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Von Antisemiten und Antisemanten (2)

Letzten Dienstag schrieben wir hier im BILDblog über die angebliche „Liste der schlimmsten Antisemiten“ auf der sich der deutsche Journalist Jakob Augstein befinden soll.

Die Liste des Simon Wiesenthal Centers (PDF), ist allerdings die „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also die Top Ten der anti-semitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen im Jahr 2012.

Die Deutsche Presse Agentur (dpa) hat am Mittwoch mit jemandem gesprochen, der an dieser Liste mitgearbeitet hat:

Das amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum hat seinen Antisemitismus-Vorwurf gegen den Journalisten und Verleger Jakob Augstein differenziert. In einer Rangliste des Zentrums seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei. „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten“, stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag (Ortszeit) klar.

Ein Blick auf die Originalliste hätte diese Lesart von vorne herein nahegelegt, aber immerhin war die „differenzierte“ Kritik an Augstein jetzt im Umlauf.

Und sah bei „Spiegel Online“ zum Beispiel so aus:

Antisemitismus-Debatte: Jüdisches Zentrum relativiert Vorwürfe gegen Augstein

So kann man es natürlich auch nennen, wenn das Simon Wiesenthal Center noch einmal explizit erklärt, was eigentlich die ganze Zeit über der verdammten Liste gestanden hatte.

Geht aber noch besser:

Mit seiner Platzierung des SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Jakob Augstein auf der Liste der zehn übelsten Antisemiten hatte das Simon-Wiesenthal-Center eine Kontroverse ausgelöst. [...] Nun hat das amerikanische Zentrum seinen Vorwurf gegen Augstein differenziert. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei.

„Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten“, stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag klar.

Am Freitagnachmittag passierte dann etwas, was von Beobachtern zuvor als ähnlich wahrscheinlich eingestuft worden war wie eine Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens: Der Dampfplauderer Henryk M. Broder, dessen Einschätzung, Augstein sei „ein lupenreiner Antisemit“, das Simon Wiesenthal Center in seiner Liste zitiert hatte, entschuldigte sich auf der Internetseite der „Welt“ bei Jakob Augstein — zwar explizit „nur dafür“, Augstein als „kleinen Streicher“ bezeichnet zu haben, aber immerhin entschuldigte er sich.

Darüber berichtete auch wieder „Spiegel Online“ — und verhedderte sich erneut in den Begrifflichkeiten:

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein zuvor auf die Liste der zehn übelsten Antisemiten gesetzt, sich wenig später allerdings differenzierter geäußert: Es gehe um die Zitate, nicht um Personen. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei, sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper am Dienstag.

Und im aktuellen gedruckten „Spiegel“ heißt es in einem Streitgespräch zwischen Jakob Augstein und dem Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, an die Adresse von Augstein:

SPIEGEL: Das Simon Wiesenthal Center hat sich jetzt noch einmal korrigiert und gesagt, nicht Sie als Person seien antisemitisch, aber einige Ihrer Äußerungen seien es, und es könne sein, dass Ihnen das gar nicht bewusst sei.

Ein cleverer Schachzug: Wenn Medien mit ein paar Wochen Verspätung entdecken, dass sie ausuferndst über eine Liste berichtet haben, ohne genau verstanden zu haben, was diese Liste eigentlich beschreiben soll, korrigieren sie sich nicht etwa selbst, sondern tun so, als ob die Autoren der Liste sich korrigiert hätten.

Mit Dank auch an Ekkehard K. und Daniel.

Die Königin macht einen Hausbesuch

Es war ein historisches Ereignis, das da gestern im Amtssitz des britischen Premierministers David Cameron stattfand, da sind sich die deutschen Medien sicher.

Nur was genau war daran so historisch? „Spiegel Online“ erklärt es in einem Video so:

Es ist ein Jahrhundertbesuch: Mit Queen Elizabeth II. setzt erstmals seit mindestens einhundert Jahren eine Monarchin ihren Fuß in 10 Downing Street.

Im dazugehörigen Artikel heißt es etwas anderes:

Es war das erste Mal seit mindestens 100 Jahren, dass ein britischer Monarch an einem Kabinettstreffen teilnahm: Königin Elizabeth II. wohnte einer Sitzung in der Downing Street 10 bei.

Ja, was denn nun? Der erste Besuch eines Monarchen in 10 Downing Street seit mehr als hundert Jahren oder der erste Monarch, der seit mindestens hundert Jahren an einer Kabinettssitzung teilnimmt? Beides? Nichts davon?

„Spiegel Online“ erklärt das mit dem Kabinettstreffen so:

Cameron erklärte, es sei das erste Mal seit König George III. im Jahr 1781, dass ein Monarch an einer Kabinettssitzung teilnehme. Anderen Berichten zufolge hatte jedoch auch die 1901 verstorbene Queen Victoria dieses Recht wahrgenommen.

