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„Focus Online“ macht Edward Snowden zum Alien-Spinner

Edward Snowden hat sich vergangenen Freitag mal wieder zu Wort gemeldet. Bei seinem Gastauftritt in der „Star Talk Radio Show“ des US-Astrophysikers Neil deGrasse Tyson ging es aber nicht um Enthüllung rund um die NSA, sondern — Gastgeber und Name des Podcasts lassen es erahnen — ums Weltall.

Snowden sprach unter anderem über SETI, Search for Extraterrestrial Intelligence, also die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz, wie sie auch von der Nasa betrieben wird. Er habe Zweifel daran, dass das Forschen nach Signalen fremder Zivilisationen im All erfolgreich sein werde. Das Problem sei laut Snowden eine mögliche Verschlüsselung dieser Signale:

Wenn man eine außerirdische Zivilisation hat, die nach anderen Zivilisationen sucht — oder umgekehrt –, dann gibt es nur einen kleinen Zeitraum in deren Entwicklung, in der die komplette Kommunikation auf primitivste und ungeschützte Art übertragen wird.

Bei einer weiter entwickelten Spezies, so Snowden, würde man die Übertragungen aufgrund von Verschlüsselungen nicht als solche erkennen können und lediglich für kosmische Hintergrundstrahlung halten: „Man kann ordentlich verschlüsselte Kommunikation nicht von zufälligen Signalen unterscheiden.“

Also, zusammengefasst: Edward Snowden sagt, dass es für die Wissenschaft ziemlich schwierig sein dürfte, Signale anderer Zivilisationen zu entdecken.

Und das macht „Focus Online“ daraus:

Gefunden und abgeschrieben hat die Redaktion diesen Quatsch beim britischen „Mirror“. Auf einen besonders abstrusen Vorwurf in Richtung Snowden ist sie dann aber noch selber gekommen:

In einem Podcast äußerte sich Snowden nun zu außerirdischem Leben und stellte fest: Aliens versuchen derzeit, mit der Menschheit in Kontakt zu treten. […]

 Einen Beweis für außerirdisches Leben bleibt Snowden dann allerdings schuldig.

Und die Redaktion bleibt weiterhin einen Beweis schuldig, dass es sich bei „Focus Online“ um Journalismus handelt.

Mit Dank an Carsten und Lutz!

Nachtrag, 24. September, 11:02 Uhr: Ist so eine Unsinnsmeldung erst einmal in der Welt, bekommt man sie da kaum noch weg. Im Gegenteil: Meist wird sie weiterverbreitet, so auch bei der Snowden-Alien-Geschichte. Denn sowohl Chip.de als auch News.de berichten, dass Edward Snowden von Aliens gesprochen habe, die versuchen sollen, mit der Menschheit Kontakt aufzunehmen. Beide Redaktionen haben die Meldung ungeprüft von „Focus Online“ übernommen.

Gestern Abend stellte auch noch „TV Total“ (ab Minute 1:15) die Geschichte als korrekt dar. Hätte das Team von Stefan Raab mal besser bei den „Pro Sieben“-Kollegen von „Galileo“ nachgelesen. Die sind der Frage nachgegangen, ob Edward Snowden wirklich behauptet, „dass Außerirdische mit uns kommunizieren“. Und kommen zu dem Schluss: Nee, er „stellt dazu lediglich eine Theorie auf.“

Eine andere Passage im „Galileo“-Text ist hingegen ebenfalls problematisch:

Nach dem Motto: Sollte es intelligentes außerirdisches Leben geben, dann könnte es sein, dass wir ihre Kontaktversuche aufgrund von Verschlüsslung nicht einmal wahrnehmen.

Warum sollte eine andere Spezies bei dem Versuch, mit uns Kontakt aufzunehmen, ihre Nachricht so verschlüsseln, dass wir sie nicht verstehen können?

Mit Dank an Gregor M. und Timo L.

Nachtrag, 14:16 Uhr: Das Team von „Galileo“ hat die kritisierte Passage inzwischen erweitert und spricht nun von „Verschlüsselung oder Codierung“, die ein Erkennen der Kontaktversuche von Außerirdischen unmöglich machen könnten.

In nur vier Stunden vom Obdachlosen zum Perser

Helge Schneider hat für seine Zivilcourage mal ordentlich Prügel kassiert. Das hat er vergangenen Woche in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (mit Bezahlschranke) erzählt:

Aber viele Künstler sind sehr verliebt in die Regel: Die Politik ist hilflos, wir müssen jetzt ran.

Wenn einem etwas direkt im Alltag begegnet, muss man schon ran. Das nennt man Zivilcourage, hab‘ ich auch schon mal gemacht.

Was war passiert?

Das waren zwei Typen, die wollten einen Perser verkloppen. Da bin ich dazwischengegangen. Der konnte wegrennen. Dann hab‘ ich das abgekriegt.

Wurden Sie verletzt?

