Archiv für Im Abseits

Bestürzende Sturzgeburt

Michael Martens hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Inhaftierung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel kommentiert. Aber er kann das unmöglich ernst gemeint haben. Vermutlich ist beim Schreiben etwas schiefgelaufen. Vielleicht war es ja so.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Michael Martens hatte am Wochenende eine schlaflose Nacht. Der „FAZ“-Südosteuropa-Korrespondent hatte gehört, dass sich sein Kollege Deniz Yücel in Istanbul in Polizei-Gewahrsam befindet. Yücel hat zwei Pässe. Er ist nicht der erste Journalist mit einem türkischen Ausweis, dem so etwas passiert, aber der erste mit einem deutschen. Martens fragte sich: Hätte man das irgendwie verhindern können?

Zwei Stunden lag er schon da und grübelte. Aber noch war ihm das alles nicht so klar. Er wälzte sich von der einen Matratzenseite zur anderen, zum hundertsten Mal schon, doch es wollte weder Schlaf kommen noch eine Antwort. Und dann wälzte er sich wieder, nur dieses Mal ein kleines Stückchen zu weit.

Rumms!

Martens rutschte ab, versuchte noch, sich im Fallen am Bettlaken festzuhalten, aber das Laken glitt ihm aus der Hand. Er knallte mit dem Hinterkopf gegen den Nachttisch und war kurz bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, hatte er eine Idee.

Ja. Eigentlich war doch alles ganz klar, dachte sich Martens: Vor einem halben Jahrhundert hatten die Deutschen sich die Türken ins Land geholt. Als die dann endlich ein paar Sätze verstanden, sagte man ihnen, was zu tun ist. Das erledigten sie. Und das wurde über die Jahre so beibehalten.

Nun sind wir allerdings inzwischen sehr gut mit Gemüseläden versorgt und müssen den Kindern und Enkeln der Türken daher in anderen Branchen Beschäftigungen zuweisen. Und da lässt man sie doch am besten das machen, wovon sie ihrem Namen nach wohl am meisten verstehen dürften. Irgendwas mit Türkei eben.

So war es wohl zu erklären, dass dieser Yücel jetzt in Istanbul einsaß.

All jene, die gegen jeden guten Rat Journalisten werden müssen, bekommen einen Korrespondenten-Job am Bosporus, denn was soll man sonst mit ihnen machen? Sie über Innenpolitik schreiben lassen? Das wäre ja wohl absurd — bei dem Nachnamen.

Aber sie in die Türkei zu schicken, ist natürlich auch nicht viel besser, denn da liefert man sie dem Despoten ans Messer, der sie dann umgehend einbuchtet, wie man nun wieder einmal gesehen hat.

Und das ist doch die Erklärung, wurde es Martens auf einmal ganz klar: Wer trägt also die Schuld? Natürlich. Die Verlage.

Wenn die sich bei der Zuordnung ihrer Korrespondenten zu den frei werdenden Stellen auch nur ein Minimum an Gedanken machen würden, säße dieser Yücel jetzt nicht im Gefängnis — und er selbst nicht hier in Griechenland.

Immer noch leicht benommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der verdammte Nachtschrank, fluchte er, aber immerhin hatte es aufgehört zu bluten, und der Schmerz ließ langsam nach.

Martens prüfte noch einmal, ob seine These so auch stimmte: Haben denn wirklich so viele Türkei-Korrespondenten deutscher Medien türkische Wurzeln?

Na egal. Es war jedenfalls schon öfter vorgekommen, dass Deutsch-Türken auf Deutsch über die Türkei geschrieben hatten. Und bei Deniz Yücel war es offenbar noch schlimmer. Das sei „einer, der die Türkei liebt“, hatte er gelesen.

Als Journalist. Das muss man sich mal vorstellen.

Dass er selbst das liebte, worüber er schrieb, war bei ihm in all den Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen. Aber welche Hollywood-Schauspielerin würde sich schon mit einem Journalisten abgeben? So war das nun mal. Und jetzt saß er auch noch in Griechenland fest.

Der Text floss ihm nur so aus den Fingern.

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen „lieben“ — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

… formulierte er und las den Satz laut. Er gefiel ihm — besonders die Passage mit „Nordkorea oder Hintertupfingen“.

Als er den letzten Satz geschrieben hatte, ging Martens den Text noch einmal durch und war im Großen und Ganzen zufrieden. Er fand noch kleine Fehler, aber nichts, was den Eindruck getrübt hätte. Der Kopf tat schon gar nicht mehr weh. Aber an dieser einen Stelle blieb er doch immer wieder hängen. Und plötzlich war ihm etwas unwohl. Irgendwas stimmte da nicht.

Klang ja schon ein bisschen so, als wären türkischstämmige Journalisten hierzulande so etwas wie willenloses Verfügungsvieh. Dabei war es, wenn auch unwahrscheinlich, doch immerhin theoretisch möglich, dass es bei anderen Verlagen nicht ganz so war wie bei dem, der ihn nach Griechenland geschickt hatte. Wäre ja möglich, dass Yücel freiwillig in die Türkei gegangen war, dachte er, konnte es sich dann aber doch nicht vorstellen und verwarf den Gedanken wieder.

Er überlegte hin und her, und letztlich überwogen die Zweifel. Er hatte die E-Mail an die Redaktion zwar schon geschrieben, aber beschloss, den Text doch nicht abzusenden. Es war ein gutes Gefühl. Es war die richtige Entscheidung.

Als Martens von seinem Schreibtischstuhl aufstand, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, blieb er mit dem linken Fuß am Ladekabel seines Laptops hängen. Das Kabel zog den Computer in Zeitlupe vom Tisch. Martens schlug mit der flachen Hand zu, um das sich der Tischkante nähernde Gerät zu stoppen.

Es gelang ihm so gerade. In dieser Pose, das Ladekabel am ausgestreckten Bein und die Tastatur unter dem ausgestreckten Arm, sah er seine E-Mail im Ordner Postausgang verschwinden.

In Panik schlug er ein weiteres Mal zu, um die Verbindung vielleicht doch noch zu kappen. Doch der Postausgang war schon leer, die E-Mail in Frankfurt angekommen. Der Bildschirm wurde schwarz. Der Computer ließ sich nicht mehr einschalten. Er versuchte es noch drei- oder viermal. Dann gab er auf.

Was für ein Ärger. Ein Telefon existierte nicht in diesem malerischen Drecksnest, wo er seine Wochenenden verbrachte. Zurück in Athen würde er erst am Sonntag sein. Dann könnte er die Redaktion anrufen. Aber dann war der Text längst erschienen. Statt des Biers aus dem Kühlschrank holte Martens die Flasche Metaxa aus dem Regal. Er setzte sich ans Fenster, schaute aufs Meer und schlief eine Stunde später ein.

Zurück in Athen, fand Martens in seinem Postfach eine E-Mail. Ein Kollege aus Frankfurt hatte geschrieben. Interessanter Text. Sei unter den Kollegen kontrovers diskutiert worden. Die Herausgeber seien allerdings durchweg sehr angetan. Besonders von diesem einen Satz:

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen „lieben“ — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

„Nordkorea oder Hintertupfingen“ — tolle Formulierung, schrieb der Kollege. Die Herausgeber würden sich auch noch bei ihm melden.

