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Auf Opfer kann „Bild“ keine Rücksicht nehmen

Das ARD-Magazin „Panorama“ hat sich bei der „Bild“-Zeitung nach den von ihr und der „Bild am Sonntag“ veröffentlichten Fotos von den Opfern des Amoklaufes in Winnenden erkundigt:

„Hat die BamS-Redaktion diese Fotos von den Angehörigen oder Freunden erhalten oder sie aus dem Internet heruntergeladen?

Haben die Angehörigen dieser Veröffentlichung zugestimmt?

Wenn nicht, warum haben Sie die Fotos ohne Freigabe durch die Familien veröffentlicht?

Was sagen Sie zu dem Vorwurf des Vaters von Chantal S.: ‘Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.’“

„Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete schriftlich :

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Medienanwalt Christian Schertz widerspricht:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt, willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Der „Panorama“-Beitrag greift auch den Fall von Sara L. auf, einer jungen magersüchtigen Frau, die im vergangenen Jahr starb. Fotos: INTERNETGegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern hatte „Bild“ damals einen großen Artikel mit Fotos von Sara veröffentlicht, die das Blatt sich im Internet besorgt hatte (wir berichteten).

„Bild“-Sprecher Fröhlich gibt den Eltern indirekt die Schuld daran, dass „Bild“ das Schicksal ihrer Tochter ausgeweidet hat. Sie hätten Sara dadurch, dass sie einem Nachruf auf Sara im „Tagesspiegel“ zugestimmt hätten, zu einer „relativen Person der Zeitgeschichte gemacht“, behauptet Fröhlich:

„In solch einem Fall bedarf es keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.“

Unverbesserlich VII

"Die Mutter vom Container-Baby: Sie hielt ihrem Jungen Mund und Nase zu, bis er nicht mehr atmete"

So berichtet „Bild“ heute über eine Mutter, die ihren Säugling umgebracht und in einem Altkleider-Container abgelegt haben soll. „Bild“ zeigt ein unverfremdetes Foto der Frau und nennt die Straße und den Stadtteil, wo sie wohnt.

Die „Bild“-Zeitung tut also das, was sie andauernd in solchen Fällen tut: Sie zeigt, dass der Pressekodex und die Spruchpraxis des Presserats ihr herzlich egal sind – vom Persönlichkeitsrecht der Mutter ganz zu schweigen.

Die Amok-Opfer der „Bild am Sonntag“

Aus einem Internetforum:

Mein geschäft ist genau neben dem Geschäft von Herr K        , was meinst du wie viele Reporter zu mir kommen und mich belagerten und fragen gestellt haben. Am Samstag war es so gar so das die Bild am Sonntag für ein Bild von Herr K         mir 1500 € geboten und wenn die ganze Familie drauf sein sollte würde er sagar 4500 € zahlen, das meinte ich damit !!! Ich bekomm da ein hass !

Wir haben diese Behauptung sorgfältigst nicht überprüft. Wir können nicht sagen, ob sie stimmt. Unwahrscheinlich ist es nicht.

In der heutigen Ausgabe der „Bild am Sontag“ findet sich kein Foto von Herrn K., dem Vater des Attentäters von Winnenden, sondern nur ein Foto, mit dem Tim K. sich für die kaufmännische Privatschule bewarb, ein Foto, das seine zugedeckte Leiche auf dem Parkplatz zeigt, ein Foto von ihm als Zweijähriger („ein unschuldiges Lächeln“), ein Foto von Tim K. mit seiner Großmutter („Der Amokläufer liebte ihre handgeriebenen Spätzle“), ein Foto vom Haus seiner Familie, ein Foto von ihrem Türschild und ein Foto, das angeblich den Teich im Garten zeigt („Vater [...] und Sohn Tim waren leidenschaftliche Sammler von Koi-Karpfen“).

