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Von der Dramatik überfordert

Am Samstag wurde das Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz 05 eine knappe Stunde vor Anpfiff abgesagt. In der ersten Eilmeldung, die dazu über die Ticker ging, schrieb der Sportinformationsdienst (sid):

„Der Schiedsrichter ist nicht eingetroffen“, sagte FC-Pressesprecher Tobias Schmidt: „In der Kürze der Zeit konnte kein Ersatzmann kommen. Wir können keine weiteren Angaben machen.“ Das Spiel sollte von Babak Rafati (Hannover) geleitet werden.

In einer eilig einberufenen Pressekonferenz erklärte Kölns Sportdirektor Volker Finke, dass es „einen Unfall des Schiedsrichters“ gegeben habe. Doch zu diesem Zeitpunkt war schon eine andere Version in Umlauf, auf den Draht gegeben von der Deutschen Presseagentur (dpa):

Nach dpa-Informationen soll Rafati einen Selbsttötungsversuch unternommen haben. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

Das sind Sätze, deren Dimension sich einem nicht auf den ersten Blick erschließt. Wenn sich die „dpa-Informationen“ als falsch herausgestellt hätten, wäre es ein mittelgroßes Desaster für die dpa gewesen: Ein paar Leute hätten sich bei Rafati und ein paar anderen Leuten entschuldigen müssen. Aber dieses Szenario wäre womöglich weniger verheerend gewesen, als das, was dann passierte.

In ihrer Radio-Fußballübertragung gingen die ARD-Anstalten früh auf das Gerücht ein, das sich bald als Fakt bestätigte. Der WDR vermeldete stolz, herausgefunden zu haben, in welchem Hotel Rafati mutmaßlich seinen Selbstmordversuch unternommen habe, und die Onlinemedien drehten auf. Die Nachrichtenagentur dapd stimmte erstaunlich spät mit ein, aber vielleicht hatte dort einfach niemand mitbekommen, was los war.

Babak Rafati hat überlebt, aber ein Selbstmordversuch ist und bleibt ein versuchter bzw. nicht gelungener Suizid. Um Nachahmungstaten (den sogenannten „Werther-Effekt“) möglichst gering zu halten, empfehlen Psychologen den Medien, bei der Berichterstattung über Suizide Folgendes zu beachten:

  • Sie sollten jede Bewertung von Suiziden als heroisch, romantisch oder tragisch vermeiden, um möglichen Nachahmern keine post-mortalen Gratifikationen in Form von Anerkennung, Verehrung oder Mitleid in Aussicht zu stellen.
  • Sie sollten weder den Namen der Suizidenten noch sein Alter und sein Geschlecht angeben, um eine Zielgruppen-Identifizierung auszuschließen.
  • Sie sollten die Suizidmethode und – besonders bei spektakulären Fällen – den Ort des Suizides nicht erwähnen, um die konkrete Imitation unmöglich zu machen.
  • Sie sollten vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten, um so jede Identifikations-Möglichkeit und Motivations-Brücke mit den entsprechenden Lebensumständen und Problemen des Suizidenten vermeiden.

Die Medien verzichten in aller Regel darauf, sich diese Empfehlungen zu Herzen zu nehmen.

Der sid jedenfalls eröffnete schon um 16.09 Uhr, keine Stunde, nachdem der erste Hinweis auf Rafatis Selbstmordversuch über den Ticker gegangen war, den munteren Spekulationsreigen: Die Reporter hatten jemanden gefunden, den sie mit den Worten zitieren konnten, „depressive Verhaltensverweisen“ von Rafati seien ihm nicht bekannt.

„Spiegel Online“ hatte zunächst so über Rafatis Ausfall für das Bundesligaspiel berichtet:

Unfall des Schiedsrichters:
Bundesliga-Spiel in Köln kurzfristig abgesagt. Spieler und Zuschauer in Köln warteten am Samstagnachmittag auf den Anpfiff der Bundesliga-Partie gegen Mainz. Doch daraus wurde nichts. Das Spiel musste ausfallen. Der vorgesehene Schiedsrichter Babak Rafati hatte einen Unfall erlitten.

