Archiv für Merkwürdiges

Der Papst kommt am Freitag (oder gar nicht)

Der März geht zuende, und außer dem Frühling müsste längst der Papst vor der Tür stehen. Vor einem Jahr, am 4. April 2008, hatte „Bild“ seine Ankunft für diesen April avisiert, groß auf der Seite 1 (außerhalb Berlins natürlich mit „Deutschland“ statt der Hauptstadt in der Schlagzeile):

Die Grundlage für den Artikel war bei genauerem Hinsehen dünn: Dieter Althaus, der Ministerpräsident von Thüringen, hatte den Papst am Tag zuvor bei einer Privataudienz eingeladen und der Papst hat anscheinend nicht sofort Nein gesagt.

Aber „nach BILD-Informationen“ stand nicht nur der voraussichtliche Reisetermin fest (April 2009); die Zeitung wusste aus „gut informierten Kreisen des Vatikans“ (also nicht von Andreas Englisch) unter anderem auch,

  • dass der Papst ein Wochenende bleiben möchte,
  • dass er „an einem Freitagabend auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel landen wird“,
  • dass er „in der Vatikanbotschaft neben der St. Johannes-Basilika an der Lilienthalstraße (Neukölln) übernachten wird“,
  • dass er am Sonntag „in Heiligenstadt Station machen will“,
  • dass es vermutlich „auf dem Gelände vor Burg Scharfenstein einen feierlichen Gottesdienst mit Zehntausenden Gläubigen“ geben wird
  • und dass er am Sonntagnachmittag „nach Erfurt fliegt“ und „den Domberg besucht“.

All das wusste „Bild“ damals schon über den Papst-Besuch, nur das winzige Detail, dass der Papst womöglich gar nicht kommt, jedenfalls nicht 2009, das wollte „Bild“ nicht wissen.

Dabei hatten unter anderem das Bistum Erfurt und der Vatikan schon am Vortag die Vorabmeldung von Bild.de dementiert und bestritten, dass ein Besuch feststehe. Die „Süddeutsche“ schrieb einen Tag später, die Spekulationen von „Bild“ und thüringischen Medien „dürften bislang eher den Vorstellungen der hoffnungsfrohen Deutschen entsprechen als denen des Vatikans“.

Inzwischen sieht es so aus, als ob der Papst eventuell 2010 Deutschland besuchen könnte. Vielleicht macht er ja „Bild“ sogar eine Freude und kommt an einem Freitag und bleibt bis Sonntag.

Fressemeldung mit Fehlern

Seit Peer Steinbrück Schweizer Banken irgendwie mit Indianern verglichen hat, versuchen sich Schweizer Politiker, Journalisten und Wirtschaftsfunktionäre mit ihrer Abneigung gegen den deutschen Bundesfinanzminister gegenseitig zu überbieten.

Heute berichtet die „NZZ am Sonntag“ in einer kleinen Meldung darüber, dass der Cheflobbyist der Schweizerischen Bankiervereinigung Kuno Hämisegger eidgenössische Parlamentarier per E-Mail dazu aufgefordert habe, der Facebook-Gruppe „Ich könnte Peer Steinbrück pausenlos die Fresse polieren!“ beizutreten.

Diese Nachricht greift auch Bild.de gerne auf und vermeldet:

10 000 Parlamentarier sind dem Aufruf bereits gefolgt!

Nun ist es nicht gänzlich auszuschließen, dass man auf eine Zahl wie 10.000 kommt, wenn man die Abgeordneten der Schweizer Bundesversammlung, der 26 Kantonsparlamente und aller Gemeindeparlamente addiert. Dass diese aber alle im E-Mail-Verteiler des Herrn Hämisegger stehen, bei Facebook angemeldet und dieser Gruppe beigetreten sind, darf als äußerst unwahrscheinlich gelten.

Mit anderen Worten: Die inzwischen mehr als 13.000 Mitglieder der Facebook-Gruppe sind natürlich nicht alle Parlamentarier.

Aber da ist noch ein Satz im Bild.de-Artikel, der stutzig macht:

Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz schlug Steinbrücks Einladung zum G20-Gipfel aus. Ein politischer Affront.

