Archiv für sportbild.de

Fritz von Thurn und Twitter

Selbst, wenn Sie sich nicht für Fußball interessieren, könnten Sie in den letzten Tagen mitbekommen haben, dass ein Spieler namens Mario Götze von einem Verein namens Borussia Dortmund zu einem Verein namens Bayern München wechselt.

Weil die Meldung, die Ablösesumme und der Zeitpunkt der Bekanntgabe allein noch nicht spektakulär sind, bemühen sich die Medien um Zitate von zumeist maximal indirekt beteiligten Personen, mit denen sie ihre vielen, vielen Artikel zum Thema aufpeppen können. Früher musste man dafür bei diesen Personen anrufen, heute scheinen sich Zitatgeber und -nehmer einvernehmlich darauf geeinigt zu haben, andere Wege zu beschreiten.

Die „B.Z.“ schrieb jedenfalls am Dienstag auf ihrer Webseite:

Sportreporter-Ikone Fritz von Thurn und Taxis twittert: „Ich weiß ihr wartet alle darauf, also gut: #Götze zum #FCBayern? #HUIHUIUHHUI DONNERWETTER, DAS IST EIN DING!!!! #BVB #FCB“.

Und auch die Kollegen von sportbild.de waren von dem Posting so begeistert, dass sie es gleich in zwei Klickstrecken aufnahmen:

Fritz von Thurn und Taxis (Sky) via Twitter: "Ich weiß ihr wartet alle darauf, also gut: #Götze zum #FCBayern? #HUIHUIUHHUI DONNERWETTER, DAS IST EIN DING!!!!"

Der Twitter-Account, auf dem dieses Posting abgesetzt wurde, trägt den Namen „@TuT_Parody“.* Und für alle jene, die sich dennoch nicht ganz sicher sind, ob der Account nicht vielleicht doch vom echten Fritz von Thurn und Taxis befüllt wird, steht da noch diese Erklärung:

Eine Hommage an den blaublütigen Kult-Kommentator & seine besten Sprüche. Achtung: Tweets könnten #huuuiiiiii enthalten. (Parody-Account. Nicht der echte Fritz)

Am Dienstag hat der Betreiber dieses „Parody-Accounts“ die Leute von sportbild.de auf ihren Fehler aufmerksam gemacht. Als ob die sich dafür interessieren würden, wessen Äußerungen sie da in ihren Zitatenstrauß einflechten.

Mit Dank an Mathias B.

Nachtrag/Korrektur, 29. April: Offenbar hieß der Twitter-Account zunächst „@Fritze_von_TuT“ und wurde erst nach der „Sportbild“-Verwechselung in „@TuT_Parody“ geändert. Der Hinweis „(Parody-Account. Nicht der echte Fritz)“ stand da aber bereits in der Beschreibung.

Mit Dank an Tobias K.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen

Als Julian Draxler am Samstag für den FC Schalke 04 in der Bundesliga auflief, war er mit 19 Jahren und 170 Tagen der jüngste Bundesligaspieler, der sein 100. Pflichtspiel für seinen Verein absolviert hat.

Ein (etwas bemüht wirkender) Rekord, den die Autoren von sportbild.de einzuordnen versuchen:

Der in Gladbeck vor den Toren Gelsenkirchens geborene Draxler eilt bereits von Rekord zu Rekord. Am 15. Januar 2011 gab er mit 17 Jahren und 117 Tagen als jüngster Bundesligaspieler sein Debüt.

Das stimmt so nicht: Zwar war Draxler damit der jüngste Bundesligaspieler des FC Schalke 04, aber den eigentlichen Rekord des jüngsten Bundesligaspielers überhaupt hält ein Spieler von Borussia Dortmund: 16 Jahre und 335 Tage alt war Nuri Şahin, als er am 6. August 2005 erstmalig für den BVB auflief.

Die offizielle Datenbank von bundesliga.de listet Draxler als viertjüngsten Bundesliga-Debütanten:

Mit Dank an Markus K.

Nachtrag, 13. März: Offenbar schon gestern hat sportbild.de den Satz unauffällig geändert:

Am 15. Januar 2011 gab er mit 17 Jahren und 117 Tagen als jüngster Schalker Bundesligaspieler sein Debüt.

DFB hält sich nicht an „Sport Bild“-Wissen

Der Fußballzweitligist Dynamo Dresden ist wegen der Randale seiner Fans im Pokalspiel bei Hannover 96 für die kommende Saison aus dem DFB-Pokal ausgeschlossen worden.