Offenbar ein Versehen, denn eine halbe Stunde sah der gleiche Artikel so aus:

Suizidversuch des Schiedsrichters: Bundesliga-Spiel in Köln kurzfristig abgesagt. Spieler und Zuschauer in Köln warteten am Samstagnachmittag vergeblich auf den Anpfiff der Bundesliga-Partie gegen Mainz. Das Spiel musste ausfallen, da der vorgesehene Schiedsrichter Babak Rafati einen Selbsttötungsversuch unternommen hatte.

DFB-Präsident Theo Zwanziger gab noch am Samstagnachmittag in Köln eine Pressekonferenz, in der er es schaffte, an den Satz „Ich würde Sie bitten, mir Einzelheiten zu ersparen“ mit einer Kurzbeschreibung der Auffindesituation anzuschließen, die die Medien gerne weiter verbreiteten. Georg Fiedler, der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention kritisierte im Gespräch mit der dpa die Ausführungen Zwanzigers mit den Worten: „Ich glaube, man muss nicht sagen, wie es jemand gemacht hat“. Die dpa wiederum hielt es für eine gute Idee, Zwanziger in diesem Kontext noch mal zu zitieren.

„Spiegel TV“ und „Kicker TV“ bemängelten in einem gemeinsamen Videobeitrag „zweifelhafte Reaktionen“:

So gehören die Details der Situation, in der Rafati aufgefunden wurde, sicherlich zu seiner Privatsphäre, aber die Dramatik überforderte auch den DFB-Präsidenten.

So spricht der Off-Sprecher, dann spricht Theo Zwanziger und nennt die Details der Situation, in der Rafati aufgefunden wurde.

Der Totalausfall der Selbsterkenntnis geht weiter:

Ohne um die Motive oder Beweggründe Rafatis zu wissen, sind jede Menge Spekulationen im Umlauf — auch über die Rolle des Drucks auf Schiedsrichter, ohne dass jemand weiß, ob dieser Umstand im Fall Rafati zutrifft.

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, die die Berichterstattung der Medien als „im Großen und Ganzen angemessen“ bezeichnet hatte, stellte angesichts der Spekulationen über Rafatis Beweggründe die Frage, „ob uns das überhaupt etwas angeht?“

Für Bild.de lautete die Antwort offenbar: Natürlich. Sie stellten einen Artikel aus der „Bild am Sonntag“ unter dieser Überschrift online:

Drama in Köln: Warum wollte der Schiri vor dem Spiel sterben?

Reporter von „Bild“ und „Berliner Kurier“ hatten unterdessen Rafatis Vater ausfindig gemacht und befragen den Mann, der am Samstag beinahe seinen Sohn verloren hätte, zu aktuellen Entwicklungen und möglichen Beweggründen.

Bild.de spekuliert heute munter drauf los:

Sportliche Gründe? Zum 1. Januar sollte er den Status als Fifa-Schiedsrichter verlieren (und damit internationale Einsätze). Auch in der Bundesliga kam er immer seltener zum Zuge (erst 4 Spiele in dieser Saison). Das bedeutet für ihn auch finanzielle Einbußen.

Rafati hätte am Samstag, dem 13. Spieltag, sein fünftes Saisonspiel pfeifen sollen. Hochgerechnet auf die Saison wäre Rafati auf etwa 13 Einsätze gekommen — in der vergangenen Saison waren es neun.

Auch express.de beteiligt sich an den Spekulationen:

Kam der 41-Jährige am Ende mit dem Druck nicht mehr zurecht? Fakt ist: Auf Facebook gibt es eine Anti Rafati-Seite. Dort werden meist tief unter der Gürtellinie seine Leistungen auf dem Platz beurteilt. Derzeit diskutieren die User allerdings, ob sie den Schiedsrichter gemobbt hätten. Und ob man diese Seite nicht besser löschen sollte. Das ist bisher noch nicht geschehen.

Die Popularität dieser Facebook-Seite könnte natürlich auch auf express.de zurückgehen, wo die Reporter vor zehn Monaten geschrieben hatten:

Vor einer Woche riefen Nürnberg-Fans die Facebook-Seite „Anti Babak Rafati“ ins Leben. Die hatte am Montag bereits über 1000 Anhänger – inzwischen auch viele aus Düsseldorf. Wer stoppt „Tomati“ endlich?

„Bild“ fragt heute „Wie krank macht die Bundesliga?“ und stellt fest:

Immer mehr Akteure scheinen mit dem Druck nicht fertig zu werden.

