Archiv für focus.de

Wenn die „Bild“-Zeitung erscheint, stirbt ein Promi

Vorgestern, am Sonntag, ist die frühere US-First-Lady Nancy Reagan gestorben. Und wer ist schuld daran? Ist doch klar: „Bild am Sonntag“. Denn am Todestag von Nancy Reagan erschien eben auch eine neue Ausgabe der „Bild am Sonntag“.

Und das ist nur der vorzeitige Höhepunkt eines gruseligen „Bild“-Fluchs: Immer dann, wenn ein Promi stirbt, ist am selben Tag eines der „Bild“-Printmedien erschienen. Am Todestag von Alan Rickman? Eine neue Ausgabe von „Bild“. Tod von David Bowie? „Bild am Sonntag“. Robin Williams? Paul Walker? Whitney Houston? Jedes Mal erschien am Tag des Promi-Todes auch ein „Bild“-Produkt. Das kann kein Zufall sein.

Wie? Die Theorie ist völliger Blödsinn? Ja, natürlich ist sie das. Und damit genau das Richtige für „Bild“ und Bild.de:

Auf Fußballer Aaron Ramsey vom Premier-League-Klub Arsenal London soll laut Bild.de ein „unheimlicher Tor-Fluch“ liegen. Ramsey sei „der gefährlichste Fußballer der Welt.“ Die Redaktion bringt seine Tore mit dem Ableben der oben genannten und elf weiterer Personen in Verbindung.

Und tatsächlich: Als der Mittelfeldspieler am 1. Mai 2011 in der Liga gegen Manchester United trifft, wird einen Tag später Osama bin Laden erschossen. Einen Tag nach Ramseys Champions-League-Tor gegen Olympique Marseille stirbt Muammar al-Gaddafi. Seit Oktober 2009 soll das schon so gehen, wenn Ramsey für Arsenal London oder die walisische Nationalmannschaft trifft:

Spiel Datum Prominenter Todestag
Liechtenstein – Wales 14.10.2009 Andrés Montes 16.10.2009
Wales – Schottland 14.11.2009 Antonio de Nigris 16.11.2009
Arsenal – Manchester United 01.05.2011 Osama bin Laden 02.05.2011
Tottenham Hotspurs – Arsenal 02.10.2011 Steve Jobs 05.10.2011
Olympique Marseille – Arsenal 19.10.2011 Muammar al-Gaddafi 20.10.2011
AFC Sunderland – Arsenal 11.02.2012 Whitney Houston 11.02.2012
Großbritannien – Südkorea 04.08.2012 Chavela Vargas 05.08.2012
Schottland – Wales 22.03.2013 Bebo Valdés 22.03.2013
Arsenal – Wigan Athletic 14.05.2013 Jorge Rafael Videla 17.05.2013
Olympique Marseille – Arsenal 18.09.2013 Ken Norton 18.09.2013
Cardiff City – Arsenal 30.11.2013 Paul Walker 30.11.2013
Hull City – Arsenal 20.04.2014 Rubin „Hurricane“ Carter 20.04.2014
Norwich City – Arsenal 11.05.2014 HR Giger 12.05.2014
Arsenal – Manchester City 10.08.2014 Robin Williams 11.08.2014
Arsenal – AFC Sunderland 09.01.2016 David Bowie 10.01.2016
FC Liverpool – Arsenal 13.01.2016 Alan Rickman 14.01.2016
Tottenham Hotspurs – Arsenal 05.03.2016 Nancy Reagan 06.03.2016

„Bild“ und Bild.de haben schon früher über die „UNDHEIMLICHE ENGLAND-SERIE VON AARON RAMSEY“ berichtet. Der Tod von Robin Williams im August 2014 war ein Anlass, genauso der „Doppelschlag mit Bowie und Rickman“ im Januar dieses Jahres:



Und gestern dann Nancy Reagan, nachdem Aaron Ramsey am Samstag in der Premier League gegen die Tottenham Hotspurs getroffen hatte.

Damit der irre Ramsey-Fluch überhaupt hinhaut, erweitert die Redaktion hier und da auch das Verständnis von Prominenz und Unmittelbarkeit: Als „Prominente“ gelten nicht nur Leute wie Osama bin Laden oder Robin Williams, sondern auch spanische Sportjournalisten oder kubanische Musiker. Und manche bekannten Persönlichkeiten — beispielsweise Apple-Gründer Steve Jobs oder der frühere argentinische Diktator Jorge Rafael Videla — starben erst mehrere Tage nach Ramseys Toren. Es wackelt und knirscht an allen Enden.

Trotzdem bleibt Bild.de bei der knackigen Formel:

Immer wenn der Waliser trifft, stirbt ein Prominenter!

An dieser Stelle ist die Berichterstattung des Portals dann nicht mehr nur dämlich, sondern schlicht falsch. Denn nach der Mehrzahl von Aaron Ramseys Toren seit dem Start des vermeintlichen Fluchs im Oktober 2009 passierte — wenig überraschend — rein gar nichts:

