Archiv für Im Abseits

Der große „Bild“-Falschmeldungscheck

Facebook hat vor Kurzem in der „Bild“-Zeitung erklärt, wie man Falschmeldungen erkennen kann. In einer großen Anzeige hat der Konzern zehn Tipps gegeben:

Wohl aus Platzgründen fehlen in der Anzeige leider die Beispiele. Aber kein Problem. Platz haben wir genug — die Beispiele liefern wir nach. Hier also noch einmal die zehn Tipps zum Erkennen von Falschmeldungen. Mit den entsprechenden Beispielen. Und warum nicht gleich aus der Zeitung, in der die Hinweise zu lesen waren?

1. Lies die Überschriften kritisch.
Klingen die Titel etwas überdreht, unglaubwürdig, und steht am Ende vielleicht sogar ein Rufzeichen? Sehen die Überschriften also zum Beispiel so aus?

Oder so?

Oder so?

Dann solltest du aufpassen. Was kannst du machen? Verfolge die Berichterstattung in den darauf folgenden Tagen. Manchmal erscheint später eine Korrektur oder Entschuldigung. Aber aufgepasst: Dubiose Nachrichten-Portale korrigieren Berichte oft auch dann nicht, wenn längst bekannt ist, dass sie nicht richtig waren.

2. Sieh dir die URL genau an.
Diesen Punkt kannst du leicht nachprüfen. Hat die URL in der Adresszeile des Browsers vier Buchstaben? Endet sie mit „.de“? Sieht sie vielleicht so aus?

Dann sei lieber vorsichtig.

3. Überprüfe die Quelle.
Was weißt du über die Quelle? Finde etwas darüber heraus. Fang mit einer Google-Recherche an. Was behauptet das Medium selbst von sich?

Was sagen andere?

Wie ist dein Eindruck? Mach dir selbst ein Bild von der Seite.

Was für Meldungen findest du dort?

Sprechen die Inhalte dafür, dass es sich um eine Nachrichten-Quelle handelt, der man vertrauen kann? Wie ist dein Gefühl?

4. Achte auf ungewöhnliche Formatierungen.
Wie wirken die Inhalte optisch? Seiten mit Falschmeldungen haben häufig merkwürdige Layouts:

Tippfehler:

Oder ungewöhnliche Gewichtungen:

Fällt dir so etwas auf? Dann vergewissere dich noch einmal genau.

5. Sieh dir die Fotos genau an.
Vor allem Bilder und Bildunterschriften können aufschlussreich sein, wenn es darum geht, sich einen ersten Eindruck zu machen. Wie sind die Menschen einzuschätzen, die diese Inhalte aufbereiten?

Kennen sie sich ein bisschen aus mit den Dingen, über die sie schreiben?

Wie gründlich arbeiten sie? Werfen sie einen Blick aufs Foto, bevor sie die Bildunterschrift schreiben?

Und wenn ja, warum schreiben sie den Namen des Torwarts nicht einfach von der Rückseite seines Trikots ab?

6. Überprüfe die Datumsangaben.
Auch das Datum des Artikels kann nützlich sein, um einzuschätzen, wie sorgfältig und ehrlich hier gearbeitet wird. Sind die Nachrichten, die du auf der Seite findest, wirklich aktuell?

Oder versucht hier jemand, dir alte Berichte als Neuigkeiten unterzujubeln? Überprüfe es einfach. Manchmal hilft eine einfach Google-Recherche:

Vielleicht findest du den Artikel sogar auf dem gleichen Portal noch ein zweites Mal. Unseriöse Nachrichten-Seiten veröffentlichen alte Artikel später manchmal umdatiert neu, wenn sie gut gelaufen sind. Es geht schließlich um Klick-Zahlen:

7. Überprüfe die Beweise.
Zweifelhafte Seiten blasen Nachrichten gerne auf. Diese Meldungen erkennt man an ihrem abfallenden Aufbau. Es beginnt mit einer spannenden Überschrift:

Im Text klingt alles zunächst noch so, als ginge es hier um eine sagenhafte Entdeckung:

Aber letztlich kann man doch nur sagen:

8. Sieh dir andere Berichte an.
Du bist dir nicht sicher, ob das, was du gerade liest, auch tatsächlich stimmt?

Dann such am besten nach einer weiteren Quelle:

Du zweifelst noch immer? Dann hat Google manchmal ein paar hilfreiche Tipps:

Die Zahl der Suchtreffer kann ein guter Hinweis sein:

Und so kommt man dem richtigen Ergebnis langsam auf die Spur:

9. Ist die Meldung ein Scherz?
So leicht lässt sich oft gar nicht sagen, ob es sich um eine Nachricht handelt — oder einfach um Humor:

Manchmal denken Satiriker sich Dinge aus, die von der Wirklichkeit kaum zu unterscheiden sind:

Daher überprüfen professionelle Medien ihre Informationen vor der Veröffentlichung, damit so etwas nicht passiert:

Als Leser hast du im Grunde nur eine Chance: Du musst versuchen herauszufinden, ob das Medium, um das es geht, für Satire bekannt ist. Auch dabei hilft dir Google.

10. Einige Meldungen sind bewusst falsch.
Noch komplizierter ist die Situation nur, wenn Medien bewusst Neuigkeiten verbreiten, die einfach nicht stimmen:


Wenn du keine Möglichkeit hast, eine zweite Quelle heranzuziehen, dir die Formatierungen oder das Datum nicht weiterhelfen und auch URL oder Überschrift keinen Aufschluss geben, dann hilft dir nur noch eins: Geduld. Im Moment lässt sich zwar noch nicht sagen, wie valide die Information ist. Aber warte ab. Verfolge die Berichterstattung eine Weile. Dann wirst du vielleicht auch ohne zweite Quelle erkennen: Irgendetwas stimmt da nicht.







Schon komisch. Ständig geht alles Mögliche schief, aber Ernst Elitz hat nie irgendetwas zu beanstanden. Sieht er das denn nicht? Will er das nicht sehen? Woran liegt das? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht hat er ja diesen Text gelesen. Dann müsste ihm doch etwas aufgefallen sein. Und wenn das so sein sollte, was sagt er dazu?

Fragen wir ihn doch einfach. Im Internet ist das ja möglich: Herr Elitz, entschuldigen Sie, dürften wir Sie kurz um eine Einschätzung bitten? So unter dem Strich, wie würden Sie die Sache beurteilen?

Platz für eine Meldung? Tetris hilft

Ein Freund von mir hat vor Jahren eine gute Erfahrung mit einem Heilpraktiker gemacht. Er fühlte sich immer kränklich, hatte sich ein paar Mal untersuchen lassen, aber die Ärzte konnten nichts finden. Dann gab ihm jemand den Tipp, es mal bei einem Heilpraktiker zu probieren. Das tat er. Der Mann unterhielt sich mit ihm und schon nach einem kurzen Gespräch war er sich sicher, die Ursache des Problems gefunden zu haben. Er fragte meinen Freund: „Wissen Sie, was Ihnen fehlt?“ Und gab die Antwort gleich selbst: „Zink.“

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Meine Freund war skeptisch, dachte aber: „Warum nicht? Ich probier das einfach Mal.“ Er kaufte das Präparat, das der Heilpraktiker ihm empfohlen hatte, achtete in den Wochen darauf ein bisschen mehr auf seine Ernährung als sonst, und tatsächlich: Bald ging es ihm insgesamt besser.