Und dpa weiß noch von einem späteren Treffen:

Auch Elizabeths Vater, König George VI., hatte sich mit den Ministerin [sic!] getroffen. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er sich über die Lage informieren lassen – jedoch nicht in der Downing Street.

Na gut. Und das mit dem Besuch?

Nun, zuletzt war die Queen am 24. Juli dieses Jahres zum Lunch mit vier Premierministern (davon drei ehemalige) im Regierungssitz. Davor am 21. Juni 2011 anlässlich des 90. Geburtstags von Prinz Philip, was der „Daily Telegraph“ als einen „seltenen Besuch“ bezeichnete und hinzufügte, der vorherige habe wohl im April 2002 stattgefunden.

Seitdem sind die Besuche der Queen beim Premierminister wohl etwas häufiger geworden.

Neben diversen Detailfragen, über die sich auch die britischen Medien uneins sind, bleibt dann vor allem eine zentrale Frage offen: Wenn ein Ereignis in Großbritannien offenbar nur dann für die deutschen Leser interessant genug ist, wenn man es zum Jahrhundertereignis überjazzt — könnte man dann nicht stattdessen besser einfach auf eine Berichterstattung verzichten?

Mit Dank an Thomas U.

Quatsch mit Karamellsauce

Vergangene Woche hatten wir erklärt, warum der Vergleich der Wörterzahlen zwischen den Zehn Geboten, der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons in der „Süddeutschen Zeitung“ Quatsch war: Die „EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons“ gibt es nicht.

Laut Wikipedia geht die Mär von der Karamellverordnung zurück auf Alwin Münchmeyer, den damaligen Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken, der 1974 im „Spiegel“ mit diesem Bonb… Quatsch: mit diesem Bonmot zitiert wurde.

Damals hatte die angebliche Verordnung allerdings noch „26 911 Wörter“, was der Dokumentation des Nachrichtenmagazins irgendwie entgangen sein muss, als sie 12 Jahre später diese Passage absegnete:

Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß findet für den inflationären Zustand einen eindrucksvollen Vergleich: „Die Zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter. Die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons umfaßt exakt 25911 Wörter“

Mit diesem Zitat, das den Faktencheck von „Hart aber fair“ sicher nicht überstanden hätte, ist Strauß auch Jahrzehnte nach seinem Ableben noch gern gesehener Gast in den Medien: Die österreichische „Kronen Zeitung“ etwa packte den Ausspruch am 21. Januar 2008 gemeinsam mit Sentenzen von Joschka Fischer, Franz Müntefering und John McCain in eine Zitatensammlung.

Neben Münchmeyer und Strauß gibt es aber noch andere Quellen. Der „Tagesspiegel“ etwa schlug es am 23. November 2001 „dem“ Heinz Ossenkamp zu, Chef der Gewerkschaft für die Beamten und Angestellten im Dienst der Länder und Kommunen:

Wie nun das Meer seit Jahren jedes Mal etwas höher steigt, so schwillt die Papierflut von Jahr zu Jahr an. Der Heinz Ossenkamp hat das jetzt an einem Beispiel genau ausgerechnet: „Das Vaterunser hat 56 Wörter, die zehn Gebote haben 297. Aber eine Verordnung der EU-Kommission über den Import von Karamellen und Karamellprodukten zieht sich über 26.911 Wörter dahin.“

Ganz ohne Zitatgeber kam „Spiegel Online“ am 12. August 2004 aus, wo eine Linksammlung mit diesen Worten eröffnet wurde:

Was kommt dabei heraus, wenn Menschen zu viel Zeit haben? Im schlimmsten Fall eine EU-Verordnung zum Im- und Export von Karamellbonbons (rund 25.000 Worte), im besten Fall eine Web-Perle: Wir haben wieder einige davon zu bieten.

Auch logisch nicht ganz unspannend ist der Schluss eines Artikels über Spracherkennungssoftware aus der „Financial Times Deutschland“ vom 25. Februar 2005:

Die wachsende Informationsflut tut ihr Übriges: Die Zehn Gebote kommen mit 279 Wörtern aus, die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung bringt es auf 3000 Wörter, die EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons umfasst bereits 26 000 Wörter. Die Folge: Der Wortschatz künftiger Spracherkennungen wird stetig wachsen müssen.

Aber wohl kein anderes Medium hat die Karamellverordnung derart oft durchgekaut wie die „Süddeutsche Zeitung“:

In der Rezension eines Auftritts des Kabarettisten Werner Koczwara in der Ausgabe vom 12. Januar 2001:

Daneben haben Zahlen eine große Bedeutung. Nicht nur, weil ja schon in den Gesetzen schier unendlich viele Paragraphen irrlichtern. Nein, Koczwara errechnet darüber hinaus auch, dass die zehn Gebote 279 Wörter haben, die EU-Verordnung zur Einführung von Karamellbonbons dagegen 25 911 Worte braucht.