Die „Bild am Sonntag“ hat sich zudem entschieden, ihre Anteilnahme mit den Todesopfern dadurch auszudrücken, dass sie alle, von denen sie Fotos auftreiben konnte, und das sind 14 von 15, auf der Titelseite groß herausbringt:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Auf fünf Seiten im Inneren zeigt sie noch einmal Fotos und erzählt Details aus dem Leben von jedem einzelnen der meist jungen Mädchen.

„Witwenschütteln“ nennt man in der Branche die übliche Recherchemethode für solche Geschichten. Besonders groß scheint die Bereitschaft vieler Angehöriger und Freunde, der „Bild am Sonntag“ den Stoff zu liefern, allerdings nicht gewesen zu sein. Einige der Artikel sind offenkundig mühsam aus dem zusammengestrickt, was die Internetseiten der Opfer zum Beispiel über ihre Hobbys verrieten. In den sozialen Netzwerken wie Kwick hat sich „Bild am Sonntag“ auch bedient, um Fotos der Opfer zu bekommen.

Und über eines der getötetes Mädchen schreibt die „Bild am Sonntag“:

[...] hatte an die Haustür des Mehrfamilienhauses in [...] einen Zettel geklebt, auf dem sie sich bei den Nachbarn entschuldigte, sollte die Party lauter werden. Unter den Gästen: bestimmt auch ihre beste Freundin, mit der sie oft zu Hip-Hop-Musik auf der Straße tanzte. Sie stellte ein Foto von [...] am Ort des Schreckens auf. „Abf 4 ever“ steht darauf — „Allerbeste Freunde für immer“. Es zeigt die beiden Mädchen in inniger Umarmung.

Auf dem Foto, das die „Bild am Sonntag“ von dem Opfer zeigt, ist nur ihr Kopf zu sehen. Aber man kann noch erkennen: Es zeigt sie in inniger Umarmung mit einem anderen Mädchen. Auf dem Fotopapier scheinen Regentropfen zu liegen. Es ist leicht zu erraten, wie die „Bild am Sonntag“ wohl an dieses Foto gekommen ist.

Mit Dank an Andreas S.!

Tim K. bei AmokVZ nicht registriert

Auch die „Bild“-Zeitung nutzt seit kurzem den Kurznachrichtendienst „Twitter“ und veröffentlicht dort nicht nur Hinweise auf neue Bild.de-Artikel, sondern auch kurze Botschaften aus der Redaktion.

Diesem „Tweet“ von heute Nachmittag über den Amokläufer von Winnenden kann man die Enttäuschung geradezu anhören:

(„Bild“ hat natürlich trotzdem private Fotos des Täters aufgetrieben.)

Mit Dank an Tobi H. und Matthias W. für den Hinweis.

Mehr über „Bild“ und soziale Netzwerke als Quellen:

Kein Fehler von allen ohne „Bild“

Auf die Gefahr, als Korinthenkacker verschrien zu werden, aber an der Geschichte, die da am 31. Mai vergangenen Jahres in „Bild“ erschien…

…sind ein paar Details anscheinend nicht ganz richtig:

  • Die 16-jährige Tochter hatte für die Party nicht auf „Facebook“, sondern auf „Bebo“ geworben.
  • Das Haus wurde nicht verwüstet, sondern es entstand nur ein kleiner Schaden an einer Tür.
  • Es gab keinen Alkohol.
  • Die Mutter war während der Party nicht weg, sondern anwesend.
  • Der Fernseher wurde nicht in den Pool geworfen.
  • Die Treppen wurden nicht zerstört.
  • Die Teppiche wurden nicht versaut.
  • „Mamas Schmuck“ wurde nicht gestohlen.
  • Es entstanden nicht mehrere 10.000 Euro Schaden.

Alles andere könnte stimmen.

Das Märchen von der aus der Kontrolle geratenen „Facebook“-Party ist keine exklusive „Bild“-Ente. Die Geschichte ging um die Welt, und das Internet ist noch voll davon. (Der Kölner „Express“ verwechselte in seiner Version, die mit den Sätzen endet: „Die Polizei musste die Party beenden. Und Mami hat ganz doll geschimpft“, zudem die Namen von Mutter und Tochter.)

