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Wenn die „Bild“-Zeitung erscheint, stirbt ein Promi

Vorgestern, am Sonntag, ist die frühere US-First-Lady Nancy Reagan gestorben. Und wer ist schuld daran? Ist doch klar: „Bild am Sonntag“. Denn am Todestag von Nancy Reagan erschien eben auch eine neue Ausgabe der „Bild am Sonntag“.

Und das ist nur der vorzeitige Höhepunkt eines gruseligen „Bild“-Fluchs: Immer dann, wenn ein Promi stirbt, ist am selben Tag eines der „Bild“-Printmedien erschienen. Am Todestag von Alan Rickman? Eine neue Ausgabe von „Bild“. Tod von David Bowie? „Bild am Sonntag“. Robin Williams? Paul Walker? Whitney Houston? Jedes Mal erschien am Tag des Promi-Todes auch ein „Bild“-Produkt. Das kann kein Zufall sein.

Wie? Die Theorie ist völliger Blödsinn? Ja, natürlich ist sie das. Und damit genau das Richtige für „Bild“ und Bild.de:

Auf Fußballer Aaron Ramsey vom Premier-League-Klub Arsenal London soll laut Bild.de ein „unheimlicher Tor-Fluch“ liegen. Ramsey sei „der gefährlichste Fußballer der Welt.“ Die Redaktion bringt seine Tore mit dem Ableben der oben genannten und elf weiterer Personen in Verbindung.

Und tatsächlich: Als der Mittelfeldspieler am 1. Mai 2011 in der Liga gegen Manchester United trifft, wird einen Tag später Osama bin Laden erschossen. Einen Tag nach Ramseys Champions-League-Tor gegen Olympique Marseille stirbt Muammar al-Gaddafi. Seit Oktober 2009 soll das schon so gehen, wenn Ramsey für Arsenal London oder die walisische Nationalmannschaft trifft:

Spiel Datum Prominenter Todestag
Liechtenstein – Wales 14.10.2009 Andrés Montes 16.10.2009
Wales – Schottland 14.11.2009 Antonio de Nigris 16.11.2009
Arsenal – Manchester United 01.05.2011 Osama bin Laden 02.05.2011
Tottenham Hotspurs – Arsenal 02.10.2011 Steve Jobs 05.10.2011
Olympique Marseille – Arsenal 19.10.2011 Muammar al-Gaddafi 20.10.2011
AFC Sunderland – Arsenal 11.02.2012 Whitney Houston 11.02.2012
Großbritannien – Südkorea 04.08.2012 Chavela Vargas 05.08.2012
Schottland – Wales 22.03.2013 Bebo Valdés 22.03.2013
Arsenal – Wigan Athletic 14.05.2013 Jorge Rafael Videla 17.05.2013
Olympique Marseille – Arsenal 18.09.2013 Ken Norton 18.09.2013
Cardiff City – Arsenal 30.11.2013 Paul Walker 30.11.2013
Hull City – Arsenal 20.04.2014 Rubin „Hurricane“ Carter 20.04.2014
Norwich City – Arsenal 11.05.2014 HR Giger 12.05.2014
Arsenal – Manchester City 10.08.2014 Robin Williams 11.08.2014
Arsenal – AFC Sunderland 09.01.2016 David Bowie 10.01.2016
FC Liverpool – Arsenal 13.01.2016 Alan Rickman 14.01.2016
Tottenham Hotspurs – Arsenal 05.03.2016 Nancy Reagan 06.03.2016

„Bild“ und Bild.de haben schon früher über die „UNDHEIMLICHE ENGLAND-SERIE VON AARON RAMSEY“ berichtet. Der Tod von Robin Williams im August 2014 war ein Anlass, genauso der „Doppelschlag mit Bowie und Rickman“ im Januar dieses Jahres:



Und gestern dann Nancy Reagan, nachdem Aaron Ramsey am Samstag in der Premier League gegen die Tottenham Hotspurs getroffen hatte.

