Wechseln will gelernt sein

Dies ist die Geschichte von Peter Müller ("Name geändert"). Seine private Krankenversicherung hatte die monatliche Prämie um 33 Prozent erhöht, er konnte den Monatsbeitrag von 550 Euro nicht mehr berappen. Dann lernte er Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen kennen:

Der 40-Jährige verkauft ebenfalls Krankenversicherungen. Er gehört aber nach Müllers Meinung zum Kreis derjenigen Branchenvertreter, die anders als etliche Kollegen ihr Gewissen nicht zugunsten des Girokontos geopfert haben.

Peter Müller ist leider kein Einzelfall: Auch Michael Firsching hatte Ärger mit seiner privaten Krankenversicherung, der DKV. Sein Monatsbeitrag war auf 600 Euro gestiegen, die DKV wollte ihm keinen Tarifwechsel gestatten. Firsching schaltet den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen ein:

Und der entdeckt gleich zwei DKV-Tarife, die Firschings Wünschen entsprechen und deutlich günstiger sind.

Dies ist aber auch die Geschichte von Michael Hogrefe ("Name geändert"). Er erfuhr, dass er bei seiner privaten Krankenversicherung, der Gothaer, ab Januar rund 100 Euro mehr zahlen soll, 1022 Euro statt bisher 921 Euro. Ende Oktober schaltete Hogrefe den Versicherungsmakler Javier Garcia ein:

Der soll für ihn nun einen günstigeren Tarif bei der Gothaer finden. Bei der Suche erfuhr der Makler, wie sich der Tarif seines Kunden entwickelt — und fand entsprechende Alternativen.

Im Grunde ist es also die Geschichte des Versicherungsmaklers Javier Garcia — und die von "Spiegel Online". Dreimal hat das Nachrichtenportal über Garcia berichtet, im November 2011, im Juni 2012 und jetzt am Dienstag. Jedes mal hatte sich Garcia in der scheinbar ausweglosen Situation eines privat Krankenversicherten als Retter in der Not erwiesen und beim dritten Mal verlinkte "Spiegel Online" sogar seine Website.

Wir haben ob dieser Häufung bei "Spiegel Online" nachgefragt, ob es einen besonderen Grund gebe, warum immer wieder Javier Garcia zu Wort komme, wenn es um private Krankenversicherungen geht. Chefredakteur Rüdiger Ditz erklärte uns, dass Herr Garcia die Autoren mit seinen Kunden in Kontakt bringe, die dann als Fallbeispiele für aktuelle Entwicklungen herangezogen werden können. Man werde sich aber in Zukunft bemühen, auch andere Ansprechpartner zu Wort kommen zu lassen.

Der Link auf Garcias Website gehe "gar nicht" und wurde gestern bereits entfernt.

Mit Dank an Klaus und Rolf.

Nachtrag, 15.03 Uhr: Unsere Leser haben etwas entdeckt, was uns selbst entgangen war: Schon im bzw. neben dem ersten Artikel über Garcia tauchte ein Link auf dessen Website auf:

Nach unserem Hinweis hat "Spiegel Online" auch diesen Link entfernt.

Nachtrag, 16. November: Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) hat noch ein anderes, grundsätzliches Problem mit Garcias Expertenrolle:

Nach Meinung des PKV-Verbands mache sich Spiegel-Online zum unkritischen Sprachrohr eines Maklers, der damit sein Geld verdient, Privatversicherte gegen Honorar in andere Tarife zu lotsen und womöglich durch die Verunsicherung der Kunden mit Hilfe einiger Medien eine steigende Nachfrage nach seiner Hilfe provozieren möchte.

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Wahrheit oder Pflicht?

Unsere Gesellschaft wäre ohne Sex nicht denkbar. Damit meinen wir gar nicht, dass die Menschheit ausstürbe, wenn sie sich nicht fortpflanzte, sondern: Artikelserien über "Nippelblitzer", Klickstrecken mit Playmates und versehentlich an die Öffentlichkeit geratene Privatfotos irgendwelcher Prominenter. Der Online-Journalismus wäre arm dran ohne diese Themen, die die schlichtesten Triebe ihrer Leser (-innen ja wohl eher weniger) ansprechen sollen.

Und doch gibt es Menschen, denen alles Sexuelle fremd ist. Die kein Bedürfnis haben, sich unscharfe Fotos von halbnackten Promibrüsten anzusehen, oder selbst sexuell aktiv zu werden. Diesem Thema Asexualität hat "Spiegel Online" heute einen Artikel gewidmet.

Darin diese Passage:

Auch in Deutschland war das bis zur Scheidungsreform 1977 möglich: Die "Verweigerung des ehelichen Verkehrs" war ein Scheidungsgrund, bei dem der enthaltsame Ehepartner die Schuld zu tragen hatte — etwa durch Zahlung von Unterhalt oder Verlust von Ansprüchen. Die Vorstellungen von Sexualität in der Ehe mögen sich gewandelt haben, doch noch heute beschreibt ein Gesetz den Beischlaf als eheliche Pflicht. "Die Eheschließung als in aller Regel Ausdruck der tiefen Zuneigung und Sympathie, die die Eheleute füreinander empfinden, schließt die 'Verpflichtung' der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein", heißt in Paragraph 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. "Eine Leugnung dieser Rechtspflicht ist nicht gerechtfertigt."