Moment. Bei ihm melden?, dachte Martens. Warum das? In all den Jahren war das nicht ein einziges Mal vorgekommen. Wobei. Doch. Ein einziges Mal schon. Als er in der Konferenz ein bisschen die Fassung verloren und über die Kollegen aus dem Sport hergezogen hatte — denn wenn er eins wirklich hasst, dann ist es ja Sport. Das hatte er so auch gesagt. Und jetzt klingelte tatsächlich das Telefon. Waren das die Herausgeber?

Das waren sie. Guten Tag. Was wollten sie ihm sagen? Nein, umstrukturiert hatten sie. Wie schön. Aber warum erzählten sie das ihm? Roman aus dem Sport ins Literatur-Ressort? Wegen des Vornamens? Wer kommt denn auf so was? Ach so. Anregung aus dem Kommentar. Na dann. Und die freie Stelle im Sport? Was wird aus der? Ach, da suchen Sie wen? Jemanden, der garantiert nicht im Verdacht steht, den Sport zu lieben? Haha. Ja, das ist gut. Da werde er sich mal umhören, sagte Martens.

Aber dann hörte er: Sie dachten an ihn. Das Gespräch damals in der Konferenz. Da hätten sie sich erinnert. Und jetzt brauchten sie eben jemanden, der diese Aufgabe übernimmt. Vor allem eben Spielberichte über den Hamburger Sportverein schreiben. Darum ging es. Das hatte Roman ja bislang gemacht.

„Hamburg?“, fragte Martens.

„Genau, Hamburg“, hörte er am Telefon.

Martens war erleichtert. Hamburg kannte er gut. Da war er ja geboren. Das erwähnte er nebenbei. Die Herausgeber verstanden gleich: Damit kam er für die Stelle wohl nicht in Frage. Da hatte er also wirklich noch einmal Glück gehabt.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von den Tatsachen, dass sich Deniz Yücel in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet, Michael Martens den Kommentar geschrieben, und die „FAS“ ihn gedruckt hat, ist all das hier erfunden.)

Die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus – nun aufgeschrieben

Der Pressekodex sieht vor, dass Journalisten die Wahrheit achten, die Menschenwürde wahren und die Öffentlichkeit wahrhaftig informieren. Das steht ganz am Anfang des Regel-Katalogs. Alles weitere wird unter 16 Ziffern in aller Ausführlichkeit erklärt. Und dann gibt es noch ein paar ungeschriebene Gesetze, die man eigentlich auch noch anfügen wollte, aus zwei Gründen aber doch weggelassen hat. Zum einen dachten die Verfasser: Diese Regeln kennt ja nun wirklich eh jeder Journalist. Zum anderen war es schon Freitag und gerade 14 Uhr durch.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Inzwischen gibt es Zweifel daran, ob diese Entscheidung richtig war. Heute würden viele Menschen lieber einem mehrfach vorbestraften Trickbetrüger ihre gesamten Ersparnisse anvertrauen als einem Journalisten eine wichtige Information. Um das Vertrauen zurückzugewinnen, müssen Journalisten die Regeln, nach denen sie arbeiten, transparent machen. Und weil alle anderen Kollegen gerade mit „wichtigen Recherchen“ beschäftigt sind, blieb am Ende nur ich für diese undankbare Aufgabe.

Leider kenne ich selbst gar nicht alle ungeschriebenen Gesetz und auch nicht die richtige Reihenfolge. Daher kann ich hier nur einige vorstellen. Aber ein Kollege sagte mir: Vieles kann man sich herleiten, wenn man nur einfach mal hinsieht. Und das stimmt. Diese Regel hier ist nun ziemlich offensichtlich:

Leser sind grundsätzlich nicht in der Lage, die Qualität des vor ihnen liegenden Produkts selbst zu erkennen. Deswegen muss man sie auf vorhandene Qualität hinweisen, wo immer es möglich ist. Wichtig: Vorhandene Qualität ist keine Voraussetzung für den Hinweis. Und: Der Hinweis kann auf unterschiedliche Weise erfolgen:

a) durch vom eigenen Haus, Berufsverbände oder andere Institutionen in Auftrag gegebene Studien, die absichtlich oder zufällig zu dem Ergebnis kommen, dass Print-Produkte sich weiterhin größter Glaubwürdigkeit und Beliebtheit erfreuen. Bei Studien mit einem gegenteiligen Ergebnis ist im Sinne des Pressewesens von der Veröffentlichung abzusehen.

b) durch den Hinweis auf Exklusivität. Wenn Journalisten früher als andere an eine Information gelangen, sollten sie das unabhängig von der Wichtigkeit der Information deutlich hervorheben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Leser den Hinweis erst bei der dritten Erwähnung wahrnehmen. Daher sollte sichergestellt sein, dass im Text ausreichend oft auf die Exklusivität hingewiesen wird.

Man muss allerdings dazusagen: Dieses Forschungsergebnis ist höchst umstritten. Viele Journalisten wissen das und beschränken sich daher in ihren Artikeln nicht auf die empfohlenen drei Erwähnungen.

Neben diesem sehr allgemeinen ehemals ungeschriebenen Gesetz gibt es aber auch sehr spezielle Regeln. Zum Beispiel diese hier:

Wenn ein Pressesprecher, der mit vollem Namen im Text erscheint, während des Gesprächs den Satz gesagt hat „Aber das haben Sie jetzt nicht von mir“, dann ist der Journalist dazu angehalten, die nach dem Satz gesagte Information im Artikel unterzubringen, und zwar unter Verweis auf „Insider-Kreise“.

Das ist aus gleich mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen liegt diese Erwähnung im Interesse des Verlages, denn durch den Eindruck, der Journalist hätte die Fakten in einer umfangreichen Recherche bei top-geheimen Quellen verifiziert, gewinnt sein Artikel an Glaubwürdigkeit. Und das bei gleichbleibenden Kosten. Das sichert die Existenz des Unternehmens und damit auch die des im Interesse des Gemeinwohls stehenden Pressewesens.

Gleichzeitig — und das darf man hier auch ruhig erwähnen — hat es angenehme Nebeneffekte für den Journalisten. Sein Ansehen unter Lesern und Kollegen wächst. Und das bei gleichbleibender Arbeitszeit. Die Kollegen, die wirklich mit top-geheimen Quellen sprechen, bringen ihre Informationen nämlich auf die gleiche Weise in ihren Artikeln unter, gehen aber zwei Stunden später nach Hause. Das wiederum schadet dem Verlag, denn früher oder später fallen sie mit der Diagnose Burnout für mehrere Wochen aus, während ihre Bezüge weiter fällig werden.

Vor allem diese Regel macht deutlich, dass Journalisten heute auch wirtschaftliche Verantwortung tragen. In ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Allgemeinheit sind sie dazu verpflichtet, sich selbst zu einer Marke zu transformieren. Darauf zielt das folgende in diesem Augenblick noch ungeschriebene Gesetz ab:

Mit der Nominierung zu einem Journalistenpreis, dem Beginn eines Buchprojekts oder der schriftlichen Zusage für ein beliebiges Stipendium (möglichst im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit) tritt unverzüglich die zeitgeschichtliche Bedeutung des Journalisten ein. Dadurch ergibt sich unmittelbar die Notwendigkeit eines eigenen „Wikipedia“-Eintrags. Wenn sich niemand dazu bereiterklärt, einen solchen zu verfassen, ist der Journalist selbst dazu verpflichtet, dies zu übernehmen. Im Falle von bedeutsamen Ereignissen (Auslandsaufenthalte, weitere Nominierungen, kontroverse Meinungen zu irgendwelchen Themen) hat der Journalist die Pflicht, seinen Eintrag innerhalb eines Tages zu aktualisieren.