Damit der irre Ramsey-Fluch überhaupt hinhaut, erweitert die Redaktion hier und da auch das Verständnis von Prominenz und Unmittelbarkeit: Als „Prominente“ gelten nicht nur Leute wie Osama bin Laden oder Robin Williams, sondern auch spanische Sportjournalisten oder kubanische Musiker. Und manche bekannten Persönlichkeiten — beispielsweise Apple-Gründer Steve Jobs oder der frühere argentinische Diktator Jorge Rafael Videla — starben erst mehrere Tage nach Ramseys Toren. Es wackelt und knirscht an allen Enden.

Trotzdem bleibt Bild.de bei der knackigen Formel:

Immer wenn der Waliser trifft, stirbt ein Prominenter!

An dieser Stelle ist die Berichterstattung des Portals dann nicht mehr nur dämlich, sondern schlicht falsch. Denn nach der Mehrzahl von Aaron Ramseys Toren seit dem Start des vermeintlichen Fluchs im Oktober 2009 passierte — wenig überraschend — rein gar nichts:

Spiel Datum Prominenter Todestag
Liechtenstein – Wales 14.10.2009 Andrés Montes 16.10.2009
Wales – Schottland 14.11.2009 Antonio de Nigris 16.11.2009
Arsenal – Stoke City 05.12.2009
FC Portsmouth – Arsenal 30.12.2009
West Ham United – Arsenal 03.01.2010
Cardiff City – Leicester City 22.02.2011 (als Leihspieler für Cardiff City)
Arsenal – Manchester United 01.05.2011 Osama bin Laden 02.05.2011
Nordirland – Wales 27.05.2011
Wales – Montenegro 02.09.2011
Tottenham Hotspurs – Arsenal 02.10.2011 Steve Jobs 05.10.2011
Wales – Schweiz 07.10.2011
Olympique Marseille – Arsenal 19.10.2011 Muammar al-Gaddafi 20.10.2011
AFC Sunderland – Arsenal 11.02.2012 Whitney Houston 11.02.2012
Großbritannien – Südkorea 04.08.2012 Chavela Vargas 05.08.2012
Arsenal – Olympiakos Piräus 03.10.2012
Schottland – Wales 22.03.2013 Bebo Valdés 22.03.2013
Arsenal – Wigan Athletic 14.05.2013 Jorge Rafael Videla 17.05.2013
Fenerbahce Istanbul – Arsenal 21.08.2013
Arsenal – Fenerbahce Istanbul 27.08.2013
Mazedonien – Wales 06.09.2013
AFC Sunderland – Arsenal 14.09.2013
Olympique Marseille – Arsenal 18.09.2013 Ken Norton 18.09.2013
Arsenal – Stoke City 22.09.2013
Swansea City – Arsenal 28.09.2013
Belgien – Wales 15.10.2013
Arsenal – Norwich City 19.10.2013
Arsenal – Liverpool 02.11.2013
Borussia Dortmund – Arsenal 06.11.2013
Cardiff City – Arsenal 30.11.2013 Paul Walker 30.11.2013
Hull City – Arsenal 20.04.2014 Rubin „Hurricane“ Carter 20.04.2014
Norwich City – Arsenal 11.05.2014 HR Giger 12.05.2014
Arsenal – Hull City 17.05.2014
Arsenal – Manchester City 10.08.2014 Robin Williams 11.08.2014
Arsenal – Crystal Palace 16.08.2014
FC Everton – Arsenal 23.08.2014
Stoke City – Arsenal 06.12.2014
Galatasaray Istanbul – Arsenal 09.12.2014
Arsenal – West Ham United 14.03.2015
AS Monaco – Arsenal 17.03.2015
Israel – Wales 28.03.2015
FC Burnley – Arsenal 11.04.2015
Hull City – Arsenal 04.05.2015
Wales – Andorra 13.10.2015
FC Watford – Arsenal 17.10.2015
Arsenal – AFC Sunderland 05.12.2015
Aston Villa – Arsenal 13.12.2015
Arsenal – AFC Sunderland 09.01.2016 David Bowie 10.01.2016
FC Liverpool – Arsenal 13.01.2016 Alan Rickman 14.01.2016
Tottenham Hotspurs – Arsenal 05.03.2016 Nancy Reagan 06.03.2016

Ramseys folgenlose Treffer lässt Bild.de einfach aus.