Kleines Problem: Die zitierte Formulierung "Die Eheschließung als in aller Regel Ausdruck der tiefen Zuneigung und Sympathie, die die Eheleute füreinander empfinden, schließt die 'Verpflichtung' der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein" steht nicht in § 1353 des BGB, auch nicht in früheren Versionen des Gesetzes.

Und der einzige Treffer bei Google ist der "Spiegel Online"-Artikel:

Wir haben bei der Autorin nachgefragt, wo sie auf diese Formulierung gestoßen ist.

Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten, aber "Spiegel Online" hat die Passage entfernt und den Artikel mit einem Hinweis versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, in Paragraf 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs stehe, die Eheschließung "schließt die Verpflichtung der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (…) ein". Dies ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Wir wüssten allerdings immer noch gern, wo diese Passage herkam.

Mit Dank an Dennis.

Nachtrag, 20.35 Uhr: "Spiegel Online" hat die Anmerkung um eine Quellenangabe ergänzt:

Die Passage stammt aus dem Erman-Kommentar zum BGB (2008).

Den Schuss nicht gehört

Als US-Präsident Barack Obama am Abend des 1. Mai 2011 vor die Weltpresse trat, um zu verkünden, dass das amerikanische Militär den Terroristenführer Osama bin Laden in Pakistan aufgetan und getötet habe, war in Deutschland gerade tiefste Nacht. Wahrscheinlich weiß noch jeder Mensch, wo er war, als er am Morgen die Nachricht hörte.

Es war 13.05 Uhr und damit eine deutlich zivilere Zeit, als Bild.de gestern eine Nachricht veröffentlichte, die eigentlich für ähnlichen Donnerhall in der Welt hätte sorgen müssen:

DIE LETZTEN MINUTEN DES TERROR-TEUFELS: Navy Seal enthüllt: Osama war schon tot, als wir kamen. DER ERSTE ELITE-SOLDAT PACKT AUS, ERKLÄRT WIE DER AL-QAIDA-CHEF SICH VERMUTLICH SELBST IN DEN KOPF GESCHOSSEN HATTE UND, DASS ER NICHT MAL AN VERTEIDIGUNG GEDACHT HATTE

Osama bin Laden, so Bild.de, habe "offenbar" bzw. "vermutlich" Selbstmord begangen. Bild.de zitierte das Internetmagazin "Huffington Post", die ihrerseits aus einem Buch zitiert hatte, das von einem der Navy SEALs geschrieben wurde, der bei der Erstürmung von bin Ladens Residenz dabei gewesen war.

Bild.de erklärt:

Bin Laden habe bereits eine Kugel im Kopf gehabt als die Soldaten kamen, schreibt der Ex-Seal aus Alaska darin. Es sei ein Mythos, dass er den Soldaten noch in die Augen gesehen habe, bevor er starb.

"Wir waren weniger als fünf Schritte davon entfernt, oben anzukommen, als ich gedämpfte Schüsse hörte", zitiert die Zeitung aus dem Buch. Und weiter: "Blut und Gehirn quollen aus der Seite seines Schädels." Bin Ladens Körper habe noch gezuckt, die Soldaten richteten ihre Laser auf seine Brust und feuerten mehrere Male ab.

Und fährt fort:

Und noch ein wichtiges Detail merkt er an: Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemand bei Bild.de stutzig werden können: bin Laden soll sich mit mehreren Kugeln erschossen haben? Das wäre durchaus außergewöhnlich.

Eigentlich hätte aber schon vorher jemandem auffallen müssen, dass im Originalartikel bei der "Huffington Post" nichts darauf hindeutet, dass bin Laden Selbstmord begangen haben könnte.

Allerdings ist die Passage, die Bild.de übersetzt hat, auch ein bisschen uneindeutig:

As the SEALS ascended a narrow staircase, the team's point man saw a man poke his head from a doorway, wrote a SEAL using the pseudonym Mark Owen (whose real identity has since been revealed by Fox News) in “No Easy Day,” a copy of which was obtained at a bookstore by The Huffington Post.

"We were less than five steps from getting to the top when I heard suppressed shots. BOP. BOP," writes Owen. "I couldn't tell from my position if the rounds hit the target or not. The man disappeared into the dark room."

Team members took their time entering the room, where they saw the women wailing over Bin Laden, who wore a white sleeveless T-shirt, loose tan pants and a tan tunic, according to the book.

Despite numerous reports that bin Laden had a weapon and resisted when Navy SEALs entered the room, he was unarmed, writes Owen. He had been fatally wounded before they had entered the room.

Der Soldat schreibt aber, dass bin Laden "unbewaffnet" ("unarmed") gewesen sei, was einen Selbstmord durch Erschießen mindestens verkompliziert haben dürfte.