„Bild“ verweist in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke vor zwei Jahren und zitiert den Sportpsychologen Andreas Marlovits mit den Worten:

„Vor allem wenn es um negative Wertungen geht, also beispielsweise der schlechteste Schiedsrichter o. ä. gewählt wird und Personen ständig persönlich angegriffen werden, kann es gefährlich werden, weil es einen gewaltigen Druck erzeugt.“

In einer kurzen Phase der Selbstreflexion hatte sich Walter M. Straten, stellvertretender Sportchef von „Bild“, nach Enkes Tod mit den Worten zitieren lassen:

„Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein“, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, „ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht“.

Die Phase hatte damals fünf Wochen angehalten, seitdem knüppelt „Bild“ wieder wie gewohnt drauf.

In der gleichen Ausgabe, in der ein Psychologe vor dem „gewaltigen Druck“ warnt, der durch negative Wertungen entsteht, bewertete „Bild“ die Leistung der Spieler des SV Werder Bremen im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach heute so:

Alle Bremer Spieler: 6

Wie Journalisten dem öffentlichen Interesse nachkommen können, ohne alles noch schlimmer zu machen, beweist sueddeutsche.de mit der knappen Meldung, dass Babak Rafati inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen sei.

Fast so lang wie der Artikel selbst ist diese Anmerkung:

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbstmorde zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung im Fall Rafati gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 22. November: Die Nachrichtenagentur dapd hat uns mitgeteilt, dass ihre Redakteure – entgegen unserer Spekulationen – durchaus mitbekommen hätten, dass sich offenbar Schlimmes zugetragen hatte. Die Redaktion habe sich aber erst ganz sicher sein wollen, bevor sie darüber berichtete.

Haarte Zeiten für Wayne Rooney

Es gibt Geschichten, die schreiben sich fast von alleine. Die Sache mit Wayne Rooney, dem britischen Fußballspieler, der sich vor sechs Wochen Haare transplantieren ließ, aber heute scheinbar mehr Glatze hat als vorher, ist so eine Geschichte. Es brauchte nur eines Fotos, auf dem man einen klaren Blick auf die aktuellen Haarverhältnisse auf Rooneys Schädel werfen konnte, und keiner Recherche. Boulevardmedien in aller Welt, von Bild.de über die „Sun“ bis „Spiegel Online“, machen sich mit unverhohlener Häme über den scheinbaren Misserfolg der Operation lustig.

„Trotz Moos nix los“, feixt „Spiegel Online“, wo sich offenbar schlecht bezahlte Mitarbeiter damit trösten, dass man sich mit Geld doch nicht alles kaufen kann: „Fußballstar Wayne Rooney hat Tausende Pfund in eine Haartransplantation investiert. Die Resultate sind äußerst spärlich.“ Zunehmend müsse sich Rooney „eingestehen, dass die Transplantation wohl wenig bis gar nichts gebracht hat“.

Die Konkurrenz von Bild.de titelt: „Bei Rooney wächst kein Gras mehr…“, zweifelt am „langfristigen Erfolg der Behandlung“ und meint, Rooney hätte die 11.000 Euro, die die Umpflanzung der Haare angeblich gekostet hat, besser für einen „schönen Urlaub“ ausgegeben: „Mit Sonnencrème für die Glatze…“.

Die Online-Redaktion der „Rheinischen Post“ diagnostiziert: „Transplantation ohne Wirkung“. Grundlage dafür ist ein Bericht des Sport-Informationsdienstes, dessen Haar-Experten heute meldeten: „Wayne Rooney (25), englischer Fußball-Nationalspieler in Diensten von Manchester United, muss sich wohl mit dem Gedanken an eine Glatze abfinden.“

In einem Wort: nein.

Vermutlich wird Rooney sogar damit gerechnet haben, zum jetzigen Zeitpunkt weniger Haare zu haben als vor dem Eingriff. Die Leute, die solche Transplantationen anbieten oder vermitteln, weisen nämlich ausdrücklich auf folgenden Umstand hin: Einige Wochen nach der Operation fallen die meisten verpflanzten Haare (und teilweise sogar einige alte Haare) zunächst einmal aus. Die Wurzeln bleiben aber erhalten. Erst nach etwa drei bis vier Monaten beginnt das neue Haar zu wachsen; abgeschlossen ist das alles nach rund einem Jahr.