Die erschreckend geringe Anzahl von Journalisten mit eigenem Wikipedia-Eintrag zeigt, dass einige der ungeschriebenen Gesetze, anders als von den Verfassern des Pressekodexes angenommen, noch immer erstaunlich unbekannt sind.

Andere dagegen haben sich erfreulicherweise etabliert, ohne je niedergeschrieben worden zu sein. Zum Beispiel das heute in nahezu jeder Redaktion bekannte Gesetz vom Texteinstieg bei einem vertrauten Ereignis:



Die goldene Regel zur Ereignissimulation in statischen Gesprächssituationen:




Und, vielleicht am bekanntesten von allen bis gerade noch ungeschriebenen Gesetzen: das Gebot vom ersten Satz einer Ärgernis-Berichterstattung in Verbindung mit dem Geheiß einer nachgestellten Verstärkung.









Trump = Friedrich x -1

In den letzten Tagen habe ich mir ein bisschen Sorgen um unsere Welt gemacht. Es ging um Donald Trump. Aber dann las ich diesen Tweet hier und war fürs Erste doch wieder beruhigt:

Wenn Hans-Peter Friedrich Donald Trump einen Hinweis gibt, wird der darauf ja wohl hören, dachte ich. Hans-Peter Friedrich wird er doch kennen. Aber dann interessierte mich, um welchen Hinweis es sich handelte. Und das war offenbar dieser hier:

Ich glich das noch mal mit den Nachrichten der vergangenen Tage ab. Zum Thema transatlantische Freundschaft hatte ich das hier gelesen:

Zur Kulturförderung das:

Und dann kamen gestern ja auch noch diese Meldungen rein:

Trump hat das „TTP“ gekündigt. Oder das „TPP“. Da sind die Medien sich nicht ganz einig. Aber dass es ein Handelsabkommen ist, sehen doch offenbar alle so.

Und das würde bedeuten: Hans-Peter Friedrich scheint einen enormen Einfluss auf Donald Trump zu haben. Allerdings mit dem kleinen Makel, dass Trump anscheinend immer das Gegenteil von dem macht, was Friedrich ihm rät.

Da wäre es natürlich interessant zu erfahren, wie lange das schon so geht. Vielleicht hat Friedrich die ganze Sache ja erst losgetreten, als er Trump damals die Kandidatur ausreden wollte („Da wärst du wirklich der Falsche“). Und womöglich war der CSU-Politiker es, der dem jetzigen US-Präsidenten vor langer Zeit mal die Sozialen Netzwerke erklärt hat:

„Bei Twitter ganz wichtig: Keine Beleidigungen. Nicht alles gleich raushauen. Und zwei Tweets pro Tag reichen vollkommen aus.“

Wenn sich irgendjemand in Deutschland rechtzeitig für eine vernünftige Vorratsdatenspeicherung eingesetzt hätte, könnte man das alles jetzt nachvollziehen. Aber so müssen wir weiter spekulieren. Zum Beispiel darüber, welche „wohlmeinenden Hinweise“ Friedrich Trump zu seiner Steuererklärung gegeben haben könnte.

„Da würde ich alles sofort offenlegen.“

Oder zu den Interessenkonflikten wegen der Firmen.

„Mach, was du willst. Aber überschreib sie bloß nicht deinen Söhnen.“

Möglicherweise ging es auch um die Fernsehduelle.

„Bereite dich gut vor. Und lass dich nicht provozieren.“

Vielleicht auch um die Spionage-Vorwürfe gegen die Russen.

„Es gibt keinen Grund, an den Geheimdiensten zu zweifeln.“

Oder über die Nacht in dem russischen Hotel.

„Warum sollten wir nicht davon erzählen?“

Und wenn man dann noch wüsste, wie eng der Kontakt zwischen Friedrich und Trump ist, könnte man sich vielleicht sogar die Geschehnisse der vergangenen Tage zusammenreimen — also vor allem die Diskussion um die Zuschauerzahlen. Kann ja sein, dass die beiden noch vor Trumps Vereidigung telefoniert haben und Friedrich bei der Gelegenheit gesagt hat: „Ab morgen kümmerst du dich dann um die wichtigen Dinge.“

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Dann läge die Vermutung nahe, dass sie fast täglich miteinander sprechen, vielleicht sogar mehrmals täglich — und wahrscheinlich auch vor der legendären Pressekonferenz.

„Hör mal, Hans-Peter, hier gibt’s ein Problem. Die Presse sitzt nebenan. Die haben Bilder, die belegen, dass der Platz bei der Amtseinführung fast leer war. Was soll ich dem Pressesprecher sagen?“

„Also gut, Donald. Zwei Dinge. Am allerwichtigsten ist: Er darf auf keinen Fall lügen. Fast genauso wichtig: Er soll aufpassen, dass er sich nicht im Ton vergreift. Und dann vielleicht noch ein kleiner Tipp von mir: Er soll am Ende Fragen zulassen.“

„Alles klar. Bis später dann.“

Natürlich fragt man sich: Wie hält eine Freundschaft das aus? Beziehungsweise: Wie hält Hans-Peter Friedrich das aus? Oder: Ist ihm das überhaupt schon aufgefallen?

Falls nicht, muss man es ihm sagen. Mit ein paar fingierten Tipps kann er ja unter Umständen wirklich schlimme Dinge verhindern:

  • „Mit Diskrimierung machste nichts falsch.“
  • „Ein Handelskrieg wär doch was Feines.“
  • „Diese Knöpfe da im Koffer, die würde ich alle mal drücken.“

Das einzige Problem ist: So richtig verlassen kann man sich auf Donald Trump eben nicht. Und wahrscheinlich müsste man damit rechnen, dass er sich irgendwann sagt: „Och, das mit den Knöpfen klingt ja gut. Das könnte ich tatsächlich mal ausprobieren.“

Verkehrte Welt

Zwei Tage nach Bekanntwerden der Strafanzeige gegen Kai Diekmann wegen eines möglichen sexuellen Übergriffs hat „Springer“-Vorstandschef Mathias Döpfner die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre des „Bild“-Herausgebers zu respektieren. Anlass dazu war ein Vorfall am Samstagabend in Potsdam: Zwei Personen hatten Kai Diekmann vor seinem Privathaus aufgelauert, ihn fotografiert und die Bilder anschließend ins Internet gestellt.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In einer auf Bild.de veröffentlichten Videobotschaft nannte Döpfner den Vorfall „schändlich und niederträchtig“. Er sprach von einer „regelrechten Hetzjagd“ auf Diekmann, die man so nicht hinnehmen werde. „Wir sollten nicht vergessen, dass in Deutschland auch weiterhin die Unschuldsvermutung gilt“, sagte Döpfner. Ein schwerwiegender Vorwurf, wie der hier im Raum stehende, bleibe „in irgendeiner Weise immer am Beschuldigten hängen“, sagte er. Daher gebiete es schon der Anstand, sich in einer solchen Situation mit entsprechenden Veröffentlichungen zurückzuhalten, bis geklärt sei, was wirklich passiert ist.

