Slumdog Billionaire Reloaded

Es gibt Geschichten, die so schön sind, dass den Journalisten, die sie weitererzählen, scheißegal scheint, ob sie stimmen oder auch nur wahrscheinlich sind. Gerade, wenn es um beeindruckende Zahlen geht.

Am Freitag eröffnete das "Handelsblatt" seinen Artikel über "die neuen Maharadschas" so:

Die Zahlen sind beeindruckend: 27 Stockwerke. 40 000 Quadratmeter. 160 Parkplätze. 3 Hubschrauberlandeplätze. 9 Lifte. 600 Diener. Und das alles für einen einzigen Mann. Eine Milliarde Dollar soll Mukesh Ambanis Residenz in der Altamont Road in Mumbai gekostet haben. Das teuerste Privathaus der Welt, mitten in jener Stadt, die für ihre wüsten Slums berüchtigt ist. Mit seinem Palast hat Ambani sich selbst zum Symbol erhoben: für den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens.

Zugegeben: Anders als bei der Anzahl der Stockwerke, der Parkplätze und der Hubschrauberlandeplätze zieht sich der Autor beim Preis hinter irgendwelche gerüchteweisen Angaben zurück. Das macht die "eine Milliarde Dollar", die das Anwesen gekostet haben "soll", aber nicht realistischer (BILDblog berichtete und berichtete und berichtete).

Mit Dank an Marius W.

Anzeige

Buten un binnen

Das von Wirtschafts– und Arbeitgeberverbänden finanzierte "Institut der deutschen Wirtschaft Köln" hat im Auftrag der Arbeitgeber-Lobbyorganisation "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" den sogenannten "Bildungsmonitor" erstellt. Das Ergebnis: Sachsen hat das "leistungsfähigste Bildungssystem aller Bundesländer".

Wir wissen nicht, wo die Grafiker und Redakteure des "Handelsblatts" zur Schule gegangen sind, aber der Erdkundeunterricht muss dort eher mäßig gewesen sein:

Mit Dank an Jan Z.

Weimerer Klassizismus

"Weimers Woche" ist erstens eine Alliteration und zweitens der Titel einer Kolumne, die der damalige Chefredakteur des Politmagazins "Cicero", Wolfram Weimer, bis Ende 2009 fürs "Handelsblatt" und für stern.de geschrieben hat. Dann wurde Weimer Chefredakteur der Illustrierten "Focus", wo er im Juli dieses Jahres nach einem "Machtkampf" mit "Focus"-Gründer Helmut Markwort gehen musste — bzw. um sich nach offizieller Sprachregelung "neuen Projekten zuwenden zu können".

Zuvor wendet sich Wolfram Weimer aber erst mal alten Projekten zu und hat fürs "Handelsblatt" seine Kolumne wiederbelebt. In der ersten Ausgabe vergangene Woche widmete er sich den "Sündenböcken" des politischen Berlins, also dem Papst, den Banken und der FDP:

Regierung schwach, Börsen panisch, Euro marode, Sonntag zu selten, Auto kaputt, Milch sauer? Berlin weiß: Entweder war es Philipp Rösler, Josef Ackermann oder Benedikt XVI.

Dabei ist die Bundesregierung mindestens so schlimm wie die Banken, sagt Weimer, und hebt zur Verteidigung der letzteren an:

Unsere Generation hat über Jahrzehnte noch nicht ein einziges Jahr mit einem ausgeglichenen Bundeshaushalt erlebt — egal übrigens, welche Partei gerade regiert hat. Selbst wenn wir all unsere Banken — private haben wir sowieso kaum noch welche — verstaatlicht hätten und den Euro wieder abschafften — der Schuldenberg Europas müsste doch bezahlt werden. Dass Berlin also die Banken in Frankfurt als "verantwortungslose Kreditteufel" attackiert, ist ein Witz.

Ja, das ist ein Witz. Sogar einer mit einer Pointe.

Denn was findet man, wenn man bei Google nach "verantwortungslose Kreditteufel" sucht?

