Archiv für express.de

Wer bietet mehr?

Hier geht es um die heißeste redaktionelle Umsetzung zu einem vermutlichen illegalen Autorennen in Köln am vergangenen Wochenende.

Dann mal her mit den Geboten!

Screenshot ksta.de - Illegales Autorennen - 28-jähriger Audifahrer rast mit 100 km/h über Mülheimer Brücke
(ksta.de)

Schon nicht schlecht. Und laut Polizeiangaben auch richtig. Irgendjemand mehr?

Screenshot rundschau-online.de - Illegales Autorennen in Köln - 70 km/h zu schnell über die Mülheimer Brücke gerast
(rundschau-online.de)

50 Stundenkilometer dürfen Pkw auf der Mülheimer Brücke fahren. Wären wir also schon mal bei 120 Sachen. Aber da geht doch noch was?!

Screenshot express.de - Wieder illegale Autorennen - Audi-Rambo (28) rast mit bis zu 140 km/h durch Köln
(express.de)

Jawoll — das war laut Polizei das Spitzentempo der nächtlichen Raserei durch Köln, allerdings nicht auf der Mülheimer Brücke!

Und weil sie es als einzige hinbekommt, auch noch ein falsches Datum mitzuteilen, wann das Autorennen stattgefunden haben soll („in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ statt richtigerweise in der Nacht von Freitag auf Samstag), geht der Zuschlag für die heißeste Umsetzung an die Online-Redaktion des „Express“.

Mit Dank an Norbert E. für den Hinweis!

Verantwortungsvoll rassistisch

Manchmal ist es ganz wesentlich, wer etwas in welcher Situation gesagt hat, wenn man den Inhalt einer Aussage bewerten will.

Am Bonner Landgericht läuft aktuell ein Prozess, in dem es um eine Vergewaltigung auf einem Campingplatz geht. Der Fall hatte vor einigen Monaten überregional für Aufsehen gesorgt. Und um es von Anfang an klar zu sagen: Sollte der Angeklagte aus Ghana — entgegen seiner Unschuldsbeteuerung — die Tat begangen haben, muss er dafür natürlich verurteilt werden.

Am Montag vergangener Woche sagte unter anderem die Kripobeamtin aus, die nach der Tat mit dem Vergewaltigungsopfer gesprochen hatte. Einen Tag später veröffentlichte das Kölner Boulevardblatt „Express“ einen größeren Artikel, in dessen Überschrift die Redaktion auch ein Zitat eingebaut hatte:

Ausriss aus dem Express - Vergewaltigungsprozess: Polizisten als Zeugen - Opfer ergab sich schwarzem Monster

Im Text taucht das „schwarze Monster“-Zitat noch einmal auf. Und auch dort wird nicht eindeutig klar, von wem es stammt:

In Wahrheit habe sie [das Opfer] unter Schock gestanden. „Trotz Todesangst um sich und ihren Freund“ habe die 23-Jährige geistesgegenwärtig reagiert, als sie sich entschied, sich nicht zu wehren. So ergab sie sich dem „schwarzen Monster“, ihren Freund beschwor sie noch beim Verlassen des Zeltes, das Schweizer Messer stecken zu lassen und die Polizei zu rufen.

Auf Nachfrage schreibt uns die Redaktion, dass das Zitat von der Polizistin stamme. Allerdings handele es sich dabei nicht um deren eigene Worte, sondern um „die Reaktion des Opfers“, die die Beamtin in ihrer Aussage lediglich wiedergegeben habe. Warum macht der „Express“ in seinem Artikel nicht eindeutig klar, wer da redet? Und wer wen zitiert?

Der „Express“ erklärt zur „schwarzen Monster“-Aussage an sich:

Wer derart Erschreckendes [wie das Opfer] erlebt hat, wird sich kaum in dieser Schocksituation auf politisch Korrektes besinnen. Wenn Sie sich in die Tiefen des Falles einarbeiten, können Sie sicherlich nachvollziehen, dass die Äußerung keineswegs in einem rassistischen Zusammenhang zu sehen ist, sondern aus dem Effekt heraus getan wurde.