Die Nachrichtenagentur AP verstand diese Sätze dann auch gründlich anders als Bild.de:

Bissonnette schrieb, dass die SEALs bin Laden am oberen Ende eines abgedunkelten Flurs entdeckten und ihm in den Kopf schossen, obwohl sie nicht sehen konnten, ob er bewaffnet war. Regierungsbeamte hatten beschrieben, dass die SEALs erst auf bin Laden geschossen hätten, als dieser sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hätte, weil sie annahmen, er könnte nach einer Waffe greifen.

(Übersetzung von uns.)

Auch die deutschen Agenturen schrieben nichts von einem Selbstmord — weil offenkundig bisher niemand von einem Selbstmord gesprochen hatte.

Dann zog "Spiegel Online" am späten Nachmittag nach:

Navy-Seals-Einsatz: Bin Laden soll sich angeblich selbst getötet haben

Auch "Spiegel Online" beruft sich auf die "Huffington Post" und leitet aus deren Artikel ab:

Bevor die US-Soldaten den Qaida-Chef erwischen konnten, hatte er sich dem Bericht zufolge selbst gerichtet.

Nein. In der Schilderung der "Huffington Post" steht an keiner Stelle, dass sich bin Laden selbst erschossen habe. Schon um es aus den Schilderungen dort interpretieren zu können, muss man sich ziemliche Mühe geben.

Doch "Spiegel Online" verfolgt diese Spur weiter — und wird dabei unfreiwillig komisch:

Die Erzählweise, Bin Laden habe sich selbst getötet, ist neu in der Reihe von Verschwörungstheorien und Geschichten, die zwischen den USA und Pakistan kursieren.

Die ganze Absurdität der von "Spiegel Online" geschilderten Begebenheiten hat ein Leser in einem Kommentar so zusammengefasst:

Schenkt man dem Bericht Glauben, hat Bin Laden sich selbst mit einem Kopfschuss getötet, obwohl er unbewaffnet war, als man ihn fand, und eine Waffe auch erst später in seinem ordentlich aufgeräumten Zimmer gefunden werden konnte. Er scheint also trotz schwerster Kopfverletzungen noch ans Aufräumen gedacht zu haben.

Obwohl kein namhaftes Medium die Version einer Selbsttötung verbreitete, zog am späten Abend auch stern.de mit den beiden größten deutschen Onlinemedien nach:

Angeblicher Augenzeuge: Bin Laden soll sich selbst getötet haben

In der Interpretation von stern.de war bin Laden offenbar schon angeschossen, als die SEALs sein Haus stürmten:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal "Huffington Post" in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nach Angaben des Weißen Hauses hatte sich Bin Laden bei der Erstürmung seines Hauses "widersetzt" und sei darauf von US-Soldaten mit Schüssen in die Brust und in den Kopf getötet worden. Der Autor des Buches, das Anfang September auf den Markt kommen soll, schildert die Geschehnisse anders. "Blut und Gehirnmasse floss aus der Seite seines Schädels", als sie Bin Laden entdeckten, heißt es laut der "Huffington Post" in dem Buch "No Easy Day: The Firsthand Account of the Mission That Killed Osama bin Laden" (Deutsch: Kein leichter Tag: Ein Bericht aus erster Hand über den Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde).

Unentwirrbar falsch ist die Geschichte bei focus.de, wo Leser unter anderem mit diesem Rätsel konfrontiert werden:

Der El Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden […].

Die gedruckte "Bild" fragt heute ein bisschen zurückhaltender auf Seite 2:

Die Redakteure von Deutschlands führenden Online-Medien (plus stern.de und "Focus Online") werden sich wohl noch lange daran erinnern, wo sie waren, als sie Osama bin Laden sich selbst töten ließen.

Mit Dank an Dennis K., Frank M., Peter und Manuel W.

Hinweis/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir im ersten Absatz behauptet, "die US Army" habe Osama bin Laden erschossen. Die Navy SEALs gehören (wie der Name schon sagt) aber zur US Navy.

Lost in Space

Nein, wir sind nicht heimlich zum Fachmagazin für Weltraumthemen geworden, aber offenbar sind Geschichten im Weltall für Journalisten noch komplizierter als auf der Erde.

Die neueste Geschichte hat mit dem Mars zu tun, mit Popmusik und begann bei "Spiegel Online" so:

Der US-Rapper Willl.i.am hat seine neue Single vorgestellt — vom Mars aus. Der Nasa-Roboter "Curiosity" sendete den Song "Reach for the Stars" am Dienstag vom Roten Planeten auf die Erde. Es war die erste Musikübertragung von einem anderen Planeten. Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden — eine Reise von mehr als 1000 Milliarden Kilometern.

"1000 Milliarden Kilometer" oder, wie man eher sagen würde "eine Billion Kilometer", sind verdammt viel. Der Zwergplanet Pluto, vor seiner Herabstufung mal der abgelegenste Planet unseres Sonnensystems, ist auf dem sonnenfernsten Punkt seiner Umlaufbahn ca. 7,4 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt.

"1000 Milliarden Kilometer" sind auch falsch. Die NASA spricht von "mehr als 700 Millionen Meilen (1,127 Milliarden Meilen Kilometern*) von der Erde bis zum Mars zurück", die das Lied zurückgelegt habe. Die Nachrichtenagentur dapd, an der sich der "Spiegel Online"-Artikel orientiert, schreibt:

Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden — eine Reise von 1,126 Milliarden Kilometern.