Wenig, sehr wenig. Genau genommen nur eine einzelne Kolumne über die amerikanische Bankenkrise aus dem Jahr 2008.

Vor allem die Politiker Europas werfen sich in diesen Tagen eifernd ins Zeug. In besserwisserischen Posen schwadronieren sie über den Atlantik, als gäbe es da drüben nur verantwortungslose Kreditteufel, während hier alle Soliditätsengel zu Hause seien.

Bei der Kolumne handelte es sich um "Weimers Woche" und es sieht ganz so aus, als hätte bisher niemand Wolfram Weimer den Gefallen getan, die "verantwortungslosen Kreditteufel" zu einem geflügelten Wort zu machen — zumindest so lange, bis Wolfram Weimer zurückkam.

P.S. Im Juli, als Weimer noch "Focus"-Chef war, hatte der Branchendienst "Werben & Verkaufen" geschrieben:

Unterdessen ist die positive Aufbruchstimmung vom Juli 2010 mittlerweile verflogen, die Redaktion spart nicht an Kritik. So mancher wundert sich, dass Weimer Texte, die er bereits an anderer Stelle veröffentlicht hat, im "Focus" reycelt. Wie beispielsweise im Text "Der Überflieger" (50/10) über Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg – ein Recycling seiner Laudatio, als der Ex-Verteidigungsminister "Politiker des Jahres 2009" wurde. Ebenfalls mehrfach genutzt: Ein Beitrag aus Weimers Vorgänger-Blatt "Cicero" vom August 2006 erschien erneut in "Focus" 18/11 als "Die Lücke, die Gott lässt." Und: Im Extra-Heft zur Katastrophe in Fukushima brachte Wolfram Weimer in "Focus" die gleiche Zitate-Sammlung, wie sie schon in "Cicero" 2/05 zu lesen war. Auch das Memo "Die spielen Schuldenmonopoly" (51/10) erinnert stark an einen Blog-Beitrag Weimers aus dem Jahr 2008.

Mit Dank an Basti.

Handelsblatt  Etc.

Und jetzt noch mal in Zeitlupe …

Wenn Journalisten schreiben, sie hätten etwas "aus Kreisen" erfahren, dann entweder, weil sie ihre Quellen schützen wollen, oder, weil ihre "Quelle" die Schwägerin des Nachbarn des Hausmeisters ist.

Das "Handelsblatt" konnte gestern mit "exklusiven" Neuigkeiten aus gleich zwei Kreisen aufwarten:

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) geht bei der Vergabe der Fernsehrechte der Fußball-Bundesliga ab der Saison 2013/14 neue Wege. Eines der beiden Modelle sieht ein exklusives Ausstrahlungsfenster für Internet– und Mobilfunkfernsehen am Samstag bis 21.45 Uhr vor. Damit droht der populären "Sportschau" der ARD am frühen Samstagabend das Aus. Das erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Die DFL will durch attraktive Exklusivrechte für Web– und Mobil-Übertragungen neue Bieter anlocken und damit höhere Preise erzielen. "Der Markt wird entscheiden, ob die 'Sportschau' verschwinden wird", erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der Profiklubs. Die DFL wollte gestern keine Stellungnahme abgeben.

Nun sind so "Unternehmenskreise" natürlich besonders nebulös. Es könnte aber gut sein, dass das "Handelsblatt" damit einfach einen Blick ins eigene Archiv meint.

Vom 2. März findet sich dort ein extrem launiger Kurzkommentar unter der Überschrift:

Von 2013 an könnten Internetunternehmen die ARD ablösen und die kurzen Zusammenfassungen der Ligaspiele anbieten. Bewegte Fußballbilder im Fernsehen gebe es dann erst ab 21.45 Uhr. (…) Noch ist die Internet-Sportschau nur eine von mehreren Ideen der DFL. Aber der Fußballfan weiß, dass das, was möglich ist, auch irgendwann gemacht wird. Und dass für die DFL — anders als für den Fan — beim Geld der Spaß aufhört.