Im Lokalteil Fürstenfeldbruck am 2. Februar 2007 über ein Treffen von Schülern mit einem Abgeordneten des Europaparlaments:

„Die Zehn Gebote zählen 279 Wörter, die Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Staaten von 1776 zählt 300 Wörter, die EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons von 1981 besteht aus 25 911 Wörtern“, zitierte ein Jugendlicher und fragte nach dem Stellenwert der Bürokratie in der EU. Das sei aber nicht schlimmer als in den Gemeinden, ganz gleich ob in Bayern oder in Berlin, meinte Radwan.

Ganz meta am 29. September 2007:

Journalisten lieben abgenudelte Vergleiche. Und deshalb liest man in Glossen über den bürokratischen Regelungswahn immer mal wieder, wie viele Wörter die Zehn Gebote umfassen, wie viele die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und wie viele irgendeine absurde EU-Verordnung über irgendetwas garantiert völlig Nebensächliches wie etwa den idealen Krümmungsgrad von Bananen. Natürlich schneidet die EU-Verordnung dabei immer ganz schlecht ab, weil sie für ihr lächerliches Ansinnen etwa tausendmal so viele Wörter braucht wie die Zehn Gebote für das ihre.

Die jüngste Erwähnung vom Freitag schaffte es dann am Samstag auch noch in die „Aargauer Zeitung“:

Kleiner Trost: Die Schweiz steht nicht allein da. Die EU produziert noch viel mehr Gesetze. Die „Süddeutsche Zeitung“ machte gestern diesen lustigen Vergleich: „Die Zehn Gebote Gottes enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300, die EU-Verordnung über den Import von Karamellbonbons exakt 25911.“

Ein Blick in die Erdinger Regionalausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ vom 5. Juni 2010 hätte allerdings auch im aktuellen Fall helfen können:

Die CSU war ja schon zu Lebzeiten von Franz-Josef Strauß, dem Namenspatron unseres Flughafens, skeptisch gegenüber der EU-Bürokratie. Berühmt ist sein Zitat: „Die Zehn Gebote erhalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300, die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons aber exakt 25 911!“ Rhetorisch brillant, nur hat es so eine Verordnung nie gegeben.

Überhaupt scheinen sich die Redakteure in Erding besser mit der Materie auszukennen als die der Mantelredaktion, denn erst am 13. Oktober stand dort wieder in der Regionalausgabe:

Die Zehn Gebote enthalten 279 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300, die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons aber exakt 25911!“ Mit diesen Worten hat bereits 1986 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß die überbordende Bürokratie auf europäischer Ebene angeprangert. Diese Verordnung war tatsächlich einmal in Vorbereitung, ist aber nicht realisiert worden.

Nachtrag, 4. Januar 2013: Twitter-User @ungeruehrt hat uns darauf hingewiesen, dass bereits 1973, ein Jahr vor dem „Spiegel“-Artikel, diese Passage in der „Zeit“ gestanden hatte:

Im übrigen aber beklagte Münchmeyer neben anderen Inflationstendenzen die Inflation der Worte. Das anschauliche Beispiel des Privatbankiers: Das Vaterunser hat 56 Worte, die Zehn Gebote 297 Worte, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 und eine Verordnung der Europäischen Kommission für den Import von Karamel und Karamelerzeugnissen 26911 Worte.

Im Zweifel tot

Um 11.15 Uhr Uhr heute vormittag gab die Nachrichtenagentur Reuters eine Eilmeldung heraus:

EIL-Explosion in einem Bus in Tel Aviv

Jerusalem, 21. Nov (Reuters) – Bei einem Anschlag auf einen Bus in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv hat es am Mittwoch nach Angaben von Rettungsdiensten mindestens zehn Opfer gegeben. Die Polizei sprach von einem terroristischen Akt.

Aber was bedeutet „Opfer“ oder, im englischen, casualties? Bei „Spiegel Online“ sind sie es gewohnt, immer das Schlimmste anzunehmen, und so meldeten sie eilig:

Israel: Viele Tote bei Anschlag auf Bus in Tel Aviv. In Tel Aviv hat sich eine Explosion in einem Autobus ereignet. Die Polizei spricht von einem Terroranschlag. Berichten zufolge gibt es mindestens zehn Verletzte.

Das war aber nicht das, was aus Tel Aviv gemeldet wurde. Die Deutsche Presse-Agentur dpa hatte ebenfalls um 11.15 Uhr schon konkretisiert:

Viele Verletzte bei Anschlag auf Autobus in Tel Aviv

Tel Aviv (dpa) – Bei einem Bombenanschlag auf einen Autobus in Tel Aviv sind am Mittwoch nach Medienberichten zahlreiche Menschen verletzt worden. Der israelische Rundfunk meldete, es gebe mindestens zehn Opfer. Krankenwagen rasten zum Ort des Geschehens.

Kurz darauf bekam dann auch „Spiegel Online“ die eigene Hyperventilation unter Kontrolle und änderte in Überschrift, Artikel und später auch URL die „Toten“ in „Verletzte“. Einen Hinweis auf den Fehler und die Korrektur gibt es nicht.