Es hielt sich im Rahmen. Ich hatte den Kiefer angebrochen. […]

Schneider, Schlägerei, angebrochener Kiefer — klar, dass das auch andere Medien aufgreifen. Zum Beispiel „Spiegel Online“

… oder stern.de

… oder welt.de:

Und auch „Focus Online“. Doch dort klingt die Geschichte schon in der Überschrift etwas anders:

Und Helge Schneider erzählt auf einmal eine ganz neue Version des Vorfalls:

„Das waren zwei Typen, die wollten einen Penner verkloppen. Da bin ich dazwischengegangen“, erzählte der Komiker und Musiker der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag.

Bei morgenpost.de ist ebenfalls von einem „Penner“ die Rede.

Der Protagonistenwechsel dürfte durch eine fehlerhafte dpa-Meldung entstanden sein. Die Nachrichtenagentur hatte am Samstagmittag den „Penner“ ins Spiel gebracht und erst vier Stunden später eine Korrektur verschickt, mit dem Hinweis: „Berichtigung: Wort im zweiten Satz berichtigt“.

Das interessierte offenbar weder „Focus Online“ noch morgenpost.de: Ihre falschen Artikel veröffentlichten beide Redaktionen erst, als die dpa-Korrektur schon Stunden raus war.

Dass ein Medium durchaus auf Agentur-Berichtigungen reagieren — und das auch noch der Leserschaft transparent präsentieren — kann, beweist diepresse.com:

Anmerkung der Redaktion: Quelle dieses Artikels ist die Nachrichtenagentur DPA. Diese hat in einer ersten Meldung von einem „Penner“ geschrieben, später allerdings auf „Perser“ korrigiert. Wir bedauern den Irrtum.

Mit Dank an Hansi!

Die 19 Jahre alte Hetzvorlage



Das haben Sie vielleicht mitbekommen, es war ja überall zu lesen; bei „Focus Online“, stern.de, web.de, news.de, berliner-kurier.de, welt.de, rtl.de, heute.at und vielen anderen.

Gestreut wurde die Story hierzulande von der Nachrichtenagentur AFP, die sie im Portal „Emirates 24/7“ gefunden hatte.

Eine junge Frau ist laut Medienberichten in Dubai ertrunken, weil ihr Vater die Rettungsschwimmer zurückhielt, damit diese nicht seine Tochter anfassen und so ihre Ehre „beschmutzen“. Der asiatische Mann, dessen Identität nicht bekanntgegeben wurde, wurde von der Polizei festgenommen, wie das Internet-Nachrichtenportal Emirates 24/7 am Montag berichtete.

Wann das Ganze passiert sein soll, schreiben weder AFP noch die deutschen Medien, und wenn sie sich (wie etwa der „Guardian“) die Mühe gemacht hätten, den Zeitpunkt des Vorfalls zu recherchieren, hätten sie die Geschichte wohl gar nicht erst angepackt. Denn die Sache liegt nicht bloß ein paar Tage zurück — sondern 19 Jahre.

Das hat die Polizei in Dubai am Mittwoch bestätigt:

Unter dem „Emirates 24/7“-Artikel, den die AFP abgeschrieben hatte, steht inzwischen:

The incident happened many years ago.

Auch die AFP stellte am Mittwoch klar:

Polizei von Dubai: Fall von Ertrinkenlassen der Tochter ist alt

„Das ist eine alte Geschichte“, teilte am Mittwoch die Polizei des Emirats über den Kurznachrichtendienst Twitter auf Anfrage mit. Das Internet-Portal Emirates 24/7 hatte am Montag über den Fall berichtet. Die Meldung wurde von verschiedenen Medien aufgegriffen, auch von AFP. In den sozialen Netzwerken sorgte der Fall für scharfe Kritik.

„Scharfe Kritik“.

Wie hier auf „buzz.at“:

Oder auf „Focus Online“:


Wobei das mit dem „umfassend“ ja auch im Internet so eine Sache ist. Bisher hat es nur eine Handvoll Medien geschafft, die Sache klarzustellen. Krone.at, Blick.ch und n24.de haben ihre Artikel ganz gelöscht.

Alle anderen, darunter stern.de, „Focus Online“ und der „Berliner Kurier“, haben gar nichts geändert und sorgen damit weiterhin für „scharfe Kritik“ von besorgten Bürgern. Dabei könnten gerade die ein bisschen Aufklärung doch wirklich gut gebrauchen.

Mit Dank an Eva R.!

Nachtrag, 17. August: stern.de und berliner-kurier.de weisen jetzt darauf hin, dass der Vorfall lange her ist. „Focus Online“ und web.de haben ihre Artikel gelöscht.

„Focus Online“ ruft 27 Millionen Ikea-Kommoden zurück

In den vergangenen eineinhalb Jahren sind zwei Kinder in den USA von umfallenden Ikea-Kommoden der Serie „Malm“ getötet worden.

So weit ist der Artikel, den „Focus Online“ heute früh veröffentlicht hat, korrekt.

Nun wird Ikea aktiv und ruft 27 Millionen Exemplare der Kommode zurück.