Was hätte das für eine nette Geschichte werden können, wenn man das aufgeschrieben hätte: Ein Lehrstück an einem prominenten Beispiel, mit weniger Häme über den doofen reichen haarlosen Fußballspieler, aber voller Hoffnung für Menschen, die an Haarausfall leiden. Es hätte halt jemand recherchieren müssen, anstatt bloß auf- und abzuschreiben, was jeder sieht und sich (fälschlicherweise) denkt, aber wer sollte das tun? Journalisten?

Mit Dank an Andreas K.!

AFP, dpa, sid  etc.

Sack Zement!

Die folgende Geschichte wird ein bisschen kompliziert. Vielleicht legen Sie besser Papier und Bleistift zurecht — oder eine frisch betonierte Fläche, in die Sie ein paar Notizen einritzen können.

Am Samstag (Ortszeit) drückte der Basketballspieler Kobe Bryant seine Hände und Füße in eine Betonfläche am Hollywood Boulevard in Hollywood. Er durfte das.

Am Sonntagmorgen um 8.28 Uhr tickerte der Sportinformationsdienst (sid) unter der Überschrift „‚Black Mamba‘ Bryant: Erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame“ an seine Kunden:

Köln, 20. Februar (SID) – NBA-Superstar Kobe Bryant hat als erster Sportler seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame hinterlassen. (…)

Die Deutsche Presseagentur (dpa) legte um 13.53 Uhr und 16.03 Uhr mit der Meldung „Kobe Bryant als erster Sportler auf Walk of Fame“ nach:

Los Angeles (dpa) – Basketball-Superstar Kobe Bryant hat sich als erster Sportler auf Hollywoods legendärem „Walk of Fame“ verewigen dürfen. Der Guard der Los Angeles Lakers hinterließ am Samstag (Ortszeit) auf dem berühmten Bürgersteig des Hollywood Boulevards seine Hand- und Fußabdrücke neben denen von Showgrößen wie Elvis Presley, Marilyn Monroe oder Tom Cruise. (…)

Und AFP berichtete unter der Überschrift „Bryant erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame“ und mit einer interessanten Ortsmarke:

Köln — NBA-Superstar Kobe Bryant hat als erster Sportler seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame hinterlassen. (…)

Das alles ist in dieser Form falsch.

Der „Walk of Fame“ besteht aus mehr als 2.400 Terrazzo-Sternen, mit denen verdiente Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie ausgezeichnet werden. Hand- und Fußabdrücke werden traditionell in der Umgebung des Kinos „Grauman’s Chinese Theatre“ hinterlassen und haben – neben der vergleichbaren Ehre und der räumlichen Nähe – nichts mit dem „Walk of Fame“ zu tun.

Wäre Kobe Bryant mit einem Stern auf dem „Walk of Fame“ geehrt worden – was er ja nicht wurde -, so wäre er nicht der erste Sportler gewesen, sondern der dritte: Unter sehr freier Regelauslegung hatte das Komitee 2001 den Basketball-Spieler Earvin „Magic“ Johnson und 2002 den Boxer Muhammad Ali mit einem Stern geehrt.

In der Annahme, den Fehler gefunden zu haben, verschickte der sid um 23 Uhr eine „korrigierte Fassung“:

Köln, 20. Februar (SID) – Große Ehre für NBA-Superstar Kobe Bryant: Der 32 Jahre alte Shooting Guard der LA Lakers hinterließ seine Hand- und Fußabdrücke (Schuhgröße 48) auf Hollywoods Walk of Fame und ist damit einer von wenigen Sportlern, die sich auf dem weltberühmte Gehweg verewigen durften. Sein Basketball-Kollege Magic Johnson und Box-Legende Muhammad Ali gehören auch dazu. (…)

Das war schon mal bedeutend falscher als die Ursprungsversion, denn Bryant war tatsächlich der erste Sportler, der sich im Zement verewigen durfte — Johnson und Ali haben ja Sterne. Blöderweise lief diese Korrektur immer noch unter der – in jedem Fall falschen – Überschrift „‚Black Mamba‘ Bryant: Erster Sportler auf Hollywoods Walk of Fame“. Drei Minuten später korrigierte der sid die Überschrift in „‚Black Mamba‘ Bryant auf Hollywoods Walk of Fame“ und wähnte sich in Sicherheit.

