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Der „Express“ erklärt Köln zum Kriegsgebiet

Vor einer Shisha-Bar in der Kölner Innenstadt kam es vor zehn Tagen zu einem Aufeinandertreffen zweier Gruppen. Am Ende musste ein Mann mit acht Messerstichen ins Krankenhaus gebracht werden, außerdem hatte er Verletzungen, weil mit einem Hammer auf ihn eingeprügelt wurde. Die Polizei fand später auch Patronenhülsen am Tatort.

Die eine Gruppe soll aus Männern bestanden haben, die sich im Umfeld des Rappers Xatar bewegen. Die andere aus Männern, die aus dem Umfeld des Rappers KC Rebell stammen. Der Mann, der ins Krankenhaus musste, soll ein Geschäftspartner von KC Rebell sein; die zwei inzwischen festgenommenen Tatverdächtigen sollen mit Xatar befreundet sein. Es deutet allerdings nichts darauf hin, dass der eine und/oder der andere Rapper vor Ort war und unmittelbar etwas mit dem Geschehen zu tun hat.

Bisher sind nicht viele Fakten darüber bekannt, was vor der Shisha-Bar genau passiert ist und wie die Hintergründe aussehen. Die Kölner Polizei hält sich noch bedeckt, die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen versuchten Totschlags.

Als örtliches Medium könnte man das alles nun sachlich berichten und seinen Leserinnen und Lesern klarmachen, dass noch nicht viel klar ist. Man könnte etwas Dampf aus der Sache nehmen, sich auf die bekannten Fakten beschränken und auf Spekulationen verzichten.

Man könnte aber auch das Kölner Stadtgebiet zur Konflikt- und Krisenzone erklären. Man könnte von „Blutrache“ sprechen. Man könnte das ohnehin schon schreckliche Geschehen noch schrecklicher wirken lassen und daraus eine Art Kriminalseifenoper machen. Man könnte über Hintergründe mutmaßen und weitere Prominente mit dem Fall in Verbindung bringen. Man könnte das Ganze zu einem „Rapper-Krieg“ hochrappen hochjazzen.

Für welche Variante sich der „Express“ aus Köln entschieden hat? Nun ja:



















Mit Dank an Yannik S. und Ben F.!

Kokain im alten Zopf

Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.

Der Kölner „Express“ hatte vergangene Woche dieses Glück:

Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung „Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.

Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!

Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:

Im WDR hatten Forscher des „Rechtsmedizinischen Instituts“ der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, „und peng!“, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei „Tatort“-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der „Express“ spricht von einer „Überraschung“, von einem „Schock-Ergebnis in der Sendung“.

Die „Bild“-Medien zogen nach:

Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.

Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei „Quarks & Co.“, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von „Quarks & Caspers“, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.

Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, „jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert“. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, „dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.“ Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.

Und so kommentiert das Team der Sendung den „Express“-Artikel bei Facebook: „Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.“ Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.

Mit Dank an Axel B. für den Hinweis!

Das Attentat von München und die Medien

Zur Berichterstattung über das Attentat in München am vergangenen Freitag und all ihren Schwächen starteten noch am selben Abend viele Diskussionen. Sie drehten sich um grundsätzliche Fragen: Sollten Redaktionen besser erstmal abwarten, wie sich das Geschehen entwickelt, oder direkt live auf Sendung gehen? Tragen TV-Sender durch die Verbreitung von Gerüchten zu sehr zur Panik bei? Ist ein öffentlich-rechtlicher Newskanal nötig, der rund um die Uhr Nachrichten sendet und in Ausnahmesituationen schneller reagieren kann (übrigens eine Diskussion, die es schon länger gibt)?

In diesem Blogpost soll es um verschiedene Beobachtungen und ganz konkrete Beispiele gehen, in denen sich Medien unserer Meinung nach problematisch verhalten haben oder gar falsch berichtet wurde.

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Am vergangenen Freitag um 18:24 Uhr, also noch elf Minuten, bevor die Polizei München bei Twitter zum ersten Mal vor der Situation am Olympia-Einkaufszentrum warnte und darum bat, den Bereich ums OEZ zu meiden, twitterte „BR24“, das Online- und App-Team des „Bayerischen Rundfunks“:


(Den Tweet hat die Redaktion recht schnell wieder gelöscht.)

Wie hätten die nächsten Anfragen ausgehen, wenn sich jemand bei „B24“ gemeldet hätte? Vielleicht: „Könntest Du mal im Einkaufszentrum nachschauen, wie es da so aussieht und für uns mit dem Handy draufhalten?“?