Die Geschichte landete gestern vor einem Londoner Gericht. Der Anwalt der Mutter hat aber nach einem Bericht des „Guardian“ seine Klage gegen eine ganze Reihe britischer Medien zurückgezogen, nachdem sie sich korrigiert und „erhebliches“ Schmerzensgeld gezahlt hatten. „Daily Mail“, „Daily Telegraph“, „Daily Mirror“, „The Sun“, „The London Paper“ und „Daily Express“ entschuldigten sich öffentlich bei der Mutter.

„Bild“ scheint sie nicht verklagt zu haben.

(Und wenn Sie gerade ein Déjà-Vu haben — wir auch.)

Mit Dank an „Regret The Error“.

„Topmodel“ Tessa wehrt sich gegen „Bild“-Video

Manche Dinge lassen sich ganz schnell erzählen.

In der Nacht zum 19. Februar veröffentlichte „Bild“ im Internet ein Video, das die 19-jährige Tessa Bergmeier (momentan Kandidatin der Pro7-Show „Germany’s next Topmodel“) zeigte. Es war ein wackeliges Privatvideo, aufgenommen von Bekannten – und zeigte Tessa im Spätsommer 2008, wie sie nachts am Rande eines Kornfelds im Scheinwerferlicht eines Autos posierte und anzügliche Bewegungen machte. Sie war kaum bekleidet und offensichtlich stark angetrunken. Besonders freizügige Sequenzen wiederholte „Bild“ in Zeitlupe und textete:

Wer tanzt da betrunken durch Nacht und Wind? Es ist Tessa, das betrunkene Kind. Sie torkelt rum, sie fällt fast um, das „Topmodel“ von Heido Klum. (…) Ja, ‘ne echt geile Show. Das wird bestimmt Heidi Klum genauso sehen…

Inzwischen ist das Video auf Bild.de verschwunden.

Nach unseren Informationen war Tessa nicht einverstanden, dass „Bild“ die „echt geile Show“ privaten Szenen ohne ihr Wissen mit der Öffentlichkeit teilte (in der sich das Video unter Berufung auf „Bild“ weiter- und weiterverbreitete) – und hat mit Unterstützung eines Anwalts dafür gesorgt, dass „Bild“ das Video aus dem Online-Angebot entfernt. Dort heißt es jetzt nur noch, dass das Video „BILD vorliegt“.

  • Mehr zu „Bild“ und GNTM hier.

„Bild“ stützt Althaus mit „raschen, festen Schritten“

„Mediale Kumpanei“ – Unter diesem Titel fasst das NDR-Medienmagazin „Zapp“ Merkwürdigkeiten in der „Bild“-Berichterstattung über den Thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus zusammen, der sich seit nunmehr sieben Wochen in einer Klinik von den Folgen eines schweren Skiunfalls erholt und dessen Vater kürzlich verstarb.

Von der Beerdigung des Vaters nämlich, zu der laut „Zapp“ für die zahlreichen Journalisten ein „Fotoverbot“ angeordnet worden war, berichtete „Bild“-Reporter Jan Wehmeyer über Althaus:

Ganz vorsichtige Schritte macht er, zu sehr geschwächt ist er nach seinem schweren Skiunfall (…). Gestützt von Ehefrau Katharina (47) nahm der Politiker auf der Bank Platz. Blasses Gesicht, die linke Hand ist verbunden. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP beschreibt, wie Althaus sich mehrfach nach vorne beugte, „als werde er vom Schmerz übermannt; auch musste er sich oft hinsetzen“. Bei Gesängen bewegte Althaus nur die Lippen. (…)

Und ähnlich war auch die quasi einhellige Einschätzung anderer Medien (die zudem vom Bruder des Ministerpräsidenten Bernd Uwe Althaus in einem ungewöhnlich ehrlich wirkenden MDR-Interview bestätigt wird).