Mal von der Frage ab, warum ausgerechnet der deutsche Finanzminister zum G20-Gipfel nach London (Großbritannien) einladen sollte: Hat da vielleicht jemand bei Bild.de ein entscheidendes Wort im Artikel der Schweizer „Sonntagszeitung“ übersehen?

Finanzminister Hans-Rudolf Merz lässt seinen deutschen Amtskollegen und härtesten Schweiz-Kritiker, Peer Steinbrück, ins Leere laufen und schlägt dessen Einladung zu einem Treffen vor dem G-20-Gipfel aus.

(Hervorhebung von uns.)

Im Interview mit dem „SonntagsBlick“ wird Merz sogar mit der Äußerung zitiert, er habe bisher noch keine Einladung zu einem Treffen mit Steinbrück erhalten.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 20:05 Uhr: Bild.de hat den Satz mit den „10 000 Parlamentariern“ ersatzlos gestrichen und an anderer Stelle eine kleine Änderung angebracht:

Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz schlug Steinbrücks Einladung zu einem Treffen vor dem G20-Gipfel aus.

Ob es eine solche Einladung überhaupt gab, ist nach wie vor nicht ganz klar.

Der Scheinschwangerschaftsboom

„Bild“ erklärt heute Ursula von der Leyen zur „Verliererin des Tages“, und das — um es gleich zu sagen — völlig zu Recht. Die Bundesfamilienministerin hatte vor gut drei Wochen stolz verkündet: „Die Deutschen kriegen wieder mehr Kinder.“ In den ersten neun Monaten 2008 seien 3400 Kinder mehr zur Welt gekommen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Schon damals hätte man wissen können, dass der angebliche positive Trend vor allem auf Rechentricks beruhte — zum Beispiel dem, die (schlechten) Werte für Oktober zu ignorieren.

Von der Leyen hatte die Zahlen exklusiv vorab der „Bild am Sonntag“ verraten. Agenturen und Medien verbreiteten sie unter Überschriften wie „Trend zu mehr Geburten hält an“ oder „Mehr Geburten in Deutschland“ („Süddeutsche Zeitung“); „Bild“-Werbefigur Johannes B. Kerner feierte von der Leyen für ihren vermeintlichen Erfolg in seiner ZDF-Show, und „Bild“ fand für die Meldung Platz auf der Titelseite:

Als ersten Satz machte sich „Bild“ eine Formulierung der Familienministerin aus dem „BamS“-Interview zu eigen und schrieb:

In der Wirtschaftskrise hat der Nachwuchs Konjunktur.

Inzwischen ist offenkundig, dass der Jubel unangebracht war. Die Geburtenzahl ist im Oktober und November 2008 deutlich zurückgegangen — für die ersten elf Monate insgesamt ergibt das ebenfalls einen Rückgang.

So gesehen ist es also, wie gesagt, keine schlechte Idee, von der Leyen zur „Verliererin“ zu erklären für ihre PR- und Rechentricks (auf die man selbst wie fast alle Medien hereingefallen ist). Aber „Bild“ hat noch eine interessante Erklärung für den plötzlichen Trendwechsel: die Wirtschaftskrise.

Auch Familienministerin Ursula von der Leyen (50/CDU) bekommt die Krise zu spüren: Die Zahl der Geburten ging im November (–11,7 %) zum zweiten Mal in Folge stark zurück. In ihrem jüngsten Familienbericht hatte die Ministerin (sieben Kinder) noch einen Anstieg der Geburten gefeiert, sich dabei allerdings nur auf die Zahlen bis September 2008 gestützt. BILD meint: Krisen-Knick!

Mal abgesehen davon, dass „Bild“ gerade erst den Eindruck vermittelt hatte, so eine Wirtschaftskrise sei gut fürs Kinderkriegen — könnte jemand der „Bild“-Redaktion erklären, wie lange eine Schwangerschaft dauert?

Mit Dank an Johannes B.!