Bis hierher klingt das noch alles ganz gut. Allerdings hat die Zink-Behandlung eine Nebenwirkung, die bis heute andauert. Wenn irgendjemand in der Gegenwart meines Freundes über ein Leiden klagt, Rückenschmerzen, eine Erkältung, plötzliche Schweißausbrüche oder ein Pochen im Zahn, hört er sich die Schilderung der Symptome geduldig an und stellt schließlich die Frage, die auch ihm gestellt wurde:

„In letzter Zeit spüre ich beim Treppensteigen immer so ein Ziehen in der rechten Schulter.“

„Vor allem im Winter hab‘ ich Nierenschmerzen.“

„Wenn ich Fisch esse, spielt mein Magen verrückt.“

„Weißt du, was dir fehlt? Zink!“

Bislang hielt ich das lediglich für eine eigentümliche Marotte, aber dann las ich in der Zeitung die folgende Meldung. Und jetzt vermute ich, das Problem könnte doch etwas weiter verbreitet sein — und vor allem nicht nur meinen Freund betreffen.

In der kurzen Meldung stand, Forscher hätten herausgefunden, dass ein Trauma nach einem Unfall etwas weniger schlimm ausfallen könne, wenn die Menschen danach Tetris spielen.

Um ehrlich zu sein, ein bisschen hoffte ich, einen Fehler gefunden zu haben — einen Aprilscherz, der mit zwei Tagen Verspätung an irgendwem vorbei in die Zeitung gerutscht ist, aber im Internet inzwischen längst aufgeklärt wurde. Ich googlete das Ganze. War aber nicht so.

Auch der „Deutschlandfunk“ meldete:

Ich fand allerdings noch eine andere Meldung. In der ging es um die Frage:

Intuitiv würde man eher vermuten, dass dieses Spiel Schlafstörungen verursacht, aber wenn es stimmt, was in diesem Text steht, scheint es unter gewissen Umständen auch ein Mittel dagegen zu sein.

Doch das ist noch nicht alles. Tetris kann offenbar noch viel mehr:

Und wenn man sich früher zwischen Kontaktlinsen und einer Brille entscheiden musste, dann hat man inzwischen noch eine dritte Möglichkeit:

Ich dachte darüber nach, ob es in der Wissenschaft vielleicht ganz ähnlich läuft wie bei meinem Freund mit dem Zink-Syndrom. Die Forscher sitzen mittags in der Kantine zusammen. Der verzweifelte Parkinson-Experte schüttet dem gut gelaunten Trauma-Fachmann sein Herz aus: „Seit Jahren suchen wir jetzt nach einem Mittel, aber wir kommen einfach keinen Millimeter weiter.“ Und der Trauma-Forscher hat sofort eine Idee: „Wisst ihr, was euren Patienten fehlt?“

„Ähm, vielleicht Zink?“

„Nee. Ein Gameboy.“

Ich suchte weiter, und plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob so ein Mechanismus nicht tatsächlich existiert.

Und nachdem man jahrelang probiert hat, sich die Zigaretten mit allem Möglichen abzugewöhnen, liest man nun: Es wäre so einfach gewesen.

Auch auf anderen Gebieten scheint das Spiel ein Wundermittel zu sein. Vielleicht lesen wir irgendwann die Nachricht:

Experte: Tetris gute Alternative zum Gymnasium.

Dafür würde jedenfalls diese Meldung sprechen:

Und wenn auch das mit den Betablockern stimmt, warum sollte Tetris dann nicht auch Aspirin ersetzen können?

Dann bräuchten wir sonntagsmorgens endlich keine Pharma-Produkte mehr, sondern könnten auf jedem Geburtstag so viel durcheinandertrinken, wie wir wollten. Wir müssten eben nur darauf achten, dass der Gameboy nach dem Aufwachen neben dem Bett liegt und genügend Akku hat.

So weit ist die Forschung aber noch nicht. Wenn man „Aspirin“ und „Tetris“ bei Google eingibt, findet man lediglich einen 17 Jahre alten Werbespot, in dem das Unternehmen „Bayer“ für seine Schmerztabletten wirbt — mit einer Szene, die Tetris nachempfunden ist. Man könnte den Spot auch so verstehen, dass Aspirin gegen Tetris hilft, aber das ist wohl anders gemeint. Über den umgekehrten Zusammenhang erfährt man jedenfalls nichts. Und auch auf einige weitere Fragen fehlen bislang die Antworten:

Immerhin für die Unfall-Patienten gibt es jetzt eine gute Nachricht: Das Trauma fällt etwas weniger schlimm aus, wenn man nach dem Unfall ein paar Runden Tetris spielt. Aber es ließe sich unter Umständen vollständig vermeiden, wenn man komplett auf Tetris verzichtet. Dann baut man vielleicht erst gar keinen Unfall.

Was tun gegen den Egg-Storm?

Viele Dinge aus dem Internet findet man im Offline-Leben so nicht vor. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, dass jemand wegen einer Äußerung auf der Straße stundenlang und gleich von mehreren Menschen auf Übelste angepöbelt wird, und das alles gar nicht aufhören will, weil immer neue Menschen hinzukommen, die ihrerseits die Chance nutzen, mal ihre ganze Wut loszuwerden, brüllen und drohen, um das am Boden liegende Opfer schließlich mit Hitler zu vergleichen — und dann abzuhauen.

Im Internet passiert das ständig. Da nennt man das Shitstorm.

Umgekehrt gibt es aber auch reale Phänomene, die in der digitalen Sphäre so nicht zu finden sind. Zum Beispiel den Egg-Storm. Menschen oder Gebäude werden mit rohen Eiern beworfen. Anders als beim Shitstorm ahnen die Opfer oder die Besitzer der Gebäude allerdings meistens gar nicht, wofür sie bestraft werden.

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert. Diesmal in Freilassing:

Dort sogar schon zum dritten Mal. Im Februar gab es diesen Fall aus Germering:

Ende Januar wurden in Meitingen vier Hausbesitzer Opfer von Eier-Attacken:

Und irgendwie ja schon bemerkenswert: Um das Problem mit den Hass-Kommentaren in den Griff zu bekommen, hat der deutsche Justizminister in aller Eile ein neues Gesetz zusammenschrauben lassen. Aber was unternimmt er gegen die Egg-Storms? Die sind ja auch nicht gerade ungefährlich.

Hass-Kommentare haben jedenfalls noch keinen Auffahrunfall verursacht.

Und ein hartes Vorgehen gegen Eierwerfer wäre im Interesse großer gesellschaftlicher Gruppen:

Das Problem tritt in den Fußballstadien auf:

Und eigentlich ist es ein Wunder, dass aus der Wirtschaft noch niemand ein neues Gesetz gefordert hat. Denn die sind ja auch betroffen:

Aber vielleicht kommt das noch, und bald sehen wir den ersten Referenten-Entwurf der neuen Eier-Bewegungs-und-Beförderungs-Verordnung. Oder es gelingt sogar der, ähm, nun ja, ganz große Wurf: Ein bundesweites Eierhandels-Gesetz (EiHG), das in einem Unterparagraphen auch die von rohen Eiern ausgehenden Gefahren regelt.

Viel wäre da zwar nicht zu erwarten, denn Christian Schmidt versteht sich in seiner Bundeslandwirtschaftsminister-Rolle ja so ein bisschen auch als Sprecher der Agrar-Lobby. Andererseits ist er natürlich in der CSU, und Eier im öffentlichen Raum — das zeigt die Vergangenheit — gefährden die Sicherheit der Menschen.

