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Absturz des Journalismus

Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.

Als BILDblogger schaut man jeden Tag in die Abgründe des Journalismus, aber es gibt Tage, an denen vor lauter Abgründen kaum noch Journalismus zu sehen ist. Gestern war so ein Tag.

Am frühen Mittag, weniger als eine Stunde nachdem bekannt geworden war, dass die Germanwings-Maschine 4U9525 über Frankreich abgestürzt ist, umfasste der Liveticker bei Bild.de schon über 35 Einträge. Bei „Focus Online“ über 20.

Das ist eine dieser furchtbaren Eigenarten des deutschen Onlinejournalismus: Dass die Portale in den ersten Stunden nach solchen medialen Großereignissen alles rausjagen, was sie in die Finger kriegen, egal, wie irrelevant, spekulativ oder nichtssagend die „Nachricht“ auch sein mag. Hauptsache Content. Hauptsache Klicks.

Bild.de zum Beispiel.
@fernsehkritiktv).
Letztere „Nachricht“ wurde allerdings von niemandem so schamlos fürs Clickbaiting missbraucht wie von „Focus Online“ und „Huffington Post“:
wie blöd geklickt werden: Einer der Artikel, die in den sozialen Netzwerken gestern am meisten herumgereicht wurden, war: „Rapper Moneyboy verhöhnt 4U9525-Absturz“ — selbstverständlich erschienen bei „Focus Online“.

Selbst das Alter der abgestürzten Maschine wurde von einigen Medien als (erschreckende) Sensation verkauft:

völlig normal.

Besonders problematisch wird diese gedankenlose Veröffentlichungswut dann, wenn Gerüchte genauso behandelt werden wie gesicherte Fakten. Frank Schneider etwa, NRW-Chefreporter der „Bild“-Zeitung, twitterte gestern Nachmittag, dass „unbestätigten Informationen“ zufolge zum Zeitpunkt des Absturzes „ein starkes Gewitter über der Region getobt“ habe.

Obwohl nicht mal eine Quelle angegeben war, übernahm Bild.de den Tweet gleich im Liveticker:

Fehlinformation gewesen war — da war sie aber schon längst im Umlauf:

(Aus der Kommentarspalte bei „Zeit Online“.)

Ein anderes Beispiel von heute:

doch ausgewertet werden konnte. Was „Bild“ dann auch gleich wieder vertwitterte …

… natürlich ohne auf den eigenen Fehler hinzuweisen.

Es sind vor allem diese halbgaren, nicht überprüften Informationen, die die unnötige Sensationsgier befeuern. Lieber schnell was Falsches rauskloppen, das man später lautlos kassieren kann, als sich Ewigkeiten um bestätigte Inhalte zu bemühen.

Aber es gibt auch positive Beispiele. „Zeit Online“ zum Beispiel oder Sueddeutsche.de haben sich gestern (und auch schon davor, bei ähnlichen Ereignissen) sichtlich bemüht, keinen unnötigen Quatsch zu veröffentlichen und sich möglichst auf die gesicherten Fakten zu konzentrieren. Sueddeutsche.de leitete den Artikel (ähnlich wie der „Guardian“ oder die „New York Times“) auch mit „Was wir wissen“ und „Was wir nicht wissen“ ein.

So dauert es zwar deutlich länger, bis man seine Leser mit Informationen versorgen kann, aber Journalismus braucht eben manchmal Zeit. Das vergessen seine Macher und seine Nutzer — gerade in solchen Situationen — leider viel zu oft.

***

Gegen 13 Uhr tauchten dann die ersten Fotos von Angehörigen auf. Ganz vorne mit dabei, mal wieder: Frank Schneider, NRW-Chefreporter der „Bild“-Zeitung.

Immerhin: Die Gesichter waren nicht zu erkennen. Noch nicht.

Eine knappe Stunde später — der Liveticker bei Bild.de umfasste inzwischen über 70 Einträge — veröffentlichte Bild.de dann die erste Großaufnahme von weinenden Angehörigen. Ohne Quellenangabe. Und ohne Verpixelung.

Auch auf der Startseite war das Foto riesengroß und ohne jede Unkenntlichmachung zu sehen:

„Bild“-Chef Kai Diekmann rechtfertigte die Veröffentlichung damit, dass andere Medien sowas ja auch machen:

Erst nachdem sogar eingefleischte „Bild“-Leser das unverpixelte Foto kritisiert hatten, nahm Bild.de es wieder runter.

Ohnehin gab es gestern viel Kritik an der Berichterstattung der Medien, vor allem, wenn es um Fotos von trauernden Angehörigen ging. Und in manchen Fällen brachte es tatsächlich etwas: „RP Online“ zum Beispiel hatte zunächst eine 14-teilige Klickstrecke von trauernden Angehörigen veröffentlicht (deren Gesichter immerhin verpixelt waren), doch nachdem sich einige Leser massiv beschwert hatten, nahm das Portal die Strecke wieder offline.

