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„Nach BILD-Informationen“

Bei dieser Nachricht vom vergangenen Freitag …

Screenshot Bild.de - JVA Heidering - U-Bahn-Treter im Knast verprügelt

… johlte das Volk mal wieder los:

Und das, liebe Freunde, nennt man Karma. Da hats mal den/die richtigen getroffen

der sollte jeden Tag Prügel bekommen, Täterschutz geht mir schon lange auf den …… wer schützt in Deutschland die Opfer

Wenn der Staat bei der Gerechtigkeit versagt kümmern sich halt die Häftlinge darum 👍 finde ich klasse und hoffe, dass es nicht das letzte mal war.

Und das sind noch die harmloseren der rund 4000 Kommentare unter dem Facebook-Post der „Bild“-Redaktion. Das Problem dabei, abgesehen von der breiten Zustimmung zur Selbstjustiz: Die Berichte von „Bild“ und Bild.de sind ziemlich fehlerhaft — es ist auch heute nicht ganz klar, ob wirklich der „U-Bahn-Treter im Knast verprügelt“ wurde, auf jeden Fall wurde er nicht „krankenhausreif geprügelt“, wie die „Bild“-Medien behaupten.

Am Freitagabend berichtete Bild.de, dass ein Mann in der Justizvollzugsanstalt Heidering von anderen Häftlingen zusammengeschlagen worden sei. Am Samstag gab es dazu auch in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung einen Artikel:

Ausriss Bild-Zeitung - U-Bahn-Treter von Häftlingen krankenhausreif geschlagen

Es soll sich dabei laut „Bild“-Redaktion um jenen Mann handeln, der im Oktober 2016 auf dem Berliner U-Bahnhof Hermannstraße einer Frau in den Rücken trat. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung wurde der Mann wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt.

Bild.de schreibt zu dem angeblichen Vorfall in der JVA:

Nach BILD-Informationen soll der Angriff auf S[.] in Haus 1 der Berliner Haftanstalt passiert sein. Offenbar hatten die Angreifer die sogenannte Laufzeit abgewartet — Zeit, in der die Gefangenen zu ihren Arbeitsstellen, oder anderen Abteilungen in der JVA — gehen dürfen. […]

Pikant: S[.] wurde offenbar erst gestern nach Großbeeren gebracht, weil er in der JVA-Tegel nicht mehr „sicher“ war. Wie es hieß, soll er „sicherungsverlegt“ worden sein. […]

Meldepflichtig sind solche Angriffe auf Mithäftlinge spätestens dann, wenn das Opfer in ein Krankenhaus zur stationären Behandlung gebracht werden musste. Das soll gestern der Fall gewesen sein.

Wir haben bei der Berliner Senatsverwaltung für Justiz nachgefragt. Pressesprecher Sebastian Brux sagte uns, dass er zu einzelnen Häftlingen keine Informationen geben dürfe, allerdings sei allgemein festzustellen, dass „am Freitag in der JVA Heidering kein Gefangener krankenhausreif geschlagen“ worden sei. Es habe auch keine Verlegung „in das Justizvollzugskrankenhaus Berlin oder in ein öffentliches Krankenhaus“ stattgefunden. Brux bestätigte, dass es am Freitag „eine gewalttätige Auseinandersetzung zum Nachteil eines Gefangenen“ gegeben habe. Allerdings sei dieser Insasse „zuvor nicht von der JVA Tegel in die JVA Heidering, sondern von der JVA Moabit in die JVA Heidering verlegt“ worden. Es habe sich dabei auch nicht, wie von der „Bild“-Redaktion behauptet, um eine Sicherheitsverlegung gehandelt. Außerdem habe sich der Vorfall „nicht in einem Arbeitszusammenhang“ ereignet.

Die „Bild“-Geschichte ist mit all ihren Fehlern bei vielen anderen Medien gelandet. „Der Westen“ hat sie zum Beispiel übernommen:

Screenshot derwesten.de - Berliner U-Bahn-Treter im Knast krankenhausreif geprügelt

Genauso tz.de, immerhin mit einem Fragezeichen:

Screenshot tz.de - Wurde Berliner U-Bahn-Treter im Gefängnis krankenhausreif geschlagen?

t-online.de:

Screenshot t-online.de - Trotz Sicherheitsverlegung - U-Bahn-Treter in Gefängnis verprügelt

… wurde der 28-jährige Svetoslav S[.] von anderen Insassen attackiert und krankenhausreif zugerichtet.

rtl.de:

Screenshot rtlnext.de - Berliner U-Bahn-Treter in JVA-Heidering von Mithäftlingen krankenhausreif geprügelt

oe24.at:

Screenshot oe24.at - U-Bahn-Treter von Häftlingen verprügelt

Der 28-Jährige wurde am Freitag attackiert und krankenhausreif geprügelt.

Krone.at:

Screenshot krone.at - Berliner U-Bahn-Treter krankenhausreif geprügelt

Die Kommentare unter dem eingangs erwähnten Facebook-Post wurden irgendwann so grässlich, dass es selbst der „Bild“-Redaktion zu viel war. Sie schrieb:

Liebe User, diese Geschichte hat uns alle sehr schockiert. Aber der Täter wurde verurteilt und verbüßt seine Strafe. Es gibt ein Rechtssystem in Deutschland. Und auch, wenn manche Urteile einem persönlich nicht fair erscheinen, ist das trotzdem keine Berechtigung, Selbstjustiz zu verüben. Auch nicht im Gefängnis. Auch eine JVA ist kein rechtsfreier Raum. Darum bitten wir euch, bei euren Kommentaren sachlich zu bleiben. Hetzerische, beleidigende oder diskriminierende Aussagen werden moderiert und bei Bedarf gelöscht.