Diese Meldung kommt für alle überraschend, die sich auf die Expertise von „Sport Bild“ verlassen hatten:

Exklusiv: Nur Geisterspiele für Dynamo Dresden. Wie SPORT BILD PLUS weiß, ist ein Pokal-Ausschluss für Dynamo Dresden nach den Fan-Randalen in Hannover nicht möglich. Bei der DFB-Verhandlung wird es wohl auf Geisterspiele als Strafe hinauslaufen

Dabei hatten die Reporter gestern doch so glaubwürdige Quellen aufgetan:

SPORT BILD Plus erfuhr aus dem Umfeld des DFB-Sportgerichts: Auch diesmal wird Dresden mit einem blauen Auge davonkommen. Ein Ausschluss aus dem DFB-Pokal ist nicht möglich, weil dieser gegen die DFB-Satzung verstoßen würde. Stattdessen sollen mehrere Geisterspiele gegen Dynamo verhängt werden.

Mit Dank an Rico K.

Enthüllungen unter der Dusche

In Vereinen, wo der Sport bekanntlich am Schönsten ist, gibt es viele merkwürdige Traditionen und Regeln. Dazu zählt etwa die sogenannte Mannschaftskasse, in die die Mitglieder unterschiedlich hohe Geldbeträge einzahlen, wenn sie gegen bestimmte Verhaltensregeln verstoßen haben.

Auch der Fußballbundesligist FC Augsburg hat eine solche Mannschaftskasse mit entsprechendem Strafenkatalog, den sportbild.de gestern „enthüllte“:

In die Dusche urinieren = 50 Euro. Enthüllt! Der Strafenkatalog des FC Augsburg

Echte Fans des FC Augsburg werden von diesen Enthüllungen („Wer ungeduscht auf die Massagebank oder ins Entmüdungsbecken geht, zahlt je 50 Euro“) allerdings wenig überrascht gewesen sein: Die „Augsburger Allgemeine“ hatte schon zwei Wochen vorher über den Strafenkatalog des FCA berichtet, der der Redaktion damals schon „vorlag“.

In diesem Zusammenhang kam es auch zu dieser grandiosen Kombination von Überschrift, Symbolfoto und Bildunterschrift:

Strafenkatalog: 50 Euro fürs Pinkeln unter der Dusche. Der Strafenkatalog des FC Augsburg bietet allerhand zur Belustigung. Ein Auszug. Schon klar: Das sind weder Spieler des FC Augsburg, noch die Dusche des FCA. Aber finden Sie mal ein Bild zu dieser Überschrift ... So haben Sie wenigstens noch etwas für die Augen bekommen. Ist doch auch nicht schlecht.

Mit Dank an Matthias M.

Verwirrung um Pizarro

Heute Vormittag um 10.02 Uhr verkündete „Sport Bild“ auf ihrer Internetseite:

Sport Bild exklusiv: Pizarro kündigt bei Werder! Bayern bietet Zweijahresvertrag

Die zwei in der Überschrift erwähnten Sachverhalte stehen zwar in einem Zusammenhang, aber offenbar nicht ganz so direkt, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Nach allerlei Zeilen über das Vertragsangebot von Bayern München („nach SPORT BILD-Informationen“, natürlich) schreibt „Sport Bild“ selbst, dass es durchaus möglich sei, dass Pizarro Werder Bremen doch nicht verlässt:

Noch ist der Weggang allerdings keine beschlossene Sache – Pizarro musste kündigen, weil sich sein Vertrag in Bremen sonst automatisch verlängert hätte. Er kann jedoch einen neuen Vertrag mit den Bremern aushandeln.

In diesem Fall wäre seine (angebliche) Vertragskündigung ein taktisches Manöver gewesen, um sich alle Optionen offen zu halten und für die Vertragsverhandlungen mit Werder in einer günstigeren Ausgangsposition zu sein. Fußballer und ihre Berater …

Sechzehn Minuten später hatte der Sportinformationsdienst (sid) diese Meldung auf dem Draht:

Sport Bild: Pizarro verlässt Werder, Angebot aus München

BREMEN, 29. März (SID) – Claudio Pizarro wird den Fußball-Bundesligist Werder Bremen im Sommer anscheinend verlassen. Wie die Sport Bild berichtet, hat der Angreifer dem Verein mitgeteilt, dass er seinen Vertrag in Bremen zum 30. Juni dieses Jahres kündigt. Weil der Peruaner seine Kündigungsklausel noch vor Ablauf der vertraglich festgelegten Frist (31. März) zog, ist er nach der laufenden Saison ablösefrei. Rekordmeister Bayern München, so das Blatt weiter, habe Pizarro bereits einen Zweijahresvertrag angeboten.