Das ist dann allerdings Quatsch. Und „Focus Online“ schreibt sogar selbst, warum:

Genauer gesagt erhalten „Malm“-Kunden ein kostenloses Kit zum Anschrauben der Kommode an ihre Wand.

Noch „genauer gesagt“ ist die Rückruf-Aktion überhaupt keine Rückruf-Aktion. Sondern eine Kampagne, mit der die amerikanische Behörde für Produktsicherheit (CPSC) und Ikea vor umkippenden Möbeln im Allgemeinen warnen wollen.

So schreiben es auch die meisten Medien:



Nur „Focus Online“ behauptet seit über zehn Stunden, Ikea rufe die 27 Millionen Möbelstücke zurück:

Als Quelle gibt das Portal den US-Sender CNBC an. Dort steht auch tatsächlich:

In einem Update unter dem Artikel heißt es allerdings:

Update: This article has been updated to reflect that the recall does not require owners to return the furniture to the stores.

Aber davon wollen die Leute bei „Focus Online“ nichts wissen. Auch auf der Startseite schreiben sie:

Und bei Facebook legen sie und ihre Clickbait-Kumpels von der „Huffington Post“ noch eine Schippe Panik drauf:



(Markierung von uns.)

Und es wirkt:


Die Pressestelle von Ikea hat uns heute Abend auf Anfrage bestätigt, dass die Behauptung von „Focus Online“ falsch ist. In einem Statement heißt es:

IKEA hat aktuell in den USA die Secure it! Kampagne veröffentlicht, die auf die Gefahr von umkippenden Möbeln im Allgemeinen hinweist, wenn diese nicht an der Wand befestigt sind. Bei der Kampagne handelt es sich nicht um einen Produktrückruf. IKEA möchte mit dieser Kampagne in Zusammenarbeit mit der Consumer Product Safety Commission (CPSC) auf dieses Gefahrenpotential hinweisen und so Unfälle verhindern.

Und das Traurigste ist: „Focus Online“ weiß das schon seit Stunden. Ikea teilte uns mit, man habe „bereits heute morgen bei focus.de darum gebeten, dass die [Falschmeldung] korrigiert wird“. Der Artikel ist noch immer online.

Mit Dank an Bastian B.

Siehe auch: Ikea warnt vor umkippenden Möbeln (test.de)

Nachtrag, 21.40 Uhr: Jetzt hat „Focus Online“ den Artikel doch noch (unauffällig) geändert. Die Überschrift lautet nun: „Wegen kippender Möbel: Ikea bietet Kunden Sicherheitskits an“. Einen Hinweis auf den eigenen Fehler gibt es (schon aus Traditionsgründen) natürlich nicht.* Dafür aber einen neuen Artikel zum Thema. Auf der Startseite schreibt „Focus Online“:

*Nachtrag, 1.10 Uhr: Inzwischen findet man am Ende des Artikels doch einen Hinweis:

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war von einer Rückrufaktion die Rede. Dies ist nicht richtig. Ikea warnt in den USA davor, dass das Möbelstück kippen kann und liefert die Befestigungen nach.

Medien spielen mit Schäubles Rücktritt

Heute große Aufregung in den Politikredaktionen:


(Bild.de)

(rp-online.de)

(t-online.de)

(manager-magazin.de)

(„Focus Online“)

(„Huffington Post“)

Grund ist ein Interview mit Finanzminister Wolfgang Schäuble im aktuellen „Spiegel“, in dem steht:

SPIEGEL: Die Koalition hätte ein Problem, wenn die Kanzlerin und ihr wichtigster Minister in einer so großen Frage wie der Griechenlandhilfe unterschiedlicher Auffassung sind.

Schäuble: Es gehört zur Demokratie, dass man auch einmal unterschiedliche Meinungen hat. Und dann ringt man gemeinsam um Lösungen. Dabei hat jeder seine Rolle. Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin, ich bin der Finanzminister. Politiker haben ihre Verantwortung aus ihren Ämtern. Zwingen kann sie niemand. Wenn das jemand versuchen würde, könnte ich zum Bundespräsidenten gehen und um meine Entlassung bitten.

Der letzte Satz ist es, der den Medien die Idee von Schäubles Rücktrittswünschen in den Kopf gesetzt hat.

Allerdings funktioniert das nur, wenn man ignoriert, wie das Gespräch weitergeht:

Vermutlich haben die oben zitierten Medien aber nicht das ganze Gespräch im „Spiegel“ gelesen (online bisher nur auf Englisch verfügbar), sondern den Artikel auf „Spiegel Online“ oder die fast wortgleiche „Spiegel“-Vorabmeldung. Denn auch dort gibt’s lediglich die halbe Wahrheit.

Das Portal bewirbt das Interview der Print-Kollegen heute so:

Im Streit mit Kanzlerin Angela Merkel über die Griechenlandrettung ist Finanzminister Wolfgang Schäuble im äußersten Fall zum Rücktritt bereit. „Politiker haben ihre Verantwortung aus ihren Ämtern“, sagte er dem SPIEGEL. Niemand könne sie zwingen, gegen ihre Überzeugungen zu handeln. „Wenn das jemand versuchen würde, könnte ich zum Bundespräsidenten gehen und um meine Entlassung bitten“, sagte Schäuble. (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

(Link im Original.)