Auslöser war wohl eine Meldung der "Süddeutschen Zeitung" vom Vortag, nach der die Deutsche Fußball Liga (DFL) erwog, "eine Art Web-'Sportschau'" zu etablieren: "Web-TV und mobiles TV, also das Streaming im Internet und über mobile Endgeräte (iPad, iPhone)".

Am 2. März berichtete auch "Die Welt", einen Tag später der Kölner "Express" in kurzen Meldungen über die Pläne für eine "Web-Sportschau".

Am 22. April tauchte das Thema dann wieder bei handelsblatt.com auf. In einem Artikel vom Sportinformationsdienst (sid) wurde unter anderem eine Umfrage zitiert, nach der "die Bundesliga durch einen Wechsel von der ARD– zur Internet-Sportschau keine Zuschauer verlieren" würde.

Der Grund für die Umfrage waren auch damals die Pläne der DFL:

Anstelle der Free-TV-Highlight-Verwertung in der ARD samstags um 18.30 Uhr soll bei dem Alternativmodell ab der Saison 2013/2014 eine Art Web-Sportschau um 19.00 Uhr den frei empfangbaren Markt bedienen. Im Free-TV soll die Zusammenfassung des Spieltags dann erst ab 21.45 Uhr zu sehen sein.

An der Nachrichtenlage hat sich seit Anfang März wenig verändert: Das Bundeskartellamt, das durch eine Befragung von Vereinen und Sendern die Spekulationen über die "Web-Sportschau" ausgelöst hatte, prüft die Vorschläge der DFL noch und die DFL selbst will sich dazu nicht äußern.

Aber wen interessiert das schon, wenn die "Sportschau" (in ihrer heutigen Form) womöglich, unter Umständen wieder mal (oder immer noch) bedroht ist?

"Süddeutsche Zeitung":
ARD: Bundesligarechte - "Sportschau" in Gefahr

"Spiegel Online":
Fußballrechte: Web-Sendung könnte "Sportschau" verdrängen

Bild.de:
Sportschau droht Aus: Bundesliga nur noch im Internet?

meedia.de:
DFL plant neue Übertragungswege im Internet: "Sportschau" steht ab 2013 vor dem Aus

horizont.net:
Gefahr für die "Sportschau": DFL will exklusive Rechte für das Internet ausschreiben

taz.de (auch bei "6vor9" verlinkt):
Diskussion über "Sportschau" im Internet: Freier Fußball für freie Menschen

turi2.de:
heute2: DFL erwägt Bundesliga im Web ohne "Sportschau".

"Welt Online":
Nach 50 Jahren: ARD-"Sportschau" droht möglicherweise das Aus. Die DFL lockt Internet-Fernsehanbieter mit attraktiven Exklusivrechten. Dadurch könnte die ARD-"Sportschau" von den Fernsehbildschirmen verschwinden.

"Rheinische Post":
Der Sportschau droht das Aus

Die Totengräberstimmung ist übrigens (auch) unnötig, wie Roland Peters in seinem Kommentar auf n-tv.de bemerkt:

Wenn "der Markt" tatsächlich unabhängig vom Zuschauer entscheidet, die Erstverwertungsrechte ins Internet wandern und die Bundesliga aus der regulären Sportschau verschwindet: Insgesamt gab es die Sendung 50 Jahre lang. Auch zwischen 1992 und 2003, als Privatsender die Rechte besaßen. Aus einem einfachen Grund: Sport ist eben nicht nur Fußball.

[via allesaussersport]

Halbgares zu Wikileaks

Julian Assange, der mit seiner Online-Plattform Wikileaks die USA und die internationale Diplomatie in Atem gehalten hat, wurde am Mittag in London festgenommen. Es ist ein Showdown wie aus dem Bilderbuch. Die Medien tragen aber ihren Teil dazu bei, den Konflikt noch mehr zuzuspitzen, durch Missverständnisse, Schludrigkeiten und simple Fehler.