Medien zeigen Suizid von Slobodan Praljak

Seit vielen Jahren schreiben wir hier nun schon über die Gefahren, die eine ausgiebige Berichterstattung über Suizide mit sich bringt. Manchmal, so wie heute, haben wir das Gefühl, dass sich etwas verbessert hat. Manchmal, so wie heute, haben wir aber auch das Gefühl, dass einigen Redaktionen es völlig egal ist, was der „Werther-Effekt“ ist, und dass ihre Berichte und Videos im schlimmsten Fall Menschenleben kosten können.

Nachdem der „Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien“ die 20-jährige Haftstrafe gegen Slobodan Praljak heute bestätigt hatte, vergiftete sich der frühere bosnisch-kroatische General selbst. Praljak sagte nach der Urteilsverkündung noch, dass er kein Kriegsverbrecher sei, und trank dann eine Flüssigkeit, bei der es sich nach Angaben seiner Verteidigerin um Gift handelte. Slobodan Praljak starb später in einem Krankenhaus.

Völlig verständlich, dass so gut wie alle überregionalen Medien über den Vorfall in Den Haag berichten.

Die Frage ist, wie die Redaktionen darüber berichten.

Süddeutsche.de zeigt beispielsweise weder ein Foto noch ein Video, auf beziehungsweise in dem Praljak das Gift nimmt. Genauso „Zeit Online“, wobei die Redaktion — anders als alle anderen — noch eine Box mit Informationen zu „Hilfe und Beratung“ ans Ende ihres Artikels gestellt hat:

Screenshot Zeit Online - Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Die Beratungsgespräche finden anonym und vertraulich statt. Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Die „taz“ verwendet zur Bebilderung ihres Textes ein Standbild aus einem Video, das Slobodan Praljak kurz vor dem Trinken der giftigen Flüssigkeit zeigt. Im Artikel bei Welt.de ist ein Video eingebettet, in dem Praljak zwar im Gerichtssaal in Den Haag zu sehen ist — allerdings ist es so geschnitten, dass die Einnahme des Gifts nicht darin vorkommt. Ähnlich hat „Spiegel Online“ es gelöst. Tagesschau.de zeigt, wie Praljak zum Trinken ansetzt und friert das Bild dann ein.

All diese Medien haben entschieden, den eigentlichen Suizid nicht zu zeigen.

Anders sieht es bei Bild.de, „Focus Online“, RTL.de, FAZ.net und Handelsblatt.com aus. Sie alle haben Videos veröffentlicht, in denen der Suizid von Slobodan Praljak zu sehen ist, bei Bild.de und „Focus Online“ sogar mehrfach wiederholt und bei Bild.de zusätzlich noch in Zeitlupe. Die Bild.de-Redaktion hatte das Video heute tagsüber ganz oben auf der Startseite und direkt zum Anklicken platziert:

Screenshot Bild.de - Kroaten-General vor UN-Tribunal - Kriegsverbrecher stirbt nach Gift-Trunk
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Mit Dank an Peter K. und Daniel für die Hinweise!

Nachtrag, 1. Dezember: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die „Tagesschau“ in einem Facebook-Post das Video, das Slobodan Praljak bei der Einnahme des Gifts zeigt, nicht eingefroren hat. Dort ist alles komplett zu sehen. Außerdem hat auch das ARD-Studio Brüssel bei Twitter ein Video veröffentlicht, das den Suizid zeigt. Die „Deutsche Welle“, die Mitglied der ARD ist, zeigt auf ihrer Website einen Zusammenschnitt, in dem das Trinken des Gifts mehrfach zu sehen ist.

In einer früheren Version als der von uns beschriebenen scheint auch „Spiegel Online“ die Gift-Einnahme gezeigt und sie erst später aus dem Video geschnitten zu haben. Auch „n-tv“ und die „heute“-Redaktion des ZDF sollen Aufnahmen gesendet beziehungsweise in den Sozialen Medien gepostet haben, auf denen Slobodan Praljaks Suizid zu sehen ist.

Ausgesprochen befremdlich ist der Umgang der österreichischen „Kronen Zeitung“ mit dem Vorfall in Den Haag. Dort kommentiert Kurt Steinitz, es handele sich um einen „starken Abgang wie einst von Göring“:

Ausriss Kronen Zeitung - Selbstmord eines Kriegsverbrechers: Starker Abgang wie einst von Göring

Mit Dank an Karolin, Patrick, BH, Sven P., Jörn K., Martin R., Andi W., Marco F., Isabel H., Frank S., Bullen N., Laura R., Arne C., Marcel D., Jörg S., Otto W., Wilfried S., @BchnerBuechner, @druemshausen, @fattony2k, @derAlteMannFFM, @Wirkungsmann und @bassena für die Hinweise!