Kai Diekmann soll im Sommer vergangenen Jahres nach einer Klausur-Tagung in Potsdam eine Mitarbeiterin beim Baden sexuell belästigt haben. Er selbst bestreitet das. Der „Spiegel“ hatte den Vorwurf am Freitag öffentlich gemacht.
Am Wochenende gerieten die „Bild“-Medien selbst wegen ihrer zurückhaltenden Berichterstattung über die Ermittlungen in die Kritik. Sie hatten sowohl bei Bild.de als auch in der Zeitung nur eine knappe „dpa“-Meldung veröffentlicht. Politiker und Journalisten kritisierten das.

„Grünen“-Chefin Simone Peter warf der Zeitung in einem Radio-Interview vor, sich unbequemen Wahrheiten zu verschließen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass zum ganzen Bild auch die Dinge gehören, die nicht in unser Weltbild passen“, sagte sie.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke bezichtigte „Bild“ in einem Blog-Beitrag für tagesschau.de des „Tendenz-Journalismus“ und attestierte der Redaktion „falsche Correctness“: „Wenn ein derartiger Vorwurf in der Welt ist, ist es die Aufgabe von Journalisten, alle zur Verfügung stehenden Informationen öffentlich zu machen — und nicht, sie unter den Teppich zu kehren“, schrieb er.

Lediglich der Presserat nahm die Zeitung in Schutz: „Wir sind der Auffassung, dass die ‚Bild‘-Zeitung hier absolut richtig handelt, wenn sie darauf verzichtet, einen Verdächtigen unnötig an den Pranger zu stellen“, hieß es in einer Mitteilung des Gremiums. Man hoffe, diese Entscheidung werde auch wegweisend für die Zukunft sein.

Bei Twitter fielen die Reaktionen auf die Anschuldigungen verhalten aus. „Erst mal abwarten, was die Ermittlungen bringen #Diekmann“, schrieb @krawallzwerg1314. Der Nutzer @anarchoklaus78 kommentierte: „Es ist einfach noch zu früh, um dazu irgendetwas zu sagen. #Diekmann #Ruhigbleiben #Abwarten.“ Die beiden Tweets blieben die einzigen Einträge zum Thema.

Chefredakteure und Intendanten dagegen überschütteten Kai Diekmann mit Spott und Häme. „Sicherlich nur Umkleide-Kabinen-Gefummel“, schrieb Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“. „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo veröffentlichte bei Facebook ein Foto, das einen kopulierenden Esel zeigt, auf dessen Hals Diekmanns Kopf montiert ist. „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube kommentierte: „Hahaha! Genau mein Humor!!!1111“.

„AfD“-Chefin Frauke Petry warnte indes vor Schnellschüssen. „Wir dürfen einen Menschen nicht nur aufgrund seiner beruflichen Herkunft vorverurteilen“, sagte sie und mahnte zur Besonnenheit. In die gleiche Richtung verlief eine Diskussion unter einem Facebook-Posting des „Kopp“-Verlags. Der Tenor dort: Die Behörden werden die Wahrheit schon ans Licht bringen.

Kai Diekmann selbst hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich geäußert. Bei einer Pressekonferenz in der 19. Etage des „Springer“-Hochhauses bezeichnete er die Berichte als „Kampagnen-Journalismus der übelsten Art“ und beteuerte seine Unschuld.

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort — ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“, sagte er. Nachfragen ließ er nicht zu. Nach der Pressekonferenz verschwand Diekmann wortlos. Mit einer „Bild“-Zeitung in der Hand fuhr er nach unten — im gleichen Fahrstuhl, in dem er gekommen war.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen Kai Diekmann ermittelt, und von der zurückhaltenden „Bild“-Berichterstattung über den Fall, ist all das hier erfunden.)

Der Stammbaum des Verbrechens

Der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hat vor ein paar Tagen den Vorschlag gemacht, den Pressekodex zu ändern. Er möchte, dass Journalisten nicht länger verschweigen, aus welchem Land Straftäter kommen. Bislang verzichten sie auf derartige Angaben, weil der Pressekodex sie dazu auffordert, die Herkunft von Tätern nur dann zu erwähnen, wenn diese Information für das Verständnis der Tat von Bedeutung ist — wenn also zum Beispiel ein Wohnwagen-Gespann einen Fußgänger überfährt und sich im Nachhinein herausstellt: Es war ein Holländer.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Ich hoffe, ich hab‘ das richtig verstanden.

Die Richtlinie 12.1 im Pressekodex lautet:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Diese Richtlinie soll verhindern, dass Minderheiten diskriminiert werden. Und nachdem man sie gelesen hat, sieht man schon: Wenn wir sie streichen, müssen wir auch konsequent sein. Wir können uns schlecht darauf beschränken, nur die Nationalität zu nennen. Wir müssen alle Minderheiten gleich behandeln. Deswegen müssen wir auch alle erwähnen. In den Nachrichten würde das dann in etwa so klingen:

Ein kleinwüchsiger Wallone aus Lüttich hat am Mittwochmittag in Bochum einen Auffahr-Unfall verursacht. Der Mann ist Veganer.

Oder:

Eine 36-jährige Diabetikerin aus Hof hat am Dienstag eine Sparkasse in Nürnberg überfallen. Bei der Täterin handelt es sich um eine fettleibige Atheistin.

Oder vielleicht auch:

Ein koptischer Christ aus Kirgisistan ist vom Landgericht Stuttgart wegen Geldwäsche zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Mann leidet an einer Hausstaubmilben-Allergie und ist Anhänger von RB Leipzig.

Ja, das müsste man der Vollständigkeit halber dazusagen.

Wobei man ja schon bei der Herkunft nicht so recht wüsste, wo man am besten die Grenze zieht. Wenn ein in Berlin lebender Brite in einer Münchener Kneipe die Zeche prellt, wäre dann von Bedeutung, ob er aus England kommt oder aus Schottland? Und wäre es ein weiterer Hinweis, wenn er nicht in Berlin-Mitte leben würde, sondern im schwäbischen Teil von Kreuzberg? Und was, wenn er zwar Brite ist, aber in Zypern geboren wurde? Kann man das einfach so verschweigen?

Da müsste man vielleicht mal Andreas Scheuer fragen. In dem Fall wäre ja vielleicht sogar von Bedeutung, auf welchem Teil der Insel er zur Welt gekommen ist: auf dem türkischen oder dem griechischen? Wahrscheinlich dann wohl auf dem griechischen. Die haben ja die Probleme mit dem Geld. So war das doch, oder? Und dann kann man sich auch schon denken, was das für einer ist. Die Zeche geprellt in München. Und das mit dieser Vorgeschichte. Unglaublich.

Mal angenommen, es gäbe jetzt noch einen Großvater aus Russland. Was wäre dann? Wäre das nicht auch eine interessante Information? Die Affinität zu Hochprozentigem läge nähe. Und das könnte eine Erklärung für die Tat sein.

Überhaupt sind Eltern und Großeltern doch eigentlich ein viel wichtigeres Indiz, wenn es um Straftaten geht. So eine Staatsbürgerschaft kann ja auch Zufall sein: Man war halt gerade in Los Angeles, als man geboren wurde. Aber beide Eltern Libanesen. In der Zeitung stand nur: „Der Dreifach-Mörder war US-Amerikaner.“ Tja, so entsteht fälschlicherweise schnell ein vertrauenserweckender Eindruck.

Bei der Nachbarin im dritten Stock hört man die italienischen Wurzeln sogar noch durch die gedämmten Innenwände heraus. Das ist jedenfalls mein Empfinden. Der dumpfe Knall neulich, das war sicher ein Nudelholz, und wenn die mal im falschen Moment ein Messer in die Hand bekäme — ich würde für nichts mehr garantieren.