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Als dann die ersten Kamera-Teams und Live-Reporter am Einkaufszentrum angekommen waren, standen sie teilweise gefährlich nah am Tatort und/oder den Truppen der Polizei im Weg:

Bei RTL konnte man sogar live mitverfolgen, wie Fotografen von den Beamten weggeschickt werden mussten:

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Positiv aufgefallen ist uns am Freitagabend, dass viele Medien ohne das Zeigen von verletzten oder getöteten Menschen auskamen. Möglicherweise lag die Zurückhaltung schlicht daran, dass den Redaktionen nicht viele Fotos oder Videoaufnahmen von Opfern zur Verfügung standen. Aber es gab sie. Und Bild.de wollte nicht auf das Zeigen von Blutlachen und Toten verzichten:


(Zusätzliche Unkenntlichmachungen durch uns.)

Die Redaktion fand das Foto so zeigenswert, dass sie es in den folgenden Stunden und Tagen gleich mehrfach verwendete:




Und auch „Bild“ druckte den Mann ab, der durch einen Kopfschuss getötet wurde:

Immerhin: Bild.de und „Bild“ haben mindestens das Gesicht, teilweise auch den kompletten Oberkörper des Mannes verpixelt. Und dennoch ist das Zeigen dieses Fotos, ob verpixelt oder nicht, problematisch — allein schon wegen der Uhrzeit der Veröffentlichung.

Erstmals ist uns das Foto um 20:42 Uhr bei Bild.de begegnet, ganz oben auf der Seite. Gut möglich, dass es da schon einige Minuten online war. Es handelt sich also um einen Zeitpunkt, zu dem die Identifizierung des Opfers aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht abgeschlossen war, und somit auch die Angehörigen noch nicht informiert gewesen sein dürften. Sollten diese (wohl wissend, dass ihr Vater/Sohn/Ehemann rund ums Olympia-Einkaufszentrum unterwegs war) auf der Suche nach Informationen zum Attentat auch bei Bild.de vorbeigeschaut haben, könnten sie beim Aufrufen der Website zumindest stark verunsichert worden sein. Denn das auffällige rote Oberteil des Mannes dürften sie wiedererkannt haben.

Dass dieses Szenario nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, zeigt diese Passage aus einem „Focus Online“-Text zum Attentat in München:

Zu Hause wartete schon ihre kleine Schwester. „Sie lag weinend auf dem Sofa.“ Jetzt wird Cahuans H. klar: Nicht alle Bekannten sind in Sicherheit. Sie erfährt: Der Bruder einer Freundin wurde erschossen. Auf einigen Fotos von Augenzeugen sieht man den Jungen, er trägt einen roten Pullover. Cahuans H. berichtet von Handyanrufen, in denen die Schwester des Erschossenen ins Telefon schreit. „Er ist tot, ich habe sein Handy, er ist tot!“

Und auch der Vater des Täters hat seinen Sohn kurz nach den ersten Schüssen anhand eines wackeligen Handyvideos, das im Internet kursierte, erkannt und sich bei der Polizei gemeldet.

Völlig allein waren „Bild“ und Bild.de übrigens nicht — bei „N24“ sollen ebenfalls Opfer zu sehen gewesen sein:

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Neben all diesen hässlichen Vorgängen gab es am Freitagabend und in den vergangenen Tagen auch großes Lob: für das Social-Media-Team der Polizei München. Die Beamten twitterten in der Nacht von Freitag auf Samstag sachlich, aber sehr bestimmt, sie warnten in verschiedenen Sprachen, baten um Mithilfe bei der Aufklärung der Tat und um Zurückhaltung beim Streuen von Gerüchten.

Julian Röpcke, „Political editor“ von „Bild“ und Bild.de, gefiel das, was die Polizei München bei Twitter veranstaltete, hingegen gar nicht:

Röpckes Kritik bezog sich auf diesen Tweet der Polizei:

Wenn also eine offizielle Stelle in einer unübersichtlichen Situation darum bittet, vorsichtig zu sein, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob „in der City“ Gefahr besteht, macht das Julian Röpcke „*sprachlos*“.