D’accord.

Nur war schon die Aussage der Kripobeamtin vor Gericht nicht mehr „aus dem Effekt heraus“. Und der anonyme Autor des „Express“-Artikels hat seinen Text erst recht nicht mehr „aus dem Effekt heraus“ aufgeschrieben. Und dennoch hat das Blatt das „schwarze Monster“ sowohl in der Titelzeile als auch im Artikel einfach so übernommen. Keine Distanzierung, keine Bemerkung zur Wortwahl (und wäre es nur eine wie in der Stellungnahme uns gegenüber), als handele es sich um eine ganz normale Aussage. Dabei ist sie, wie sie im „Express“ daherkommt, gleich doppelt problematisch. Schon das „Monster“ entmenschlicht eine Person, die zweifelsohne etwas Schreckliches getan haben soll, aber noch immer ein Mensch ist. Das „schwarze Monster“, die Betonung der Hautfarbe des Angeklagten, ist Rassismus und ein rassistisches Klischee. Dass die Haut des mutmaßlichen Täters schwarz ist, hat nichts mit der ihm angelasteten Tat zu tun. Der „Express“ hätte problemlos ohne das „schwarze Monster“ auskommen können.

Das sieht die Redaktion anders:

Wie Sie wissen, steht der EXPRESS für unabhängige Berichterstattung, Toleranz, Vielfalt und soziale Verantwortung. Die Redaktion hält sich an den Pressekodex und achtet dessen Vorgaben. In diesem Fall sehen wir den Schockausruf des Opfers nicht als rassistisch an, sondern als Ausruf der Verzweiflung. Die Verbreitung des Zitats ist in diesem Fall aus unserer Sicht zulässig, um den kompletten Horror des Erlebten zu beschreiben. Aus unserer Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: Sie berichten authentisch über diesen wohl in seiner Brutalität einzigartigen Fall, der ein hohes Interesse in der Bevölkerung hervorruft, oder sie vermelden kühl Anklage und Urteil. Sich auf diesem Weg von klaren Zitaten eines Dritten, die in einer Gerichtsverhandlung fallen, zu distanzieren, diese politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen, würde die Glaubhaftigkeit der Presse eher untergraben.

Das „schwarze Monster“ kann aus Sicht des „Express“ also nicht nur in den Artikel, es muss hinein, wenn man verantwortungsvoll berichten will. Und augenscheinlich auch noch in die Überschrift. Um es noch mal klar zu sagen: Uns geht es nicht darum, etwas „politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen“, sondern um einen bewussten Umgang mit Sprache und die fahrlässige Reproduktion rassistischer Äußerungen.

Der „Express“-Text landete mitsamt der „schwarzen Monster“-Aussage noch bei Express.de, auf der Internetseite der „Kölnischen Rundschau“, die ebenfalls zum „DuMont“-Verlag gehört, und durch eine Kooperation auch bei „Focus Online“.

Unter dem dazugehörigen Post auf der Facebook-Seite von „Focus Online“ griffen mehrere Kommentatoren das Zitat der Polizistin auf:

“Schwarzes Monster“ (O-Ton). Merkel ich mir, wunderbar zutreffend und nicht zensierbar.

Soll sie sich doch bei merkel bedanken, dass schwarze Monster konnte nur durch merkels gechicke her kommen. Lasst euch trösten! Es kommt jeder mal dran, denn die Grenzen sind immer noch offen, und 200000 Menschen reisen nun legal ein Plus Familiennachzug.

Was ein Monster typisch mal wieder ein Ausländer die jagt auf unsere Frauen machen. Wer hat denn überhaupt rein gelassen 😠

Dieses Monster sollte man ohne Fallschirm über seiner Heimat abwerfen! Die Grenzen müssen endlich wieder gesichert werden, sonst bekommen wir noch mehr von diesen Monstern inns Land.