1. Selbstmord-im-TV-Aufmacher (seit 16 Jahren)

Was für eine Schlagzeile, mit der „Bild“ am Donnerstag aufmachte:

1. Selbstmord im TV!

Der private Fernsehsender Sky Real Lives hatte am Mittwochabend unter dem Titel „Right to Die?“ den Dokumentarfilm „The Suicide Tourist“ des Oscar-Preisträgers John Zaritsky gezeigt, in dem zu sehen ist, wie sich der unheilbar kranke Universitätsprofessor Craig Ewert das Leben nimmt.

„Bild“ schreibt dazu:

Sterbehilfe vor einem Millionenpublikum: Erstmals wurde gestern im britischen TV der Selbstmord des schwer kranken Professors Craig Ewert gezeigt.

Und im „Bild“-Artikel zur Schlagzeile hieß es:

Craigs Reise ist Selbstmord. Der erste Suizid, der gestern zur besten Sendezeit (21 Uhr) im britischen TV gezeigt wurde.

„taz vom 7.8.1992:

„Ein Mann liegt nackt in der Badewanne, prüft die Wassertemperatur, blickt in die Videokamera und erklärt dem Millionen-Publikum, daß er soeben ein tödliches Medikament eingenommen habe und jetzt auf ‚die Erlösung‘ warte. Schnitt. Zehn Minuten später krümmt sich derselbe Mann röchelnd und würgend im Wasser, der Körper wehrt sich mit aller Macht gegen den Tod. Die Kamera und das Sat.1-Publikum sind noch immer dabei und verfolgen diesen Selbstmord – live. Dann wird das Videoband angehalten. Mehr wolle man dem Publikum nicht mehr zumuten, gaukelt der Sender mitfühlende Fürsorge für die Zuschauer vor. Nur der Ton läuft weiter und transportiert noch letzte Röchler in die Wohnzimmer. (…) Der Selbstmord – vom Opfer per Videokamera selbst gefilmt – gehörte zu einem Beitrag über die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). (…)“

Diese Sätze sind – wörtlich genommen – nicht falsch. Es war wirklich der erste Selbstmord, der im britischen TV gezeigt wurde. Aber Szenen von Craig Ewerts Selbstmord waren bereits vor sieben Wochen im schweizerischen Fernsehen gelaufen – deutsch synchronisiert, mehrfach wiederholt und seither auch online. (Die „Berner Zeitung“ z.B. berichtete darüber im Zusammenhang mit der britischen Ausstrahlung bereits vorgestern – also noch bevor man bei „Bild“ an der Schlagzeile bastelte –, und auch hierzulande wies ein Kommentator im Online-Portal der Springer-Zeitung „Die Welt“ auf die schweizerische Ausstrahlung hin.)

Doch selbst die Ausstrahlung im Schweizer Fernsehen war nicht der „1. Selbstmord im TV“. Am 5. August 1992 etwa hatte das Sat.1-Magazin „Akut“ unter dem Titel „Sterbehilfe – das Geschäft mit dem Tod“ den Selbstmord von Christian Sch. gezeigt (siehe Kasten).

Und eigentlich weiß „Bild“ das auch. Am Tag der Ausstrahlung veröffentlichte das Blatt damals den folgenden…

…Programmhinweis:

Heute 22 Uhr: Selbstmord im TV

Mit Dank an Nicky S. und Jonas I. für die Hinweise.

Bild.de sucht Frau

Seit Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte (die Älteren werden sich erinnern), mischt auch „Bild“ lautstark in der Debatte über die Qualität des deutschen Fernsehens mit.

Heute fragt Bild.de „Was können Sie im TV nicht mehr ertragen?“ und wartet gleich mit ein paar eigenen Vorschlägen auf.

Zum Beispiel:

Geliebtes Trash-TV: „Bauer sucht Frau“ mit Inka Bause

Nur: Das ist nicht Inka Bause!

Das ist Susanne Pätzold als Inka Bause bei „Switch Reloaded“ — einer Sendung, die übrigens gerade als beste Comedy mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt wurde.

Mit Dank an Gerd S. für den sachdienlichen Hinweis!

Nachtrag, 15:20 Uhr: Inzwischen sieht die Frau auf dem Foto bei Bild.de nicht nur aus wie Inka Bause, jetzt ist sie es auch!