Fragmente, die zwischenzeitlich bei Google zu finden waren, legen nahe, dass ein Kommentator "Spiegel Online" auf diesen Fehler hingewiesen hat. Dieser Kommentar ist nirgendwo mehr zu finden, aber der Fehler wurde inzwischen korrigiert.

Im Artikel heißt es jetzt ganz unverfänglich:

Das Lied war zu dem Mars-Roboter hochgeladen und von dort zurückgespielt worden.

Hinweise auf die Korrektur oder zum Verbleib des Phantomkommentars gibt "Spiegel Online" keine.

Mit Dank an Bene.

*) Hinweis/Korrektur, 18.20 Uhr: Uargh, da hat's uns selbst erwischt: 700 Millionen Meilen entsprechen natürlich 1,127 Milliarden Kilometern.

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Falls Sie in den letzten Wochen zufällig mal kurz in der Nähe eines Frisiersalons, eines internetfähigen Elektronikgeräts oder eines Teenagers gestanden haben, wissen Sie es natürlich: Robert Pattinson und Kristen Stewart, das Traumpaar der “Twilight”-Saga, haben sich getrennt sollen sich getrennt haben (man weiß es nicht so genau, zumal die beiden offiziell nie zusammen waren).

Es gibt angenehmere Rahmenbedingungen, um einen neuen Film zu promoten, aber gestern ist Pattinson zum ersten Mal seitdem wieder im amerikanischen Fernsehen aufgetreten. In der "Daily Show" empfing ihn Moderator Jon Stewart (nicht verwandt oder verschwägert mit Kristen) mit einem Becher Eiscreme und wollte mit ihm "wie Mädchen" über die Geschichte plaudern. Beim Versuch, das Offensichtliche nicht zu thematisieren (oder eben doch), schwangen sich Stewart und Pattinson in immer neue Ironiesphären auf, bis nicht mehr ganz klar war, worum es eigentlich ging und was die beiden dazu zu sagen hatten.

Die Website des amerikanischen Klatschmagazins "People" versuchte sich dennoch an einer Exegese:

A tense-appearing Pattinson begged off any talk of his recent problems. "My biggest problem is that I don't have a publicist," he said. "I'm going to have to hire a publicist."

But when Stewart noted that for young people going through a breakup sometimes feels like the end of the world, Pattinson answered, "It is."

The audience then went "Awwwwwww."

Stewart habe also gesagt, für junge Menschen fühle sich eine Trennung manchmal wie das Ende der Welt an, Pattinson habe dies bestätigt und das Publikum habe mitfühlende Laute geäußert.

Dann schauen wir uns diese herzzerreißende Szene (etwa ab 5:15 Minuten) doch mal an:

Stewart sagt:

Wenn man jung ist und sich trennt, ist es gewaltig und es fühlt sich an, als ob die Welt enden würde. Das ist das erste Mal, dass ich die Welt habe so reagieren sehen.

(Übersetzung von uns.)

Pattinson sagt: nichts.

Das Publikum lacht.

Hmmmm …

Wenn es eine zweite Fassung von Stewarts "end of the world"-Satz gegeben haben sollte, haben die TV-Zuschauer davon nichts mitbekommen.

Warum erzählen wir Ihnen das in einem Watchblog für deutsche Medien?

Weil deutsche Medien lieber aus amerikanischen Medien abschreiben, als sich den Ausschnitt der Sendung im Internet anzusehen.

Bunte.de schrieb also:

Er lud Pattinson ein, mit ihm einen Becher Eiscreme gegen seinen Liebeskummer zu löffeln. Dann wurde er ernster und sagt zu dem "Twilight"-Star: "Wenn du jung bist und dich trennst, fühlt sich das an, als sei es das Ende der Welt." Pattinson sagte laut "People"-Magazin daraufhin nur leise: "So ist es."

Der Satz war aber der einzige, mit dem er Einblick in seine verwundete Seele gab.

Frank Siering, der sonst unter anderem für die "Bravo" über die Entjungferung von Teenie-Stars spekuliert, berichtete aus Los Angeles für stern.de über die in New York City aufgezeichnete Sendung:

"Für viele junge Menschen, die eine Trennung durchleiden", so der Talkshow-Gastgeber, "fühlt sich das oftmals so an wie das Ende der Welt". Pattinson hörte ernsthaft zu und erwiderte kurz und knapp: "Ja, genauso ist es." Ehrlich, auf den Punkt, ohne Zusatz.

Das Publikum seufzte auf und applaudierte dem partnerlosen Vampir euphorisch und mitfühlend zu. Der bedankte sich mit einem sanften Kopfnicken.

"Spiegel Online" vermeldete:

Stewart zeigte dann scheinbar Mitgefühl und bemerkte, wenn ihre Beziehung zerbreche, fühle es sich für junge Leute manchmal wie das Ende der Welt an. Pattinson antwortete: "Das IST es!", und das Publikum regierte mit einem langgezogenen "Oooooh!".

(Das wäre vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, noch mal kurz darüber nachzudenken, worum es hier eigentlich gerade geht. Gemacht? Gut. Weiter!)