Aber kann man das wirklich alles berücksichtigen? Wie sähe dann die Berichterstattung aus?

Bei einem Familienstreit in Münster ist am Samstagmorgen ein 55-jähriger Mann erstochen worden. Die 53-jährige Täterin hat eine belgische Mutter und einen norwegischen Vater. Wichtig dürfte in diesem Zusammenhang aber vor allem der sizilianische Großvater sein. Nach Polizeiangaben ging es in dem Streit um Drogen. Der getötete Mann war Jamaikaner.

Dann ist ja alles klar. Aber kurz darauf stellt sich heraus: Die Großmutter der Täterin war Schwedin, was in der Sache vielleicht auch nicht ganz unwichtig ist. Um zu sehen, was bei denen verbrechenstechnisch so los ist, muss man ja im Prinzip nur einmal durch eine Buchhandlung laufen. Und dann meldet die Polizei zwei Tage später: Die Frau war auf Speed, aber der Mann hatte überhaupt nichts genommen. Die totale Verwirrung.

Es ist alles sehr kompliziert. Aber wenn wir nichts verschweigen wollen, müssen wir uns die Mühe machen, dann müssen wir alle bekannten Fakten nennen. Nur dann müssen wir auch konsequent sein. Und wenn kurz nach Weihnachten am Düsseldorfer Rheinufer ein Flüchtling von einem Betrunkenen zusammengeschlagen wird, müssen wir, wenn die Fakten eben so sind, in der Polizei-Meldung auch dazuschreiben: „Bei dem betrunkenen Täter handelte es sich um ein CSU-Mitglied. Der Mann stammte aus Bayern.“

„Verkehrskontrolle. Keinen Führerschein, bitte!“

Am Wochenende haben sie wieder einen erwischt. 26 Jahre alt. Auf der Bundesstraße 301 in der Nähe von Freising. Der Mann hatte eigentlich nichts angestellt. Keinen Unfall verursacht. Nichts getrunken. Keine Drogen im Blut. Aber irgendwas war da. Das spürten die Polizisten. Irgendetwas, das die Kollegen aus der Pressestelle sehr glücklich machen würde. Auch das ahnten sie.

Kurz darauf hielten sie den Wagen an. Und tatsächlich, es war, wie sie vermutet hatten. Ihr Verdacht bestätigte sich. Die Kollegen aus der Pressestelle brachen am Telefon in Jubel aus. Sie versprachen, bei der Weihnachtsfeier am Freitag dafür einen auszugeben. Dann legten sie auf und machten sich an die Arbeit. Endlich konnten sie den Journalisten das liefern, was die unbedingt haben wollten: Meldungen von Menschen, die ohne Führerschein Auto fahren:

Die Nachricht fiel kurz aus. Dem Mann war sonst wirklich nichts vorzuwerfen. Schade eigentlich, fand man in der Pressestelle. Da hatten die Kollegen in Oldenburg anderthalb Wochen zuvor mehr Glück gehabt. Und sie hatten nicht mal jemanden anhalten müssen. Der Mann war zu ihnen gekommen. Er hatte sich am Eingang gemeldet und dabei gleich zugegeben, dass er gar nicht mit dem Auto hätte fahren dürfen. Den gierigen Journalisten hätte das bestimmt schon gereicht. Aber dann erzählte der Mann auch noch, dass er gekommen sei, um sich bei der Polizei zu bewerben. Kurz danach stellte sich heraus, dass er auch noch Drogen genommen hatte. Ein Hauptgewinn:

Als Polizei-Pressesprecher erlebt man so etwas nicht alle Tage. Als Journalist schon gar nicht. Dabei sind Menschen, die ohne Führerschein ein Auto in Bewegung setzen, eigentlich gar nicht so selten. Es kommt sogar öfter vor, dass die fehlende Fahrerlaubnis gar nicht das einzige Problem ist:

Oder noch besser:

Es muss gar nicht zwingend Alkohol sein:

Die Journalisten nehmen ja alles. Der Fahrer kann auch stocknüchtern sein. Dann braucht er eben ein anderes Problem:

Und sei es nur ein kleines:

Am besten ist natürlich, wenn alles zusammenkommt:

Journalisten kriegen nie genug von dem Zeug. Sie müssen nur das Wort „Führerschein“ lesen, schon läuft ihnen der Speichel aus dem Mundwinkel.

Auf der Journalistenschule haben sie gelernt: Eine Nachricht muss wie ein Küchenzuruf sein. Jemand ruft aus dem Esszimmer in die Küche, und gleich erscheint ein Kopf zwischen den Türrahmen und fragt ungläubig: „Wirklich?“ Ein Satz, der alle Aufmerksamkeit an sich reißt — das ist ein Küchenzuruf. Und wenn „Autofahrer fährt ohne Führerschein“ keiner sein soll, dann weiß man’s wirklich auch nicht mehr.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das kann jeder zu Hause ausprobieren. Abends aus dem Esszimmer ein paar Neuigkeiten in die Küche rufen. Aber immer dran denken: Wichtig ist der Führerschein. Ohne den kann man’s vergessen. Den Satz „Mann fährt jahrelang ohne Verbandskasten“ kann man in die Küche rufen, so oft man will. Da erscheint zwischen den Türrahmen niemand.

Wobei — das muss man dazusagen — man immer Pech haben kann. Führerschein hin oder her. Der Mensch gewöhnt sich an alles sehr schnell. Und wer ständig die gleichen Geschichten in die Küche ruft, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der antworten könnte.

Das wissen natürlich auch die Journalisten. Sie haben sich längst darauf eingestellt. Irgendwann haben sie sich an einen Tisch gesetzt und zusammen über die Frage nachgedacht: „Wie fesseln wir eigentlich sonst unsere Leser?“

Ratlose Gesichter sahen sich an, bis irgendwer zögerlich fragte: „Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstage?“

„Genau. Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstag“, sagte der Chefredakteur.

Die anderen nickten. Seitdem wenden sie das Prinzip auch auf die FührerscheinMeldungen an:





Ab dem 40. Jahr — viele wissen das gar nicht — überreichen die Polizisten bei der Kontrolle eine Flasche Sekt:

Ab dem 50. Champagner:

Und ab dem 55. trinken sie sogar mit. Daher ist dieser Fall in den Archiven kaum dokumentiert, denn nach dem gemeinsamen Umtrunk kommt es oft gar nicht mehr zu einer Meldung an die Pressestelle.

Die Journalisten — das sollte man hier auch noch erwähnen — stoßen in der Redaktion schon ab dem fünften Jubiläum mit einem Prosecco an. Wahrscheinlich erklärt das überhaupt erst die große Begeisterung für die Führerschein-Meldungen.

Beim 60. Jubiläum öffnen sie schon nach der Mittagspause eine Flasche Schnaps. Und vielleicht ist das dann eine Erklärung für diese Gewichtung:

Hauptsache Hauptstadt

Neulich habe ich nach dem Schwimmen den besten Freund meines Sohns nach Hause gefahren. Die Jungs, beide in der achten Klasse, saßen hinten im Auto, und irgendwie kamen wir auf das Thema Erdkunde zu sprechen. Das heißt, ich kam auf das Thema. Die Jungs wollten lieber auf dem Rücksitz in den Gurten hängen und dösen. Aber wenn man sie nicht ganz verloren geben will, muss man mit den pubertierenden Kindern ja in Kontakt treten. Und da dachte ich: Die finden das sicher cool, wenn ich etwas Wissen abfrage.