Dass die Hand- und Fußabdrücke nicht auf dem „Walk of Fame“ hinterlassen werden, hat der sid immer noch nicht verstanden und schreibt heute über das Allstar-Game:

Einen Tag nachdem der 32-Jährige seine Hand- und Fußabdrücke auf dem weltberühmten Walk of Fame hinterlassen hatte, spielte Bryant vor Stars und Sternchen groß auf, avancierte mit 37 Punkten zum besten Werfer und wurde zum vierten Mal als „wertvollster Spieler“ des NBA Allstar Games ausgezeichnet.

Und auch dpa ist noch im falschen Film:

Nur Stunden, nachdem sich Bryant als erster Sportler mit Hand- und Fußabdrücken auf Hollywoods „Walk of fame“ verewigen durfte, war er in eigener Halle einfach nicht zu stoppen.

Aber womöglich ist es auch zu viel verlangt, von deutschen Nachrichtenagenturen (darunter einer, die explizit auf Sport spezialisiert ist), Detailkenntnisse im Straßenbild von Hollywood zu erwarten.

Die hat ja nicht mal das amerikanische Unterhaltungsportal „E! online“:

Kobe Bryant Becomes First Non-Movie Jock Ever on the Walk of Fame

Mit Dank an Jan-Christoph K.

Nachtrag, 22. Februar: Gestern um 16.38 Uhr tickerte die dpa eine korrigierte Fassung ihres Allstar-Game-Berichts, die mit „(Berichtigung: Bryant nicht auf dem ‘walk of fame‘)“ gekennzeichnet war. Darin heißt es jetzt:

Nur Stunden, nachdem sich Bryant mit Hand- und Fußabdrücken im berühmten Grauman’s Chinese Theatre am Hollywood Boulevard verewigen durfte, war er in eigener Halle einfach nicht zu stoppen.

Der sid verschickte heute um 8.52 Uhr unter der Überschrift „Berichtigt: Bryant erster Sportler am Grauman Theatre“ gar eine eigenständige Berichtigung, in der die Unterschiede zwischen den Sternen am „Walk of Fame“ und den Abdrücken am „Grauman’s Chinese Theatre“ erklärt werden. Der Text schließt mit einem „Hinweis für die Redaktionen“:

Auch der SID hat rund um das All Star Game am Wochenende in Los Angeles in Zusammenhang mit Kobe Bryant fälschlicherweise vom Walk of Fame geschrieben. Wir bitten, diesen Irrtum zu entschuldigen.

Hinweis, 22. Februar: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Zement ein pulverförmiger Stoff ist und die daraus angerührte Masse Beton genannt wird. Wir haben also in den ersten beiden Absätzen „Zement“ durch „Beton“ ersetzt, damit auch hier alles seine Richtigkeit hat.

kicker.de, sid  etc.

Jeder Schütze ein Treffer (2)

Was haben Jan Rosenthal (SC Freiburg), Pawel Pogrebnjak (VfB Stuttgart), Erwin Hoffer (1. FC Kaiserslautern), Marcel Risse (Mainz 05) und Luiz Gustavo (TSG 1899 Hoffenheim) gemeinsam?

Die Antwort: Sie alle waren für kurze Zeit oder sind der 3000. Torschütze der Bundesligageschichte:

 Da ist doch tatsächlich noch das 3000. Bundesligator und es hätte nicht zählen dürfen. Nicu steht bei Kopfballverlängerung von Cissé klar im Abseits. Er geht diagonal auf das Tor zu und passt dann überlegt nach rechts. Dort ist ROSENTHAL mitgelaufen und schiebt souverän ein.

Pogrebnyak macht die 3000 voll

Hoffer 3000. Torschütze der Bundesliga

Gustavo 3000. Torschütze der BundesligaRisse erzielt das Jubiläums-Tor

Aber beginnen wir von vorn:

Noch am Freitag wurde in den Live-Tickern der App iLiga 3.0, von Bild.de und anderen Medien der Freiburger Jan Rosenthal als Schütze des 3000. Bundesligatores gefeiert. Dort hieß es:

Da ist doch tatsächlich noch das 3000. Bundesligator (…) Nicu (…) geht diagonal auf das Tor zu und passt dann überlegt nach rechts. Dort ist ROSENTHAL mitgelaufen und schiebt souverän ein.