Sein „Bild“-Kollege Björn Stritzel, mit dem Röpcke am Freitagabend zusammen an einem Text zum Attentat arbeitete, verbreitete hingegen wirklich gefährliche Gerüchte:

Gerade einmal 70 Minuten später wurde aus dem möglichen „rightwing extremist“ ein möglicher Islamist:

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Das Gerücht, dass es sich bei dem Attentat um einen islamistischen Terroranschlag handeln könnte, schaffte es auch auf die Website der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“. In einem Kommentar schrieb „HNA“-Redakteur Jörg-Stephan Carl um 21:17 Uhr — als also noch nicht wahnsinnig viel über die Tat und ihre Hintergründe bekannt war:

Die Islamisten haben der ganzen Welt den Krieg erklärt. Der Fanatismus, der religiös angestachelte Allmachtswahn, die Mordlust der Dschihadisten machen vor niemandem halt. Deutschland hatte bisher weitgehend Glück, der große Anschlag war ausgeblieben. Das Glück ist aufgebraucht.

Es deutet alles darauf hin: Der islamistische Terror ist in Deutschlands Großstädten angekommen. […]

Sich gegen Terror wehren, bedeutet immer auch, ihn aushalten zu müssen. Bei allem Entsetzen, bei aller Wut auf die Täter, bei aller Trauer über die Opfer — es klingt schal nach den Ereignissen in München: Aber das normale — das freie — Leben muss weitergehen, der Islamismus darf nicht triumphieren.

Am Samstag, als klar war, dass die Tat keinen islamistischen Hintergrund hatte, veröffentlichte die „HNA“ den Kommentar um 8:42 Uhr noch einmal. Die Redaktion hatte den Text umgestellt und Textteile zum Islamismus gestrichen. Unter anderem findet man im Kommentar nun diese Passage:

Nach all dem durchlittenen Terror in den Metropolen Europas beschleicht einen sofort die bange Angst: Ist der islamistische Terror auch in einer deutschen Großstadt angekommen? Am Freitagabend wusste das noch niemand. Inzwischen geht die Polizei von einem jugendlichen Einzeltäter aus.

***

Am Samstag und Sonntag wurde die Berichterstattung, mit mehr Zeit für die Recherche, nicht zwingend besser. Die Redaktionen von Bild.de und „Bild am Sonntag“ haben sie zum Beispiel dafür genutzt, sich Fotos der Opfer zu besorgen:


(Diese und alle weiteren Unkenntlichmachungen durch uns.)

(„Bild am Sonntag“ hat die Fotos auf der Titelseite und noch ein weiteres Mal im Innern der Zeitung komplett ohne Verpixelung veröffentlicht, Bild.de mit einem sehr schmalen Balken über den Augen; inzwischen hat Bild.de die Gesichter einiger Opfer stärker verpixelt, andere zeigt die Seite wiederum ohne jegliche Verpixelung.)

Als Quelle gibt Bild.de bei den meisten Fotos „privat“ an. Was in der Regel so viel heißt wie: in den Sozialen Medien zusammengeklaubt. Persönlichkeitsrechte und der Respekt vor der Trauer der Angehörigen spielen bei der Jagd nach Fotos offenbar keine Rolle.

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Bei „Focus Online“ hat die Redaktion die Zeit ebenfalls genutzt und ziemlich genau recherchiert, wo die Familie des Attentäters wohnt. In einem Artikel beschreibt das Portal seinen Lesern die Lage der Wohnung in München sehr detailliert — den Straßennamen, ein Foto des Hauses, das Stockwerk, in dem sich die Wohnung befinden soll, dazu Informationen aus dem Leben der Eltern, den Beruf des Vaters. Wer die Familie irgendwann mal aufsuchen will, muss sich nur den „Focus Online“-Text schnappen (auf einen Link oder einen Screenshot der Überschrift verzichten wir bewusst).

***

Natürlich sammelten und veröffentlichten viele Medien auch jegliche Details, die sie zum Täter finden konnten. Der Psychologe Jens Hoffmann warnt schon seit Jahren und auch aktuell im Interview mit den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ genau davor:

Wie wären Trittbrettfahrer jetzt zu vermeiden?

Hoffmann: Durch sehr vorsichtige Berichterstattung. Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken. Ich fand es eine sehr gute Entscheidung, das Gesicht des Täters in dem Video zu verpixeln, das ihn beim Schießen zeigt.

Dennoch zeigen viele Onlineportale, viele Zeitungen, viele TV-Sender Fotos des Attentäters. Ein Großteil kürzt seinen Namen ab, aber nicht alle. Die massive Berichterstattung über seine Person macht ihn jedenfalls zum Star. Er bekommt für seiner Tat Aufmerksamkeit und Reichweite.

Besondere hilfreich sind dabei die „Bild“-Medien:





Bild.de veröffentlicht sogar Artikel, die sich wie Manuskripte von Actionfilmen lesen:

Er rennt durch die Nacht. In Panik. Überall Polizei. Es ist erst wenige Stunden her, da erschoss A[.] kaltblütig neun Menschen. In einer Seitenstraße bleibt er stehen. Und richtet die Waffe auf seinen Kopf…

Der Text geht in diesem Ton weiter. Viel stärker kann man eine schreckliche Tat nicht auf ein Podest heben.