Die entscheidende Stelle – dass Schäuble eben nicht über Rücktritt nachdenkt — erwähnt „Spiegel Online“ nicht.

Andere Medien tun das zwar, wollten aber trotzdem unbedingt irgendwie den Rücktritt ins Spiel bringen:

(tagesspiegel.de)

(stern.de)

(welt.de)

(faz.net)

Mit Dank an Konrad A.!

Stell dir vor, es droht Krieg, und nur chip.de berichtet darüber

Passen Sie auf, verrückte Geschichte: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat den USA wegen einer angeblichen Urheberrechtsverletzung (!) mit Krieg (!) gedroht.

Demnächst soll nämlich Windows 10 erscheinen, und weil der Diktator meint, dass Microsoft bei einem nordkoreanischen Betriebssystem geklaut habe, fordert er Barack Obama nun auf, den Release zu stoppen, sonst gebe es drastische Konsequenzen.

Aber was mindestens genauso verrückt ist: Enthüllt wurde diese Geschichte nicht etwa von einem koreanischen oder amerikanischen Medium, sondern vom deutschen Technikportal chip.de.

Vor knapp einer Woche berichtete die Seite aus dem Burda-Verlag exklusiv:

Windows 10 erscheint am 29. Juli – es sei denn, Nordkorea verhindert das. Denn offenbar will der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un den Release um jeden Preis stoppen, weil Microsoft beim nordkoreanischen [Betriebssystem] Red Star OS geklaut haben soll – und droht für Zuwiderhandlung mit drastischen Konsequenzen.

Anscheinend hat sich auch Kim Jong-un (oder einer seiner Untergebenen) eine Preview von Windows 10 besorgt und ist nun der Meinung, dass Microsoft sich bei Red Star OS bedient hat, berichtet der nordkoreanische Staats-Fernsehsender KCTV. Der Machthaber fordert nun: US-Präsident Obama müssen den Release von Windows 10 verhindern, da Microsoft das Urheberrecht verletzt. Schreitet Obama nicht ein, werde man nicht zögern, mit aller Macht die diebische US-Gesellschaft zur Rechenschaft zu ziehen, heißt es.

Sehr interessant. Vor allem, weil außer chip.de offenbar niemand sonst davon weiß.

Nicht mal die staatliche Nachrichtenagentur KCNA, die als Teil der nordkoreanischen Propagandamaschinerie normalerweise sofort berichtet, wenn das Regime mit den Säbeln rasselt, hat etwas zu der angeblichen Kriegsdrohung gebracht. Im Gegensatz zum Staatssender KCTV verfügt die Agentur über ein Archiv, in dem man zwar allerlei beklopptes Zeug findet, aber nicht ein einziges Wort zu der Windows-Story.

Auch in amerikanischen Medien ist nichts darüber zu lesen, auch nicht in südkoreanischen oder japanischen, nicht einmal bei Bild.de, wo sonst wirklich jeder NordkoreaSchrott verbreitet wird.

Kim Jong-un droht Barack Obama also wegen eines Betriebssystems mit Krieg und von allen Medien auf der Welt findet nur chip.de, dass man darüber berichten sollte?

Ah, nee:

Drei Tage nach der weltexklusiven Enthüllung durch chip.de entdeckte stern.de die Geschichte und schrieb:

Absurde Anschuldigung, drastische Drohung: Nachdem sich Kim Jong Un zuletzt gut gelaunt bei der Eröffnung des Pjöngjang-Airports präsentierte, war es für Nordkoreas Machthaber nun offenbar wieder an der Zeit, die Welt an seinen – sagen wir: eigenwilligen – Gedanken teilhaben zu lassen – Kriegsdrohung inklusive.

Demnach stört sich der Staatschef am für den 29. Juli geplanten Release des Microsoft-Betriebssystems „Windows 10″, wie unter anderem das Technikportal „chip.de“ berichtet.

„unter anderem“, schreibt der Autor, was aber geschummelt ist, denn wörtlich genommen hat er zwar recht: Neben chip.de haben auch andere darüber berichtet. Bloß: Auch die gaben nur eine Quelle an — chip.de.

Weiter schreibt stern.de:

Und das kann der Diktator natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Wie Nordkoreas Staatssender „KCTV“ vermeldet, will Kim Jong Un die Veröffentlichung mit allen Mitteln verhindern – und fordert in diesem Zug nicht weniger als ein persönliches Handeln von US-Präsident Barack Obama. Sollte dieser nicht gegen den Release einschreiten, werde man nicht zögern, die diebischen Bewohner der Vereinigten Staaten mit aller Macht zur Rechenschaft zu ziehen, wird Kim Jong Un in dem Bericht zitiert.

