtet Süddeutsche.de bewusst auf die Veröffentlichung von Fotostrecken und Videos mit blutigen Bildern der Opfer. Uns ist bewusst, dass andere News-Seiten, auf die wir – nach sorgfältiger Prüfung – in unseren Texten verlinken, derartige Fotos möglicherweise zeigen. Wir glauben jedoch, dass in diesen Fällen der Informationsgehalt der verlinkten Artikel so hoch ist, dass Verweise dennoch gerechtfertigt sind.

Bis dass der Tod sie eint

Um keine Nachahmer zu animieren, sind die Medien angehalten, zurückhaltend über Suizide zu berichten. So sollten sie jede Bewertung von Suiziden als „heroisch, romantisch oder tragisch“ vermeiden, keine Details über die Betroffenen und ihre Tat nennen und vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten. Auch sollten sie auf „romantische Überhöhungen“ verzichten, beispielsweise auf Formulierungen wie „ihre Liebe war stärker als der Tod“, „jetzt auf ewig vereint“ oder „nun hat sie erreicht, was sie schon immer wollte“. Die Medien halten sich häufig nicht an diese Empfehlungen.

Das, was stern.de da heute veröffentlich hat, wirkt allerdings ein bisschen, als habe ein Mitarbeiter die Empfehlungen, was man bei der Suizid-Berichterstattung unterlassen solle, als Aufforderung verstanden, möglichst viel davon aufzuschreiben. Und so schreibt er schon im Vorspann, der Suizid einer in Deutschland weitgehend unbekannten US-Country-Sängerin sei „das traurige Ende einer verkorksten Karriere“.

Er beschreibt einigermaßen minutiös die (mutmaßliche) Auffindesituation und Todesursache, referiert dann kurz den Aufstieg und Fall der Sängerin, ihre Krankengeschichte und ihre Familiensitation.

Dann wird es richtig schlimm:

Warum sie den Freitod wählte, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Offenbar haben zahlreiche private Probleme die Sängerin in den Selbstmord getrieben: Drogensucht und ein Ex-Ehemann, der sie misshandelte und psychisch unter Druck gesetzt haben soll. Kurz vor ihrem Tod habe er [ihr] das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn entziehen wollen. Als dann im Januar der Vater ihres zweiten Kindes, der Produzent […], tot aufgefunden wurde – er soll ebenfalls Selbstmord begangen haben – , zerbrach offenbar ihr Lebensmut.

Der Tod ihres Partners brach den Lebensmut
„Er war mein Leben. Jeder war ein Teil des anderen. Ich kann gar nicht sagen, wo einer von uns begann und der andere endete. Wir sind jeden Abend Händchen halten zusammen eingeschlafen“, sagte [sie] im Januar in einem Fernsehinterview mit dem Sender NBC. Jetzt sind sie wieder vereint.

Mit Dank an Hermann L.

Nach der Umfrage ist vor der Umfrage

Wenn Journalisten mit Statistiken jonglieren, ist immer äußerste Vorsicht geboten. Bei Umfrageergebnissen verhält es sich offenbar ganz ähnlich. Fangen wir bei „stern.de“ an.

Zwei Tage nachdem Schwarz-Gelb Ende Januar bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Schlappe hinnehmen musste, hatte das Portal doch noch eine gute Nachricht für die Anhänger von Union und FDP:stern-RTL-Wahltrend - Keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene

„stern.de“ weiß:

Die Union kann weiter zuversichtlich auf das Wahljahr blicken.

Denn im „stern-RTL-Wahltrend“ hält sie „mit 42 Prozent (…) einen ihrer besten Werte seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist“. Die SPD hingegen „verharrt weiter im Tief: Zum zweiten Mal in Folge erreicht sie nur 23 Prozent“.

Durchgeführt wurde die Befragung für den „stern-RTL-Wahltrend“ vom Forsa-Institut, dessen Chef Manfred Güllner ebenfalls zu Wort kommt:

Dass die SPD trotz des rot-grünen Wahlerfolgs in Niedersachsen bundesweit schwach bleibt, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner nur auf den ersten Blick ein Gegensatz.

Auf den zweiten Blick ist ihm dann vielleicht etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, dass sein Institut die Umfrage vom 14. bis 18. Januar durchgeführt hat – also mehrere Tage vor der Niedersachsenwahl. Dass die Wahl die Umfrageergebnisse nicht beeinflusst hat, könnte also durchaus daran liegen, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht mal begonnen hatte.