Spiel Datum Prominenter Todestag
Liechtenstein – Wales 14.10.2009 Andrés Montes 16.10.2009
Wales – Schottland 14.11.2009 Antonio de Nigris 16.11.2009
Arsenal – Stoke City 05.12.2009
FC Portsmouth – Arsenal 30.12.2009
West Ham United – Arsenal 03.01.2010
Cardiff City – Leicester City 22.02.2011 (als Leihspieler für Cardiff City)
Arsenal – Manchester United 01.05.2011 Osama bin Laden 02.05.2011
Nordirland – Wales 27.05.2011
Wales – Montenegro 02.09.2011
Tottenham Hotspurs – Arsenal 02.10.2011 Steve Jobs 05.10.2011
Wales – Schweiz 07.10.2011
Olympique Marseille – Arsenal 19.10.2011 Muammar al-Gaddafi 20.10.2011
AFC Sunderland – Arsenal 11.02.2012 Whitney Houston 11.02.2012
Großbritannien – Südkorea 04.08.2012 Chavela Vargas 05.08.2012
Arsenal – Olympiakos Piräus 03.10.2012
Schottland – Wales 22.03.2013 Bebo Valdés 22.03.2013
Arsenal – Wigan Athletic 14.05.2013 Jorge Rafael Videla 17.05.2013
Fenerbahce Istanbul – Arsenal 21.08.2013
Arsenal – Fenerbahce Istanbul 27.08.2013
Mazedonien – Wales 06.09.2013
AFC Sunderland – Arsenal 14.09.2013
Olympique Marseille – Arsenal 18.09.2013 Ken Norton 18.09.2013
Arsenal – Stoke City 22.09.2013
Swansea City – Arsenal 28.09.2013
Belgien – Wales 15.10.2013
Arsenal – Norwich City 19.10.2013
Arsenal – Liverpool 02.11.2013
Borussia Dortmund – Arsenal 06.11.2013
Cardiff City – Arsenal 30.11.2013 Paul Walker 30.11.2013
Hull City – Arsenal 20.04.2014 Rubin „Hurricane“ Carter 20.04.2014
Norwich City – Arsenal 11.05.2014 HR Giger 12.05.2014
Arsenal – Hull City 17.05.2014
Arsenal – Manchester City 10.08.2014 Robin Williams 11.08.2014
Arsenal – Crystal Palace 16.08.2014
FC Everton – Arsenal 23.08.2014
Stoke City – Arsenal 06.12.2014
Galatasaray Istanbul – Arsenal 09.12.2014
Arsenal – West Ham United 14.03.2015
AS Monaco – Arsenal 17.03.2015
Israel – Wales 28.03.2015
FC Burnley – Arsenal 11.04.2015
Hull City – Arsenal 04.05.2015
Wales – Andorra 13.10.2015
FC Watford – Arsenal 17.10.2015
Arsenal – AFC Sunderland 05.12.2015
Aston Villa – Arsenal 13.12.2015
Arsenal – AFC Sunderland 09.01.2016 David Bowie 10.01.2016
FC Liverpool – Arsenal 13.01.2016 Alan Rickman 14.01.2016
Tottenham Hotspurs – Arsenal 05.03.2016 Nancy Reagan 06.03.2016

Ramseys folgenlose Treffer lässt Bild.de einfach aus.

Dass die Wenn-dann-Kausalität totaler Murks ist, hält andere Redaktionen natürlich nicht davon ab, den „Todes-Fluch“ weiterzutragen:


(mopo.de)

(stern.de)

(„Focus Online“)

(krone.at)

(kurier.at)

(oe24.at)

Mit Dank an Jannis C.!

Journalismus-Irrsinn: Berichten mit Augenmaß!

In Köln ist ein Sack Reis umgefallen eine Waage unbenutzbar. Oder:

„Focus Online“: „WDR-Kantinen-Irrsinn“
„Focus Online“

„Kölner Express“: „Kantinen-Gate Wirbel um Salat-Waage beim WDR: Darum wird der Preis nur geschätzt“
„Kölner Express“

Was steckt dahinter? Nicht viel: Julien Bickelmann, Moderator Reporter bei 1LIVE, war vorgestern in der Kantine des WDR. Dort schoss er ein Foto einer Waage und twitterte:

Ein kleiner Scherz über die deutsche Bürokratie. Dann passierte, was eben manchmal passiert, wenn man lustige interessante irre Dinge ins Internet postet. Bickelmanns Tweet erhielt über 1.000 Retweets und gefällt inzwischen mehr als 1.400 Mal. Dann stolperte der „Kölner Express“ über den Tweet.

Der „Express“ griff die Geschichte den Zwischenfall den Tweet gestern auf und schrieb fünf Absätze dazu, die nicht viel mehr Information enthielten als der ursprüngliche Tweet. Dabei ließ er es sich natürlich nicht nehmen, das Bild ohne Erlaubnis von Bickelmann zu verwenden. Auch das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ „berichtete“ auf seiner Facebook-Seite. Abends gesellte sich „Focus Online“ dazu:

„Mit einem Bild auf Twitter hat der Reporter Julien Bickelmann für großen Wirbel gesorgt: Er fotografierte die Salat-Waage der WDR-Kantine, die derzeit außer Betrieb ist. Der Grund dafür: Bürokratie-Irrsinn, über den das Netz nun lacht.“

Ein bisschen lachen über den „Bürokratie-Irrsinn“ der Deutschen, was ist schon dabei? Oder, in den Worten der Kommentatoren auf „Focus Online“:

Jeden Tag fluten Zehntausend Menschen zu großen Teil ohne gültige Ausweispapiere und aus sicheren Drittstaaten nach Deutschland und die machen sich in die Hose wegen einer zu spät durchgeführten Eichung? Wenn nichtmal mehr Merkel und Kollegen sich an Gesetze halten, dann dürfte doch eine ungeeichte Waage jetzt nicht so das Problem sein, oder?

Deutsche Dummheit die überall das Land regiert. Teilweise aufgrund von über 100 Jahre alten Gesetzen, die mit der Realität nix zu tun haben. Aber unsere Regierer haben ja nix im Kopp, außer immer neuen Unsinn zu verzapfen, statt den Saustall mal auszumisten. Der „schlanke Staat“ wird ja immer wieder versprochen, schlanker werden aber nur die Geldbörsen der Bürger.

Aber, und jetzt kommt der Knaller die erwartbare Auflösung: Das Ganze ist kein „Bürokratie-Irrsinn“. Denn wer in das total irre „Gesetz über das Inverkehrbringen und die Bereitstellung von Messgeräten auf dem Markt, ihre Verwendung und Eichung sowie über Fertigpackungen (Mess- und Eichgesetz – MessEG)“ schaut, liest:

„Hat der Verwender die Eichung mindestens zehn Wochen vor Ablauf der Eichfrist beantragt und das zur Eichung seinerseits Erforderliche getan oder angeboten, steht das Messgerät trotz des Ablaufs der Eichfrist bis zum Zeitpunkt der behördlichen Überprüfung einem geeichten Messgerät gleich. Hat der Verwender die Eichung zu einem späteren Zeitpunkt beantragt und ist der Behörde eine Eichung vor Ablauf der Eichfrist nicht möglich, so kann sie das weitere Verwenden des Messgeräts bis zum Zeitpunkt der behördlichen Überprüfung gestatten. Die Behörde soll die Eichung nach Ablauf der Eichfrist unverzüglich vornehmen.“

Wenn die Kantine also mindestens zehn Wochen vor Ablauf der Eichfrist die Eichung beantragt hat, aber noch kein Prüfer gekommen ist, erlaubt das Gesetz, die „ungeeichte“ Waage weiter zu verwenden. So lange, bis der Prüfer kommt.

Hat die Kantine diese Zehn-Wochen-Frist verpasst und der Prüfer kann vor Ablauf der Eichfrist nicht kommen, kann das Eichamt der Kantine erlauben, die Waage weiter zu betreiben.