Die 19 Jahre alte Hetzvorlage



Das haben Sie vielleicht mitbekommen, es war ja überall zu lesen; bei „Focus Online“, stern.de, web.de, news.de, berliner-kurier.de, welt.de, rtl.de, heute.at und vielen anderen.

Gestreut wurde die Story hierzulande von der Nachrichtenagentur AFP, die sie im Portal „Emirates 24/7“ gefunden hatte.

Eine junge Frau ist laut Medienberichten in Dubai ertrunken, weil ihr Vater die Rettungsschwimmer zurückhielt, damit diese nicht seine Tochter anfassen und so ihre Ehre „beschmutzen“. Der asiatische Mann, dessen Identität nicht bekanntgegeben wurde, wurde von der Polizei festgenommen, wie das Internet-Nachrichtenportal Emirates 24/7 am Montag berichtete.

Wann das Ganze passiert sein soll, schreiben weder AFP noch die deutschen Medien, und wenn sie sich (wie etwa der „Guardian“) die Mühe gemacht hätten, den Zeitpunkt des Vorfalls zu recherchieren, hätten sie die Geschichte wohl gar nicht erst angepackt. Denn die Sache liegt nicht bloß ein paar Tage zurück — sondern 19 Jahre.

Das hat die Polizei in Dubai am Mittwoch bestätigt:

Unter dem „Emirates 24/7“-Artikel, den die AFP abgeschrieben hatte, steht inzwischen:

The incident happened many years ago.

Auch die AFP stellte am Mittwoch klar:

Polizei von Dubai: Fall von Ertrinkenlassen der Tochter ist alt

„Das ist eine alte Geschichte“, teilte am Mittwoch die Polizei des Emirats über den Kurznachrichtendienst Twitter auf Anfrage mit. Das Internet-Portal Emirates 24/7 hatte am Montag über den Fall berichtet. Die Meldung wurde von verschiedenen Medien aufgegriffen, auch von AFP. In den sozialen Netzwerken sorgte der Fall für scharfe Kritik.

„Scharfe Kritik“.

Wie hier auf „buzz.at“:

Oder auf „Focus Online“:


Wobei das mit dem „umfassend“ ja auch im Internet so eine Sache ist. Bisher hat es nur eine Handvoll Medien geschafft, die Sache klarzustellen. Krone.at, Blick.ch und n24.de haben ihre Artikel ganz gelöscht.

Alle anderen, darunter stern.de, „Focus Online“ und der „Berliner Kurier“, haben gar nichts geändert und sorgen damit weiterhin für „scharfe Kritik“ von besorgten Bürgern. Dabei könnten gerade die ein bisschen Aufklärung doch wirklich gut gebrauchen.

Mit Dank an Eva R.!

Nachtrag, 17. August: stern.de und berliner-kurier.de weisen jetzt darauf hin, dass der Vorfall lange her ist. „Focus Online“ und web.de haben ihre Artikel gelöscht.

Die Ente mit der pinken Katze

Katzencontent geht natürlich immer, und wenn es sich dann noch um ein armes, pinkes, grausam verendetes Kätzchen handelt, ist das deutschsprachigen „News“-Portalen auch schnell mal einen prominenten Platz auf der Startseite wert.

Bild.de:

Auf einer russischen „Pretty-in-pink-Party“ musste jeder geladene Gast in Pink erscheinen, auch das Kätzchen von Lena Lenia! Jetzt starb die Katze an ihrer Fellfarbe. Durch das Lecken am pinken Fell hat das Kätzchen toxische Gifte aufgenommen. Laut Tierarzt soll dies zu einer Vergiftung geführt haben.

Rtl.de berichtet gleich mehrfach:

News.de:

Oe24.at:

N-tv.de:

N24.de:

Die Geschichte kommt ursprünglich vom britischen Knallportal „Mail Online“ und sorgt seither europaweit für Empörung, angeblich haben sogar 30.000 Menschen eine Petition unterzeichnet, die eine Gefängnisstrafe für die Katzenbesitzerin fordert. Für viele deutsche Kommentarschreiber ist das noch zu wenig, sie fordern:

Diese Frau gehört erschossen!

diese Scheißbande sofort in Säure schmeißen…… aber vorher die Haut mit stumpfen Klingen ritzen

Deppate drecksnutte gehört verbrennt die sau!

Und was sagt die Beschuldigte? Laut N24.de ist sie sich …

keiner Schuld bewusst: Auf ihrem Blog rechtfertigt sie die Aktion.

Folgt man dem Link und liest, was dort steht (was leider weder N24 noch sonst irgendeiner der abschreibenden Journalisten getan hat), erfährt man ein nicht ganz unwesentliches Detail dieser Geschichte: Die Katze ist gar nicht tot. Sie lebt putzmunter (und schon deutlich weniger pink) bei einer neuen Besitzerin:

Im Text erzählt die neue Besitzerin, dass kein einziger Journalist sie kontaktiert habe, um zu überprüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.

„Es ist sehr traurig, dass die Menschen alles glauben, was in den Boulevardmedien steht, die nicht mal die Fakten checken.“

Elena Lenina, die die Katze gefärbt hatte und der nun Hunderte Menschen öffentlich den Tod wünschen, will juristisch gegen die Falschmeldungen vorgehen.

Mit Dank an Katharina K.

Nachtrag, 20.25 Uhr: N24 hat sich für den Fehler entschuldigt und den Artikel gelöscht.