Das müssten die Leuten bei „stern.de“ eigentlich auch bemerkt haben, denn am Ende des Artikels schreiben sie selbst:

Datenbasis: 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, befragt vom 14. bis 18. Januar 2013, statistische Fehlertoleranz: +/- 2,5 Prozentpunkte. Institut: Forsa Berlin.

Und schon am Anfang des Textes:

Im stern-RTL-Wahltrend, der vor der Wahl in Niedersachsen erhoben wurde, (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Und auch sonst beweist „stern.de“ viel Geschick darin, inhaltliche Widersprüche einfach zu ignorieren. Während es noch in der Überschrift heißt, es gebe „keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene“, und im Teaser, Schwarz-Gelb habe im Wahltrend „triumphiert“, stellt sich dieser Triumph im Text ein bisschen anders dar: Die FDP ist bundesweit nämlich „nur auf 4 Prozent“ gekommen — und wäre damit nicht mal im Parlament. Nicht die besten Voraussetzungen für eine schwarz-gelbe Zukunft.

Eine ähnliche Verrenkung hat heute „Spiegel Online“ hinbekommen: Umfrage: Union legt trotz Schavans Plagiatsaffäre kräftig zu

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt der ehemaligen Bildungsministerin klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Dass die Union „trotz Schavans Plagiatsaffäre“ zulegt, mag ja sein. Das heißt aber nocht nicht, dass sie es „trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt“ tut:

Der Doktortitel wurde Frau Schavan am 5. Februar aberkannt. Durchgeführt wurde der Wahltrend, wie „Spiegel Online“ selbst schreibt, „in der Zeit vom 4. bis 8. Februar“. Einige Befragte konnten also noch gar nichts von der Aberkennung des Doktortitels wissen. Vom Rücktritt wussten sogar noch weniger der befragten Personen — niemand, um genau zu sein. Denn der wurde erst einen Tag nach der Umfrage bekanntgegeben.

Mit Dank an Jascha H.

Nachtrag, 20.10 Uhr: „Spiegel Online“ hat sich unauffällig korrigiert. Der betreffende Absatz lautet nun so:

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Debatte um ihre Doktorarbeit klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Und aus dem Satz …

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt.

… ist Folgender geworden:

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt – also noch vor dem Rücktritt der Ministerin. Diese zog sich am 9. Februar vom Amt der Bildungsministerin zurück.

Verpeiljournalismus: Der falsche Pirat

Vermutlich wäre schon viel gewonnen, wenn man die Berichterstattung über die Piratenpartei ausschließlich Journalisten überließe, die das Internet bedienen können.

Die könnten zwar natürlich immer noch, wie stern.de, behaupten, dass die „Verpeilten Piraten vor dem Untergang“ stehen, wenn sie bei der Landtagswahl in Niedersachen nicht mehr als drei Prozent der Stimmen bekommen. Sie könnten natürlich auch weiterhin bemängeln, dass im Programm zu einer Landtagswahl (!) so gut wie nichts über die „großen Themen – wie geht es weiter mit dem Euro?“ zu lesen sei.

Aber sie würden wenigstens den Twitter-Account des Piraten-Bundesvorsitzenden Bernd Schlömer von einem Scherz-Account von jemandem unterscheiden können, der sich „Größter Vorsitzender aller Zeiten“ nennt, als Motto „PIFF PAFF alles kapottschießen!“ angibt und in seinem Profilbild über ein Foto von Schlömer die Ausrufe „GEIL!“ und „RATATATATA“ gesetzt hat:

Die stern.de-Autorin Katharina Grimm konnte das nicht unterscheiden, weshalb sie in ihrem Artikel ein Zitat des falschen Schlömers für ein Zitat des echten Schlömers ausgibt:

Der Parteivorsitzende, Bernd Schlömer, will gegensteuern. "Die Piratenpartei darf intern keine Diktatur der ahnungslosen Massen bleiben", schrieb er auf Twitter.

Seit fast zwei Tagen steht das trotz Hinweisen auf den Fehler unkorrigiert da. Vielleicht ist es doch keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

Nachtrag, 19.40 Uhr. Jetzt hat stern.de sich unter Verweis auf diesen Blog-Eintrag doch korrigiert, das falsche Zitat entfernt und sich für den Fehler entschuldigt.