Dennoch stand bereits einen Tag nach obigem „geschwächt“-Artikel etwas ganz anderes in „Bild“. Unter der Überschrift „Rückkehr! Althaus will Ministerpräsident in Thüringen bleiben“ und illustriert mit einem Exklusiv-Foto am Grab seines Vaters (ohne Quellenangabe) schrieb wiederum „Bild“-Reporter Wehmeyer:

(…) Kurz darauf verlässt Althaus (schwarzer Wollmantel, breitkrempiger Hut) mit festen, raschen Schritten den Friedhof, wird wieder in die Reha-Klinik nach Allensbach zurückgefahren. Die Genesung des Ministerpräsidenten von seinem Schädel-Hirn-Trauma macht weiter Forschritte. (…) Mittlerweile ist klar: Dieter Althaus wird schon bald in die Politik zurückkehren. (…)

Laut „Zapp“ ist das Exklusiv-Foto „offenbar kein heimlicher Schnappschuss“. So hält es ein Redakteur der „Thüringer Allgemeinen“ für „sehr gut inszeniert“, und Christiane Kohl von der „Süddeutschen Zeitung“ wiederholt noch einmal, was sie (wie auch „Spiegel Online“) bereits aufgeschrieben hatte: dass ihr nämlich aus CDU-Parteikreisen bestätigt wurde, Althaus habe das Foto in der „Bild“-Zeitung „bestellt“.

Déjà Vu?

Ob Althaus oder Schröder, Steinmeier oder Friedbert Pflüger, ob RWE, Lufthansa, E.on, McDonalds oder bloß (und immer) „Pop-Titan“ Dieter Bohlen – es scheint, als bedeute „unabhängig“ und „überparteilich“ für die „Bild“-Zeitung nur, dass es ihr letztlich egal ist, für wessen Interessen sie sich einspannen lässt.

Bei entsprechender Gegenleistung ist „Bild“ offenbar bereit, sogar die Beschreibung der Wirklichkeit entsprechend anzupassen – und sei es, wie im Fall Althaus, von einem Tag auf den anderen um 180 Grad.

„Bild“ und „B.Z.“ dürfen Klar weiterhin nicht zeigen

Anfang Januar zeigten die „Bild“-Zeitung und ihre Schwesterzeitung „B.Z.“ mehrmals groß und auf der Titelseite aktuelle Paparazzi-Fotos des Ex-RAF-Terroristen Christian Klar. Die „B.Z.“ ließ zudem ihren Anwalt Jan Hegemann im Blatt erklären:

"Die Berichterstattung einschließlich der Fotoveröffentlichung ist zulässig."

Wenig später untersagte das Berliner Landgericht „Bild“, Bild.de und „B.Z.“ auf Antrag von Klars Anwalt per einstweiliger Verfügung, die Fotos von Klar zu zeigen.

Gegen diese Unterlassungsverfügungen legte der Axel Springer Verlag Widerspruch ein (wir berichteten hier, hier, hier und hier).

Wie „Spiegel Online“ meldet und uns eine Landgerichts-Sprecherin bestätigt, lehnte das Gericht heute die Widersprüche des Axel Springer Verlags ab. „Bild“, Bild.de und die „B.Z.“ dürfen zwar über Christian Klar berichten, aber weiterhin keine aktuellen Fotos von ihm ohne seine Erlaubnis veröffentlichen. Insoweit räumte das Gericht dem Resozialisierungsgedanken Vorrang vor dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit an Klars Aussehen ein.

Der Axel Springer Verlag kann Berufung gegen das Urteil einlegen, und es würde uns nicht überraschen, wenn er das auch tut.

Mit Dank an Thomas S. für den Hinweis.