Inka Bause macht Solo-Bauern gücklich

Neuigkeiten vom Mond

Gertrud Höhler (67), Unternehmensberaterin, CDU-Politikerin und u.a. Ex-Beraterin von Kai Diekmanns Trauzeugen sowie ehemalige Professorin für Literatur an der Universität Paderborn (oder auch, wie „Bild“ vor knapp drei Wochen schrieb, „Deutschlands bekannteste Management-Beraterin“), stand der „Bild“-Zeitung gestern für deren Aktion „öffentliche Blattkritik“ zur Verfügung. Ihre Kritik war… wie sagen wir’s… überraschend. Wir dokumentieren einige Höhepunkte:

  • Wer „Bild“ nicht liest, gibt Auskunft darüber, dass er politisch unreif ist.
  • Herr Seehofer hat offenbar in dieser Redaktion viele Feinde. Warum haben Sie den denn drei Mal plattmachen lassen in dem Blatt, in der heutigen Ausgabe? Warum? Also das hat eine Tendenz, die man sonst bei „Bild“ nicht findet. Einseitigkeit.
  • Die Frage mit der Menschenwürde… Ich muss Ihnen sagen: Wenn man blättert und sucht und sich fragt, warum stellen die [die Kritiker] diese Frage überhaupt, dann wird einem folgendes Prinzip deutlich: Wenn da Dinge die Würde der Menschen antasten, dann macht „Bild“ das über Zitate der Betroffenen – die verletzen selber ihre Menschwürde. Und da kann man dann nur noch fragen (…): Müssen wir jetzt darüber nachdenken, was die Menschwürde der Leser verletzt? Aber ich finde es vom Journalistischen her beispiellos und sehr virtuos, wie diese Zeitung es schafft, Dinge, die Grenzen überschreiten, zu zitieren, von anderen sagen zu lassen, tun zu lassen und entsprechend zu bebildern, sodass das Thema Menschenwürde eigentlich nicht eins ist, was man Ihnen vorhalten kann. Also ich müsste lange suchen. Ich hab‘ hier nichts gefunden.
  • Ich finde eine gewisse Balance-Störung, weil Sie natürlich das Monströse, das Grausame, das Negativ-Außerordentliche, das Schaurige, das Böse besonders ausführlich zeigen. Ich komme jetzt nicht mit einem Plädoyer dafür, dass Sie die erfreulichen Dinge zeigen sollen, sondern ich sage: Einen Neben-Effekt hat das – dass der Normalo (…) endlich begreift, welchen Vorsprünge er vor den Leuten hat, die auf besonderen Plätzen sind. Das ist ungeheuer wichtig. Das ist ein alltägllicher Tugendvorsprung, den der Normal-Mensch vor denen hat, die in höheren Positionen sind oder eben durch Publizität großen Versuchungen ausgesetzt sind. Ich glaube, dass bei der Affinität der Zeitung das eine große Rolle spielt – dass man sie für diese Bestätigung sich besorgt, weil man ja oft im Alltagsleben häufig gedemütigt und eingeschüchtert wird. Und da spürt man, wo man Vorsprünge hat.
  • Und gleichzeitig bin ich ja, wenn ich die Zeitung habe, ein Voyeur; ich bin einer, der Bescheid weiß (…); ich bin jemand, der mit den großen Themen jeden Tag so bekannt gemacht wurde, dass ich die Vokabeln auch wieder ausspucken kann, die ich da kriege. Darum geht’s ja: (…) Wenn ich das Ding gelesen hab, dann kann ich von den Sachen sprechen. Und gleichzeitig wird das ja nicht weggeschluckt. Sie finden das halt in den anderen Blättern nicht, und deshalb finde ich das so großartig.
  • Und zur Vielfalt noch mal: Wir haben ja heute wieder von der Frau mit dem Beil gehört. Das ist natürlich auch ’n toller Frauen-Auftritt, dass sie dem Alten da das Leben… nicht ausbläst, sondern weghaut – mit’m Beil. Und gleichzeitig blätterst du ein Stückchen weiter: „Wie mache ich meinen Garten winterfest?“ Das ist die Welt, in der wir leben. Das ist wunderbar. Diese Vielfalt. Das nenn‘ ich auch Meinungsfreudigkeit. Und andere Zeitungen schreiben das über sich und bieten es eigentlich nicht.
  • Und dann noch was ganz allgemeines zu Schluss: Was ist diese Zeitung? Man denkt darüber so oft nach. Ich glaube, (…) was ihren Erfolg verursacht, ist es vor allem: Sie ertappt uns jeden Tag bei Wünschen, die wir nicht zugeben (…); bei Neugierden, für die wir uns schämen; bei Sehnsüchten nach ganz einfachen Antworten – zum Beispiel, dass gut gut und böse böse sein soll. Und sie sorgt für ganz starke Gefühle, die wir sonst nirgendwo mehr kriegen. Das heißt: Es ist im allerbesten Sinne eine Spiegelung der Welt, in der wir leben – aber jeden Tag mit Erklärungen, wie wir damit umgehen, um unsere Ängste zu bannen. (…) Das Kuriose ist: „Bild“ berichtet täglich über außerordentliche, unheimliche Dinge. Aber: „Bild“ bannt Ängste. Das heißt: Die Anhänglichkeit von Millionen Lesern hat sehr viel seriösere Gründe als allgemein gesagt wird. Vielen Dank.

