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Der Tod eines Toreros in Zeitlupe

Am vergangenen Samstag starb bei einem Stierkampf in Spanien ein Torero. In der Arena von Teruel stach ein Stier dem 29-jährigen Matador Victor Barrio mit einem Horn in die Brust. Manche Portale berichten, dass dabei Barrios Herz verletzt worden sei, andere schreiben, Lunge und Halsschlagader seien getroffen worden. Jedenfalls starb Victor Barrio an den Folgen seiner Verletzung noch vor Ort — alles gut dokumentiert, da der Stierkampf live von einem spanischen TV-Sender übertragen wurde.

Der letzte Todesfall eines Stierkämpfers in einer Arena liegt bereits 31 Jahre zurück. Und so erhoben manche Nachrichtenseiten den Unfall vom Samstag direkt zum Jahrhundertereignis:


(„Kölnische Rundschau“)


(n-tv.de)


(„Mitteldeutsche Zeitung“)

(Schade, liebe Jahrhundertjournalisten, leider habt ihr die große Chance vertan, aus Victor Barrios Tod gleich ein Jahrtausendereignis zu machen.)

Als wäre das — in Kombination mit mehr oder weniger detaillierten Beschreibungen des Vorfalls und Fotos vom verletzten, leblosen Victor Barrio — nicht schon Sensation genug, wollten manche Redaktionen ihrer Leserschaft nicht die Möglichkeit nehmen, einem Menschen beim Sterben zugucken zu können.

„N24“ zeigt beispielsweise in einem Video in Zeitlupe, wie der Stier Barrio aufspießt. Genauso die „BZ“. Die „Huffington Post“ bindet Aufnahmen von Victor Barrios Tod gleich in zwei Artikeln ein und will nicht darauf verzichten, in einem der Texte noch einmal extra auf das Material hinzuweisen, damit auch ja niemand etwas verpasst:

Eine Sequenz des Videos zeigt Barrio in Großaufnahme, bereits am Boden liegend, noch leicht zuckend. Es ist extrem würdelos. Diese Szene haben die russischen Propagandisten von „Sputnik“ ebenfalls veröffentlicht. (Auf Links zu und Screenshots von den Videos haben wir bewusst verzichtet.)

Und auch Bild.de zeigt Victor Barrio beim Sterben. Auf der Startseite hat das Portal mit diesem Teaser für den Artikel geworben:

(Unkenntlichmachung durch uns.)

Dank der Taktlosigkeit einiger deutscher Redaktionen, können das nun auch alle anderen von zu Hause aus am Computer.

Mit Dank an Daniel W.!

Medien tappen in gigantische Superrattenfalle

Ob man aus ihnen auch Benzin machen kann, verrät Bild.de zwar nicht, aber ist ja auch so schon eine Knallerstory:

In der britischen Hauptstadt hat Schädlingsbekämpfer Dean Burr sechs große Biester unschädlich gemacht. Es sollen Ratten sein, rund 60 Zentimeter lang, etwa so groß wie Katzen!

Und nicht nur das!

Burr vermutet, dass die Tiere so zugelegt haben, weil sie auch Kannibalen seien: „Sie fressen Mäuse, sie fressen aber auch Artgenossen, sterbende oder tote Tiere.“

INVASION DER KANNIBALISCHEN SUPERRATTEN?

So viel vorweg: Nee.

Aber der Reihe nach. Dean Burr, der Kammerjäger, hatte das Foto vor ein paar Wochen bei Facebook gepostet und behauptet, er habe die Tiere in London gefangen.

Die britische „Sun“ bekam Wind davon und schrie am vergangenen Freitag:

Am Wochenende schwappte die Geschichte dann in den deutschsprachigen Raum — Bild.de kopierte sie ungeprüft, ebenso wie N24:

Und „20 Minuten“:

Und heute.at:

Und stern.de:

Allerdings: Alles Quatsch.

In Wirklichkeit stammen die Aufnahmen von „National Geographic“:

Sie sind mindestens drei Jahre alt und zeigen ganz normale Nutrias, die bis zu 65 Zentimeter groß werden, Vegetarier und völlig harmlos sind. Die Tiere wurden auch nicht in London gefangen, sondern in den USA.

Inzwischen hat der Kammerjäger das Foto von seiner Facebookseite gelöscht, und bei einigen der deutschen Abschreiber regen sich allmählich doch ein paar Zweifel.