Das ist doppelt falsch. Denn es wurde ja nicht das 3000. Bundesligator gesucht (BILDblog berichtete) sondern der 3000. Torschütze. Außerdem ist Rosenthal einer der Kandidaten, der dafür überhaupt nicht in Frage kam, weil er sein erstes Tor bereits in der Saison 2006/07, damals noch für Hannover, erzielt hat.

Von gleichem Kaliber war ein Bericht, der am Samstag zwischenzeitlich auf kicker.de zu lesen war, und den Trainer Baade freundlicherweise für die Nachwelt konserviert hat. Der Stuttgarter Pawel Pogrebnjak machte demnach nicht nur „die 3000 voll“, sondern es war auch noch „das 3000. Tor der Bundesligageschichte“. Mal vom Unfug mit dem 3000. Bundesligator ab, hat Pogrebnjak genau wie Rosenthal schon längst sein erstes Bundesligator erzielt und war deshalb von vornherein nicht mehr im Rennen.

Um 16.54 Uhr verlieh der Sport-Informations-Dienst (sid) dann Erwin Hoffer vom 1. FC Kaiserslautern vorübergehend den Titel 3000. Torschütze der Bundesligageschichte. Die Überschrift der rund 30 Minuten später korrigierten Nachricht lässt sich etwa noch bei „Google News“ und bei fußball.tv finden. Welt.de, „Frankfurter Neue Presse“ und andere führen einem dpa-Bericht folgend Hoffer noch immer als Nummer 3000:

Für Neuling 1. FC Kaiserslautern wird der Betzenberg wieder zu einer Festung. Trotz eines Rückstandes trotzten die Pfälzer dem bisherigen Spitzenreiter aus Hoffenheim ein 2:2 ab. Erwin Hoffer (46./75. Minute), der als 3000. Torschütze in die Liga-Historie eingeht, drehte mit seinen beiden Toren die Partie.

Auf Hoffer ließ der sid um 17.21 Uhr den Hoffenheimer Luiz Gustavo, der bereits sieben Minuten vor Hoffer traf, folgen. Vielleicht wurde er zunächst übersehen, weil er schon seit 2007 für Hoffenheim spielt und deswegen eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass er bereits einige Tore auf dem Konto hatte. Die meisten Medien haben mittlerweile Gustavo als 3000. Torschützen übernommen.

Eigentlich könnte es das gewesen sein, wenn da nicht noch Marcel Risse wäre. Dieser wurde auf bundesliga.de, der offiziellen Website der Deutschen Fußball Liga (DFL), zum 3000. Torschützen erklärt:

Marcel Risse ist der 3000. Spieler, der in 47 Jahren Bundesliga ein Tor geschossen hat. Der Mainzer erzielte den Jubiläumstreffer am Samstag in der 53. Minute gegen den SV Werder Bremen zum zwischenzeitlichen 1:0.

Und auch bei der Nachberichterstattung im Pay-TV-Sender Sky wird Risse als 3000. Torschütze genannt, was Bild.de gleich zur „TV-Panne des Tages“ erklärte:

Einziger Fehler: Der 3000. Torschütze ist Hoffenheims Luiz Gustavo (23)…

So einfach, wie Bild.de es sich macht, ist es – wer hätte das gedacht? – nicht.

Denn die DFL, die mit dem Statistikanbieter Opta Sport Daten AG zusammenarbeitet, hat uns bestätigt, dass ihrer Statistik zufolge nach wie vor Marcel Risse als 3000. Toschütze geführt wird. Als 2997. Schützen verzeichnen sie den Kölner Taner Yalçin, als 2998. Luiz Gustavo und als 2999. Erwin Hoffer.

Der sid wiederum, der mit dem Fußballdatendienstleister Impire AG zusammenarbeitet, beharrt gegenüber BILDblog darauf, dass ihrer Statistik zufolge Luiz Gustavo die Ehre gebührt, sich 3000. Torschütze nennen zu dürfen.

Allerdings wollen sowohl DFL als auch sid nicht ausschließen, dass die beiden Statistikanbieter in der Vergangenheit das eine oder andere unklare Tor einem anderen Spieler zugeschrieben oder als Eigentor gewertet haben als der jeweils andere. Somit gibt es jetzt tatsächlich zwei amtierende 3000. Torschützen, einen von sids und einen von DFLs Gnaden — wobei es ganz danach aussieht, als würde sich die Auffassung des sid durchsetzen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

sid  

Out of time

Gestern haben wir über den Sportinformationsdienst (sid) geschrieben, weil der eine neun Jahre alte Information für brandneu hielt.