Unter den Blinden ist der „Augenzeuge“ König

Am 21. Dezember vergangenen Jahres schrieb die „BamS“ unter Berufung auf einen „Augenzeugen“ über die TV-Moderatorin „Susanne Kronzucker (43, seit 14 Jahren verheiratet)“:

"Hier motiviert Susanne Kronzucker ihren Kameramann fürs nächste Jahr"

Dazu druckte die „BamS“ ohne Quellenangabe zwei Paparazzi-Fotos des Augenzeugen.

Gestern berichtete die „BamS“ erneut über die „schmusige Weihnachtsfeier“. Diesmal unter der Überschrift:

"Gegendarstellung"

Die endet so:

"Anmerkung der Redaktion: Frau Kronzucker hat Recht"

„Bild“-Redakteurin war LKA-Informantin

„Ließ die Polizei die CDU von Journalisten bespitzeln?“ und „Arbeitete ein ‘Bild’-Journalist für LKA oder Geheimdienst?“, fragte vor zwei Wochen die „Frankfurter Rundschau“ — und beantwortete die Frage eine Woche später unter der Überschrift:

‘Bild’ Leipzig berichtet — fürs LKA

Hintergrund ist ein dreiseitiger Aktenvermerk, den der sächsische Landtag mit einer Kleinen Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Volker Schimpff unlängst öffentlich machte.

Der faksimilierte Vermerk, nachzulesen auf der Internetseite des Sächsischen Landtags (Drucksache 4/14207, [pdf]), enthält zunächst die (geschwärzten) Namen damals hochrangiger Amts- und Würdenträger in Leipzig (darunter der Oberstaatsanwalt, der Justizminister, ein Ex-Innenminister sowie ein Ex-Präsident des Fußballvereins VfB Leipzig) und trägt die Überschrift:

[Ausriss] Mitteilung durch BILD Leipzig am 02.06.98

Nach Auskunft des sächsischen Innenministers Albrecht Buttolo stammt die „Mitteilung“ „aus der polizeilichen Ermittlungsakte des Landeskriminalamtes“ und „gibt ausschließlich die Äußerungen einer für die ‘Bild’-Zeitung tätigen Person wieder“. Ihr Inhalt: schwerwiegende Verdächtigungen und Gerüchte, aufgelistet in über 50 Einzelpunkten – übler Klatsch und Tratsch, der tatsächlich genau so klingt, wie man sich vorstellt (oder weiß), dass es klingt, wenn „Bild“-Mitarbeiter geschwätzig werden. Also beispielsweise so:

  • die                 soll den                 kennen
  •                 soll ein ehemaliger Schulfreund des                 sein
  • die angeblich enga[g]ierte Staatsanwältin Frau                 (…) sei durch                 ‘kaltgestellt’ worden
  • sie bearbeite jetzt, so gegenüber BILD, „Karnickeldiebstähle“
  • durch BILD wurde                 auf den Namen                 angesprochen, worauf                 kreidebleich geworden sein soll
  • angeblich gebe es Verstrickungen einiger Personen (auch                ) zu Kinderbordellen
  • es soll ein Video über sexuelle Praktiken des                 an Kindern existieren
  •                 und                 sollen den                 kennen, welcher auf der Merseburger Straße in Leipzig einst ein Kinderbordell betrieben haben soll
  • ein gewisser                 habe angeblich offiziell Selbstmord begangen, eventuell wurde dabei „nachgeholfen“
  • BILD habe                , welcher im Zusammenhang mit dem Verschwinden des                 steht, gefragt, wo denn                 sei. Es wurde entgegnet, dass sie abhauen sollen, sonst gehe es ihnen wie                , danach habe                 gelacht

Nach unseren Informationen handelt es sich bei dem „Bild“-Mitarbeiter (den die „Leipziger Volkszeitung“ am Mittwoch noch vorsichtig „einen Journalisten beziehungsweise eine Journalistin aus dem Bereich Boulevard aus Leipzig“ nannte) um die „Bild“-Redakteurin Angela Wittig.