Nicht alles, was hitler ist, ist verboten (2)

Man kann kaum den Fernseher einschalten, ohne wenigstens auf einem Sender Schwarz-Weiß-Bilder von Fackelaufmärschen, Feldzügen und Konzentrationslagern zu sehen. Adolf Hitler dürfte im Jahr 2012 mehr Air Time haben als 1940 im staatlichen Rundfunk. Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen bestens über den Nationalsozialismus informiert sind. Nicht einmal Journalisten sind es.

stern.de berichtete gestern auf seiner „Investigativ“-Seite darüber, „wie Rechtsextremisten mit Android-Apps und coolen QR-Codes (sic!) auf junge Technik-Fans zielen“:

Aus dem „Google Play“-Store für Smartphones und Tablet-Computer mit dem populären Android-Betriebssystem fischten die BKA-Experten einige Apps, „bei denen ein rechtsgerichteter Hintergrund nahe liegt“: Da lässt sich zum Beispiel der Menühintergrund mit „Nazi Zombies“ dekorieren, das Handy weckt seinen Besitzer auf Wunsch mit einer Hitler-Rede oder die indizierte Hetzschrift „Mein Kampf“ lässt sich als E-Book auf englisch, russisch oder spanisch herunterladen.

Auch, wenn manche Journalisten es nicht glauben wollen: „Mein Kampf“ ist in Deutschland weder „verboten“ noch „indiziert“.

Da Adolf Hitler bis zuletzt in München gemeldet war, ging sein Vermögen nach seinem Tod am 30. April 1945 an den Freistaat Bayern über – inklusive des Urheberrechts an “Mein Kampf”. Das bayerische Finanzministerium hat sich einer neuen Drucklegung des Textes bisher verweigert. Dieses Urheberrecht läuft am 31. Dezember 2015 aus, am Ende des 70. Jahres nach Hitlers Tod, danach ist das Buch gemeinfrei. Es gibt aber Pläne der bayerischen Landesregierung, das Werk dann in einer kommentierten Ausgabe als Schulbuch auf den Markt zu bringen.

Mit Dank an Sascha.

Nachtrag, 12.50 Uhr: stern.de hat den Fehler transparent im Artikel und auf Twitter korrigiert:

Den Schuss nicht gehört

Als US-Präsident Barack Obama am Abend des 1. Mai 2011 vor die Weltpresse trat, um zu verkünden, dass das amerikanische Militär den Terroristenführer Osama bin Laden in Pakistan aufgetan und getötet habe, war in Deutschland gerade tiefste Nacht. Wahrscheinlich weiß noch jeder Mensch, wo er war, als er am Morgen die Nachricht hörte.

Es war 13.05 Uhr und damit eine deutlich zivilere Zeit, als Bild.de gestern eine Nachricht veröffentlichte, die eigentlich für ähnlichen Donnerhall in der Welt hätte sorgen müssen:

DIE LETZTEN MINUTEN DES TERROR-TEUFELS: Navy Seal enthüllt: Osama war schon tot, als wir kamen. DER ERSTE ELITE-SOLDAT PACKT AUS, ERKLÄRT WIE DER AL-QAIDA-CHEF SICH VERMUTLICH SELBST IN DEN KOPF GESCHOSSEN HATTE UND, DASS ER NICHT MAL AN VERTEIDIGUNG GEDACHT HATTE

Osama bin Laden, so Bild.de, habe „offenbar“ bzw. „vermutlich“ Selbstmord begangen. Bild.de zitierte das Internetmagazin „Huffington Post“, die ihrerseits aus einem Buch zitiert hatte, das von einem der Navy SEALs geschrieben wurde, der bei der Erstürmung von bin Ladens Residenz dabei gewesen war.

Bild.de erklärt:

Bin Laden habe bereits eine Kugel im Kopf gehabt als die Soldaten kamen, schreibt der Ex-Seal aus Alaska darin. Es sei ein Mythos, dass er den Soldaten noch in die Augen gesehen habe, bevor er starb.

„Wir waren weniger als fünf Schritte davon entfernt, oben anzukommen, als ich gedämpfte Schüsse hörte“, zitiert die Zeitung aus dem Buch. Und weiter: „Blut und Gehirn quollen aus der Seite seines Schädels.“ Bin Ladens Körper habe noch gezuckt, die Soldaten richteten ihre Laser auf seine Brust und feuerten mehrere Male ab.