Aus Ghana. Gehört Ghana jetzt auch zum syrischen Kriegsgebiet, oder warum war dieses Monster überhaupt in Deutschland?

Warum wird denn hier der Täter noch in Schutz genommen. Zeigt uns dieses Monster

Was für ein Monster, und sowas sollen wir hier aufnehmen und beherbergen?! Dieser Mann ist eine tickende Zeitbombe!

Mit Dank an @pfuideifipegida für den Hinweis!

Lizenz zum Von-Tuten-und-Blasen-keine-Ahnung-haben

Manche Artikel beginnen mit Warnhinweisen, die vor viel mehr Texten stehen sollten:

Vorsicht Spoiler… Eingefleischte „007“-Fans sollten jetzt besser aufhören zu lesen.

Die Website des Kölner „Express“ ist da einer ganz heißen Sache auf der Spur:

Screenshot Titelzeile express.de - Spektakuläre Geheimpläne Hört Daniel Craig wirklich so als James Bond auf?

Denn angeblich sickerte bereits die Handlung der nächsten James Bond-Folge durch. Und die spektakulären Geheimpläne, die die „New York Post“ veröffentlicht, haben es in sich.

Denn angeblich soll Daniel Craig als 007 im nächsten Film nicht nur seine Lizenz zum Töten an den Nagel hängen, er heiratet auch.

Solche „angeblichen“ Enthüllung von „spektakulären Geheimplänen“ gehören zur James-Bond-Folklore wie geschüttelte Martinis, skrupellose Bösewichte und die Worte „Mein Name ist Bond, James Bond!“: Vor jedem neuen Film erscheinen jede Menge Artikel über „angebliche“ Titel, die Handlung, Darsteller und Interpreten des Titelsongs, die sich im Nachhinein als Quatsch herausstellen — oder vielleicht, will man in der Welt der Agenten bleiben, als gezielte Desinformationskampagnen der Filmproduzenten, um bereits vorab für möglichst viel Aufmerksamkeit zu sorgen.

Aber nehmen wir mal an, die anonyme Quelle, die die „New York Post“ da zitiert, hätte Recht. Dann lassen wir express.de einfach mal weiter enthüllen:

Auch wer die zukünftige Frau Bond ist, will der Insider wissen: Die schöne Léa Seydoux alias „Dr. Madeleine Swann“, die der Superspion in der letzten Folge „Spectre“ in letzter Sekunde gerettet hatte. Sowas verbindet natürlich — auch wenn Bond bisher die vielen schönen Frauen, die er retten konnte, nie ehelichte.

Und — und jetzt wird richtig gespoilert: Der Film soll kein Happy End haben. Denn: „Bonds Ehefrau wird umgebracht und 007 geht danach auf einen Rachefeldzug.“

Wenn das mit der Karriere bei express.de nicht mehr so läuft, stehen die Chancen auf eine Anschlussverwendung bei einem Geheimdienst allerdings schlecht, denn da sollte man natürlich wissen, mit wem man es zu tun hat: James Bond (also die Figur, die sich Ian Flemming 1953 ausgedacht hat und die seitdem in — je nach Zählweise — 24, 25, 26 oder 27 Filmen zu sehen war) war schon einmal verheiratet — und seine Frau Teresa „Tracy“ Bond wurde umgebracht. Im Roman „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ und in dessen Verfilmung.

Um das zu wissen, muss man nicht mal ein „eingefleischter ‚007‘-Fan“ sein — man muss nur den Artikel bei der „New York Post“, auf den sich express.de beruft, vollständig gelesen haben:

Ein Blog, Inverse.com, wies darauf hin, dass „Ian Fleming Bond in seinen Büchern ständig darüber nachdenken ließ, sich zur Ruhe zu setzen“ und „Sowohl in der Buch- als auch in der Filmversion von ‚Im Geheimdienst Ihrer Majestät‘ heiratet Bond Tracy Draco, nur damit sie im tragischen Finale des Films brutal von [Bonds Erzfeind] Blofeld ermordet wird.“ Draco wurde in dem Film von Diana Rigg gespielt — auch bekannt als Olenna Tyrell aus „Game of Thrones“.
(Übersetzung von uns.)