Man kann also davon ausgehen, dass der Autor den Bericht selbst gesehen hat. Oder davon, dass er schwindelt.

Auch „Focus Online“ hat die Geschichte inzwischen aufgegriffen und schreibt:

Zwar beruft sich der Autor ebenfalls auf chip.de, aber auch er tut so, als läge ihm die Originalquelle vor:

Dies berichtet der nordkoreanische Staats-Fernsehsender KCTV.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es gibt diesen Bericht tatsächlich, Nordkorea hat wirklich eine Kriegsdrohung ausgesprochen, und nur ein paar deutsche Medien haben Notiz davon genommen — oder irgendwer hat sich die Story ausgedacht und alle anderen verbreiten sie ungeprüft weiter.

Am Donnerstag haben wir die Redaktionen von chip.de, stern.de und focus.de gebeten, ihre Geschichten zu belegen. Bisher kam keine Antwort. Die Artikel sind unverändert online.

Mit großem Dank an Tobias D. und Bruno B.

Nachtrag, 21. Juli: Chip.de hat den Artikel inzwischen gelöscht. Auf Nachfrage von „Meedia“ sagte eine „Chip“-Sprecherin, dass sich der Beitrag „als nicht ausreichend belegbar herausgestellt” habe und „daher offline genommen“ wurde. „Die Veröffentlichung des Artikels war ein Fehler, den wir bedauern“. (Siehe auch hier.)

Auch „Focus Online“ hat die Story gelöscht. Bei stern.de und anderen ist sie dagegen immer noch zu finden.

Wir haben übrigens mal bei der deutschen Botschaft in Nordkorea nachgefragt, und, Überraschung: Auch dort gibt es „keine weiterführenden Erkenntnisse“ zu der angeblichen Kriegsdrohung.

Nachtrag, 22. Juli: Heute haben wir zum dritten Mal bei stern.de nachgefragt, ob wir denn noch mit Belegen für die Story rechnen können. Kurz darauf ist der Artikel von der Seite verschwunden.

Du hast den Farbbeutel vergessen

Da ging es aber mächtig drunter und drüber, als Frauke Petry, die Co-Vorsitzende der „Alternative für Deutschland“ (AfD), am vergangenen Mittwoch in Göttingen Opfer eines Angriffs wurde. Also nicht nur im Restaurant „Ali Baba“, wo Petry mit einem Journalisten saß, sondern auch in den Medien.

In einer ersten Meldung, die die dpa am Mittwochabend sowohl über den Basisdienst als auch über den Landesdienst Niedersachsen rausjagte, stützte sich die Agentur in weiten Teilen auf die Aussagen eines AfD-Sprechers:

Die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, ist in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben von Parteisprecher Christian Lüth am Mittwoch den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß, so dass sie zu Boden ging. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Beuteln mit Fruchtsaft beworfen.

Dem Sprecher zufolge war vor der Attacke eine junge Frau an Petry herangetreten und hatte gefragt: „Sind Sie Frauke Petry?“ Als diese die Frage bejahte, soll die Frau sie beschimpft haben und dann verschwunden sein. Kurz darauf stürmten die Vermummten in das Lokal. Sie riefen nach Angaben des Sprechers „Nazis raus!“

Die Darstellung, die die dpa an die Redaktionen im ganzen Land schickte, deckt sich stark mit der, die Frauke Petry knapp anderthalb Stunden zuvor auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte hatte:

Fruchtsaft? Farbbeutel? Da kamen nicht nur die AfD-Leute durcheinander, sondern auch die nach Aktualität hetzenden Journalisten. „Focus online“ blieb bei der dpa-Variante und sprach von „Fruchtsaftbeuteln“, die „Augsburger Allgemeine“ entschied sich in ihrer Überschrift hingegen für eine „Farbbeutel-Attacke“. sueddeutsche.de ließ die Angreifer Fruchtsaft aus Flaschen spritzen, laut stern.de sollen sie Petry mit Getränken beworfen haben.

Dutzende weitere Medien berichteten über den Vorfall in Göttingen. So gut wie alle von ihnen übernahmen (von der dpa) Frauke Petrys Polterei, dass es sich bei dem Angriff um einen niederträchtigen Versuch handele, „die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken“; und dass die Tat zeige, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost werde.

Später am Mittwochabend und nach ersten Befragungen im Restaurant „Ali Baba“ veröffentlichte die Polzeiinspektion Göttingen eine Pressemitteilung, in der sie den Fruchsaft-Farbbeutel-Angriff mit keinem Wort erwähnte. Und am Donnerstag folgte eine zweite Pressemitteilung, die den AfD-Schilderungen sogar deutlich widersprach:

Aktuellen Erkenntnissen zufolge betraten im Anschluss an eine junge Frau gegen 16.00 Uhr vermutlich fünf bis sechs weitere Personen das Cafe. Es kam zu einem Wortgefecht, bei dem der Tisch, an dem Frau Petry und der Journalist saßen, aus bislang noch ungeklärten Gründen plötzlich kippelte, aber nach derzeitigem Stand nicht umstürzte. Dabei fielen die auf dem Tisch stehenden Gläser, darunter eines mit Fruchtsaft, und ein gläserner Kerzenhalter auf den Boden. […]