In beiden Fällen kann die Kantine die Waage also weiter betreiben. Die Bürokratie schützt die Kantine also vor genau dem „Irrsinn“, der ihr jetzt nachgesagt wird.

Daraus ergeben sich nun drei spannende Folgefragen:

  1. Hat die Kantine die Eichung vor mehr als zehn Wochen beantragt?
  2. Wenn die Eichung vor mehr als zehn Wochen beantragt wurde, warum ist die Waage dann nicht in Betrieb?
  3. Sie haben echt bis hier unten gelesen? Respekt.

So. Ein Gutes hat die Geschichte aber: Dass der „Irrsinn“ keiner ist, haben auch einige Kommentatoren schon angemerkt. Jemand, dessen Vater „Experte für Waagen“ ist, hat sogar einen Blogpost zu dem Bild geschrieben. Die deutsche Bürokraten-Ehre ist nochmal gerettet.

Presserat billigt nacherzählten Terror-Fehlalarm

Im November vergangenen Jahres, eine Woche nach den Anschlägen in Paris, eilmeldete „Focus Online“ am späten Abend:

Schon fünf Minuten später wurde die Meldung von der Münchner Polizei dementiert:

Doch statt die Geschichte zu überprüfen, schlugen auch andere Medien lieber erst mal eilig …

Auch zwei Stunden nach der Klarstellung der Polizei schrieb FAZ.net (auch auf der Startseite) immer noch:

„Focus Online“ hielt sogar noch bis zum Mittag des darauffolgenden Tages an der „Terror“-Version fest, musste aber (nachdem die Polizei in einer Pressemitteilung erklärt hatte, dass alles ganz anders war) zugeben, dass alles ganz anders war.

Die „verdächtige arabische Gruppe“, die angeblich „offenbar einen Anschlag in der bayerischen Landeshauptstadt“ vorbereitete, entpuppte sich als eine Gruppe von Asylbewerbern, die sich in dem Hotel zur „Familienzusammenfindung“ traf, wie die Polizei mitteilte. Die „falschen Uniformen“ waren in Wahrheit ein „handelsübliches Baseball-Cap mit der Aufschrift ‚Police‘ und eine schwarze Weste“. Und die Gasflaschen gehörten zu einem Campingkocher.

Wir haben uns beim Presserat über die Berichterstattung beschwert, weil wir der Ansicht sind, dass die Medien mit der ungeprüften Verbreitung der Falschmeldung gegen den Pressekodex verstoßen und unnötig Panik geschürt haben.

Im Fall von „Focus Online“ wurde die Beschwerde an den Beschwerdeausschuss weitergeleitet, der sich im März damit beschäftigen wird.

Bei der „Huffington Post“ und FAZ.net kann der Presserat aber keinerlei Verstoß erkennen. Er teilte uns mit:

Grundlage unserer Prüfung war in diesem Zusammenhang Ziffer 2 des Pressekodex. Danach sind zur Veröffentlichung bestimmte Informationen mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Ein Verstoß gegen die journalistische Sorgfalt ist bei den vorliegenden Fällen aber nicht ersichtlich. Die Beiträge beschreiben zutreffend, dass die Polizei wegen eines Verdachts auf einen terroristischen Anschlag alarmiert wurde. Sie nennen zudem jeweils die Quelle, auf deren Angaben die Falschmeldung beruhte, und machen diese durch die Verwendung des Konjunktivs und durch „soll“-Formulierungen als unbestätigte Meldungen erkennbar. Zudem haben beide Medien die Beiträge um einen Hinweis auf die Falschmeldung ergänzt bzw. diese in einer Folgeberichterstattung thematisiert.

Insgesamt konnten wir daher keinen Verstoß gegen die presseethischen Grundsätze feststellen.

Die abschreibenden Journalisten hätten nur einmal beim Twitter-Account der Polizei vorbeischauen müssen, um den angeblichen „TERROR-ALARM“ zu überprüfen, vermutlich hätte es auch ein kurzer Anruf getan. Schade, dass das zu viel verlangt ist.

Wie der „Focus“ jahrelang über kriminelle Ausländer geschwiegen hat

War es nicht mindestens ein Jahrzehnt lang gepflegter gesellschaftlicher Konsens, über Gewalt durch Ausländer weder zu reden noch angemessen zu berichten?

… fragt „Focus“-Chef Ulrich Reitz in seinem Newsletter vom Samstag.

Nun, vielleicht hilft ihm ja schon ein kleiner Blick ins eigene Archiv auf die Sprünge:

Mit Dank an Sinisa M.

Verzettelte Drohungen

Seit ein paar Tagen geistert ein gelber Zettel durch so ziemlich alle deutschsprachigen Medien:


(Bild.de)


(„Tagesschau“)


(„ARD Brennpunkt“)


(„ZDF heute“)


(„Spiegel TV“)


(„Focus Online“)


(ksta.de)


(express.de)


(krone.at)


(oe24.at)


(aargauerzeitung.ch)

Der Zettel soll bei einem der Verdächtigen aus der Silvesternacht gefunden worden sein. Viele Medien bezeichnen ihn als „Droh-Zettel“, denn er sei, wie zum Beispiel „Spiegel TV“ gestern feststellte, …

voll mit Drohungen und Anleitungen zur Gewalt.

Und zwar?

Auf dem Droh-Zettel steht u.a. „Ich töte sie“

(oe24.at)

„Ich töte sie“

(„Focus Online“)

„Ich töte Sie“

(ksta.de)

„Ich töte sie“

(„Kopp“)

„Ich töte sie“

(krone.at)

„Ich töte Sie“

(abendzeitung-muenchen.de)

„Ich töte dich“

(Bild.de)

„Ich töte Sie“

(fr-online.de)

Auch der Satz „Ich töte Sie“ ist zu lesen.

(weser-kurier.de)

Doch das stimmt nicht. Tatsächlich ist auf dem Zettel „Ich töte sie ficken“ zu lesen — und das ist (wie uns zwei Übersetzer bestätigt haben) wörtlich aus dem Arabischen übersetzt und bedeutet sinngemäß: „Ich werd’s dir richtig besorgen“.