Erschütternd. Nicht rührend.

Express.de verbreitet wegen Flüchtlingen „Angst und Schrecken“

Vergangenen Mittwoch ist ein Schlauchboot mit mehreren Dutzend Flüchtlingen an Bord am spanischen Playa de los Alemanes angekommen. Die Personen sprangen ins Wasser, liefen über den Strand und verschwanden. Drumherum standen Urlauber und Einheimische in Badehosen und Bikinis, die meisten wohl ziemlich überrascht.

Verschiedene Medien berichteten über die Ankunft der Geflüchteten, darunter auch express.de. Dort klang die Situation recht beängstigend. Auf ihrer Startseite schrieb die Redaktion:

Screenshot der express.de-Startseite - Südspanien - Flüchtlinge kommen an Land, Strandbesucher in Angst und Schrecken

Einige der Badegäste hatten ihre Handys gezückt und das Geschehen gefilmt. Im Artikel von express.de ist ein 20-sekündiges Video eingebettet. Was man dort nicht sieht: „Strandbesucher in Angst und Schrecken“.

Für ein paar mehr Klicks dichtet express.de eine Schlagzeile, die kaum etwas mit der Realität zu tun hat, und lässt Flüchtlinge Angst und Schrecken verbreiten.

Bild.de hat zu dem Thema ebenfalls einen Artikel veröffentlicht. Immerhin kommt die Redaktion ohne größere Angstmacherei aus, dafür ist geo­gra­fisch einiges danebengegangen.

Gleich zu Beginn des Textes schreibt Bild.de:

Knapp 100 Kilometer liegen zwischen der afrikanischen Küste und dem Urlaubsort Cadiz auf dem südspanischen Festland. 100 Kilometer, die für viele Flüchtlinge den Unterschied zwischen zwischen (sic) Armut und Arbeit, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit ausmachen — dafür riskieren viele ihr Leben.

Und:

Unwirkliche Szenen mitten in der Urlaubs-Idylle am Strand von Cadiz

Allerdings sind die Geflüchteten gar nicht am Strand der Stadt Cádiz angekommen, sondern an einem Strand in der Provinz Cádiz. Genauer: in der Nähe des Küstenortes Zahara de los Atunes. Dorthin sind es von der afrikanischen Küste (nehmen wir als Startpunkt mal die marokkanische Stadt Tanger) auch nicht 100 Kilometer (wie bis zur Stadt Cádiz), sondern etwas über 40 Kilometer — was noch immer eine verdammt weite Strecke ist, wenn man in einem überfüllten Schlauchboot sitzt, das nicht für solche Überfahrten gemacht ist.

Mit Dank an Jörg N. und Jens W. für die Hinweise!

Bild.de und Express.de verwechseln Anthony Modeste nach China

Wenn in den europäischen Fußballligen Sommerpause ist, ist der (Sport-)Boulevard besonders aktiv. In diesen Wochen raten die Redaktionen von „Sport Bild“, „Bild“, „Express“ und all den anderen Fachblättern fröhlich rum, ob Mittelfeldstratege A nicht vielleicht zu Verein B wechselt, und Außenverteidiger X an Klub Y ausgeliehen wird. Im Fall von Anthony Modeste lagen sie nun ordentlich daneben.

Spätabends am 19. Juni meldeten die Onlineportale von „Bild“ und „Express“ Vollzug: Modeste, bisher Stürmer beim Fußballbundesligisten 1. FC Köln, wechselt zum chinesischen Klub Tianjin Quanjian.

Ausriss Bild.de - Wechsel perfekt! Modeste stürmt nach China
Ausriss Express.de - FC-Star wechselt nach China - Anthony Modeste: Hammer-Transfer perfekt!

Bild.de schrieb dazu:

Wie BILD erfuhr, wird Anthony Modeste (29) den FC verlassen.

Und:

Der Modeste-Hammer!