Stattdessen twitterte „Spiegel Online“ als nächstes auf seinem Eilmeldungs-Account:

Das war wenigstens nicht falsch — nur 14 Tage alt.

Aber dafür hat sich „Spiegel Online“ anschließend auf Twitter entschuldigt:

Mit Dank an Mathias S.

Nachtrag, 12.57 Uhr: „Spiegel Online“ hat sich jetzt auch für den ersten Tel-Aviv-Tweet entschuldigt:

Unter dem Artikel prangt jetzt auch dieser Hinweis:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde von vielen Toten berichtet, tatsächlich handelt es sich um viele Verletzte. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Wechseln will gelernt sein

Dies ist die Geschichte von Peter Müller („Name geändert“). Seine private Krankenversicherung hatte die monatliche Prämie um 33 Prozent erhöht, er konnte den Monatsbeitrag von 550 Euro nicht mehr berappen. Dann lernte er Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen kennen:

Der 40-Jährige verkauft ebenfalls Krankenversicherungen. Er gehört aber nach Müllers Meinung zum Kreis derjenigen Branchenvertreter, die anders als etliche Kollegen ihr Gewissen nicht zugunsten des Girokontos geopfert haben.

Peter Müller ist leider kein Einzelfall: Auch Michael Firsching hatte Ärger mit seiner privaten Krankenversicherung, der DKV. Sein Monatsbeitrag war auf 600 Euro gestiegen, die DKV wollte ihm keinen Tarifwechsel gestatten. Firsching schaltet den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen ein:

Und der entdeckt gleich zwei DKV-Tarife, die Firschings Wünschen entsprechen und deutlich günstiger sind.

Dies ist aber auch die Geschichte von Michael Hogrefe („Name geändert“). Er erfuhr, dass er bei seiner privaten Krankenversicherung, der Gothaer, ab Januar rund 100 Euro mehr zahlen soll, 1022 Euro statt bisher 921 Euro. Ende Oktober schaltete Hogrefe den Versicherungsmakler Javier Garcia ein:

Der soll für ihn nun einen günstigeren Tarif bei der Gothaer finden. Bei der Suche erfuhr der Makler, wie sich der Tarif seines Kunden entwickelt – und fand entsprechende Alternativen.

Im Grunde ist es also die Geschichte des Versicherungsmaklers Javier Garcia — und die von „Spiegel Online“. Dreimal hat das Nachrichtenportal über Garcia berichtet, im November 2011, im Juni 2012 und jetzt am Dienstag. Jedes mal hatte sich Garcia in der scheinbar ausweglosen Situation eines privat Krankenversicherten als Retter in der Not erwiesen und beim dritten Mal verlinkte „Spiegel Online“ sogar seine Website.

Wir haben ob dieser Häufung bei „Spiegel Online“ nachgefragt, ob es einen besonderen Grund gebe, warum immer wieder Javier Garcia zu Wort komme, wenn es um private Krankenversicherungen geht. Chefredakteur Rüdiger Ditz erklärte uns, dass Herr Garcia die Autoren mit seinen Kunden in Kontakt bringe, die dann als Fallbeispiele für aktuelle Entwicklungen herangezogen werden können. Man werde sich aber in Zukunft bemühen, auch andere Ansprechpartner zu Wort kommen zu lassen.

Der Link auf Garcias Website gehe „gar nicht“ und wurde gestern bereits entfernt.

Mit Dank an Klaus und Rolf.

Nachtrag, 15.03 Uhr: Unsere Leser haben etwas entdeckt, was uns selbst entgangen war: Schon im bzw. neben dem ersten Artikel über Garcia tauchte ein Link auf dessen Website auf:

Nach unserem Hinweis hat „Spiegel Online“ auch diesen Link entfernt.

Nachtrag, 16. November: Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) hat noch ein anderes, grundsätzliches Problem mit Garcias Expertenrolle:

Nach Meinung des PKV-Verbands mache sich Spiegel-Online zum unkritischen Sprachrohr eines Maklers, der damit sein Geld verdient, Privatversicherte gegen Honorar in andere Tarife zu lotsen und womöglich durch die Verunsicherung der Kunden mit Hilfe einiger Medien eine steigende Nachfrage nach seiner Hilfe provozieren möchte.

Wahrheit oder Pflicht?

Unsere Gesellschaft wäre ohne Sex nicht denkbar. Damit meinen wir gar nicht, dass die Menschheit ausstürbe, wenn sie sich nicht fortpflanzte, sondern: Artikelserien über „Nippelblitzer“, Klickstrecken mit Playmates und versehentlich an die Öffentlichkeit geratene Privatfotos irgendwelcher Prominenter. Der Online-Journalismus wäre arm dran ohne diese Themen, die die schlichtesten Triebe ihrer Leser (-innen ja wohl eher weniger) ansprechen sollen.

Und doch gibt es Menschen, denen alles Sexuelle fremd ist. Die kein Bedürfnis haben, sich unscharfe Fotos von halbnackten Promibrüsten anzusehen, oder selbst sexuell aktiv zu werden. Diesem Thema Asexualität hat „Spiegel Online“ heute einen Artikel gewidmet.