Was also tun? Mehr Überwachung? Härtere Strafen? Rigorose Vorschriften, die nach dem Vorbild des Waffenscheins eine staatliche Erlaubnis zur Voraussetzung für das Mitführen von rohen Eiern machen?

Oder wäre das gar nicht möglich, weil der Eierwurf doch im Grunde ein Akt der freien Meinungsäußerung ist? Der letzte große Angriff auf dieses Grundrecht ist schließlich so krachend gescheitert, dass er heute immer noch mit einem Jahrestag gefeiert wird.

Man muss allerdings auch sagen: Der Eierwurf als solcher ist zwar eine wunderbar geradlinige Form der Meinungsbekundung, die keinerlei Zweifel daran lässt, wie die werfende zu der beworfenen Person steht. Als Argument geht die Tat aber nicht durch.

Und daran gibt es Kritik:

Sollten diese Kritiker sich durchsetzen, werden stark reglementierende gesetzliche Vorschriften immer wahrscheinlicher. Denkbar wäre zum Beispiel Folgendes.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das Beschädigen oder Zerstören von rohen Eiern außerhalb von Gebäuden könnte mit hohen Geld- oder Freiheitsstrafen belegt werden.

Was dann passieren würde, kennt man allerdings schon aus dem Straßenverkehr, wo Menschen wie Kriminelle behandelt werden, weil ihnen die Glühbirne vom Rücklicht durchgebrannt ist. Die Polizei würde sich vor Supermärkten postieren, und wenn dann einer alten Dame das Frühstücksei aus der Einkaufstasche fällt — Zugriff!

Oder der Handel mit rohen Eiern würde eben ganz verboten. Das Problem dann wäre allerdings, dass irgendwer die Eier vor dem Verkauf kochen müsste. Natürlich zum Mindestlohn. Das würde die Eierpreise sicher um zwei bis drei Cent in die Höhe treiben, was auf einem preisempfindlichen Markt wie diesem enorme Umsatzeinbußen zur Folge hätte. Das macht das Szenario sehr unwahrscheinlich.

Wie auch immer es ausgeht, eines steht fest: Irgendwas muss passieren, denn das Problem droht völlig außer Kontrolle zu geraten. Eierwerfer machen deutsche Städte unsicher:

Menschen leben in Angst und Schrecken:

Kulturelle Veranstaltungen müssen wegen der ständigen Bedrohung abgesagt werden:

Und um welche Dimensionen es hier geht, zeigt unter anderem dieses Bild:

Allerdings soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass gar nichts unternommen würde. Die Polizei erscheint in ihren Bemühungen zwar manchmal etwas hilflos …

… aber zwischendurch gelingt auch der ein oder andere Erfolg:

Dazu setzen die Behörden modernste Methoden ein:

Und fahnden großflächig nach Verdächtigen:

Nur oft stellt sich am Ende heraus: Das Problem ist einfach zu groß. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, in dem einfache Beamte nichts ausrichten können. Das ist ein Fall für Heiko Maas — oder den Verfassungsschutz:

„BILD ist hier nichts vorzuwerfen“

Ernst Elitz ist Ombudsmann der „Bild“-Zeitung. Er schaltet sich ein, wenn Leser ihre politischen Ansichten falsch oder verzerrt dargestellt finden. Aber auch, wenn sie Zweifel an Fakten haben.

Seine erste Kolumne erschien am Donnerstag. Am Wochenende schrieb er gleich die nächste. Diesmal fand er sogar einen berechtigten Kritikpunkt. Nur leider schickte er die fertige Kolumne an die falsche E-Mail-Adresse. Sie landete bei uns. Wir veröffentlichen sie hier. Exklusiv bei BILDblog.

Liebe BILD-Leser,

zunächst muss ich Ihnen sagen: Julian Reichelt hat mich für meine erste Kolumne sehr gelobt. Darüber freue ich mich ganz besonders. Denn das zeigt: Er nimmt die kritische Auseinandersetzung mit BILD ernst. Aber kommen wir gleich zu den Zuschriften.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Ich bin den folgenden Fällen nachgegangen.

► BILD-Leser Maik Warschnitz schreibt: „Ich habe von verschiedenen Seiten gehört: Zu Karneval sind mehrere Pärchen in der Öffentlichkeit beim Liebesspiel gefilmt worden. Warum finde ich die Videos nicht bei Bild.de?“

Meine Antwort: Dafür habe ich leider keine Erklärung. Wir haben alle Aufnahmen veröffentlicht. Prominent auf unserer Startseite. Ich habe in der Chefredaktion recherchiert. Der Browser-Verlauf zeigt: Auch dort wurden sie gefunden.

Mein Urteil: BILD ist hier nichts vorzuwerfen.

► BILD-Leser Ferdinand Huhn fragt: „Früher habe ich immer gern die BILD-Korrekturspalte gelesen. Leider finde ich sie nicht mehr. Warum hat die Redaktion sie abgeschafft?“

Die Redaktion sagt: „Diese Frage hören wir oft. Die Antwort überrascht viele Leser: Wir haben die Korrekturspalte nicht abgeschafft. Im Gegenteil: Oft würden wir Fehler gern berichtigen. Aber leider ist unser Platz begrenzt. Unsere Aufgabe ist es, die wichtigsten Themen des Tages auszuwählen. Wenn dazu unserer Meinung nach ein Fehler zählt, werden wir die Korrekturspalte auch weiterhin nutzen. Sie bleibt also ein ebenso fester Bestandteil der BILD wie das kritische Urteil von Ernst Elitz.“

Mein Urteil: Stark!

► Bei der Berichterstattung über Verbrechen wirft BILD-Leser Gisbert Holunder uns vor, oft einen Teil der Wahrheit zu verschweigen. So würden in vielen Fällen lediglich Fotos veröffentlicht, die das Opfer vor der Tat zeigen.

Meine Antwort: BILD-Reporter sind auch nur Menschen. Sie können nicht gleichzeitig überall sein. Vor allem bei Verbrechen sind wir auf Augenzeugen angewiesen. Und dabei dürfen wir nicht vergessen: Das sind keine Profis. Diese Menschen sind meistens von der Situation überfordert. In ihrer Panik vergessen sie, vom Tatort ein Foto zu machen. Und oft holen sie zunächst Hilfe, statt unsere Reporter zu kontaktieren.

Mein Urteil: BILD trifft keine Schuld!

► BILD-Leser und Türkei-Kenner Hans-Eberhard Müller aus Torgau (Sachsen) fordert „deutliche Worte“ zu den „Mätzchen“ des türkischen Präsidenten Erdogan.

Meine Antwort: BILD hat dazu deutliche Worte gefunden. Wir werden auch weiter über die Türkei und Präsident Erdogan berichten.

Mein Urteil: BILD hat alles richtig gemacht.

► BILD-Leser Kevin Knoblikowsky möchte wissen: „Warum hat das BILD-Girl eine Hose an?“

Meine Antwort: Sie haben vollkommen Recht. Das muss nicht sein! BILD steht für transparenten Journalismus. Diese Frage müssen wir uns gefallen lassen.

Die Redaktion sagt: „Die Fotos werden uns zugeliefert. Mit Photoshop ist da nichts zu machen. Aber wir bleiben an der Sache dran.“

Mein Urteil: Hier muss sich dringend etwas ändern.