Hinweise darauf, dass es in dem Lokal zu Würfen von Farb- oder mit Fruchtsaft gefüllten Beuteln auf die Politikerin Petry gekommen ist, haben sich bei den aktuellen Ermittlungen nicht ergeben. Ebenso ist es nach derzeitigem Stand auch nicht zu Bedrohungen oder körperlichen Über-bzw. Angriffen auf die Parteivorsitzende oder ihren Gesprächspartner gekommen. Wegen der ihr gegenüber getätigten Äußerungen stellte Frau Petry am Mittwochabend Strafantrag wegen Beleidigung gegen Unbekannt.

Also kein umgekippter Tisch. Keine zu Boden gestürzte Frauke Petry. Und keine mit was auch immer gefüllten Beutel, die durchs Lokal flogen.

Das hatte inzwischen auch die dpa getickert, allerdings nicht mehr über den großen Basisdienst, sondern nur noch über den kleineren Landesdienst Niedersachsen:

Etwa ein halbes Dutzend Unbekannte, die die Polizei der linksautonomen Szene zurechnet, hatten Petry am Mittwochnachmittag in einem Lokal in der Innenstadt beschimpft. Außerdem hätten sie an dem Tisch gerüttelt, an dem die rechtskonservative Politikerin mit einem Journalisten saß, sagte die Sprecherin. Dabei sei ein Glas mit Saft umgekippt und ein gläserner Kerzenleuchter zu Boden gestürzt.

Als diese Meldung die Redaktionen erreichte, war die Legende vom Fruchtsaftbeutelwurf längst in der Welt. Dabei war relativ früh klar, dass es zumindest Zweifel an der AfD-Erzählung gibt: Das „Göttinger Tageblatt“ zitierte bereits am Mittwoch eine Mitarbeiterin des Restaurants, die die Situation deutlich anders als Frauke Petry wahrgenommen hatte. Das scherte zu dem Zeitpunkt aber offenbar weder die dpa noch all die Medien, die die Meldung — und damit das Märchen des AfD-Sprechers — reihenweise übernahmen.

Nun ist das nicht der erste Fall, bei dem die AfD (Slogan: „Mut zur Wahrheit!“) eine Situation deutlich überspitzt darstellt, es sich in der Opferrolle gemütlich einrichtet und anschließend zuschauen kann, wie Medien die Partei-Sage unters Volk bringen. Als der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke im August 2013 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Bühne geschubst wurde, sprachen sowohl die Partei als auch zahlreiche Medien schnell von einem „Messer-Angriff“ und „linken Chaoten“. Lucke nutzte damals die mediale Aufmerksamkeit — wie vergangene Woche Frauke Petry –, um gegen „Linksextreme“ zu wettern.

Im selben Monat hatte Lennard Rudolph, AfD-Mitglied aus Göttingen, behauptet, dass die Wände seines Wohnhauses mit Benzin übergossen wurden. Die „Welt“ kaufte ihm die Geschichte vom vereitelten Brandanschlag damals ab, während die Göttinger Polizei sich über Rudolphs Aussagen wunderte.

Und wir wundern uns, dass Agenturen und Zeitungen den Aussagen der AfD immer noch blind vertrauen.

Siehe auch: The European: Die Petry und ihr Saftladen

Mit Dank an Benjamin L. und Fionn P.!

Nachtrag, 4. Juni: Der Journalist, mit dem Frauke Petry im Göttinger Restaurant am Tisch saß, ist Jens Schneider von der „Süddeutschen Zeitung“. Und der hat in einem Artikel (Paywall) die Szene so aufgeschrieben:

An diesem Nachmittag in Göttingen will sie [Petry] sich gern weiter in Erinnerungen bewegen. Sie sucht das Pfannkuchenhaus. Als das nicht zu finden ist, wählt sie fürs Interview die Crêperie „Ali Baba“. […]

Plötzlich steht eine junge Frau vor dem Café-Tisch. Sie fragt höflich, als wolle sie nicht an der falschen Stelle grob werden: „Entschuldigung, sind Sie Frauke Petry?“

Petry, liebenswürdig: „Ja.“

Die Frau freut sich. Dann sagt sie: „Geil, ich wollte Ihnen immer schon mal sagen, dass ich Sie richtig scheiße finde.“

„Ja, in Ordnung“, antwortet Frauke Petry unerschüttert. Die Frau ist da schon wieder weg. „Das ist halt Göttingen“, sagt Petry, lacht und widmet sich wieder dem Interviewer. Wenige Minuten später wird es laut. Zwei Vermummte stehen brüllend vor dem Tisch. „Scheiß-Nazi-Frau!“ rufen sie. Und: „Verpisst euch aus Scheiß-Göttingen!“ Einer stößt gegen den Tisch, der Tisch kippt. Sie spritzen mit klebriger Flüssigkeit. Es ist beängstigend, auch wenn es keine Minute dauert.

