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Besonnenheit vereitelt

Nachahmungseffekte:

„[Die Nachahmungseffekte bei Amokläufern sind] sehr hoch. Auch wegen der Medien, die (…) ein mystisches Bild von ihm zeichnen. Das wirkt wie ein Vorbild. Bei Selbstmorden sind die Medien sehr zurückhaltend, um nicht Nachahmer zu provozieren. Bei Amokläufen gilt leider das Gegenteil. Ab jetzt besteht die große Gefahr, dass wir es in den nächsten Wochen oder Monaten mit einem Nachahmungstäter zu tun bekommen.“
(Quelle: Die Kriminologin Britta Bannenberg in der „Süddeutsche Zeitung“ vom 12. März 2009)

Was genau der auslösende Faktor für Amokläufer und Trittbrettfahrer ist, ist nicht klar – bei Experten steht die umfassende Medienberichterstattung mit an vorderer Stelle (siehe Kasten). Doch gleichzeitig kann ein Amoklauf das Publikum fesseln wie kaum eine andere Katastrophe.

Als am frühen Nachmittag die Nachricht über einen Polizeieinsatz an einer Schule in Zwickau bekannt wurde, reagierte die dpa ohne zu Zögern. In einer Eilmeldung verbreitete sie um 13.22 Uhr die alarmierende Nachricht:

Amoklauf an Zwickauer Berufsschule vereitelt

Die Polizei hat an einer Berufsschule im sächsischen Zwickau am Dienstag einen Amoklauf vereitelt. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen, es gab keine Verletzten. Weitere Einzelheiten wollte die Polizei zunächst nicht mitteilen. Gegen Mittag war bei der Polizei ein Notruf eingegangen. Alle verfügbaren Einsatzkräfte hätten unverzüglich die Schule umstellt, hieß es.

Die anderen Nachrichtenagenturen zeigten sich angesichts der vagen Faktenlage etwas vorsichtiger. So meldete die AFP um 13.40 Uhr: „Großeinsatz der Polizei an Berufsschule in Zwickau – eine Festnahme“; AP titelte: „Polizei vereitelt möglicherweise Amoklauf in Zwickau“.

Welche Version bei den Redaktionen am Besten ankam, ist kaum verwunderlich:

Nachdem sich herausstellte, dass der Verdächtige weder Waffen, noch konkrete Amok-Pläne hatte, knickte auch die dpa ein, sprach um 14.55 Uhr nur noch von einem „Amokalarm“ — und meldete:

Von einem Amoklauf könne keine Rede sein, sagte der Sprecher des sächsischen Innenministeriums, Frank Wend.

Aber schon um 16.45 Uhr ist das alles wieder passé. Da meldet die dpa selbstvergessen:

Fünf Tage nach dem Amoklauf von Ansbach hat die Polizei im sächsischen Zwickau einen möglichen Nachahmer gestoppt.

Mit Dank auch an Niklas und Stefan A.

Bild, focus.de  etc.

Michael Jackson – Jahre vor seinem Tod

Man kann nicht sagen, dass „Bild“ dieser Geschichte nicht genug Platz eingeräumt hätte:

Michael Jackson Stunden vor seinem Tod - Da tanzte er noch auf dem Tisch

Im Innenteil widmet „Bild“ Jackson drei Seiten, zeigt „die letzten Fotos“ und wagt weitreichende Interpretationen:

Vor vier Tagen starb der „King of Pop“ mit nur 50 Jahren. Nur wenige Stunden zuvor probte er noch in Los Angeles für seine neue Show. Jacko trägt schwarze Klamotten, er tanzt, er wirkt gelöst, zufrieden, er spricht mit den Komparsen. Es sind Fotos der letzten Probe, die das Drama um Michael Jackson in einem noch mysteriöseren Licht erscheinen lassen. Denn der Jackson, den wir auf den Fotos sehen, sieht nicht totkrank [sic] aus.

Dass Jackson auf den Fotos so vital wirkt, könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass sie nicht am „vergangenen Mittwoch“ entstanden sind, sondern schon etwas früher: im November 2003, bei den Dreharbeiten zum Musikvideo „One More Chance“, das nie fertiggestellt wurde, weil zeitgleich die Ermittlungen gegen den Popstar wegen Kindesmissbrauchs begannen.