In der Gaga-Bäckerei der EU

Mensch, diese EU schon wieder.

Schon wieder eine Gaga-Verordnung aus der EU!

(„Bild“)

Ist das Gaga? Nein: EU!

(rtl.de)

Neuer EU-Wahnsinn: Bald kommt das Kuchen-Gesetz

(„Focus Online“)

Das „Kuchen-Gesetz“, über das sich die Journalisten so aufregen, ist die neue Lebensmittelverordnung, die ab dem 13. Dezember greifen soll. Und warum die so gaga ist, erklärt „Bild“ auf der heutigen Titelseite so:

Schon wieder eine Gaga-Verordnung aus der EU, die vor allem Eltern richtig nerven wird!

Ab 13. Dezember gilt die neue Lebensmittelverordnung, wonach künftig auch bei lose angebotenen Lebensmitteln (Kuchen, Schnittchen, Salate) alle Inhaltsstoffe aufgeführt werden müssen. Heißt im Klartext: Wer z. B. Einen Kuchen für einen Basar oder ein Fest im Kindergarten oder in der Schule backt, muss künftig eine exakte Zutatenliste mitliefern.

Das wäre tatsächlich ziemlich bescheuert — wenn es denn stimmte. Tut es aber nicht.

Die EU-Kommission erklärte heute bei Facebook:

Das ist – mal wieder – Quatsch. Neue Regeln zur Kennzeichnung von Lebensmitteln gibt es zwar ab Dezember – aber die gelten explizit nur für Unternehmen, und eben NICHT für Privatpersonen oder z.B. den Kuchenverkauf bei Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Auch die SPD-Europaabgeordnete Susanne Melior stellt klar:

„Eltern können natürlich weiterhin in Kindergärten und Schulen selbstgemachtes Essen zu den Geburtstagsfeiern, Frühlingsfesten und Weihnachtsbasaren mitbringen. Keine Kaffeerunde in Seniorenheimen ist gefährdet. Wer gelegentlich privat oder ehrenamtlich Essen spendet, fällt nicht unter die Kennzeichnungspflicht der neuen Lebensmittelverordnung.“

Und wer es jetzt immer noch nicht glaubt: Hier (S. 2, Punkt 15) steht es schwarz auf weiß:

Das Unionsrecht sollte nur für Unternehmen gelten, wobei der Unternehmensbegriff eine gewisse Kontinuität der Aktivitäten und einen gewissen Organisationsgrad voraussetzt. Tätigkeiten wie der gelegentliche Umgang mit Lebensmitteln und deren Lieferung, das Servieren von Mahlzeiten und der Verkauf von Lebensmitteln durch Privatpersonen z. B. bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder auf Märkten und Zusammenkünften auf lokaler Ebene sollten nicht in den Anwendungsbereich dieser Verordnung fallen.

Das hätte auch der (anonyme) Verfasser des „Bild“-Artikels wissen können, und dafür hätte er nicht mal in das Dokument schauen müssen. Denn schon vor einer Woche gab das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Anfrage des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Haase Entwarnung. Im „Westfalenblatt“ sagte Haase:

„Ich habe mir dazu vom Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigen lassen, dass ‚private‘ Veranstaltungen, darunter auch Feuerwehrfeste oder das Seniorencafé, von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind“

Und sogar „Bild“ selbst hat gestern online berichtet, dass die Verordnung „nicht für Speisenzubereitungen durch Privatleute“ gilt, die Kitas also weiter „krümeln dürfen“.

Im Streit um die „Kuchen-Verordnung“ der EU hat sich jetzt die Vernunft durchgesetzt…

In der Redaktion von „Bild“ natürlich nicht.

Mit Dank an Moritz D.

Mein lieber Frau Gesangsverein

Ein Shitstorm ist für die, die drinstehen, keine angenehme Sache. Doch wenn sie zu Unrecht drinstehen, wird es besonders beschissen.

Die Uni Leipzig muss sich derzeit viele Vorwürfe gefallen lassen. Der Stammtisch ist entsetzt, die Feuilleton-Chefs genauso, die sozialen Netwerke schreien auf. Und das alles wegen einer ziemlich banalen Entscheidung.

Rektorin, Dozentinnen, Wissenschaftlerinnen – da, wo früher in der Grundordnung der Universität Leipzig die sogenannte Schrägstrich-Variante genutzt wurde, also etwa Professor/Professorin, steht künftig ausschließlich die weibliche Personenbezeichnung. Eine Fußnote ergänzt, dass diese feminine Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

Bevor es jetzt zu Missverständnissen kommt, wollen wir das mal kurz erklären.

Der erweiterte Senat der Uni Leipzig hat in seiner Sitzung unter anderem über die Grundordnung, also die Verfassung der Hochschule diskutiert. Dabei ging es auch um die Frage, wie man die Personen bezeichnen soll, die in diesem Dokument vorkommen.

Bisher hatte die Uni die Schrägstrich-Variante genutzt. Das sah dann so aus:

Die Vertreter/innen der Gruppe der Hochschullehrer/innen, der Gruppe der akademischen Mitarbeiter/innen und der Gruppe der sonstigen Mitarbeiter/innen im Fakultätsrat, die Dekane/Dekaninnen, Prodekane/Prodekaninnen und Studiendekane/Studiendekaninnen sowie die Gleichstellungsbeauftragten werden für eine dreijährige Amtszeit gewählt.