► Stichwort Kommentar!

Manche Leser sind unzufrieden mit Berichten und Formulierungen, die ihrer eigenen Vorstellung von Anstand und Redlichkeit zuwiderlaufen.

Meine Empfehlung: Stellen Sie sich nicht so an!

PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von BILDblog!

Herzlichst,

Ihr BILD-Ombudsmann
Ernst Elitz

Bestürzende Sturzgeburt

Michael Martens hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Inhaftierung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel kommentiert. Aber er kann das unmöglich ernst gemeint haben. Vermutlich ist beim Schreiben etwas schiefgelaufen. Vielleicht war es ja so.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Michael Martens hatte am Wochenende eine schlaflose Nacht. Der „FAZ“-Südosteuropa-Korrespondent hatte gehört, dass sich sein Kollege Deniz Yücel in Istanbul in Polizei-Gewahrsam befindet. Yücel hat zwei Pässe. Er ist nicht der erste Journalist mit einem türkischen Ausweis, dem so etwas passiert, aber der erste mit einem deutschen. Martens fragte sich: Hätte man das irgendwie verhindern können?

Zwei Stunden lag er schon da und grübelte. Aber noch war ihm das alles nicht so klar. Er wälzte sich von der einen Matratzenseite zur anderen, zum hundertsten Mal schon, doch es wollte weder Schlaf kommen noch eine Antwort. Und dann wälzte er sich wieder, nur dieses Mal ein kleines Stückchen zu weit.

Rumms!

Martens rutschte ab, versuchte noch, sich im Fallen am Bettlaken festzuhalten, aber das Laken glitt ihm aus der Hand. Er knallte mit dem Hinterkopf gegen den Nachttisch und war kurz bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, hatte er eine Idee.

Ja. Eigentlich war doch alles ganz klar, dachte sich Martens: Vor einem halben Jahrhundert hatten die Deutschen sich die Türken ins Land geholt. Als die dann endlich ein paar Sätze verstanden, sagte man ihnen, was zu tun ist. Das erledigten sie. Und das wurde über die Jahre so beibehalten.

Nun sind wir allerdings inzwischen sehr gut mit Gemüseläden versorgt und müssen den Kindern und Enkeln der Türken daher in anderen Branchen Beschäftigungen zuweisen. Und da lässt man sie doch am besten das machen, wovon sie ihrem Namen nach wohl am meisten verstehen dürften. Irgendwas mit Türkei eben.

So war es wohl zu erklären, dass dieser Yücel jetzt in Istanbul einsaß.

All jene, die gegen jeden guten Rat Journalisten werden müssen, bekommen einen Korrespondenten-Job am Bosporus, denn was soll man sonst mit ihnen machen? Sie über Innenpolitik schreiben lassen? Das wäre ja wohl absurd — bei dem Nachnamen.

Aber sie in die Türkei zu schicken, ist natürlich auch nicht viel besser, denn da liefert man sie dem Despoten ans Messer, der sie dann umgehend einbuchtet, wie man nun wieder einmal gesehen hat.

Und das ist doch die Erklärung, wurde es Martens auf einmal ganz klar: Wer trägt also die Schuld? Natürlich. Die Verlage.

Wenn die sich bei der Zuordnung ihrer Korrespondenten zu den frei werdenden Stellen auch nur ein Minimum an Gedanken machen würden, säße dieser Yücel jetzt nicht im Gefängnis — und er selbst nicht hier in Griechenland.

Immer noch leicht benommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der verdammte Nachtschrank, fluchte er, aber immerhin hatte es aufgehört zu bluten, und der Schmerz ließ langsam nach.

Martens prüfte noch einmal, ob seine These so auch stimmte: Haben denn wirklich so viele Türkei-Korrespondenten deutscher Medien türkische Wurzeln?

Na egal. Es war jedenfalls schon öfter vorgekommen, dass Deutsch-Türken auf Deutsch über die Türkei geschrieben hatten. Und bei Deniz Yücel war es offenbar noch schlimmer. Das sei „einer, der die Türkei liebt“, hatte er gelesen.

Als Journalist. Das muss man sich mal vorstellen.

Dass er selbst das liebte, worüber er schrieb, war bei ihm in all den Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen. Aber welche Hollywood-Schauspielerin würde sich schon mit einem Journalisten abgeben? So war das nun mal. Und jetzt saß er auch noch in Griechenland fest.

Der Text floss ihm nur so aus den Fingern.

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen „lieben“ — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

… formulierte er und las den Satz laut. Er gefiel ihm — besonders die Passage mit „Nordkorea oder Hintertupfingen“.

Als er den letzten Satz geschrieben hatte, ging Martens den Text noch einmal durch und war im Großen und Ganzen zufrieden. Er fand noch kleine Fehler, aber nichts, was den Eindruck getrübt hätte. Der Kopf tat schon gar nicht mehr weh. Aber an dieser einen Stelle blieb er doch immer wieder hängen. Und plötzlich war ihm etwas unwohl. Irgendwas stimmte da nicht.

Klang ja schon ein bisschen so, als wären türkischstämmige Journalisten hierzulande so etwas wie willenloses Verfügungsvieh. Dabei war es, wenn auch unwahrscheinlich, doch immerhin theoretisch möglich, dass es bei anderen Verlagen nicht ganz so war wie bei dem, der ihn nach Griechenland geschickt hatte. Wäre ja möglich, dass Yücel freiwillig in die Türkei gegangen war, dachte er, konnte es sich dann aber doch nicht vorstellen und verwarf den Gedanken wieder.

Er überlegte hin und her, und letztlich überwogen die Zweifel. Er hatte die E-Mail an die Redaktion zwar schon geschrieben, aber beschloss, den Text doch nicht abzusenden. Es war ein gutes Gefühl. Es war die richtige Entscheidung.

Als Martens von seinem Schreibtischstuhl aufstand, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, blieb er mit dem linken Fuß am Ladekabel seines Laptops hängen. Das Kabel zog den Computer in Zeitlupe vom Tisch. Martens schlug mit der flachen Hand zu, um das sich der Tischkante nähernde Gerät zu stoppen.

Es gelang ihm so gerade. In dieser Pose, das Ladekabel am ausgestreckten Bein und die Tastatur unter dem ausgestreckten Arm, sah er seine E-Mail im Ordner Postausgang verschwinden.

In Panik schlug er ein weiteres Mal zu, um die Verbindung vielleicht doch noch zu kappen. Doch der Postausgang war schon leer, die E-Mail in Frankfurt angekommen. Der Bildschirm wurde schwarz. Der Computer ließ sich nicht mehr einschalten. Er versuchte es noch drei- oder viermal. Dann gab er auf.

Was für ein Ärger. Ein Telefon existierte nicht in diesem malerischen Drecksnest, wo er seine Wochenenden verbrachte. Zurück in Athen würde er erst am Sonntag sein. Dann könnte er die Redaktion anrufen. Aber dann war der Text längst erschienen. Statt des Biers aus dem Kühlschrank holte Martens die Flasche Metaxa aus dem Regal. Er setzte sich ans Fenster, schaute aufs Meer und schlief eine Stunde später ein.