Zu lesen war das bisher aber nur bei einem einzigen Medium:

Alle Jahre wieder

… kommt das Christus-Bild:

„Focus Online“ hat die Geschichte vom englischen „Mirror“ abgeschrieben. In britischen Medien wurde sie gestern schon fleißig herumgereicht, heute ist sie rübergeschwappt und wird inzwischen nicht nur von „Focus Online“ nacherzählt, sondern auch von der „Huffington Post“, von news.de, yahoo.de, vol.at und der Online-Seite von „Österreich“. Letztere hat Jesus auf der Startseite sogar extra verpixelt, um den Lesern noch einen Klick mehr abzulocken.

Ob sich das so unbedingt als Clickbait eignet, ist allerdings fraglich, denn die Geschichte hat mittlerweile schon ein nahezu biblisches Alter erreicht.

Bereits im vergangenen Jahr wurde darüber berichtet:

Und vor zwei Jahren:


Und vor drei Jahren:

Und vor vier Jahren:


Und vor fünf Jahren:

Und vor sechs Jahren:

Und vor sieben Jahren:

Und vor acht Jahren:


Und vor neun Jahren:

Und vor elf Jahren:

Und vor dreizehn Jahren:

Und vor vierzehn Jahren:

Das rekonstruierte Gesicht wurde tatsächlich schon 2001 im Rahmen einer BBC-Dokumentation veröffentlicht. Damals schrieb übrigens der „Tagesspiegel“:

Die Wissenschaftler behaupten nicht, dass es sich um ein Abbild Jesu handelt. Aber sie sagen, dass Männer wie Jesus in der damaligen Zeit an diesem Ort etwa so wie auf dem Bild aussahen.

Solche Feinheiten interessieren heute natürlich niemanden mehr. „Focus Online“ zum Beispiel schreibt:

Der Forensik-Experte Richard Neave von der Universität Manchester hat mithilfe wissenschaftlicher Methoden vor einiger Zeit das Abbild von Jesus Christus rekonstruiert.

Allerdings hätte sich …

Der Forensik-Experte Richard Neave von der Universität Manchester hat mithilfe wissenschaftlicher Methoden vor vierzehn Jahren rekonstruiert, wie Jesus Christus möglicherweise ausgesehen haben könnte.

… ja auch nicht ganz so doll angehört.

Mit Dank an Fabian!

Erschreckend: Nur jeder 50. Journalist erledigt seinen Job

Eine neue Schreckensmeldung treibt die besorgten Redaktionen des Landes um:

Auch in der Print-Ausgabe schnaubt „Bild“:

Die Flüchtlingskrise bringt dem Arbeitsmarkt bis 2017 rund 376 000 Arbeitslose zusätzlich. Das erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft in seiner aktuellen Konjunkturprognose, die heute vorgestellt wird.

Damit rechnen die Forscher: Bis 2017 kommen 470 000 Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt! Nur jeder Fünfzigste (2%/Monat) findet tatsächlich einen Job!

Nur jeder Fünfzigste!

(„Welt“)

(„Focus Online“)


(„Huffington Post“)


(„n-tv“)

So schreiben es auch die Agentur „Reuters“, Web.de, News.de, „Österreich“, die „Kronen Zeitung“ und natürlich die Flüchtlingshasserblogs und Anti-Islam-Portale.

Aber Moment. Was genau schreibt „Bild“?

Damit rechnen die Forscher: Bis 2017 kommen 470 000 Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt!

Ja, stimmt. In der Prognose (die jeder einsehen kann, PDF) heißt es:

Das Erwerbspersonenpotenzial ist in der Folge im Jahrdurchschnitt 2017 um insgesamt 470 000 Personen höher als ohne die Flüchtlingsmigration.

Und weiter, „Bild“?

Die Flüchtlingskrise bringt dem Arbeitsmarkt bis 2017 rund 376 000 Arbeitslose zusätzlich.

Stimmt auch. Das Institut schreibt:

Die Zahl der Erwerbspersonen ohne Arbeit nimmt hingegen deutlich stärker zu; der kumulierte Effekt in 2017 beträgt 376 000 Personen.

Heißt also: 94.000 (470.000 minus 376.000) finden einen Job.

Das sind aber nicht zwei Prozent, sondern 20. Nicht jeder fünfzigste der (erwerbsfähigen) Flüchtlinge, die bis 2017 nach Deutschland kommen, findet Arbeit, sondern jeder fünfte. Das hat uns auch das Institut auf Nachfrage bestätigt.

Wie kommt es also, dass sich die Medien ums Zehnfache vertun? Weil sie sich offenbar nicht die Prognose selbst angeguckt haben, sondern den irreführenden Formulierungen von „Bild“ gefolgt sind. Das Blatt schreibt:

Nur jeder Fünfzigste (2%/Monat) findet tatsächlich einen Job!

Ja, „2%/Monat“. Das Institut schreibt:

Um den Effekt auf die Erwerbstätigkeit und die Arbeitslosigkeit abzuleiten, unterstellen wir, dass monatlich 2 Prozent der Erwerbspersonen bei der Arbeitssuche erfolgreich sind und eine Erwerbstätigkeit aufnehmen.

Das heißt aber nicht zwei Prozent von allen 470.000.

Kleines Beispiel: Wenn diesen Monat 100 erwerbsfähige Flüchtlinge kommen und zwei Prozent einen Job finden, sind 98 Flüchtlinge arbeitslos. Nächsten Monat kommen noch mal 100 erwerbsfähige Flüchtlinge hinzu. Von den nun insgesamt 198 arbeitslosen Flüchtlingen finden wieder zwei Prozent eine Arbeit, also gerundet 4. Wären nach zwei Monaten sechs von 200 Flüchtlingen in Arbeit — also bereits drei Prozent. Oder anders gesagt: Pro Monat hat jeder fünfzigste, insgesamt aber schon jeder dreiunddreißigste Flüchtling Arbeit gefunden.

So kommt das Institut also auf 94.000 arbeitende von 470.000 erwerbsfähigen Flüchtlingen im Jahr 2017. Und das sind 20 Prozent.

In der (ausführlicheren) Online-Version schreibt „Bild“ noch:

„Eine Abgangsrate von 2 Prozent steht mit den bisherigen Erfahrungen in Deutschland zur Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern aus den Hauptasylzugangsländern in Einklang“, schreibt Groll da zu in der ifw-Prognose.

Den Satz, den Groll im Anschluss schreibt, verschweigt Bild.de. Im Original heißt es:

Eine Abgangsrate von 2 Prozent steht mit den bisherigen Erfahrungen in Deutschland zur Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern aus den Hauptasylzugangsländern in Einklang. Danach erhöht sich die Beschäftigungsquote (bezogen auf die Erwerbspersonen) in den ersten vier Jahren nach Zuzug von rund 10 Prozent auf 60 Prozent.