Statt „Vertreter/innen“ könnte die Uni auch „Vertreter_innen“ schreiben. Oder „VertreterInnen“. Oder „Vertreter/Vertreterinnen“. Oder „Vertreterinnen und Vertreter“. Sie könnte auch — wie es bisher jahrzehntelang üblich war — einfach nur „Vertreter“ schreiben und in einer Fußnote klären, dass damit auch Frauen gemeint sind.

Sie könnte aber auch — und damit kommen wir zur neuen Variante an der Uni Leipzig — einfach nur „Vertreterinnen“ schreiben und in einer Fußnote klären, dass Männer damit auch gemeint sind.

In der Grundordnung – und zwar nur in diesem Dokument – sollen künftig also ausschließlich weibliche Personenbezeichnungen benutzt werden. Dies sei eine „spontane Entscheidung ohne politische Ziele“ gewesen, sagte der Professor, der die Variante vorgeschlagen hatte.

So viel zum Kern der Geschichte.

Nachzulesen war das alles erstmals in einem Artikel der Universitätszeitung „duz“:

Geschlechtergerechtigkeit - Uni Leipzig verweiblicht ihre Grundordnung - Nach 600 Jahren Männerdominanz setzt sich die Uni Leipzig auf feminine Personenbezeichnungen. Die Schrägstrich-Variante "Professor/Professorin" ist Geschichte. Ein Novum in Deutschland.

Der Artikel erschien am 31. Mai, danach geschah ein paar Tage lang erst mal gar nichts. Kaum jemand nahm Notiz von den Neuigkeiten aus Leipzig.

Bis der „UniSpiegel“ kam. Der übernahm den Text zu Beginn der Woche. Und „Spiegel Online“ verpasste ihm gleich mal eine knackigere Überschrift:

Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin

Fatalerweise hat sich der Erfinder dieser Schlagzeile den Artikel nicht richtig durchgelesen. Denn sie hat rein gar nichts mehr mit der eigentlichen Nachricht zu tun. Geschweige denn mit der Wahrheit.

Der Teaser macht es nicht gerade besser:

Das ist ein Novum in Deutschland: Nach 600 Jahren Männerdominanz schwenkt die Uni Leipzig radikal um und setzt nur noch auf weibliche Bezeichnungen: Der Titel „Professorin“ gilt künftig auch für Männer. „Jetzt läuft das mal andersrum“, freut sich eine Befürworterin im Hochschulmagazin „duz“.

Der „UniSpiegel“ erweckt in der Überschrift und im Teaser den Eindruck, als müssten die Studierenden künftig auch die männlichen Professoren als „Professorin“ ansprechen.

Doch das größte Problem ist: Einige haben diesen Unfug tatsächlich geglaubt.

Bild.de, 4. Juni:

Irsinn an der Uni Leipzig - Ab heute sagt man: "Herr Professorin"
Dass die Männer an den Universitäten dominieren, das war einmal. In Leipzig denkt man jetzt völlig neu: An der Uni heißen jetzt auch die Männer „Professorin“.

Bild.de, 5. Juni:

Gleichberechtigungs-Irrsinn in Leipzig - An der Uni heißen alle Dozenten jetzt Herr ProfessorinEs klingt wie ein Kalauer aus der Emanzen-Ecke: Ab sofort heißen männliche Dozenten an der Uni Leipzig nicht mehr „Herr Professor“, sondern „Herr Professorin“.
Mehr noch: Die neue weibliche Personenbezeichnung soll von nun grundsätzlich an der Uni verwendet und sogar im Statut der 600 Jahre alten Alma Mater festgeschrieben werden.

Bild.de, 5. Juni:

Jörg Junhold an der Uni-Leipzig - Zoo-Chef wird ProfessorinJörg Junhold übernimmt eine Honorarprofessur an der Uni Leipzig. Eine neue Regel an der Uni legt fest, dass künftig alle Dozenten mit Herr Professorin angesprochen werden – also auch Junhold. […] Die Bezeichnung Professorin ist künftig an der Leipziger Uni vorgeschrieben, unabhängig vom Geschlecht.

Berliner Kurier, 4. Juni:

Bald heißt es also Herr Doktorin, Herr Professorin etc. Und das ist gut und richtig – endlich Schluss mit plumper männlicher Dominanz.

Focus.de, 5. Juni:

Feminisierte Sprachreform - An der Uni Leipzig heißen nun auch Herren ProfessorinHerr Professorin? Ja, Herr Professorin, sollen Studenten der Uni Leipzig ihre männlichen Hochschullehrer künftig nennen.

rtl.de, 4. Juni:

"Guten Tag, Herr Professorin!": Gender-Wahn an der Uni LeipzigAlle männlichen Professoren sind jetzt Professorinnen. Der Rektor wird zur Rektorin – zumindest an der Universität Leipzig. Hier werden die männlichen Kollegen künftig mit weiblichen Titeln angeredet, auch in offiziellen Schreiben.

Berliner Zeitung, 4. Juni:

Sprachreform Uni leipzig - Hallo, Herr Professorin!
Mit einer kleinen Begriffsreform will die Universität Leipzig als erste in Deutschland umständliche sprachliche Gleichstellungsversuche beenden. In Texten künftig soll es nur noch eine Form geben: Professorin.