Stern.de hat die Überschrift heute unauffällig in „Sind das wirklich Ratten? Diese Riesenbiester machen London unsicher“ geändert und schreibt am Ende des Artikels:

Einige Leser wiesen uns darauf hin, dass es sich bei den vermeintlichen Ratten um Nutrias, auch Biberratten genannt, handeln könnte. Die aus Südamerika stammenden Nager sind mittlerweile auch in Europa heimisch und ernähren sich von Pflanzen und Insekten. Ob es sich bei den gezeigten Tieren aber tatsächlich um die harmlosen Nagetiere handelt, ist aktuell noch unklar. Die markanten Orange-farbenen Zähne sprechen aber tatsächlich dafür.

Und News.de schreibt:

Einige Zweifler gibt es dennoch. Es könne sich demnach auch gar nicht um eine herkömmliche Ratte handeln, sondern um eine sogenannte Biberratte. Diese kommt ursprünglich aus Südamerika, sind im Gegensatz zur Kanalratte allerdings fast ausschließlich Vegetarier. Bleibt nur die Frage: Wie kommen die Biberratten nach England? Es darf spekuliert werden.

Überschrift:

Mit Dank an Anonym und Moritz K.

n24.de  

Mehr Fiction als Science

Bei N24 finden sie diese „Aufnahmen aus dem Weltall“, die die Nasa veröffentlicht haben soll, wohl so „spektakulär“, dass sie auf der Startseite aktuell gleich zweimal auf ihren Artikel verlinken:

Also, draufgeklickt — und schon erzählt einem der Sprecher:

Diese spektaklären Weltraumaufnahmen der Nasa zeigen ein äußerst seltenes Phänomen. Zu sehen ist zunächst ein sogenanntes Schwarzes Loch. Wie ein Phantom schwebt es durchs All. Plötzlich taucht ein sonnenähnlicher Stern auf. Er wird vom Schwarzen Loch angezogen. Bei diesem Schauspiel herschen enorme …

… und so weiter.

Erstmal: Das 1:02-Minuten-Video hat das „Goddard Space Flight Center“ der Nasa (GSFC) bereits vor über einem Monat bei Youtube hochgeladen. Vor allem aber trifft es der Sprecher schon ganz gut mit dem „Schauspiel“, von dem er spricht. Denn bei diesem Schwarzes-Loch-Stern-Krimi handelt es sich keineswegs um „Aufnahmen aus dem Weltall“, sondern um Aufnahmen aus einem Computer. Es ist eine Animation.

Oder wie das GSFC selbst schreibt:

This artist’s rendering illustrates new findings about a star shredded by a black hole.

Das ist offenbar auch einigen Lesern aufgefallen. Allerdings:

Da scheint ein Schwarzes Loch durch den N24-Kommentarbereich gezogen zu sein.

Mit Dank an Markus K.!

Nachtrag, 1. Dezember: Inzwischen schreibt N24 nur noch, dass es sich um „Aufnahmen“ handele (statt „Aufnahmen aus dem Weltall“). Und auch der Sprecher des Videos redet nun von einer „Animation der Nasa“.

n24.de  

Über tote Flüchtlinge lachen mit N24

Am Wochenende berichtete N24 auf seiner Onlineseite:

Wegen der hohen Zahl von Flüchtlingen haben in Südschweden in der Nacht zum Freitag einige Menschen unter freiem Himmel übernachten müssen. Im südschwedischen Malmö liegen die Temperaturen nachts derzeit knapp über dem Gefrierpunkt.

Zuvor hatte die Ausländerbehörde mitgeteilt, dass das Land nicht mehr allen Asylbewerbern ein Dach über dem Kopf anbieten könne.

Und wie reagierten die Leser auf diese Nachricht?

(„belustigt“, „inspiriert“, „überrascht“, „informiert“, „egal“, „erschreckt“, „traurig“, „verärgert“)

Eine ähnliche Emotions-Funktion („Lachen“, „Weinen“, „Wut“, „Staunen“, „Wow“) gab es bis vor Kurzem auch bei den Springer-Kollegen von Bild.de. Der Unterschied: Die Leser von N24 lachen (im Gegensatz zu denen von Bild.de) nicht über alles. Wenn Menschen Deutsche zu Schaden kommen, reagieren sie sogar meist „erschreckt“ oder „traurig“. Wenn jedoch Flüchtlinge die Leidtragenden sind, kommt Freude auf:




































Der Presserat hat sich in seiner letzten Sitzung mit diesem Emotions-Tool beschäftigt. Im konkreten Fall ging es nicht um N24, sondern um Bild.de, und zwar um einen Artikel mit der Überschrift „Schläger attackieren homosexuellen Politiker“ (224-mal „Lachen“). Es schade dem Ansehen der Presse, so der Presserat, „wenn ein Medium bei einem Beitrag, der sich mit einer Gewalttat gegen einen Menschen beschäftigt, den Usern die Möglichkeit eröffnet, den Artikel mit einer Emotion wie ‚Lachen‘ zu bewerten“. Darum sprach der Presserat einen folgenlosen „Hinweis“ gegen Bild.de aus; inzwischen gibt es die Funktion dort nicht mehr.