Darin diese Passage:

Auch in Deutschland war das bis zur Scheidungsreform 1977 möglich: Die „Verweigerung des ehelichen Verkehrs“ war ein Scheidungsgrund, bei dem der enthaltsame Ehepartner die Schuld zu tragen hatte – etwa durch Zahlung von Unterhalt oder Verlust von Ansprüchen. Die Vorstellungen von Sexualität in der Ehe mögen sich gewandelt haben, doch noch heute beschreibt ein Gesetz den Beischlaf als eheliche Pflicht. „Die Eheschließung als in aller Regel Ausdruck der tiefen Zuneigung und Sympathie, die die Eheleute füreinander empfinden, schließt die ‘Verpflichtung’ der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein“, heißt in Paragraph 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. „Eine Leugnung dieser Rechtspflicht ist nicht gerechtfertigt.“

Kleines Problem: Die zitierte Formulierung „Die Eheschließung als in aller Regel Ausdruck der tiefen Zuneigung und Sympathie, die die Eheleute füreinander empfinden, schließt die ‘Verpflichtung’ der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein“ steht nicht in § 1353 des BGB, auch nicht in früheren Versionen des Gesetzes.

Und der einzige Treffer bei Google ist der „Spiegel Online“-Artikel:

Wir haben bei der Autorin nachgefragt, wo sie auf diese Formulierung gestoßen ist.

Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten, aber „Spiegel Online“ hat die Passage entfernt und den Artikel mit einem Hinweis versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, in Paragraf 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs stehe, die Eheschließung „schließt die Verpflichtung der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein“. Dies ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Wir wüssten allerdings immer noch gern, wo diese Passage herkam.

Mit Dank an Dennis.

Nachtrag, 20.35 Uhr: „Spiegel Online“ hat die Anmerkung um eine Quellenangabe ergänzt:

Die Passage stammt aus dem Erman-Kommentar zum BGB (2008).

Den Schuss nicht gehört

Als US-Präsident Barack Obama am Abend des 1. Mai 2011 vor die Weltpresse trat, um zu verkünden, dass das amerikanische Militär den Terroristenführer Osama bin Laden in Pakistan aufgetan und getötet habe, war in Deutschland gerade tiefste Nacht. Wahrscheinlich weiß noch jeder Mensch, wo er war, als er am Morgen die Nachricht hörte.

Es war 13.05 Uhr und damit eine deutlich zivilere Zeit, als Bild.de gestern eine Nachricht veröffentlichte, die eigentlich für ähnlichen Donnerhall in der Welt hätte sorgen müssen:

DIE LETZTEN MINUTEN DES TERROR-TEUFELS: Navy Seal enthüllt: Osama war schon tot, als wir kamen. DER ERSTE ELITE-SOLDAT PACKT AUS, ERKLÄRT WIE DER AL-QAIDA-CHEF SICH VERMUTLICH SELBST IN DEN KOPF GESCHOSSEN HATTE UND, DASS ER NICHT MAL AN VERTEIDIGUNG GEDACHT HATTE

Osama bin Laden, so Bild.de, habe „offenbar“ bzw. „vermutlich“ Selbstmord begangen. Bild.de zitierte das Internetmagazin „Huffington Post“, die ihrerseits aus einem Buch zitiert hatte, das von einem der Navy SEALs geschrieben wurde, der bei der Erstürmung von bin Ladens Residenz dabei gewesen war.

Bild.de erklärt:

Bin Laden habe bereits eine Kugel im Kopf gehabt als die Soldaten kamen, schreibt der Ex-Seal aus Alaska darin. Es sei ein Mythos, dass er den Soldaten noch in die Augen gesehen habe, bevor er starb.

„Wir waren weniger als fünf Schritte davon entfernt, oben anzukommen, als ich gedämpfte Schüsse hörte“, zitiert die Zeitung aus dem Buch. Und weiter: „Blut und Gehirn quollen aus der Seite seines Schädels.“ Bin Ladens Körper habe noch gezuckt, die Soldaten richteten ihre Laser auf seine Brust und feuerten mehrere Male ab.

Und fährt fort:

Und noch ein wichtiges Detail merkt er an: Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemand bei Bild.de stutzig werden können: bin Laden soll sich mit mehreren Kugeln erschossen haben? Das wäre durchaus außergewöhnlich.

Eigentlich hätte aber schon vorher jemandem auffallen müssen, dass im Originalartikel bei der „Huffington Post“ nichts darauf hindeutet, dass bin Laden Selbstmord begangen haben könnte.

Allerdings ist die Passage, die Bild.de übersetzt hat, auch ein bisschen uneindeutig:

As the SEALS ascended a narrow staircase, the team’s point man saw a man poke his head from a doorway, wrote a SEAL using the pseudonym Mark Owen (whose real identity has since been revealed by Fox News) in “No Easy Day,” a copy of which was obtained at a bookstore by The Huffington Post.