Zurück in Athen, fand Martens in seinem Postfach eine E-Mail. Ein Kollege aus Frankfurt hatte geschrieben. Interessanter Text. Sei unter den Kollegen kontrovers diskutiert worden. Die Herausgeber seien allerdings durchweg sehr angetan. Besonders von diesem einen Satz:

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen „lieben“ — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

„Nordkorea oder Hintertupfingen“ — tolle Formulierung, schrieb der Kollege. Die Herausgeber würden sich auch noch bei ihm melden.

Moment. Bei ihm melden?, dachte Martens. Warum das? In all den Jahren war das nicht ein einziges Mal vorgekommen. Wobei. Doch. Ein einziges Mal schon. Als er in der Konferenz ein bisschen die Fassung verloren und über die Kollegen aus dem Sport hergezogen hatte — denn wenn er eins wirklich hasst, dann ist es ja Sport. Das hatte er so auch gesagt. Und jetzt klingelte tatsächlich das Telefon. Waren das die Herausgeber?

Das waren sie. Guten Tag. Was wollten sie ihm sagen? Nein, umstrukturiert hatten sie. Wie schön. Aber warum erzählten sie das ihm? Roman aus dem Sport ins Literatur-Ressort? Wegen des Vornamens? Wer kommt denn auf so was? Ach so. Anregung aus dem Kommentar. Na dann. Und die freie Stelle im Sport? Was wird aus der? Ach, da suchen Sie wen? Jemanden, der garantiert nicht im Verdacht steht, den Sport zu lieben? Haha. Ja, das ist gut. Da werde er sich mal umhören, sagte Martens.

Aber dann hörte er: Sie dachten an ihn. Das Gespräch damals in der Konferenz. Da hätten sie sich erinnert. Und jetzt brauchten sie eben jemanden, der diese Aufgabe übernimmt. Vor allem eben Spielberichte über den Hamburger Sportverein schreiben. Darum ging es. Das hatte Roman ja bislang gemacht.

„Hamburg?“, fragte Martens.

„Genau, Hamburg“, hörte er am Telefon.

Martens war erleichtert. Hamburg kannte er gut. Da war er ja geboren. Das erwähnte er nebenbei. Die Herausgeber verstanden gleich: Damit kam er für die Stelle wohl nicht in Frage. Da hatte er also wirklich noch einmal Glück gehabt.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von den Tatsachen, dass sich Deniz Yücel in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet, Michael Martens den Kommentar geschrieben, und die „FAS“ ihn gedruckt hat, ist all das hier erfunden.)

Die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus – nun aufgeschrieben

Der Pressekodex sieht vor, dass Journalisten die Wahrheit achten, die Menschenwürde wahren und die Öffentlichkeit wahrhaftig informieren. Das steht ganz am Anfang des Regel-Katalogs. Alles weitere wird unter 16 Ziffern in aller Ausführlichkeit erklärt. Und dann gibt es noch ein paar ungeschriebene Gesetze, die man eigentlich auch noch anfügen wollte, aus zwei Gründen aber doch weggelassen hat. Zum einen dachten die Verfasser: Diese Regeln kennt ja nun wirklich eh jeder Journalist. Zum anderen war es schon Freitag und gerade 14 Uhr durch.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Inzwischen gibt es Zweifel daran, ob diese Entscheidung richtig war. Heute würden viele Menschen lieber einem mehrfach vorbestraften Trickbetrüger ihre gesamten Ersparnisse anvertrauen als einem Journalisten eine wichtige Information. Um das Vertrauen zurückzugewinnen, müssen Journalisten die Regeln, nach denen sie arbeiten, transparent machen. Und weil alle anderen Kollegen gerade mit „wichtigen Recherchen“ beschäftigt sind, blieb am Ende nur ich für diese undankbare Aufgabe.

Leider kenne ich selbst gar nicht alle ungeschriebenen Gesetz und auch nicht die richtige Reihenfolge. Daher kann ich hier nur einige vorstellen. Aber ein Kollege sagte mir: Vieles kann man sich herleiten, wenn man nur einfach mal hinsieht. Und das stimmt. Diese Regel hier ist nun ziemlich offensichtlich:

Leser sind grundsätzlich nicht in der Lage, die Qualität des vor ihnen liegenden Produkts selbst zu erkennen. Deswegen muss man sie auf vorhandene Qualität hinweisen, wo immer es möglich ist. Wichtig: Vorhandene Qualität ist keine Voraussetzung für den Hinweis. Und: Der Hinweis kann auf unterschiedliche Weise erfolgen:

a) durch vom eigenen Haus, Berufsverbände oder andere Institutionen in Auftrag gegebene Studien, die absichtlich oder zufällig zu dem Ergebnis kommen, dass Print-Produkte sich weiterhin größter Glaubwürdigkeit und Beliebtheit erfreuen. Bei Studien mit einem gegenteiligen Ergebnis ist im Sinne des Pressewesens von der Veröffentlichung abzusehen.

b) durch den Hinweis auf Exklusivität. Wenn Journalisten früher als andere an eine Information gelangen, sollten sie das unabhängig von der Wichtigkeit der Information deutlich hervorheben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Leser den Hinweis erst bei der dritten Erwähnung wahrnehmen. Daher sollte sichergestellt sein, dass im Text ausreichend oft auf die Exklusivität hingewiesen wird.

Man muss allerdings dazusagen: Dieses Forschungsergebnis ist höchst umstritten. Viele Journalisten wissen das und beschränken sich daher in ihren Artikeln nicht auf die empfohlenen drei Erwähnungen.

Neben diesem sehr allgemeinen ehemals ungeschriebenen Gesetz gibt es aber auch sehr spezielle Regeln. Zum Beispiel diese hier:

Wenn ein Pressesprecher, der mit vollem Namen im Text erscheint, während des Gesprächs den Satz gesagt hat „Aber das haben Sie jetzt nicht von mir“, dann ist der Journalist dazu angehalten, die nach dem Satz gesagte Information im Artikel unterzubringen, und zwar unter Verweis auf „Insider-Kreise“.

Das ist aus gleich mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen liegt diese Erwähnung im Interesse des Verlages, denn durch den Eindruck, der Journalist hätte die Fakten in einer umfangreichen Recherche bei top-geheimen Quellen verifiziert, gewinnt sein Artikel an Glaubwürdigkeit. Und das bei gleichbleibenden Kosten. Das sichert die Existenz des Unternehmens und damit auch die des im Interesse des Gemeinwohls stehenden Pressewesens.

Gleichzeitig — und das darf man hier auch ruhig erwähnen — hat es angenehme Nebeneffekte für den Journalisten. Sein Ansehen unter Lesern und Kollegen wächst. Und das bei gleichbleibender Arbeitszeit. Die Kollegen, die wirklich mit top-geheimen Quellen sprechen, bringen ihre Informationen nämlich auf die gleiche Weise in ihren Artikeln unter, gehen aber zwei Stunden später nach Hause. Das wiederum schadet dem Verlag, denn früher oder später fallen sie mit der Diagnose Burnout für mehrere Wochen aus, während ihre Bezüge weiter fällig werden.