60 Prozent der erwerbsfähigen Flüchtlinge finden in den ersten vier Jahren Arbeit! Das wäre doch mal eine Schlagzeile. Kommt man allerdings schwer drauf, wenn man sich nur blind auf „Bild“ verlässt.

Mit großem Dank an Martin S.!

800 Euro für jeden: Medien führen Grundeinkommen in Finnland ein

Nehmen wir mal an, Sie betreiben einen kleinen Schuhladen in einer kleinen Stadt. Und eine Lokalzeitung schreibt, Sie würden jedem Kunden am nächsten Samstag ein paar Schuhe schenken. Dann schreiben die anderen Lokalzeitungen noch von der ersten ab. Was wird wohl am nächsten Samstag passieren?

Vielleicht kann man so noch ein bisschen besser verstehen, warum das finnische Sozialversicherungsinstitut „Kela“ am vergangenen Dienstag ziemlich schnell mit einer Pressemitteilung auf weltweite Berichte reagierte, die behauptet hatten, dass Finnland bald all seinen Einwohnern ein bedingungsloses Grundeinkommen von 800 Euro im Monat zahlen werde. Zusammengefasst steht in der „Kela“-Mitteillung: Das sei totaler Quatsch. Konkrete Pläne und Summen gebe es noch keine, derzeit stünde lediglich eine vorbereitende Studie für ein geplantes Experiment im kleineren Rahmen an.

Auch deutsche Medien haben über die vermeintliche Einführung des Grundeinkommens für die Finnen berichtet. Den Start machte am Montag die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

Die „Frankfurter Rundschau“ hat eine mögliche Erklärung, wie die Genese dieser Meldung aussehen könnte. Der Weg in Kurzform: Die „FAZ“ nenne als Quelle einen Artikel des Onlineportals „Quartz“. „Quartz“ stütze sich bei der Nachricht auf die finnische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt „Yle“ sowie auf die BBC. Das Problem dabei: Die Nachricht von der BBC stamme bereits vom 20. August dieses Jahres und handele lediglich von dem Experiment der finnischen Regierung, nicht aber von der Einführung des Grundeinkommens. Und die „Yle“-Meldung sei bereits Ende Oktober veröffentlicht worden und beziehe sich wiederum auf die „regionale finnische Mediengruppe Lännen Media.“ Bei „Lännen Media“ sei man dann bei der Originalquelle angelangt. Und dort könne man lesen, dass das finnische Sozialversicherungsinstitut bald lediglich „mit der Arbeit an einer Studie für ein Grundeinkommen beginnen werde.“

Die Stille Post nahm dann auch in Deutschland Fahrt auf. Aus dem „offenbar“ und den Vorbereitungen, von denen die „FAZ“ spricht, wurde bei „Focus Online“ schnell Gewissheit:

Es ist ein gigantisches politisches Experiment: Finnland hat angekündigt, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger einzuführen. (…) Nun macht die Regierung den Plan wahr: Bis zum November des kommenden Jahres sollen alle bisherigen staatlichen Zuschüsse wegfallen, stattdessen erhalten alle erwachsenen Bürger des Landes eine monatliche Zahlung von 800 Euro.

Dass das schlichtweg nicht stimmt, bestätigt ein „Vice“-Interview. Darin erklärt Olli Kangas, der für die Durchführung des finnischen Experiments verantwortlich ist, dass Finnland von der tatsächlichen Einführung des Grundeinkommens noch weit entfernt sei. Einen Zwischenbericht zu ihrer Vorstudie wollen er und sein Team im kommenden März der finnischen Regierung vorlegen, Vorschläge, wie ein Experiment zum Grundeinkommen aussehen könnte, sollen im November 2016 fertig sein.

Schon auf die Frage, woher „überhaupt dieser Betrag von 800 Euro“ stamme, antwortet Kangas:

„Das ist eine gute Frage! Das ist doch nur eine Summe, mehr nicht. Dabei steht noch überhaupt nichts fest. Es könnte diese Summe oder eine höhere oder niedrigere Summe werden.“

Als das Interview erschien, war die Geschichte in den deutschsprachigen Medien schon nicht mehr einzufangen:


(„Mopo 24“)


(„Huffington Post“, inzwischen korrigiert)


(„Berliner Zeitung“)


(„Kleine Zeitung“)


(„Mitteldeutsche Zeitung“)

Mit Dank an Rüdiger S.!

Wie „Focus Online“ das Misstrauen gegenüber Medien schürt

„Focus Online“ hat mal wieder einen unfassbaren Flüchtlingsaufreger entdeckt. Unter der Überschrift …

Insider berichten: „Dürfen bei Lügen nichts sagen“
So ohnmächtig sind Dolmetscher im Asylverfahren

… schrieb das Portal am 30. November:

Im Asylverfahren spielen Dolmetscher eine wichtige Rolle. Zum Beispiel verlässt man sich auf sie, wenn es darum geht, ob ein Asylbewerber tatsächlich Syrer ist. Das Problem: Viele Dolmetscher, die solche weitreichenden Entscheidungen treffen, sind gar keine Profis. Und selbst die Profis stehen vor einem Dilemma: Sie dürfen nicht sagen, wenn ein Asylbewerber ihnen ins Gesicht lügt.

Für die Sache mit dem Lügen hat „Focus Online“ auch zahlreiche Belege ein Indiz. Eine Dolmetscherin hat nämlich gesagt:

„Wenn jemand sagt: Ich bin in Syrien geboren, spricht aber krass Tunesisch, dann darf ich das nicht sagen“, so Dolmetscherin [N.]  zu FOCUS Online. „Ich bin nur ein Ratgeber. Der Anhörer muss sich an den Dolmetscher wenden und ihn fragen: Ist der Dialekt wirklich Syrisch? Ich darf von mir aus nicht sagen: Der lügt.“

Selbst wenn dem Dolmetscher auffällt, dass der Asylbewerber historische Fakten über sein Heimatland verdreht, dürfe er darauf nicht hinweisen, so [N.]. „Es sei denn, der Anhörer fragt. Aber das tun meiner Erfahrung nach die wenigsten.“

Ein gefundenes Fressen — vor allem für die hier:


Nun ist die Problematik rund um die Dolmetscher allerdings deutlich komplexer, als „Focus Online“ sie darstellt. Fragt man etwa das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), ob die Behauptung mit den Lügen stimmt, erhält man als Antwort:

Grundsätzlich ist es so, dass der Dolmetscher lediglich das zu übersetzen hat, was der Antragsteller im Rahmen der Anhörung vorbringt. Eine gegebenfalls eigene Einschätzung des Dolmetschers über den Wahrheitsgehalt des Gesagten darf bei den Entscheidungsgründen keine Rolle spielen. Wird der Entscheider jedoch darauf hingewiesen, dass die vom Antragsteller angegebene Staatsangehörigkeit nicht stimmen kann, wird der Entscheider entsprechend nachfragen bzw. eine sogenannte Sprach-Text-Analyse durchführen, um die tatsächliche Staatsangehörigkeit des Antragstellers zu klären. Bis zur Klärung wird der Antragsteller mit der Staatsangehörigkeit „Ungeklärt“ beim Bundesamt geführt und auch nicht entschieden.