Bei N24 muss man fairerweise dazusagen: Nicht bei allen Artikeln über Flüchtlinge reagieren die Leser mehrheitlich belustigt.


Mit Dank an Thomas O.!

Nachtrag, 25. November: N24 hat die Funktion jetzt komplett von der Seite entfernt. Übrigens kam die hohe „belustigt“-Zahl im ersten Screenshot („In Schweden schlafen Flüchtlinge nun in der Kälte“) vor allem dadurch zustande, weil auf der Plattform „pr0gramm“ jemand auf die Voting-Funktion hingewiesen hatte.

Die Ente mit der pinken Katze

Katzencontent geht natürlich immer, und wenn es sich dann noch um ein armes, pinkes, grausam verendetes Kätzchen handelt, ist das deutschsprachigen „News“-Portalen auch schnell mal einen prominenten Platz auf der Startseite wert.

Bild.de:

Auf einer russischen „Pretty-in-pink-Party“ musste jeder geladene Gast in Pink erscheinen, auch das Kätzchen von Lena Lenia! Jetzt starb die Katze an ihrer Fellfarbe. Durch das Lecken am pinken Fell hat das Kätzchen toxische Gifte aufgenommen. Laut Tierarzt soll dies zu einer Vergiftung geführt haben.

Rtl.de berichtet gleich mehrfach:

News.de:

Oe24.at:

N-tv.de:

N24.de:

Die Geschichte kommt ursprünglich vom britischen Knallportal „Mail Online“ und sorgt seither europaweit für Empörung, angeblich haben sogar 30.000 Menschen eine Petition unterzeichnet, die eine Gefängnisstrafe für die Katzenbesitzerin fordert. Für viele deutsche Kommentarschreiber ist das noch zu wenig, sie fordern:

Diese Frau gehört erschossen!

diese Scheißbande sofort in Säure schmeißen…… aber vorher die Haut mit stumpfen Klingen ritzen

Deppate drecksnutte gehört verbrennt die sau!

Und was sagt die Beschuldigte? Laut N24.de ist sie sich …

keiner Schuld bewusst: Auf ihrem Blog rechtfertigt sie die Aktion.

Folgt man dem Link und liest, was dort steht (was leider weder N24 noch sonst irgendeiner der abschreibenden Journalisten getan hat), erfährt man ein nicht ganz unwesentliches Detail dieser Geschichte: Die Katze ist gar nicht tot. Sie lebt putzmunter (und schon deutlich weniger pink) bei einer neuen Besitzerin:

Im Text erzählt die neue Besitzerin, dass kein einziger Journalist sie kontaktiert habe, um zu überprüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.

„Es ist sehr traurig, dass die Menschen alles glauben, was in den Boulevardmedien steht, die nicht mal die Fakten checken.“

Elena Lenina, die die Katze gefärbt hatte und der nun Hunderte Menschen öffentlich den Tod wünschen, will juristisch gegen die Falschmeldungen vorgehen.

Mit Dank an Katharina K.

Nachtrag, 20.25 Uhr: N24 hat sich für den Fehler entschuldigt und den Artikel gelöscht.

n24.de  

Tod durch Copy & Paste

Es kann eigentlich nicht so schwer sein: Agenturmeldung lesen, „Kopieren“, „Einfügen“, vielleicht noch eine neue Überschrift und einen neuen Vorspann ausdenken — fertig ist die Nachricht.

Am Sonntag veröffentlichte dpa einen Artikel, dessen erster Absatz so aussah:

23 Jahre saß er unschuldig hinter Gittern, doch kaum war er in Freiheit, machte sein Herz nicht mehr mit: Der 58-jährige David Ranta, Opfer eines New Yorker Polizeiskandals, hat kurz nach der Haftentlassung einen Infarkt erlitten. Das berichtete die «New York Times» am Sonntag unter Berufung auf Rantas Verteidiger Pierre Sussman. Demnach wurde Ranta schon am zweiten Tag in Freiheit in ein New Yorker Krankenhaus eingeliefert. Dort sei er wegen verstopfter Arterien am Herzen operiert worden. Die Ärzte rechneten damit, dass ein weiterer Eingriff nötig ist.