Vor allem diese Regel macht deutlich, dass Journalisten heute auch wirtschaftliche Verantwortung tragen. In ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Allgemeinheit sind sie dazu verpflichtet, sich selbst zu einer Marke zu transformieren. Darauf zielt das folgende in diesem Augenblick noch ungeschriebene Gesetz ab:

Mit der Nominierung zu einem Journalistenpreis, dem Beginn eines Buchprojekts oder der schriftlichen Zusage für ein beliebiges Stipendium (möglichst im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit) tritt unverzüglich die zeitgeschichtliche Bedeutung des Journalisten ein. Dadurch ergibt sich unmittelbar die Notwendigkeit eines eigenen „Wikipedia“-Eintrags. Wenn sich niemand dazu bereiterklärt, einen solchen zu verfassen, ist der Journalist selbst dazu verpflichtet, dies zu übernehmen. Im Falle von bedeutsamen Ereignissen (Auslandsaufenthalte, weitere Nominierungen, kontroverse Meinungen zu irgendwelchen Themen) hat der Journalist die Pflicht, seinen Eintrag innerhalb eines Tages zu aktualisieren.

Die erschreckend geringe Anzahl von Journalisten mit eigenem Wikipedia-Eintrag zeigt, dass einige der ungeschriebenen Gesetze, anders als von den Verfassern des Pressekodexes angenommen, noch immer erstaunlich unbekannt sind.

Andere dagegen haben sich erfreulicherweise etabliert, ohne je niedergeschrieben worden zu sein. Zum Beispiel das heute in nahezu jeder Redaktion bekannte Gesetz vom Texteinstieg bei einem vertrauten Ereignis:



Die goldene Regel zur Ereignissimulation in statischen Gesprächssituationen:




Und, vielleicht am bekanntesten von allen bis gerade noch ungeschriebenen Gesetzen: das Gebot vom ersten Satz einer Ärgernis-Berichterstattung in Verbindung mit dem Geheiß einer nachgestellten Verstärkung.









Trump = Friedrich x -1

In den letzten Tagen habe ich mir ein bisschen Sorgen um unsere Welt gemacht. Es ging um Donald Trump. Aber dann las ich diesen Tweet hier und war fürs Erste doch wieder beruhigt:

Wenn Hans-Peter Friedrich Donald Trump einen Hinweis gibt, wird der darauf ja wohl hören, dachte ich. Hans-Peter Friedrich wird er doch kennen. Aber dann interessierte mich, um welchen Hinweis es sich handelte. Und das war offenbar dieser hier:

Ich glich das noch mal mit den Nachrichten der vergangenen Tage ab. Zum Thema transatlantische Freundschaft hatte ich das hier gelesen:

Zur Kulturförderung das:

Und dann kamen gestern ja auch noch diese Meldungen rein:

Trump hat das „TTP“ gekündigt. Oder das „TPP“. Da sind die Medien sich nicht ganz einig. Aber dass es ein Handelsabkommen ist, sehen doch offenbar alle so.

Und das würde bedeuten: Hans-Peter Friedrich scheint einen enormen Einfluss auf Donald Trump zu haben. Allerdings mit dem kleinen Makel, dass Trump anscheinend immer das Gegenteil von dem macht, was Friedrich ihm rät.

Da wäre es natürlich interessant zu erfahren, wie lange das schon so geht. Vielleicht hat Friedrich die ganze Sache ja erst losgetreten, als er Trump damals die Kandidatur ausreden wollte („Da wärst du wirklich der Falsche“). Und womöglich war der CSU-Politiker es, der dem jetzigen US-Präsidenten vor langer Zeit mal die Sozialen Netzwerke erklärt hat:

„Bei Twitter ganz wichtig: Keine Beleidigungen. Nicht alles gleich raushauen. Und zwei Tweets pro Tag reichen vollkommen aus.“

Wenn sich irgendjemand in Deutschland rechtzeitig für eine vernünftige Vorratsdatenspeicherung eingesetzt hätte, könnte man das alles jetzt nachvollziehen. Aber so müssen wir weiter spekulieren. Zum Beispiel darüber, welche „wohlmeinenden Hinweise“ Friedrich Trump zu seiner Steuererklärung gegeben haben könnte.

„Da würde ich alles sofort offenlegen.“

Oder zu den Interessenkonflikten wegen der Firmen.

„Mach, was du willst. Aber überschreib sie bloß nicht deinen Söhnen.“

Möglicherweise ging es auch um die Fernsehduelle.

„Bereite dich gut vor. Und lass dich nicht provozieren.“

Vielleicht auch um die Spionage-Vorwürfe gegen die Russen.

„Es gibt keinen Grund, an den Geheimdiensten zu zweifeln.“

Oder über die Nacht in dem russischen Hotel.

„Warum sollten wir nicht davon erzählen?“

Und wenn man dann noch wüsste, wie eng der Kontakt zwischen Friedrich und Trump ist, könnte man sich vielleicht sogar die Geschehnisse der vergangenen Tage zusammenreimen — also vor allem die Diskussion um die Zuschauerzahlen. Kann ja sein, dass die beiden noch vor Trumps Vereidigung telefoniert haben und Friedrich bei der Gelegenheit gesagt hat: „Ab morgen kümmerst du dich dann um die wichtigen Dinge.“

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Dann läge die Vermutung nahe, dass sie fast täglich miteinander sprechen, vielleicht sogar mehrmals täglich — und wahrscheinlich auch vor der legendären Pressekonferenz.

„Hör mal, Hans-Peter, hier gibt’s ein Problem. Die Presse sitzt nebenan. Die haben Bilder, die belegen, dass der Platz bei der Amtseinführung fast leer war. Was soll ich dem Pressesprecher sagen?“

„Also gut, Donald. Zwei Dinge. Am allerwichtigsten ist: Er darf auf keinen Fall lügen. Fast genauso wichtig: Er soll aufpassen, dass er sich nicht im Ton vergreift. Und dann vielleicht noch ein kleiner Tipp von mir: Er soll am Ende Fragen zulassen.“

„Alles klar. Bis später dann.“

Natürlich fragt man sich: Wie hält eine Freundschaft das aus? Beziehungsweise: Wie hält Hans-Peter Friedrich das aus? Oder: Ist ihm das überhaupt schon aufgefallen?

Falls nicht, muss man es ihm sagen. Mit ein paar fingierten Tipps kann er ja unter Umständen wirklich schlimme Dinge verhindern:

  • „Mit Diskrimierung machste nichts falsch.“
  • „Ein Handelskrieg wär doch was Feines.“
  • „Diese Knöpfe da im Koffer, die würde ich alle mal drücken.“

Das einzige Problem ist: So richtig verlassen kann man sich auf Donald Trump eben nicht. Und wahrscheinlich müsste man damit rechnen, dass er sich irgendwann sagt: „Och, das mit den Knöpfen klingt ja gut. Das könnte ich tatsächlich mal ausprobieren.“

Verkehrte Welt

Zwei Tage nach Bekanntwerden der Strafanzeige gegen Kai Diekmann wegen eines möglichen sexuellen Übergriffs hat „Springer“-Vorstandschef Mathias Döpfner die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre des „Bild“-Herausgebers zu respektieren. Anlass dazu war ein Vorfall am Samstagabend in Potsdam: Zwei Personen hatten Kai Diekmann vor seinem Privathaus aufgelauert, ihn fotografiert und die Bilder anschließend ins Internet gestellt.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In einer auf Bild.de veröffentlichten Videobotschaft nannte Döpfner den Vorfall „schändlich und niederträchtig“. Er sprach von einer „regelrechten Hetzjagd“ auf Diekmann, die man so nicht hinnehmen werde. „Wir sollten nicht vergessen, dass in Deutschland auch weiterhin die Unschuldsvermutung gilt“, sagte Döpfner. Ein schwerwiegender Vorwurf, wie der hier im Raum stehende, bleibe „in irgendeiner Weise immer am Beschuldigten hängen“, sagte er. Daher gebiete es schon der Anstand, sich in einer solchen Situation mit entsprechenden Veröffentlichungen zurückzuhalten, bis geklärt sei, was wirklich passiert ist.