Ein Kalender für 2006 zeigt Jackson im gleichen Aufzug und mit der gleichen Frisur an dem Tisch sitzen, auf dem er angeblich am Mittwoch tanzte.

Möglicherweise ist das auch der Grund, warum der Artikel bei Bild.de — ohne jede Erklärung — plötzlich nicht mehr verfügbar ist.

Aber „Bild“ ist nicht als einziges Medium auf die umetikettierten Fotos hereingefallen. Auch „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ und viele andere internationale Medien berichteten über die Bilder vom „Tag vor seinem Tod“. Auch der Internetdienst TMZ.com, der am Donnerstag als erstes Medium über Jacksons Tod berichtet hatte, zeigte zwischenzeitlich die Fotos und präsentierte sie als neu.

„Focus Online“ hat inzwischen recherchiert, wie es zu dem Vorfall kommen konnte:

Des Rätsels Lösung: Die „Bild“-Zeitung ist einem dreisten Betrug aufgesessen, denn die Aufnahmen schienen zwar exklusiv und noch nie veröffentlicht worden zu sein, doch sie entstanden bereits 2003. „Es stimmt, die Bilder sind sechs Jahre alt“, erklärte Michael Symanowski von der Potsdamer Agentur Reflex im Gespräch mit FOCUS Online. […]

„Wir sind den Tränen nah“, sagt Michael Symanowski. Für die „Bild“-Redaktion gilt heute sicher das Gleiche.

Was „Focus Online“ dabei elegant verschweigt: In einem eigenen Artikel, auf den sich wiederum max.de und tvspielfilm.de bezogen, prangten bis vor kurzem noch diese Bilder:

Einen Tag vor seinem Tod steht Jackson nochmals im Rampenlicht, klatscht seine Komparsen ab. / Jacksons letzter Tisch-Tanz.

PS: Einigermaßen bemerkenswert ist übrigens die selektive Wahrnehmung der „Focus Online“-Redaktion:

Die Verwunderung war groß, als der Blick in die Montagausgabe der „Bild“-Zeitung fiel. Stolz präsentierte das Blatt die angeblich letzten Fotos von Michael Jackson. […]

Doch schnell kamen Zweifel an der Echtheit der Bilder auf.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16:15 Uhr: „Focus Online“ hat seinen Artikel noch mal ein bisschen nachbearbeitet. Plötzlich finden sich darin auch Bezugnahmen aufs eigene Medium:

Auch FOCUS Online war den falschen Bildern zunächst aufgesessen und hatte einige davon für die Berichterstattung zum Tod von Michael Jackson übernommen. […]

Die „Bild“-Zeitung und andere Medien, darunter auch FOCUS Online, sind einem dreisten Betrug aufgesessen […]

Über die Tränen der „Bild“-Redaktion wird dafür nicht mehr gemutmaßt.

2. Nachtrag, 17:15 Uhr: Bild.de erklärt in einem eigenen Artikel, wo die falschen Bilder herkamen, und schließt ungewohnt offen:

Ausdrücklich bedankt sich BILD bei den zahlreichen Michael-Jackson-Fans, die uns auf den Schwindel aufmerksam gemacht haben. Dass auch wir darauf reingefallen sind, bedauern wir.

3. Nachtrag, 30. Juni: Auch „Welt Online“, „Berliner Morgenpost“ und „Frankfurter Rundschau“ haben bereits gestern teils ausführlich erklärt, wie die falschen Bilder in ihre Angebote gekommen waren.

focus.de  etc.

Homöopathie, Akupunktur & Placebo Domingo

Erinnern Sie sich an die Geschichte, amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Twitter und Facebook unmoralisch machen? Für große Verbreitung dieser Falschmeldung im deutschsprachigen Raum sorgte die Düsseldorfer Nachrichtenagentur „Global Press“ mit ihrem Dienst „Medical Press“. Leider haben die Mitarbeiter es — trotz einer Anfrage von uns — noch nicht geschafft, das zu berichtigen.

Kein Wunder: Sie sind ja voll damit beschäftigt, neue Meldungen für ihre Kunden wie „Focus Online“ zu produzieren, zum Beispiel diese, die neue wissenschaftliche Ergebnisse mit der schlichten Überschrift zusammenfasst:

Homöopathie wirkt

Das wäre nichts weniger als eine Sensation, denn bislang ist es nicht gelungen zu beweisen, dass homöopathische Mittel besser wirken als Placebos, das heißt: Die Heilungserfolge lassen sich allein durch Faktoren wie den Glauben an die Wirksamkeit des Mittels oder auch die größere Zuwendung durch den Arzt erklären.