„Bild“-Chef Kai Diekmann bedankte sich seinerseits für Höhlers 13-minütige Kritik mit den Worten: „Jetzt mag ich eigentlich gar nix mehr sagen (…).“ Wir schließen uns an.

Und „Christel von der Post“ war bei der Post

Diese lustige „Bild“-Eigenwerbung haben wir schon länger nicht mehr im Blog gezeigt:

Wir schreiben, was alle schreiben... bloß früher

Heute ist ein guter Tag dafür. Denn heute berichtet „Bild“:

"Cindy aus Marzahn" war Hartz-VI-Empfängerin

Es gibt bestimmt einen Anlass dafür, dass „Bild“ heute ein paar biographische Notizen über die Komikern Ilka Bessin veröffentlicht.

Möglicherweise, dass RTL vor fünf Tagen den ersten Teil ihrer Bühnenshow ausgestrahlt hat (was „Bild“ allerdings nicht erwähnt). Eventuell, dass RTL in zwei Tagen den zweiten Teil ihrer Bühnenshow ausstrahlen wird (was „Bild“ allerdings nicht erwähnt). Vielleicht, dass vergangene Woche eine DVD mit dem Bühnenprogramm von „Cindy aus Marzahn“ herausgekommen ist (was „Bild“ allerdings nicht erwähnt). Womöglich, dass sie übermorgen im Großen Saal in Erfurt auftritt (was „Bild“ allerdings nicht erwähnt). Oder sogar, dass es fast auf den Tag genau fünf Monate her ist, dass sie zum Thema „Arme ärmer, Reiche reicher“ in der ARD-Talkshow „Anne Will“ zu Gast war (was „Bild“ allerdings nicht erwähnt).

Unter Umständen ist Anlass aber auch nur, dass sich in diesen Wochen der Tag jähren müsste, an dem es — außer „Bild“ — kein Medium in Deutschland mehr gab, das noch nicht darüber berichtet hat, dass Ilka Bessin, die „Cindy aus Marzahn“, früher selbst mehrere Jahre arbeitslos bzw. Hartz-IV-Empfängerin war*.

Lesen Sie deshalb morgen in „Bild“:

  • Erster Mann auf dem Mond.
  • Hitler-Tagebücher nur gefälscht.
  • Und: Heinz Rühmann ist tot!
*) z.B. „Tagesspiegel“, 10. Februar 2007; „Berliner Kurier“, 30. März 2007; „Berliner Morgenpost“, 8. April 2007, „Der Spiegel“, 14. Mai 2007; „Express“, 18. Oktober 2007.

Dumm klickt gut

Was Klickstrecken angeht, hat Bild.de gerne die Längsten: Im Moment arbeitet man sich dort an „666 Fakten über Sex“ ab, aufgeteilt in handliche Portionen von beispielsweise 166 Fakten gestern und 146 heute.