Kai Diekmann soll im Sommer vergangenen Jahres nach einer Klausur-Tagung in Potsdam eine Mitarbeiterin beim Baden sexuell belästigt haben. Er selbst bestreitet das. Der „Spiegel“ hatte den Vorwurf am Freitag öffentlich gemacht.
Am Wochenende gerieten die „Bild“-Medien selbst wegen ihrer zurückhaltenden Berichterstattung über die Ermittlungen in die Kritik. Sie hatten sowohl bei Bild.de als auch in der Zeitung nur eine knappe „dpa“-Meldung veröffentlicht. Politiker und Journalisten kritisierten das.

„Grünen“-Chefin Simone Peter warf der Zeitung in einem Radio-Interview vor, sich unbequemen Wahrheiten zu verschließen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass zum ganzen Bild auch die Dinge gehören, die nicht in unser Weltbild passen“, sagte sie.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke bezichtigte „Bild“ in einem Blog-Beitrag für tagesschau.de des „Tendenz-Journalismus“ und attestierte der Redaktion „falsche Correctness“: „Wenn ein derartiger Vorwurf in der Welt ist, ist es die Aufgabe von Journalisten, alle zur Verfügung stehenden Informationen öffentlich zu machen — und nicht, sie unter den Teppich zu kehren“, schrieb er.

Lediglich der Presserat nahm die Zeitung in Schutz: „Wir sind der Auffassung, dass die ‚Bild‘-Zeitung hier absolut richtig handelt, wenn sie darauf verzichtet, einen Verdächtigen unnötig an den Pranger zu stellen“, hieß es in einer Mitteilung des Gremiums. Man hoffe, diese Entscheidung werde auch wegweisend für die Zukunft sein.

Bei Twitter fielen die Reaktionen auf die Anschuldigungen verhalten aus. „Erst mal abwarten, was die Ermittlungen bringen #Diekmann“, schrieb @krawallzwerg1314. Der Nutzer @anarchoklaus78 kommentierte: „Es ist einfach noch zu früh, um dazu irgendetwas zu sagen. #Diekmann #Ruhigbleiben #Abwarten.“ Die beiden Tweets blieben die einzigen Einträge zum Thema.

Chefredakteure und Intendanten dagegen überschütteten Kai Diekmann mit Spott und Häme. „Sicherlich nur Umkleide-Kabinen-Gefummel“, schrieb Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“. „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo veröffentlichte bei Facebook ein Foto, das einen kopulierenden Esel zeigt, auf dessen Hals Diekmanns Kopf montiert ist. „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube kommentierte: „Hahaha! Genau mein Humor!!!1111“.

„AfD“-Chefin Frauke Petry warnte indes vor Schnellschüssen. „Wir dürfen einen Menschen nicht nur aufgrund seiner beruflichen Herkunft vorverurteilen“, sagte sie und mahnte zur Besonnenheit. In die gleiche Richtung verlief eine Diskussion unter einem Facebook-Posting des „Kopp“-Verlags. Der Tenor dort: Die Behörden werden die Wahrheit schon ans Licht bringen.

Kai Diekmann selbst hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich geäußert. Bei einer Pressekonferenz in der 19. Etage des „Springer“-Hochhauses bezeichnete er die Berichte als „Kampagnen-Journalismus der übelsten Art“ und beteuerte seine Unschuld.

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort — ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“, sagte er. Nachfragen ließ er nicht zu. Nach der Pressekonferenz verschwand Diekmann wortlos. Mit einer „Bild“-Zeitung in der Hand fuhr er nach unten — im gleichen Fahrstuhl, in dem er gekommen war.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen Kai Diekmann ermittelt, und von der zurückhaltenden „Bild“-Berichterstattung über den Fall, ist all das hier erfunden.)

Der Stammbaum des Verbrechens

Der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hat vor ein paar Tagen den Vorschlag gemacht, den Pressekodex zu ändern. Er möchte, dass Journalisten nicht länger verschweigen, aus welchem Land Straftäter kommen. Bislang verzichten sie auf derartige Angaben, weil der Pressekodex sie dazu auffordert, die Herkunft von Tätern nur dann zu erwähnen, wenn diese Information für das Verständnis der Tat von Bedeutung ist — wenn also zum Beispiel ein Wohnwagen-Gespann einen Fußgänger überfährt und sich im Nachhinein herausstellt: Es war ein Holländer.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Ich hoffe, ich hab‘ das richtig verstanden.

Die Richtlinie 12.1 im Pressekodex lautet:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Diese Richtlinie soll verhindern, dass Minderheiten diskriminiert werden. Und nachdem man sie gelesen hat, sieht man schon: Wenn wir sie streichen, müssen wir auch konsequent sein. Wir können uns schlecht darauf beschränken, nur die Nationalität zu nennen. Wir müssen alle Minderheiten gleich behandeln. Deswegen müssen wir auch alle erwähnen. In den Nachrichten würde das dann in etwa so klingen:

Ein kleinwüchsiger Wallone aus Lüttich hat am Mittwochmittag in Bochum einen Auffahr-Unfall verursacht. Der Mann ist Veganer.

Oder:

Eine 36-jährige Diabetikerin aus Hof hat am Dienstag eine Sparkasse in Nürnberg überfallen. Bei der Täterin handelt es sich um eine fettleibige Atheistin.

Oder vielleicht auch:

Ein koptischer Christ aus Kirgisistan ist vom Landgericht Stuttgart wegen Geldwäsche zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Mann leidet an einer Hausstaubmilben-Allergie und ist Anhänger von RB Leipzig.

Ja, das müsste man der Vollständigkeit halber dazusagen.

Wobei man ja schon bei der Herkunft nicht so recht wüsste, wo man am besten die Grenze zieht. Wenn ein in Berlin lebender Brite in einer Münchener Kneipe die Zeche prellt, wäre dann von Bedeutung, ob er aus England kommt oder aus Schottland? Und wäre es ein weiterer Hinweis, wenn er nicht in Berlin-Mitte leben würde, sondern im schwäbischen Teil von Kreuzberg? Und was, wenn er zwar Brite ist, aber in Zypern geboren wurde? Kann man das einfach so verschweigen?

Da müsste man vielleicht mal Andreas Scheuer fragen. In dem Fall wäre ja vielleicht sogar von Bedeutung, auf welchem Teil der Insel er zur Welt gekommen ist: auf dem türkischen oder dem griechischen? Wahrscheinlich dann wohl auf dem griechischen. Die haben ja die Probleme mit dem Geld. So war das doch, oder? Und dann kann man sich auch schon denken, was das für einer ist. Die Zeche geprellt in München. Und das mit dieser Vorgeschichte. Unglaublich.

Mal angenommen, es gäbe jetzt noch einen Großvater aus Russland. Was wäre dann? Wäre das nicht auch eine interessante Information? Die Affinität zu Hochprozentigem läge nähe. Und das könnte eine Erklärung für die Tat sein.

Überhaupt sind Eltern und Großeltern doch eigentlich ein viel wichtigeres Indiz, wenn es um Straftaten geht. So eine Staatsbürgerschaft kann ja auch Zufall sein: Man war halt gerade in Los Angeles, als man geboren wurde. Aber beide Eltern Libanesen. In der Zeitung stand nur: „Der Dreifach-Mörder war US-Amerikaner.“ Tja, so entsteht fälschlicherweise schnell ein vertrauenserweckender Eindruck.