Und fährt fort:

Und noch ein wichtiges Detail merkt er an: Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemand bei Bild.de stutzig werden können: bin Laden soll sich mit mehreren Kugeln erschossen haben? Das wäre durchaus außergewöhnlich.

Eigentlich hätte aber schon vorher jemandem auffallen müssen, dass im Originalartikel bei der „Huffington Post“ nichts darauf hindeutet, dass bin Laden Selbstmord begangen haben könnte.

Allerdings ist die Passage, die Bild.de übersetzt hat, auch ein bisschen uneindeutig:

As the SEALS ascended a narrow staircase, the team’s point man saw a man poke his head from a doorway, wrote a SEAL using the pseudonym Mark Owen (whose real identity has since been revealed by Fox News) in “No Easy Day,” a copy of which was obtained at a bookstore by The Huffington Post.

„We were less than five steps from getting to the top when I heard suppressed shots. BOP. BOP,“ writes Owen. „I couldn’t tell from my position if the rounds hit the target or not. The man disappeared into the dark room.“

Team members took their time entering the room, where they saw the women wailing over Bin Laden, who wore a white sleeveless T-shirt, loose tan pants and a tan tunic, according to the book.

Despite numerous reports that bin Laden had a weapon and resisted when Navy SEALs entered the room, he was unarmed, writes Owen. He had been fatally wounded before they had entered the room.

Der Soldat schreibt aber, dass bin Laden „unbewaffnet“ („unarmed“) gewesen sei, was einen Selbstmord durch Erschießen mindestens verkompliziert haben dürfte.

Die Nachrichtenagentur AP verstand diese Sätze dann auch gründlich anders als Bild.de:

Bissonnette schrieb, dass die SEALs bin Laden am oberen Ende eines abgedunkelten Flurs entdeckten und ihm in den Kopf schossen, obwohl sie nicht sehen konnten, ob er bewaffnet war. Regierungsbeamte hatten beschrieben, dass die SEALs erst auf bin Laden geschossen hätten, als dieser sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hätte, weil sie annahmen, er könnte nach einer Waffe greifen.

(Übersetzung von uns.)

Auch die deutschen Agenturen schrieben nichts von einem Selbstmord — weil offenkundig bisher niemand von einem Selbstmord gesprochen hatte.

Dann zog „Spiegel Online“ am späten Nachmittag nach:

Navy-Seals-Einsatz: Bin Laden soll sich angeblich selbst getötet haben

Auch „Spiegel Online“ beruft sich auf die „Huffington Post“ und leitet aus deren Artikel ab:

Bevor die US-Soldaten den Qaida-Chef erwischen konnten, hatte er sich dem Bericht zufolge selbst gerichtet.

Nein. In der Schilderung der „Huffington Post“ steht an keiner Stelle, dass sich bin Laden selbst erschossen habe. Schon um es aus den Schilderungen dort interpretieren zu können, muss man sich ziemliche Mühe geben.

Doch „Spiegel Online“ verfolgt diese Spur weiter — und wird dabei unfreiwillig komisch:

Die Erzählweise, Bin Laden habe sich selbst getötet, ist neu in der Reihe von Verschwörungstheorien und Geschichten, die zwischen den USA und Pakistan kursieren.

Die ganze Absurdität der von „Spiegel Online“ geschilderten Begebenheiten hat ein Leser in einem Kommentar so zusammengefasst:

Schenkt man dem Bericht Glauben, hat Bin Laden sich selbst mit einem Kopfschuss getötet, obwohl er unbewaffnet war, als man ihn fand, und eine Waffe auch erst später in seinem ordentlich aufgeräumten Zimmer gefunden werden konnte. Er scheint also trotz schwerster Kopfverletzungen noch ans Aufräumen gedacht zu haben.

Obwohl kein namhaftes Medium die Version einer Selbsttötung verbreitete, zog am späten Abend auch stern.de mit den beiden größten deutschen Onlinemedien nach:

Angeblicher Augenzeuge: Bin Laden soll sich selbst getötet haben

In der Interpretation von stern.de war bin Laden offenbar schon angeschossen, als die SEALs sein Haus stürmten:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nach Angaben des Weißen Hauses hatte sich Bin Laden bei der Erstürmung seines Hauses „widersetzt“ und sei darauf von US-Soldaten mit Schüssen in die Brust und in den Kopf getötet worden. Der Autor des Buches, das Anfang September auf den Markt kommen soll, schildert die Geschehnisse anders. „Blut und Gehirnmasse floss aus der Seite seines Schädels“, als sie Bin Laden entdeckten, heißt es laut der „Huffington Post“ in dem Buch „No Easy Day: The Firsthand Account of the Mission That Killed Osama bin Laden“ (Deutsch: Kein leichter Tag: Ein Bericht aus erster Hand über den Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde).