Als Quelle nennt „Focus Online“ (bzw. „Medical Press“) die kleine Frauenzeitschrift „feminin & fit“. Die ganze Nachricht beruht ausschließlich auf einer Pressemitteilung von „feminin & fit“. Die beruft sich auf eine neue Studie von Professor Claudia Witt, die an der Berliner Charité den Projektbereich Komplementärmedizin leitet und dabei offenbar ausdrücklich den Auftrag hat, zur größeren Akzeptanz der umstrittenen Heilkunde beizutragen.

Doch die Aussagekraft ihrer Untersuchung ist in Wahrheit sehr begrenzt. Die Studie beruht im Wesentlichen darauf, Patienten in Praxen, die auch homöopathisch behandeln, nach acht Jahren zu fragen, ob es ihnen besser geht. Ein sehr großer Teil sagt, dass er sich besser fühlt — aber ob das an den homöopathischen Medikamenten liegt oder zum Beispiel dem Placebo-Effekt geschuldet ist, kann die Studie gar nicht beantworten.

Daraus zu folgern: „Homöopathie wirkt“, ist Unfug. Trotzdem hat auch diese Schein-Meldung dank „Medical Press“ und der abgeschriebenen Pressemitteilung einer weithin unbekannten Frauenzeitschrift weite Verbreitung gefunden. Neben „Focus Online“ brachte sie u.a. — Überraschung! — die „Bild“-Zeitung („Homöopathische Mittel wirken“).

Doch die Medien wollen nicht nur an die magische Wirkung von sozialen Netzwerken und Flüssigkeiten ohne Inhaltsstoffe glauben.

Wissenschaftler in Seattle haben gerade eine Studie über die Wirksamkeit von Akupunktur veröffentlicht. Sie teilten über 600 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in vier Gruppen ein. Alle bekamen die konventionelle Therapie, aber eine Gruppe wurde zusätzlich nach den Regeln der Akupunktur behandelt, die zweite wurde einfach irgendwohin gestochen und bei der dritten wurden die Stiche nur mit Zahnstochern simuliert. Bei der vierten Gruppe blieb es bei der Standardtherapie. Das Ergebnis ist ebenso eindeutig wie verblüffend: Jede Behandlung war wirksamer als die konventionelle Behandlung allein, aber es machte keinerlei Unterschied, ob die Patienten „richtige“ Akupunktur erhielten oder nur eine Simulation.

Die Studie ist ein überzeugender Beleg für die erstaunliche Wirksamkeit des Placebo-Effektes. Wer glaubte, eine zusätzliche Behandlung mit Akupunktur zu bekommen, dem ging es besser — egal wohin er gestochen wurde und ob er überhaupt gestochen wurde. Wenn die Studie etwas beweist, dann dass Akupunktur gegen chronische Rückenschmerzen nicht wirkt.

Und wie fasste „Focus Online“ (dank unserer Freunde von „Medical Press“) das Ergebnis zusammen?

Akupunktur hilft bei Rückenschmerzen besser als Standardtherapie

Und die Nachrichtenagentur AP titelte:

„Akupunktur lindert Rückenschmerzen besser als normale Therapie“

— und brachte diese Halluzination u.a. zu WDR 2 und Welt Online.

Vermutlich wäre es sinnlos, ihnen zu schreiben, dass zumindest diese Studie das Gegenteil ergeben hat. Der Glaube versetzt Berge.

 
Mit Dank an Scienceblogs, „Diax’s Rake“: „Homöopathie wirkt auch??“, „Akupunktur wirkt NICHT bei Rückenschmerzen“.

Twitter macht Journalisten dumm

„Zu schön, um wahr zu sein“, sagt der Volksmund.

„Zu schön, um nicht wahr zu sein“, sagt der Journalist — und verzichtet gerade bei den unwahrscheinlichen Geschichten gerne auf Skepsis und Recherche.

Diese Geschichte, die man u.a. bei „Focus Online“ findet, ist angesichts des gegenwärtigen Hypes um Online-Angebote wie Facebook oder Twitter aus Sicht der Journalisten eine schöne Geschichte:

Studie: Unmoralisch durch Facebook und Twitter. Online-Netzwerke sind schlecht für die Moral. Vor allem junge Menschen sollen durch zu viel Kommunikation über Portale wie Twitter oder Facebook auf die Dauer Schaden nehmen, wie nun US-Gehirnforscher herausgefunden haben.