Falls es sie interessiert, bekommt die geneigte Leserin die Frage beantwortet, wie lang der „längste bisher gemessene Penis“ war (48,3 cm), der interessierte Leser wird über wichtige linguistische Unterschiede aufgeklärt („Brust und Busen sind nicht dasselbe. Busen ist lediglich die Vertiefung zwischen den Brüsten.“).

Aber auch Menschen mit ausgefallenen Vorlieben, etwa für Statistiken, kommen nicht zu kurz:

Pro Sekunde sehen 28 258 Internetuser Pornografische Inhalte. Das sind in der Minute 1,7 Millionen, in der Stunde 101,7 Millionen und pro Tag 2,4 Milliarden.

… nach nur drei Tagen wären es 7,2 Milliarden Menschen (und damit mehr, als im Moment auf der Erde leben) und nach etwa anderthalb Monaten hätten mehr Menschen im Internet Pornos geguckt, als insgesamt jemals auf der Erde gelebt haben.

Anders ausgedrückt: Täglich sehen sich 184,6 % aller weltweiten Internetnutzer pornografische Inhalte an.

Mit Dank an Thomas für den Hinweis.

Bild.de trägt zu dick auf

Manche Kriminalfälle könnten direkt aus einem schlechten Film stammen: Ende Juli wurde die libanesische Popsängerin Suzanne Tamim in Dubai ermordet. Am 10. August wurde der frühere Polizist Mohsen al-Sukkari als Tatverdächtiger festgenommen.

Am Tatort hatte die Polizei offenbar Indizien gefunden, die darauf hindeuteten, dass ein „unfassbar reicher ägyptischen Geschäftsmann“ und Ex-Geliebter der Sängerin den Mord in Auftrag gegeben haben könnte. Gestern dann wurde der ägyptische Milliardär Hisham Talaat Moustafa festgenommen.

Nochmal: Er soll den Mord beauftragt haben, wie zahlreiche Medien übereinstimmend berichten.

Nur für Bild.de ist das Ganze offenbar zu kompliziert:

Ende Juli wurde die libanesische Pop-Sängerin Suzan Tamim († 31) grausam ermordet. Jetzt hat ihr mutmaßlicher Mörder ein Gesicht: Verdächtigt wird der ägyptische Unternehmer Hisham Talaat Mustafa. Er soll in ihre Wohnung in Dubai eingedrungen sein, die schöne Sängerin grausam zugerichtet und mit mehreren Messerstichen getötet haben. Am Dienstag wurde Hisham Talaat Mustafa festgenommen, wie die Staatsanwaltschaft in Kairo mitteilte.

Dabei hatte Bild.de doch gestern selbst noch berichtet:

Art und Ausführung der Bluttat deuteten auf einen Auftragsmord hin.

Mit Dank an Govinda G., Peter R. und Jacob für den Hinweis.

Wieviel Ente steckt in Fritzls Hautcreme?

Also mit der Anti-Falten-Creme von Josef Fritzl war das so:

"Inzest-Drama von Amstetten: Josef Fritzl verlangt im Knast nach Anti-Falten-Creme"Bild.de schrieb’s aus dem britischen „Mirror“ ab. Aber „Spiegel Online“ schrieb, was im „Mirror“ stand, sei offenbar „erfunden“.* Und anschließend löschte Bild.de die eigene Meldung.

Das Übliche also? Und alles bestens? Mitnichten.

Denn das Löschen war zumindest übertrieben: Die Meldung war nicht komplett erfunden. Sie hatte bloß schon einen weiten und beschwerlichen Weg hinter sich, als sie schließlich bei Bild.de angekommen war.

*) Nachtrag, 22.7.2008: „Spiegel Online“ hat die „erfunden“-Formulierung aus dem Artikel entfernt und schreibt:

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hat eine zunächst in diesem Artikel publizierte Formulierung, „Neuigkeiten“ über Fritzl würden „erfunden“, entfernt.

Quelle der vom „Mirror“ publizierten Agenturmeldung war offenbar ein Bericht in der österreichischen „Kronenzeitung“, der gegenüber Erich Huber-Günsthofer angeblich bestätigte, Fritzl habe nach einer Hautcreme verlangt – was er SPIEGEL ONLINE gegenüber allerdings dementierte.

Mehr hierzu ebenfalls bei coffeeandtv.de

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