Dass „Focus Online“ noch weitere Aspekte unterschlägt, wird schon deutlich, wenn man sich die Berichterstattung anderer Medien anschaut. Die „Welt“ zum Beispiel hatte sich schon drei Tage vor „Focus Online“ mit den Dolmetschern in Asylverfahren befasst und nicht nur eins, sondern gleich sechs Probleme ausgemacht:

– Die Dolmetscher haben zu viel Macht
– Das BAMF hat keine Qualitätsstandards
– Falsches Dolmetschen wird nicht sanktioniert
– Das BAMF zahlt schlecht
– Die Qualität leidet unter dem Zeitdruck
– Die Flüchtlinge können sich nicht wehren

Im Text geht der „Welt“-Autor ausführlich auf diese Punkte ein, er hat eine Registrierungsstelle besucht, mit verschiedenen Verbänden und Dolmetschern gesprochen und dem BAMF Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Herausgekommen ist ein umfassender und unaufgeregter Artikel, der das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Bei „Focus Online“ sucht man solche Bemühungen vergeblich. Das Portal zitiert lediglich zwei Dolmetscherinnen und einen Dolmetscher-Verband. „Pegida“-taugliche Überschrift, alarmistischer Teaser, fertig.

Das ist Alltag bei „Focus Online“. Trickreich und skrupellos wie kaum ein anderes deutsches Onlinemedium nutzt das Portal seit Monaten die Flüchtlingskrise und die Verunsicherung der Menschen, um Klicks abzugrasen. Das Burda-Medium verdreht Fakten, verbreitet Angst und Skepsis und setzt offenkundig gezielt auf die virale Verbreitung unter Flüchtlingsgegnern.

Im Fall der Dolmetscher-Geschichte spielt „Focus Online“ den „besorgten Bürgern“ und „Lügenpresse“-Schreiern aber gleich doppelt in die Hände. Kurz nach der Veröffentlichung hat das Portal den Artikel nämlich ohne Erklärung wieder gelöscht. Wer jetzt auf den Link klickt, sieht das hier:

Seitdem lesen sich viele Facebook-Kommentare zu dem Artikel so:

Seite nicht vorhanden – alles klar

Eine Zensur FINDET statt!

Da fragt man sich doch, warum gerade DIESER Artikel offline genommen wurde. Aber Moment, es gibt in Deutschland ja keine Zensur vom System für Medien und Presse, nein nein.
Ist sicher nur ein Serverfehler oder eben purer Zufall. Fakt!

Ohh da war Mutti aber schnell!!! Die Wahrheit darf ja nicht ans dumme Volk ran!!!!

Seite war gestern abend für ca. 5 min online, danach wollte ich Sie anklicken und teilen, danach kam „Netzwerkfehler“… alles klar… Verarschung life! was will man auch erwarten? Ehrliche Berichterstattung können wir ja schon lange vergessen.

Da hat die Zensur aber schnell reagiert

hm…da wirds wohl mind. ne Abmahnung gegeben haben beim Focus für einen „ehrlichen Journalisten“…oder ein Praktikant wurde rausgeschmissen

Die Seite haben sie gelöscht: Fehlerseite
Die Seite kann nicht angezeigt werden LOL – alle „eingemerkelt

Seltsam, aber es wird einen Grund haben wieso der Artikel komplett verschwunden ist. Passt ja ins Bild zur Skepsis über die Berichterstattung.

Einige Leser haben „Focus Online“ über soziale Medien auf das Verschwinden des Artikels angesprochen – ohne Reaktion.

(Hier kann man den ursprünglichen Artikel übrigens noch lesen.)

Vergangene Woche haben wir „Focus Online“-Chefredakteur Daniel Steil gefragt, warum der Artikel gelöscht wurde und warum die Leser nicht über die Hintergründe aufgeklärt werden. Ein Sprecher von „Focus Online“ antwortete:

Der Artikel wurde veröffentlicht, bevor er komplett fertig war.

Ah ja. Erst raushauen, dann denken, so läuft das bei „Focus Online“.

Veröffentlichung und Verschwinden des Artikels liegen jetzt über eine Woche zurück, einen Hinweis für die Leser gibt es immer noch nicht, einen neuen Artikel auch nicht. Und der (eigentlich tote) Link wird weiterhin fleißig geteilt:

„Focus Online“ ist laut Burda-Verlag „die klare Nummer eins unter Deutschlands digitalen Qualitätsmedien“. Welche Kriterien bei diesem Ranking eine Rolle spielen, wissen wir nicht. Wenn es aber darum geht, die Leser in die Irre zu führen, Fremdenfeinde mit Scheinargumenten zu versorgen und das Misstrauen gegenüber Medien und Politik zu vergrößern, hat sich „Focus Online“ den Spitzenplatz zweifelsohne verdient.

Rügenritt in Sternchenjeans

Dürfen wir vorstellen:

„Georgie“ ist die Kinder-Rubrik der Reitsport-Zeitschrift „St. Georg“ — normalerweise nicht ganz unser Beritt, aber wenn mit einer Redaktion dermaßen die Pferde durchg… okay, zur Sache.

Doch in Wahrheit waren es nicht „Georgie“ und die Redaktion von „St. Georg“, die das „herausgefunden“ haben, sondern: HKM Sports Equipment.

Denn die Outfits, die Bibi und ihre Freundin Tina im Film tragen, wurden von HKM Sports Equipment gestellt und inzwischen könnt auch ihr euch in Bibi und Tina und eure Pferde in Amadeus und Sabrina verwandeln. Aber wie entsteht eigentlich so eine Kollektion? HKM Sports Equipment erklärt es euch.