Das war natürlich nicht das, was „Sport Bild“ geschrieben hatte — sondern nur das, was „Sport Bild“ mit der eigenen Überschrift und der Twitter-Nachricht „Pizarro kündigt bei Werder“ mutmaßlich zu suggerieren versucht hatte.

Die Reaktion von „Sport Bild“ auf Twitter, wo #pizarro inzwischen ein trending topic war, war dann auch eine ganz merkwürdige Mischung aus Schadenfreude, Hände-in-Unschuld-Waschen und dem Pochen auf journalistische Gründlichkeit:

Da hat der sid einfach nicht gründlich gelesen. Keiner behauptet, dass Pizarro Werder verlässt

Der sid hatte unterdessen ein Statement von Bremens Manager Klaus Allofs eingeholt, war aber immer noch davon überzeugt, dass „Sport Bild“ Pizarros Abgang vermeldet hatte:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Abgang aus Bremen
+++ überholt mit Allofs-Statements +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer den Fußball-Bundesligisten im Sommer verlassen wird. „Da weiß die Sport Bild mehr als wir“, sagte Allofs dem Sport-Informations-Dienst (SID) am Donnerstagmorgen: „Bei uns ist das so nicht kommuniziert. Ich glaube das aber ehrlich gesagt auch nicht.“ [...]

Um 11.29 Uhr vermeldete der sid dann in einer „Präzisierung“, dass Allofs nicht nur nichts von einem „Abgang“ wisse, sondern auch nichts von einer „Kündigung“:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Kündigung bei Werder
+++ Präzisierung in Überschrift und erstem Satz +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer dem Fußball-Bundesligisten zum Sommer gekündigt hat. [...]

Die Verwirrung war also perfekt und der sid hatte nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen.

Um 14.08 Uhr tickerte die Deutsche Presseagentur (dpa) dann sinngemäß, dass klar sei, dass nichts klar sei:

„Sport Bild“: Pizarro hat gekündigt – Werder hofft auf Verbleib

Bremen (dpa) – Fußball-Profi Claudio Pizarro und Werder Bremen halten sich im Poker um eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit weiter bedeckt. Auch eine Meldung des Fachmagazins „Sport Bild“, laut der Pizarro seinen Vertrag beim Bundesligisten fristgerecht zum Saisonende gekündigt hat, wollten der Stürmerstar und Werder-Chef Klaus Allofs weder bestätigen noch dementieren.

„Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Es ist weiterhin alles offen, wir müssen noch einige Gespräche führen“, betonte Pizarro am Donnerstag in Bremen. „Wir machen grundsätzlich keine Aussagen über Vertragsinhalte“, sagte Geschäftsführer Allofs. [...]

Zum derzeitigen Zeitpunkt ist also lediglich die Erkenntnis gesichert, dass Claudio Pizarro einen Vertrag mit Werder Bremen hat. Wie lang der noch läuft und was Pizarro danach macht, werden wir irgendwann erfahren. Vermutlich wieder exklusiv.

Mit Dank an Matthias K.

Komma zum Punkt

Der Onlineauftritt von „Sport Bild“ behauptet seit gestern:

Fußball-Finanzen US-Liga MLS veröffentlicht alle Gehälter

In den USA (…) werden die Gehälter aller Spieler regelmäßig von der Major League Soccer (MLS) veröffentlicht. Auf den Cent genau. Jeder Interessierte kann nachlesen, was David Beckham, Thierry Henry und Co. verdienen.

Das ist nur teilweise richtig. Zwar werden die Gehälter der Spieler regelmäßig veröffentlicht, allerdings nicht von der Major League Soccer (MLS) selbst, sondern von der Major League Soccer Players Union, der Spielergewerkschaft also.