„We were less than five steps from getting to the top when I heard suppressed shots. BOP. BOP,“ writes Owen. „I couldn’t tell from my position if the rounds hit the target or not. The man disappeared into the dark room.“

Team members took their time entering the room, where they saw the women wailing over Bin Laden, who wore a white sleeveless T-shirt, loose tan pants and a tan tunic, according to the book.

Despite numerous reports that bin Laden had a weapon and resisted when Navy SEALs entered the room, he was unarmed, writes Owen. He had been fatally wounded before they had entered the room.

Der Soldat schreibt aber, dass bin Laden „unbewaffnet“ („unarmed“) gewesen sei, was einen Selbstmord durch Erschießen mindestens verkompliziert haben dürfte.

Die Nachrichtenagentur AP verstand diese Sätze dann auch gründlich anders als Bild.de:

Bissonnette schrieb, dass die SEALs bin Laden am oberen Ende eines abgedunkelten Flurs entdeckten und ihm in den Kopf schossen, obwohl sie nicht sehen konnten, ob er bewaffnet war. Regierungsbeamte hatten beschrieben, dass die SEALs erst auf bin Laden geschossen hätten, als dieser sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hätte, weil sie annahmen, er könnte nach einer Waffe greifen.

(Übersetzung von uns.)

Auch die deutschen Agenturen schrieben nichts von einem Selbstmord — weil offenkundig bisher niemand von einem Selbstmord gesprochen hatte.

Dann zog „Spiegel Online“ am späten Nachmittag nach:

Navy-Seals-Einsatz: Bin Laden soll sich angeblich selbst getötet haben

Auch „Spiegel Online“ beruft sich auf die „Huffington Post“ und leitet aus deren Artikel ab:

Bevor die US-Soldaten den Qaida-Chef erwischen konnten, hatte er sich dem Bericht zufolge selbst gerichtet.

Nein. In der Schilderung der „Huffington Post“ steht an keiner Stelle, dass sich bin Laden selbst erschossen habe. Schon um es aus den Schilderungen dort interpretieren zu können, muss man sich ziemliche Mühe geben.

Doch „Spiegel Online“ verfolgt diese Spur weiter — und wird dabei unfreiwillig komisch:

Die Erzählweise, Bin Laden habe sich selbst getötet, ist neu in der Reihe von Verschwörungstheorien und Geschichten, die zwischen den USA und Pakistan kursieren.

Die ganze Absurdität der von „Spiegel Online“ geschilderten Begebenheiten hat ein Leser in einem Kommentar so zusammengefasst:

Schenkt man dem Bericht Glauben, hat Bin Laden sich selbst mit einem Kopfschuss getötet, obwohl er unbewaffnet war, als man ihn fand, und eine Waffe auch erst später in seinem ordentlich aufgeräumten Zimmer gefunden werden konnte. Er scheint also trotz schwerster Kopfverletzungen noch ans Aufräumen gedacht zu haben.

Obwohl kein namhaftes Medium die Version einer Selbsttötung verbreitete, zog am späten Abend auch stern.de mit den beiden größten deutschen Onlinemedien nach:

Angeblicher Augenzeuge: Bin Laden soll sich selbst getötet haben

In der Interpretation von stern.de war bin Laden offenbar schon angeschossen, als die SEALs sein Haus stürmten:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nach Angaben des Weißen Hauses hatte sich Bin Laden bei der Erstürmung seines Hauses „widersetzt“ und sei darauf von US-Soldaten mit Schüssen in die Brust und in den Kopf getötet worden. Der Autor des Buches, das Anfang September auf den Markt kommen soll, schildert die Geschehnisse anders. „Blut und Gehirnmasse floss aus der Seite seines Schädels“, als sie Bin Laden entdeckten, heißt es laut der „Huffington Post“ in dem Buch „No Easy Day: The Firsthand Account of the Mission That Killed Osama bin Laden“ (Deutsch: Kein leichter Tag: Ein Bericht aus erster Hand über den Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde).

Unentwirrbar falsch ist die Geschichte bei focus.de, wo Leser unter anderem mit diesem Rätsel konfrontiert werden:

Der El Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden [...].

Die gedruckte „Bild“ fragt heute ein bisschen zurückhaltender auf Seite 2:

Die Redakteure von Deutschlands führenden Online-Medien (plus stern.de und „Focus Online“) werden sich wohl noch lange daran erinnern, wo sie waren, als sie Osama bin Laden sich selbst töten ließen.

Mit Dank an Dennis K., Frank M., Peter und Manuel W.

Hinweis/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir im ersten Absatz behauptet, „die US Army“ habe Osama bin Laden erschossen. Die Navy SEALs gehören (wie der Name schon sagt) aber zur US Navy.

Lost in Space

Nein, wir sind nicht heimlich zum Fachmagazin für Weltraumthemen geworden, aber offenbar sind Geschichten im Weltall für Journalisten noch komplizierter als auf der Erde.