Heute.at, 5. Juni:

Gleichberechtigung - "Herr Professorin": 1. Uni schafft männliche Titel abKein Scherz! Die Universität in Leipzig (D) orderte jetzt an, außschließlich weibliche Bezeichnungen zu verwenden. Mit dem Wort „Professorin“ sind künftig auch Männer gemeint.

Süddeutsche.de, 6. Juni:

Ein Sprachstreit ist entbrannt, seit an der Uni Leipzig männliche Dozenten mit „Herr Professorin“ tituliert werden.

Die Welt, 7. Juni:

Sprachstreit - Herr Professorin, was denken Sie sich dabei?An der Uni Leipzig werden männliche Dozenten jetzt als „Herr Professorin“ bezeichnet. Problematisch ist daran nicht die falsche Grammatik, sondern das Sprach-Opfer im Namen des Feminismus.

All diese Journalisten und Kommentatoren waren also entweder zu faul, den ganzen Artikel zu lesen — oder sie haben ihn einfach nicht verstanden.

Doch selbst solche Medien, die die Entscheidung der Uni korrekt wiedergegeben haben, konnten sich nicht von dieser bescheuerten Formulierung lösen:

Kleinezeitung.at, 4. Juni:

"Herr Professorin" eckt an

„Süddeutsche Zeitung“, 5. Juni:

feminin12

Berliner Kurier, 5. Juni:

"Herr Professorin" - Leipziger Universität macht alle Männer zu Frauen

BR.de, 5. Juni:

Uni Leipzig wird weiblich - Respekt, Herr Professorin!

„Spiegel Online“, 5. Juni:

Sprachreform: Uni Leipzig verteidigt Herr Professorin

Tagesspiegel.de, 4. Juni:

Uni Leipzig schafft die männliche Schreibweise ab - Hallo, Herr Professorin!

Tagesspiegel.de, 5. Juni:

Gender-Debatte an der Uni Leipzig - Auch die FU Berlin erwägt den "Herrn Professorin"

Derwesten.de, 7. Juni:

Bildung - "Herr Professorin" - Nicht in Essen

Genau. Nicht in Essen, nicht in Leipzig, nicht in Sonstwo. „Herr Professorin“ gibt es nicht und wird es auch nicht geben! Ein für allemal: Diese Ansprache ist nichts weiter als eine Erfindung von „Spiegel Online“.

Dennoch entwickelte sich vergangene Woche eine hitzige Debatte, die zu großen Teilen auf diesem Trugschluss basierte. Viele Kommentatoren ereiferten sich über die (nie dagewesenen!) Pläne, „alle Fachkräfte nur noch als Frauen“ anzusprechen, in sozialen Netzwerken forderten Tausende den Rücktritt der Uni-Rektorin.

Selbst der Dekan der Juristenfakultät ließ in einer Erklärung (PDF) verkünden:

Wir missbilligen den Beschluss des Senats. Wir werden ihm nicht folgen. Kein männlicher Student der Juristenfakultät Leipzig muss damit rechnen, als „Studentin“ angesprochen zu werden.

Ähm, ja.

Natürlich darf man die Entscheidung der Uni kritisieren. Aber dann sollte man doch bitteschön bei den Fakten bleiben.

Die Uni sah sich jedenfalls gezwungen, eine Richtigstellung zu veröffentlichen. Darin heißt es, bei der „umfangreichen Berichterstattung zur neuen Grundordnung der Universität“ sei „ein klares Missverständnis zu Tage getreten“. Die Rektorin schreibt:

„Da wird von vielen ein Missverständnis gesät, als ob die neue Grundordnung so furchtbar viel verändern würde. Zur Klarstellung möchte ich sagen, dass diese Neuerung auf den Alltag an der Universität und auf den universitären Sprachgebrauch keinerlei Auswirkungen haben wird.“

Doch das Märchen vom deutschen „Herrn Professorin“ wird inzwischen sogar schon im Ausland erzählt.

Mit Dank an Simon, Thomas D. und Benjamin M.

Prince Charming

Prinz Harry, Dritter der britischen Thronfolge und von den Boulevard-Medien gern als arger Hallodri beschrieben, weilt ob seiner Pilotenausbildung derzeit im Städtchen Gila Bend in Arizona.

Die britische „Daily Mail“, als Quelle für seriöse Berichterstattung in etwa so tauglich wie die gesammelten Grimm’schen Märchen, berichtete vergangene Woche, der Prinz sei dort etwas reserviert empfangen worden:

Ron Henry, Bürgermeister der 1.700-Seelen-Gemeinde, in der viele Einwohner streng gläubige Christen sind, sagt, Harry solle aufpassen, da ihm sein Ruf als Frauenheld vorauseilt.

„Hier gibt es bestimmt einige Väter, die zu extremen Mitteln greifen würden, um ihre Töchter zu beschützen“, sagte Mr. Henry, 64. „Einige der Väter würden nicht zimperlich mit einem Prinz umspringen, der sich des Nachts vergnügt.“

(Übersetzung von uns.)