Bei Bild.de war dann endgültig egal, wer was gesagt, nicht gesagt oder wie reagiert hatte:

Pattinson zappelte auf seinem Stuhl hin und her, seine Bewegungen wirkten fahrig. Fragen auf den Seitensprung wich er aus. "Ich bin fest entschlossen, nichts darüber zu sagen", scherzte er auf die "Wie geht's?"-Frage von Moderator Stewart, der ihn mit Eiscreme tröstete.

Irgendwann gab Pattinson zu, dass sich die Trennung wie das "Ende der Welt" anfühle.

… womit die Welt immerhin ein bisschen länger durchgehalten hätte, als der Journalismus.

Mit Dank an Thomas T., Johannes und Fabian P.

Nachtrag, 16. August: "Spiegel Online" hat den Artikel überarbeitet und mit folgender Anmerkung versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Dialog zwischen Jon Stewart und Robert Pattinson in der "Daily Show" falsch wiedergegeben. Die Ausführungen beruhten auf der Darstellung der Online-Ausgabe des "People"-Magazins. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die übrigen hier zitierten Medien bleiben bei ihrer Darstellung.

Nicht alles, was hitler ist, ist verboten

Hasnain Kazim sitzt als Südasienkorrespondent für "Spiegel Online" in Pakistan. Für die Serie "Mein Leben als Ausländer", in der Korrespondenten über ihren Alltag im Ausland schreiben, berichtet er aus Islamabad:

Hitlers "Mein Kampf" mit seinen kruden Ideen gibt es in jedem Buchladen und auf jedem Bücherbasar zu kaufen. Lesen können es die meisten nicht, in einem Land mit einer der höchsten Analphabetenraten der Welt. Die Händler wundern sich, wenn man ihnen erzählt, dass das Buch in Deutschland verboten ist. "Aber ich dachte, Deutschland sei eine Demokratie mit Meinungsfreiheit?", sagte mir kürzlich einer. Wie führt man ein solches Gespräch?

Beim Führen eines solchen Gesprächs könnte es natürlich hilfreich sein, erst mal die Fakten auf die Kette zu kriegen: "Mein Kampf" ist in Deutschland gar nicht verboten, worauf die Kommentatoren unter dem Artikel auch seit heute Mittag hinweisen.

Da Adolf Hitler bis zuletzt in München gemeldet war, ging sein Vermögen nach seinem Tod am 30. April 1945 an den Freistaat Bayern über — inklusive des Urheberrechts an "Mein Kampf". Das bayrische Finanzministerium hat sich einer neuen Drucklegung des Textes bisher verweigert. Dieses Urheberrecht läuft am 31. Dezember 2015 aus, am Ende des 70. Jahres nach Hitlers Tod, danach ist das Buch gemeinfrei. Es gibt aber Pläne der bayrischen Landesregierung, das Werk dann in einer kommentierten Ausgabe als Schulbuch auf den Markt zu bringen. Nachzulesen ist das unter anderem auf "Spiegel Online".

Mit Dank an Gerd P. und Martin.

Nachtrag, 12. September: "Spiegel Online" hat den Artikel irgendwann in den letzten Wochen leicht angepasst.

Die Passage lautet nun:

Die Händler wundern sich, wenn man ihnen erzählt, dass der Nachdruck des Buches in Deutschland verboten ist. "Aber ich dachte, Deutschland sei eine Demokratie mit Meinungsfreiheit?", sagte mir kürzlich einer. Wie führt man ein solches Gespräch?

Der erste Satz ist damit korrekt, steht aber in keinerlei Sinnzusammenhang zu den weiteren.

Man macht sich ja kein Bild

Beim Satiremagazin "Titanic" gehört es gewissermaßen zur Tradition, sich auf dem Titelbild mit der Kirche und dem Papst zu beschäftigen. Da wird das Kirchenoberhaupt dann auch mal für schwanger erklärt, mal trägt der Papst einen Bin-Laden-Bart oder wird in äußerst zweideutiger Stellung mit einem Schaf gezeigt. Doch so sehr sich die Satiriker auch bemühten: An der Öffentlichkeit gingen ihre Papst-Witze in den letzten Jahren meist vorüber, ohne für großes Aufsehen zu sorgen. Auch die deutschen Journalisten schauten dem fröhlichen Treiben der "Titanic" meist kommentarlos zu, ohne irgendwelche Bedenken oder gar Widerspruch anzumelden.

Beim aktuellen "Titanic"-Titelbild wäre es wahrscheinlich nicht anders gewesen. Vermutlich wäre es irgendwann in den Archiven des Magazins verschwunden, ohne dass sich jemand, erst recht kein Journalist, öffentlich dazu geäußerst hätte.