An der Ampel drehte ich mich also nach hinten und sagte:

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Wisst ihr denn, was die Hauptstadt von Frankreich ist?

Ohne die Lippen zu bewegen oder mich überhaupt anzusehen, antwortete der Freund meines Sohnes:

Paris.

Das ist dann wohl zu einfach, dachte ich und fragte:

Und die von Australien?

Keine Ahnung.

Das ist Canberra. Und die von Dänemark?

„Papa, das nervt“, sagte mein Sohn.

Ich dachte: Wie undankbar ihr doch seid. Als wir selbst in dem Alter waren, sind wir gleich nach der Schule durch die Fußgängerzone in die Stadtbücherei gerannt, um da die Hauptstädte, Gebirge und Flüsse auswendig zu lernen. Damals wären wir froh gewesen, wenn unsere Eltern uns abgefragt hätten. Glaube ich jedenfalls.

Ich sah mich noch mal um. Der Freund meines Sohnes war eingeschlafen.

Ein paar Tage darauf saß ich am Schreibtisch, klickte mich durch die Nachrichtenseiten und geriet in einen Artikel über Designer-Brillen. Danach glaubte ich zu wissen, warum die Begeisterung für Hauptstädte bei Jugendlichen so nachgelassen hat.

Die Erklärung ist einfach: Die Welt ist zu komplex geworden. Früher konnte man sich noch merken: Italien — Rom. England — London. Frankreich — Paris. Heute ist das nicht mehr so leicht. Kennen Sie zum Beispiel die Hauptstadt der Brillen?

Oder die der Witwen?

Die der Taschendiebe?

Oder die der Singles?

Sehen Sie.

Eigentlich gilt überhaupt nur noch eine Regel: Alles, was existiert, braucht auch eine Hauptstadt. Das Problem ist: So viele Städte gibt es gar nicht – oder jedenfalls nicht so viele, die sich für diesen Zweck eignen.

Nehmen wir das Beispiel Sex. Auf welche Hauptstadt könnte man sich da einigen? Würselen? Delmenhorst? Unterschleißheim? Die einen wollen Bad Godesberg — die anderen rufen: „Natürlich Illertissen!“ Aber letztlich fällt die Wahl dann doch auf eine Stadt, bei der alle sagen können: Kennen wir, und das passt auch vom Image her einigermaßen. Und so ist es dann Wien geworden. Warum, das kann man hier nachlesen.

Kleine Städte haben in diesem Wettbewerb oft schlechte Chancen. Eigentlich ist es nur einmal einer kleineren Stadt gelungen, Hauptstadt von etwas Größerem zu werden. Das war Bonn. Davon habe ich neulich auch im Auto erzählt, aber der Freund meines Sohns schlief fest, und mein Sohn selbst hatte von einer deutschen Hauptstadt namens Bonn noch nie etwas gehört.

„Hä? Das ist doch Berlin“, sagte er.

„Ja, aber früher war das anders. Da war Berlin noch die Hauptstadt der DDR — also jedenfalls die eine Hälfte“, sagte ich.

Mein Sohn sagte nichts mehr, und ich sah: So einfach war das früher wohl doch nicht. Und heute ist alles noch viel komplizierter. Früher konnte man sich wenigstens darauf verlassen, dass die Hauptstadt der DDR nicht auch noch zusätzlich einem anderen Land in der gleichen Funktion dienen musste.

Heute nimmt auf so was niemand mehr Rücksicht. Wenn für irgendetwas eine Hauptstadt gesucht wird, ist vor allem eins wichtig: dass es schnell geht. Und meistens muss dann Berlin herhalten.

Hauptstadt der Kiffer? Ja, mein Gott. Dann das halt auch noch.

Das Ergebnis ist fürchterlich verwirrend.















Wie soll man sich das noch merken? Ich habe wirklich keine Ahnung.

Die Kinder habe ich damit dann auch in Ruhe gelassen. Sie müssen das heute ja alles auch gar nicht mehr wissen. Eigentlich müssen sie gar nichts mehr wissen. Sie haben ihre Smartphones. Wenn sie etwas suchen, können sie es googeln. Und im Prinzip genügt es schon, wenn sie sich das merken. Sie sollten halt nur möglichst nicht nach Barcelona ziehen. Da könnten sie dann ein Problem kriegen:

Härter gegen das „Pinkel-Phantom“

An manchen Tagen plagt man sich mit schrecklichen Gedanken, weil man sich schlecht fühlt und die Befürchtung hat, das könnte was Schlimmeres sein. Bei Google sprechen die Symptome gleich für mehrere tödliche Krankheiten, und es wird von Stunde zu Stunde unerträglicher. In der Nacht bekommt man kein Auge zu. Morgens bestellt man zum letzten Mal in seinem Leben ein Taxi und lässt sich zwei Straßen weiter zum Hausarzt fahren. Unterwegs schaut man sich durchs Fenster etwas wehmütig noch einmal die Gegend an, in der man gewohnt hat. Und nach endlosen Stunden im Wartezimmer reicht dem Arzt schon ein flüchtiger Blick in den Rachen, um sagen zu können: „Das ist wohl ein leichter Infekt. Ich schreib‘ Ihnen hier mal was auf. In zwei, drei Tagen ist alles wieder in Ordnung.“ Und augenblicklich geht es einem besser.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

So funktionieren Menschen. Der gegenwärtige Zustand ist oft gar nicht das Problem. Es ist eher die Angst davor, dass alles noch schlimmer werden könnte und dann womöglich außer Kontrolle gerät. Das macht viele Menschen wahnsinnig. Leider kann der Hausarzt da nicht immer helfen. Oft kann niemand helfen. Und für den Fall gibt es Politiker.

Zum Beispiel die Sache mit den Grusel-Clowns. Mittlerweile schon seit ein paar Wochen verbreiten vor allem „Bild“ und Bild.de Angst und Schrecken, indem sie unter dem Deckmantel der Trend-Berichterstattung Menschen dazu ermuntern, sich als Clown zu verkleiden und auf den Straßen andere zu erschrecken.

„Bild“-Leser müssen offenbar nur „Trend aus den USA“ lesen, schon denken sie: Hier kann man mal vorne dabei sein, und dann machen sie auch den größten Unfug mit, es muss eben nur ein Trend sein. Die „Bild“-Medien könnten vermutlich auch das Gerücht verbreiten, aus den USA schwappe gerade ein neuer Trend rüber, der darin bestehe, dass Menschen sich in aller Öffentlichkeit laut grunzend einnässen und danach unerkannt verschwinden. Auch da würden sich wahrscheinlich „Bild“-Leser finden, die das für so positiv verrückt hielten, dass sie unbedingt mitmachen wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich davon irgendwer in der Öffentlichkeit belästigt fühlen und zuschlagen würde, wäre recht groß. Schon hätte man die nächste Schlagzeile.

Solche Trends werden schnell zum Selbstläufer. In jeder weiteren Meldung sehen viele Menschen nur eine Botschaft, nämlich: So kommen Sie in die Zeitung. Und dann tauchen immer mehr „Bild“-Leser auf, die in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern stehen und grunzen, während ihnen der Urin aus der Hose läuft.