Unentwirrbar falsch ist die Geschichte bei focus.de, wo Leser unter anderem mit diesem Rätsel konfrontiert werden:

Der El Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden […].

Die gedruckte „Bild“ fragt heute ein bisschen zurückhaltender auf Seite 2:

Die Redakteure von Deutschlands führenden Online-Medien (plus stern.de und „Focus Online“) werden sich wohl noch lange daran erinnern, wo sie waren, als sie Osama bin Laden sich selbst töten ließen.

Mit Dank an Dennis K., Frank M., Peter und Manuel W.

Hinweis/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir im ersten Absatz behauptet, „die US Army“ habe Osama bin Laden erschossen. Die Navy SEALs gehören (wie der Name schon sagt) aber zur US Navy.

Hinterm Mond gleich links

„Der Mond ist aufgegangen“, dichtete Matthias Claudius Ende des 18. Jahrhunderts und das ist er auch bei stern.de:

Nächtliche Mondschau. Yangpyeong-gon, Südkorea. Ein toller Anblick: Der Mond ist nur als dünne Sichel zu sehen, weil sich der Planet Venus heute Nacht so weit davorgeschoben hat.

Nun ist der Name „stern.de“ etwas irritierend, denn dabei handelt es sich – hohoho – gar nicht um ein astronomisches Fachportal, wie durch die Bildunterschrift eindrucksvoll belegt wird:

Yangpyeong-gon, Südkorea. Ein toller Anblick: Der Mond ist nur als dünne Sichel zu sehen, weil sich der Planet Venus heute Nacht so weit davorgeschoben hat.

Die Venus hat sich zwischen Mond und Erde geschoben und den Mond verdeckt? Das wäre eine wissenschaftliche Sensation, womöglich aber auch eine extrem schlechte Nachricht.

Doch die Welt geht nach wie vor erst am 21. Dezember unter — oder auch nicht.

In Südkorea war jedenfalls nichts Schlimmes passiert, wie die Original-Bildunterschrift belegt, mit der das Foto von der European Press Agency (EPA) verbreitet wurde:

A view of the planet Venus occultation by a thin crescent moon seen over Yangpyeong-gon in Gyeonggi province, South Korea, early 14 August 2012. In an occultation one object (in this case a planet) is briefly hidden behind another object.

Ja, das ist ein grammatisch nicht völlig anspruchsloser erster Satz mit einigen unbekannten Vokabeln. Aber der zweite Satz erklärt ja, dass bei einer „occultation“ (oder „Bedeckung“) ein Objekt („in diesem Fall ein Planet“ = Venus) kurzzeitig hinter einem anderen Objekt versteckt wird. In diesem Fall hinter dem Mond mit schmaler Sichel.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 16. August: stern.de hat die Bildunterschrift korrigiert.

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Falls Sie in den letzten Wochen zufällig mal kurz in der Nähe eines Frisiersalons, eines internetfähigen Elektronikgeräts oder eines Teenagers gestanden haben, wissen Sie es natürlich: Robert Pattinson und Kristen Stewart, das Traumpaar der “Twilight”-Saga, haben sich getrennt sollen sich getrennt haben (man weiß es nicht so genau, zumal die beiden offiziell nie zusammen waren).

Es gibt angenehmere Rahmenbedingungen, um einen neuen Film zu promoten, aber gestern ist Pattinson zum ersten Mal seitdem wieder im amerikanischen Fernsehen aufgetreten. In der „Daily Show“ empfing ihn Moderator Jon Stewart (nicht verwandt oder verschwägert mit Kristen) mit einem Becher Eiscreme und wollte mit ihm „wie Mädchen“ über die Geschichte plaudern. Beim Versuch, das Offensichtliche nicht zu thematisieren (oder eben doch), schwangen sich Stewart und Pattinson in immer neue Ironiesphären auf, bis nicht mehr ganz klar war, worum es eigentlich ging und was die beiden dazu zu sagen hatten.