Am vergangenen Wochenende hatten sich Sport-Boss Jörg Schmadtke (53) und Finanz-Chef Alexander Wehrle (42) mit Vermittlern von Tianjin Quanjian auf Ibiza (Spanien) getroffen. Eine Entscheidung wurde zunächst vertagt — jetzt soll sie gefallen sein.

Und:

Verkündet wird der Transfer wohl erst gegen Ende der Woche. Denn vorher will Sport-Chef Jörg Schmadtke noch mit dem Spieler persönlich in Köln reden.

Es wird ein Abschieds-Gespräch!

Bei Express.de war alles ähnlich eindeutig:

Der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte ist perfekt!

Nach EXPRESS-Informationen wurde Einigung im Deal um den Wechsel von Anthony Modeste (29) nach China erzielt.

Die Ablöse für den 25-Tore-Mann beträgt 35 Millionen Euro — Modeste wechselt zu Tianjin Quanjian.

Am vergangenen Wochenende hatten sich Sportboss Jörg Schmadtke und Wehrle auf Ibiza mit den China-Vermittlern getroffen. Nun ist der Transfer durch.

Schmadtke wird noch ein finales Gespräch mit dem Publikumsliebling führen, doch am Montag war der Mega-Deal durch.

Alles durch. Bis der 1. FC Köln mit einer Mitteilung auf der Vereinshomepage heute alles durchkreuzte:

Der 1. FC Köln hat Verhandlungen über einen möglichen Transfer von Anthony Modeste zu Tianjin Quanjian abgebrochen.

FC-Stürmer Anthony Modeste wird nicht zum chinesischen Erstligisten Tianjin Quanjian wechseln, nachdem keine Einigung aller Parteien für einen möglichen Transfer erzielt wurde. Zwischen den Clubs war darüber hinaus keine den Verbandsstatuten entsprechende Einigung möglich. Der 1. FC Köln hat die Verhandlungen daher am heutigen Mittwoch abgebrochen. Der Vertrag von Anthony Modeste beim FC läuft bis 30. Juni 2021.

Inzwischen haben es auch die Kaffeesatzwechsler von Bild.de und Express.de eingesehen:

Ausriss Bild.de - Köln bricht Verhandlungen ab - Modeste-Wechsel nach China geplatzt
Ausriss express.de - FC-Hammer - Schmadtke bricht Modeste-Verhandlung ab

Mit Dank an @bastianpfahl für den Hinweis!

Nachtrag, 24. Juli: Es ging dann noch weiter.

Also doch ein Wechsel nach China:

Ausriss Bild.de - Jetzt also doch - Modeste für 35,7 Mio nach China

Oder doch nicht?

Ausriss Bild.de - Kölner Transfer-Theater immer irrer! China-Kohle da, aber jetzt zickt Modeste

Bleibt er etwa beim 1. FC Köln?

Ausriss Bild.de - Heute letzte Chance zur Einigung - Modeste will sich beim FC einklagen

Oder geht’s doch nach China?

Ausriss Bild.de - Neuer Vertragsnetwurf statt Gerichtsprozess - Wechselt Modeste heute doch noch nach China?

Ja, doch, jetzt ist alles „Perfekt!“:

Ausriss Bild.de - Transfer-Wahnsinn beendet - Perfelt! Modeste doch nach China

Ein Zwischenruf zur sogenannten „Mutter aller Bomben“

Liebe Medien,

die Amerikaner haben ihre größte konventionelle Bombe mit 8.000 Kilogramm Sprengstoff über Afghanistan abgeworfen. Der erste Einsatz dieser Bombe überhaupt. (In einem Land, in das Bundesinnenminister Thomas de Maizière immer noch abschieben will, weil er es für sicher hält. Aber das nur nebenbei.)

Tut uns bitte in der Berichterstattung den Gefallen und übernehmt nicht gedankenlos die Kriegsrhetorik der US-Streitkräfte: Der Begriff „Mutter aller Bomben“ ist testosterondampfende Militär-Poesie und eine unangemessene Trivialisierung und Bagatellisierung eines Kriegsaktes.