Vor allem erklärt HKM Sports Equipment aber, wie umwerfend HKM Sports Equipment doch ist — vier Seiten lang:


Im Laufe des letzten Jahres konnte das HKM-Team immer wieder Einblicke in die Filmwelt erhaschen. Die Darstellerinnen von Bibi & Tina, Lina Larissa Strahl und Lisa-Marie Koroll, haben sogar mal ganz liebe Grüße direkt vom Filmset geschickt. Echt aufregend.

Au ja. Aber der Höhepunkt kommt erst noch.

Im Dezember war es dann so weit: Weltpremiere in Berlin und das Team HKM war mit zwölf Mädels live dabei. Das war mal etwas ganz Besonderes, denn bei der Premiere ebenfalls anwesend waren Schauspieler wie Heino Ferch oder Max von der Groeben. Und die HKMs mitten drin. Während des Films haben sie natürlich immer wieder geschaut, wo Produkte von ihnen verwendet wurden und klar, da waren sie schon ziemlich stolz, als sie die vielen Produkte entdeckt haben.

Auch Teil der Premiere: Die Präsentation der HKM by Bibi & Tina Reitsportkollektion. Das war natürlich ganz besonders aufregend für die HKM-Mannschaft und eigentlich beinahe der wichtigste Teil – ähnlich wie die entscheidende Germany‘s Next Topmodel-Frage, ob Heidi ein Foto für die Kandidatin hat. Hier stellte sich die Frage: Wie kommt die Kollektion bei den kleinen Reiterinnen an? Hat sich die monatelange Arbeit und das Herzblut gelohnt, das hineingesteckt wurde? Gefallen Sternchenjeans in blau und Oversizeblouson in knallrot den Bibi & Tina Fans?

Antwort: Ja, HKM, wir haben ein Foto für Dich! Da waren Freude und Erleichterung bei allen Beteiligten natürlich groß.

Und was noch toller ist: Auch in jenen Ländern, in denen Bibi & Tina gar nicht jeder kennt (stellt euch vor, das gibt‘s!), HKM aber viele Kunden hat, kommt die Kollektion toll an. Und wer freut sich nicht über zufriedene Kunden?!

Übrigens apropos Inspiration – die Begeisterung für das „voll verhexte“ Bibi & Tina Outfit hat Desginchef Stefan und sein Team zur Entwicklung von „Little Sister“ inspiriert, einer neuen Kollektion für die kleine Reiterin, die ab Herbst 2015 erhältlich sein wird.

Übrigens apropos Begeisterung. Der Deutsche Presserat zeigte sich weniger angetan von dieser Schleichwerbung und sprach eine Rüge gegen „St. Georg“ aus.

Es war bei Weitem nicht der einzige Schleichwerbetext, der vom Presserat gerügt wurde. Wir sind zwar etwas spät dran (die Sitzung fand im September statt), wollen uns die Geschichten aber trotzdem noch etwas genauer anschauen.

***

Da wäre zunächst dieser Artikel, erschienen in der „Rheinischen Post“:

Eine Bank, die Kredite vergibt? Hammer!

Das Kleveblog (das uns freundlicherweise auch das Foto zur Verfügung gestellt hat) schreibt dazu:

Im Text, Bestandteil des redaktionellen Angebots und nicht als Anzeige gekennzeichnet, heißt es: „DieVolksbank Kleverland stellt ihren Kunden Kunden [sic!] für private Anschaffungen schnell und unkompliziert Darlehen zur Verfügung. Der Wunschbetrag kann dabei bis 75000 Euro betragen.“ Kundenberater Benjamin Brüschke sagt: „Wofür der Kunde den Kredit braucht, spielt dabei gar keine Rolle“. Hey, it’s so easy, nehmt die Kohle! Der junge Mann posiert auch für das Foto, vor einem üppigen Mercedes und mit einem Easy-Credit-Plakat in der Hand, das ein Pärchen zeigt, welches fröhlich verkündet: „Unser Kredit, so individuell wie wir“.

Diese „ausschließlich positive und völlig unkritische“ Berichterstattung der „Rheinischen Post“ sei „nicht von öffentlichem Interesse“ gewesen und habe „deutlich die Grenze zur Schleichwerbung“ überschritten, urteilte auch der Presserat und sprach eine Rüge aus.

***

Gerügt wurden auch die „Westfälischen Nachrichten“. Die Zeitung hatte im Rahmen einer „Medienpartnerschaft“ drei redaktionelle Beiträge über Unternehmen und ihr Angebot veröffentlicht. Beigestellt waren den Artikeln Anzeigen der Unternehmen. Auch hier erkannte der Presserat Schleichwerbung.

***

Die „Leipziger Volkszeitung“ wurde gerügt, weil sie auf der Titelseite auf eine werbliche Veröffentlichung im Innenteil hingewiesen hatte (es ging um Navigationsgeräte). „Ein solcher Querverweis ist mit der erforderlichen klaren Trennung von Redaktion und Werbung nicht vereinbar“, befand der Presserat.

***

Ebenfalls wegen Schleichwerbung gerügt wurde „Sonntag Aktuell“. Das Blatt hatte, so der Presserat, „25 ausgewählte Urlaubshotels vorgestellt und dabei auch werbliche Formulierungen verwendet. Im Umfeld der Artikel wurden zudem zwei redaktionell gestaltete Anzeigen veröffentlicht, die mit ‚Sonderveröffentlichung‘ gekennzeichnet waren. Dieser Begriff ist jedoch nicht geeignet, die Werbung für den Leser klar als solche erkennbar zu machen“.

***

Eine Rüge ging auch an „L.A. Multimedia“. Die „Zeitschrift für den Einsatz von Multimedia, EDV, IT und Kommunikationstechnologien in Schulen“ (Eigenbeschreibung) hatte „unter anderem in werblicher Sprache über IT-Produkte berichtet und dabei jeweils einen bestimmten Hersteller bzw. Anbieter hervorgehoben“, wie der Presserat schreibt. „Zudem enthielten die Artikel Hinweise auf die Web-Seiten der Unternehmen. Einer der Artikel war sogar von einem leitenden Mitarbeiter eines Herstellerunternehmens verfasst worden.“ Der Presserat beurteilte auch diese Artikel als Schleichwerbung.