Aber auch andere Blätter machen mit und packen das Foto des Täters auf ihre Titelseiten (immerhin beide mit einem schmalen Balken über den Augen):


Dass es auch anders geht, selbst im Boulevard, hat am Sonntag die „B.Z.“ gezeigt:

Mit großem Dank an alle Hinweisgeber!

Mittermeier muss doch nicht kotzen, wenn er Helene Fischer sieht

Also… genau wissen wir das natürlich nicht, aber zumindest hat er es so nicht gesagt:

Und wie immer, wenn’s um Helene Fischer geht, stiegen die anderen Klatschmedien auch gleich mit ein und verbreiteten im Oktober die Meldung von Mittermeiers „Hass-Attacke“: Der Satz erschien unter anderem bei Bild.de, „Focus Online“, Blick.ch, auf der Seite der „inTouch“ und News.de. Wenig später mussten sie alle eine Gegendarstellung bzw. Richtigstellung veröffentlichen:

Einige Medien haben sich sogar für den Fehler entschuldigt. Nur Bild.de schiebt bockig hinterher:

Anm. d. Red.: Unabhängig vom Wahrheitsgehalt sind wir zum Abdruck dieser Gegendarstellung verpflichtet

Der deutsche Boulevard zu Clooney: Ja, ja, deine Mudder

George Clooney sagt, er sei es gewohnt, dass die britische Zeitung „Daily Mail“ Geschichten über ihn erfindet und Lügen über ihn verbreitet. Aber diese eine wollte er nicht hinnehmen, ohne laut zu widersprechen. Die „Daily Mail“ hatte geschrieben, dass die Mutter seiner Verlobten Amal Alamuddin aus religiösen Gründen gegen ihre Heirat sei. Sie habe das schon „halb Beirut“ erzählt. Weil es keine Drusen-Hochzeit sei, riskiere Amal, dass sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen werde, so die „Daily Mail“ — mehrere Bräute seien aus ähnlichen Gründen schon umgebracht worden.

Nichts davon sei wahr, sagt George Clooney. Amals Mutter sei keine Druse, ewig nicht in Beirut gewesen, nicht gegen die Hochzeit. Vor allem aber sei es verantwortungslos und gefährlich, in dieser Weise religiöse Differenzen auszubeuten, wo nicht einmal welche bestehen.

Die Meldung, dass Clooney sich so über die „Daily Mail“ beschwert, die ihre Geschichte inzwischen zurückgenommen hat, stand in vielen deutschen Medien. Was aber auch in vielen deutschen Medien stand und teilweise noch steht: Die Lügengeschichte der „Daily Mail“.

Der Kölner „Express“ brachte sie am vergangenen Mittwoch:

Clooney: Krach mit Amals Mama

Die „Bunte“ verbreitete sie online (inzwischen gelöscht), mit einer Fragezeichen in der Überschrift, aber ohne ernste Zweifel am Inhalt der von der „Daily Mail“ abgeschriebenen Geschichte:

Ist Amals Mutter gegen die Hochzeit?

So verriet ein Nahestehender der Familie der Familie Alamuddin dem britischen Blatt: „Man würde denken, dass Amal mit George Clooney den Jackpot geknackt hat, aber Baria ist nicht glücklich. Sie denkt, dass sie es besser hätte treffen können.“ Weiter habe Amals Mutter in Beirut herumerzählt, dass es schließlich 500.000 Drusen gäbe – warum nur könne ihre Tochter darunter niemanden finden, der gut genug für sie ist?

Die „Abendzeitung“ erzählt die Lügengeschichte immer noch:

Bekommt George Clooney ein Schwiegermonster?

Und „Focus Online“:

Mutter der Braut: George Clooney nicht gut genug?

Das „OK!“-Magazin witzelt:

Hören wir nicht richtig? Eigentlich dachten wir, es gäbe kein Mittel, mit dem FRAU dem Charme von Hollywood-Schauspieler George Clooney widerstehen könnte. Doch auch ein Clooney muss hin und wieder die seltene Erfahrung machen, dass er nicht jede um den Finger wickeln kann. 