Abgesehen davon bringen Mütter nicht den Tod, sondern schenken Leben.

Euer Lorenz Meyer

Basic Recherche

Seien Sie mal ganz leise.

Hören Sie das? Dieses erregte Atmen? Das kommt aus dem Großraumbüro von Bild.de. Und Grund dafür ist das hier:

Das ist aber auch spannend:

Es gibt dutzende unbeantworte (sic) Fragen über die berühmtesten Filme der Geschichte. Doch diese eine toppt sie alle:

Zeigte uns Sharon Stone (58) in „Basic Instinct“ ihre Vagina?

Der Knaller: Sie bekommen heute die Antwort!

Aber bevor der Knaller losgeht, und wir die Antwort bekommen, erinnern sich die Bild.de-Mitarbeiter lieber noch mal:

Wir erinnern uns. Es war das Jahr 1992, als wir gespannt mit unseren Lieben vor den Kino-Leinwänden saßen, auf Spannung und ein wenig Erotik hofften …

Doch dann saß sie da. Sharon Stone. In Weiß. Voller Unschuld.

Dann der Schocker: Sie öffnet die Beine. Und wir bekommen den Mund nicht mehr zu.

WAR SIE WIRKLICH UNTEN OHNE?

Bei so einer Frage kann schon mal die Feststelltaste klemmen.

JETZT ABER RAUS MIT DER SPRACHE: „WAR SIE WIRKLICH UNTEN OHNE“?

In einem Interview mit dem „Playboy“ hat Regisseur Paul Verhoeven (78) endlich diese Frage ein für allemal beantwortet: „Ja, man sieht die Vagina von Sharon Stone.“

Oder noch einmal für die ganz langsamen Bild.de-Leser:

Kein Vagina-Double, kein hautfarbener Slip. Alles Natur.

Erleichterung im Axel-Springer-Hochhaus:

Dann wäre das endlich geklärt …

„Endlich“? In welchem Sinne „endlich“? In dem Sinne, dass bereits vor 17 Jahren feststand, dass es sich um eine „notorious pantiless scene“ handelt? Oder in dem Sinne, dass selbst im „Wikipedia“-Eintrag zu „Basic Instinct“ schon länger steht, dass jene Szene des Films „großen Bekanntheitsgrad“ erlangt habe, „in der Stone während eines Verhörs die Beine übereinander schlägt und, weil sie nichts unter ihrem Kleid trägt, dem Zuschauer für einen Sekundenbruchteil den Blick auf ihre Vulva freigibt.“ Oder in dem Sinne, dass Regisseur Paul Verhoeven bereits vor einigen Jahren erzählt hat, wie die Unten-ohne-Szene gedreht wurde?

Bei Bild.de waren sie über die Entdeckung der seit vielen Jahren feststehenden Antwort jedenfalls so begeistert, dass sie gleich noch einen Artikel daraus gemacht haben:


(Das süße kleine Herz stammt von Bild.de.)

Eine wichtige Frage der Kino-Geschichte wurde jetzt gelöst: Zeigte Sharon Stone wirklich ihre Vagina in „Basic Instinct“? JA.

Joar, „jetzt“, gut.

Andere Boulevard-Portale haben übrigens ebenfalls ganz aufgeregt über die Uralt-Enthüllung berichtet. Gala.de zum Beispiel:

Seit Jahren rätseln die Fans: Zeigt Sharon Stone bei „Basic Instinct“ wirklich alles? Jetzt sorgt Regisseur Paul Verhoeven für Klarheit.

Oder Express.de:

Es ist die „Wembley-Diskussion“ der Filmgeschichte. Jetzt gibt’s Aufklärung…

Und mit einer ganz besonderen Überschrift auch die „tz“:

Sieht man sie nun oder sieht man sie nicht? Paul Verhoeven ist die Spekulationen um die wohl berühmteste erotische Szene der Hollywoodgeschichte leid.

Mit Dank an den Hinweisgeber!