Die Website des amerikanischen Klatschmagazins „People“ versuchte sich dennoch an einer Exegese:

A tense-appearing Pattinson begged off any talk of his recent problems. „My biggest problem is that I don’t have a publicist,“ he said. „I’m going to have to hire a publicist.“

But when Stewart noted that for young people going through a breakup sometimes feels like the end of the world, Pattinson answered, „It is.“

The audience then went „Awwwwwww.“

Stewart habe also gesagt, für junge Menschen fühle sich eine Trennung manchmal wie das Ende der Welt an, Pattinson habe dies bestätigt und das Publikum habe mitfühlende Laute geäußert.

Dann schauen wir uns diese herzzerreißende Szene (etwa ab 5:15 Minuten) doch mal an:

Stewart sagt:

Wenn man jung ist und sich trennt, ist es gewaltig und es fühlt sich an, als ob die Welt enden würde. Das ist das erste Mal, dass ich die Welt habe so reagieren sehen.

(Übersetzung von uns.)

Pattinson sagt: nichts.

Das Publikum lacht.

Hmmmm …

Wenn es eine zweite Fassung von Stewarts „end of the world“-Satz gegeben haben sollte, haben die TV-Zuschauer davon nichts mitbekommen.

Warum erzählen wir Ihnen das in einem Watchblog für deutsche Medien?

Weil deutsche Medien lieber aus amerikanischen Medien abschreiben, als sich den Ausschnitt der Sendung im Internet anzusehen.

Bunte.de schrieb also:

Er lud Pattinson ein, mit ihm einen Becher Eiscreme gegen seinen Liebeskummer zu löffeln. Dann wurde er ernster und sagt zu dem „Twilight“-Star: „Wenn du jung bist und dich trennst, fühlt sich das an, als sei es das Ende der Welt.“ Pattinson sagte laut „People“-Magazin daraufhin nur leise: „So ist es.“

Der Satz war aber der einzige, mit dem er Einblick in seine verwundete Seele gab.

Frank Siering, der sonst unter anderem für die „Bravo“ über die Entjungferung von Teenie-Stars spekuliert, berichtete aus Los Angeles für stern.de über die in New York City aufgezeichnete Sendung:

„Für viele junge Menschen, die eine Trennung durchleiden“, so der Talkshow-Gastgeber, „fühlt sich das oftmals so an wie das Ende der Welt“. Pattinson hörte ernsthaft zu und erwiderte kurz und knapp: „Ja, genauso ist es.“ Ehrlich, auf den Punkt, ohne Zusatz.

Das Publikum seufzte auf und applaudierte dem partnerlosen Vampir euphorisch und mitfühlend zu. Der bedankte sich mit einem sanften Kopfnicken.

„Spiegel Online“ vermeldete:

Stewart zeigte dann scheinbar Mitgefühl und bemerkte, wenn ihre Beziehung zerbreche, fühle es sich für junge Leute manchmal wie das Ende der Welt an. Pattinson antwortete: „Das IST es!“, und das Publikum regierte mit einem langgezogenen „Oooooh!“.

(Das wäre vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, noch mal kurz darüber nachzudenken, worum es hier eigentlich gerade geht. Gemacht? Gut. Weiter!)

Bei Bild.de war dann endgültig egal, wer was gesagt, nicht gesagt oder wie reagiert hatte:

Pattinson zappelte auf seinem Stuhl hin und her, seine Bewegungen wirkten fahrig. Fragen auf den Seitensprung wich er aus. „Ich bin fest entschlossen, nichts darüber zu sagen“, scherzte er auf die „Wie geht’s?“-Frage von Moderator Stewart, der ihn mit Eiscreme tröstete.

Irgendwann gab Pattinson zu, dass sich die Trennung wie das „Ende der Welt“ anfühle.

… womit die Welt immerhin ein bisschen länger durchgehalten hätte, als der Journalismus.

Mit Dank an Thomas T., Johannes und Fabian P.

Nachtrag, 16. August: „Spiegel Online“ hat den Artikel überarbeitet und mit folgender Anmerkung versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Dialog zwischen Jon Stewart und Robert Pattinson in der „Daily Show“ falsch wiedergegeben. Die Ausführungen beruhten auf der Darstellung der Online-Ausgabe des „People“-Magazins. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die übrigen hier zitierten Medien bleiben bei ihrer Darstellung.