Und N24 fragt online:

Mehrere deutsche Medien haben die Falschmeldung von der Boulevardagentur „Spot On News“ übernommen (Eigendarstellung: „Die Artikel von spot on news beschränken sich nicht auf das Ab- und Umschreiben von Internet-Content. (…) Exklusivität steht bei spot on news ganz weit oben“). Die hat nach den Unwahrheiten der „Daily Mail“ nun auch ungerührt die empörte Antwort von Clooney verbreitet — so gesehen profitiert sie doppelt von den Falschmeldungen der Auslandspresse, die sie abschreibt.

Der amerikanische Schauspieler hat über die „Daily Mail“ noch gesagt, sie habe — mehr als jede andere „Nachrichten“-Organisation — ein ums andere Mal beweisen, „dass Tatsachen für sie keine Bedeutung haben bei den Artikeln, die sie sich ausdenkt.“ Das wird die deutschen Medien auch bei den nächsten „Daily Mail“-Geschichten nicht davon abhalten, sie blind zu übernehmen.

Presserat beanstandet Eigen-Schleichwerbung für Diätprogramm

Manchmal passieren in deutschen Zeitungsredaktionen erstaunliche Fehler. Dass im Kölner „Express“ Anfang des Jahres eine große sechsteilige Serie von Artikeln erschien, in denen jeweils, ohne jede Kennzeichnung, ein Fitnessprogramm namens „fitmio“ beworben wurde …

… das ist der Ressortleitung bzw. Chefredaktion des Blattes leider erst nach Abschluss der Serie aufgefallen. Natürlich hätte man dem Leser kenntlich machen müssen, dass es sich um ein Programm handelte, das von einem Unternehmen des Verlages M. DuMont Schauberg vermarktet wurde, teilte die Rechtsabteilung dem Presserat mit. Dass dieser Hinweis ausgeblieben sei, betrachte man selbst als ärgerlichen und bedauerlichen Fehler.

Online seien die Berichte sofort nach Bekanntwerden entsprechend gekennzeichnet worden. Der Presserat fasst die Zerknirschtheit mit den Worten zusammen:

Der Fehler sei der Redaktion bewusst und intern mit allen Verantwortlichen erörtert worden. Man gehe davon aus, dass alle Beteiligten daraus gelernt hätten.

Der Presserat, bei dem wir uns beschwert hatten, sah in der Veröffentlichung einen Verstoß gegen das Gebot, Redaktion und Werbung klar zu trennen. Er verwies auf Ziffer 7 des Pressekodex, in der es heißt:

Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

Auch im „Kölner Stadt-Anzeiger“, ebenfalls ein Schwesterblatt von „fitmio“, erschienen Anfang des Jahres mehrere scheinbar redaktionelle Beiträge zum Thema Fitness und Abnehmen, die für „fitmio“ warben. Die Rechtsabteilung des Verlages argumentierte hier aber anders: In der Beschreibung des Programms sei ausdrücklich erwähnt, dass es „in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule und dem Anti-Diät-Club angeboten“ werde. Und den „Anti-Diät-Club“ des „Kölner Stadt-Anzeigers“ gebe es schon seit 2005; er sei den Lesern bestens bekannt und mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ untrennbar verbunden. Durch die Erwähnung des „Anti-Diät-Clubs“ wüssten „Stadt-Anzeiger“-Leser, dass es sich bei „fitmio“ um ein Angebot der Zeitung handele.

Der Presserat fand das nicht überzeugend und sah auch hier einen Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodex. „Um dem Leser klar zu verdeutlichen, dass ein Eigeninteresse des Verlages an den Veröffentlichungen vorliegt und somit die Beiträge einen kommerziellen Charakter haben, hätte es eines eindeutigen Hinweises bedurft.“ Dieser sei lediglich in einem Artikel vorhanden gewesen (Ausriss rechts), der deshalb auch nicht kritisiert wurde.

Der Presserat erteilte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen „Hinweis“; beim „Express“ sprach er eine „Missbilligung“ aus.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Tina Turner erleidet Schlagzeilenanfall

Es ist die goldene Regel des Onlinejournalismus: Wenn die Konkurrenz über irgendwas Spektakuläres berichtet — erst mal abschreiben. Überprüfen kann man das ja später noch. Irgendwann. Vielleicht. Hauptsache, man hat die Geschichte auch.

Die über Tina Turner zum Beispiel:

Ihre gigantische Rock-Karriere hat sie längst an den Nagel gehängt, lebt ruhig und skandalfrei am Zürichsee. Doch jetzt die Schock-Nachricht: Tina Turner (74) hatte einen Schlaganfall.