Bei der Nachbarin im dritten Stock hört man die italienischen Wurzeln sogar noch durch die gedämmten Innenwände heraus. Das ist jedenfalls mein Empfinden. Der dumpfe Knall neulich, das war sicher ein Nudelholz, und wenn die mal im falschen Moment ein Messer in die Hand bekäme — ich würde für nichts mehr garantieren.

Aber kann man das wirklich alles berücksichtigen? Wie sähe dann die Berichterstattung aus?

Bei einem Familienstreit in Münster ist am Samstagmorgen ein 55-jähriger Mann erstochen worden. Die 53-jährige Täterin hat eine belgische Mutter und einen norwegischen Vater. Wichtig dürfte in diesem Zusammenhang aber vor allem der sizilianische Großvater sein. Nach Polizeiangaben ging es in dem Streit um Drogen. Der getötete Mann war Jamaikaner.

Dann ist ja alles klar. Aber kurz darauf stellt sich heraus: Die Großmutter der Täterin war Schwedin, was in der Sache vielleicht auch nicht ganz unwichtig ist. Um zu sehen, was bei denen verbrechenstechnisch so los ist, muss man ja im Prinzip nur einmal durch eine Buchhandlung laufen. Und dann meldet die Polizei zwei Tage später: Die Frau war auf Speed, aber der Mann hatte überhaupt nichts genommen. Die totale Verwirrung.

Es ist alles sehr kompliziert. Aber wenn wir nichts verschweigen wollen, müssen wir uns die Mühe machen, dann müssen wir alle bekannten Fakten nennen. Nur dann müssen wir auch konsequent sein. Und wenn kurz nach Weihnachten am Düsseldorfer Rheinufer ein Flüchtling von einem Betrunkenen zusammengeschlagen wird, müssen wir, wenn die Fakten eben so sind, in der Polizei-Meldung auch dazuschreiben: „Bei dem betrunkenen Täter handelte es sich um ein CSU-Mitglied. Der Mann stammte aus Bayern.“

„Verkehrskontrolle. Keinen Führerschein, bitte!“

Am Wochenende haben sie wieder einen erwischt. 26 Jahre alt. Auf der Bundesstraße 301 in der Nähe von Freising. Der Mann hatte eigentlich nichts angestellt. Keinen Unfall verursacht. Nichts getrunken. Keine Drogen im Blut. Aber irgendwas war da. Das spürten die Polizisten. Irgendetwas, das die Kollegen aus der Pressestelle sehr glücklich machen würde. Auch das ahnten sie.

Kurz darauf hielten sie den Wagen an. Und tatsächlich, es war, wie sie vermutet hatten. Ihr Verdacht bestätigte sich. Die Kollegen aus der Pressestelle brachen am Telefon in Jubel aus. Sie versprachen, bei der Weihnachtsfeier am Freitag dafür einen auszugeben. Dann legten sie auf und machten sich an die Arbeit. Endlich konnten sie den Journalisten das liefern, was die unbedingt haben wollten: Meldungen von Menschen, die ohne Führerschein Auto fahren:

Die Nachricht fiel kurz aus. Dem Mann war sonst wirklich nichts vorzuwerfen. Schade eigentlich, fand man in der Pressestelle. Da hatten die Kollegen in Oldenburg anderthalb Wochen zuvor mehr Glück gehabt. Und sie hatten nicht mal jemanden anhalten müssen. Der Mann war zu ihnen gekommen. Er hatte sich am Eingang gemeldet und dabei gleich zugegeben, dass er gar nicht mit dem Auto hätte fahren dürfen. Den gierigen Journalisten hätte das bestimmt schon gereicht. Aber dann erzählte der Mann auch noch, dass er gekommen sei, um sich bei der Polizei zu bewerben. Kurz danach stellte sich heraus, dass er auch noch Drogen genommen hatte. Ein Hauptgewinn:

Als Polizei-Pressesprecher erlebt man so etwas nicht alle Tage. Als Journalist schon gar nicht. Dabei sind Menschen, die ohne Führerschein ein Auto in Bewegung setzen, eigentlich gar nicht so selten. Es kommt sogar öfter vor, dass die fehlende Fahrerlaubnis gar nicht das einzige Problem ist:

Oder noch besser:

Es muss gar nicht zwingend Alkohol sein:

Die Journalisten nehmen ja alles. Der Fahrer kann auch stocknüchtern sein. Dann braucht er eben ein anderes Problem:

Und sei es nur ein kleines:

Am besten ist natürlich, wenn alles zusammenkommt:

Journalisten kriegen nie genug von dem Zeug. Sie müssen nur das Wort „Führerschein“ lesen, schon läuft ihnen der Speichel aus dem Mundwinkel.

Auf der Journalistenschule haben sie gelernt: Eine Nachricht muss wie ein Küchenzuruf sein. Jemand ruft aus dem Esszimmer in die Küche, und gleich erscheint ein Kopf zwischen den Türrahmen und fragt ungläubig: „Wirklich?“ Ein Satz, der alle Aufmerksamkeit an sich reißt — das ist ein Küchenzuruf. Und wenn „Autofahrer fährt ohne Führerschein“ keiner sein soll, dann weiß man’s wirklich auch nicht mehr.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das kann jeder zu Hause ausprobieren. Abends aus dem Esszimmer ein paar Neuigkeiten in die Küche rufen. Aber immer dran denken: Wichtig ist der Führerschein. Ohne den kann man’s vergessen. Den Satz „Mann fährt jahrelang ohne Verbandskasten“ kann man in die Küche rufen, so oft man will. Da erscheint zwischen den Türrahmen niemand.

Wobei — das muss man dazusagen — man immer Pech haben kann. Führerschein hin oder her. Der Mensch gewöhnt sich an alles sehr schnell. Und wer ständig die gleichen Geschichten in die Küche ruft, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der antworten könnte.

Das wissen natürlich auch die Journalisten. Sie haben sich längst darauf eingestellt. Irgendwann haben sie sich an einen Tisch gesetzt und zusammen über die Frage nachgedacht: „Wie fesseln wir eigentlich sonst unsere Leser?“

Ratlose Gesichter sahen sich an, bis irgendwer zögerlich fragte: „Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstage?“

„Genau. Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstag“, sagte der Chefredakteur.

Die anderen nickten. Seitdem wenden sie das Prinzip auch auf die FührerscheinMeldungen an:





Ab dem 40. Jahr — viele wissen das gar nicht — überreichen die Polizisten bei der Kontrolle eine Flasche Sekt:

Ab dem 50. Champagner:

Und ab dem 55. trinken sie sogar mit. Daher ist dieser Fall in den Archiven kaum dokumentiert, denn nach dem gemeinsamen Umtrunk kommt es oft gar nicht mehr zu einer Meldung an die Pressestelle.

Die Journalisten — das sollte man hier auch noch erwähnen — stoßen in der Redaktion schon ab dem fünften Jubiläum mit einem Prosecco an. Wahrscheinlich erklärt das überhaupt erst die große Begeisterung für die Führerschein-Meldungen.

Beim 60. Jubiläum öffnen sie schon nach der Mittagspause eine Flasche Schnaps. Und vielleicht ist das dann eine Erklärung für diese Gewichtung:

Blättern: 1 2