Richtig peinlich sind aber die beiden Klickstrecken, die sportbild.de für die Topverdiener und die Spieler mit den niedrigsten Jahresgehältern zusammengestellt hat, denn darin tauchen seltsame Zahlen auf:

Klub für Klub: Die Top-Verdiener der MLS David Beckham (Los Angeles Galaxy): 6.500.000.04 Dollar

Klub für Klub: Die Top-Verdiener der MLS Thierry Henry (New York Red Bulls): 5.600.000.04 Dollar

Oder auch:

Klub für Klub: Die niedrigsten Gehälter der MLS Eddie Ababio (Colorado Rapids): 32.604.00 Dollar

Immerhin hat es der Ersteller der Strecken geschafft, die Kommata, mit denen im Amerikanischen Tausender getrennt werden (z.B. 32,604), durch die im Deutschen durchaus üblichen Punkte (z.B. 32.604) zu ersetzen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund sind aber die Punkte, die im Amerikanischen als Dezimaltrennzeichen verwendet werden und die hier Dollar von Cent trennen (z.B. 6,500,000.04 $), an Ort und Stelle geblieben — obwohl im Deutschen hierfür ein Komma verwendet wird (z.B. 6.500.000,04 $).

Da man hierzulande hinter dem Punkt eigentlich immer Blöcke à drei Ziffern erwartet, resultieren aus dieser Schlamperei kaum leserliche Zahlen, die man sich — wenigstens konsequent amerikanisch und klickfingerschonend — besser in den nach Clubzugehörigkeit oder alphabetisch sortierten Originallisten ansehen sollte.

Nicht nur unverständlich, sondern komplett falsch ist der Betrag, den Andres Mendoza verdient:

Klub für Klub: Die Top-Verdiener der MLS Andres Mendoza (r., Columbus Crew): 595.000.000 Dollar

Durch eine von sportbild.de fälschlicherweise spendierte zusätzliche Null und dank der Punktschreibweise kommt er jetzt statt 595.000 Dollar auf satte 595 Millionen Dollar jährlich und dürfte damit der bestverdienende Spieler der Welt sein.

Mit Dank an Reinhold.

Özil, Ballack und Raúl bei Manchester United!

Nicht ist leichter, als Boulevard-Sportjournalisten in Aufregung zu versetzen. Diese Schlagzeilen erschienen heute (von oben nach unten) auf den Online-Seiten von „Bild“, „Express“, „Sport Bild“ und auf T-Online:

So richtig wollte zwar keines der Medien glauben, dass das Auftauchen von Werder-Bremen-Fußballstar Mesut Özil mit einem Profilrudiment auf den Internetseiten von Manchester United bedeutet, dass ein entsprechender Wechsel sicher ist. Aber irgendwas könnte ja dran sein!

„Hat da jemand die Homepage gehackt? Oder weiß man bei ManU etwa schon mehr?“, fragt Bild.de. Die Kollegen von Express.de spekulieren über die mögliche „peinliche Vorbereitung eines Deals, der noch gar nicht in trockenen Tüchern ist“. Und die Online-Experten von „Sport Bild“ klingen leicht empört: „ManUnited führt Özil als Spieler. Dabei ist noch nichts unterschrieben.“

Nun. Wir haben aufregende Neuigkeiten.

Nicht nur Özil spielt anscheinend bald bei Manchester United …

… auch Raúl, der doch eigentlich gerade nach Schalke gewechselt war, …

… und sogar Michael Ballack

… und viele weitere bekannte Fußballer.

Auf des Rätsels Lösung könnte man kommen: Unter jedem scheinbaren Spieler-Profil befindet sich ein Link zu der Zusammenfassung einer Meldung aus den Medien, in der der Spieler mit Manchester United in Verbindung gebracht wird. Wann immer die Internetseite des Vereins auf einen solchen Bericht hinweist, wird offenbar ein entsprechendes Profilrudiment angelegt.

Dass Mesut Özil hier geführt wird, hat also nur einen einzigen Grund: Der „Daily Express“ hatte vor fünf Wochen darüber spekuliert, dass er als Neuzugang im Gespräch sei, und die Internetseite von Manchester United hatte — mit dem Standard-Hinweis, sich das nicht zu eigen zu machen — die Meldung zusammengefasst.

Ob die Tatsache, dass deshalb gleich eine solche merkwürdige halbleere Profilseite für Özil entsteht, eine „Panne“ darstellt oder panne doch eher die Leute von Bild.de und den anderen mit ihrer Spekulationswut und Rechercheunlust sind, lassen mir mal dahingestellt.

Mit Dank an Marcus H., Andree M. und vor allem Benjamin C.!