Ihr österreichischer Freund und Fahrer Albert B. (58) verriet der MOPO, dass Tina Turner ihren geplanten Urlaub am Wörthersee in Kärnten absagen musste. Regelmäßig macht sie dort eine Schönheitskur – normalerweise. Denn, so der Vertraute: „Sie hatte einen leichten Schlaganfall, ist aber wohl auf dem Weg der Besserung.“

Diese „Schock-Nachricht“ ist heute von den Schwesterblättern „Hamburger Morgenpost“ und „Express“ in die Welt gesetzt worden, und es dauerte nicht lange, bis sie auch bei Dutzenden anderen Medien zu lesen war:



So richtig überzeugt waren die Abschreiber vom Wahrheitsgehalt der Story zwar nicht, wie man an den vielen Fragezeichen und Konjunktiv-Konstruktionen und den Verweisen auf „Medienberichte“ erkennen kann. Aber egal. Denn wie gesagt: Das Wichtigste ist, dass man es auch hat. Die Recherche kommt dann später. Vielleicht.

Einige Journalisten aus der Schweiz waren dagegen weit weniger faul vorschnell und fragten lieber mal bei der Agentur Richterich und Partner nach, die für Teile von Turners PR-Arbeit zuständig ist. Und dort erfuhren sie: Tina Turner plane gar keinen „Urlaub am Wörthersee“, wie die deutschen Medien behauptet hatten. Es gebe auch keinen Fahrer namens Albert B. Und vor allem habe die Sängerin keinen Schlaganfall gehabt. „Fakt ist, dass sich Tina bester Gesundheit erfreut“, sagte der Sprecher dem Schweizer Portal 20min.ch.

Gegenüber BILDblog hat die Agentur bestätigt, dass an der Schlaganfall-Geschichte nichts dran sei. Wie es zu der Falschmeldung gekommen ist, könne man sich auch nicht erklären. Nachgefragt habe bei ihnen jedenfalls keiner der deutschen Journalisten.

Inzwischen haben viele Medien ihre Berichterstattung immerhin korrigiert. Manche drehen die Sache auch klickträchtig weiter und sprechen jetzt von einem „Wirbel“ um den Gesundheitszustand von Tina Turner. Andere — so wie mopo.de und express.de — haben ihre Artikel einfach gelöscht.

Nachtrag, 27. Mai: Die „Morgenpost“ schreibt heute in einer kleinen Meldung: „Tina geht es gut“. Eine Erklärung oder Entschuldigung für ihre ursprüngliche Berichterstattung sucht man allerdings vergebens.

Und dann ist da noch die „Welt“, die heute verkündet:

Tina Turner erleidet Schlaganfall

Ihre Fans sind in großer Sorge um Tina Turner. Die 74-Jährige hat offenbar einen Schlaganfall erlitten. […]

Man könnte sich das selbst nicht ausmalen

Immer dann, wenn ein Mensch von einer Heuballen-Maschine zerschreddert wird oder sich beim Kitesurfen aus Versehen selbst erdrosselt, wenn jemand überfahren, ertränkt, vom Blitz erschlagen, erschossen, verbrannt, in Stücke gehackt oder auf eine andere brutale oder „bizarre“ Weise getötet, verletzt oder gedemütigt wird, immer dann ärgert sich die „Bild“-Zeitung, dass sie nicht mit dabei war.

Aber sie weiß sich zu helfen. Statt grausamer Fotos gibt’s dann eben so etwas:

(Nachtrag, 13. September: Wir haben die erste Zeichnung — „Bauernsohn von Heumaschine zerschreddert“ — ausgetauscht, weil sie vom Presserat missbilligt wurde.)

Immerhin kann man den „Bild“-Zeichnern nicht vorwerfen, sie würden sich keine Mühe geben. Beim „Express“ dagegen, wo sie sich am Wochenende ebenfalls an einer Illustration versucht haben, wurden nicht nur die moralischen (sofern vorhanden), sondern gleich auch alle ästhetischen Ansprüche mit Schmackes über Bord geworfen:Ausriss:

Diätenerhöhung bei M. DuMont Schauberg

„Man kann Alfred Neven DuMont glauben, dass ihn der Wunsch nach gutem Journalismus antreibt.“

(„Der Spiegel“, 5/2014)

Der Jahresanfang ist die Zeit, in der die Menschen sich ganz besonders für Diäten interessieren, und deshalb ist es auch die Zeit, in der die Medien ganz besonders viel über Diäten berichten. Die Zeitungen der Mediengruppe M. DuMont Schauberg tun es in diesem Jahr mit ganz besonderem Eifer.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat eine Serie „Los geht’s“ gestartet. Darin überrascht er seine Leser unter anderem mit der These: „Wer abnehmen will, muss essen“, nennt Sport „Doping für die Zellen“, stellt spätberufene Extremsportler vor, interviewt Ingo Froböse, einen Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln — und empfiehlt jedesmal dessen kostenpflichtiges Abnehm-Programm „fitmio“.