Zunächst sah es auch ganz danach aus — immerhin lag das Heft nach Erscheinen fast zwei Wochen lang am Kiosk, ohne dass jemand Anstoß daran nahm. Seit etwa einer Woche aber interessiert sich der Großteil der deutschen Medien plötzlich doch für die "Titanic" und ihr Titelbild. Nicht, weil sich die Satiriker diesmal besonders weit aus dem Fenster gelehnt hätten — nein, der Grund für das plötzliche Interesse der Medien war der Gang des Papstes zur irdischen Gerichtsbarkeit:

Umstrittenes Titelbild: Papst erzwingt einstweilige Verfügung gegen Satireblatt Titanic

Das Blatt darf das katholische Kirchenoberhaupt nicht mehr — wie in der aktuellen Ausgabe — mit einem großen gelben Fleck vorne und einem braunen Fleck hinten auf der Soutane auf Titelbild und Rückseite zeigen, wie eine Sprecherin des Landgericht Hamburg am Dienstag sagte. Titanic dürfe unter Androhung eines Zwangsgeldes die Hefte nicht weiter verbreiten und die Bilder nicht im Internet veröffentlichen. Allerdings müssten die bereits an den Handel verschickten Ausgaben nicht zurückgerufen werden.

Anlass der Unterlassungsklage ist das aktuelle Titelbild "Halleluja im Vatikan — Die undichte Stelle ist gefunden!". Wegen "Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte" habe Erzbischof Angelo Becciu im Namen von Benedikt XVI. eine Bonner Kanzlei mit der Durchsetzung der Unterlassung beauftragt, so Titanic.

Nachdem der Papst seine Anwälte eingeschaltet hatte, meldeten sich plötzlich auch jene Journalisten empört zu Wort, die sich an Titelbildern wie "Gott im Glück: der Papst ist schwanger" oder "Abwrackprämie sichern: Altpapst verschrotten" bislang offenbar nie gestört hatten.

Franz Josef Wagner, Fachmann für Harndrang, polterte am Donnerstag in einem Brief an die "Idioten von der Titanic" drauf los:

Ich frage mich, ob Ihr Humorhelden jemals einen sich besudelnden Propheten Mohammed auf den Titel gebracht hättet.

Ihr habt es nicht gemacht, weil Euer Arsch auf Grundeis ging. Scharia, Todesdrohungen. Euer Redaktionsgebäude würde belagert von Demonstranten. Fahnen würden brennen.

Ihr tapferen Humorhelden von Titanic. Mit dem Papst könnt Ihr alles machen. Er schickt keine Todesschwadronen. Er setzt kein Kopfgeld auf den Chefredakteur aus. Der Papst klagte gegen seine beschmutzten Bilder.

Auch "Spiegel Online"-Kolumnist Jan Fleischhauer kann sich mit den "Furzkissenwitzen" der "Titanic" mal so gar nicht anfreunden. Er macht folgenden Vorschlag:

Ich bin nicht katholisch genug, um mir wie Mosebach eine strengere Verfolgung der Blasphemie zurückzuwünschen. Aber wenn man als aufmüpfig gelten will, dann sollte man dabei einen Einsatz wagen — da hat er recht, wie ich finde. Wie wäre es also, liebe "Titanic"-Redaktion, beim nächsten Mal mit einer ordentlichen Mohammed-Karikatur? Vielleicht zum Anfang ein Bild des Propheten mit verschütteter Cola überm Rauschebart.

Dann müsstet ihr in eurem fidelen Studentenbuden-Gejuxe mal ausnahmsweise unter Beweis stellen, dass es euch wirklich ernst ist mit dem Einsatz für den Freiraum der Satire. Das könnte lustig werden. Echt.

(Link von uns.)

Das Argument, mit dem Islam hätte sich die "Titanic" so etwas bestimmt nicht getraut, wird nicht nur von Wagner und Fleischhauer angeführt, auch viele andere Kritiker (etwa "Bild"-Chef Kai Diekmann) benutzen es gerne, um der "Titanic" vorzuwerfen, dass sie ja eigentlich ziemlich feige sei.

Man kann von dem "Titanic"-Titelbild ja halten, was man will — doch dieses Argument zieht nicht so recht. Wer so argumentiert, geht davon aus, Muslime würden, sobald sich jemand dem Islam auf humoristische oder satirische Weise annähert, quasi ganz automatisch "Todesschwadronen" losschicken, Morddrohungen aussprechen und Fahnen verbrennen. Die Wirklichkeit sieht hingegen meist deutlich entspannter aus, als es sich Herr Wagner und Herr Fleischhauer vorstellen mögen.

In einem Interview berichtete "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer kürzlich zum Beispiel über den "Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb", den die "Titanic" 2008 für die Frankfurter Buchmesse geplant hatte:

Das Interessante in diesem Zusammenhang war, dass wir von deutschen Muslimen überhaupt keine Reaktionen erhalten haben. Es gab allerdings eine Vielzahl von Christen und Deutschen ohne Migrationshintergrund, die uns beschimpften und sich empörten. Von Morddrohungen und Gewaltaufrufen seitens Muslimen waren wir himmelweit entfernt. Ich erinnere mich lediglich an einen einzigen Leserbrief, in dem ein Muslim seine Trauer und sein Unverständnis über die Namensgebung der Lesung zum Ausdruck brachte. Ein islamischer Kulturverein hat uns sogar angeboten, als alternativer Veranstaltungsort dieses Wettbewerbs zu fungieren.