Zum Witze machen nach Ikaria gehen

Vergangene Woche hatten wir darüber berichtet, wie deutschsprachige Medien den Beitritt der griechischen Insel Ikaria zur Republik Österreich herbeischreiben wollten. Besonders hervorgetan hatte sich stern.de mit einem Artikel, dessen Autor gar nicht glauben wollte, dass an der Geschichte schlicht nichts dran sein könnte.

Am Freitagnachmittag erschien nun ein zweiter Text zum Thema auf stern.de, den man als Selbstkritik deuten könnte — oder als Rechtfertigung.

In die Welt gesetzt hat es [die Behauptung] die italienische Zeitung „Libero“, die über Frust auf Ikaria über die Regierung in Athen berichtete. Der Artikel schloss sinngemäß mit dem Satz: „Deshalb denken wir über eine Angliederung an Österreich nach.“ Das Zitat wurde von österreichischen Zeitungen aufgeschnappt, dem Sprecher des Bürgermeisters der Insel zugeschrieben und von österreichischen und deutschen Medien aufgegriffen, auch von stern.de. Niemand – journalistisch unsauber – fragte danach, ob das Zitat so gefallen sei und offizielle Haltung Ikarias sei.

Sie sehen: Im letzten Satz haben sich Grammatik und Semantik in den wohlverdienten Sommerurlaub am Mittelmeer verabschiedet.

Aber egal, weiter im Text:

Hinterher waren alle schlauer. Bezweifelt wurde, ob je einer auf der Insel diesen einen entscheidenden Satz mit Österreich überhaupt gesagt habe. Der Journalist von Libero, Alvise Losi, bestätigt das im Gespräch mit stern.de. Und auch ein bedeutender Teil der Geschichte ist wahr: Viele Bewohner des Eilands sind voller Wut auf die Regierung in Athen und auch das Thema Unabhängigkeit wird diskutiert. Der Satz sei zwar scherzhaft gemeint gewesen, entspräche aber dem wachsenden Unbehagen des Inselvolks, das sich seit Jahren von Athen im Stich gelassen fühle, sagt der Mailänder Journalist, ein echter Kenner Ikarias.

Dass die Bewohner Ikarias „voller Wut“ sind und das Thema Unabhängigkeit „diskutiert“ wird, mag ein „bedeutender Teil“ der Geschichte sein. Welcher Teil der Geschichte aber beispielsweise für stern.de der bedeutsamste war, kann man schon an der Aufteilung von Dachzeile und Überschrift sehen:

Keine Lust mehr auf Athen: Griechische Insel liebäugelt mit Österreich-Beitritt. Das Ägäis-Eiland Ikaria hat die Nase voll von den Pleitiers in Athen. Deshalb soll der Bürgermeister "über eine Angliederung an Österreich" nachdenken. Die griechische Regierung nimmt das bierernst.

Der italienische Journalist ist übrigens „ein echter Kenner Ikarias“, weil er „nach eigenen Angaben seit seiner Kindheit Urlaub im Sommerhaus der Eltern auf Ikaria macht“ und „eine Telefonumfrage unter seinen langjährigen Freunden und Bekannten auf der Insel“ durchgeführt hat.

Die gute Nachricht dabei: Es hat tatsächlich „einer auf der Insel diesen einen entscheidenden Satz mit Österreich überhaupt gesagt“.

In einem Telefongespräch am 10. Juli mit der italienischstämmigen Griechin Anna Caruzzo fragte Losi, ob es denn gerecht sei, dass die Insel zu Griechenland gehöre? Es gebe keine Alternative, antwortet die Frau, aber Athen müsse auf die Forderungen nach besserer Versorgung und Infrastruktur eingehen. Wenn weiter nichts passiere, könne man sich auch für die Unabhängigkeit entscheiden. „Würdet ihr euch dann etwa den Türken anschließen?“, hakt Losi nach. „Nein, mit den Türken auf keinen Fall, dann schon eher mit Österreich“, sagt die Interviewte.

Das sei natürlich ein Scherz gewesen, sagt Losi, und ein schöner Schlusssatz für seinen Artikel (ohne Hinweis, dass es ein Witz sein sollte). Er habe nicht damit gerechnet, dass die Nachricht derartige Wellen schlägt.

Oh, diese Italiener! Zitieren einfach irgendwelche Freunde und Bekannten, ohne darauf hinzuweisen, dass die auch Witze machen. Wie sollen deutsche Journalisten denn da noch ihre Arbeit machen können?

Mit Dank an M.S.

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