Wie haben die Fake-Promis reagiert?

Zum klassischen Journalismus-Abspulprogramm nach Großereignissen gehört auch die Antwort auf die Frage: „Wie haben Promis reagiert?“ Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist ohne Zweifel so ein Großereignis.

Also, express.de und berliner-kurier.de, wie haben denn nun die Promis reagiert?


Puh, ziemlich heftig. Die Aussage „‚F*** deine Eltern'“ soll von der Sängerin Cher stammen:

Besonders heftige Reaktionen kamen von Cher. Sie setzte mehrere Tweets voller Verachtung ab. Die Sängerin fühlte sich gar an das Deutsche Reich erinnert: „So wie in Deutschland in den 30ern haben Ärger und Wut die USA erfasst.“ Am Ende wurde die 70-Jährige ganz schön ausfällig: „Fick deine Eltern, Trump!“

Den Tweet mit „Deutschland in den 30ern“ hat Cher tatsächlich geschrieben:

Die wüste Beschimpfung in Richtung der Trump-Eltern stammt hingegen von einem anderen Account. Den Tweet haben die beiden Schwester-Portale express.de und berliner-kurier.de dankenswerterweise sogar in ihren Artikeln eingebettet:

Nun könnte der Name „PARODY CHER ACCOUNT“ schon ein Hinweis darauf sein, dass es sich nicht unbedingt um den offiziellen Twitter-Kanal von Cher handelt. Ziemlich sicher ist die Sache dann, wenn man sich die Beschreibung des Accounts ansieht:

*I AM NOT CHER* PARODY ACCOUNT Please Follow CHER HERE @Cher

Bei shz.de ist das falsche Cher-Zitat ebenfalls aufgetaucht:

Nach der Entscheidung in der Nacht zu Mittwoch twitterte Cher beinahe im Minutentakt — mit zum Teil heftigen Reaktionen. „Fick dich, Donald Trump“ schrieb sie ebenso wie „Fick deine Eltern, Trump“.

Unter den Artikeln von express.de und berliner-kurier.de steht als Quelle übrigens „dpa“. In weiten Teilen stimmt das auch — die „dpa“ hat tatsächlich eine Zusammenstellung mit Promi-Reaktionen auf Trumps Sieg rausgeschickt. Die Stelle mit der falschen Cher haben die beiden Redaktionen aber selber hinzugefügt.

Mit Dank an Michael W. für den Hinweis!

Der „Express“ erklärt Köln zum Kriegsgebiet

Vor einer Shisha-Bar in der Kölner Innenstadt kam es vor zehn Tagen zu einem Aufeinandertreffen zweier Gruppen. Am Ende musste ein Mann mit acht Messerstichen ins Krankenhaus gebracht werden, außerdem hatte er Verletzungen, weil mit einem Hammer auf ihn eingeprügelt wurde. Die Polizei fand später auch Patronenhülsen am Tatort.

Die eine Gruppe soll aus Männern bestanden haben, die sich im Umfeld des Rappers Xatar bewegen. Die andere aus Männern, die aus dem Umfeld des Rappers KC Rebell stammen. Der Mann, der ins Krankenhaus musste, soll ein Geschäftspartner von KC Rebell sein; die zwei inzwischen festgenommenen Tatverdächtigen sollen mit Xatar befreundet sein. Es deutet allerdings nichts darauf hin, dass der eine und/oder der andere Rapper vor Ort war und unmittelbar etwas mit dem Geschehen zu tun hat.

Bisher sind nicht viele Fakten darüber bekannt, was vor der Shisha-Bar genau passiert ist und wie die Hintergründe aussehen. Die Kölner Polizei hält sich noch bedeckt, die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen versuchten Totschlags.

Als örtliches Medium könnte man das alles nun sachlich berichten und seinen Leserinnen und Lesern klarmachen, dass noch nicht viel klar ist. Man könnte etwas Dampf aus der Sache nehmen, sich auf die bekannten Fakten beschränken und auf Spekulationen verzichten.