Eine Praxis, wie sie für Burdas Journalismusimitationsportale „Focus Online“ und „Huffington Post“ natürlich niemals infrage käme. Bei „Focus Online“ sind die unverpixelten Angehörigen auch heute noch zu sehen:

Und bei der „Huffington Post“ hatten sie nicht mal ein Problem damit, die weinenden Gesichter fast über die gesamte Breite der Startseite zu legen:

Darunter sah es übrigens — ungelogen — so aus:

Da wundert es auch nicht, dass sich die Mitarbeiter von „Huffpo“ und „Focus Online“ sofort auf jeden stürzten, der auch nur annähernd möglicherweise irgendwen kennen könnte, der vielleicht fast im Flugzeug gesessen hätte:

Sie bekamen folgende Antwort:

***

Aber nochmal zurück zu den Fotos von trauernden Angehörigen. Auch in vielen sogenannten seriösen Medien waren gestern etliche (Bewegt-)Bilder von weinenden Menschen zu sehen, in den meisten Fällen ohne jede Unkenntlichmachung.

Die „Tagesthemen“ etwa zeigten sowohl trauernde Schüler als auch trauernde Angehörige — alle unverpixelt.

„ZDF heute“ hatte zwar die Schüler unkenntlich gemacht, zeigte dann aber — unverpixelt — weinende Angehörige in Spanien, die noch verzweifelt versuchen, sich zum Schutz vor den Kameraleuten Jacken vor ihre Gesichter zu halten.

Das „heute journal“ verzichtete zwar auf Bilder von Angehörigen, zeigte allerdings trauernde Schüler — unverpixelt.

N24 zeigte sowohl unverpixelte Angehörige als auch unverpixelte Schüler.

„RTL aktuell“ gab sich spürbar Mühe, Angehörige und Schüler nur von hinten oder aus weiter Entfernung zu zeigen. Dafür brachten sie ein (großflächig unkenntlich gemachtes) Klassenfoto und zeigten eine Animation des (geratenen) Flugverlaufs, bei der das Flugzeug am Ende in einem Feuerball explodiert.

Sat.1 zeigte in einer Sondersendung sowohl das (unkenntlich gemachte) Klassenfoto als auch unverpixelte Bilder von trauernden Schülern. Und: trauernde Angehörige im Großformat, in Zeitlupe und mit trauriger Klaviermusik hinterlegt.

Und selbst die „Tagesschau“ zeigte in ihren Ausgaben um 16 und 17 Uhr die Gesichter weinender Angehöriger in Spanien. Erst für die Hauptausgabe um 20 Uhr hatte die Redaktion die Gesichter verpixelt. Allerdings auch nur im Beitrag selbst. Am Anfang der Sendung war im Hintergrund ein großes Foto weinender Angehöriger zu sehen — unverpixelt.

***

Neben den hier dokumentierten Fällen sind freilich noch viel mehr eklige Dinge passiert, auf die wir aus Zeit- und Nervengründen gar nicht alle eingehen können — etwa auf das Clickbaiting, auf die Rumspekuliererei, auf Franz Josef Wagner — aber es wäre schon sehr viel geholfen, wenn sich die Journalisten in Zukunft wenigstens das zu Herzen nehmen würden, was Lorenz Meyer hier zusammengestellt hat:

Mit Dank an alle Hinweisgeber, inbesondere an Bernhard W., Jonas J. und Simon H.!

N24  

Deep Space Six

Der Tod von Osama bin Laden ist natürlich ein Segen für diejenigen Fernsehsender, die — wenn es nicht gerade eine superspannende Doku über das Ufoprojekt der Nazis gibt — den lieben langen Tag Nachrichten senden müssen.

Beim Versuch, den Zuschauer über jedes noch so kleine Detail zu informieren, kam der Nachrichtensender N24 gestern Mittag auch bei der United States Naval Special Warfare Development Group an, die am Einsatz gegen Osama bin Laden beteiligt war. Besser bekannt ist diese Spezialeinheit der US Navy unter ihrem alten Namen SEAL Team Six.

Nachdem Moderator Mick Locher ausführlich über die Ausbildung, Ausrüstung und Fähigkeiten der Navy SEALs gesprochen hat („Also die waren bis an die Zähne bewaffnet.“), blendet die Regie folgendes Emblem ein:

fail

Unbeirrt fährt Locher fort:

Und sie haben auch dieses Team Six, das diesen Einsatz durchführte. Da hat man auch nicht umsonst den Totenkopf -schädel im Emblem.

Und schon geht es weiter mit einer animierten Simulation des Einsatzes.