Vor allem junge Menschen sollen durch zu viel Kommunikation über Portale wie Twitter oder Facebook auf die Dauer Schaden nehmen, wie nun Gehirnforscher der University of Southern California herausgefunden haben. Um körperlichen Schmerz anderer zu erkennen, benötigt das menschliche Gehirn nur Sekundenbruchteile. Doch um soziale Gefühle wie Mitleid oder Bewunderung zu entwickeln, ist wesentlich mehr Zeit notwendig, wie das britische Portal „Mail Online“ die Erkenntnisse der Wissenschaftler zitiert. Da das Gehirn von Jugendlichen noch nicht voll ausgebildet ist, könnte zu viel „Twittern“ die Entwicklung beeinflussen. (…)

Die Kommunikation über das World Wide Web laufe zu schnell für den „moralischen Kompass“ des Gehirns ab, so dass Jugendliche mit der Zeit dem Leid anderer gegenüber gleichgültig würden. Behaupten Wissenschaftler. Behauptet „Mail Online“. Behauptet „Focus Online“.

Nun ist „Mail Online“ die Internet-Ausgabe der „Daily Mail“, einer der unseriösesten Zeitungen Großbritanniens, was „Medical Press“, den Gesundheitsdienst der Nachrichtenagentur Global Press nicht daran hinderte, ihre Meldung ungeprüft zu übernehmen und zu verbreiten — ebenso wie viele, viele, viele, viele, viele andere deutschsprachige und internationale Medien.

Der britische Arzt, Medienkritiker und „Guardian“-Kolumnist Ben Goldacre hingegen hatte die originelle Idee, die Meldung mittels etwas, das man früher „Recherche“ nannte, zu überprüfen. Er besorgte sich die Studie, auf die sich die „Daily Mail“ bezieht und stellte fest, dass sie zwar herausfand, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz — von Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen Internet-Angeboten darin aber keine Rede war.

Goldacre fragte sicherheitshalber bei einem der Autoren der Studie nach, und Professor Antonio Damasio antwortete ihm:

„Wir haben keine irgendwie geartete Verbindung zu Twitter hergestellt. (…) In unserer Untersuchung werden weder Twitter noch irgendein soziales Netzwerk erwähnt. Wir haben nicht über sie zu berichten. (…) Die Verbindung zu Twitter und anderen sozialen Netzwerken ergibt, soweit ich es überblicken kann, keinen Sinn.“

Und wie kommt dann der Online-Auftritt der vermeintlich seriösen Schweizer Zeitung „Tagesanzeiger“ zu einem Zitat, in dem Mary Helen Immordino-Yang, eine der Autorinnen der Studie, Facebook und Twitter ausdrücklich erwähnt?

Ganz einfach: Der Autor hat die Wörter „Facebook“ und „Twitter“ und überhaupt den Zusammenhang zu Online-Angeboten offenbar nachträglich in ein wörtliches Zitat der Wissenschaftlerin aus der Pressemitteilung der Universität eingefügt:

Pressemitteilung tagesanzeiger.ch
„If things are happening too fast, you may not ever fully experience emotions about other people’s psychological states and that would have implications for your morality,” Immordino-Yang said. „Wenn rund um die Uhr Nachrichten über Twitter und Facebook einprasseln, kann man sich nicht voll auf die Gefühle anderer Menschen konzentrieren, und das wirkt sich negativ auf die Moral aus“, fasst die Forscherin Mary Helen Immordino-Yang von der Universität Süd-Kalifornien die Forschungsergebnisse zusammen.

Nachtrag, 21. April. „Focus Online“ hat seinen Artikel um einen Nachtrag ergänzt und benutzt darin als originellen Euphemismus für „falsch“ den Ausdruck „in die Kritik geraten“.

Beim Online-Angebot des „Tagesanzeiger“ wurden die Wörter „über Twitter und Facebook“ aus dem wörtlichen Zitat entfernt, der ganze andere Unsinn aber stehen gelassen. Auf E-Mail-Anfragen von BILDblog haben weder Autor Reto Knobel noch Redaktionsleiter Peter Wälty geantwortet.

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