Auch darüber wird selbstverständlich berichtet, denn das ist ja irgendwie auch ein Spektakel. In anderen Redaktionen fällt während der Morgenkonferenz der Satz: „Das können wir nicht einfach ignorieren.“

Von da an gibt es jeden Tag mindestens einen neuen Fall. Die „Bild“-Zeitung erfindet das Wort „Pinkel-Phantom“, und irgendwann sprechen sie darüber auch in politischen Gremien, wo man das Problem zwar nicht so ganz ernst nimmt, aber doch die Gefahr sieht, dass in der Bevölkerung der Eindruck entstehen könnte, man habe die Lage nicht mehr unter Kontrolle.

Und wenn dieses Stadium erreicht ist, tritt meistens irgendwer mit Verantwortung vor Journalisten an ein Mikrofon und sagt den entscheidenden Satz: „Wir werden härter dagegen vorgehen.“

In der Sache mit den Clowns hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann seine Erklärung schon vor über einer Woche abgegeben:

Kurz darauf hat auch die Polizei noch mal versichert, dass sie ein härteres Vorgehen für notwendig hält:

Und wenn man darüber nachdenkt, was den Menschen sonst noch Angst machen könnte, und das mal googelt, weiß man gar nicht, ob man es beruhigend oder doch eher beängstigend finden soll, dass dieser Medien-Mechanismus anscheinend so verlässlich funktioniert, dass er immer wieder zum Einsatz kommt.

Um nur mal in Bayern zu bleiben. Keine Woche zuvor ging es um die Reichsbürger. Da hatte Herrmann das hier gesagt:

Und die Reichsbürger sind in Bayern ja nicht die Einzigen, zu denen man noch viel zu nett ist:

Hinzu kommen die Kriminellen im Internet:

Nicht zu vergessen die an der Grenze:

Oder die Wirtschaftsflüchtlinge:

Selbstverständlich will Joachim Herrmann auch gegen Islamisten härter vorgehen:

Nicht ganz so häufig liest man später Meldungen wie: „Härteres Vorgehen gegen Horror-Clowns führt zu spektakulären Erfolgen.“

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise ist das härtere Vorgehen oft zwar sensationell erfolgreich, aber die Politiker vergessen regelmäßig, das mitzuteilen, und die Journalisten fragen einfach nicht nach, weil sie entweder froh sind, über die Sache nichts mehr schreiben zu müssen, oder weil sie vergessen haben, dass es das Thema überhaupt irgendwann gab.

Vielleicht erreicht man mit noch mehr Härte aber auch einfach nicht ganz so viel. Und es gibt kaum einen Menschen, der wieder aus seinem Clown-Kostüm steigt, weil er denkt: „Noch unfreundlichere Polizisten? Noch härtere Strafen? Nee, das tu ich mir nicht an. Da erschreck‘ ich lieber die Kaninchen im Garten.“

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit. Es kann auch sein, dass die Erfolge in Wirklichkeit egal sind und es am Ende bei diesem Spiel von Medien und Politik um etwas ganz anderes geht — um den Eindruck, dass es jemanden gibt, der sich die Sache mal eben anschaut und dann relativ schnell sagen kann: „Ich verschreib‘ Ihnen mal dieses Mittel hier. In zwei, drei Tagen ist alles wieder in Ordnung.“

Zement gehört nicht in die Salsa

Eine Textform, die nur wenige Journalisten beherrschen, ist die Korrekturmeldung. Und das liegt auch an der fehlenden Übung. Wenn der Lehrer in der Journalistenschule morgens an die Tafel schreibt: „Heute üben wir Korrekturen“, wird die Klasse gleich unruhig und die Schüler murren: „Bringen Sie uns lieber was Vernünftiges bei. In der Praxis brauchen wir das ja eh nie.“ Und dann üben sie Reportagen.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In den Redaktionen sehen die Journalistenschüler später: Sie haben recht gehabt. Wieder einmal. In der Praxis müssen sie keine Korrekturen schreiben. Immer haben sie recht. Es ist fast schon unheimlich. Aber so ist es nun mal. Und wenn dann ein Leser anruft und behauptet, in die Reportage auf der dritten Seite sei wohl ein dicker Bock geraten, legen sie auf und rufen: „Wieder so ein Verrückter!“ Bis dann auch anderen auffällt: Ecuador liegt wirklich nicht in Afrika.

Tja, und dann rätseln sie in der Redaktion: Wie schreibt man jetzt so eine Korrektur? Ein Politik-Redakteur sagt: „Ich glaub‘, ich hab‘ da mal was gelesen.“ Dann lassen sie ihn das machen, und in der Zeitung steht am nächsten Tag: „Aufgrund eines technischen Defekts hat sich in unsere gestrige Ausgabe ein Fehler geschlichen.“

Georg Mascolo, der Chef der gemeinsamen Recherche-Abteilung von „NDR“, „WDR“ und „Süddeutscher Zeitung“, hat am vergangenen Donnerstag beim „Evangelischen Medienkongress“ in Hamburg die Fehlerkultur im deutschen Journalismus kritisiert und gesagt, in Amerika sei das alles etwas anders.

In den USA sind Fehler auch nicht viel beliebter als in Deutschland, aber irgendwie haben die Amerikaner es geschafft, hier die Überzeugung zu verbreiten, dass Fehler dort nicht ganz so verpönt seien. Und wenn man in die „New York Times“ schaut, könnte da tatsächlich was dran sein. Die „NYT“-Korrektur-Meldungen sind manchmal so lang wie ein ganzer Artikel.

In Deutschland wird auch korrigiert. Aber oft einfach Dinge, bei denen jeder denkt: Ach so, das, ja — nicht der Rede wert. Falsche Namen zum Beispiel:

Aber auch dabei fällt immer wieder auf: Den Journalisten in Deutschland fehlt einfach die Übung.

Natürlich korrigieren auch amerikanische Zeitungen Namen …

… aber sie stellen auch größere Dinge richtig:

In Deutschland geht man mit größeren Fehlern anders um. Intelligenter. Man hofft, dass sie am nächsten Tag vergessen sind. Ein weit verbreitetes Dogma in deutschen Redaktionen lautet: „Wir korrigieren nur, wenn einer anruft.“ Damit kommt man eigentlich immer ganz gut durch.

Redaktions-Dogma Nummer zwei: „Der Leser hat kein Archiv.“ Das war ja irgendwann wirklich mal so. Da konnte man als Redakteur so gut wie gar nichts falsch machen, wenn man überhaupt nichts korrigierte. Denn selbst, wenn dann wirklich mal ein Leser anrief, der zur Überraschung aller doch über ein Archiv verfügte, fehlte ihm immer noch etwas anderes: der Zugang zur Öffentlichkeit. Und den gab ihm dann auch die Zeitung einfach nicht.

Kleine Ausnahme vielleicht: Lokalprominenz mit Archiv. Ganz unangenehme Konstellation. Da musste man anders vorgehen.

Wenn es in dem fehlerhaften Bericht um den Prominenten selbst ging, konnte man sagen: „Wissen Sie was, wir kommen morgen vorbei und machen die Geschichte aus Ihrer Perspektive. Dann können Sie selbst noch mal erklären, wie Sie das Ganze sehen.“ Damit entfiel die Notwendigkeit einer Korrektur.

Ging es um etwas anderes als den Prominenten, blieb einem nichts übrig, als darauf zu hoffen, dass er sich mit der Ankündigung zufrieden gab, dass man in den nächsten Tagen noch mal über das Thema berichten werde. „Dann schreiben wir das noch mal so, wie es war. Und dann steht’s ja richtig in der Zeitung.“ Dass jemand noch zusätzlich eine Korrektur-Meldung einforderte, kam so gut wie nie vor.