Man könnte aber auch das Kölner Stadtgebiet zur Konflikt- und Krisenzone erklären. Man könnte von „Blutrache“ sprechen. Man könnte das ohnehin schon schreckliche Geschehen noch schrecklicher wirken lassen und daraus eine Art Kriminalseifenoper machen. Man könnte über Hintergründe mutmaßen und weitere Prominente mit dem Fall in Verbindung bringen. Man könnte das Ganze zu einem „Rapper-Krieg“ hochrappen hochjazzen.

Für welche Variante sich der „Express“ aus Köln entschieden hat? Nun ja:



















Mit Dank an Yannik S. und Ben F.!

Burgerjournalismus beim „Express“

Spontane Feiern in den Straßen Kölns, wildfremde Menschen knutschen sich ab wie sonst nur an Rosenmontag, und die Jubelstimmung breitet sich nach und nach auch in ganz Nordrhein-Westfalen, ach was, in ganz Deutschland aus.

Sollten Sie also etwas Verschüttbares in der Hand halten — legen Sie es zur Seite, bevor Sie weiterlesen. Und Personen mit einem schwachen Herzen raten wir, sich hinzusetzen und erstmal tief durchzuatmen. Denn heute konnte der „Express“ ganz aufgeregt auf seiner Startseite verkünden:

Doch, doch, Sie lesen richtig: Die Fast-Food-Kette „McDonald’s“ nimmt jetzt einen Burger, den es sonst nur ab und zu mal gab, permanent ins Angebot. Potztausend!

Dem Kölner Boulevardblatt ist das einen ganzen Artikel wert:

Saftiges Rindfleisch, Bacon, Salat und Käse zwischen zwei Weizenbrötchen …

Die Fans hatten immer wieder gebettelt und nie locker gelassen — jetzt werden sie erhört! McDonald’s nimmt den Big Tasty Bacon ins Standard-Sortiment auf!

Na, haben wir zu viel versprochen?

„Ihr solltet wirklich den Big Tasty Bacon dauerhaft einführen!“ oder „Ich wollte mal fragen wie lange ich jetzt wieder auf den Big Tasty Bacon warten muss?“ — zahlreiche Fragen und Hinweise dieser Art erreichten den Fast-Food-Riesen in den vergangenen Wochen und Monaten.

„Und der Gast hat gesprochen — der Big Tasty Bacon wird ab dem 11.08. dauerhaft in unseren Restaurants angeboten“ so Holger Beeck, Vorstandsvorsitzender McDonald’s Deutschland.

Klar, die fehlenden Kommata hätte die Redaktion beim Abschreiben der Pressemitteilung natürlich noch ergänzen können. Aber das sei dem „Express“ verziehen — kann bei all dem Trubel schon mal untergehen, schließlich kommt so eine Knallermeldung ja auch nicht jeden Tag rein.

Immerhin haben die Mitarbeiter noch dran gedacht, auch das „McDonald’s“-Werbefoto in den Artikel einzufügen:

Boah, dieses saftige Rindfleisch und der Bacon und der Salat und der Käse und alles zwischen zwei Weizenbrötchen. Da kann man als Journalist schon mal schwach werden. Jedenfalls: saubere Arbeit.

Nur bei der Rubrik hätten wir anders entschieden: Da gehört statt „Politik und Wirtschaft“ (warum eigentlich „Politik“? Hat der Sicherheitsrat der „Vereinten Nationen“ etwa auch noch interveniert, damit „McDonald’s“ den „Big Tasty Bacon“ „Endlich!“ ins „Standard-Sortiment“ aufnimmt?) ein dickes, fettes „Anzeige“ hin.

Mit Dank an Alex für Hinweis und Screenshot!

Nachtrag, 12. August: Die „Morgenpost“ aus Dresden berichtet ebenfalls über das „Big Tasty Bacon“-Wunder. „Focus Online“ hat der Entscheidung von „McDonald’s“ sogar ein Video gewidmet.

Mit Dank an Jens L. und Carsten N. für die Hinweise!

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