Der Kölner „Express“ hat auch eine Serie im Angebot, eine „große Stoffwechsel-Fibel“ namens „Enorm in Form“, mit „Tipps vom Experten“, wie man sich schlankschläft und wie man den Jojo-Effekt vermeidet und der überraschenden These: „Wer abnehmen will, muss essen!“ Der Experte ist in jedem Fall Ingo Froböse, ein Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln — und empfiehlt jedesmal dessen kostenpflichtiges Abnehm-Programm „fitmio“.

Die Serie aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ findet sich mit demselben Experten und derselben Empfehlung auf den Online-Seiten von „Berliner Zeitung“ , „Frankfurter Rundschau“, „Mitteldeutscher Zeitung“ und „Kölnischer Rundschau“.

Und die Boulevard-Variante aus dem „Express“ steht mit demselben Experten und derselben Empfehlung auf den Online-Seiten von „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“.

In einer konzertierten Aktion werben die Medien von M. DuMont Schauburg in großen, scheinbar redaktionellen Serien für „fitmio“, das kostenpflichtige Abnehmprogramm von Professor Froböse, und verlinken praktischerweise auch direkt dorthin.

Das lässt sich leicht erklären, allerdings findet sich diese Erklärung nicht auf den Seiten dieser Zeitungen. Das kostenpflichtige Abnehmprogramm „fitmio“ mit Prof. Dr. Ingo Froböse, dem „Experten an Ihrer Seite“, ist ein Unternehmen der DuMont Net GmbH & Co. KG, einer hundertprozentigen Tochter der Mediengruppe M. DuMont Schauberg.

Der Verlag M. DuMont Schauberg ist also mit seiner Internet-Tochter Betreiber eines Abnehmprogramms mit Ernährungs- und Bewegungsplan inklusive Motivationsvideos von Prof. Dr. Froböse, das immerhin 79 Euro kostet. Und nutzt seine Zeitungen und deren Online-Seiten, dieses Angebot im redaktionellen Teil und ohne Hinweis auf die wirtschaftliche Verquickung zu bewerben. Er lässt eine Leserin sogar scheinbar unabhängig das Angebot testen. Die 47-jährige TV-Programmplanerin aus Bergisch Gladbach ist, Überraschung, sehr angetan.

Auf den „fitmio“-Seiten lacht übrigens treuherzig folgender Hinweis:

„Ich bin der Spiritus Rector der Redakteure“, sagt Alfred Neven DuMont, der Patriarch des Verlages, dem „Spiegel“, der ihn als positives Gegenbeispiel zu Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer darstellt. „Man muss doch Leidenschaften haben. Das Schlimmste für mich wäre, Bankier zu sein und nur noch an das Geld denken zu müssen.“

Neven DuMont sagt: „Ich glaube an die Zeitung.“ Zumindest weiß sein Verlag, wofür sie noch nützlich sein kann.

Mit Dank an Kai B.!

Nachtrag, 30. Januar. Aus dem Internetauftritt der „Frankfurter Rundschau“ sind die Artikel mit der „fitmio“-Werbung plötzlich verschwunden.

Die nächste Zarah Neander

Es ist eine Geschichte epischer Tragweite, daran ließ der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 14. Januar gar keine Zweifel. Schon in der Ankündigung auf Seite 5 fährt das Nachrichtenmagazin die ganz großen Geschütze auf:

Ein Biologe spielt Gott — Seite 110

Mit Hilfe der synthetischen Biologie will George Church Neandertaler klonen und virusresistente Menschen schaffen. „Die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie“, sagt der amerikanische Genforscher im SPIEGEL-Gespräch.

Das Gespräch beginnt dann auch direkt mit der spannenden Frage nach der Rückkehr der Neanderthaler:

SPIEGEL: Herr Church, Sie kündigen an, schon bald werde es möglich sein, Neandertaler zu erschaffen. Was heißt „bald“? Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?

Church: Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: „Ja“. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie. Vor allem kostet das Lesen und Schreiben von DNA heute nur noch ein Millionstel dessen, was es noch vor sieben, acht Jahren gekostet hat. Allerdings müssten wir, um die Ausrottung des Neandertalers rückgängig zu machen, das Klonen von Menschen erproben. Technisch dürfte das möglich sein. Wir können lauter Säugetiere klonen, warum also nicht auch den Menschen?