Die neueste Geschichte hat mit dem Mars zu tun, mit Popmusik und begann bei „Spiegel Online“ so:

Der US-Rapper Willl.i.am hat seine neue Single vorgestellt – vom Mars aus. Der Nasa-Roboter „Curiosity“ sendete den Song „Reach for the Stars“ am Dienstag vom Roten Planeten auf die Erde. Es war die erste Musikübertragung von einem anderen Planeten. Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden – eine Reise von mehr als 1000 Milliarden Kilometern.

„1000 Milliarden Kilometer“ oder, wie man eher sagen würde „eine Billion Kilometer“, sind verdammt viel. Der Zwergplanet Pluto, vor seiner Herabstufung mal der abgelegenste Planet unseres Sonnensystems, ist auf dem sonnenfernsten Punkt seiner Umlaufbahn ca. 7,4 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt.

„1000 Milliarden Kilometer“ sind auch falsch. Die NASA spricht von „mehr als 700 Millionen Meilen (1,127 Milliarden Meilen Kilometern*) von der Erde bis zum Mars zurück“, die das Lied zurückgelegt habe. Die Nachrichtenagentur dapd, an der sich der „Spiegel Online“-Artikel orientiert, schreibt:

Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden – eine Reise von 1,126 Milliarden Kilometern.

Fragmente, die zwischenzeitlich bei Google zu finden waren, legen nahe, dass ein Kommentator „Spiegel Online“ auf diesen Fehler hingewiesen hat. Dieser Kommentar ist nirgendwo mehr zu finden, aber der Fehler wurde inzwischen korrigiert.

Im Artikel heißt es jetzt ganz unverfänglich:

Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden.

Hinweise auf die Korrektur oder zum Verbleib des Phantomkommentars gibt „Spiegel Online“ keine.

Mit Dank an Bene.

*) Hinweis/Korrektur, 18.20 Uhr: Uargh, da hat’s uns selbst erwischt: 700 Millionen Meilen entsprechen natürlich 1,127 Milliarden Kilometern.

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Falls Sie in den letzten Wochen zufällig mal kurz in der Nähe eines Frisiersalons, eines internetfähigen Elektronikgeräts oder eines Teenagers gestanden haben, wissen Sie es natürlich: Robert Pattinson und Kristen Stewart, das Traumpaar der “Twilight”-Saga, haben sich getrennt sollen sich getrennt haben (man weiß es nicht so genau, zumal die beiden offiziell nie zusammen waren).

Es gibt angenehmere Rahmenbedingungen, um einen neuen Film zu promoten, aber gestern ist Pattinson zum ersten Mal seitdem wieder im amerikanischen Fernsehen aufgetreten. In der „Daily Show“ empfing ihn Moderator Jon Stewart (nicht verwandt oder verschwägert mit Kristen) mit einem Becher Eiscreme und wollte mit ihm „wie Mädchen“ über die Geschichte plaudern. Beim Versuch, das Offensichtliche nicht zu thematisieren (oder eben doch), schwangen sich Stewart und Pattinson in immer neue Ironiesphären auf, bis nicht mehr ganz klar war, worum es eigentlich ging und was die beiden dazu zu sagen hatten.

Die Website des amerikanischen Klatschmagazins „People“ versuchte sich dennoch an einer Exegese:

A tense-appearing Pattinson begged off any talk of his recent problems. „My biggest problem is that I don’t have a publicist,“ he said. „I’m going to have to hire a publicist.“

But when Stewart noted that for young people going through a breakup sometimes feels like the end of the world, Pattinson answered, „It is.“

The audience then went „Awwwwwww.“

Stewart habe also gesagt, für junge Menschen fühle sich eine Trennung manchmal wie das Ende der Welt an, Pattinson habe dies bestätigt und das Publikum habe mitfühlende Laute geäußert.

Dann schauen wir uns diese herzzerreißende Szene (etwa ab 5:15 Minuten) doch mal an:

Stewart sagt:

Wenn man jung ist und sich trennt, ist es gewaltig und es fühlt sich an, als ob die Welt enden würde. Das ist das erste Mal, dass ich die Welt habe so reagieren sehen.

(Übersetzung von uns.)

Pattinson sagt: nichts.

Das Publikum lacht.

Hmmmm …

Wenn es eine zweite Fassung von Stewarts „end of the world“-Satz gegeben haben sollte, haben die TV-Zuschauer davon nichts mitbekommen.

Warum erzählen wir Ihnen das in einem Watchblog für deutsche Medien?

Weil deutsche Medien lieber aus amerikanischen Medien abschreiben, als sich den Ausschnitt der Sendung im Internet anzusehen.

Bunte.de schrieb also:

Er lud Pattinson ein, mit ihm einen Becher Eiscreme gegen seinen Liebeskummer zu löffeln. Dann wurde er ernster und sagt zu dem „Twilight“-Star: „Wenn du jung bist und dich trennst, fühlt sich das an, als sei es das Ende der Welt.“ Pattinson sagte laut „People“-Magazin daraufhin nur leise: „So ist es.“

Der Satz war aber der einzige, mit dem er Einblick in seine verwundete Seele gab.