Dass die Wenn-dann-Kausalität totaler Murks ist, hält andere Redaktionen natürlich nicht davon ab, den „Todes-Fluch“ weiterzutragen:


(mopo.de)

(stern.de)

(„Focus Online“)

(krone.at)

(kurier.at)

(oe24.at)

Mit Dank an Jannis C.!

Medien quälen Timoschenko

Am Freitag hatten wir darüber berichtet, dass sich Bild.de darüber empört hatte, dass in der Ukraine ein Video der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko an die Öffentlichkeit gekommen war, das offensichtlich gegen den Willen der Politikerin entstanden war — und Bild.de dann ein Standbild aus eben jenem Video veröffentlicht hatte.

Wir waren da vielleicht ein bisschen unfair, denn Bild.de war längst nicht das einzige Medium, das diesen intellektuellen Spagat hinbekommen hatte:

Focus.de zeigte ein Standbild unter der Überschrift „Nobel-Zelle für Julia Timoschenko“ und brachte dieses bemerkenswerte Satzpaar:

In ukrainischen Medien war am Donnerstag von einer „Nobel-Zelle“ im Stil eines Hotelzimmers die Rede. Auch gab es Spekulationen, ob es sich um eine Inszenierung für die Öffentlichkeit handele.

Morgenpost.de und welt.de zitierten Timoschenkos Anwalt Sergei Wlasenko fünf Zentimeter unter einem Screenshot des Videos mit den Worten, einen solchen Film könnten „nur Tiere aufnehmen“, wobei welt.de sicherheitshalber auch noch mal ein paar unkommentierte Ausschnitte des Videos online stellte.

derstandard.at zeigte das Video nicht, verlinkte es aber auf YouTube. Von dort hatten 20min.ch und krone.at („Intimsphäre verletzt: Ukraine quält Timoschenko mit Video aus Spital“) den Clip direkt eingebunden.

Intimsphäre verletzt: Ukraine quält Timoschenko mit Video aus Spital

Anders als viele andere Medien hatte sich „Spiegel Online“ die Mühe gemacht, das Rohmaterial weiterzuverarbeiten, weswegen der Off-Sprecher über das Video jetzt „dieses Video hat in der Ukraine einen handfesten Skandal ausgelöst“ sagen kann. Bei euronews.net führt es spätestens dann zu einer gewissen Ironie, wenn der Off-Sprecher die Aufnahmen mit den Worten „die ehemalige Regierungschefin protestiert offensichtlich gegen diese Aufnahmen“ kommentiert.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir Julia Timoschenko als „ehemalige Präsidentin“ der Ukraine bezeichnet. Richtig ist, dass sie (zwei Mal) Ministerpräsidentin des Landes war.

Wer hat die dümmsten Redakteure?

Das Sommerloch macht es schwer, journalistische Angebote zu füllen. Die Parlamente machen Ferien, im Fernsehen kommen nur Wiederholungen und falls man doch Mal recherchieren will, hört man am anderen Ende der Leitung all zu oft: „Ihr Ansprechpartner ist leider im Urlaub“.

Also muss man den Bodensatz der Pressemitteilungen durchwühlen. Am Besten sind Geschichten, die sich gut anhören, bei denen es aber egal ist, ob sie nun wahr sind oder nicht. Beispielsweise: „Schwangere mögen Sellerie lieber als Saure Gurken“. Oder: „Im Fernsehen kommen nur Wiederholungen„. Oder zur Abwechslung etwas Neues: Der Web-Browser ist mit der Intelligenz verknüpft. Klingt abwegig, banal, irgendwie doof? Egal, es füllt Platz:

Bei „Welt kompakt“:

Browser-Test: Opera-User sind am schlauesten

Bei Krone.at:

Nutzer des Internet Explorer sind am dümmsten

Bei „20 Minuten“:

Bei Bild.de:

Dass niemand zuvor von der ominösen Marktforschungsfirma gehört hatte — egal. Dass die Abweichungen von über 40 IQ-Punkten enorm hoch sind und Nutzer des Internet Explorer 6 mit knapp über 80 IQ-Punkten im Schnitt nur wenig besser abschneiden als Forrest Gump — kein Problem. Schließlich sind in der Studie bunte Grafiken und gewichtig klingende Fachbegriffe wie „WISC-iV“, „Verbal IQ“ und „Full Scale IQ“.