***

Auch Bild.de bekam eine Rüge. Nicht wegen Schleichwerbung, sondern „wegen einer unangemessen sensationellen Darstellung eines grausamen Unfalls“. Der Presserat schreibt:

Die Redaktion hatte ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie Sportler der European Games von einem Bus angefahren werden. Sie erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Im Video wird mehrfach der Moment des Aufpralls gezeigt. Diese Wiederholung des Unfallmoments geht über ein öffentliches Interesse hinaus, die Grenze zur Sensationsberichterstattung nach Ziffer 11 des Pressekodex wird überschritten, bewertete der Presserat.

Inzwischen hat Bild.de das Video geändert; jetzt ist der Aufprall nur noch einmal zu sehen. Natürlich mit vorgeschalteter Werbung.

***

Negativer Spitzenreiter war diesmal allerdings „Focus Online“, das gleich drei Rügen kassierte. Einen für diesen Artikel:

„Man fühlt sich nicht wie beim Einkaufen, sondern wie bei Freunden.“ So oder so ähnlich beschreiben viele Frauen die angenehme Einkaufsatmosphäre, für die schon einmal extra Meilen zurückgelegt werden. Statt vollgestopften Regalschluchten in irrgartenartigen Minifilialen sind alle dm-Läden stets aufgeräumt sowie hell und freundlich gestaltet.

In den breiten Gängen kann man mühelos mit dem Einkaufs- oder Kinderwagen manövrieren. Gerade junge Mütter wissen diese Breite des Raumes zu schätzen, auch weil der Nachwuchs mit seinem eigenen Kindereinkaufswagen nicht alle drei Sekunden irgendwo anstößt.

Ein weiterer Pluspunkt: die schräg stehenden, niedrigen Regale ermöglichen selbst kleinen Frauen einen guten (Über-) Blick auf die Produkte.

Toll. Und das war erst Punkt 1 („Die Atmosphäre“). Es folgen acht weitere Lobeshymnen — „Das Lebensgefühl“, „Das Personal“, „Die Beratung“, „Das Angebot“, „Die Eigenmarken“, „Die Transparenz“, „Die Nachhaltigkeit“, „Die Ideologie“ — und nicht ein einziges kritisches Tönchen.

„Focus Online“ argumentierte zwar, „es handle sich zwar um einem wohlwollenden, aber keinen werblichen Beitrag, da keinerlei Vergünstigung für die Redaktion daraus entstand“, dem folgte der Presserat allerdings nicht.

Die zweite Rüge bekam „Focus Online“ für einen Artikel mit der Überschrift:

Dahinter verbarg sich dieses Video (BILDblog berichtete):

„Focus Online“ schrieb:

Eine ganz normale Straßensperre in Russland: Ein Auto wird aufgehalten, weil es nur einen funktionierenden Scheinwerfer hat. Während der Polizist noch mit dem Fahrer redet, taucht plötzlich ein Rudel Wölfe aus dem nichts auf. Gerade noch kann sich der Polizist retten.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Was die Redaktion nicht erwähnte: Das Video ist ein vier Jahre alter Fake und wurde als Teil einer Wodka-Werbekampagne verbreitet.

Darin sah der Presserat „einen schwerwiegenden Verstoß gegen das in Ziffer 1 des Pressekodex festgeschriebene Gebot zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit.“

Eine dritte Rüge bekam „Focus Online“, weil das Portal über den Suizid eines Mädchens berichtet und dabei den vollen Namen genannt und ein Foto des Mädchens gezeigt hatte. Die Rüge bezieht sich dabei explizit nur auf den Facebook-Auftritt von „Focus Online“ (vermutlich, weil nur dazu – und nicht zum Artikel selbst – eine Beschwerde eingegangen war). Der Presserat schreibt: „Die in Richtlinie 8.7 geforderte Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Selbsttötung wurde hier grob missachtet.“

***

Neben den zehn Rügen sprach der Presserat auch 19 Missbilligungen aus. Sechs davon gingen an Bild.de.

In diesem Fall hatte „Bild“, wie so häufig, wenn es von grausamen Unfällen keine grausamen Fotos gibt, eine grausame Zeichnung anfertigen lassen — und verstieß damit gegen Ziffer 11 des Pressekodex („Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“).

So auch in diesem Fall:


Für beide Zeichnungen erhielt Bild.de Missbilligungen; die mit der Straßenbahn wurde inzwischen gelöscht, die mit der Statue ist weiterhin online.

Eine weitere Missbilligung gab es für diesen Artikel:

(Unkenntlichmachung der Frau von uns.)

Bild.de hatte das Gesicht der Frau nicht verpixelt — ein Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Das Foto ist übrigens immer noch unverändert online.

Ebenfalls missbilligt wurde dieser Artikel:

Darin zeigt Bild.de mehrere (Agentur-)Fotos der Opfer ohne jede Unkenntlichmachung. Auch hier erkannte der Presserat einen Verstoß gegen Ziffer 8. Und auch diese Fotos sind immer noch online.

Auch dafür gab es eine Missbilligung. Das Foto verstoße gegen die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung).

Missbilligt wurde schließlich auch dieser Artikel:

Darin zeigt Bild.de ein Video (auch das ist nach wie vor online), auf dem ein hilfloser Mann immer wieder getreten und geschlagen wird. Damit verstößt das Portal nach Auffassung des Presserats gegen Ziffer 11, weil der Leser die Möglichkeit habe, unmittelbar bei der Gewalttat dabei zu sein. Außerdem erhöhe dies das Risiko von Nachahmungen.

Darüber hinaus sprach der Presserat auch zwei „Hinweise“ gegen „Bild“ bzw. Bild.de aus. Einen wegen des (inzwischen entfernten) Emotions-Tools, mit dem die Online-Leser auch bei den unpassendsten Gelegenheiten „Lachen“ konnten:

Der Presserat erklärte, es schade dem Ansehen der Presse, „wenn ein Medium bei einem Beitrag, der sich mit einer Gewalttat gegen einen Menschen beschäftigt, den Usern die Möglichkeit eröffnet, den Artikel mit einer Emotion wie ‚Lachen‘ zu bewerten“ (siehe dazu auch hier und hier).

Der zweite Hinweis ging an die gedruckte „Bild“-Zeitung, weil sie ein Mädchen, das zunächst vermisst worden aber dann wieder aufgetaucht war, auch nach dem Auftauchen unverpixelt gezeigt hatte:

Eine Rüge, sechs Missbilligungen, zwei Hinweise — da können die Leute von „Bild“ ja wieder richtig stolz auf sich sein.

Blättern:  1 2 3 4 ... 10