Frank Siering, der sonst unter anderem für die „Bravo“ über die Entjungferung von Teenie-Stars spekuliert, berichtete aus Los Angeles für stern.de über die in New York City aufgezeichnete Sendung:

„Für viele junge Menschen, die eine Trennung durchleiden“, so der Talkshow-Gastgeber, „fühlt sich das oftmals so an wie das Ende der Welt“. Pattinson hörte ernsthaft zu und erwiderte kurz und knapp: „Ja, genauso ist es.“ Ehrlich, auf den Punkt, ohne Zusatz.

Das Publikum seufzte auf und applaudierte dem partnerlosen Vampir euphorisch und mitfühlend zu. Der bedankte sich mit einem sanften Kopfnicken.

„Spiegel Online“ vermeldete:

Stewart zeigte dann scheinbar Mitgefühl und bemerkte, wenn ihre Beziehung zerbreche, fühle es sich für junge Leute manchmal wie das Ende der Welt an. Pattinson antwortete: „Das IST es!“, und das Publikum regierte mit einem langgezogenen „Oooooh!“.

(Das wäre vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, noch mal kurz darüber nachzudenken, worum es hier eigentlich gerade geht. Gemacht? Gut. Weiter!)

Bei Bild.de war dann endgültig egal, wer was gesagt, nicht gesagt oder wie reagiert hatte:

Pattinson zappelte auf seinem Stuhl hin und her, seine Bewegungen wirkten fahrig. Fragen auf den Seitensprung wich er aus. „Ich bin fest entschlossen, nichts darüber zu sagen“, scherzte er auf die „Wie geht’s?“-Frage von Moderator Stewart, der ihn mit Eiscreme tröstete.

Irgendwann gab Pattinson zu, dass sich die Trennung wie das „Ende der Welt“ anfühle.

… womit die Welt immerhin ein bisschen länger durchgehalten hätte, als der Journalismus.

Mit Dank an Thomas T., Johannes und Fabian P.

Nachtrag, 16. August: „Spiegel Online“ hat den Artikel überarbeitet und mit folgender Anmerkung versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Dialog zwischen Jon Stewart und Robert Pattinson in der „Daily Show“ falsch wiedergegeben. Die Ausführungen beruhten auf der Darstellung der Online-Ausgabe des „People“-Magazins. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die übrigen hier zitierten Medien bleiben bei ihrer Darstellung.

Nicht alles, was hitler ist, ist verboten

Hasnain Kazim sitzt als Südasienkorrespondent für „Spiegel Online“ in Pakistan. Für die Serie „Mein Leben als Ausländer“, in der Korrespondenten über ihren Alltag im Ausland schreiben, berichtet er aus Islamabad:

Hitlers „Mein Kampf“ mit seinen kruden Ideen gibt es in jedem Buchladen und auf jedem Bücherbasar zu kaufen. Lesen können es die meisten nicht, in einem Land mit einer der höchsten Analphabetenraten der Welt. Die Händler wundern sich, wenn man ihnen erzählt, dass das Buch in Deutschland verboten ist. „Aber ich dachte, Deutschland sei eine Demokratie mit Meinungsfreiheit?“, sagte mir kürzlich einer. Wie führt man ein solches Gespräch?

Beim Führen eines solchen Gesprächs könnte es natürlich hilfreich sein, erst mal die Fakten auf die Kette zu kriegen: „Mein Kampf“ ist in Deutschland gar nicht verboten, worauf die Kommentatoren unter dem Artikel auch seit heute Mittag hinweisen.

Da Adolf Hitler bis zuletzt in München gemeldet war, ging sein Vermögen nach seinem Tod am 30. April 1945 an den Freistaat Bayern über – inklusive des Urheberrechts an „Mein Kampf“. Das bayrische Finanzministerium hat sich einer neuen Drucklegung des Textes bisher verweigert. Dieses Urheberrecht läuft am 31. Dezember 2015 aus, am Ende des 70. Jahres nach Hitlers Tod, danach ist das Buch gemeinfrei. Es gibt aber Pläne der bayrischen Landesregierung, das Werk dann in einer kommentierten Ausgabe als Schulbuch auf den Markt zu bringen. Nachzulesen ist das unter anderem auf „Spiegel Online“.

Mit Dank an Gerd P. und Martin.

Nachtrag, 12. September: „Spiegel Online“ hat den Artikel irgendwann in den letzten Wochen leicht angepasst.

Die Passage lautet nun:

Die Händler wundern sich, wenn man ihnen erzählt, dass der Nachdruck des Buches in Deutschland verboten ist. „Aber ich dachte, Deutschland sei eine Demokratie mit Meinungsfreiheit?“, sagte mir kürzlich einer. Wie führt man ein solches Gespräch?

Der erste Satz ist damit korrekt, steht aber in keinerlei Sinnzusammenhang zu den weiteren.

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