Frauke Petrys Bluse ist nass.

„Vertrauen Sie der Chemikerin, das war Fruchtsaft, nicht gefährlich“, stellt sie fest und „tja, Demokratie in Deutschland.“

Will sie die Polizei rufen?

„Nein, das nicht, aber wenn Sie bitte ein Handtuch hätten?“ fragt sie die Kellnerin.

Sie macht ein paar Scherze, fragt schließlich: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Vorm Café lauern Autonome, machen Sprüche, als sie geht: „Hey, ihr habt was verloren — den Zweiten Weltkrieg!“ […]

Der Sprecher der AfD in Berlin wittert eine Gelegenheit. Er versendet eine Pressemitteilung, schreibt von einer Attacke mit Farbbeuteln und erheblichem Sachschaden. Unfug. Er macht den üblen Angriff schlimmer als er war. Petry beklagt in der selben Erklärung, die Tat zeige „erneut, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost wird“.

Mit Dank an Stefan P.!

Nachtrag, 10. Juni: Bei Welt.de haben sie es immer noch nicht mitbekommen. Gestern erschien ein weiterer Artikel zur AfD, in dem die Redaktion am Fruchtsaftbeutel-Opfer-Mythos festhält:

Vor zwei Wochen war die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben des Parteisprechers den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Fruchtsaftbeuteln beworfen.

 

Darf Blatter die Schweiz „nicht mehr verlassen“? – „Völliger Blödsinn“

Bild.de, „Focus Online“, die „Huffington Post“ und einige andere Medien berichten gerade unter Berufung auf das britische Knallblatt „Daily Mail“, dass FIFA-Boss Sepp Blatter die Schweiz nicht mehr verlassen dürfe:



Wir haben gerade mal bei der Bundesanwaltschaft in der Schweiz nachgefragt, was an der Sache dran ist (Recherchezeit: drei Minuten). Die Antwort des Pressesprechers:

Entsprechende Meldungen sind völliger Blödsinn. Es gibt weder eine „Ausreisesperre“ Seitens der Schweizer Behörden noch soll der Präsident der FIFA in den nächsten Tagen durch die Bundesanwaltschaft befragt werden.

Dauerfeuer der Halbwahrheiten

Seit Mitte vergangener Woche zieht eine neue Horrorstory aus Nordkorea ihre Kreise durch die westliche Medienwelt. Bild.de fasst sie so zusammen:

Schon wieder eine brutale Hinrichtung in Nordkorea.

Verteidigungsminister Hyon Yong Chol ist laut einem Agenturbericht abgesetzt und hingerichtet worden. (…)

Grund: Der Minister war (…) dabei ertappt worden, wie er bei offiziellen Militärveranstaltungen eindöste. Außerdem habe er Kim Widerworte gegeben.

Besonders brutal: Die Exekution wurde den Angaben zufolge mit Flakfeuer vollzogen.

Die Geschichte war am Mittwoch zuerst von der südkoreanischen Agentur Yonhap in die Welt gesetzt worden, die sich auf den südkoreanischen Geheimdienst NIS berief. Hierzulande wurde sie dann von den Agenturen AFP, AP, Reuters und dpa verbreitet.

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea so ist, übernahmen so ziemlich alle die Geschichte und ließen bis auf ein paar vereinzelte „offenbar“s und „soll“s kaum einen Zweifel an ihrem Wahrheitgehalt:




(Screenshots von „Focus Online“, Express.de, News.de, „T-Online“, Web.de, „RP Online“, den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“, „Zeit Online“, „Spiegel Online“, Heute.de, Stern.de, den Seiten der „Kölnischen Rundschau“, der „Wirtschaftswoche“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesschau“, des „SRF“, des „Tagesanzeigers“, der „Thüringischen Landeszeitung“, des „Deutschlandfunks“, des „Handelsblatts“, des „Tagesspiegels“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, des „Kuriers“, der „Aargauer Zeitung“, des „Südkuriers“, der „Sächsischen Zeitung“, der „FAZ“ und der „NZZ“. Auflistung sicherlich unvollständig.)

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea ebenfalls so ist, stellte sich kurze Zeit später heraus: Stimmt (wahrscheinlich) doch nicht.

Am Tag nach Bekanntwerden der Story meldete die AFP:

Südkorea relativiert Angaben zu Exekution nordkoreanischen Ministers

Südkoreas Geheimdienst hat am Donnerstag zuvor kolportierte Angaben zur Absetzung und Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers Hyon Yong Chol relativiert. Hyon sei zwar entlassen worden, sagte ein Sprecher des Geheimdiensts NIS der Nachrichtenagentur AFP. Auch gebe es Geheimdienstberichte, denen zufolge er hingerichtet worden sein könnte. „Dies konnte aber noch nicht verifiziert werden“, sagte der Sprecher.

Also doch wieder nur ein unbestätigtes Konjunktivkonstrukt aus irgendeiner geheimen Quelle, das von den Medien fälschlicherweise als Tatsache dargestellt wird.