Und davon mal abgesehen: Dass die "Titanic" sich nicht traue, auch mal den Islam durch den Kakao zu ziehen, ist als Argument mindestens ebenso haltlos. Mit ein bisschen Recherche hätten Herr Wagner und Herr Fleischhauer das aber auch selbst herausfinden können.

Siehe dazu auch:

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Sehen alle gleich aus (5)

Der FC Chelsea ist nach einem Sieg (letzten Mittwoch) und einem Unentschieden (gestern) gegen den FC Barcelona ins Finale der Champions League eingezogen. Das würde gebührend gefeiert.

Aber wer feiert da eigentlich?

Umso größer war die Freude bei Fernando Torres und Didier Drogba.

Laut "Spiegel Online" zeigt dieses Bild "Fernando Torres und Didier Drogba".

Sehen alle gleich aus

Das ist schon insofern unwahrscheinlich, als der spätere Torschütze Torres für Drogba eingewechselt wurde — und Drogba dann sicher nicht bis zum Abpfiff im Trikot ohne Jacke rumlaufen würde. Auch hat Drogba eine ganz andere Frisur.

Und so zeigt das Foto dann auch Ramires, den zweiten Chelsea-Torschützen des Abends — gut zu erkennen an seinem Tattoo auf dem linken Unterarm.

Mit Dank an Christian S.

Nachtrag, 14.02 Uhr: "Spiegel Online" hat die Bildunterschrift geradezu vorbildlich korrigiert:

Umso größer war die Freude bei den Torschützen Fernando Torres und Ramires (und nicht, wie zuvor fälschlicherweise geschrieben: Didier Drogba).

Uns wiederum haben ein paar Leser darauf hingewiesen, dass Didier Drogba tatsächlich auch nach dem Abpfiff noch im Trikot rumgelaufen ist — womit aber immer noch Haare, Tattoo und Gesicht zur Unterscheidung von Ramires bleiben.

Negatives emotionales Potential aus der Kindheit

Frage: 374 Studentinnen und Studenten (im Folgenden: "Studenten") besuchen im Wintersemester die Mathematik-Vorlesung für Lehramtsstudenten an der Universität zu Köln. 305 von ihnen treten zur Abschlussklausur an, doch nur 22 bestehen diese. An der Nachklausur nehmen 242 Studenten teil, von denen 79 bestehen. 6 weitere Studenten melden sich krank und dürfen eine weitere Nachklausur schreiben. Wie hoch ist die Durchfallquote der Vorlesung?

Boah, okay, das ist fies. Zählen die 69 Studenten, die zur Prüfung zugelassen waren, aber gar nicht erschienen sind, mit? Ich sag mal nein. Wer nicht antritt, kann ja weder bestehen noch durchfallen.

Rechnung: (22+79) / 305 * 100 = 33,1147541
100 — 33,1147541 = 66,8852459

Ach, verdammt, da sind ja noch die Krankmeldungen. Da weiß ich gar nicht, wie viele von denen bestehen. Bei meiner Rechnung ja null. Und wenn alle sechs bestehen …

Rechnung 2: (22+79+6) / 305 * 100 = 35,0819672
100 — 35,0819672 = 64,9180328

Antwort: Die Durchfallquote liegt zwischen 64,9 und 66,9 %.

Oh, Mist. Oder hätte ich die 79 Leute aus der Nachklausur in Relation zu den 242 setzen müssen, die dazu überhaupt nur erschienen sind? Ach nee, die anderen sind ja auf jeden Fall durchgefallen. Oder? Verdammt, warum hab ich mich nur für Mathe als Nebenfach entschieden?

Was Studenten an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen kann, ist für "Spiegel Online" kein Problem: Die Hochschulredakteure dort setzen einfach die 22 Studenten, die im ersten Anlauf bestanden haben, ins Verhältnis zu den 374 Studenten, die für die Klausur zugelassen waren, und kommen so auf eine noch viel beeindruckendere Zahl:

Proteste nach harter Mathe-Klausur: Durchfallquote 94 Prozent

"Spiegel Online" schließt sich damit der Lesart von "Kölner Stadtanzeiger", "WAZ" und WDR 5 an, die in den letzten Wochen und Monaten über den Fall berichtet hatten.

Das Seminar für Mathematik und ihre Didaktik der Uni Köln hatte sich schon vor Erscheinen des "Spiegel Online"-Artikels in einer ausführlichen Stellungnahme (PDF) zu den Vorwürfen der Studenten geäußert.

Neben Einlassungen zur Zahl der bestandenen Klausuren ("Damit werden am Ende der Veranstaltung 101 bis 107 diesen Modul bestanden haben") gibt es einen ziemlich langen Teil zur Presseresonanz:

Die Skandalisierung eines solchen Ereignisses nimmt für uns eine neue Qualität an, wie sie uns bislang nur von englischen Kollegen berichtet wurde. […]