Dumm nur: nichts davon stimmt. Die BBC, die die Story zunächst auch verbreitet hatte, hat doch noch einmal nachgefragt und die Geschichte als „Bogus“ entlarvt: Unter der angegebenen Telefonnummer meldet sich niemand, die Webseite der angeblich seit fünf Jahre existierenden Firma ist brandneu und aus anderen Webseiten zusammen gestückelt und ein Statistikforscher an der Universität Cambridge findet die publizierten Zahlen unplausibel.

Kurz gesagt: Studie samt Firma sind offenbar Produkt von Witzbolden, die sich über Nutzer des Internet Explorer lustig machen wollten. Das stellt die hiesigen Medien vor ein Problem: Die Spielverderber von der BBC können schließlich nicht ganz ignoriert werden.

Bild.de gibt sich humorvoll:

Und ergänzt:

Wie Kollegen von Computerbild.de jetzt herausfanden, existierte die Kanadische Beraterfirma AptiQuant nicht einmal.

Doch die Kollegen behaupten nicht einmal selbst, es herausgefunden zu haben: Sie beziehen sich bei ihrer Korrektur ausdrücklich auf die BBC.

Herr Admin und Frau Backup_user

Es gibt Meldungen, die wiederholen sich so oft, dass man versucht ist, sie einfach als Vorlage im Redaktionssystem stehen zu lassen. So haben sich die Einbrüche bei namhaften IT-Unternehmen in den letzten Monaten so gehäuft, dass es sich einfach nicht mehr lohnt neue Nachrichten zu schreiben. Man setzt einfach betroffene Firma, Anzahl der gestohlenen Datensätze und den Namen der anonymen Hacker-Gruppe ein — fertig sind Meldung und Schlagzeile.

So meldete Reuters am Montagabend:

Hacker greifen Apple an - Einige Kundendaten veröffentlicht

Dicht gefolgt von „RP Online“:

Kundendaten veröffentlicht Hacker attackieren Apple

Und schließlich berichtete auch krone.at:
Hacker stellen Daten von Apple-Kunden ins Internet

Doch die Macht der Gewohnheit war hier kein guter Ratgeber. Die vorgeblichen Kundendaten lesen sich nämlich etwas seltsam: Die veröffentlichte Liste von 27 Usernamen umfasst so merkwürdige Namen wie „admin“, „backup_user“ und „process_super“.

Tatsächlich waren auf dem Server nach dem aktuellen Informationsstand keine Daten von Apple-Kunden abgespeichert. Die Hacker haben stattdessen eine Liste interner Kennwörter der IT-Abteilung von Apple erbeutet. Das ist zwar peinlich genug für Apple und spricht nicht für die IT-Sicherheit des Unternehmens, aber „Kundendaten“, wie einige Medien schreiben, wurden bisher keine veröffentlicht.

Mit Dank an David D.

Und das Quadrat da sieht aus wie ein Viereck

Mimik-Forschung: Frauen lachen wie Primaten

Frauenlächeln ähnelt dem Grinsen von Primaten

Was Bild.de und Krone.at titeln, ist so banal, dass es keine Meldung wert wäre.

Denn Frauen lächeln nicht nur wie Primaten, Frauen sind Primaten. Und Männer auch, schließlich gehören alle Menschen als Menschenaffen zu den Primaten.

In der vielfach verbreiteten dpa-Meldung heißt es:

Das meist offene Lächeln einer Frau sei vergleichbar mit dem Verhalten von Primaten im Tierreich.

(Hervorhebung von uns)

Mit Dank an Eugen W.

Nachtrag, 21.25 Uhr: krone.at hat in der Überschrift die „Primaten“ durch „Affen“ ersetzt.