Seit aber jeder Leser nicht nur ein Archiv hat, sondern auch noch eine verdammte Suchfunktion, funktionieren die alten Mechanismen nicht mehr so wie früher. Niemand ruft mehr an und bittet freundlich um eine Richtigstellung. Wozu auch? Man kann’s ja selbst gleich twittern. Und das machen eben auch die meisten. Ein falsches Wort, und schon weiß es die ganze Welt.

Da ist es auch fast egal, ob später eine Korrektur in der Zeitung steht. Aber es ist natürlich eine gute Gelegenheit, um noch mal klarzustellen, dass hier kein Redakteur, sondern die Technik versagt hat:

Und die Technik versagt ja schnell mal. Es genügt schon ein falscher Buchstabe, den die defekte Tastatur in ein Wort gemogelt hat, und schon bekommt die Geschichte einen vollkommen anderen Spin. In diesem Fall zum Beispiel hätte man den ja gar nicht vermutet:

In seltenen Fällen kann man Fehler sogar schmecken:

Aber zum Glück wird das ja alles korrigiert, zumindest in Amerika. Dann sieht man immerhin hinterher: Zwei Teelöffel Zement schmecken schlechter als zwei Teelöffel Koriander. Aber man überlebt auch das. Und wieder hat man aus der Zeitung gelernt.

Wenn aber nun alles korrigiert werden kann — das muss man auch sagen –, leidet möglicherweise auch die Sorgfalt. Natürlich auch die in den Korrekturen selbst. Aber zum Glück gibt es ja auch dafür die Spalte mit den Richtigstellungen:

Der Tod steckt in der Krise

Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod, nur die wenigsten sehen seine Vorteile: Nie wieder an kalten November-Morgen vom Wecker aus dem Bett gescheucht werden. Nie wieder durchnässt im Regen warten. Nie wieder Post vom Finanzamt. Und kein Chef mehr, dem am frühen Freitagabend einfällt, dass er für seinen Vortrag am Montag noch dringend eine Präsentation braucht, um die er sich aber wegen des nahenden Wochenendes unmöglich selbst kümmern kann. 

Der Tod könnte so schön sein, wenn er nicht leider auch einige Nachteile hätte. Zum Beispiel: die Langeweile.

Ja, was tun? Die Frage wäre überhaupt neu, denn natürlich gäbe es auch keine Wochenenden mehr, die am Freitagnachmittag mit Stress beginnen und fünf Minuten später, am Sonntagabend um Mitternacht völlig überraschend enden, weil die Zeit zwischen den Powerpoint-Folien für den Chef einfach zerrieselt ist — und der Vortrag an sich natürlich auch noch gemacht werden musste.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Nur noch Faulheit, Trägheit, Müßiggang. Nur noch Zeit, die wie ein endloses Bächlein vorbeiplätschert.

Vielleicht muss man sich den Tod einfach so vorstellen: Man liegt irgendwo herum und wartet schlaflos auf einen Morgen, der niemals kommen wird. Ein fürchterlicher Zustand, der nur durch den Gedanken erträglich wird, dass man immerhin vom Finanzamt nichts mehr zu befürchten hat. Aber dann wälzt man sich auf die andere Seite, schaut noch mal hin, und da liegt plötzlich dieser Brief, auf dem man in Umrissen das Landeswappen erkennt.

In Sarzeau im Westen Frankreichs muss man mit so etwas inzwischen rechnen. Das Finanzamt dort hat vor ein paar Tagen eine Steuerforderung an eine Tote zugestellt. Der Bote kam vermutlich dreimal, fand aber weder Klingel noch Briefkasten, und auch die Nachbarn zeigten sich wenig kooperativ, was die Adresse hätte erklären können. Die lautete: „Friedhofsweg, Reihe E, Grab 24“.

Die Anschrift ist entweder übersehen worden, oder in den Finanzbehörden ist längst eine neue Zeit angebrochen, in der nicht nur die Unterschiede zwischen Männern und Frauen eingeebnet werden, sondern auch die zwischen Lebenden und Toten.

Nachdem schon die Erbschaftssteuer geflossen ist, kämen dann trotzdem weiter die Vorauszahlungsbescheide, und die Einkommensteuer würden wir auch in der Ewigkeit einfach weiterzahlen. Ständig riefe der Steuerberater an, weil noch irgendwelche Belege fehlten. Dabei wollten wir einfach nur untätig in der Hölle schmoren, wie wir es verdient haben.

Das ganze System ist marode. Es fängt schon bei den Bestattern an, die ihre Kunden skrupellos über den Tisch ziehen, statt sie dort einfach, wie es ihre Aufgabe wäre, zu waschen und nett anzukleiden. 

In Gießen gab es gerade wieder so einen Fall. Ein Ehepaar hat das Geld für die eigene Feuerbestattung per Vorkasse überwiesen. Dann starb die Frau, und der sonst nicht an Kundenbewertungen gewöhnte Bestatter hatte offenbar vergessen, dass ein Vertragspartner — was in der Regel nicht vorkommt — nach getaner Arbeit noch lebt. Die eigentlich schon bezahlten Rechnungen gingen an ihn. Der Mann hat den Bestatter nun angezeigt.

Da kann einem die Lust aufs Sterben schon vergehen. Und anscheinend ist man mit diesem Gefühl nicht allein: 


Quelle: „Mindener Tageblatt“

Wenn die Bestatter nicht aufpassen, wird es ihnen irgendwann genauso ergehen wie den Kutschen-Bauern und den Zeitungsverlagen. Die Kunden werden sich was Neues suchen, vielleicht irgendwas im Internet. 

Es gibt ja schon heute kaum noch Menschen, die mit ihrer eigenen Bestattung so zufrieden waren, dass sie sagen würden: Empfehle ich uneingeschränkt weiter. Was aber auch kein Wunder ist. Wer will schon mit einer Branche zu tun haben, die ihre Kunden erst abzockt und dann in einem Loch verscharrt? Anscheinend sind nicht mal die Beschäftigten selbst bereit, das länger mitzutragen:

Der letzte Bestatter wird vermutlich auch am Wochenende nach seinem Tod noch arbeiten müssen, um sich selbst unter die Erde zu bringen. Und solche Arbeitsbedingungen sind wirklich niemandem zuzumuten. 

Dabei ist das Sargtragen an sich eine attraktive Tätigkeit mit vielen Aufstiegschancen. Und natürlich spielt die Digitalisierung auch hier eine große Rolle. Die Terminabstimmung erfolgt heute oftmals per Smartphone. Viele Jugendliche wissen das gar nicht.

Und das wiederum ist symptomatisch für diese Branche. Es ist nicht alles so schlecht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das gesamte Bestattungswesen bräuchte vor der Reform vermutlich erst mal eine Image-Kampagne. Der Tod muss endlich wieder attraktiv werden. Nicht nur für die Dienstleister, auch für die Kunden. Aber wie verklickert man das den Leuten?

Man müsste da mal eine Werbeagentur beauftragen, die einen Claim entwirft, der alles auf den Punkt bringt. Dieses Gefühl, dass sich etwas zum Besseren verändert. Die Aufbruchstimmung. Den frischen Wind. Wobei, vielleicht braucht man doch gar keine Werbeagentur. Vielleicht nimmt man einfach diese Überschrift:

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