Im Folgenden werden die Fragen verhandelt, ob es überhaupt wünschenswert sei, den Neandertaler wiederauferstehen zu lassen („Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt“), worin der Nutzen liegen könnte („Vielleicht denken die Neandertaler völlig anders als wir“) und ob die „Wiedergeburt von Neandertalern“ technisch überhaupt möglich sei (anscheinend schon).

Dann kommt die entscheidende Frage:

SPIEGEL: Und als Leihmutter suchen Sie sich einen „besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen“, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Church: Ganz genau – vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde.

Was diese dünnen Worte im Zeitalter von Castingshows in Journalistengehirnen anrichten können, zeigte sich alsbald: Die britische „Daily Mail“ schrieb am Sonntag, der Forscher „sucht eine Mutter für ein geklontes Höhlenmenschenbaby“ und führte aus:

Man hält sie normalerweise für eine brutale, primitive Spezies.

Welche Frau würde also ein Neanderthaler-Baby zur Welt bringen wollen?

Und dennoch ist dieses Szenario der Plan von einem der weltweit führenden Genetiker, der eine Freiwillige sucht, die ihm dabei hilft, diesen lange ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Professor George Church von der Harvard Medical School glaubt, er könne die Neanderthaler-DNA rekonstruieren und die Spezies wiederauferstehen lassen, die vor 33.000 Jahren ausgestorben ist.

(Übersetzung von uns.)

Und weiter:

Er sagt: „Nun brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen.

Es hängt von verdammt vielen Dingen ab, aber ich denke, man kann das machen.“

(Übersetzung von uns.)

Damit war die Geschichte natürlich noch einmal bedeutend spannender, als sie im „Spiegel“ und in der Zusammenfassung bei „Spiegel Online“ gewesen war, wo sie – trotz der reißerischen und irreführenden Titelzeile „Genforscher George Church will Neandertaler klonen“ – von deutschen Boulevard-Journalisten noch ignoriert worden war.

Der „Berliner Kurier“ titelte gestern:

Leihmutter soll Neanderthaler gebären

Dem Kölner „Kurier“-Schwesterblatt „Express“ gelang es wie üblich, das Thema auf eine lokale Ebene herunterzubrechen:

Leihmutter für Neanderthaler-Baby gesucht! Harvard-Professor will Steinzeit-Rheinländer züchten

Beide Zeitungen berichten übereinstimmend, George Church glaube, „dass er Neandertaler wieder zum Leben erwecken kann“. Das hatten zwar die „Daily Mail“ und nach ihr viele andere Medien in aller Welt behauptet, Professor Church jedoch offensichtlich nie.

Der Wissenschaftler sah sich also genötigt, via „Boston Herald“ klarzustellen, dass er persönlich keinerlei Ambitionen hege, einen Neanderthaler zu klonen:

„Ich befürworte das sicherlich nicht“, sagte Church. „Ich sage nur, wenn es eines Tages technisch möglich ist, müssen wir heute anfangen, darüber zu reden.“

Church sagte, er sei nicht einmal an der Sequenzierung von Neanderthaler-DNA beteiligt — einem Projekt, von dem Wissenschaftler sagen, dass es geholfen habe, festzustellen, dass moderne Menschen tatsächlich Spuren ihrer entfernten, menschenähnlichen Vorfahren tragen.

[…]

Church sagte, er habe in mehr als 20 Jahren vermutlich 500 Interviews geführt und dies sei das erste, das derart aus dem Ruder gelaufen sei.

(Übersetzung von uns.)

Stunden, nachdem Professor Churchs Richtigstellung für Jedermann lesbar im Internet erschienen war, nahm sich endlich auch Bild.de des Themas an:

LEIHMUTTER FÜR IRRES EXPERIMENT GESUCHT: US-Genforscher will Neandertaler züchten!

Die Bild.de-Autoren zitieren zwar ausgiebig aus dem „Spiegel“-Interview, scheinen aber nicht bemerkt zu haben, dass Church dort gar nicht behauptet, er selbst wolle „einen Menschen erschaffen, der gegen alle bekannten Krankheiten immun ist – indem er einen Neandertaler klont!“

Der „Berliner Kurier“ hat für seine heutige Aufgabe indes sogar richtiggehend recherchiert und mehrere Wissenschaftler aufgetan, die Churchs „Pläne“ scharf kritisieren. Nur Churchs eigener Widerspruch bleibt unerwähnt.

Mit Dank an Erwin P., Christian P. und Basti.

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