So weiß zum Beispiel "Spiegel Online" von einer Trotzreaktion der Wikileaks-Aktivisten zu berichten:

"Die heutigen Aktionen gegen unseren Chefredakteur Julian Assange werden unseren Betrieb nicht beeinflussen", twitterten Vertreter der Enthüllungsplattform gegen 13 Uhr. "Wir werden heute Nacht mehr Botschaftsdepeschen veröffentlichen als normal."

In Wahrheit lautete die Twitter-Nachricht jedoch ein wenig anders:

Today's actions against our editor-in-chief Julian Assange won't affect our operations: we will release more cables tonight as normal

Zu deutsch:

Die heutigen Maßnahmen gegen unseren Chefredakteur Julian Assange werden unseren Betrieb nicht beeinflussen. Wir werden wie üblich heute Nacht weitere Botschaftsdepeschen veröffentlichen.

Weniger eilig, aber weitaus exklusiver hatte das Handelsblatt am Morgen eine Meldung mit mehr Lokalbezug veröffentlicht:

Geldgebern von Wikileaks drohen Sanktionen  Die Aufsichtsbehörde in Kassel verlangt eine Stellungnahme der Wau-Holland-Stiftung, einer der weltweit größten Geldgeber des Enthüllungsportals. Im schlimmsten Fall droht der Stiftung die Aberkennung des Steuerprivilegs – damit würde eine der wichtigsten Geldquellen für Wikileaks versiegen.

Hier war der Autor etwas voreilig: Zwar ist das Steuerprivileg des Vereins tatsächlich gefährdet, in der Folge muss aber die Geldquelle von Wikileaks nicht zwangsläufig versiegen — zumal sich die Gründungsvorsitzende Ursula Kooke für die Förderung von Wikileaks ausspricht. Der Verlust der Steuerprivilegs bedeutet nämlich zunächst einmal, dass Spenden nicht steuerlich abgesetzt werden können. Sollte es dazu kommen, kann der Verein Wikileaks dennoch weiter unterstützen.

Die "Neue Zürcher Zeitung" hatte bereits am Montag mit der Meldung für Aufsehen gesorgt, dass der Schweizer Finanzdienstleister Postfinance das Konto von Julian Assange gekündigt habe. Auch das ist richtig, nur schaffte es die NZZ nicht, die Begründung von Postfinance richtig wiederzugeben:

Grund sei, dass Assange bei der Kontoeröffnung falsche Angaben zu seinem Wohnort gemacht habe, schreibt PostFinance in der Mitteilung vom Montag. Als Domizil habe Assange Genf angegeben, was sich bei einer Überprüfung der Daten als unwahr herausgestellt habe. Assange könne keinen Schweizer Wohnsitz nachweisen. Voraussetzung für ein Konto bei Postfinance ist ein Schweizer Domizil.

Auch hier erwischte der Autor wieder nur die halbe Wahrheit: Zwar begründet Postfinance die Kündigung mit den falschen Angaben von Assange bei der Kontoeröffnung. Ein Wohnsitz in der Schweiz wäre für ein solches Konto hingegen nicht nötig — wie auch Leser bei der NZZ korrekt kommentieren.

Dies sind an sich nicht besonders schwere Fehler. Im Kollektiv mit hunderten und tausenden Meldungen gleicher Bauart entsteht jedoch ein Gemisch aus Halbwahrheiten, das kaum noch eine wirklich informierte Debatte um Wikileaks zulässt.

Mit Dank auch an Christoph H.

Nachtrag, 17 Uhr: "Spiegel Online" hat die Übersetzung der Twitter-Nachricht inzwischen korrigiert.

Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP hat ein Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel den Bericht des "Handelsblatts" relativiert: Die Mahnung wegen eines fehlenden Geschäftsberichts habe nichts mit Wikileaks zu tun, eine Prüfung des Stiftungszwecks und damit des Steuerprivilegs stehe jedoch noch nicht an.

Mangelndes Migrationshintergrundwissen

Unter dem Titel "Erstmals mehr als 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund" veröffentlichte das Statistische Bundesamt am vergangenen Mittwoch die neusten Zahlen aus einem Mikrozensus und kam zu dem Befund:

Von 2005 bis 2009 ist die Bevölkerung mit Migrationshintergrund durch Zuzug und Geburten um 715 000 angewachsen und die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ist sterblichkeitsbedingt um 1,3 Millionen zurückgegangen.