Das Einzige, was die Leute bei n24.de mit dem Text gemacht haben, war, die Anführungszeichen auszutauschen.

Na gut: Und sie haben ihm einen neuen Vorspann spendiert:

23 Jahre lang saß er unschuldig im Gefängnis, dann kam der US-Amerikaner David Ranta frei. Er wurde Opfer eines Polizeiskandals, am zweiten Tag in Freiheit verstarb der 58-Jährige in New York.

Davon, dass David Ranta „verstorben“ sein soll, steht in dem dpa-Artikel allerdings kein Wort. Und bei der „New York Times“ auch nicht. Es geht ihm inzwischen auch schon wieder deutlich besser.

Aber dafür hätten sie bei n24.de die Meldung ja irgendwann lesen müssen, die sie da online gesetzt haben.

Mit Dank an Fabian S.

Nachtrag, 21.20 Uhr: n24.de hat den Vorspann geändert. Der zweite Satz lautet nun:

Am zweiten Tag in Freiheit brach der 58-Jährige in New York zusammen – Herzinfarkt.

Kleiner FauXPas

Nehmen wir mal an, 75 Prozent aller Häftlinge in deutschen Gefängnissen wären männlich (in Wirklichkeit sind es weit mehr). Würde das dann bedeuten, dass 75 Prozent aller Männer im Gefängnis säßen?

Nein, natürlich nicht. Ein ähnlicher Denkfehler ist allerdings der Presseabteilung von Microsoft unterlaufen, die ihr eigenes Betriebssystem Windows XP anlässlich seines zehnten Geburtstages schlechter macht, als es eigentlich ist:

(…) laut einer Studie des Antivirus Dienstleisters AVAST sind auf etwa 75 Prozent aller XP Rechner Rootkit-Infizierungen zu finden.

Dabei hat die Studie von Avast lediglich ergeben, dass 74 Prozent aller überprüften Rootkitinfektionen auf XP-Rechnern gefunden wurden:

Die Daten einer sechsmonatigen Studie listeten über 630,000 Muster auf und zeigten, dass 74% Infektionen aus Windows XP Maschinen stammen, verglichen mit 17% aus Vista und nur 12% aus Windows 7 Maschinen.

Das bedeutet im Umkehrschluss eben nicht, dass drei von vier XP-Rechnern infiziert sind, sondern eben nur, dass drei von vier Infektionen auf XP-Rechnern gefunden wurden.

Das hindert die Nachrichtenagentur dapd und Medien wie etwa stern.de, n24.de und n-tv.de nicht daran, den Fehler aus der Pressemitteilung zu reproduzieren; n-tv.de verlinkt dabei sogar auf die Avast-Studie. Geholfen hat’s nichts.

Mit Dank an André und Frank H.

Nachtrag, 26. Oktober: n-tv.de hat den Fehler inzwischen korrigiert.

100fach vertan

Zement, ein eher trockenes Thema. Und auch der Ausbau eines Zementwerks im schleswig-holsteinischen Lägerdorf ist vermutlich primär für die Lokal- und Fachpresse interessant.

Aber wenn ein Unternehmen in Krisenzeiten mal eben knapp das Doppelte seines letztjährigen Jahresumsatzes investiert, ist das schon eine Meldung wert:

Holcim investiert 700 Millionen Euro in Lägerdorf

Oder auch nicht.

Die 700 Millionen stammen nämlich aus einer dpa-Meldung, die die Agentur am Dienstag relativ schnell bemerkte und korrigierte:

Holcim investiert 700 Millionen Euro in Lägerdorf. KORREKTUR: Holcim investiert 7 Millionen Euro in Lägerdorf

Aber so eine Korrekturmeldung erreicht nicht immer auch den Leser: Bei n24.de oder volksfreund.de sind die Ursprungsmeldungen unverändert, Korrekturen nicht zu finden.

Die Abweichung geht übrigens nicht – wie sonst üblich – auf einen Übersetzungsfehler zurück, sondern war „ein (ärgerlicher) Flüchtigkeitsfehler bei uns“, wie uns dpa auf Anfrage mitteilte.

[via Baulinks]

Nachtrag, 18 Uhr: Volksfreund.de hat die 700 Millionen nun zu 7 Millionen korrigiert.