Kurz darauf war der sid mal seiner Zeit voraus und berichtete bereits gestern Abend um 22.45 Uhr, wie der Dortmunder Nuri Sahin am heutigen Abend drauf (gewesen) sein wird:

Sahin strotzte nur so vor Selbstbewusstsein, als er am Donnerstagabend zu seinem vierten Europacup-Einsatz auflief (…)

Mit Dank an symsy.

sid  

Mit dem Strom schwimmen

Geschichten über den 11. September gehen eigentlich immer, aber besonders gut gehen sie in den Tagen um den 11. September. Wenn es dann noch Neuigkeiten zu verkünden gibt (oder das, was Journalisten dafür halten), sind große Schlagzeilen garantiert.

Der Sportinformationsdienst (sid) hat wegen seiner thematischen Ausrichtung eher selten mit den Terroranschlägen von 2001 zu tun, aber heute hatte auch er Gelegenheit, sich dem Thema zu widmen:

Der fünfmalige Schwimm-Olympiasieger Ian Thorpe gab am Mittwoch erstmals preis, dass er bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 um ein Haar sein Leben verloren hätte.

Thorpe wollte nämlich an jenem geschichtsträchtigen Morgen eigentlich die Aussichtsplattform des World Trade Centers besuchen, als er feststellte, dass er seine Fotokamera vergessen hatte. Er kehrte zu seinem Hotel zurück und die Flugzeuge schlugen ins World Trade Center ein.

Eine dramatische Geschichte, durchaus, aber keine, die Thorpe „erstmals“ „preisgegeben“ hätte. Sie wurde genau genommen sogar ziemlich schnell bekannt: Am 13. September 2001, zwei Tage nach den Anschlägen. Aber da ging sie in der allgemeinen 9/11-Berichterstattung vielleicht etwas unter.

Anders als der sid wusste AFP Thorpes aktuelle Äußerungen allerdings korrekt einzuordnen:

Die australische Schwimmlegende Ian Thorpe verriet, dass er immer noch über sein knappes Entkommen vor den Anschlägen vom 11. September nachdenkt, als eine vergessene Kamera möglicherweise sein Leben gerettet hat.

Übersetzung von uns.

Mit Dank an Martin T.

Nachtrag, 17.55 Uhr: Unsere Leser Basti und Till G. weisen uns darauf hin, dass die Aussichtsplattform des World Trade Centers zur Zeit der Anschläge noch gar nicht geöffnet war, was Thorpes Entkommen ein ganzes Stück weniger knapp machen dürfte.

sid  

Villa Kunterbunt

Sommerpause. Zeit der Gerüchte und Spekulationen in der Fußballwelt. Der walisische Nationalspieler Craig Bellamy wird zum Beispiel nicht von Manchester City zum VfL Wolfsburg wechseln, wie der Sportinformationsdienst (sid) berichtet.

Und das, wo Bellamy in Manchester kaum eine Zukunft hat:

Manchester hat für Bellamys Position den Spanier David Villa für rund 30 Millionen Euro vom FC Valencia verpflichtet, Coach Roberto Mancini will Bellamy nicht einmal einen Platz im 25-Mann-Kader garantieren.

Eine interessante Behauptung, die der sid da aufstellt, denn Villa ist gerade für 40 Millionen zum FC Barcelona gewechselt — und das nicht „unter Umständen“ und erst heute, sondern ganz offiziell am 19. Mai.

Für gerüchteweise 30 Millionen von Valencia nach Manchester gewechselt ist David Silva, immerhin auch Spanier. Aber der wird als Mittelfeldspieler kaum auf Craig Bellamys Position im Sturm spielen. (Vielleicht doch.)

Mit Dank an Peter E.

sid  

Aufstieg und Fall der 60-Punkte-Marke

Der 1. FC Kaiserslautern hat Grund zu Feiern: Nach dem gestrigen 4:0 gegen 1860 München hat der Zweitligist aus der Pfalz 61 Punkte auf seinem Konto.

Und das ist eine sichere Bank, wie der Sportinformationsdienst (sid) gestern Abend gleich zwei Mal tickerte, was entsprechend weitreichende Verbreitung fand:

Denn seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Saison 1995/96 reichten in der 2. Liga bisher immer 60 Punkte zum Aufstieg.