Diese Aussage, die suggeriert, dass die Menschen ohne Migrationshintergrund aussterben, ist zumindest zweifelhaft, denn die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund steigt fast zwangsläufig. Immerhin zählt das Statistische Bundesamt auch diejenigen, bei denen ein Elternteil keinen Migrationshintergrund hat, zu den Personen mit Migrationshintergrund, falls der andere Elternteil Migrant ist oder die deutsche Staatsbürgerschaft nicht seit seiner Geburt besitzt. Nur wenn beide Eltern seit ihrer Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, können sie Kinder ohne Migrationshintergrund zeugen.

Außerdem sah das Gesetz bis vor zehn Jahren vor, dass Kinder von Ausländern die Staatsbürgerschaft der Eltern erhielten und somit Ausländer ohne eigene Migrationserfahrung waren. Deren Kinder haben somit auch Migrationshintergrund. Erst seit der Staatsangehörigkeitsreform im Jahr 2000 erhalten Kinder von Ausländern zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft.

So zynisch das klingt: Die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund geht nicht nur sterblichkeitsbedingt, sondern eben auch definitionsbedingt zurück.

Darüber findet sich nichts in den Medien, die über die neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes berichten. Dafür aber das:

Welt.de titelt plakativ:
Jeder fünfte ist ein Migrant

Bei sueddeutsche.de heißt es in der Überschrift:
Mehr Migranten

Vergleicht man die beiden Artikel mit der Pressemitteilung, so stellt man fest, dass die einzige Eigenleistung offensichtlich darin bestand, in der Überschrift "Menschen mit Migrationshintergrund" in "Migranten" umzubenennen — vielleicht, weil dieses Wort griffiger und nicht so sperrig ist.

Das "Handelsblatt" glaubt unter der Überschrift "Etwa jeder fünfte Einwohner hat Migrationsgeschichte" in der Einleitung zu wissen:

Von 2005 bis 2009 war die Zahl der Migranten von 15,3 auf mehr als 16 Millionen gestiegen.

Und in einem Artikel im "Tagesspiegel" wird sogar munter hin– und hergewechselt:

Erstmals hat im vergangenen Jahr die Zahl der hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund mehr als 16 Millionen betragen. (…) Im (…) Vergleichsjahr 2005 gab es noch 15,3 Millionen Migranten; sie machten 18,6 Prozent der Bevölkerung aus. Der Migrantenanteil hat sich also in vier Jahren um einen Prozentpunkt nach oben verschoben.

(…)

Migrationshintergrund hat (…), wer nach 1950 ins Gebiet der heutigen Bundesrepublik kam (…)

Manchmal wäre es jedoch besser, sich an die Vorlage zu halten. In der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts wird sehr genau erläutert, woraus sich die 16 Millionen mit Migrationshintergrund zusammensetzen — nämlich aus 10,6 Millionen Menschen, die nach 1950 zugewandert sind, also tatsächliche Migrationserfahrung haben, und weiteren 5,4 Millionen, die in Deutschland geboren wurden.

Nur bei der ersten Gruppe handelt es sich um Migranten, bei der zweiten hingegen um Personen, die deshalb als Menschen mit Migrationshintergrund definiert werden, weil wenigstens ein Elternteil zugewandert bzw. Ausländer ist oder als Ausländer geboren wurde (s.o.).

Die Überschrift bei Welt.de etwa hätte angesichts von 10,6 Millionen mit tatsächlicher Migrationserfahrung lauten müssen "Jeder achte ist Migrant" oder "Jeder fünfte hat Migrationshintergrund" und die auf sueddeutsche.de "Mehr Menschen mit Migrationshintergrund", was eine schöne Alliteration gewesen wäre.

Andererseits: Wenn man eine Pressemitteilung korrekt wiedergäbe, wo bliebe da die Eigenleistung?

Anzeige