Wenn Wittig nicht (wie neulich) einen offensichtlich Unschuldigen als „Kinderschänder“ vorverurteilt, schreibt sie Artikel, die „Bild“ anschließend so präsentiert:

  • Übler Scherz am Arbeitsplatz: Druckluftpistole am Po – Darm geplatzt!
  • Mutter zeigt Staatsanwalt an: Weil er den Vergewaltiger ihrer Tochter laufen ließ
  • Beim Frauenarzt wurde ich weggeschickt – Jetzt ist mein Baby tot
  • Straßenbahn-Prügler flennt vor Gericht: Plötzlich ist er ein kleiner Hosenscheißer
  • Sie haben ihr Kind ins Koma geprügelt… jetzt knutschen sie vor Gericht!
  • Todesspritze für die Killerhunde… es sei denn, Seppel, Mausi und Sternchen bestehen den Verhaltenstest
  • Skandal um angebliche Sex-Orgien im Leipziger Rathaus: BILD zeigt das geheime Bett im Büro des OB

„Focus“ vs. Wittig

Im Juni 2008 setzte Angela Wittig eine Gegendarstellung zu einem am 2.2.2008 unter der Überschrift „Schlamassel im Puff“ veröffentlichten „Focus“-Bericht durch (mehr dazu hier) und widersprach darin mehreren „Focus“-Behauptungen über sie. Der „Focus“ ergänzte den Abdruck der Gegendarstellung um die Anmerkung:

„Alle Ermittlungen zu einer angeblichen Justizverschwörung, über die Frau Wittig in ‘Bild’ berichtete, sind von der Staatsanwaltschaft Dresden als ‘substanzlos’ eingestellt worden. Sie seien, so die Staatsanwaltschaft Dresden, Produkt ‘einer Verschwörungstheorie’ gewesen.“

Angela Wittigs Name tauchte zudem im vergangen Jahr im Zusammenhang mit dem vermeintlichen „Sachsensumpf“ auf (grundsätzliches dazu hier, hier, hier, hier oder hier bzw. hier). Laut „Focus“ waren die vermeintlichen „Verstrickungen [sächsischer Justizbeamter] zu Kinderbordellen“, die bereits in der „Mitteilung durch BILD Leipzig“ aus der Polizeiakte kolportiert wurden, von Wittig auch via „Bild“-Zeitung „kräftig befeuert“ worden (was Wittig offenbar eine Strafanzeige wegen Verleumdung und dem „Focus“ eine Gegendarstellung Wittigs einbrachte, siehe Kasten).

Und so schreibt nun auch die „Frankfurter Rundschau“, die Beschuldigungen aus 1998 seien dem „Berg aus Gerüchten“ auffällig ähnlich, der „im Frühjahr 2007 als gewaltige Sumpf-Affäre über Sachsen schwappte“, sich aber „ein Jahr später und nach gründlichen Untersuchungen unabhängiger Ermittler und der Bundesanwaltschaft als gigantischer Humbug herausstellte“. Auch für die „Leipziger Volkszeitung“ liest sich die „Mitteilung durch BILD Leipzig“ „wie eine frühe Version dessen, was in der Aktenaffäre 2007 unter dem Codenamen Abseits III für Aufsehen sorgte“.

Ob „Bild“-Frau Wittig das journalistische Sakrileg beging, der Polizei als Informant ihre schmutzigen und zum Teil haltlosen Gerüchte anzuvertrauen (womöglich in der Hoffnung, im Gegenzug ebenfalls bevorzugt informiert zu werden) oder ob Wittigs Äußerungen ihren Weg anderweitig in die LKA-“Mitteilung“ fanden, ist noch ungeklärt – außer für „Bild“. Die „Morgenpost Sachsen“ zitiert „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich mit der Aussage:

„Kein Mitarbeiter von BILD Leipzig hat unseres Wissens nach als Informant für das LKA gearbeitet.“

Wir haben die Wörter „unseres Wissens“ mal gefettet, wundern uns aber nicht, dass Wittig nach wie vor für „Bild“-Leipzig arbeitet.

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