Nun wäre das nicht ganz so schlimm, wenn die Journalisten, die solche Geschichten rumposaunen, wenigstens auch bei der Richtigstellung so eifrig bei der Sache wären. Doch die Meldung vom Rückzieher des Geheimdienstes hat es nur in die wenigsten deutschen Medien geschafft (bisher haben wir ganze vier gezählt). Auch von den Agenturen, die die Story wie wild verbreitet hatten — allein die dpa hat sieben Texte dazu rausgehauen –, hat (bis auf die AFP) keine darüber berichtet, dass der Geheimdienst zurückgerudert ist.

Wahrscheinlich wird die Story nun also Teil des schaurig-bunten Nordkorea-Horror-Pools, aus dem sich die Medien alle paar Monate bedienen („So grausam richtet der Diktator seine Minister hin“), wenn das nächste Gerücht die Runde macht. Da hat die dpa anlässlich der Flak-Geschichte sogar die Nummer mit dem von Hunden zerfleischten Onkel wieder rausgefischt, die (wie die dpa an anderer Stelle selbst schreibt) in Wirklichkeit eine Satiremeldung war. Auch die von der vergifteten Tante wird aufgezählt, obwohl sie (wie die dpa an anderer Stelle ebenfalls selbst schreibt) vom südkoreanischen Geheimdienst als grundlos zurückgewiesen wurde.

Fakten und Fiktion werden gefährlich vermischt, aber es gibt sich auch kaum jemand die Mühe, das zu verhindern. Auch in der Flak-Sache hätten die Journalisten mit ein bisschen Recherchewillen schon früh stutzig werden können, denn es gab bereits kurz nach der Veröffentlichung konkrete Zweifel an der Geschichte. So berichteten unter anderem die „New York Times“ und der „Guardian“ schon am Mittwoch (also an dem Tag, als die Meldung aufkam) über Cheong Seong-chang vom südkoreanischen Sejong Institute, der die Authentizität des Berichts infrage stellte. Der Verteidigungsminister sei kürzlich noch im nordkoreanischen Fernsehen zu sehen gewesen — normalerweise würden abgesetzte und hingerichtete Offizielle aber sofort aus allen TV-Bildern entfernt. Außerdem sei sein Name am 30. April (seinem angeblichen Hinrichtungstag) in der Tageszeitung des Regimes veröffentlicht worden.

„Das bedeutet, er war bis zum 29. April nicht verhaftet,“ sagte [Cheong Seong-chan]. „Das bedeutet, er wurde am 30. April verhaftet und am selben Tag hingerichtet. Das ist schwer zu glauben, es sei denn, er hat etwas Ungewöhnliches versucht, zum Beispiel ein Attentat auf Kim Jong-un.“

Hierzulande hat sich nur Welt.de ausführlich mit diesem Kritikpunkt beschäftigt. Die AFP erwähnte die Zweifel des Analysten am Mittwoch immerhin am Rande und zitierte ihn mit den Worten, der Bericht sei „unüberlegt“; es handele sich um „wackelige, unbestätigte Geheimdienstberichte“.

Dieses Zitat steht auch beim „Guardian“. Da geht es allerdings noch weiter:

He added: “It needs to be verified, but is already being reported as fact by the media, which only adds to the confusion.”

In deutschen Medien sucht man diesen Satz vergeblich.

Mit Dank an Erik H.

Was „Focus Online“ dann abschrieb, ist schier unglaublich

Oha, das passiert auch nicht allzu oft: Auf der Startseite von „Focus Online“ steht aktuell eine Nachricht, bei der man nicht (!) klicken muss, um zu erfahren, was passiert ist:

Aber so ganz ohne ihre liebgewonnenen Clickbaiting-Formeln kommen sie dann doch nicht aus, darum lautet der Einstieg in den Text:

Eine gefühlte Ewigkeit mussten die Kunden in einer Lidl-Filiale im irischen Dunboyne darauf warten, dass endlich eine zweite Kasse geöffnet wurde. Was dann geschah, ist schier unglaublich

Das Schöne ist: Vermutlich weiß der zuständige Redakteur nicht mal, wie recht er damit hat. Als Quelle werden nämlich die „Waterford Whispers News“ angegeben. Den Disclaimer, in dem steht:

Waterford Whispers News is a fabricated satirical newspaper and comedy website

… haben sie beim Recherche-Discounter „Focus Online“ aber blöderweise übersehen.

Mit Dank an @derhuge, @vierzueinser, Stefan S. und Angelina E.!

Nachtrag, 14.20 Uhr: „Focus Online“ hat den Artikel umgeschrieben. Die Überschrift lautet jetzt: „Satirebericht über Massenpanik in Lidl-Filiale begeistert das Netz“, und am Ende steht eine „Anm. der Red.“:

In einer früheren Version des Artikels fehlte der Hinweis, dass es sich um einen Satirebeitrag handelte.

Naja. Aber immerhin.

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