Aber sehen wir uns doch dieses Emblem ein wenig genauer an: Ein Adler mit einem Phaser, ein Dreizack, ein von drei Bat’leths umrahmter Klingonenschädel, der Schriftzug „MAQUIS SPECIAL OPERATIONS“

Man könnte meinen, die Navy SEALs wären echte Star-Trek-Fans. Sind sie aber nicht, denn das echte Emblem von SEAL Team Six sieht — übrigens mit Adler und Dreizack, aber ohne Totenschädel — so aus:

Team Six

Das Logo, das N24 gezeigt hat, und das womöglich eine Google-Bildersuche zum Thema „SEAL Team Six“ zu Tage förderte, stammt vom Star-Trek-Fan-Wiki Maquis Forces International. Das Logo (hier in groß) wurde von einem Fan für ein fiktives Maquis SEALS Team Six in Anlehnung an das echte SEAL Team Six entworfen. Unter dem Logo steht:

A possible Team 6 Logo.

Wer sich das ganze live ansehen will, findet den Beitrag im Mediacenter von N24 in der Rubrik „Politik“. Der Beitrag heißt: Mick Locher zum Angriffshergang (Timecode: 1:05)

Mit Dank an Michael R.

Nachtrag, 7. Mai: N24 hat offenbar den gesamten Beitrag aus dem Mediacenter entfernt.

Schadensersatz für geklautes „Todes-Video“

Es war eine selbst für „Bild“-Verhältnisse außerordentliche Lügengeschichte.

Am 29. Juni 2007 machte das Blatt groß mit der Meldung auf, es sei ein Video „aufgetaucht“, das den tödlichen Fallschirmsprung des FDP-Politikers Jürgen Möllemann zeige. (In Wahrheit waren das Video und sein Inhalt längst bekannt; auch „Bild“ hatte schon darüber berichtet.) Die Aufnahmen würden „alle Spekulationen“ beenden und beweisen, dass Möllemann Selbstmord begangen habe. (In Wahrheit hatte die Staatsanwaltschaft das Video bei ihren Ermittlungen vier Jahre zuvor ausgewertet und war trotzdem zu dem Ergebnis gekommen, weder Unfall noch Selbstmord seien auszuschließen.) Fast die gesamten deutschen Medien übernahmen zunächst die falschen Behauptungen von „Bild“.

Am nächsten Tag drehte „Bild“ die Desinformationsschraube noch weiter. Aus dem Hinweis der Staatsanwaltschaft, dass das alles alt sei, machte sie einen Satz, der das Gegenteil suggeriert: „Auch die Staatsanwaltschaft Essen meldete sich zu Wort.“ Und als sich der Videofilmer meldete, gegen die Veröffentlichung seiner Aufnahmen auf Bild.de protestierte und ankündigte, rechtliche Schritte gegen „Bild“ zu prüfen, tat „Bild“ mit einem Mal so, als stehe gar nicht fest, dass dieser Mann unbestritten Urheber der Aufnahmen ist.

Der Videofilmer hat tatsächlich geklagt, gegen Bild.de und den Fernsehsender N24, der die Aufnahmen von Bild.de kaufte und mehrmals in seinem Programm zeigte. Er fordert Schadensersatz, und um seinen Anspruch berechnen zu können, will er von N24 und Bild.de wissen, wieviel Geld sie an dem Tag, an dem sie sein Video widerrechtlich zeigten, durch Werbung erlöst haben. Diese Auskunft wollen Bild.de und N24 ihm nicht erteilen. Sie bestreiten, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Video und den Werbeeinnahmen gibt. Die Werbung sei lange vorher gebucht, und wenn dort nicht das Video gelaufen wäre, hätte man eine andere Nachricht präsentiert. Bild.de, das sich darauf berief, von jemandem die Exklusiv-Rechte an dem Video gekauft zu haben, bezweifelte zudem die Urheberschaft des Klägers — obwohl die „Bild“-Zeitung selbst ihn zuvor als den Videofilmer identifiziert hatte.

Der Bundesgerichtshof entschied nun gegen Bild.de und N24 und urteilte:

„Die Beklagten haben das Recht des Klägers als Hersteller des Videofilms widerrechtlich und schuldhaft durch die unerlaubte Ausstrahlung verletzt. Sie sind dem Kläger deshalb zum Schadensersatz verpflichtet. Die Schadensersatzpflicht umfasst — je nach der Berechnungsart, die der Kläger wählt — die Herausgabe des Gewinns, den die Beklagten durch die Veröffentlichung erzielt haben. Um den Umfang dieses Gewinns berechnen zu können, benötigt der Kläger Angaben über die von den Beklagten am Tag der Veröffentlichung erzielten Werbeeinnahmen.“

Dass N24 und Bild.de statt des Films andere Nachrichten hätten senden können, hebe den Zusammenhang zwischen der Rechtsverletzung und den erzielten Werbeeinnahmen nicht auf.