Unerträglich ist es für uns jedoch zu lesen, wenn Studierende, Journalisten, Leserbriefschreiber, Blogger und andere – meist ohne Kenntnis der Hintergründe – denken, den Grund für den Ausgang der Klausur in der Person der Dozentin ausgemacht zu haben. Sie schädigen den Ruf einer ausgewiesenen Dozentin. Seit dem Bekanntwerden des Klausurergebnisses wurde die Dozentin in der Öffentlichkeit persönlich angegriffen. […] Eine Teilnehmerin der Vorlesung schrieb am 29.02.2012 in einem Leserbrief: "Wie kann es sein, dass eine Professorin lehrt, die anscheinend keinerlei Interesse an den Studenten beziehungsweise ihren Zielen hat?". Von ihr hat die Dozentin sieben E-Mails mit Mathematikfragen erhalten, die sie alle nachweisbar freundlich und sachlich beantwortet hat. Sie hat auch einige unfreundliche und sogar grob beleidigende E-Mails von Studierenden erhalten. Diese hat sie noch am selben Tag oder in einem Fall am folgenden Tag ausführlich beantwortet. Dies alles kann belegt werden. Diese Studierenden haben sich bis heute nicht von ihrer Aussage in der Zeitung distanziert, noch dafür entschuldigt.

Auch von Journalisten wurde ihr unterstellt, Dinge gesagt zu haben wie "Ihr habt nicht mal das Niveau einer fünften Klasse." (Stadt-Anzeiger) oder dass sie die Studierenden für 'zu blöd' halte und ihnen 'ein beschränktes Denken' (WAZ) unterstelle. Diese angeblichen Zitate passen nicht zu ihrem nachweisbar großen Engagement. Wenn sie dieser Haltung wäre, würde sie nicht bis 21 Uhr freiwillig und unbezahlt Tutorien anbieten, um die aus der Schule mitgebrachten Defizite zu bearbeiten. Dass es diese Defizite gibt, hat sie allerdings sehr wohl angesprochen. Studierende, die behaupten, die Hilfe der Dozentin nicht in Anspruch genommen zu haben, weil sie sich eingeschüchtert fühlten, haben auch die Sprechstunden der Mitarbeiter und Hilfskräfte nicht besucht. Selbst in seriösen Medien (WDR 5, Deutschlandfunk) finden sich falsche oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Der dortige Verweis auf den kulturellen Hintergrund der Dozentin ('Was sie hier verlange entspräche dem Niveau der neunten Klasse in ihrer Heimat Rumänien, meinte sie gegenüber den Studierenden in ihrer Vorlesung.') stimmt in Anbetracht der ausgiebigen Erfahrungen der Dozentin an deutschen Universitäten und ihrer perfekten Beherrschung der deutschen Sprache nachdenklich.

Die Dozentin dieser Vorlesung hat sich weit über das von ihr geforderte Maß eingesetzt. […] Die E-mail Korrespondenz mit den Studierenden ist nachweisbar freundlich und auf die Sache bezogen – selbst dann noch, wenn sie mit frustrierten, polemischen Äußerungen von Studierenden konfrontiert wurde. […]

Die vielen Beschimpfungen der Dozentin durch Menschen, die sie gar nicht kennen, können wir uns vor allem nur durch das negative emotionale Potential erklären, dass Mathematikunterricht in Deutschland bei vielen Menschen in ihrer Kindheit erzeugt haben muss. Aber genau hier können wir nur mit mathematisch kompetenten Lehrerinnen und Lehrern Abhilfe schaffen.

Mit Dank an Thomas F.

Olivers Reisen

Es ist nicht ohne Fallstricke, das Geschäft, aus irgendwelchen oft viertelseriösen Quellen Klatschnachrichten abzuschreiben und durch freie Improvisation daraus so etwas wie eine eigene Meldung zu machen.

Das Panorama-Ressort von "Spiegel Online" ist voll solcher Geschichten. Heute berichtet es darüber, dass der britische Starkoch Jamie Oliver von einer Reporterin auf sein Gewicht angesprochen wurde:

Auf die Frage nämlich, ob Oliver zugenommen hätte, soll er der britischen "Sun" zufolge gesagt haben: "Sind Sie von einem Boulevardblatt? Vielen Dank für die Feststellung, Sie Schlampe!" Was seine Körpermaße betrifft, versteht Jamie Oliver also nicht allzu viel Spaß.

Allerdings ist dies in Anbetracht der britischen Boulevardpresse fast schon verständlich. Es gibt wohl keine fiesere und menschenverachtendere Darstellung von möglichen Gewichtsproblemen bei Stars. Überflüssige oder neue Pfunde werden gern auch mit riesigen roten Pfeilen versehen.

"Etwa das falsche Schulessen gegessen?", titelte zum Beispiel die "Daily Mail" hämisch und veräppelte damit Olivers Programm "Jamie's School Dinners". Mit dem Projekt setzt sich der Starkoch für gesünderes Essen in Schulkantinen ein.

Kleines Problem: Es ist nicht die britische "Sun", die über die Frage und Olivers Reaktion berichtet hat. Es ist die australische "Herald Sun".

Das ist auch kein Wunder, denn Jamie Oliver ist zur Zeit in Australien. Und dort fragte ihn die Reporterin, ob er seit seinem letzten Besuch im Land zugenommen habe …

… was die ganze freie "Spiegel Online"-Interpretation des "Schlampen"-Ausbruchs als Reaktion auf die angebliche Menschenverachtendstität der Boulevardpresse in Großbritannien einigermaßen deplatziert wirken lässt.

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