Das stimmt so nicht: Am Ende der Saison 2006/07 verpasste der SC Freiburg trotz 60 Punkten auf dem Konto den Aufstieg und musste dem MSV Duisburg den Vortritt in die erste Liga lassen.

Möglicherweise ist dieser Fall jemandem beim sid über Nacht wieder eingefallen, denn in einer weiteren Meldung heute Mittag korrigierte der sid seine Behauptung von gestern Abend unauffällig um einen Punkt nach oben:

61 Punkte haben die Lauterer auf dem Konto, das hat seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Saison 1995/96 stets zum Aufstieg gereicht.

Allein: Das stimmt immer noch nicht. In der Saison 2002/03 haben dem FSV Mainz 05 62 Punkte nicht für den Aufstieg gereicht:

4. 	
1. FSV Mainz 05 62 Punkte

Und in der Saison 2001/02 waren sogar 64 Punkte zu wenig:

4. 	
1. FSV Mainz 05 64 Punkte

Aber das sollte die Anhänger von Kaiserslautern nicht übermäßig beunruhigen: Wer am 28. Spieltag 60 Punkte oder mehr hatte (so wie der FCK jetzt), ist tatsächlich bisher immer aufgestiegen.

Mit Dank an Ronald F.

Nachtrag, 14.55 Uhr: Unser Leser Malte Sch. ergänzt, dass seit der Saison 2008/09 der Drittplatzierte der Zweitliga-Tabelle nicht mehr automatisch in die erste Liga aufsteigt: In zwei Relegationsspielen gegen den 16. der ersten Liga entscheidet sich, wer in der folgenden Saison in der 1. Bundesliga spielen darf.

So gesehen hat auch der 1. FC Nürnberg mit seinen 60 Punkten in der vergangenen Saison nicht den sofortigen Aufstieg geschafft — sondern erst in der Relegation gegen Energie Cottbus.

sid  

Like A Virgin

Es ist ja schon erstaunlich, aus was für Kleinigkeiten Bild.de manchmal so Meldungen fabriziert:

Englands Fußball-Latte: Peter Crouch wäre gern eine Jungfrau

Und wie die dann auch noch anmoderiert werden:

Was ist denn auf der Insel los? Ausgerechnet der England-Profi, der eine der heißesten Spielerbräute überhaupt an seiner Seite hat, wäre gern eine Jungfrau!

Peter Crouchs (29) irre Beichte.

Auf die Frage, was er statt eines Fußballers gern geworden wäre, erwiderte der England-Star: „Eine Jungfrau.“

Wer soll ihm das denn glauben? Schließlich ist er mit Unterwäsche-Model Abigail Clancy (24) zusammen. Und die ist das fleischgewordene Gegenteil von keuscher Jungfräulichkeit.

Glauben muss ihm das niemand, weil er es nicht gesagt hat. Und wenn er es gesagt hätte, dann nicht jetzt, sondern „einmal“.

Bild.de hat diese gewagte Übersetzung eines älteren Zitats offensichtlich vom Sportinformationsdienst (sid), der anlässlich Crouchs Wahl zum lustigsten Mann im britischen Sport folgende Gaga-Meldung veröffentlichte:

Der englische Fußball-Nationalstürmer Peter Crouch wurde zum lustigsten Sportler Großbritanniens gewählt. Den Sieg bei der Wahl verdankt Crouch seiner Antwort auf die Frage, was er statt eines Fußball-Profis gerne geworden wäre. „Eine Jungfrau“, hatte Crouch darauf geantwortet.

„Na, wenn man mit so was lustigster Sportler wird, kann es um den berühmte britischen Humor ja nicht zum Besten bestellt sein“, dachte bei „RP Online“, „Focus Online“ oder Handelsblatt.com offenbar niemand, und so wurde diese merkwürdige Geschichte munter weiterverbreitet, wenn auch nicht derart aufgeblasen wie bei Bild.de.

Dabei war der Spruch im englischen Original sogar noch wirklich lustig:

The 6ft 7in striker won top billing for a cheeky response to the question: „What would you be if you weren’t a footballer?“

The Spurs targetman replied: „A virgin.“

Auf die Frage, was er wäre (nicht: geworden wäre), wenn er nicht Fußballer wäre, hatte der nicht sonderlich attraktive Stürmer also geantwortet: (noch) Jungfrau.

Mit Dank an Matthias F.

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