Mal mit, mal ohne Nennung der Quelle „Daily Mail“ hat sich diese Geschichte in den vergangenen Tagen auch in deutschsprachigen Medien verbreitet — zugegebenermaßen vor allem in solchen, die mit der Seriosität von Grimms Märchen nicht wirklich mithalten können: RTL.de, „Focus Online“, blick.ch, mopo.de oder der „Berliner Kurier“ hatten darüber berichtet.

Die Geschichte verliert allerdings ein wenig dadurch, dass die Stadtverwaltung von Gila Bend schon am Tag, als der Artikel in der „Daily Mail“ erschienen war, die angeblichen Zitate des Bürgermeisters brüsk zurückgewiesen hatte:

Unglücklicherweise hat die „Daily Mail“ am 7. November 2011 eine schäbige und erfundene Geschichte aufgeschrieben. Bürgermeister Henry erklärte: „Ich bin tief betrübt, dass die „Daily Mail“ Bemerkungen nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen, sondern auch vollständig erdichtet hat. Tatsächlich waren die negativen Bemerkungen die Worte des Reporters, der sich entschieden hat, eine Geschichte lieber aufzubauschen und zu erfinden, als die Wahrheit zu berichten. Ich würde niemals solche seltsamen Äußerungen machen. Wir haben enormen Respekt und Verehrung für Prinz Harry und die königliche Familie. Wir sind aufgeregt, stolz und geehrt, ihn in unserer Gemeinde zu haben, und wir werden alles dafür tun, dass sein Aufenthalt so angenehm wie möglich wird.“

(Übersetzung von uns.)

Mit Dank an Konstantin K.

Schöner Einbrechen bei Facebook

Es ist eine beunruhigende Meldung, die Bild.de da verbreitet:

Facebook-Zahlen: Hacker knacken 600.000 Konten pro Tag

Die Meldung, die auch auf anderen Nachrichtenwebsites zu finden ist, stammt von der Nachrichtenagentur Global Press, die schreibt:

„Problemfälle“ heißen sie offiziell bei Facebook – jeden Tag werden 600 000 Nutzer Opfer eines Identitätsdiebstahls, weil Hacker ihre Konten bei Facebook übernehmen.

Diese Zahl hat das größte soziale Netzwerk nun in einem Blog-Eintrag öffentlich gemacht und zugleich relativiert. Nur 0,06 Prozent aller täglichen Anmeldungen bei Facebook seien illegale Logins, da man jeden Tag rund eine Milliarde Zugänge zu registrierten Konten verzeichne. Das Netzwerk hat weltweit 800 Millionen Mitglieder.

Gehen wir mal der Reihe nach vor: Das Wort „Problemfälle“ taucht in der Mitteilung von Facebook, die sich im wesentlichen um neue Sicherheits-Funktionen dreht, gar nicht auf. Auch die Zahl von 600.000 stammt nicht von Facebook selbst, sondern von verschiedenen Medien, die sie auf Grundlage einer Infografik von Facebook ausgerechnet hatten. Das war übrigens schon vergangenen Freitag, also in Internet-Zeit vor ein paar Monaten.

Das Wichtigste aber: Die Zahl von 600.000 steht nicht für geknackte Konten, sondern für die Versuche, Facebook-Konten zu knacken. Vereitelte Versuche, wohlbemerkt.

msnbc.com führt dazu aus:

Der Facebook-Blogeintrag enthält eine Infografik, die die erfolgreichen Bemühungen des Netzwerks darlegt, Spam, Konto-Entführungen und andere Übel zu bekämpfen. Darin sagt Facebook, dass nur „nur 0,06% der mehr als 1 Milliarde Logins pro Tag kompromittiert“ seien. Die Seite sei in der Lage, die Anzahl der gestohlenen oder anderweitig gefährdeten Logins genau zu bestimmen, denn sie fordere die Möchtegern-Hacker mit zusätzlichen Authentifizierungsfragen heraus, indem sie Benutzer etwa bitte, Freunde auf Fotos zu identifizieren, sagte Sprecher Barry Schnitt.

„Das bedeutet, dass wir 600.000 mal am Tag einen Bösewicht davon abhalten, Zugriff auf ein Konto zu erhalten, obwohl er die Login-Daten und das Passwort eines Kontos erraten, ergaunert oder gestohlen hat“, sagt Schnitt. „Darauf sind wir sehr stolz.“

Eine unbekannte weitere Anzahl von Hack-Versuchen sei erfolgreich, sagte Schnitt, um hinzufügen, dass es sich dabei um „einen extrem geringen Prozentsatz“ von Konten handle.

(Übersetzung von uns.)

Korrekterweise müsste die Überschrift also nicht „Täglich werden 600 000 Facebook-Konten geknackt“ lauten, sondern „Täglich werden 600 000 Facebook-Konten nicht geknackt“. Denn die Anzahl der tatsächlich geknackten Konten kennt nicht mal Facebook. Sagen sie dort.

Mit Dank an Andreas N. und Josef Sch.

Sehen alle gleich aus (4)

Sehen alle gleich aus

Was liest man nicht so alles über die Promis dieser Welt: So ist seit vergangener Woche auf rtl.de zu lesen, dass die bekannte amerikanische Schauspielerin Lucy Liu in der Talkshow „The View“ über ihre Fehlgeburt gesprochen habe.

Lucy Liu: "Ich hatte eine Fehlgeburt"

Tatsächlich handelte es sich aber nicht um Lucy Liu, sondern um die Journalistin Lisa Ling, die früher selbst Co-Moderatorin von „The View“ war. Die erwähnte Folge der Talkshow wurde am vergangenen Dienstag (7. Dezember) aufgezeichnet am Freitag (10. Dezember) ausgestrahlt.

Lucy Liu war also weder schwanger, noch hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Auch der ihr von rtl.de zugedachte Ehemann Paul Song ist in Wahrheit der Gemahl von Lisa Ling, Lucy Liu selbst ist nicht einmal verheiratet. rtl.de verweist auf die Webseite „Secret Society of Women“, die Lucy Liu aufgrund ihrer Erfahrungen durch die Fehlgeburt mitbegründet haben soll, bemerkt jedoch nicht, dass auf dieser Seite nur von Lisa Ling die Rede ist. Immerhin das Alter stimmt — also das von Lucy Liu natürlich.

rtl.de ist das erste Medium im deutschsprachigen Raum (bzw. überhaupt), das die falsche Nachricht verbreitete, aber nicht das Einzige: Am 9. Dezember stiegen bunte.de und promiflash.de ein, am 10. Dezember schrieb auch blick.ch von Lucy Lius angeblicher Fehlgeburt. bunte.de machte aus der TV-Talkshow „The View“ gleich „The Viewer“.

Dabei wäre die Fehlgeburt Lisa Lings hierzulande höchstwahrscheinlich keine Nachricht wert gewesen, da Ling im Gegensatz zu Lucy Liu in Deutschland weitgehend unbekannt ist. Verwechselt werden die beiden aber auch in den USA: In einer Ausgabe von „The View“ erklärte Co-Moderatorin Star Jones deshalb den Unterschied zwischen beiden.

Mit Dank an Marlene H.

Nachtrag, 18.40 Uhr: rtl.de hat die Meldung ersatzlos gelöscht. Auf den anderen Seiten ist sie noch zu finden.

Nachtrag, 21. Dezember: promiflash.de hat seine Meldung auf Lisa Ling umgeschrieben.

Aus einer Mücke einen Bayern-Trainer machen

Luca Toni, Mittelstürmer beim FC Bayern, hat in seiner italienischen Heimat ein Interview gegeben. Natürlich ging es dabei auch um die Situation beim FC Bayern und die Diskussion um dessen Trainer Jürgen Klinsmann. Also fragte der Interviewer den Fußballer, wie es denn weitergehe in München, dass es Gerüchte über potentielle Nachfolger gebe und dabei auch der Name eines italienischen Trainers gefallen sei — ob er denn dazu etwas sagen wolle.

So richtig wollte Toni anscheinend nicht, denn sein erster Satz in der Antwort lautet:

„Nein, ich weiß nicht, was passieren wird. Jetzt werden wir sehen, ob sie [die Bayern] mit Klinsmann weiter machen wollen.“

Danach sagt er etwas, was vermutlich sogar jeder Fußball-Laie unterschreiben würde:

„Ich denke, es wird viel vom Ende der Saison abhängen. Dann wird der Verein sehen.“

Und schließlich sagt er noch, so diplomatisch wie es eben geht, über den durchaus renommierten Trainer und Landsmann Mancini folgendes:

„Es ist klar, wenn ein italienischer Trainer kommen würde — so gut wie Mancini — ich denke, es kann dem Ganzen nur gut tun und auch den Bayern!“

Man würde also dem Interview nicht unrecht tun, wenn man es so zusammenfassste: Luca Toni weiß nicht, wie es in der Trainerfrage in München weitergeht. Und er hält Italiener im Allgemeinen und Mancini generell für gute Trainer (was keine sonderlich exotische Meinung ist).

Das liest sich indessen aktuell in vielen deutschen Medien ganz anders. „Bild“, dem Bayern-Trainer in herzlicher gegenseitiger Abneigung verbunden, titelt:

Luca Toni spricht schon über Klinsis Nachfolger

Konsequenterweise lässt Bild.de die User aktuell schon mal über den bevorzugten neuen Bayern-Trainer abstimmen. Die Möglichkeit, für Klinsmann zu votieren, ist dabei erst gar nicht vorgesehen.

Die ‚Bild“-Überinterpretation wird eifrig übernommen:: Bei T-Online behauptet man, Toni habe sich „bereits Gedanken über einen Nachfolger gemacht“ und „empfiehlt einen italienischen Landsmann“. Bei sport1.de geht man sogar soweit zu behaupten, Toni habe Mancini als „Ideallösung genannt“ (das behauptet nicht mal „Bild“). Und schließlich geriet Toni sogar „ins Schwärmen“, als er auf Mancini angesprochen wurde, zumindest dann, wenn man sport.de (rtl.de) glaubt.

Ziemlich untergegangen ist in der Toni-schwärmt-von-Mancini-Euphorie, dass sich auch noch ein anderer Spieler des FC Bayern zu Wort gemeldet hat. In der „Süddeutschen Zeitung“ steht heute:

„Klinsmann macht derzeit eine schwere Phase durch. Die ganzen Attacken treffen ihn persönlich, aber auch uns Spieler und den gesamten Verein (…) In den letzten sieben Partien werden wir uns für ihn zusammenreißen. Um deutscher Meister zu werden, müssen wir alle zusammenhalten.“

Der Spieler heißt übrigens Franck Ribéry.